GreifBar am 10.04.2011
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AUßER KONTROLLE „DAS MACHT MIR ANGST“
[eingebrannte Bilder]
Es ist wohl das zweite Bild dieses Jahrhunderts. Wenn unsere Urenkel einmal in der Schule das Ge-schichtsbuch über das 21. Jahrhundert in die Hand nehmen, dann werden sie vermutlich als erstes Bild das der brennenden Twin-Towers des New Yorker World Trade Centers sehen, das Bild des Terroranschlags vom 11. September 2001.
Jetzt, knapp 10 Jahre später, gibt es wohl das zweite Bild dieses Jahrhunderts: das Foto des kollabierten Atomkraftwerkes in Fukushima. Beides Bilder, die sich eingebrannt haben in die Köpfe unzähliger Menschen und zu denen wir wohl noch im hohen Alter etwas erzählen können.
[ein vorbereitetes Land]
Unglaublich lange 150 Sekunden hat die Erde an diesem 11. März in Japan gebebt – das sind zweieinhalb Minuten. Zweieinhalb Minuten, in denen die japanische Hauptinsel Honshu um etwa 2,40 m nach Westen verschoben wurde. Erstaunlich, dass viele Gebäude diesen Erdstoß standgehalten haben, immerhin war es mehr als 1000 Mal so stark wie das Beben Ende Februar in Christchurch, Neuseeland. Das zeugt davon, wie gut sich Japan darauf vorbereitet hat.
Drei Erdplatten treffen hier aufeinander und verschieben sich kontinuierlich, und wo sie sich ineinander verhaken, macht sich der ungeheure Druck in Erdstößen Luft – mehr als tausend Nachbeben haben sich in diesen vier Wochen ereignet, das stärkste am vergangenen Freitag mit 7,4. Schon in der Schule setzen sich die Kinder mit den Naturgewalten auseinander und lernen, wie sie sich bei einem Erdbeben in Sicher-heit bringen können. Die Mensche in Japan wissen um die Macht der Natur, die nicht einfach so zu bändi-gen oder technisch zu beherrschen ist.
Und während Japan auf das Erdbeben gut vorbereitet schien, konnte der durch das Beben hervorgerufenen Welle offenbar nichts standhalten. Mit 700 km/h bald so schnell wie ein Verkehrsflugzeug raste die Welle auf die Küste zu. Und weil das Epizentrum so nah an der Küste war, blieb kaum Zeit für das ausgereifte Frühwarnsystem, das neben Radio und Fernsehen auch per sms die Menschen warnte. Die Tsunami-Schutzwände aus Stahlbeton wurden einfach so umgespült oder von der Welle übersprungen. Die Bilder zeigen die Verwüstung, die die Welle auf ihrem Weg ins Landesinnere hinterlassen hat. Die Katastrophe fand gegen 15 Uhr Ortszeit statt, als viele Familien noch verstreut auf der Arbeit oder unterwegs und die Kinder in der Schule waren. Wir können wohl nur ahnen, was das für die betroffenen Menschen bedeutet, die nicht nur Auto und Haus verloren haben, und nicht nur den Schock der Katastrophe verarbeiten müs-sen, sondern von denen tausende bis heute nicht wissen, ob ihre Angehörligen überhaupt überlebt haben.
Die Ausmaße des Tsunamis werden langsam sichtbar: man hat inzwischen 12.600 Toten registriert, noch immer werden 15.000 Menschen vermisst und tausende leben noch in Notunterkünften. Helferteams und Spenden aus der ganzen Welt sind schon in Japan eingetroffen und werden sicher auch noch über lange Zeit benötigt.
[und dann Fukushima]
Aber als wären das alles noch nicht genug, ist zu dem Erdbeben und dem Tsunami noch die Havarie des Atomkraftwerks gekommen. Nur ganz allmählich sickerten die Informationen über die wahren Ausmaße der Reaktorkatastrophe durch: geborstene Reaktoren, eingesetzte Kernschmelze, hochradioaktives Wasser fließt über Wochen in den Pazifik, die Gegend um das Kraftwerk auf Jahrzehnte verstrahlt und unbewohnbar.
Es war eine simple Rechnung: die Sicherheitsstandards waren ausgerichtet an einem Erdbeben der Stärke 8 und einer damit einhergehenden Flutwelle von 10 Metern Höhe. Eine Verschärfung der Sicherheitsstan-dards hätte zwar das Restrisiko weiter minimiert, aber zugleich die Kosten für eine entsprechende Sicher-heitstechnik exponentiell in die Höhe getrieben. Der Reaktorbetrieb wäre unrentabler geworden. Nun hatte das Erdbeben eine Stärke von 9 und war damit zehn Mal stärker als „vorgesehen“, und die Tsunami-Welle eine Höhe von 14 Metern. Die Stromleitungen wurden unterbrochen, die Dieseltanks der Notstromaggregate wurden aus ihrer Verankerung gerissen und fortgespült. Die Kühlung der Brennstäbe fiel komplett aus und die einsetzende Kettenreaktion ist bis heute nicht beherrschbar.
Ganz nebenbei und viel später kam dann noch heraus, dass Sicherheitsvorkehrungen offensichtlich nicht eingehalten worden waren und die Rettungskräfte über die Gefahren ihres Einsatzes nicht unterrichtet wor-den waren.
Und so hat sich die verheerende doppelte Naturkatastrophe mit einer menschlich verursachten Katastrophe verschränkt. Der japanische Philosoph Kenichi Mishima sagte dazu:
„So ein Erdbeben geschieht selbst in dieser erdbebenreichen Region höchstens einmal in tausend Jahren. Doch das Desaster von Fukushima ist kein Schicksalsschlag. Es hat menschliche und vor allem soziale und politische Ursachen“
[Informationspolitik]
Die Menschen in Japan fragen sich angesichts der Lügen und Halbwahrheiten, die ihnen ihre Regierung über die Katastrophe bietet, ob sie den Informationen überhaupt glauben können. Und auch vielen Men-schen bei uns geht das Beschwichtigungsgerede auf die Nerven, weil es manchmal den Eindruck macht, als seien wirtschaftliche Interessen wichtiger als der Schutz der Bevölkerung.
[abschätzbare Gefahren]
Wir Menschen scheinen ein ziemlich gesundes Gespür für die Bewertung von Gefahren zu haben.
• Im Januar 2007 stürzt von der Fassade des neu gebauten Berliner Hauptbahnhofes direkt vor dem Haupteingang ein zwei Tonnen schwerer Stahlträger 40 Meter in die Tiefe.
• Im März 2009 brach wegen der Arbeiten am nahe gelegenen U-Bahn-Schacht das Kölner Stadtar-chiv zusammen.
• Und es ist noch keine Woche her, da hat man an einer Reihe von Boing 737 brüchiges Aluminium im Dach festgestellt.
Und doch hat niemand bisher ernsthaft gefordert, keine Bahnhöfe, U-Bahnen oder Flugzeuge mehr zu bauen. Wir wissen um die Gefahren der Technik und nutzen sie. Das Risiko – so schlimm es in jedem Einzelfall ist – wir halten es gesellschaftlich für tragbar, weil: eingrenzbar. Wir können ihre Folgen in etwa abschätzen.
Und genau an dieser Stelle scheinen viele Menschen bei der Atomkraft nicht mehr mitzukommen. Natürlich: auch dieses Risiko kann man berechnen. Dann kann man sagen:
Bei einer durchschnittlichen Kernschmelzhäufigkeit von beispielsweise 1 zu 100.000 pro Anlage und Jahr – so der mittlere Wert in der internationalen Risikoforschung – ergibt sich in einem Zeitraum von 60 Jahren eine Wahrscheinlichkeit von einem Prozent, dass sich in einem der 17 deutschen Kernkraftwerke ein GAU ereignet.
Aber wenn nun hochradioaktiv verstrahltes Wasser in den Pazifik gelassen wurde und bereits in manchen Gegenden Kanadas das Trinkwasser deutlich höher radioaktiv belastet ist, dann wird deutlich, dass dieses „Restrisiko“ im Ernstfall nicht eingrenzbar und seine Folgen nicht abschätzbar sind.
Der Unterschied ist, dass das Erdbeben und der Tsunami ein Ende haben. Die Auswirkungen der Katastro-phe sind noch lange zu spüren, aber die Katastrophe selbst ist zu Ende. Die Leichen können geborgen, die Trauernden getröstet, der Schutt weggeräumt werden und der Wiederaufbau begonnen werden.
[außer Kontrolle]
All dies fällt in Fukushima weg: Im 20-km-Umkreis um das Kraftwerk sind immer noch keine Leichen ge-borgen, weil man die Rettungskräfte nicht der hohen Strahlung aussetzen will. Fast jeden Tag erreicht uns eine neue Hiobsbotschaft über fehlende Kühlung, fortschreitende Kernschmelze, austretendes hochradioaktives Wasser – und nun auch noch das AKW Onagawe. Ist das eine Problem behoben und eine Verschlimmerung gerade so verhindert, dann merkt man, dass die Lösung des einen Problems neue auf-wirft: das Meerwasser, mit dem man die Kernschmelze verhindern wollte, hat nun dazu geführt, dass sich das Salz auf die Brennstäbe setzt und eine Kühlung nicht mehr recht funktioniert. Das abgedichtete Leck, aus dem das hochradioaktive Wasser in den Pazifik floss, lässt die Gefahr von Wasserstoffexplosionen im Reaktor wachsen. Und so weiter.
Es ist wie ein Albtraum, der immer schlimmer und schlimmer wird, und dem wir nur entrinnen können, wenn wir aufwachen. Nur, dass es eben kein Albtraum, sondern Wirklichkeit ist.
Es ist etwas außer Kontrolle geraten. Das macht uns Angst. Eine Angst, die vielen Menschen nachts den Schlaf raubt und auf den Magen schlägt. Eine Angst, die Menschen einschnürt und die Lebensfreude nimmt.
Die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung hat in einer Stellungnahme auf ihrer Frühjahrstagung Ende März festgestellt:
„Im Hinblick darauf, dass diese Entwicklung in sehr vielen Menschen große Angst auslöst, sagen wir mit Entschiedenheit, dass es sich dabei um keine neurotische »German Angst« handelt, auch wenn nicht wenige Entscheidungsträger dies suggerieren wollen. Wir dürfen, ja wir sollten Angst davor haben, dass in einer grandiosen narzisstischen Selbstüberschätzung davon ausgegangen wird, die Kräfte der Atomenergie seien beherrschbar“.
[Angst wie ein Schleier]
Angst kann lähmen und uns unfähig machen, unser normales Leben weiter zu führen, weil wir die Bilder nicht los werden und uns ausmalen, was alles passieren kann.
Angst kann aber auch aktivieren. Da waren die einen, die bisher mehr oder weniger vertrauensvoll gedacht haben: „die Physiker und Atomexperten werden die Risiken schon richtig einschätzen“. Und da waren ande-re, die haben eher resigniert gedacht: „was da oben entschieden wird, kann ich sowieso nicht beeinflus-sen“. Jetzt ist das anders, viele werden aktiv, gehen auf die Straße, wechseln den Stromanbieter, beteiligen sich an den Wahlen – und machen ihr Kreuzchen woanders als bisher.
[Alarmanlage des Körpers]
Angst ist so etwas wie die Alarmanlage unseres Körpers. Es ist ein Schutzmechanismus, der die Sinne schärft und uns damit ermöglicht, uns bei Gefahr angemessen zu verhalten.
Als Alarmanlage vor Gefahren nimmt die Angst eine wichtige Funktion wahr. Auch wenn uns Angst nicht sagen kann, wie wir uns schützen können, stellt sie alle Ressourcen bereit, dass wir auf eine Gefahr rea-gieren zu können.
Die Angst vor dem Feuer, die Angst des Autofahrers vor zu hoher Geschwindigkeit, die Angst vor dem steilen Ufer rettet unser Leben. Sie ist gut und gesund und berechtigt. Genauso wie die Angst vor den unabsehbaren Folgen mancher Technik, die wir Menschen in die Hand nehmen. Es ist gesund, nicht alles, was machbar ist, auch zu tun. Es ist gesund, an manchen Stellen „Lieber nicht!“ zu sagen, weil wir die Konsequenzen nicht überblicken können. Der Kloß im Hals und das Gefühl der Beklemmung will uns war-nen: „mach das nicht, das bringt dich in Gefahr!“ Solche Angst schützt, setzt in Bewegung, sie aktiviert. Solche Angst ist lebensbejahend und lebensbewahrend.
Daneben gibt es auch andere Ängste, die wir um Himmels willen davon unterscheiden sollten:
• die Angst vor dem großen freien Platz und die Angst vor dem kleinen, engen Fahrstuhl.
• Die Angst vor großer Höhe und die Angst vor den kleinen Tieren mit den acht Beinen.
Solche Angst ist wie die Fehleinstellung einer Alarmanlage, die zu früh anschlägt. Beides in einen Topf zu werfen wäre genauso irrsinnig wie eine Alarmanlage auszuschalten, weil sie zu sensibel eingestellt ist. Wie die Alarmanlage neu justiert werden muss, braucht solche Angst die Hilfe des Arztes und des Therapeuten.
Das beklemmende Gefühl angesichts dessen, was wir in den Nachrichten sehen, ist eine sehr gesunde Angst, die uns sagt: Ja, es stimmt! Unser Leben ist gefährdet; wir haben die Natur nicht im Griff!
[man muss für alles büßen]
Ich habe in den vergangenen Tagen im Vorbeigehen gehört, wie sich auf der Bank in einem Einkaufszent-rum drei Männer über die Situation unterhalten haben und dann dieser Satz fiel:
„… Ja, man muss halt für alles büßen …“
Kennen Sie diesen Gedanken? Wenn die Kinder krank werden, obwohl man jetzt beim besten Willen keine Zeit und Kraft hat, sich auch noch darum zu kümmern, und dann dieser Gedanke hochkommt: „womit hab ich das verdient?“ oder: „was hab ich nur wieder falsch gemacht?“
Sae Aoki, eine 36-jährige Tokioterin, hatte in der Woche nach dem 11. März einen ähnlichen Gedanken, als sie sagte:
„Der Tokyoter Gouverneur hat die Katastrophe als ‚Himmerlsstrafe’ bezeichnet. Ein völliger Irrsinn. Ich fühle mich nicht bestraft, sondern geprüft: Schaffe ich es, Stärke zu zeigen?“
Wer prüft hier eigentlich? Wem gegenüber muss Frau Aoki Stärke beweisen? Und: was ist mit den Todes-opfern: wurden die dann doch „bestraft“?
Ich glaube, der Unterschied zwischen den Vorstellungen von Gouverneur Ishihara und Frau Aoki ist gar nicht groß. Sei es nun Strafe oder Prüfung, sei es die Japanerin oder die Männer im Einkaufszentrum: vor wem oder was müssen wir uns verantworten? Vor dem „Leben“? dem „Schicksal“? Wer genau notiert sich da unsere Missetaten und straft uns oder gibt uns eine Chance, uns zu bewähren?
Spielt die Natur, das Erdbeben also Schicksal? Und warum genau trifft es unschuldige Kinder? Warum Ja-pan und nicht Europa? Warum treffen die Naturkatastrophen überwiegend Menschen in den armen Ländern und nicht uns im reichen Norden, die wir doch an so mancher Ungerechtigkeit auf dieser Welt Schuld sind?
[der Turm von Siloah]
Als in Jerusalem zur Zeit von Jesus ein Turm einstürzt und 18 Menschen unter sich begrub, hatten die Menschen instinktiv denselben Gedanken: da hat sie für irgendetwas eine Strafe getroffen. Die Vorstellung vom „unbestechlichen Schicksal“ hatten Menschen offensichtlich zu allen Zeiten.
Jesus, der charismatische Redner und Wunderheiler aus der Provinz spricht die Menschen in Jerusalem darauf an:
„Was ist mit den achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms von Siloah den Tod fanden. Meint ihr, ihre Schuld war größer als die der anderen Einwohner von Jerusalem? „
Nein!, sagt Jesus, diese Katastrophe hat nichts mit Strafe oder Prüfung zu tun.
Als wollte er uns diesen Gedanken austreiben, weil er nichts erklärt und nicht hilft und nicht stimmt! Diese Menschen sind gestorben, weil der Turm eingestürzt ist. Fertig. Aus. Keine himmlische Macht hat nur auf diese 18 gewartet und im entscheidenden Moment am Fundament gerüttelt.
Kein unerbittliches Fatum und kein strafender Gott hat die am 11. März die Erde vor Japan erzittern lassen. Mit dem christlichen Glauben, mit Jesus und dem Gott der Bibel lässt sich das nicht so einfach machen. Das macht Jesus in diesem kurzen Gespräch den Umstehenden sehr deutlich.
[Religionskritik]
Zu allen Zeiten hatten die Menschen ihre Vorstellungen vom Schicksal, vom Fatum, von Gott. Und je nach-dem, in welche Ecke der Welt und zu welcher Zeit man lebte, hat man sich in dieses unerbittliche Schicksal ergeben oder man hat Mechanismen entwickelt, um die Götter mit bestimmten Opfern gnädig zu stimmen.
Seit der Zeit der Aufklärung sind all diese Vorstellungen entlarvt worden als das, was sie sind: Vorstellun-gen, Gedanken, menschliche Hirngespinste, auch wenn sie sich erschreckend fest halten können in unseren Köpfen und immer mal wieder hochkommen.
Feuerbach, Marx, Nietzsche und Co haben diese Kritik auf den Punkt gebracht und gesagt, dass unsere Gottesvorstellungen nur die Projektionen der menschlichen Sehnsüchte an den Himmel sind.
Offensichtlich hatten sie Recht. Es ist, als Würde Jesus ihre Kritik vorwegnehmen und sagen: „hört auf, Euch Gedanken über Gott zu machen! Hört auf, Euch vorzustellen, wie er ist und wie er handelt!“
Unsere Vorstellungen von Gott spielen keine Rollen.
Wenn es ihn gibt und er Gott – also: Schöpfer der Welt – ist, dann passt er sowieso nicht in unsere Vor-stellung, dann muss er sie sprengen.
[er stellt sich selbst vor]
Wir brauchen uns nicht vorstellen, wer Gott ist. Gott stellt sich selber vor. Genau das ist der Grund, warum Christen immer von Jesus reden. Genau darum geht es bei Jesus.
Weil Gott zu groß ist für unsere Vorstellung, macht er sich klein. Das ist Weihnachten: Gott wird Mensch, ein Baby. Er hat Hunger, er macht in die Windel. Er lacht, er weint. Er macht seinen Eltern Freude und lässt sie nachts nicht schlafen. Er wächst heran, lernt einen Beruf.
Und er ist dazu da, um uns Gott vorzustellen. Als wollte Gott sagen:
Schaut auf diesen Jesus, und ihr seht, wer ich bin. Seht euch an, wie Jesus mit Menschen umgeht, und zieht eure Schlüsse daraus.
Jesus hat Menschen nicht verurteilt. Wer den Religiösen nicht gut genug war: Jesus ist ihm begegnet. Je-sus hat Trost zugesprochen, Krankheiten geheilt, Beziehungen erneuert, Neuanfang ermöglicht.
Manchmal sind es ja einzelne Entscheidungen, deren Tragweite wir am Anfang noch gar nicht überblicken und erst viel zu spät merken, dass wir uns festgefahren haben in einer Sackgasse, aus der wir allein nicht heraus kommen. So ging es wohl dem Kollaborateur Zachäus, der sich mit der römischen Besatzungsmacht lieb Kind gemacht hatte und seine eigenen Landsleute ausbeutete. Jesus hat ihn aus seinem verfahrenen Leben befreit und einen Neuanfang ermöglicht. (Lukasevangelium Kapitel 19)
[Perspektive Reich Gottes]
Weil wir von uns aus nichts über Gott wissen können, kommt uns Gott entgegen. Der zentrale Satz, der von Jesus überliefert ist, heißt:
„Die Zeit ist gekommen, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt diese gute Botschaft.“
Und wenn man sich die vier Lebensberichte über Jesus in der Bibel anguckt, dann erfährt man genauer, was es mit diesem „nahen Reich Gottes“ auf sich hat.
Es ist die Einladung, den Menschen als Mensch zu begegnen. Sich nicht über andere zu erhöhen. Manches klingt wie ein Kontrastprogramm zum „Höher-Weiter-Schneller“ und zum „Hauptsache Ich“ unserer Tage, wenn Jesus in der Bergpredigt von den Sanftmütigen, den Frieden-Stiftern und den Gerechtigkeitshungri-gen spricht.
Und manches davon klingt nach einer anderen Welt, wenn es im letzten Buch der Bibel über das Reich Gottes heißt:
„Gott wird in ihrer Mitte wohnen; sie werden sein Volk sein – ein Volk aus vielen Völkern, und er selbst, ihr Gott, wird immer bei ihnen sein. Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid und keine Schmerzen, und es werden keine Angstschreie mehr zu hören sein.“
Bis heute leben Menschen mit dieser Perspektive, mit dieser Hoffnung, die ihnen Kraft gibt und sie antreibt. In dieser Welt, als wären sie Bürger einer ganz anderen Welt.
Das ist ein bisschen so, als würde man in der Sahara leben und um die saftigen Wiesen Vorpommerns wissen. Oder als würde man im Winter leben und hoffen und ahnen, dass der Winter einmal ein Ende ha-ben wird; dass nach dem Winter der Frühling kommt, die Sonne scheint und die Blumen blühen.
[tot und auferstanden]
Aber Jesus passte den Herrschenden damals nicht ins Bild. Sie warfen ihm Gotteslästerung und Aufruhr vor und fanden in den Römern Handlanger, die die Drecksarbeit für sie erledigten und Jesus am Kreuz um-brachten.
So sollte der Spuk ein Ende haben und die Menschen sich wieder unter die althergebrachten Machtstruktu-ren beugen. Aber stattdessen berichten die völlig überforderten Anhänger von Jesus, dass er wieder leben-dig geworden ist.
Seine Gegner hatten natürlich großes Interesse daran, das Gerede von der Auferstehung zu widerlegen und bestraften alle, die das auch nur behaupteten, mit dem Tod. Und die Anhänger von Jesus waren alles andere als gutgläubige religiöse Spinner, sondern handfeste Handwerker und Fischer, die mit beiden Beinen im Leben standen.
Und trotzdem: etwa 25 Jahre später schreibt Paulus in einem uns erhalten gebliebenen Brief, dass dieser auferstandene Jesus über 500 Leuten begegnet ist, von denen die meisten noch leben würden. In Klam-mern: ihr könnt sie fragen!
[Folgen für uns]
Vielleicht denken Sie jetzt, ich hätte mich im Thema geirrt und Ostern, das Jahresfest der Auferstehung von Jesus, schon etwas vorgezogen. Nein. Ich glaube, dass das sehr viel mit unserem Thema zu tun hat. Denn diese alte Geschichte ist heute noch aktuell.
Wenn das stimmt, was wir in der Bibel über Gott erfahren, dann bedeutet das, dass wir nicht einem blinden Schicksal ausgeliefert sind, und es ansonsten im Universum dunkel und kalt ist. Sondern wenn das wahr ist, dann haben wir in Gott einen Begleiter in unserem Leben. Dann sind wir mit unseren Zweifeln und unserer Angst, mit unseren Sorgen und unseren Fragen nicht allein. Und dann sind auch die Menschen in Japan mit ihren Schmerzen und ihrer Trauer nicht allein.
Dann heißt das Kreuz: Gott kennt das Leiden. Er ist da, mitten im Leid – an unserer Seite. Gott ist bei den Schwachen, Leidenden, Trauernden, Unterdrückten.
Und dann heißt Ostern: Gott ist da, er kann uns Halt geben und tragen, wenn uns der Boden unter den Füßen wegrutscht. Und er ist stärker als der Tod.
[Manami]
Manami ist vier Jahre alt und hat durch Glück den Tsunami überlebt: die Schulmappe hat sich im Fischer-netz des Vaters verfangen und so verhindert, dass die Welle Manami mitriss. Seit dem 11. März sind ihre Eltern vermisst und Manami geht immer wieder runter an den ehemaligen Hafen, sitzt auf einem Stein und wartet, dass ihre Mutter wieder nach hause kommt. Es kann einem das Herz zerreißen. Die Chance, dass ihre Eltern überlebt haben, ist wohl sehr gering.
Wenn das stimmt, was wir in der Bibel lesen können, dann ist Gott Manami so nah, als säße er neben ihr auf dem Stein um sie zu trösten. Und wenn das stimmt, dann war Gott bei den Eltern von Manami, als die Welle sie fortgerissen hat.
Und wenn das stimmt, dann ist mit dem Tod nicht alles aus. Sondern dann wartet noch etwas auf uns, von dem die Bibel in schillernden Farben spricht: keine Tränen, kein Tod, kein Leid, keine Schmerzen, kein Geschrei.
[Vertröstung und Trost]
Es gibt Menschen, die sagen, das sei ja nur Vertröstung. Aber was heißt das? Wenn der Arzt sagt: „nach der Operation werden die Schmerzen besser“, dann ist das auch Vertröstung. Schlimm ist es nur, wenn das, was da versprochen wird, nicht stimmt.
Genauso ist es Vertröstung, wenn man Menschen in der Winterdepression sagt: „der Frühling kommt be-stimmt“. Schlimm wäre es, wenn er nicht käme. Wenn er aber kommt, dann kann dieser Trost schon jetzt, in der Dunkelheit und Kälte des Winters, neue Hoffnung wecken, Kraft geben, Lebensmut schenken.
[der Weg nach Emmaus]
Es ist inzwischen drei Tage her, dass die Soldaten Jesus umgebracht haben. Drei Tage, dass ihre Hoffnungen gestorben sind. Sie hatten doch voll auf Jesus vertraut. Wie der von Gott erzählte: als würde es ihn wirklich geben! Und als könnte man sich voll auf ihn verlassen. Von „Vater im Himmel“ hatte Jesus immer gesprochen.
Nun ist er tot. Und die zwei machen sich auf den Weg zurück in ihr Dorf. Immer wieder fängt einer von den beiden an von den schrecklichen Ereignissen zu reden, um seine Gedanken zu sortieren. Sie haben es nicht eilig. Warum auch: es ist ja doch alles sinnlos. Wie ein tief-grauer Schleier hat sich Trauer über ihr Leben gelegt.
Wo der Mann herkam, wissen sie nicht. Er hatte sie wohl eingeholt auf dem Weg. Und wie er so neben ihnen geht und ihnen zuhört, steigt er in das Gespräch ein und fragt nach. Er hat wohl von alldem nichts mitbekommen. Sie erzählen ihm von ihren Hoffnungen und Träumen, von der neuen Perspektive und Freu-de, die ihnen Jesus vermittelt hatte. Und sie erzählen von seiner Hinrichtung und davon, dass Frauen sie in Aufregung versetzt haben, weil sie seine Leiche nicht in dieser Grabhöhle gefunden haben. Das Gerede von der Auferstehung können sie nicht glauben. So sind sie nun auf dem Weg in ihr Dorf.
Und ihr Begleiter erzählt ihnen von den alten Weissagungen. Von dem versprochenen Retter, von dem es doch heißt, dass er vieles erleiden müsse. Und während ihr Begleiter weiter redet, kommen sie in der Abenddämmerung in ihr Dorf und laden ihn ein, bei ihnen über Nacht zu bleiben.
Beim Abendessen, als der Gast das Brot bricht, wie es Jesus immer getan hat, gehen ihnen endlich die Augen auf. Sie konnten die Auferstehung nicht glauben, zu fremd war ihnen die Vorstellung. Nun sind sie dem Auferstandenen selbst begegnet.
[dran bleiben]
Wenn das wahr wäre, dass es Gott gibt und dass er nicht fern im Himmel sitzt und Buch führt über das, was wir verzapfen, sondern an unserer Seite ist – auf unserer Seite? Dann lohnt es sich, darüber nachzu-denken, dran zu bleiben.
Danke für Ihre Geduld und Aufmerksamkeit.
