GreifBar plus am 01.01.2012
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Gnade genügt- Jahreslosung 2012
NGÜ: Doch der Herr hat zu mir gesagt: „Meine Gnade ist alles, was du brauchst, denn meine Kraft kommt gerade in der Schwachheit zur vollen Auswirkung.“ LÜ: Und er hat zu mir gesagt:
Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.(2 Kor 12,9)
Liebe GreifBar-Gemeinde,
zum neuen Jahr sendet man sich gute Wünsche. Ich nehme an, die meisten von uns haben das in den letzten Tagen regelmäßig getan: Alles Gute zum Neuen Jahr! Ein gesegnetes neues Jahr! Einen guten Start ins neue Jahr! Wenn man nach Texten für SMS-Neujahrsgrüße sucht, findet man dasselbe auch noch irgendwie gereimt: „Das Neue Jahr hat soeben begonnen,
die ersten Minuten sind schon zerronnen.
Jetzt ist es da und es gibt kein Zurück.
Ich wünsche Dir viel Erfolg und Glück.“ Oder: „Das Neue Jahr soll Gutes dir bringen,
was du auch anfängst, es soll dir gut gelingen.
Es soll dir allzeit neue Hoffnung schenken
und dich mit wahrem Glück reich beschenken.“ Man muss das nicht für große Lyrik halten, aber es ist ehrlich: Was wir uns und anderen wünschen, ist Glück, Erfolg, Gesundheit, schöne Erlebnisse und gute Erfahrungen. Auch wenn wir es fromm sagen und von Segen sprechen, meinen wir doch im Grunde: Glück, Erfolg, Gesundheit, schöne Erlebnisse und gute Erfahrungen.
In der letzten „ZEIT“1 wurden Redakteure nach ihren Neujahrswünschen für sich selbst gefragt. Hier eine kleine Auswahl: (1) Besseres Fernsehen wünscht sich der eine. Wenigen Schmonzetten wie „Familie Dr. Kleist“, weniger Historientrashdramen mit Veronica Ferres und bitten keinen „Tatorte“ mit Eva Mattes. (2) Ein anderer wünscht sich „Loriot“ als Pflichtfach an allen Schulen, mit Dr. Klöbners Lebensberatung und Weisheiten aus Loriot, Kap. 1, Vers 1: „Sagen Sie jetzt nichts!“ und (3) ein dritter wünscht sich Ina Müller als Nachfolgerin von Tommy Gottschalk bei „Wetten dass“. Auch Kinder hat man gefragt, und ich wähle nur ein Beispiel des 10 (!) Jahre alten Maximilian: „Im nächsten Jahr komme ich auf die weiterführende Schule, ich will es auf das Gymnasium schaffen. Da ist ein alter Freund, den ich kaum noch sehe.“ 10 Jahre! Weiter: „Und ich möchte mal studieren, irgendwas, womit man Milliardär wird. Ob das mit dem Gymnasium klappt, ist noch nicht sicher, aber ich versuche, mich anzustrengen.“
Es wäre auch arg seltsam, wenn wir das anders hielten: Alles Gute zum neuen Jahr, möge dein Weisheitszahn so richtig fette Schmerzen erzeugen, dein Chef dich täglich trietzen, dein Verein aus der Bundesliga absteigen, deine Liebste dir fremd werden, das Wetter furchtbar werden und jeder Tag eine Plage. Das wäre schon etwas krank.
Wir möchten uns dann auch beim persönlichen Jahresrückblick sagen können: Es war ein gutes Jahr. Ich habe einiges geschafft. Ich habe Schönes erlebt. Ich bin immer noch ziemlich fit. Das sind doch Gründe, sich zu freuen. Daran kann man es sich genug sein lassen. Dessen kann man sich rühmen.
Einen kleinen „Ausreißer“ gab es bei der Zeit. Ein Redakteur ist es einfach Leid, diese ganze Glücksratergeberliteratur wie „Lesen gegen Kälte, Fasten gegen Verzweiflung“, dieses ewige „alles wird gut“, „denk nur positiv“ und „erwarte das Gute“. „Man muss wieder die Apokalyptiker ins Regal stellen, die Verzweiflungsschriftsteller und Schwermelancholiker.“ Er empfiehlt z.B. Fernando Pessoa, der sterbend hauchte „Ich weiß nicht, was der morgige Tag bringt“. Oder Emile Cioran, der ein Buch so titelte: „Vom Nachteil geboren zu sein“. Das scheint jedenfalls eher zu Paulus zu passen und dem, was uns die Jahreslosung zumutet. Das klingt auf den ersten Blick eher nach Melancholie als nach guten Wünschen, Glück, Erfolg und Gesundheit:
Denn die Jahreslosung 2012 muss uns zunächst sehr fremd vorkommen: Paulus schickt uns ins Neue Jahr und sagt: Gnade ist genug. Mehr brauchst du nicht. Schwachheit ist in Ordnung, ja, Schwäche ist ein Grund sich zu rühmen! Lieber Paulus, wie krank ist das denn!
Nimmt man die Jahreslosung als Kalenderspruchweisheit, dann kann man nur protestieren: Nein, Schwäche ist furchtbar, ich will Gesundheit, Kraft und Glück.
Aber die Jahreslosung ist keine Kalenderspruchweisheit. Auch Paulus war alles andere als leidensverliebt. Er war kein Masochist. Auch Paulus hätte sich an Stärke und Gesundheit erfreut und sich wie anderen Glück und Gutes gewünscht. Aber dummerweise lief sein Leben so eben nicht ab. Seine Frage lautet: Was bin ich, wenn die Dinge nicht gut gehen? Wenn die Neujahrswünsche sich nicht erfüllen? Wer bin ich noch, wenn es schwer wird?
Paulus hatte mit schweren Widerständen zu kämpfen. Da gab es mitten in der Kirche Leute, die ihn nicht für voll nahmen. Er war einfach nicht so brillant als Redner. Er machte nicht so viel her als Person. Und dann seine Auffassungen: kompliziert, anstrengend zu denken, irgendwie nicht mehr zeitgemäß. Andere konnten eher das Herz der Leute erwärmen.
Paulus hatte aber nicht nur mit schweren Widerständen zu kämpfen, sondern auch mit persönlichen Problemen. Er spricht von einem Pfahl im Fleisch. Seine Schwachheit ist ein Pfahl im Fleisch. Ich musste an eine typische Läuferverletzung denken, den Fersensporn. Das ist eine Ablagerung an der Ferse, oft unter der Ferse, durch viele kleine Verletzungen hat sich da überschüssiges Knochenmaterial abgelagert und einen dornartigen Sporn gebildet. Wenn der sich entzündet, was er gerne tut, spürt man es bei jedem Schritt. Es tut höllisch weh. Man hat dann die Wahl: Es tut stechend weh, wenn man fest auftritt, beim Laufen z.B., es tut dumpf weh, wenn man es lässt.
Man weiß nicht genau, was es bei Paulus war: ein Augenleiden, eine angina pectoris oder ein Anfallsleiden. Wir wissen nur, wie es Paulus erlebte: als Dorn im Fleisch, als seelischen Fersensporn, der ihn hinderte, ihm wehtat, ihn blockierte. Das ist Schwäche für Paulus: eine dauerhafte, hartnäckige, schmerzhafte, lästige, widerständige, behindernde, ablenkende, stechende, dumpfe und schwächende Last. Jesus, was könnte ich für dich alles tun, wenn ich das nicht hätte. Aber seine Bitte bleibt unerhört. Der Pfahl im Fleisch blieb.
Es kann also sein, dass unsere Bitte um Gesundheit, Gelingen und Glück unerhört bleibt. Es kann sogar sein, dass unsere Bitte um uneingeschränkte Leistungsfähigkeit für das Reich Gottes, für beste Absichten, edelste Ziele und wichtigste Anliegen unerfüllt bleibt. Das sind ja Aussichten für 2012! Die Botschaft lautet dann in dieser Neujahrsandacht: Alle Eure guten Wünsche sind ja nett und gut, aber rechnet doch bitte mit dem Schlimmsten.
Ich möchte es etwas anders sagen, und Ihr seid bestimmt erleichtert, dass ich das tue.
Als Jesus mit Paulus redet und ihm erklärt, warum seine wichtige Bitte nicht erhört wird, da sagt er ihm nicht: Schwäche ist fein, Gesundheit ist unwichtig. Schwäche ist prima, gutes Gelingen ist egal. Was er ihm sagt, ist etwas anderes. Was er uns mitgibt in ein neues Jahr, ist etwas anderes:
Er sagt dem Paulus und uns: Meine Gnade ist Dir gewiss, egal was das Jahr Dir bringt und was das Leben Dir zumutet. Ich bin in jedem Fall bei Dir und für Dich. Das ist Gnade: Ich bin in jedem Fall bei Dir und für Dich. Dass ich bei Dir und für Dich bin, kannst Du aber nicht daran ablesen, ob Dir alles gelingt und es Dir immerzu gut geht. Wenn Dir etwas nicht gelingt und wenn es Dir nicht geht, musst Du aber auch nicht meinen: Jetzt hat Jesus sich von mir abgewandt. Meine Gnade ist da. Ich halte Dich und freue mich mit Dir über jede glückliche Stunde, aber ich trage Dich auch durch jede schwere Zeit. Du musst Dich vor einem nicht fürchten: Dass ich Dich im neuen Jahr im Stich lassen könnte. Davor musst Du Dich nicht fürchten. Meine Gnade ist Dir gewiss.
Und er sagt dem Paulus und uns: Meine Gnade genügt. Höher kannst Du nicht kommen, mehr kannst Du nicht bekommen. Meine Gnade ist das Beste und Höchste. Ein Platz im Reich des Vaters. Vergebung all Deines Versagens. Hoffnung auf eine neue Welt. Mein Ohr zu jeder Stunde. Das Ja über Deinem Leben, nicht erst am Ende, nicht als Ergebnis Deiner guten Bemühungen wie ein Examenszeugnis überreicht, nein, das Ja über Deinem Leben, vorab gegeben, unwiderruflich ausgesprochen. Gnade vor aller Leistung. Gnade trotz allen Versagens. Eine Heimat, die nicht verloren geht. Ein Schatz, der nicht rostet. Mich selbst, stets und treu Dir zugewandt, mein Blick, liebevoll auf Dich gerichtet, meine Hand, die Dich hält, Gnade. Wenn Du auf alles verzichten müsstest, darauf nicht. Wenn Du alles missen könntest, das doch wirklich nicht. Gnade genügt.
Meine Gnade ist dir gewiss und meine Gnade genügt, sagt Jesus zu Paulus. Und dann noch ein Geheimnis: Meine Gnade wirkt. Sie ist stark. Sie macht etwas aus deinem Leben. Sie wirkt durch dich – für andere. Es ist ein Geheimnis, dass ich das besonders gerne und außerordentlich gut durch Menschen tue, bei denen ein Pfahl im Fleisch steckt. Durch Leute, die andere gar nicht auf der Rechnung haben, weil sie nicht viel hermachen. Durch Menschen, die man gerne übersieht. Weil sie klein sind, Paulus, weil sie keine Überapostel sind, weil sie schwach erscheinen. Ihr Leben lief nicht glatt. Ihre Kraft ist gering. Das ist wie ein Vakuum, das ich fülle. Solche Leute haben etwas vom Wesen des Gekreuzigten an sich. Jesus selbst tat sein größtes Werk in der Stunde seiner extremsten Schwäche. Jesus selbst tat nahezu alle seine Werke in der Verborgenheit und Schwäche eines ganz menschlichen, irdischen Lebens. Und jetzt sucht er sich solche Leute, schwach, angegriffen, schmerzhaft eingeschränkt, mit einer schwierigen Lebensgeschichte, und durch sie strömt seine Kraft. Ein Wort, das Autorität hat. Eine überzeugende und gewinnende Art zu glauben. Ein Leben, das anderen Hoffnung macht, weil es demonstriert, das man auch mit dem Schweren leben kann, ein Glanz von Anmut und Gnade über einem Leben, das nicht leicht ist. Gnade macht stark, auf eine eigentümliche, eigenartige Weise.
Gnade, die gewiss ist, genügt und stark macht, wird uns zugesprochen, wenn wir die Jahreslosung hören. Das ist kein Nein zu guten Wünschen für Gesundheit und Glück. Es ist ein Mehr und ein Jenseits dieser Wünsche. Es ist ein sicherer Grund. Was immer das neue Jahr bringt: Jesus ist gewiss, er genügt und er macht stark. Und dann sagen Gottes Leute: Daran will ich es mir genügen lassen. Und darum ruft Gottes Volk: Amen.
1 Vgl. “ZEIT” Nr. 1, 29.11.2011, S. 45 + 47f.
