Greifbar

GreifBar plus am 05.12.2010

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                                                                    Alles neu



    1 Und Jesus ging aus dem Tempel fort und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels.  2 Er aber sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde  3 Und als er auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm und sprachen, als sie allein waren: Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt 4Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht zu, dass euch nicht jemand verführe. 5 Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen 6 Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. 7 Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. 8 Das alles aber ist der Anfang der Wehen. 9 Dann werden sie euch der Bedrängnis preisgeben und euch töten. Und ihr werdet gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern. 10 Dann werden viele abfallen und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen. 11 Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen. 12 Und weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten. 13 Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. 14 Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen. ( Mt 24,1-14)

Liebe Brüder und Schwestern

zum Advent gehört der Adventskranz und der Adventskalender. Letzteres gehört jedenfalls den Kindern, obwohl gewiss auch Erwachsene einen Adventskalender haben können. Es spricht jedenfalls nichts dagegen. Ein Exemplar der Gattung „Adventskalender“ habe ich mal mitgebracht. Seit dem ersten Dezember werden hier die Türchen aufgemacht und die Süßigkeiten vernascht. Die Wartezeit bis Weihnachten soll den Erwachsenen und Kindern leichter gemacht werden. Und ergänzend sollte auf Weihnachten eingestimmt werden, so verbargen sich hinter den Türchen religiöse Motive oder Bibelworte. Weihnachten will vorbereitet werden. Und so ein Adventskalender kann dabei helfen. In diesem Sinne hat der Adventskalender keine andere Funktion als der ursprüngliche Adventskranz mit 24 Kerzen. So hat ihn jedenfalls Johann Hinrich Wichern im 19. Jahrhundert in seinem Waisenhaus in Hamburg eingeführt. Später wurden die Kerzen dann auf die vier Adventssonntage reduziert. Beides ist also so gerade mal 100 Jahre alt, was wir hier an Wartehilfen zur Adventszeit haben. Denn so ist ja überall bekannt: Wir bereiten uns auf Weihnachten vor. Adventszeit ist vorweihnachtliche Zeit. Seit September gibt es Christstollen und Lebkuchen in den Geschäften und seit Wochen werden die Innenstädte und Häuser weihnachtlich geschmückt. Und die Plätzchenbäckerei hat Hochkonjunktur. Wunschlisten werden für Weihnachten geschrieben und Strategien für den Weihnachtseinkauf entwickelt. Und so mancher wird morgens an Heiligabend daran erinnert: Da war doch was! Achja, die Parfümerie um die Ecke hat noch offen!

Also wäre damit alles klar: Adventszeit ist vorweihnachtliche Zeit, ist Vorbereitungszeit für Weihnachten inkl. Besuch des Weihnachtsmarkts und der Tasse Glühwein. Wem dann noch so eine Geruchsmischung aus Vanille, Zimt und Bratapfel in die Nase steigt, fühlt sich schon beinahe in der Heiligen Nacht. Damit verbinden wir dann bestimmte Sehnsüchte. Familie und Freunde stehen hoch im Kurs. So fand ebay unter 1.000 Befragten heraus, dass 64% sich nichts sehnlicher wünschen als Zeit für ihre Familie und die Freunde. Mehr Ruhe war ganz oben auf der Wunschliste. Hinzu kommen Winterspaziergänge für 63% und 62% der Besuch eines Weihnachtsmarkts – wie der in Rostock natürlich, nicht so einen Rummel. Doch obwohl Zeit für die Familie und Ruhe ganz oben bei den Befragten standen, beklagten sich fast ebenso viele Menschen, dass Rummel und Trubel die Vorweihnachtszeit bestimmen. Jeder Dritte fühlt sich gar regelrecht gestresst. „Endet alle Hoffnung im Advent?“, titelte gar der Spiegel mit Blick auf die SPD. Das war allerdings 1986 als es um Johannes Rau oder Helmut Kohl ging.

Laut Umfrage gehört immerhin für 83% der Deutschen der Weihnachtsbaum zum Advent. Und bei unseren österreichischen Nachbarn soll es einen Trend zum Zweitchristbaum geben. Das hat jedenfalls der ORF in Wien herausgefunden. Denn, so das Ergebnis dieser Umfrage, man wolle schon im Advent weihnachtlich gestimmt sein.

Womit also wiederum bewiesen wäre: Advent ist das vierwöchige Vorwort zu Heiligabend und Weihnachten. Irgendwelche Widersprüche? Falls nein, mache ich hier ebenso Schluss, wie Michael Herbst am 1. Advent. Doch wie schon vor einer Woche gibt es empfindliche Störungen. Trat der Prophet Jeremia als Gerichtsprediger auf, macht es ihm Jesus nach. O Schreck, die Bibeltexte in den Adventsgottesdiensten habe so gar nichts mit Weihnachten zu tun. Vom Ende und vom Gericht ist die Rede. Und selbst mit den liturgischen Farben treffen wir das weiß der Weihnachtszeit so überhaupt nicht. Mit dem grün der Trinitatiszeit oder des Weihnachtsbaums hätten wir ja noch leben können, aber violett, die Farbe der Buße und der Umkehr, passt so gar nicht zur vorweihnachtlichen Freude und Wartezeit. Gibt es denn nichts zu feiern? Ist Buße und Fasten angesagt? Oder sind wir gar als Christen schizophren geworden? Wie bekommen wir es bloß zusammen, dass wir uns ja doch auf Weihnachten, auf die Geburt von Jesus Christus freuen, dass aber doch so viel von einem Ende mit Schrecken, von Christenverfolgungen und vom Gericht die Rede ist? Eine geballte Ladung an Endzeit und Weltuntergang kommt uns hier entgegen. Und keine Frage: „Das Ende ist nahe!“ oder auf English: „The end is near!“

Zwischen Weihnachtsmarkt, Weihnachtsgans und Plätzchenbacken –angesichts all dieser irdischen Freuden – ist es erneut knapp vor 12. Die letzten Körnlein der weltlichen Sanduhr fallen durch. Das Ende ist nahe! Vorbei ist es mit dem Tempel in Jerusalem, mit den Drehungen der Erde um die Sonne, mit den Wirrungen der Geschichte. „Das Ende ist nahe!“

Doch nicht nur die weihnachtliche Vorfreude machen es uns schwer, auf den Text zu hören. Die apokalyptische Deutung der Zeit ist uns zum Rätsel geworden. Und die Bilder von Hieronymus Bosch stoßen uns eher ab, weil sie das Gericht in drastischen Bilder zeichnen. Da hilft es wenig zu sagen, dass es Zeiten gab, wo diese Bilder wichtige Hilfen zur Lebens- und Zeitanalyse waren. Wer die Schrecken der Pest und später die Schrecken des 30-jährigen Krieges durchmachen musste, fand in solchen Gemälden eine Hilfe zur Deutung. Nun gab und gibt es zu allen Zeiten Kriege und Katastrophen. Doch wir schauen sie uns heute eher aus der sicheren Distanz des Fernsehsessels an.

Nun mutet uns der Evangelist Matthäus aber diese apokalyptischen Reiter zu: falsche Christusse, Kriege und Kriegsgeschrei, Hungersnöte, Erdbeben, Bedrängnisse, falsche Propheten, die Ungerechtigkeit wird groß und die Liebe erkalten. Und es wäre ein Leichtes, dafür aktuelle Beispiele zu finden. Falsche Heilsversprechen hatten wir in der deutschen Geschichte genug und so mancher falsche Prophet von braun bis rot, von k wie kommunistisch bis k wie kapitalistisch fällt uns da gewiss ein. Der 11. September 2001 und so mancher Tsunami wären hier zu nennen. Wer sich regelmäßig der Verkündigung von Heute Nachrichten oder Tagesschau aussetzt, wird ohne Mühe die alten Bilder übersetzen können. Das wäre so gar kein Problem! Und so mancher hat mit diesen Katastrophen auch schon das Ende gewähnt. Unter http://www.unmoralische.de/weltuntergang.htm findet man im Internet eine lange Liste vergangener Weltuntergangstermine. Und für den 20.12.2012 ist ein weiterer Termin für den Weltuntergang festgelegt. Jedenfalls behauptet dies der Kalender der Maya und Roland Emmerich hat es gewaltig in Szene gesetzt. Emmerich folgt da einer gewissen Tradition: nach „Independence Day“ und „The Day after Tomorrow“ 2009 sein nächster Weltuntergangsfilm 2012. Niemand setzt das Ende der Welt so schön in Szene wie er. Und bei allem bleibt er seinem „Arche Noah Prinzip“ treu. Denn alle Filme enden mit einem Happy End. Das Ende ist doch nochmals abzuwenden.

Diese Filme arbeiten mit unseren Ängsten. Hier werden Geschehnisse in Szene gesetzt, vor denen wir uns fürchten. Jesus malt seinen Jüngern damals Szenen vor Augen, die ihnen Angst machen, die ihnen Angst machen müssen. Das nimmt man nicht so einfach leicht hin, besonders nicht, wenn man selbst ganz persönlich davon betroffen ist. Diese Ängste sind Bestandteil ihres Lebens und in ähnlicher oder anderer Form auch unseres Lebens. Und wir kommen von ihnen nicht so einfach los. Sie sind real. Ob wir nun den großen deutschen Philosophen Martin Heidegger bemühen – Angst ist der Grundtatbestand bzw. „Hauptexistential“ menschlicher Existenz – oder als Christen besser Jesu Worte selbst hören – „In der Welt habt ihr Angst!“ – wir können gar nicht anders, als bestätigend zu nicken.

Doch das ist nicht die eigentliche Botschaft von Jesus an seine Jünger. Er wiederholt nicht einfach, was andere auch schon gesagt haben oder was die Jünger selbst angstvoll sehen oder in der Zukunft befürchten. Wenn hier schon vom Ende die Rede ist, dann aber doch nur darum: Am Ende geht es um Gott und seinen Christus! Denn das vermeintliche Ende, ist eben nicht das Ende. Wie der Anfang der Welt bei Gott ist, so ist auch ihr Ende bei Gott zu finden! Als Christen erblicken wir Gott am Anfang unseres Lebens: „Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde. Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war.“ Da sollten wir ruhig noch ein paar Verse mehr aus Psalm 139 lesen, um darüber zu staunen, wie Gott vor unserem Anfang schon war und unseren Anfang mit seiner Liebe begleitet hat. Hier am Ende aller Zeiten ist ER, Gott, auch. In allem Chaos ist ER, Gott. Am Ende kommt Gott zu uns, um endlich ganz bei uns zu sein. Das ist eine adventliche Nachricht. Da kommt einer, Gott selbst. Für diesen Gott lohnt sich das Warten, das Ausharren, das Bleiben. In aller Angst besetzten Zeitansage ist das eine frohe Kunde, eine gute Nachricht: Gottes Christus kommt!

O ja, sagen wir: Christus kommt! Das bekennen Christen bereits im Glaubensbekenntnis: „Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten“. Hier in den Kapiteln 24 und 25 bekommt das Ganze aber nochmals eine weltgeschichtliche Dimension. Der kommenden Christus ist der Weltenrichter! Und mit ihm wird diesem Weltuntergangsszenario ein Ende gesetzt. Das Leid von Kriegen und Katastrophen behält am Ende eben nicht das letzte Wort. Unterdrückung und Verfolgung ist eben nicht das Letzte und schon gar nicht das Letztgültige. Die Mächtigen dieser Welt behalten sie nicht, die Macht. Sie machen Angst, führen in die Enge, doch am Ende haben sie nichts, gar nichts. Am Ende stehen sie mit leeren Händen da. All dieser Unsinn menschlicher Überhebung über andere und über Gott, eine aus den Angeln gegangene Erde – sie gehen zu Ende, ihnen gehört nicht das Ende. Oder anders formuliert: Auch wenn wir manchmal versucht sind, der Welt ein böses Ende zu bescheinigen. Es nimmt doch ein gutes Ende!

Doch wann kommt nun das Ende? Diese Frage lässt sich eindeutig beantworten. Katastrophen, Kriege, Ungerechtigkeit und fehlende Liebe sind keine brauchbaren Zeichen für ein nahendes Ende. Das sind schlechte Messinstrumente. Ihnen gehört das Ende nicht. Das Ende gehört der guten Nachricht des Evangeliums. Durch alle Hindernisse und Ängste hindurch, hat Gottes Botschaft das letzte Wort. Das Evangelium ist überall zu hören. Ob also nun das Ende schon morgen wäre oder erst in 100 oder gar 1.000 Jahren. Weder Drohungen noch Bedrohungen bleiben bis zum Ende, aber die Rede von einem Gott, der zu uns kommt, der bei uns bleibt, dessen Hütte bei uns Menschen ist.

Und wenn wir diese Botschaft vom guten Ende gehört haben, dann können wir uns auch auf Weihnachten freuen. Der am Ende aller Zeiten zu uns kommt, kommt schon jetzt als Hoffnungsträger, Friedensbringer und Heiland. Gott in Christus sagt schon jetzt: Dein Ende soll gut werden! Das Ende der Welt wird gut! Darum lasst uns schon jetzt damit anfangen, ihm zu glauben, diesem Jesus Christus zu vertrauen.

Amen!