Greifbar

GreifBar am 01.04.2012 in der Stadthalle

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                                           Gott ist tot - wer glaubt ist zu faul zum Denken


Theaterstück: Die Beerdigung, eine weitere Folge unserer Familien- Soap

Schauspieler: Opa Rudi, Beate (Mutter), Henry (mustergültiger Sohn), Conny (aufsässiger Teenie)

Requisite: Wohnzimmertisch mit Sofa und Sesseln

Beate löst Kreuzworträtsel in Zeitschrift

 

Beate:

Kirchliches Fest mit 6 Buchstaben, mh, Henry, weißt du das?

Henry überlegt auch:

Ne, weiß ich nich

Conny kommt rein. mault rum, fletzt sich in Sessel

Opa Rudi kommt freudestrahlend ins Wohnzimmer 

Beate:

Vadda, was ist denn mit dir los? So hab ich dich ja in den letzten zehn Jahren nie gesehen.

Rudi:

Ich komm von einer Beerdigung. 

Henry:  

Das ist aber geschmacklos. Das macht man aber nicht. Andere Leute trauern und du tust so, als hättest du gerade die Liebe deines Lebens gefunden.

Conny:  

Wer ist denn überhaupt gestorben?  

Rudi:

Alfred, das wisst ihr doch, stand  Sonnabend in der Zeitung.

Rudi setzt sich

Conny:

Opa, willst  nen Kaffee?

Rudi:

Danke. Es gab ja gut zu futtern hinterher.

Rudi legt Zettel auf den Tisch, Henry schnappt ihn sich den Zettel und liest, prustet, spuckt dabei Wasser aus, liest vor. 

Rudi:

Du spinnst wohl, jetzt ist der Zettel nass.

Henry:  

Einladung zum Kirchenkaffee am  4. April 2012.  

Conny:

Was Opa, du? Kirche?

Beate:

Na hör mal, du  bist doch damals ausgetreten!  

Rudi:

Was wisst ihr denn schon, wies damals war?!

Henry:

Kirche, so ein Quatsch. Hast du da jemals dran geglaubt?

Rudi:

Na ja, schon, schließlich bin ich getauft und konfirmiert. Ich weiß wenigstens noch, was in der Bibel steht.

Henry:

Opa, die dings- na- wie hieß die Jugendweihe früher noch mal?

Rudi:

Konfirmation, Mensch!

Henry:

Na gut, deine Konfirmation ist doch schon 60 Jahre her. Du kannst mir nix vormachen -da  weißt du sowieso nix mehr von. 

Rudi:

Gelernt ist gelernt. Wir mussten noch ordentlich pauken. Hier : Adam und Eva, und dann Jesus, der ist wichtig. Der ist dann gestorben und dann war er hinterher wieder lebendig. Das ist ja das mit Ostern!

Beate:

Ah- Oste………Vadda, jetzt reichts aber . Du glaubst doch nicht etwa, dass Tote wieder aufstehen ausm Grab oder sich wieder zusammensetzen, wenn se verbrannt sind. Wie soll das denn gehen? Überleg’ doch mal, Alfred würd’ vor der Tür stehen und klingeln! Ich seh’ grad: du hast ja noch deine Schuhe an- bitte zieh mal die Pantoffeln über!

Henry:

Also wirklich Opa, das ist doch Blödsinn!

Conny:

Es kann doch jeder glauben, was er will. Lass doch mal Opa in Ruhe.  Du glaubst ja auch an die Wissenschaft und vor allem an dich selber!

Beate:  

Rudi, mal im Ernst, wer glaubt hat doch seinen Verstand an der Garderobe abgegeben.

Henry:

Genau. Denk doch mal nach. Das ist vollkommen unwissenschaftlich einfach an ein Wesen zu glauben, das man überhaupt nicht sehen kann oder an diese Dings da- ähm Auferstehung oder so ähnlich. 

Rudi:

Ach Junge, es ist nicht immer alles logisch und beweisbar. Die Liebe z B……..

Henry grummelt

Beate:

Also, ich muß jetzt mal einmal Henry Recht geben: Glauben passt einfach nicht mehr in unsere Zeit.

Conny:

Jetzt lass doch Opa einfach machen.  

Beate:

Ich will doch nur nicht, dass sich dein Opa in irgendwelche komischen Ideen verrennt.

Conny:

Das musst du gerade sagen. Du guckst doch auch heimlich Astro TV.

Beate:

Das ist doch ganz was anderes. Lenkt vom Thema ab. Sag mal  wer hat dich denn eigentlich zum Kirchenkaffee eingeladen?

Rudi:

Na, Traudel. Die kenn ich von früher, die wa<a name="_GoBack"></a>r auch bei der Beerdigung.

Conny:

Ah, mir dämmerts! Super Opi, halt dich ran!

Henry:

Und ich hab schon gedacht, du wirst auf deine alten Tage noch fromm.

Beate:

Da bin ich ja beruhigt, du bist ja doch der Alte.

- Ende -

 

Predigt  

Guten Abend, schön, dass Sie heute zu uns in die Stadthalle gekommen sind. Ich möchte Sie gerne etwas fragen: Denken Sie auch manchmal darüber nach, ob an der Sache mit Gott etwas dran ist? Existiert Gott? Ist alles, was ist, nur aus Zufall geboren, oder schuf uns jemand, absichtsvoll, liebevoll? Gibt es ein Leben nach dem Tod oder verlöschen wir wie Kerzen, wenn unsere  Zeit zu Ende geht? Werden wir eines Tages Rechenschaft abgeben müssen über unser Leben? 

 

Das sind die Fragen, die man gemeinhin als religiöse Fragen bezeichnet, als Fragen nach Gott, nach einem letzten Grund und Sinn des Daseins. Darf ich Sie das fragen: Denken Sie auch dann und wann über diese Dinge nach? Ich möchte es fast vermuten: Warum wären Sie sonst hier? Vielleicht sind es nicht die Fragen, die Sie mit Freunden oder am Arbeitsplatz besprechen, aber vielleicht sind es die Fragen, die Sie sich stellen, wenn es still wird in der Nacht, oder wenn Sie einen Spaziergang über den Friedhof machen, oder wenn Sie Menschen begegnen, die es irgendwie ernst meinen mit Gott.

 

Allerdings: Mit diesen religiösen Fragen betreten wir vermintes Gelände! Viele sagen: Das ist nichts Verlässliches, nichts Sicheres. Viele sagen wie Jodie Foster im Film: „Ich brauche Beweise!“ Viele sagen: Ich setze lieber auf Wissen als auf Glauben. Wissen gibt Sicherheit, Wissen ist überprüfbar, Wissen ist bei weitem nicht so riskant wie – Vertrauen. In mancherlei Hinsicht stimmt das auch.

 

Wenn unser bald neun Jahre alter Nissan mal wieder nicht so läuft wie er soll, dann fahren wir zum Händler und fragen den Kfz-Mechaniker. Weil der Bescheid weiß und ich nicht. Wahrscheinlich weiß fast jeder von Ihnen hier mehr über Autos als ich. Wissen Sie, was übrigens verrückt ist: Wenn das Auto spinnt, machen fast alle Leute dasselbe, auch wenn sie keine Ahnung haben, überhaupt keine Ahnung – so wie ich. Wir machen was? Wir öffnen die Motorhaube und schauen hinein. Das ist in meinem Fall völlig nutzlos. Da müsste schon jemand den Motor geklaut haben, oder es müsste einen riesigen An/Aus-Schalter geben, der auf „Aus“ steht. Dann wüsste ich Bescheid. Wie auch immer: Wenn unser Nissan streikt, dann will ich jemanden mit Wissen, nicht jemanden mit Glauben. Ich brauche jemanden, der genau weiß, wie die Dinge funktionieren. Nicht jemanden, der sagt: Ich fühle, glaube, ahne, dass der große Autogott das schon alles wieder richtet. So gibt es viele Lebensbereiche, in denen wir alle mit guten Gründen sagen: Hier möchten wir doch gerne wissen und nicht glauben.

 

Skeptische Menschen sagen nun: Das ist für das gesamte Leben die beste Devise. Wissen statt Glauben. Beweise statt Vermutungen. Manche lassen es dabei bewenden und kümmern sich einfach nicht mehr um die Welt des Glaubens.

 

Es gibt aber auch extrem kluge Menschen, die sich mit Leidenschaft und Angriffslust gegen den Glauben und für ein Leben ohne Glauben einsetzen. Wir nennen sie die neuen Atheisten. Ich möchte gerne drei typische Argumente nennen, warum solche Denker den christlichen Glauben scharf ablehnen. Danach möchte ich Ihnen drei Argumente liefern, warum es klug sein könnte, trotzdem für den Glauben offen zu sein.

 

Der erste Argument funktioniert so: Früher haben die Menschen die Welt einfach nicht besser erklären können. Es blitzt, Gott ist zornig. Der Regen bleibt aus, die Götter wollen Opfer. In jenen Tagen war der Glaube vielleicht eine sinnvolle Weise, sich in der Welt zurecht zu finden. Heute wissen wir, wie alles zusammenhängt, und da ist Gott überflüssig geworden. Es blitzt, das ist eine elektrostatische Aufladung der wolkenbildenden Wassertröpfchen. Es regnet nicht, also bewässern wir. Wir verstehen die Mechanismen, wie das Leben entstand und wie es funktioniert. Gott als Erklärung ist unnötig. Gott ist unnötig.

 

Das zweite Argument geht tiefer und wird grundsätzlicher: Kann man für manches noch Verständnis haben, weil es die Menschen früher nicht besser wussten, so war doch anderes immer schon einfach nur abgedrehter Unsinn. Der Philosoph und Neurowissenschaftler Sam Harris nennt die Bibel eine „Ansammlung von lebensfeindlichem Gequassel“. Und er stellt zum Beweis folgenden Vergleich an: Wenn jemand morgens aufwacht und ein paar schwer verständliche Worte über seinem Müsli murmelt und dann überzeugt ist, sein Müsli habe sich dadurch in den Leib von Julius Caesar oder von Elvis Presley verwandelt, dann schicken wir ihn in die Psychiatrie. Aber wenn einer einen Cracker zum Leib Christi werden lässt, dann ist er ein christlicher Pfarrer, der mit seiner Gemeinde Abendmahl feiert. Man hört Harris geradezu fragen: Geht’s noch? Harris meint: Religiöse Menschen sind nicht generell völlig durchgeknallt, aber sie haben eine ganze Reihe von absolut unsinnigen Kernüberzeugungen. Gott ist nicht nur unnötig, er ist unsinnig.

 

Und hier ist das dritte Argument: Der Glaube ist nicht nur überflüssig und dumm, er ist schädlich: Und das kann ich an einem Beispiel zeigen, das gut in diese Osterzeit passt. Die Kirchen erinnern ja immer vor Ostern daran, dass Jesus von Nazareth furchtbar leiden musste, weil eine Koalition von Römern und Juden ihn zum Tode verurteilte und an einem Kreuz hinrichtete. Gleichzeitig erzählen sie an Ostern, dass dieser Jesus zwar mausetot war, aber nach drei Tagen quicklebendig im Kreis seiner Lieben wieder auftauchte: Er sei vom Tod erstanden. Und weil das so ist, sagen sie, war dieser Tod am Kreuz gar nicht die große Katastrophe. Im Gegenteil: Dieser Tod am Kreuz war ein Opfer, das Jesus brachte. Er starb den Tod, den wir Menschen wegen unserer Bosheit und unseres Versagens verdient hätten. Er starb also an unserer Stelle. Und Gott sagt nun: Weil der unschuldige Jesus starb, müsst Ihr nicht mehr verdammt sein. Er starb also zu unseren Gunsten. Er hat den Preis für unsere Schuld bezahlt. Das ist die christliche Osterstory ganz kurz gefasst: Jesus litt und starb nicht sinnlos, er starb stellvertretend für uns. Er stand aber auch vom Tod auf. Er hat den Tod besiegt. Wir haben deshalb Hoffnung auf ewiges Leben.

 

Nun sagen viele Menschen heute: Das ist ja eine ganz furchtbare Geschichte. Das bedeutet ja: Gott musste Blut sehen, um wieder gnädig zu sein? Gott ließ nicht nur zu, dass da ein reiner und unschuldiger Mensch wie Jesus abgeschlachtet wurde, er hat es sogar gewollt, im Grunde in Szene gesetzt. Er lässt sich nur besänftigen, wenn das Blut eines Unschuldigen fließt? Braucht er das? Will ich das? Soll ich mich jetzt so schlecht fühlen: Ein anderer musste für mich verrecken? Der Biologe und bekennende Atheist Richard Dawkins sagt: Dieser Gott ist ein sadistisches Monster. Ich zitiere aus Dawkins’ Buch „Der Gotteswahn“: „Gott … ist die unangenehmste Gestalt der gesamten Dichtung: eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Kontroll-Freak; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, kinds- und völkermörderischer, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann.“ Danach wird er ein bisschen unhöflich und feindselig, deshalb breche ich hier ab. Dawkins hat Absichten: Wer sein Buch als gläubiger Mensch in die Hand nimmt, soll es als Atheist schließen. Weil: Das Kreuz ist furchtbar! Eltern in Bayern verbaten sich, dass ihre Kinder Kreuze in Klassenzimmern anschauen müssen. Kritiker sagen: Diese Opferideen sind verantwortlich, dass auch wir Menschen opfern für angeblich höhere Ziele; Gott hat es uns ja vorgemacht. Selbst andere religiöse Menschen gehen hier nicht mehr mit. Muslime sagen z.B.: Das Kreuz ist eine unerträgliche Gotteslästerung. Das ist das dritte Argument. Der Glaube an diesen Gott ist ausgesprochen gefährlich, im Grunde unmoralisch. Wenn Gott so ist, ist er unnötig, unsinnig und unmoralisch.

 

Das sind schon schwere Geschütze, und darum schließen sich nicht wenige den klugen Vordenkern des Atheismus an und sagen: Verlassen wir uns lieber auf das, was wir wissen können, der Glaube ist kein verlässlicher Grund.

 

Ganz neu ist diese Überzeugung übrigens nicht. Bereits in der Antike hielt man den Glauben der Christen für unsinnig und schädlich. BILD ZEIGEN!!! In Rom fanden Forscher eine alte römische Schule. Im Schutt entdeckten sie Graffitis aus dem zweiten Jahrhundert. Ein Grafitto zeigte einen jungen Mann, der vor einem Kreuz kniet und Jesus anbetet. Jesus hängt am Kreuz und hat den Kopf eines Esels. Alexamenos betet seinen Gott an, steht darunter. Eine reine Eselei, dieser Glaube an Jesus. Ja, es muss jemand schon selbst ein Esel sein, wenn er dieses Zeug mit Jesus glaubt, einem Gott, der am Kreuz verreckt, um drei Tage später angeblich wieder quicklebendig durch die Stadt zu laufen. Unfug, sagten die Skeptiker schon im 2. Jahrhundert.

 

Unfug, sagen sie im 21. Jahrhundert: Wer das jetzt immer noch glaubt, ist eigentlich nur zu faul zum Denken. Gäbe es nicht schon so genug Gründe, sich vom Glauben abzuwenden, so ist doch diese Geschichte von Jesus am Kreuz der letzte und stärkste Grund zu sagen: Darauf lassen wir uns nicht mehr ein.  

 

Neu ist das also nicht, aber wir kommen aus einem Jahrhundert, das so heftig wie kaum zuvor den Glauben zur Eselei erklärt hat. Wenn Sie aus den alten Bundesländern kommen, dann waren es die 68er, die mit marxistisch inspirierter Schärfe dem Glauben den Krieg erklärten. Da kam die Bestreitung des Glaubens sozusagen von der Straße, von unten. Wenn Sie hier in Ostdeutschland aufgewachsen sind, dann kam die Bestreitung des Glaubens von oben, von Partei und Staat. Es gehörte zu den „Bildungszielen“ von Margot Honecker, ein wissenschaftliches Weltbild in Köpfe und Herzen der Kinder und Jugendlichen einzupflanzen. Und das wissenschaftliche Weltbild war identisch mit der sozialistischen Weltanschauung. Und die sozialistische Weltanschauung war verbunden mit anti-religiöser Erziehung. Das Ganze erwies sich als hoch wirkungsvoll und nachhaltig. Die DDR ging unter, die Immunisierung gegen alles Religiöse blieb – bei vielen. Ein Esel, wer glaubt! Deshalb ist Opa Rudi aus der Kirche ausgetreten. Und Henry ist selbstverständlich zur Jugendweihe gegangen und nicht zur Konfirmation. Und Beate glaubt lieber an die Wissenschaft, auch wenn sie manchmal Astro-TV guckt. Beides – die westliche wie die östliche Variante – macht es heute vielen Menschen schwer, sich dem Glauben an Gott zu öffnen. BILD WEG.

 

Allerdings: Wie es den grundsätzlichen Zweifel am Glauben gibt, so gibt es bei denen, die nicht glauben, gelegentlich den Zweifel am Zweifel: Denn: So wie man den Glauben bezweifeln kann, so kann man auch den Zweifel bezweifeln: Nachts, wenn es still wird, oder beim Gang über den Friedhof. Was, wenn es Gott gibt? Wenn ich für mein Leben Rechenschaft ablegen muss? Wenn mit dem Tod nicht alles vorüber ist? Es ist ja seltsam: Immer wenn man denkt, die Frage nach Gott sei erledigt, taucht sie woanders wieder auf, lebendig, nicht auszurotten, sie lässt uns Menschen keine Ruhe. Vielleicht wäre es sogar richtig spannend, zusammen auf die Suche zu gehen, vielleicht wäre es höchst sinnvoll, wenn die, die schon ein bisschen glauben, mit denen, die neugierig, aber kritisch fragen, unterwegs wären auf der Suche nach Gott, mit der Frage: Wie hältst Du’s mit der Religion? Dazu, dazu liebe Gäste, gibt es Gemeinden wie GreifBar. Und wenn Sie das völlig kalt ließe – warum sind Sie dann gekommen?

 

Darum nun drei Argumente, warum es doch klug sein könnte, sich für den  Glauben offen zu halten:

 

Mein erstes Argument geht so: Glauben ist keineswegs unnötig. Ich behaupte: Wir leben in jeder Hinsicht dauernd zwischen Zweifel und Glauben. Wir leben keineswegs immerzu im Land des Wissens und der Beweise. Wer als begrenztes menschliches Wesen ein Leben ohne Zweifel und Glauben haben will, hat sich einfach die falsche Gattung Lebewesen ausgesucht!

 

 Ein Beispiel: Vor gut einer Woche brach in Pommern das Frühjahr aus. Es hat sich inzwischen schon wieder ganz erfolgreich zurückgezogen, aber vor gut einer Woche gab es einen Freitag mit etwa 15,16° draußen, blauem Himmel, Sonne, die schon etwas wärmte. Ich war an diesem Tag auf der Insel Usedom. Und ich war dort nicht allein, sondern mit der besten Ehefrau von allen. Und wir saßen am Wasser. Und wir hatten eine Gaststätte gefunden, die die zweitbesten Waffeln auf Erden macht. Die besten macht natürlich meine Frau. Aber die zweitbesten Waffeln, knusprig und doch locker, mit Vanilleeis, dazu starker Kaffee, Sonne, blauer Himmel, nichts zu arbeiten, das Wasser vor Augen, noch keine Touristen mit fröhlichen Mützen auf dem Kopf. Da dachte ich: Es ist doch gut zu leben! Was für ein schöner Tag! Ich hätte mich nicht gewundert, wenn plötzlich Louis Armstrong aufgetaucht wäre: What a wonderful world!

 

Aber dieser Satz „Es ist doch gut zu leben“ ist nicht zu beweisen. Es ist nicht möglich zu beweisen, dass es besser ist zu leben als nicht zu leben. Es ist eine tiefe Grundüberzeugung, die die meisten von uns in sich tragen. Eine Grundüberzeugung neben anderen Grundüberzeugungen wie: Alle Menschen haben die gleiche Würde. Kinder verdienen alle Liebe der Welt. Auch wer in prekären sozialen Verhältnissen lebt, muss eine Chance bekommen. Und wer nicht mehr mitkommt, soll sich auf die Hilfe aller anderen verlassen können. Das sind alles Grundüberzeugungen. Wir glauben mehrheitlich, dass das vernünftig und gut ist, aber wir sind nicht in der Lage, die Zwangsläufigkeit dieser Überzeugungen zu beweisen. Wir kommen ans Ende und müssen sagen: Das ist einfach unsere tiefste Überzeugung. So sagen Menschen auch: Ich glaube an Gott, verdanke ihm alles, verlasse mich auf ihn, eines Tages kehre ich heim zu ihn. Und so sagen andere Menschen: Ich glaube nicht an Gott, bin ein Kind des Zufalls, ein Produkt der Evolution, ich komme, ich gehe, nichts bleibt. Da steht Glaube gegen Glaube, Grundüberzeugung gegen Grundüberzeugung.

 

Vielleicht sagen Sie übrigens: Wenn ich das nebeneinander halte, stimmt mich der kritische Glaube der Atheisten schon ein bisschen depressiv: Ein Kind des Zufalls, ein Produkt der Evolution, und am Ende war’s das gewesen? Es wäre ja vielleicht doch schön, wenn ich sagen könnte: Ich bin ein Geschöpf Gottes, ein geliebter Sohn, eine geliebte Tochter Gottes, er trägt und erträgt mich, und am Ende kehre ich zu ihm heim. Nur wie sollte ich darüber etwas wissen, etwas Verlässliches erfahren können?

 

Das ist nun mein zweites Argument: Wir können von Gott nichts wissen, wenn er sich uns nicht bekannt macht. Kurzum: Wir erkennen Gott nicht. Warum nicht? Nun, wenn die Rede von Gott Sinn macht, dann reden wir anders von Gott als von uns. Dann reden wir von Gott als dem Schöpfer – und von uns als den Geschöpfen. Dann reden wir von Gott als dem Großen – und von uns als den Kleinen. Dann reden wir von Gott so, dass er die Wirklichkeit umgreift und umfasst – und von uns so, dass wir mitten in dieser Wirklichkeit hocken. Aber dann ist eines doch klar: Wer mitten in der Wirklichkeit hockt, der kann den nicht erfassen, der diese Wirklichkeit umgreift. Das Kleine kann nicht den Großen beweisen, dazu reichen Kompetenz und Kapazität einfach nicht aus. Das Geschöpf kann nicht den Schöpfer erfassen. Darum erkennen wir Gott nicht. Das ist sozusagen eine grundsätzliche Schranke unserer Erkenntnisfähigkeit. 

 

Aber Gott hat beschlossen, sich selbst noch einmal ganz neu vorzustellen. In einem Stall geboren, an einem Kreuz verreckt, dazwischen ein paar aufregende Jahre: Jesus von Nazareth. Da, sagt Gott, stelle ich mich vor, da seht Ihr, wer ich bin und wie ich bin. Ihr sollt nicht mehr grübeln und rätseln: Seht Ihr Jesus, dann sehr Ihr mich. Nicht nur: so bin ich. Sondern: der bin ich. Gott macht sich klein, damit wir Kleinen ihn erkennen können. Jesus heilt Kranke – aha, so sieht Gott das, er steht auf der Seite des Lebens. Jesus führt Zerstrittene zueinander – aha, so ist Gott, er ist kein Freund des Streites. Jesus vergibt und gibt zweite Chancen – aha, so ist Gott, er zieht keinen schnellen Schlussstrich. Jesus ruft Frauen, Kinder, Menschen mit Handicaps, Menschen aus fernen Ländern, gelernte Atheisten und Verehrer fremder Götter – aha, so ist Gott, er hat ein Herz für alle und nicht nur für bestimmte Lieblinge.

 

Wenn ich also etwas Verlässliches über Gott wissen will, dann ist es gut, sich mit Jesus zu beschäftigen und vor Augen zu halten: Da hat sich Gott bekannt gemacht. Ich muss nicht im Nebel stochern. Da finde ich ihn.

 

Nun bleibt aber der größte Einwand: Dass die Sache mit dem Kreuz so furchtbar unappetitlich, unmoralisch und abstoßend erscheint. Und wir möchten fragen: Ist es nicht so, dieses Kreuz ist abstoßend, es erscheint wie ein großer Unsinn? Paulus, einer der großen Denker der frühen Christenheit, gibt darauf eine Antwort, die wunderbar zu einer Universitätsstadt passt, und das ist mein drittes Argument. Was sagt Paulus auf die Frage, ob die Sache mit dem Kreuz nicht Unsinn ist? Er sagt: Ja und nein. Sehr schön!

 

Ja: Paulus hat  genau gewusst, was er den Menschen zumutet. Einer kleinen christlichen Gemeinde in Griechenland schreibt er einen Brief, in dem es heißt: „Wir verkünden Christus, den gekreuzigten Messias. Für die Juden ist diese Botschaft eine Gotteslästerung und für die anderen Völker völliger Unsinn.“ Das ist ja mal eine Koalition: Richard Dawkins und Paulus stimmen überein. Sie stimmen überein, wenn sie sagen: Dem gesunden Menschenverstand muss die Sache mit Jesus wie blanker Unsinn vorkommen. Der gesunde Menschenverstand denkt sich Gott und dann findet er Gott gut oder er findet ihn nicht gut. Und so sieht der Gott des gesunden Menschenverstands aus:  Er ist fordernd. Er ist streng. Er ist erhaben. Er ist distanziert. Er ist kühl. Er schlägt drein, wenn ihm etwas nicht gefällt. Er vergibt nur, wenn das Opfer groß ist, er demütigt. Er zwingt auf die Knie. Er macht klein. Er schaut distanziert zu, wenn Mensch und Kreatur leiden. Das alles mögen wir nicht, aber so denken wir uns Gott. Den kann man fürchten und verehren, dann ist man religiös. Gegen den kann man sich wehren, dann wird man Atheist. Aber dann, ja, dann ist Jesus eine Zumutung für das Denken.

 

Und da trennen sich die Wege: Während Dawkins sagt, dass er nun genug gehört hat und jetzt erst recht weiß, dass der christliche Glaube Blödsinn, eine echte Eselei ist, sagt Paulus das glatte Gegenteil, und das möchte ich gerne noch kurz mit Ihnen anschauen. 

 

Denn nein, das ist gar nicht töricht, das ist die große Überraschung, das ist der Ort, an dem uns Hoffnung und Freude zuwachsen: Religiöse wie Skeptiker meinen, Gott sei gefühllos, Jesus erzählt eine andere Geschichte: Er ist mitfühlend, er hat unseren Schmerz kennen gelernt, die Einsamkeit, die Enttäuschung, im Stich gelassen zu werden. Sie meinen, Gott sei fern, aber Jesus erzählt eine andere Geschichte: Er ist uns unendlich nah, seit er sich zwischen Weihnachten und Ostern unter die Menschen gemischt hat. Sie meinen, Gott prügele auf den schwachen und schuldigen Menschen ein, aber Jesus erzählt eine andere Geschichte: Er erzählt davon, dass Gott nicht von uns lassen kann, weil er in Liebe zu uns entbrannt ist. Sie meinen, das Kreuz stehe für Gottes Grausamkeit, aber Jesus erzählt eine andere Geschichte: Er sammelt auf seinem Weg jedes Versagen der Menschen auf, lädt es sich auf die Schulter und trägt es sterbend aus dieser Welt. Sie meinen, Gott müsse Blut sehen und sei ein Sadist, aber Jesus erzählt eine andere Geschichte: Er stirbt nicht als edler Mensch, der Gott ein Opfer brächte, nein, hier stirbt Gott selbst. Gott verschwendet sich vollends, er trägt das Unheil dieser Welt, er trägt es und er trägt es davon. Jesus am Kreuz und Gott kann man nicht trennen. Sie sagen, so eine brutale Aktion sei doch unnötig, ein anständiger Gott können doch einfach so verzeihen, aber Jesus erzählt eine andere Geschichte: All das Leid und Unrecht, all die Opfer menschlicher Schuld und Lieblosigkeit, das lässt sich nicht wegreden, da ist ein solcher Berg des Versagens in der Welt, die Menschen haben sich verraten und verkauft, und einer muss den Preis dafür zahlen. Und Gott sagt: Eh die Menschen ihn bezahlen und darin untergehen, zahle ich den Preis selbst und gebe mich hin, zum Opfer, zum Opfer aus Liebe. Sie sagen, kein Toter kann je zurückkehren, das ist doch klar, aber Jesus erzählt eine andere Geschichte: ein leeres Grab, Augenzeugen in Hülle und Fülle, die ihn sahen. Ja, das alles widerspricht unserer Erwartung, wie ein anständiger Gott, wenn es ihn denn gibt, zu sein hat, das ist menschlich gesprochen töricht, aber es ist unsere Rettung.

 

Darum geht es im Glauben der Christen. Ist das töricht? Vielleicht nicht, mögen Sie sagen. Aber wie soll ich das glauben? Wie komme ich dazu? Ich kann doch nicht einfach so beschließen, ab heute meinem Zweifel zu kündigen. Ich kann Vertrauen nicht beschließen. Oder? Nein, das stimmt, ich kann Vertrauen nicht beschließen. Und Beweise bekomme ich nicht. Aber, so mögen Sie fragen, wie war das denn bei Ihnen, wie ging das, ohne Beweise? Wie öffnet sich diese Tür?

 

Nun, wie war das bei uns? Vielleicht so: Wenn es auch keinen Beweis gibt, so gibt es doch eine Gewissheit, die sich einstellen kann. Eine innere Überzeugung und Klarheit, ja ein fröhliches Erkennen, fast wie bei der Entdeckung, dass ein anderer Mensch sich wirklich in uns verliebt hat. Es gibt eine Gewissheit, die in einem Menschen heranreifen und dann aufblühen kann. Es gibt ein inneres Überzeugtwerden, das ohne Einsatz von Gewalt und Manipulation entsteht. So entsteht der Glaube: Ein Mensch setzt sich der Begegnung mit dem Glauben aus, er sucht mit den Christen nach Wahrheit, er lässt sich von Jesus erzählen, er bewegt all das in sich hin und her, er wagt hier und da ein Experiment, ein zweifelndes Gebet, ein mutiges Ausprobieren eines Ratschlags aus der Bergpredigt. Es wächst etwas, erst ein Ahnen, es wird vielleicht wieder in Frage gestellt. Es kommt wieder. Irgendwann lässt uns das nicht mehr los. Irgendwann sagen wir: Ja, das stimmt. Ich kann es nicht beweisen und bin doch gewiss. Irgendwann sagen wir: Ja, das will ich, das will ich mehr als alles andere. Irgendwann entscheiden wir: Was immer bisher meine Wege waren, fortan ist das mein Weg, mit Jesus, hinter ihm her, den ich nicht sehe, den ich oft auch noch nicht verstehe, den ich manchmal aus den Augen verliere – und dann steht er doch wieder da, an der nächsten Kreuzung meines Lebens, ihm will und werde ich folgen und vertrauen. Das kann in uns wachsen, nicht durch Beweise, nicht gegen vernünftiges Denken, aber auch nicht allein durch vernünftiges Denken, sondern so: Ich setze mich aus, denkend, fühlend, handelnd, mit anderen zusammen und allein, in Stille und Gespräch, betend, auch mal innerlich protestierend, aber immer wieder: Ich setze mich aus. Und dann, sagt Paulus, werde ich erleben, dass diese törichte Botschaft von einem gekreuzigten Gott ihre Kraft entfaltet, eine stille, sanfte, starke, heilsame Kraft.

 

Sehen Sie: Wir kommen aus dem Land des Zweifels, aber irgendwann haben wir uns gefragt, ob das ein gutes Land zum Leben ist. Wir leben in einer Kultur, die das meiste über Gott vergessen oder nie gelernt hat. Aber wenn es geht, wird die Frage nach Gott immer wieder wach und wir fangen an, selbst wissen zu wollen, worum es im Glauben geht. Und wir sind nicht von Natur aus offen für Gott, wir neigen nicht zum Vertrauen, eher zum Misstrauen. Aber wenn es gut geht, öffnen wir uns behutsam, wagen kleine Schritte, und dann sehen wir, das verspricht uns Gott selbst, dass über einem Kreuz die Sonne aufgeht, und dass wir plötzlich wissen, wo wir hingehören und geborgen sind, für unsere Zeit und alle Zeit nach unserer Zeit. Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

 


1 Kor 1,23.