Greifbar

GreifBar plus am 14.Februar 2010

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                                                       Die Liebe – größer als alle Gaben

    1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. 2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. 3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze. 4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, 5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, 6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; 7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. 8 Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. 9 Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. 10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. 11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. 12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. 13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. (1 Kor 13,1-13)

Liebe Gemeinde,

ein Mann erwacht im Krankenhaus aus dem Koma. Noch verwirrt und nicht ganz bei sich flüstert er in den halbdunklen Raum hinein: „Bin ich im Himmel?“ „Nein“, sagt seine Frau, die neben ihm am Bett sitzt, „ich bin noch da.“ Naja, das ist nicht ganz auf der Gefühlslage des Valentinstages, der uns heute neben einem guten Umsatz für Blumenläden auch das hohe Lied der Liebe, dieses großes Liebes-Kapitel aus dem 1. Korintherbrief beschert.

Kleine Umfrage: Wer von uns beachtet den Valentinstag und verschenkt dem oder der Liebsten zum Beispiel Blumen? O.k., der Rest besteht dann aus den Valentinstagsmuffeln. Zu denen zähle ich mich auch.

Der Valentinstag ist übrigens nicht eine Erfindung des deutschen Blumenhandels. Er hat uralte Wurzeln: Schon im 15. Jahrhundert bildete man in England Valentinspaare, die sich am 14. Februar gegenseitig beschenkten, seit dem 17. Jahrhundert vorzugsweise Blumen. Irgendwann schwappte der Brauch in die USA rüber und nach dem 2. Weltkrieg durch amerikanische Soldaten auch nach Deutschland. Hier wurde er allerdings tatsächlich von der Blumenindustrie höchst dankbar angenommen. Gefeiert wird der Valentinstag aber in der ganzen Welt. Besonders nett fand ich die japanische Tradition: dort schenken Frauen am 14. Februar ihren Liebsten, aber auch ihren Chefs, Freunden oder Angehörigen Schokolade. Ich finde ja überhaupt, dass wir von den Japanern viel lernen können. Am 14. März bekommen dann die Frauen von den Männern im Gegenzug weiße Schokolade überreicht. Noch etwas weiter treiben es die Koreaner: Wer am 14. Februar oder 14. März leer ausging, der kann am 14. April, dem Black Day, sein Los bei Nudeln mit schwarzer Soße beweinen.

Das Ganze geht auf eine Legende zurück: Der christliche Bischof Valentin von Terni in Italien lebte im 3. Jahrhundert. Und er tat etwas absolut Verbotenes: Er traute verliebte Paare in seiner Gemeinde, er traute auch christliche Soldaten, denen das Heiraten streng verboten war. Und er soll den Paaren nach der Trauung Blumen aus seinem eigenen Garten geschenkt hat. Es ist ihm nicht gut bekommen: Am 14. Februar 269 ließ ihn Kaiser Claudius II enthaupten. Ein Märtyrer der Liebe und der Blumen. Auf ihn geht der Brauch zurück, am 14. Februar den Valentinstag zu begehen. Und ich sage ganz offen, ich finde es eigentlich ganz trefflich, einmal im Jahr über Ehe und Liebe nachzudenken und das auch im Gottesdienst zu tun.

Darum möchte ich die Worte des Apostels Paulus heute einmal für Verliebte und Verheiratete, für noch immer Verliebte und noch nicht Verheiratete, für nicht mehr ganz so Verliebte und dennoch Verheiratete hören. Allerdings muss ich Euch warnen: Ich habe ziemlich mit Paulus gerungen, also: Einfach wird es nicht.

Der erste Gedanke ist noch ganz einfach:

1. Ohne die Liebe ist auch das Größte nichts!

Für seine Gemeinde sagt es Paulus ganz deutlich in vier Anläufen: Wenn ich himmlische Sprachkenntnisse hätte, wenn ich alle theologische Einsicht hätte, wenn ich Glauben hätte, der Bergen versetzt, wenn ich trotz Westerwelle der großzügigste Spender und Förderer der Diakonie wäre, wenn ich eines davon hätte oder alles vier, aber keine Liebe, ich wäre ein Nichts und ich hätte nichts. Wenn ich das alles nämlich täte, damit ich groß herauskomme, dann wäre es nur Götzendienst auf dem Altar des eigenen Ich – wertlos, nutzlos, gottlos.

Das Höchste wird zum Nichts – ohne Liebe. Das ist natürlich nicht unsere Perspektive. Das hören wir sonst ganz anders. Es ist gut, sich selbst ein Denkmal zu setzen und den eigenen Ehrgeiz zu befriedigen, bei Olympia, bei der Berlinale, in unseren Jobs oder wo auch immer. „Ich bin doch nicht blöd“ – und „zuerst komm ich!“ Das Ich ist der höchste Wert, die letzte Autorität, der wichtigste Bezugspunkt, so ist es normal. Gott sagt: Nein - so habe ich mir das nicht gedacht. Ich habe mir das anders gedacht: Ihr dürft Euch freuen an dem, was ihr könnt. Ihr dürft ruhig ein bisschen stolz sein, und wenn Euch Ehre widerfährt, gönne ich es Euch. Aber wenn sich keine Liebe in dem findet, was Ihr tut, dann ist es nutzlos. Bei mir zählt jetzt und auch am Ende, was aus Liebe geschah. Jesus sagt einmal: „Ohne mich könnt Ihr nichts tun.“ Paulus fährt fort: Ohne Liebe ist all euer Tun nichts.

Und das gilt nun auch für unsere Beziehungen. Wenn ihr in Eurem Zusammenleben das schönste Haus gebaut hättet und hättet keine Heimstatt für das vertraute Gespräch miteinander, wäre es Euch zu nichts nutze. Wenn Ihr in Eurer Ehe großes Ansehen in Eurer Umwelt erworben hättet, aber Ihr würdet einander nicht mehr voller Freude ansehen, was sollte der Wert sein? Wenn Eure Kinder die tollsten Zeugnisse und Studienabschlüsse nach Hause brächten, aber Euer Urteil übereinander voller Bitterkeit ausfiele, hieltet ihr nichts in Händen. Anders gesagt: Wenn Ihr die Liebe, die Euch zusammenbrachte, nicht pflegtet und hegtet, erhieltet und zum Wachsen brächtet, was wäre gewonnen? Paulus sagt: So ist es Gottes Wille; ohne Liebe ist Euer Tun nichts und am Ende steht Ihr mit leeren Händen da.

Auch der zweite Gedanke bei Paulus hat etwas, aber bringt auch die ersten Probleme:

2. Die Liebe ist freundlich, gütig, höflich, taktvoll und noch viel mehr...

Paulus bleibt nicht im Negativen stehen: Er zeichnet ein Bild von der Liebe, und eines merkt man sehr schnell: Die Liebe, von der er spricht, ist nicht ein Gefühl. Sie hat etwas mit Einstellungen zu tun, die ich anderen gegenüber einnehme. Sie hat etwas mit der Art und Weise zu tun, wie ich Beziehungen pflege. Zu solcher Liebe entscheide ich mich und dann beginne ich, mich in ihr zu üben, und dann soll sie mein Tun und meine Beziehungen formen. Das ist alles ziemlich handfest und wenig poetisch.

Man kann es ein bisschen sortieren und sofort nun auch für Paare und Beziehungen hören:

Es sind zum einen Einstellungen und Verhaltensweisen, die dem anderen Freundlichkeit und Ehre erweisen: Die Liebe ist freundlich. Sie ist nicht taktlos, sondern höflich. Sie achtet den anderen und erwartet Gutes von ihm. Sie hat kein negatives Bild vom anderen.

Zum anderen sind es Einstellungen und Verhaltensweisen, die die Beziehung auch unter Schmerzen und Schwierigkeiten durchhalten: Die Liebe trägt nicht nach, sie vergibt gerne und schnell. Sie bleibt cool und verliert nicht die Beherrschung. Sie erträgt auch die Schwächen und Fehler des anderen und sie gibt die Hoffnung nicht auf. Auch in der Liebe stirbt die Hoffnung zuletzt.

Wir wissen, dass das nicht ausschließt, dem anderen Kritik zuzumuten. Einen Menschen zu lieben, bedeutet nicht, alles zu lieben, was er tut, oder alles zu tun, was der andere liebt. Das ist nicht Liebe, es ist nicht einmal vernünftig. Probieren Sie das mal mit einem 3jährigen Kind aus, ich wette mit Ihnen, dass es keine 4 Jahre alt werden wird.

Schließlich sind es Einstellungen und Verhaltensweisen, die sich selbst nicht über den anderen erheben: Die Liebe plustert sich nicht auf, sie ist weder eingebildet noch arrogant. Sie sucht nicht ihren eigenen Vorteil.

Es ist nicht schwer, das alles auf unsere Ehen zu übertragen:

Eheliche Freundlichkeit: Das hieße z.B., dass ich ungeschuldet und ohne Anlass dem anderen etwas Gutes tue, etwas, das ihn freut, ihr ein schönes Essen koche, ihm den neuen Kicker aufs Kopfkissen lege, mit ihr ins Ballet gehe, auch wenn der Doppelpass zwischen Ribéry und Robben das einzige Ballet ist, das ich mag, mit ihm zum Fußball gehen, auch wenn für sie allenfalls der Abpfiff spannend ist, sie abends aufmerksam fragen, wie ihr Tag war. Es bedeutet, zu sehen, was ich empfange, und zu danken, wenn ich empfange. Es bedeutet sich an dem zu freuen, was gut und schön am anderen ist. Ich mag es nicht, wenn es immer nur heißt, Ehepartner müssten einander „trotz“ und nicht „weil“ lieben. Es stimmt schon, dass wir am anderen nicht alles lieben können, das tut ja nicht einmal unsere Mutter, wenn sie bei Verstand ist. Aber es geht ja auch nicht so: „An Dir ist zwar nichts Liebenswertes, aber weil ich so edel bin, halte ich mir die Nase zu und liebe Dich dennoch.“ Die freundliche Liebe entdeckt gerade das Liebliche am anderen.

Eheliche Kondition: Durchhalten, auch wenn der andere mich verletzt hat. Zu ihm stehen, auch wenn er es mir schwer macht, sein Anderssein ertragen, vergeben und das Gespräch suchen, nicht warten, bis der andere kommt, sondern den ersten Schritt tun. Konflikte ansprechen und nicht unter den Teppich kehren (die Liebe ist nicht dasselbe wie Harmoniesucht!) - und eins vor allem: aufhören ihn ändern zu wollen, aufhören sie ändern zu wollen. Es ist übrigens enorm entspannend, den Entschluss zu fassen: Der andere ist, wie er geworden ist. Die andere ist, wie sie geworden ist. Das wird sich nicht mehr grundlegend ändern. Und besser, ich fange heute an, das zu akzeptieren und die guten Seiten daran zu sehen.

Und eheliche Unterordnung/ Wir haben darüber erst vor ein paar Monaten hier nachgedacht: Was gegenseitige Unterordnung in der Ehe bedeutet (und was nicht!). Jetzt wird es noch einmal konkret: Der andere ist nicht dazu da, meinen Vorstellungen Applaus zu spenden. Er ist kein Fußbrett für meine Karriere. Sie ist nicht meine Dienerin. Vielmehr steht eins dem anderen bei, fördert und freut sich, wenn dem anderen etwas gelingt, gönnt und feiert des anderen Erfolg, kratzt auch nicht mit den Hufen, weil nun endlich „ICH“ dran bin.

Freundlichkeit, Kondition und Unterordnung/Respekt, das wird aus dem flauschigen Wort Liebe etwas ziemlich Praktisches: alltagsbezogen wird es jetzt, auch etwas unbequem, ziemlich aktiv und zeitraubend, aber auch spannend, vielleicht sogar erfüllend, so dass Valentinstage feiern, was das Jahr über geschieht.

Aber jetzt fangen die Probleme an.

Ich nenne nur zwei:

Zum einen ringe ich mit einigen Sätzen, die Paulus ausspricht, und bei denen ich fürchte, dass schwache Menschen daran zerbrechen könnten. Die Liebe erträgt alles? Wirklich? Die Liebe glaubt alles? Tatsächlich? Es gibt so schlimme Verhältnisse, dass man im Namen von Jesus sagen muss: Schluss hier! Das erträgst Du jetzt nicht mehr, Du lässt Dich nicht mehr verächtlich machen und schon gar nicht verprügeln. Es gibt Partner, die den anderen so nach Strich und Faden belügen und ausnutzen, dass man im Namen von Jesus sagen muss: Schluss hier! Du glaubst jetzt nicht mehr, dass er nicht trinkt, dass sie nicht spielt. Du deckst es auf, forderst oder ziehst Konsequenzen. Da wird die Liebe auch Härte einschließen. Und zuweilen müssen wir schmerzhaft eingestehen: Diese Welt ist noch nicht das Reich der Liebe. Sie ist es wirklich noch nicht. Wir können immer noch an der Liebe scheitern und zerbrechen.

Zum anderen ringe ich noch mit etwas anderem, genauer gesagt, mit jemand anderem: mit mir! Die Liebe ist geduldig und freundlich. Ich bin es manchmal. Manchmal aber bin ich unleidlich, genervt und nerve. Die Liebe kennt keinen Neid. Ich schon, ich muss nur einen Volvo V70 sehen. Die Liebe sucht nicht ihren Vorteil. Tue ich das wirklich nicht? Die Liebe trägt niemandem etwas nach. Die Liebe vielleicht nicht, lieber Paulus, ich schon. Die Liebe erträgt alles, nein, Paulus, ich ertrage nicht alles, manches lässt mich kochen vor Wut! Die Liebe hält allem stand, ich nicht. Im normalen Leben nicht, in der Liebe auch nicht. Und dann bekommt die Liebste unter allen nicht, was richtig und angemessen wäre.

Was also nun? Manches finde ich mit etwas gutem Willen in meinem Leben, auch wenn es selten rein und unvermischt da ist. Manchmal aber drehe ich mich so sehr um mich, dass ich Freundlichkeit, Kondition und Unterordnung hinter mir lasse. Die schönen Worte, das hochgepriesene Hohelied der Liebe, 1. Korinther 13 als der Bestseller unter den Trautexten, das alles wird für mich dann zum Spiegel, in dem ich vor allem eines sehe: mich als einen Sünder.

Das führt zum dritten Gedanken:

3. Wer ist das, von dem hier die Rede ist?

Versteht Ihr, das darf nicht zur Masche werde, nicht zum Kai aus der Kiste, den wir hervorziehen, wenn es schwierig wird. Aber ich kann diese Worte nur ertragen, wenn ich sie von Jesus her lese. Ich kann sie nur verstehen, wenn ich mir klar mache, wer so ist. Ich bin es jedenfalls nicht. Und nach meinem bisschen Lebenserfahrung meine lieben Mitmenschen auch nicht. Wir sind nicht so, das ist nicht, wohin unser Sinn von selber neigt. Das ist nicht, was natürlich und leicht von der Hand geht.

Aber Jesus geht es natürlich und leicht von der Hand. Jesus ist so, dass ihn sein Herz, Sinn und Verstand dahin zieht, genau so zu sein:

Jesus ist geduldig, Jesus ist freundlich. Jesus kennt keinen Neid, Jesus spielt sich nicht auf, Jesus ist nicht eingebildet. Jesus verhält sich nicht taktlos, Jesus sucht nicht den eigenen Vorteil, Jesus verliert nicht die Beherrschung, Jesus trägt keinem etwas nach. Jesus freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut Jesus sich mit. Alles erträgt Jesus, in jeder Lage glaubt Jesus, immer hofft Jesus, allem hält Jesus stand.

Ich finde, wir sollten das einmal laut aussprechen, als Zuspruch für unser eigenes Herz, als Bekenntnis voreinander und als öffentliches Lob für unseren Herrn, der ja hier mitten unter uns ist:

Jesus ist geduldig, Jesus ist freundlich. Jesus kennt keinen Neid, Jesus spielt sich nicht auf, Jesus ist nicht eingebildet. Jesus verhält sich nicht taktlos, Jesus sucht nicht den eigenen Vorteil, Jesus verliert nicht die Beherrschung, Jesus trägt keinem etwas nach. Jesus freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut Jesus sich mit. Alles erträgt Jesus, in jeder Lage glaubt Jesus, immer hofft Jesus, allem hält Jesus stand.

Wir könnten nun jeden dieser Sätze illustrieren: Jesus war zugänglich. Auch wenn seine Jünger schon die Geduld verloren, blieb er stehen, hörte und half. So hält er es mit uns. Jesus verfügte über alle Macht im Himmel und auf Erden, aber er erschien als der am wenigsten eingebildete Mensch auf Erden, ohne Allüren, ohne Arroganz. Und so verfährt er mit uns: Er gönnt uns, wenn wir Ehre erfahren, er ist als der Herr immer noch ein Diener. Er ertrug die notorisch-dickleibige Ignoranz seiner engsten Mitarbeiter. Er verzieh ohne Aufhören ihre Fehler, Treulosigkeit, Ichbezogenheit, ihre Wut und ihre Trägheit. Und so hält er es mit uns bis heute. Mit mir. Und mit meiner Liebsten. Und mit uns.

Wenn es eine Hoffnung gibt für die, die scheitern an der Liebe, sei es in Beziehungen immer wieder einmal, sei es gründlich, so dass Liebe zerbricht und getrennt wird, was doch nur der Tod scheiden sollte, dann ist es dieser eine Fluchtpunkt: das Kreuz dieses Jesus, der von sich mit Fug und Recht sagen könte: Ich bin die Liebe. Ich bin es. Selbst. Ich bin es. Für Euch. Die Liebe. Ich habe nicht ein Quantum Liebe. Ich bin es. Ich halte zu Euch und helfe Euch hindurch.

Das ist die eigentliche Tiefe der Liebe, und die feiern wir nicht, weil wir sie haben, sondern weil wir von ihr leben: Liebe, die uns liebt, weil wir es brauchen. Das ist die Liebe, ohne die alles andere nichts ist, bedürftige Liebe, nannte C.S. Lewis das. Bedürftige Liebe, weil wir sie empfangen und nicht geben.

Wenn wir sie empfangen, mag es sein, dass wir sie weitergeben. „Wir alle empfangen Barmherzigkeit. In jedem von uns steckt etwas, das man natürlicherweise nicht lieben kann. Es ist niemandes Fehler, wenn er es nicht liebt. Nur das Liebenswerte kann ganz natürlich geliebt werden. Sie könnten Menschen genauso bitten, den Geschmack von verschimmeltem Brot oder das Geräusch eines Bohrers zu mögen. Wir können trotzdem Vergebung, Gnade und Liebe finden – durch Barmherzigkeit; es gibt keine andere Möglichkeit. Jeder, der gute Eltern, Ehefrauen, Ehemänner oder Kinder hat, kann sicher sein, dass er irgendwann Barmherzigkeit empfängt und nicht geliebt wird, weil er liebenswert ist, sondern weil die Liebe in Person in denen wohnt, die ihn lieben.“

Dann freilich, dann ist Jesus zum Zuge gekommen. Dann war er, die Liebe selbst, am Werk. Dann freilich wissen wir auch: Liebe macht extrem lebendig, sie geht uns zu Herzen, sie kann uns das Herz brechen. Nur in der Hölle wären wir vor ihr sicher.

Das Letzte:

4. Jesus als Liebe in Person in unseren Ehen und Beziehungen

Das versteht sich nun fast von selbst. Paulus sagt: Am Ende bleibt nur die Liebe. Oh weh, die Theologie bleibt nicht. Ein Flyer im Himmel, der zu einen theologischen Kolloquium einlädt, wird nur noch ein nachsichtiges Kopfschütteln nach sich ziehen. Auch der Glaube ist längst ins Schauen hinüber gewechselt. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber das darf sie dann auch. Aber „Casablancas“ Titelsong „As Time goes by“ stimmt in einem gewissen Sinn: „Die Liebe bleibt.“ Das will doch noch ein wenig ausbuchstabiert werden:

Ein beliebtes Experiment im Zeitmanagement ist das Spiel: Der 80. Geburtstag. Es soll helfen zu klären, was wirklich für mich zählt. Es geht so: Stellen Sie sich vor, es ist Ihr 80. Geburtstag und die wichtigsten Menschen aus ihrer Lebensgeschichte kommen zum Fest. Die allerwichtigsten aus jedem Lebensbereich halten eine Rede. Was wünschen Sie sich, dass diese Leute über Sie sagen sollen? Was möchten Sie in deren Leben bedeutet haben? Wenn es gut geht, sortieren sich dadurch die Prioritäten etwas: Was wichtig und was vielleicht nicht so wichtig ist. Was, wenn unser Lebenspartner sagen könnte: „Er war nicht Jesus, aber er war ein guter Partner. Unsere Liebe ist gewachsen und hat Tiefe bekommen. Er ist mir mit Freundlichkeit begegnet und mit Respekt. Er hat mir die Hand gereicht, wenn es nötig war. Er hat sich untergeordnet, so dass ich mich entfalten konnte. Wir haben uns manches zugemutet, manches war nötig, auch wenn es weh tat, anderes tat nur weh. Er hatte die doppelte Sichtweise der Liebe: Er schätzte meine Stärken und er trug meine Schwächen. Und den Rest vergebe ich ihm gerne, wie er mir immer wieder vergeben hat. Er hat nicht aufgehört, unsere Liebe zu pflegen und zu hegen, und das nicht nur am Valentinstag.“ Wäre es das nicht wert, darum zu ringen, zu beten, an sich zu arbeiten, dass etwas mehr von Jesus in uns zum Wirken käme und aus uns herausschaute?

Als Helmuth James Graf von Moltke Tage vor seiner Hinrichtung als Widerstandskämpfer seiner Frau Freya einen letzten Brief schrieb, einen der berührendsten Briefe, die ich kenne, schrieb er u.a.: „Du bist mein 13tes Kapitel des ersten Korintherbriefes. Ohne dieses Kapitel ist kein Mensch ein Mensch. ... Ohne dich, mein Herz, hätte ich ‚der Liebe nicht’. ... Nur wir zusammen sind ein Mensch.“ Das ist das Größte, was man sagen darf über Liebe und Ehe. Aber dem es verwehrt blieb, dem bleibt, dass er durch Jesus ein Mensch ist, ein Geliebter und Angenommener und zur Liebe Befreiter. Denen es gewährt ist, denen bleibt es durch Jesus, dass sie Geliebte und Liebende sind in aller Schwachheit.

Und Gottes Volk stimmt ein und ruft: Amen.

 

Literaturliste

Heymer, Christine; Pompe, Hans-Hermann: Hochzeitsreisen. Missionarische Arbeit mit Traupaaren. Wuppertal 2008

Lewis, Clive Staples: Was man Liebe nennt. Zuneigung, Freundschaft, Eros, Agape. Basel und Gießen 1986

Moltke, Helmuth James Von: Im Land der Gottlosen. Tagebuch und Briefe aus der Haft 1944/45. München 2009

Ortberg, John: Die Liebe, nach der du dich sehnst. Asslar 2000

 

 

 

 

 


Vgl. Christine Heymer; Hans-Hermann Pompe 2008, 174.

Alle Infos zum Valentinstag vgl. aufgesucht am 13.2.2010.

Johannes 15,5.

Vgl. John Ortberg 2000, 21f.

Vgl. Ibid., 23-26.

Vgl. Clive Staples Lewis 1986, 131.

Ibid., 132.

Vgl. John Ortberg 2000, 26.

Helmuth James von Moltke 2009, 341f.