Greifbar

GreifBar plus am 2.November 2014

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                        Konsumgut oder Bundeszeichen? 

Predigt über 1 Kor 6+7

Liebe GreifBar-Gemeinde,

was würdet Ihr über ein neues Buch denken, das Ihr gerade zu lesen anfangt, und auf der zweiten Seite geht es schon los: zwei nackte Menschen hüpfen durch die Gegend, sie haben offenkundig Spaß miteinander und das im Freien. Was würdet Ihr über ein solches Buch denken? Nun, dieses Buch heißt nicht „50 Shades of Grey“ und es spielt auch nicht in „Feuchtgebieten“. Dieses Buch nennen wir die Heilige Schrift. Bibel, Seite 2: Ein Mann und eine Frau vergnügen sich nackt im Garten, vor Gottes Angesicht, und der Schöpfer redet mit ihnen über Sex. Sex, weil es nicht gut für den Menschen ist, allein zu bleiben. Sex, weil nach den Prototypen Adam und Eva die weitere Familienplanung nicht mehr mit Matschen in der Erde einhergeht. Schöpfung setzt sich fort mit Sex. Schöpfung pflanzt sich fort mit Sex.

Also, viele haben es mit Spannung erwartet, einige mit leichtem Stirnrunzeln, jetzt ist es so weit: Let’s talk about sex. Aber wie wird das werden?

Man könnte sagen: Die Sache ist doch durch, hört nur auf das, was die Leute auf der Straße gesagt haben, seit den 1968ern hat sich eine ungeheure Befreiung in Sachen Sex ereignet. Sex vor der Ehe ist kein Thema mehr, schließlich „will niemand die Katze im Sack kaufen“.(1) Sexuelle Vielfalt und Toleranz für sexuelle Vielfalt werden Unterrichtsgegenstand, Erziehungsziel. Das Thema ist doch durch. Selbst die Katholiken wollen jetzt ein bisschen moderner werden.

Und man könnte sagen: Die Sache ist mir zu intim. Ich denke nicht, könnte man sagen, dass die Gemeinde, dass eine Predigt, dass ein Graukopf aus dem letzten Jahrhundert mir hineinreden darf in mein Liebesleben. Das ist meine Sache. Zumal wenn im Wesentlichen Verbotsschilder aufgestellt werden sollen. Also: Erzählt mir nicht, wie ich leben soll.

O.k., trotzdem: Let’s talk about sex. Ich möchte mit Euch eine Verabredung für diese Gottesdienstreihe treffen. Ich erwarte nicht, dass Ihr von vorneherein sagt: Toll, was die da in der Bibel über Sex lehren! Ich möchte Euch aber bitten, noch einmal ganz von vorne zu prüfen, was uns die Bibel zu diesen Fragen sagt. Ich bitte Euch, in diesen Wochen offen zu sein für alles, was Gott in Eurem Verstand, Eurem Gewissen, Eurem Herzen und Eurem Handeln in Bewegung bringt. Ich bitte Euch: Lasst zu, dass Gott Euch überrascht, bewegt, überzeugt, neu ausrichtet, Mut macht, korrigiert, vor allem: beschenkt – beschenkt mit einer Aussicht auf Freude und Erfüllung. O.k., haben wir einen Deal? Gut, dann geht es los.

Zum Start möchte ich – etwas anders als sonst – einige Aussagen aus dem ersten Brief des Paulus an die Korinther auslegen, Stück um Stück. Paulus hat der christlichen Gemeinde in Korinth mehrere Briefe geschrieben. Diese Gemeinde und Paulus hatten ein inniges, aber auch ein schwieriges Verhältnis zueinander. Korinth war eine sehr freizügige Hafenstadt, Kneipen, Rotlichtviertel, mit einer sehr liberalen Auffassung von Sex. Das ging so weit, dass antike Schriftsteller ein neues Wort erschufen – „korinthiazesthai“, das hieß so viel wie: „viel Sex haben“. (2) Eine sehr freizügige Stadt. Und es war wie es immer ist: Die christliche Gemeinde blieb nicht unbeeindruckt von dieser Freizügigkeit. Mancher dachte: Christlicher Glaube ist prima. Ich glaube an Jesus, aber in mein Liebesleben lasse ich mir nicht hineinreden. Darum schreibt Paulus, und einiges von dem, nicht alles, aber einiges, schauen wir uns jetzt an. In drei Abschnitten; hier kommt der erste:

Das müsstet ihr doch eigentlich wissen: Wer Unrecht tut, wird keinen Anteil an Gottes Reich erben. Macht euch nichts vor! Das betrifft Menschen, die in verbotenen sexuellen Beziehungen leben, die Götzen dienen oder die Ehe brechen. Das betrifft auch Männer,die sich wie Frauen verhalten oder mit Männern schlafen. Und das betrifft Diebe, Habgierige, Säufer und Menschen, die andere verleumden oder berauben. Sie alle werden keinen Anteil am Reich Gottes erben. Manche von euch gehörten früher dazu. Aber ihr seid reingewaschen worden. Ihr seid zu Heiligen geworden und von Gott als gerecht anerkannt – durch den Herrn Jesus Christus, in dessen Namen ihr getauft seid, und durch den Geist unseres Gottes.

 

Wenn man das so liest und hört, könnte man natürlich denken: Oweh! Und: Klar, so ist das in der engen Welt der Christen. Die Predigt kennen wir. Da soll es nach der Melodie gehen: „Diese schrecklichen Menschen, sie kommen alle, alle nicht in den Himmel.“ Aber das wäre zu kurz gegriffen. Darum geht es hier nicht – in erster Linie. Es geht ja um Gottes Reich? Was ist Gottes Reich? (3) Gottes Reich ist die Welt, die Gott wieder in Ordnung gebracht hat. Gottes Reich ist, wo Jesus das Sagen hat. Was ist denn da, wo Jesus das Sagen hat? Wie wird das sein, wenn Gott die Welt in Ordnung gebracht hat? In dieser Welt gibt es keinen Hunger und keine Gewalt. Die Tränen werden getrocknet. Krankheit und Tod sind besiegt. In dieser Welt müssen sich Kinder nachts nicht fürchten, dass ein Erwachsener schreckliche Dinge mit ihnen tut. Dort entwickeln Männer einen ungeheuren Ehrgeiz, ihre Frauen zu lieben und zu achten. Frauen und Männer begegnen sich auf Augenhöhe. Sex schafft Freude, spendet Leben, ist Ausdruck totaler Hingabe. Das ganze Liebesthema baut auf, zerstört nicht, führt nicht zu tiefem Schmerz und bleibender Zerrissenheit. Das ist die Welt, wie Gott sie wiederherstellt, und uns bereitet er tagtäglich darauf vor, trainiert mit uns neues Leben, übt mit uns, wie das geht, und wie das sein wird. Rettung, Erlösung, Heil bedeuten nicht: raus aus dieser Welt. Rettung, Erlösung, Heil bedeuten: rein in diese neue Welt. Und dann sagt Paulus: Ihr könnt doch nicht mehr so leben wie von damals. Das geht doch wirklich nicht. Ihr seid doch Erben des Reichs. Wenn Ihr so lebt, dann ist es so, als wäret Ihr gar nicht Erben des Reichs. Denn so leben Erben des Reichs einfach nicht. Das ist es nicht, was Ihr dort gelernt haben könnt.

Zwei Anmerkungen zu diesem ersten Abschnitt:

Anmerkung: Das was hier so klar abgelehnt wird, betrifft sexuelles Verhalten, es betrifft Ehebruch und homosexuelle Praktiken und einiges mehr. Es betrifft aber ebenso jede Form von Götzendienst. Götzendienst: Wenn immer etwas Gottes Stelle einnimmt, und sei es Geld, Macht oder Karriere. Es betrifft die schöne Alltagssünde von Klatsch und Tratsch, Hinter-dem-Rücken-Reden und Verleumden. Und es betrifft Habgier und unrechtmäßig erworbenen Gewinn, also alle unsauberen Geschäftspraktiken, alle Geldgier. Hier sucht sich jeder immer gerne sein Steckenpferd aus. Konservative Gemeinden stürzen sich auf das Nein zu buntem Sex, haben aber in der Regel kein Problem mit den kleinen und großen Gottlosigkeiten im Wirtschaftsleben. Liberale Gemeinden sind hochsensibel, wenn es um Fragen der Gerechtigkeit geht, um gerechten Lohn, beschränkten Reichtum, bekämpfte Armut, aber bei allen Fragen der Sexualität sagen sie: „Was geht uns das an!“ Wenn wir ins Gleichgewicht kommen wollen, müssen wir das Ganze anschauen: Götzendienst, fragwürdige sexuelle Beziehungen, Habgier, Beziehungsmord durch böses Reden.

Anmerkung: Paulus sagt „das war einmal“. Denn: Ihr habt trotz allem ja erlebt, dass Gott Euch vergeben hat. Er hat Euch reingewaschen. Das spielt auf die Taufe an. Gott hat Euch einen neuen Anfang geschenkt. Er verzeiht großzügig, was immer Ihr ihm bekennt. So ist er. Ihr seid nicht festgelegt auf Eure Vergangenheit. Wenn jetzt jemand unter uns denkt: Egal was hier gesagt werden wird – mir kann es nicht mehr helfen. Ich habe viel zu viele Baustellen, viel zu viel zerschlagenes Porzellan, viel zu viel gescheiterte, geschiedene Beziehungen, viel zu viele Wunden in meiner Seele, wie soll das je in Ordnung kommen? Wenn das jemand unter uns denkt, dann sei ihm oder ihr gesagt: Hier sitzen und stehen nur Menschen mit einer Vergangenheit. Hier sind nur Menschen, die ihr Herz an der falschen Stelle verloren hatten. Hier versammeln sich nur Menschen, die von Gottes Neuanfängen leben. Bei den Korinthern war alles zusammen, was man sich denken kann – und Gott hat sie angenommen, reingewaschen, zu Erben des Reiches erklärt. Meinst Du wirklich, er könne mit allem fertig werden, aber nicht mit Deiner Vergangenheit?

Gehen wir weiter zum zweiten Textabschnitt:

Ich darf alles!" – Aber das heißt nicht, dass auch alles gut für mich ist. "Ich darf alles!" – Aber das bedeutet nicht, dass ich mich von irgendetwas beherrschen lasse. "Das Essen ist für den Magen da und der Magen für das Essen!" Aber Gott wird sowohl dem einen als auch dem anderen ein Ende bereiten. Denn unser Leib ist nicht für verbotene sexuelle Beziehungen da, sondern für den Herrn – Und der Herr sorgt für den Leib: Gott hat den Herrn vom Tod auferweckt. Durch seine Kraft wird er auch uns auferwecken.

 

Paulus kennt sich aus in Korinth. Er weiß, was man so redet. Er hat es mit zwei Fraktionen zu tun. Die einen sagen: Sex ist so dreckig, so schlimm, so peinlich, dass man sich am besten vollständig enthält und lieber wie ein Mönch lebt, enthaltsam, ohne Berührung mit diesem Dreck. Die kommen später dran. Die anderen sagen: Sex ist nichts als ein Genussmittel. Sex ist wie Essen und Trinken. Sex ist wie ein gutes Schnitzel zum Abendessen. Hast Du Appetit, musst Du essen. In den 70er Jahren gab es dieses Thema schon in der evangelischen Jugendarbeit bei uns in Bielefeld, und eine These war: Sex ist wie ein Glas Wasser. Wenn Du Durst hast, musst Du eben trinken. Die Korinther dachten das noch etwas weiter: Sie sagten: Das ist doch auch gar nicht wichtig. Du isst, genießt, verdaust, scheidest aus. Fertig. Du hast Sex, genießt, gehst duschen. Fertig. Das hat doch mit Deiner Seele nichts zu tun. Und Du darfst, weil Du kannst. Alle Dinge sind Dir erlaubt, Du bist ein freier Mensch.

Und nun muss Paulus aufpassen. Was er sagt, soll ja nicht die ermutigen, die Sex für etwas Dreckiges halten. Eine Verachtung von Sex ist mit der Bibel eben nicht zu haben. Siehe oben: Wie fängt dieses Buch doch gleich an? Und wenn wir jetzt die Zeit hätten, könnte ich Euch Passagen vorlesen, aus der Bibel, bei denen der eine oder andere rot würde. Die paar Verse in der Straßenumfrage wären da noch harmlos! Also: Verachtung – geht nicht!

Ich kann es heute nur andeuten: Für Paulus geht es um eine fundamentale Unterscheidung. Es geht darum, ob Sex ein Konsumgut ist oder ob Sex ein Bundeszeichen ist, ein Siegel für einen Bund. Konsumgut oder Bundeszeichen!

Die Sicht als Konsumgut habe ich beschrieben: Wenn Du Appetit hast, musst Du konsumieren, Speise zu Dir nehmen, essen. Sex als Konsumgut bedeutet: Ich habe ein Bedürfnis. Das muss gestillt werden. Also besorge ich mir, was ich brauche. Das stiftet im Prinzip Beziehungen von Kunden zu Lieferanten. Auf dem Markt bin ich meinem Obsthändler treu, solange wie die Äppel gut sind und der Preis stimmt. Finde ich etwas Besseres, bin ich weg. Auf dem Markt entscheidet mein Gefühl: Ist es da, ist es o.k. Ist es nicht mehr da, dann muss ich gehen. Sex ist dann zuerst Genuss, den der andere mir liefert, und der Genuss, den ich dem anderen ermögliche. Ist der Reiz nicht mehr stark genug, ist es vorbei. Da kann man dann doch auch nichts machen gegen seine Gefühle, oder? Hier herrscht der Geist des Kapitalismus. Sex ist ein Gut. Kierkegaard hat darauf hingewiesen, dass wir, wenn wir uns so von unserem Gefühl steuern lassen, zu Marionetten unserer Bedürfnisse werden, zu Sklaven unserer Gefühle.

Paulus meint aber: Sex ist kein Konsumgut in Gottes Reich. Was denn dann? Wir werden gleich sehen, wie er es beschreibt. Unter dem Strich geht es darum: Wenn Sex kein Konsumgut ist, dann können wir Sex neu entdecken als ein Bundeszeichen. Was ist ein Bundeszeichen? Ein Bundeszeichen hat mit einem Bund zu tun, den ich schließe: Ich gebe mich Dir hin. Ich verschenke mich an Dich. Und gebe Dir ein Versprechen: Ich halte nichts zurück. Ich mache mich nackig, ganz und ohne Vorbehalt. Ich verschenke mich an Dich. Und ich fordere mich nie wieder zurück. Ich überschreite einen Rubikon: ohne Rückweg. Ich verschenke mich an Dich, so dass Du Dich auf mich verlassen kannst. Ich werde eins mit Dir, Du wirst eins mit mir, etwas Neues entsteht, ein Bund eben. Ich gebe ein Versprechen, das wichtiger ist als meine Stimmung, mein Gefühl, mein Bedürfnis. Leib und Leib leben dann aus, was zwei  Menschen einander sagen: Sex ist Sprache der ungeteilten Hingabe, ein Geschenk von Leben, ein Siegel auf einem Bund. Der Leib schreibt dieses Versprechen in die Seele ein. Das geschieht beim Sex. Darum sagt Paulus: Kein Sex außerhalb dieses Bundes! Hier geht es um ein tiefes Wissen um unsere Natur, nicht um moralische Spielregeln.

Wenn Sex ein Bundeszeichen ist, passieren eine ganze Reihe von Dingen: Es entsteht ein Raum der Geborgenheit und Sicherheit. Ich bin ja in einem Bund geborgen. Auch wenn Stimmungen schwanken. Auch wenn Gefühle kommen und gehen. Auch wenn Versagen schmerzt. Auch wenn meine Armseligkeit unübersehbar wird. Auch wenn meine Attraktivität schwindet. Ich bin ja in einem Bund geborgen, darum bin ich: frei. Darum bin ich: geborgen. Und dann, gerade dann wachsen tiefere Gefühle, entstehen Bindungen, ein Band, stärker als irgendetwas auf der Welt. Und Sex? Immer wieder, ein Leben lang: Siegel auf diesem Bund. Der Leib schreibt es in die Seele: Ich mit Dir, Du mit mir.

Ich kann es auch so sagen: Was ist das größere Abenteuer? Wenn ich wieder und wieder den Kitzel und die Schmetterlinge im Bauch vom Anfang, vom ersten Verliebt- und Erregtsein suche? Wieder und wieder dasselbe? Oder wenn ich „die Katze im Sack kaufe“, das Abenteuer der Veränderung, den Bund, der mich immer wieder herausfordert zu sagen: O.k., dann gehen wir jetzt auch durch dieses Neue. Ich weiß nie, wie ein anderer Mensch morgen sein wird. Ein lebenslanger Bund ist ein dauerndes Abenteuer, das immer andere mit dem immerselben. Sex als Konsumgut ist das immerselbe mit immer anderen. Paulus sagt: Das ist nicht Euer Spiel, das passt nicht zum Reich Gottes.

Ein letzter Abschnitt soll diesen Gedanken unterstreichen:

Wisst ihr nicht, dass eure Körper Glieder am Leib von Christus sind? Soll ich nun die Glieder nehmen, die Christus gehören, und daraus Glieder einer Prostituierten machen? Niemals! Das müsst ihr doch wissen: Wer sich mit einer Hure einlässt, wird eins mit ihr! Denn in der Heiligen Schrift steht: 'die zwei sind eins, mit Leib und Seele.' Wer sich aber auf den Herrn einlässt, wird eins mit seinem Geist. Hütet euch vor verbotenen sexuellen Beziehungen! Jede andere Schuld, die ein Mensch auf sich lädt, betrifft nicht seinen Leib. Wer aber in verbotenen Beziehungen lebt, wird schuldig an seinem eigenen Leib. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist? Der ist in euch, Gott hat ihn euch geschenkt! Nun gehört ihr nicht mehr euch selbst. Gott hat euch freigekauft. Sorgt also dafür, dass euer Leib Gott Ehre erweist!

 

Paulus setzt seine Argumentation hier in zwei Richtungen fort, die ich zum Schluss noch beleuchten möchte:

Zum einen antwortet er auf die Frage, warum eigentlich im christlichen Glauben die sexuellen Fehlleistungen immer so furchtbar wichtig sind. Erst sagt er: Vorsichtig, Götzendienst, hinter dem Rücken reden, Habgier – das alles passt ebenso wenig zum Reich Gottes. Jetzt sagt er: aber! Aber es ist doch etwas Besonderes. Und zwar gerade weil Sex so kostbar ist. Was ist das Besondere? Nun, sagt Paulus, das Besondere ist, dass wir Christen einfach nicht schlecht vom Leib denken können. Denk nur: Gott hat ihn erfunden und geschaffen, wunderbar gemacht. Denk nur: Den Leib von Jesus hat Gott am Ostermorgen auferweckt, kein Flatterseelchen, den Leib! Im Himmel gibt es robuste Leiber, nicht bloß feinstoffliche Seelchen. Denk nur: Als Du zum Glauben kamst, ist der Heilige Geist in Deinen Leib eingezogen. Der wohnt jetzt da. Und wo der wohnt, ist Kirche. Du bist eine Kirche. Du bist ein Tempel. Und zwar Dein Leib. Der Leib, mit dem Du betest, lobst, dienst, anderen begegnest, ist eine „Kirche unterwegs“, ein Tempel des Geistes. Leib ist Schöpfung, Leib wird auferstehen, Leib ist Tempel. Wie könnten wir gering von ihm denken? Wie könnten wir ihn misshandeln? Der Leib formt darum auch unser Innerstes, unsere Seele. Deshalb ist das, was den Leib betrifft, auch so wichtig, und das, was den Leib missbraucht, so schlimm. Eine Studie kursiert gerade in der Regenbogenpresse: „Männer mit vielen Sexualpartnern haben seltener Prostatakrebs.“(4) Ich erspare Euch die Details, warum. Wer mehr als 20 Partner hatte, hat deutlich seltener Krebs. Heißt es. Der Fehlschluss ist einfach: Reichlich Sex mag gesund sein, die Zahl der Partner ist es nicht. Und wie auch immer: Männer mit vielen Sexualpartnern schonen ihre Prostata, aber sie gravieren etwas in ihre Seele ein: Sie geben mit ihrem Leib ein Versprechen, das sie mit ihrem Leben nicht einlösen wollen. Sie malträtieren ihre arme Seele und die der Menschen, die sich mit ihnen nackig machen.

Am Ende aber will ich auf den Hauptpunkt zurückkommen. Wir wissen aus Korinth, dass dort auch die Prostitution blühte – wie heute in Europas Prostitutionsparadies Deutschland, wo ungefähr jeder fünfte Mann schon einmal für Sex bezahlt hat.(5) Im Blick auf die Prostitution zeigt Paulus noch einmal seine Pointe: Sex ist nicht ein Konsumgut, Sex schafft einen Bund. Der Leib gibt ein Versprechen. Ein Mensch verschenkt sich an einen anderen und die zwei sind hinterher nicht mehr dieselben wie vorher. Hier spielt Paulus wieder auf die Schöpfung an: ein Fleisch, vereint mit Leib und Seele. Was sich so vereinigt, ist hinterher nicht mehr dasselbe wie vorher. Ihr wisst, was NaCl ist: Natrium plus Chlor, aber Natrium plus Chlor ist nicht mehr dasselbe Natrium hier und Chlor da, es ist Natriumchlorit, Kochsalz. Christiane hat nicht nur einen besseren Mann aus mir gemacht, sie hat mich nicht nur ergänzt. Durch sie bin ich etwas radikal anderes als vorher. Zum Glück, denkt mancher. Und durch mich ist sie etwas radikal anderes als ohne mich. Und das alles gibt es nicht ohne Sex. Selbst mit einer Prostituierten passiert das – und muss dann<a name="_GoBack"></a> brutal zerrissen werden.  Das ist eine monstermäßige Vorstellung. Wir sind nicht so gemeint, dass wir diese leibliche Einigung isolieren. Wir sollen nicht sagen: Ich mache mich vor Dir nackig und will diese körperliche Lust, aber ich mache mich mit Dir nicht nackig, verletzbar, verlässlich und dienstbar, wenn es um unsere Lebensgeschichte geht, um unsere Fürsorge in Krankheit und  Not, um unser Alter, um rechtliche Verlässlichkeit. Ich will körperlich eins sein, aber nicht sozial, nicht rechtlich, nicht verantwortlich. Ich will diese Lust, aber zugleich will ich unabhängig bleiben. Aber Sex funktioniert so nicht, und die schmerzhaften Trennungen offenbaren es uns immer noch: Sex gräbt Bindung in unsere Seele. Und so soll es auch sein: Sex feiert einen Bund. Sex schafft ein starkes Band. Sex lässt zusammenwachsen, was zusammengehört. Sex ist eine der buntesten Erfindungen unseres erfinderischen Gottes. So viel für heute. Und Gottes Volk ehrt den schöpferischen Vater und ruft: AMEN.

 


(1) Statement in der Straßenumfrage von Christian Jünner und Sarah Piek.

(3) Die folgenden Überlegungen lehnen sich an Timothy Kellers Gedanken in seiner Predigt in Redeemer Presbyterian Church vom 6. Juni 2014 an, führen diese aber in verschiedener Hinsicht weiter.