Greifbar

GreifBar plus am 09.10.2011

GreifBar_plus_Lk_9.mp3
GreifBar_plus_Lk_9.pdf

  


Einführung von GreifBar – Werk & Gemeinde in der Pommerschen Evangelischen Kirche


 

 

                                          Lebensrettungsgesellschaft oder Yachtclub


 

    1 Jesus rief die zwölf Jünger zusammen und gab ihnen Kraft und Vollmacht, alle Dämonen auszutreiben1 und die Kranken zu heilen. 2 Er sandte sie aus mit dem Auftrag, die Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden und die Kranken gesund zu machen. 3 »Nehmt nichts mit auf den Weg«, sagte er zu ihnen, »keinen Wanderstab, keine Vorratstasche, kein Brot und kein Geld; auch soll keiner zwei Hemden bei sich haben. 4 Wenn jemand euch in seinem Haus aufnimmt, dann bleibt bei ihm, bis ihr die Ortschaft wieder verlasst. 5 Wenn euch aber in einer Stadt die Leute nicht aufnehmen, dann verlasst den Ort und schüttelt den Staub von euren Füßen als Hinweis auf das Gericht, das sie erwartet.« 6 Die Jünger machten sich auf den Weg und zogen von Dorf zu Dorf. Überall verkündeten sie die Botschaft ´vom Reich Gottes` und heilten die Kranken. (Lk 9f)

1.

 

Wer eine Vision hat, lebt anders. Liebe GreifBar-Gemeinde, vor wenigen Tagen starb  Steve Jobs, Begründer von Apple und Pixar, erst 56 Jahre alt, an Krebs. Menschen legen Blumen vor den Applestores nieder, Barack Obama nennt Jobs einen der größten Erfinder aller Zeiten und die Bundesregierung trauert öffentlich.  Immer wieder wird an eine Rede erinnert, die Steve Jobs vor 6 Jahren vor Studienabsolventen in Stanford gehalten hat. Er wusste damals schon um seine sehr begrenzte Lebenserwartung. Ein paar Sätze aus seiner Rede – nein, wir Apple-Freaks halten Jobs nicht für einen neuen Evangelisten, seine Episteln haben wir nicht an unsere Bibeln getuckert! – aber ein paar Sätze aus seiner Rede finde ich bemerkenswert:

 

<a name="OLE_LINK1">„Mir klarzumachen, dass ich bald tot sein werde, ist das wichtigste Werkzeug, das ich je hatte, um die großen Entscheidungen in meinem Leben zu treffen. Denn alles, alle äußerlichen Erwartungen, aller Stolz, alle Furcht vor Blamagen, all diese Dinge verschwinden im Angesicht des Todes und lassen nur das übrig, was wirklich wichtig ist.“</a>(1)

 

Wow, was für ein Satz: Im Angesicht des Todes schrumpft alles auf sein Maß zusammen, was nicht Bestand hat. Und im Angesicht des Todes bleibt alles das, was ich mit meinem Leben wirklich anfangen soll. Das ist die Kraft von Visionen: Was soll ich mit meinem Leben wirklich anfangen, um nicht am Tag meines Todes nur noch Bedauern zu spüren?

 

 

 

2.

 

Nun haben wir alle unser Leben zu leben und können uns nicht entscheiden, welche äußeren Bedingungen wir uns wünschen. Je älter wir sind, desto mehr steht fest: Die Pflichten nehmen zu, die Freiräume ab. Es ist offenbar immer weniger möglich und immer mehr wirklich. Das ist so. Aber: Wir können immer noch sagen, an welchen Stellen wir uns mehr einbringen, wo wir Herzblut investieren, auf was wir verzichten, wo wir uns richtig reinhängen, was wir einfach nicht mehr so ernst nehmen wollen.  Eine starke Vision kann unsere Schwerpunkte verschieben.

 

„Es sprach aber der Herr durch eine Erscheinung in der Nacht zu Paulus: Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin mit dir, und niemand soll sich unterstehen, dir zu schaden; denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt.“(2)

 

Das ist die Vision, die Jesus unserer Gemeinde gegeben hat, für diese Stadt: Wir sind Teil seiner Mission, sein Volk auch in dieser Stadt zu sammeln, und unser Part sollen die sein, die in keine Kirche gehen. Eine Gemeinde für Menschen, die in keine Kirche gehen. Unser Part sollen Menschen sein, die von Jesus nichts wissen und von Gott weit weg sind. <a name="OLE_LINK2">Unser Part sollen Menschen sein, die verletzt, verunsichert, zweifelnd, übersehen, arm, überfordert, ohne Sinn und Vision für ihr Leben, von Sorgen umwölkt, von Dunkelheit zu Boden gedrückt sind. </a>Die mit GreifBar vor 10 Jahren im Wohnzimmer des Bischofs anfingen, sagten: Das ist den Einsatz unseres Lebens wert. Das hat Bestand, wenn wir fragen: Wofür lohnt es zu leben? Das ist unsere Vision.

 

Ich möchte Glanz und Elend einer solchen Vision gerne in den nächsten Minuten beleuchten und von einer anderen Truppe von Menschen erzählen, die eine Vision hatten. Und dann möchte ich uns an die ersten Jünger erinnern, die von Jesus ausgesandt wurden. Das sind die beiden Gedanken, über die ich sprechen möchte, in der Hoffnung, dass sie Euch einleuchten, haften bleiben und zu Herzen gehen. Also, legen wir los?

 

3.

 

Im Jahr 1806 gründeten ein paar tapfere Leute an der amerikanischen Ostküste einen kleinen Verein. (3) Es waren Freiwillige, die sich ein Ziel gesetzt hatten: Sie wollten die schiffbrüchigen Seefahrer vor der Küste von Massachusetts retten. Seefahrt war damals eine äußerst gefährliche Angelegenheit: Die Schiffe waren oft den Stürmen nicht gewachsen und die Felsenküste forderte viele Opfer. Die Freiwilligen an der Ostküste gründeten also eine Lebensrettungs-Gesellschaft. Sie taten sich zusammen und wurden eine verschworene Gemeinschaft. Sie bauten an der Küste entlang kleine Hütten mit Booten, Ausrüstung und Lebensmitteln.  Sie dachten sich einen speziellen Karren aus, mit dem sie ans Ufer fuhren und alles heranschafften, was sie brauchten, um Ertrinkende zu retten. Sie hielten permanent Ausschau, ob da draußen jemand in Not war. Und wenn ein Schiff im Sturm unterzugehen drohte, riskierten sie ihr Leben. Sie bekamen kein Geld und keine Anerkennung, sie taten das alles nur, weil sie jedes menschliche Leben so sehr achteten. Sie hatten einen Slogan: „You have to go out, but you don’t have to come back.“ Du musst rausfahren, aber nicht unbedingt wieder heimkommen. Finde ich toll als Motto, um Freiwillige zu gewinnen. Aber es gab genug Leute, die mitmachten. Leben retten – eine Lebensrettungs-Gesellschaft von Freiwilligen.

 

Nur änderten sich irgendwann die Zeiten. 1915 wurde die US-Coast-Guard gegründet. Jetzt gab es Profis. Und die freiwilligen Lebensretter sagten: Lasst es doch die Profis machen. Sie sind besser ausgebildet. Sie kriegen Geld. Sie haben bessere Ausrüstung. So hörten sie auf, Leben zu retten. Die kleinen Hütten verfielen, die Boote verrotteten. Aber – die Freiwilligen hörten nicht auf sich zu treffen. Sie kamen zusammen. Sie veranstalteten Vorträge und Dinner-Partys. Sie fanden es nett, gute Gemeinschaft zu pflegen. – Sie waren nur nicht mehr im Lebensrettungs-Geschäft.

 

Das passiert andauernd, liebe Freunde. Andauernd, auch in Kirchen, auch in Gemeinden, in traditionellen und in alternativen Gemeinden. Menschen vergessen, was Jesus gesagt hat, sie vergessen, dass sie im Lebensrettungsgeschäft sind. Sie treffen sich trotzdem. Sie möchten die gute Gemeinschaft genießen. Sie veranstalten ein reges Gemeindeleben. Sie sind ungeheuer aktiv und halten ihr Programm am Laufen. Aber sie senden niemanden mehr aus auf die Suche nach Schiffbrüchigen. Sie halten nicht mehr Ausschau nach Ertrinkenden. Sie sind nicht mehr im Lebensrettungs-Geschäft. Sie sind so beschäftigt. Das rege Vereinsleben. Jede Woche Gottesdienst und die Hauskreise! Und vor allem: die eigenen kleinen Dinge, Einkäufe, Verabredungen, netten Hobbys, andere Prioritäten, Leitern hochklettern. Sie vergessen die Schiffbrüchigen: <a name="OLE_LINK5">Menschen ohne Hoffnung, weit weg von Gott.  Sie sehen sie nicht mehr: Menschen, die verletzt, verunsichert, zweifelnd, übersehen, arm, überfordert, ohne Sinn und Vision für ihr Leben, von Sorgen umwölkt, von Dunkelheit zu Boden gedrückt sind. Menschen, die keinen Schimmer haben, wie viel sie Gott wert sind. </a>

 

Die Lebensrettungsgesellschaft von Nantucket, Massachusetts, ist heute ein Yachtclub. Nichts gegen Yachtclubs. Das ist schon o.k. Aber es gibt einen Unterschied: Yachtboote sind zum Vergnügen gebaut. Ein Yachtclub soll seinen Mitgliedern Spaß machen und das Leben verschönern. Alles dient der Bequemlichkeit der Mitglieder. Da streitet man sich auch schnell mal. Wenn das Essen nicht so gut ist oder die Jugendarbeit zu wünschen übrig lässt oder die Hauptversammlung mir nichts bringt, dann geht man eben nicht mehr hin. Für so etwas haben Lebensrettungs-Gesellschaften keine Zeit. Sie wissen: Wir brauchen einander, wir sind auf jede Hand angewiesen. Sie haben Wichtigeres zu tun. Yachtclubs werden für Mitglieder gegründet, Lebensrettungsgesellschaften nicht! Die Kirche, die Gemeinde von Jesus, ist die erste Organisation gewesen, die für das Wohl von Nicht-Mitgliedern gegründet wurde. Die Gemeinde Jesu ist für die da, die ihr noch nicht angehören. Und, Ihr Lieben, lasst mich das an diesem feierlichen Tag so deutlich wie nur möglich und so deutlich wie nötig sagen: Wir werden kein Yachtclub, wir sind eine Lebensrettungs-Gesellschaft. Und wer hier mittun will, weiß: Ich bin jetzt mit meiner kleinen oder großen Kraft, mit meinen leuchtenden oder unscheinbaren Gaben, mit meiner schwierigen oder heilen Lebensgeschichte, mit allem ein wichtiger Teil einer Lebensrettungs-Gesellschaft. Wir halten uns nicht mit Yachtclub-Themen und nicht mit Yachtclub-Streitereien auf. Und wir treffen unsere Entscheidungen nur, nur und ausschließlich mit der Frage: Tun wir, wozu wir bestimmt sind? Folgen wir damit noch unserer Vision? Ihr Lieben, für GreifBar gibt es keine andere Berechtigung. Wir haben kein Recht, uns als etwas Eigenes in unserer Kirche neben die Gemeinden zu stellen, z.B. neben unsere Partner hier in der Johannesgemeinde, wir haben kein Recht dazu, wenn wir nicht unsere Freiheit dazu nutzen, das eine zu tun, wozu wir da sind: frei von vielen Pflichten, frei für die Suche nach den Schiffbrüchigen und Ertrinkenden.

 

4.

 

Denn dieses schöne Bild ist nichts anderes als eine Erinnerung an die Berufung der Jünger durch Jesus. Und das schauen wir uns jetzt im letzten Teil der heutigen Predigt etwas genauer an. Wer in seiner Bibel mitlesen möchte, es geht um Lukas 9 und 10.

 

Manche sagen ja, man könne auch an Gott glauben, ohne zur Kirche zu gehen. Oder zu einer Gemeinde verbindlich zu gehören. Vielleicht überrascht es Euch zu hören, aber Jesus hat nie Menschen aufgefordert, zur Kirche zu gehen. Aber er hat ihnen gesagt: Folgt mir nach. Und damit hat er gesagt: Ihr seid Kirche. Zur Kirche geht man nicht, Kirche ist man. Die Jünger dachten: naja, prima, wir sollen Jesus folgen, dann sitzen wir ja in der ersten Reihe und können zuschauen, was er so macht. Aber schon wieder Überraschung: Jesus sagt ihnen ziemlich bald: Das ist nicht der Plan, dass Ihr mitlauft und zuguckt. Ihr werdet gehen. Hier geht es nicht um eine „Komm-und-sieh“-Sache, hier geht es um eine „Geh-und-tu“-Sache. Da haben die Jünger gefragt: Entschuldige mal, Jesus, aber was bitteschön sollen wir denn tun, wenn wir gehen? Ach, sagt Jesus, macht einfach, was Ihr bei mir gesehen habt. Kümmert Euch um die Leute. Wenn jemand krank ist, betet für ihn. Wenn jemand hungrig ist, gebt ihm zu essen. Wenn jemand einsam ist, besucht ihn. Wenn jemand von Gott nichts weiß, erzählt ihm von mir. Tut einfach, was Ihr hier bei mir gesehen habt:

 

Ich möchte mit Euch vier kleine Details dieser ersten Aussendung der Jünger als Lebensrettungs-Gesellschaft anschauen, fünf kleine etwas verstörende Details:

 

1. Detail: Was sollen wir denn mitnehmen, fragen die Jünger. Nichts, antwortet Jesus. Keinen Stab, keine Tasche, kein iPhone, keinen Anzug zum Wechseln und kein Geld. Ihr betretet die geistliche Wirklichkeit. Gott sorgt für Euch. Er ist der Gott des Manna in der Wüste und des täglichen Brotes. Das erste verstörende Detail: Seit diesen Tagen ist es so, dass Gemeinden, die nichts haben, aufblühen und wachsen. Wo sie am wenigsten mit Ressourcen ausgestattet sind, wachsen und gedeihen sie. Wo sie reich werden, werden sie nicht selten satt, selbstgenügsam und eingebildet. Sie denken dann: Wir haben alles und brauchen nichts. Sie machen aber auch nicht mehr die überraschende Erfahrung, dass er Gott von Manna und täglichem Brot für sie sorgt, so dass sie die Miete für den Gemeinderaum zahlen können, dass sie mit ihrer kleinen Kraft einer Gemeinde aus Freiwilligen nicht erschöpft am Boden liegen, und dass die Ressourcen für die tapferen Weihnachtsaktionen doch noch zusammen kommen. Was sollen wir mitnehmen? Nichts. Wir haben kein Gebäude, keine Hauptamtlichen, nicht viel Geld auf dem Konto und immer zu wenig Kraft. Was sollen wir mitnehmen? Gott wird für uns sorgen. 

 

2. Detail: Sie kommen zurück und erzählen: <a name="OLE_LINK4">„Als die Apostel zu Jesus zurückkamen, berichteten sie ihm alles, was sie getan hatten.“ </a>Sie kommen und erzählen und erzählen. Und sie sagen sich selbst: Besser wird es nicht mehr. Sie sind hundemüde und doch glücklich. Sie wissen: Das lohnt sich. Wenn wir eines Tages sterben, können wir zurückschauen und sagen: Wir haben unser Leben nicht verplempert. Wir waren Teil von etwas ganz Großem. Und damit wir uns nicht falsch verstehen: Das waren ganz durchschnittliche Leute. Der Rest des Kapitels in Lukas 9 handelt von lauter Pannen und von Unverständnis und Fehlern und Konflikten im Kreis der Jünger. Sie verstricken sich in einen Streit, wer der Wichtigste und Größte ist, sie scheitern bei einem Versuch, einen jungen Mann zu heilen und sie werden so wütend, dass sie Feuer vom Himmel regnen lassen wollen. Das war nicht die Elite. Aber keine Unvollkommenheit, keine erwiesene Dummheit und Armut, keine tiefsitzende Verletzung aus der eigenen Lebensgeschichte, kein falscher Ehrgeiz hat Jesus gestoppt zu sagen: Ihr seid dran. Euch brauche ich. Und dann gehen sie los, so wie sie eben sind, und kommen wieder voller Freude. Hundemüde und glücklich. Wir sind Teil einer großen Sache. GreifBar ist nicht Vereinsmeierei im Yachtclub, GreifBar ist die Einladung, mit meiner Gabe und trotz meiner Grenzen Teil von etwas Großem zu sein, Teil eines Traumes, den Gott träumt, Teil einer Vision, die er uns geschenkt hat.

 

3. Detail: Wenig später schickt Jesus eine größere Schar los, 72 sind es  jetzt. Ich dachte: 72, das ist ungefähr unsere Stärke, das ist die Zahl derer, die uns geblieben sind. Und Jesus sagt: Guckt sie Euch doch an, lauter Schafe ohne Hirten. Es zerreißt ihm das Herz: Schafe ohne Hirten. Das ist Greifswald ohne Jesus: Schafe ohne Hirten. Menschen ohne Hoffnung, weit weg von Gott.  Menschen, die verletzt, verunsichert, übersehen, zweifelnd, arm, überfordert, ohne Sinn und Vision für ihr Leben, von Sorgen umwölkt, von Dunkelheit zu Boden gedrückt sind. Menschen, die keinen Schimmer haben, wie viel sie Gott wert sind. Solche Menschen brechen Gott das Herz. Darum ruft er nach Arbeitern. Nicht nach Glaubenshelden, ganz schlicht, nach Arbeitern, die zupacken können. Und die Arbeiter sollen sich vom Erbarmen, Mitgefühl und Tatendrang von Jesus anstecken lassen, nicht von Hochmut und Verachtung und Ekel und Missgunst und Kopfschütteln angesichts des zerbrochenen Lebens anderer Menschen.  Das dritte Detail betrifft nun aber eine erneute Merkwürdigkeit: Grüßt niemanden auf der Straße. Das klingt nun doch unhöflich, wenig kontaktwillig und schon gar nicht liebevoll. Grüßt niemanden auf der Straße. Aber das ist gerade keine Anleitung zu schlechten Manieren, es ist vielmehr ein Ausdruck von Dringlichkeit. Grüßen im Orient ist etwas anderes als in Pommern oder Westfalen. Grüßen in Westfalen geht so: „Tach!“ – „Tach auch! – „Un, wieisset?“ - „Jooo!“ – „Na, Hauptsache!“ – und fertig. Grüßen im Orient dauert viel, viel, viel länger. Jesus meint: Lasst Euch nicht aufhalten. Die Ewigkeit steht auf dem Spiel. Es geht um Menschenleben. Sie könnten ihr Leben hier und jetzt und ihr Leben dort und dann verspielen. Lasst Euch nicht aufhalten. Es kann doch nicht sein, dass Ihr weniger Dringlichkeit verspürt als eine Firma, bei der es nur um Geld geht. Lasst es Euch dringlich sein. Friedrich von Bodelschwingh pflegte zu sagen: Schneller, sie sterben sonst darüber. Lasst Euch nicht aufhalten. Gemeinden, die es eine Weile schon gibt, stehen immer in der Gefahr, sich auf Nebenschauplätzen zu verlieren. Da wird plötzlich so vieles wichtig, da muss man dann hier mittun und dort bei Kirchens nicht fehlen, und diese Erwartung an uns nicht enttäuschen usw. Das darf nicht passieren: Kein menschliches Nebenthema darf uns von unserer Vision wegziehen. Manchmal frage ich mich: Wann haben wir aufgehört, solche Dringlichkeit zu verspüren? Wann haben wir angefangen, manche andere Agenda voran zu stellen? Aber keine, auch keine private Agenda darf wichtiger werden als der Ruf von Jesus. Nichts und niemand darf unsere Kraft absaugen von der Arbeit, an die Jesus uns stellt.

 

Und das letzte, 4. Detail: „Siehe, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe.“ Dieser Weg, sagt Jesus, wird kein leichter sein. Die Jünger, die er aussandte, haben es zu spüren bekommen: Was tun Wölfe mit Schafen? Das ist nicht lustig! Wir würden wohl lieber als Wölfe unter die Schafe gehen, und die Kirchen waren da auch öfter schon ziemlich gut drin. Aber Jesus schickt uns wie Schafe unter die Wölfe. Wir sind die Ohnmacher und Habenichtse. Wir haben nur gute Worte, kleine Taten, etwas Mitgefühl, ein offenes Ohr, sichere Orte für suchende Menschen, liebevolle Gottesdienste, nichts Aufregendes. Wie der Herr selbst. Er geriet unter die Wölfe. Und man hielt eine Kreuzigung für eine effektive Abschreckung. Aber das ging nach hinten los. Die Schafe unter den Wölfen – und doch nicht aufzuhalten. Menschen werden getröstet, erfahren Liebe, entdecken ihre Gaben, werden frei, werden froh über Gott, werden stark für andere. Schafe unter Wölfen – nicht aufzuhalten, wenn man mit Gottes Augen schaut. Jesus jubelt, als er das sieht: Kleinen Leuten hast du das geoffenbart! Das Pilotprojekt hat funktioniert. So kann es gehen, überall in der Welt. Die Jünger begreifen: Der Böse wird gestürzt. Kommen und zuschauen war o.k. Gehen und Tun ist unglaublich! Der Böse verliert an Boden. Die Bosheit hält dieser Macht der Schafe unter den Wölfen nicht stand. Gottes Reich kommt, Gottes Wille geschieht, nicht nur im Himmel, nein auf Erden.

 

So fing es an, so begann die Zeit der Jesus-Vision. Die Gemeinde: eine „Geh-und-und-tu“-Bewegung, eine Lebensrettungsgesellschaft, mit einer Vision, die der Tod nicht zerstören kann. Und wenn Apple sein letztes iPad verkauft hat, wenn bei BWM der letzte 7er vom Band gelaufen ist, wenn McDonalds seinen letzten Burger gebraten hat, wenn Goldman-Sachs sein letztes Finanzgeschäft getätigt hat, dann wird es diese Schafe unter Wölfen immer noch geben, dann wird man sehen, welche unaufhaltsame Kraft bei ihnen wirkte. Dann wird Gottes Reich alles in allem sein. Irgendwo dazwischen stehen wir, zwischen den Jüngern damals und dem Tag, an dem alles Gottes Herrschaft alles in Ordnung bringt, irgendwo dazwischen: Wollt Ihr diese Vision neu ergreifen? Wollt Ihr es wagen, als Lebensrettungs-Gesellschaft? Wollt Ihr losgehen mit nichts, im Vertrauen, dass Gott sorgt? Wollt Ihr das erleben, wie es ist, heimzukommen, todmüde, aber glücklich? Wollt Ihr mit dieser Dringlichkeit leben und alle anderen Agenden hintanstellen? Wollt Ihr es riskieren, als Schafe unter Wölfen, aber mit unaufhaltsamer Kraft? Ich weiß, wir sind norddeutsche Lutheraner, aber wenn Euch danach ist, wäre jetzt ein sehr guter Zeitpunkt für ein kräftiges, mehrfaches, lautes und folgenreiches: AMEN.

 

 


1 FAZ, Nr. 233, 7.10.2011, 33.

2 Apg 18,9f – GreifBar-Visionstext.

3 Nach einer Idee von John Ortberg – Vision Weekend MPPC 18.9.2011.