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GreifBar plus am 14.11.2010

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                                            Weiterer Horizont – tiefere Einsicht


    18 Im Übrigen meine ich, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen, wenn wir an die Herrlichkeit denken, die Gott bald sichtbar machen und an der er uns teilhaben lassen wird. 19 Ja, die gesamte Schöpfung wartet sehnsüchtig darauf, dass die Kinder Gottes in ihrer ganzen Herrlichkeit sichtbar werden. 20 Denn die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, allerdings ohne etwas dafür zu können. Sie musste sich dem Willen dessen beugen, der ihr dieses Schicksal auferlegt hat. Aber damit verbunden ist eine Hoffnung: 21 Auch sie, die Schöpfung, wird von der Last der Vergänglichkeit befreit werden und an der Freiheit teilhaben, die den Kindern Gottes mit der künftigen Herrlichkeit geschenkt wird. 22 Wir wissen allerdings, dass die gesamte Schöpfung jetzt noch unter ihrem Zustand seufzt, als würde sie in Geburtswehen liegen. 23 Und sogar wir, denen Gott doch bereits seinen Geist gegeben hat, den ersten Teil des künftigen Erbes, sogar wir seufzen innerlich noch, weil die volle Verwirklichung dessen noch aussteht, wozu wir als Gottes Söhne und Töchter bestimmt sind: Wir warten darauf, dass auch unser Körper erlöst wird. ( Röm 8,18-23)

Liebe GreifBar-Gemeinde,

Paulus eröffnet seine Überlegungen mit einem uralten Bild:  Es ist das Bild der Waage. Bei einer Balkenwaage gibt es zwei austarierte Waagschalen. In die eine fülle ich das, was gemessen werden soll, in die andere das Gegengewicht. So kann ich das Gewicht feststellen. Paulus sagt: Das tun nicht nur Händler und Käufer, das tun wir auch mit unserem Leben. Wir werfen etwas in die Waagschale und schauen, wie schwer es wiegt. Und manchmal sagen wir: Etwas fällt nicht ins Gewicht. Das heißt: Es ist nicht so schwer, das es das Gegengewicht ausgleichen könnte. Es fällt nicht ins Gewicht: Es kann schon gar nicht das Gegengewicht in die Luft heben, weil es selbst so tief drückt und fällt. Es fällt nicht ins Gewicht.

Nehmen wir z.B. einen Läufer, der sich auf einen langen Lauf vorbereitet. Er wirft einiges in die Waagschale: Er quält sich zum Training, auch wenn es ihm nicht immer Spaß macht. Er isst Salat, wenn andere Burger futtern. Und dann kommt der Lauf selbst. Über den Start zum New York Marathon schrieb gestern ein Journalist: „Unzureichend gekleidete Menschen mit Gänsehaut stehen stundenlang in Freiluftkäfigen an der … Brücke, zitternd an ekelhaftem Essen nagend, mit pinkfarbenen Dunkin-Donuts-Mützen auf dem Kopf.” Und dann die langen Kilometer. Bei Km 25 gehen die ersten, “ihre Gesichter fleischgewordene Warum-Fragen.” Auf den letzten Kilometern merkt man gar nicht mehr, wo man ist, es könnte auch Paderborn sein. Das alles wirft ein Läufer in die Waagschale. Und dann kommt der Einlauf ins Ziel, das Glück, es geschafft zu haben, der Beifall der Zuschauer, der Kuss der Liebsten ins verschwitzte Gesicht, die Massage und das Weißbier, und man sagt: All die Mühen, all das Leiden, all der Schmerz – wiegt das hier nicht auf, niemals. Es fällt einfach nicht ins Gewicht. So machen wir das, nicht nur Läufer, wir wägen ab und wir fragen, wiegt das, was wir einsetzen und durchmachen, das auf, was am Ende dabei herauskommt? Ist es das wirklich wert? Wir tun das, wenn wir eine Aufgabe übernehmen, wenn wir in der Gemeinde mitarbeiten (oder eben auch nicht), wenn wir in Beziehungen investieren, und wenn wir Geld ausgeben.

Paulus wirft nun merkwürdige Dinge in die Waagschale und auch die wägt er ab und schaut, ob diese Dinge aufwiegen, was Jesus uns schenkt, und was er uns in Aussicht stellt für unser Leben und diese Welt. Das ist die Stunde des Zweifels: Da werfen wir unser Leben in die Waagschale und schauen, ob das Gegengewicht des Glaubens tiefer hängt oder aber in die Luft gehoben wird. Paulus wirft merkwürdige Dinge in die Waagschale: das Leiden der Kreatur, den Schmerz, die Sterblichkeit und Vergänglichkeit, das Leiden der Kinder Gottes. Und weil er selbst in seinem Leben eine gehörige Portion Leiden abbekommen hat, weiß er, wovon er redet. Hier spricht kein Luftikus, hier spricht einer, der das Leiden geschmeckt und gekostet hat. Und so wirft er das Leiden in die Waagschale. Aber er sagt: Das Gegengewicht wiegt schwerer. Es wiegt viel mehr, ja es wiegt unermesslich mehr. Das, was Jesus uns bedeutet, das was Jesus uns geschenkt hat, und das, was Jesus uns schenken wird, hat so unermesslich mehr Gewicht. Darum sagt er: Im Übrigen meine ich, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen, wenn wir an die Herrlichkeit denken, die Gott bald sichtbar machen und an der er uns teilhaben lassen wird.“

Aber ehrlich gesagt: Auch wenn Paulus kein Luftikus ist, der vom Leiden wie der Blinde von der Farbe redet – es bleibt mir im Hals stecken, wenn er das so sagt: „Dieser Zeit Leiden fällt nicht ins Gewicht!“ Fällt nicht ins Gewicht? Die Choleraepidemie auf Haiti, die Erdbeben und Vulkanausbrüche in Indonesien, die hungernden und kranken Kinder, der Verlust eines lieben Menschen, die Pein und Not versklavter Frauen, der viele Kummer – fällt nicht ins Gewicht?

Buchstabieren wir es durch. Dabei muss ich Euch etwas zumuten. Es wird heute einmal nicht so sehr um uns gehen. Wir sind einmal nicht die Hauptpersonen. Ich weiß: Das ist so bitter. Aber ich möchte das Thema mit den Beispielen bebildern, die Paulus selbst benutzt, und da sind wir einmal nicht das Thema. Das heißt aber nicht, dass diese Predigt ohne Folgen bleiben soll. Im Gegenteil. Ich gehe immer davon aus, dass die Predigten, die wir halten und hören, uns verändern. Ihr doch auch, oder?  Aber diese Veränderung soll heute vor allem darin bestehen, dass zum einen unser Horizont erweitert wird. Deshalb darf es nicht um uns gehen. Zum anderen soll die Veränderung, die diese Predigt bewirken wird, darin bestehen, dass wir wie Paulus sagen: Ich habe eine Einsicht gewonnen, eine Einsicht, die mir hilft, mit dem Zweifel besser klar zu kommen, eine Einsicht, die Paulus eben so formuliert: „ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen“. Im griechischen Original: Ich bin zu der logischen Schlussfolgerung gekommen. Ich habe die vernünftige Einsicht gewonnen. Ich bin überzeugt. Also: Weiter Horizont und vernünftige Einsicht! 

Erster Teil: Weiter Horizont


Paulus weitet unseren Horizont, indem er zuerst nicht von seinem Leiden redet oder dem Leiden anderer Menschen. Er spricht vom Leiden der Kreatur. Was ist Kreatur: alles was lebt, aber nicht Mensch ist. Das ist Kreatur: alles, was lebt, aber nicht Mensch ist. Und Paulus sagt: Die Kreatur leidet. Das werfe ich in die Waagschale. Die Kreatur leidet, sagt Paulus. Als der Mensch den Aufstand gegen Gott probte, war alles Geschaffene mit betroffen. Der Acker verflucht, das Gesetz des Werdens und Vergehens aufgerichtet, die Logik des Fressens und Gefressenwerdens durchgesetzt. Jetzt leidet die Kreatur. Sie ist vergänglich. Sie wird geknechtet. Sie seufzt und stöhnt. Wir leben unter der glitzernden Oberfläche auf einem seufzenden und stöhnenden Planeten. Unser Horizont weitet sich: zu unserer menschlichen Arroganz gehört, dass wir uns so wichtig nehmen und neben uns nichts Bestand hat. Und so sehen wir nicht, das alle Kreatur ihre Würde von Gott hat. Alle Kreatur ist bestimmt, Gott zu ehren und zu seiner Freude zu existieren. Die alten Lieder der Bibel, die Psalmen, wissen das: das Brausen des Meeres ist ein Lobpreis in Gottes Ohren, die Erde soll fröhlich sein, die Bäume sollen jauchzen, die Ströme frohlocken und selbst die ollen, grauen, kalten Berge haben demnach die Fähigkeit sich zu freuen. Lest es nach: Psalm 96 und Psalm 98! Das ist die Bestimmung der Kreaturen, der Tiere, Pflanzen und Gesteine, der Flüsse, Berge und Felder – sie sind auf ihre Weise beteiligt am großen Schauspiel, das Gott die Ehre gibt. Aber in Wirklichkeit ist es kein Freudengesang, sondern ein Klagelied, und statt Jubel ist Seufzen und Stöhnen angesagt.

Die Propheten wussten um diesen Zusammenhang von menschlicher Schuld und Leiden der Kreatur. Hosea z.B. schreibt: Es herrscht Unrecht im Land, keine Treue, keine Liebe, keine Gotteserkenntnis, sondern Lügen, Morden, Stehlen und Ehebrechen. Und was ist die Folge: „Darum wird das Land dürre stehen und alle seine Bewohner werden dahinwelken: auch die Tiere auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer werden dahingerafft.“ Charles Cranfield macht es mit einem Vergleich deutlich: Wieso leidet das Matterhorn oder die Venus? Nun, weil wir alle in einem großen Theaterstück spielen, Gott zu ehren und zu erfreuen, und weil wir, die Hauptdarsteller, unseren Part nicht spielen, werden alle anderen Mitspieler in Mitleidenschaft gezogen.

Nun hat Paulus diese Worte geschrieben und nicht Claudia Roth. Es ist nicht das Parteiprogramm der Grünen, das sich irgendwie in den Römerbrief gemogelt hat. Paulus ruft auch nicht zu ökologischem Handeln auf. Es ist aber gleichsam eine Tiefenschau der Zusammenhänge, die uns heute bewegen, und darum erweitert Paulus unseren Horizont: Beim Seufzen der Tiere, beim Stöhnen des Erdreichs geht es um die Urbestimmung der Welt, Gott zu preisen und zu loben. Die Schöpfung ist nicht Material, Ding, Gegenstand, Sache, Verfügungsmasse. Wenn also der Autor Jonathan Safran Foer zum Beispiel feststellt: „Unsere Nahrung besteht aus Leiden“, dann ist das auch eine geistliche Aussage. Unsere Nahrung besteht aus Leiden, weil z.B. das Fleisch, das wir essen, von Tieren stammt, deren Dasein alles andere als ein Gotteslob genannt werden kann. Rinder, die nie artgerecht gehalten wurden, die ihr ganzes Leben lang mit Antiobiotika vollgestopft werden, die sich nicht vermehren können, die eigentlich immerzu krank sind, die werden am Ende getötet, indem sie mit einem Bolzenschuss betäubt werden, dann mit einer Vorrichtung, die aus der Autoindustrie stammt, an den Hinterbeinen hochgezogen werden, um vom Schlachter dann den tödlichen Schnitt durch die Kehle zu bekommen. Nur sind sie oft nicht betäubt, sondern sehen mit hervorquellenden Augen angstvoll dem Messer entgegen. Die Kreatur leidet, sie ist versklavt, sie ist einem elenden Tod überlassen – sie seufzt und stöhnt. Wenn unsere Nahrung aus Leiden besteht, dann ist Essen etwas, was unseren Glauben betrifft. Ich bin kein Vegetarier, aber ich glaube, ich möchte wissen, wie das Tier leben musste, das für meine Nahrung starb. Was wir Essen und wie wir mit Tieren umgehen, ist eine geistliche Frage und darum auch etwas, das wir z.B. in unseren Hauskreisen besprechen sollten.

Weiter Horizont: So ist es in unserer Welt. Und ich werfe das in die Waagschale, sagt Paulus, das Leiden und Seufzen der Kreatur.

Er findet übrigens eine interessante Formulierung; er sagt: Die Kreatur leidet mit den Kindern Gottes. Ein unsichtbares Band verbindet die, die zu Jesus gehören, und leiden müssen, mit den nicht-menschlichen Wesen, die auch zu Gottes Gospelchor gehören sollen. Aber jetzt: Erweiterung des Horizonts, zweiter Teil:

Auch die Kinder Gottes leiden, seufzen und stöhnen. Lesen wir weiter im Römerbrief, merken wir, an wen er dabei denkt: an Menschen, die viel durchmachen, weil sie an Jesus glauben. „Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie (man merke auf:) Schlachtschafe!“ Horizonterweiterung. Wir haben uns vorgenommen, heute besonders an die Christen zu denken, die bis heute verfolgt werden, gepeinigt, benachteiligt, eingekerkert, nicht selten misshandelt und getötet, weil sie Jesus lieben, weil sie Jesus treu bleiben auch gegen Widerstand, und weil sie Jesus bezeugen als den einen Retter, den jeder Mensch braucht. Wir haben sie oft nicht im Blick. Ich muss das so sagen: Ich habe sie oft nicht im Blick. Die Christen in arabischen Ländern, in der muslimischen Welt, in den kommunistischen Restbeständen wie Nordkorea, in China. Ich habe sie oft nicht im Blick. Ich musste denken: Hätte ich einen leiblichen Bruder, der in Pjöngjang im Knast säße, ich würde täglich an ihn denken, für ihn beten und Himmel und Hölle bewegen, um ihm zu helfen. Ich habe keinen leiblichen Bruder im Knast von Pjöngjang, aber Schwestern und Brüder, mit denen ich die Ewigkeit verbringen werde, und sie leiden, seufzen und stöhnen.

Beim Evangelisationskongress in Kapstadt trat ein 18jähriges Mädchen auf, Gyeong Ju Son. Ihr Vater war einer der kommunistischen Berater des nordkoreanischen Diktators Kim Jeong Il. Aber er fiel in Ungnade und floh nach China. Dort lernte er mit seiner Frau Christen kennen und fand zum Glauben. Gyeongs Mutter starb in China, schwanger mit dem 2. Kind. Der Vater fand Trost im Glauben und entschied, als Missionar zurück nach Nordkorea zu gehen. In Nordkorea wurde er für drei Jahre ins Gefängnis gesteckt. Er kehrte danach nach China zurück, und für kurze Zeit waren Vater und Tochter, damals 12 Jahre alt, wieder vereint. Aber der Vater beschloss wieder nach Nordkorea zu gehen, um seinen darbenden Landsleuten das Evangelium zu bringen. 2006 wurde er wieder verhaftet. Seither hat Gyeong nichts mehr von ihm gehört. Wahrscheinlich ist er hingerichtet worden, wegen Spionage. Gyeong selbst, inzwischen eine junge Frau, begegnete Jesus im Traum: Du hast deinen irdischen Vater verloren, aber du hast einen himmlischen Vater. Folge mir nach, geh deinen Weg mit mir.“ So fand auch Gyeong zum Glauben. Heute studiert Gyeong in Südkorea, aber ihr Lebensziel ist es, das Werk ihres Vaters fortzusetzen und das Licht von Jesus in die Dunkelheit Nordkoreas zu tragen. Den Kongressteilnehmern in Kapstadt sagte sie: Betet, dass das Licht der Gnade Gottes und seines Erbarmens, das meine Mutter, meinen Vater und nun auch mich erreicht hat, eines Tages auch über den Menschen in Nordkorea leuchtet.

Horizonterweiterung: das Leiden der Kreatur, geheimnisvoll verwoben mit dem Leiden der Kinder Gottes. Das führt uns Paulus vor Augen, damit wir es anschauen. Und dann: dann wirft er es in die Waagschale. Er, der selbst mehrfach Schiffbruch erlitt, Jahre eingekerkert war, mehrfach ausgepeitscht, er, der treu zu Jesus stand, auch als der Preis hoch war. Er wirft das in die Wagschale.

Zweiter Teil: Die Einsicht, zu der Paulus fand


Was ist das nun für eine Einsicht? Nun, gehen wir ein wenig noch (kurz!) an den Worten des Apostels entlang.

Paulus erkennt: Leiden und Herrlichkeit gehören zusammen. Das ist eine erste Einsicht. John Stott deutet es so: „So sind Herrlichkeit und Leiden miteinander verheiratet, sie können nicht geschieden werden.“ Das ist das Merkmal dieser Welt jenseits von Eden.

Paulus erkennt: Das es so ist, markiert den Unterschied zwischen dem, was jetzt ist, und dem, was kommt. Wir leben, noch einmal John Stott, „in a half-saved condition“, in einem halb-geretteten Zustand. Jetzt ist noch Leiden, erst wenn das Reich Gottes vollends Raum greift, wird sich das ändern. Das ist die zweite Einsicht.

Paulus erkennt: Es ist dennoch nicht zu vergleichen. Werfe ich all das Leiden in die Waagschale, fliegt dennoch die mit der Liebe Gottes, die mit der Hoffnung auf die gute, heile Zukunft nicht in die Luft. „Die Leiden dieser Zeit fallen nicht ins Gewicht, wenn wir an die Herrlichkeit denken, die Gott bald sichtbar machen und an der er uns teilhaben lassen wird.“ Auch wenn wir mit allen Kreaturen jetzt über die Seufzerbrücke müssen, es ist nicht das Ende.

Paulus erkennt: Da seufzt die Kreatur, da seufzen die Kinder Gottes, und mit ihnen seufzt ein dritter – der heilige Geist seufzt, ein Trio für Seufzer vor dem himmlischen Thron. Gott seufzt mit, er schaut nicht zu, er teilt den Schmerz, bis es endlich zu Ende geht.

Denn Paulus erkennt: Dieses Seufzen, dieses Stöhnen, dieser Schmerz ist von einer ganz bestimmten Qualität. Ich war gerade wieder einmal in dem Krankenhaus, in dem mein Vater starb und auch Christianes Mutter. Und in diesem Krankenhaus wurde jetzt unser kleiner Jonte geboren. Im selben Haus, nur ein paar Flure weiter.  So kann es sein: Es wird an beiden Orten gestöhnt und schlimme Schmerzen, wirklich schlimme Schmerzen sind zu tragen. Aber in dem einen Zimmer wird gestorben, und in dem anderen Zimmer wird geboren. In dem einen Zimmer fließen Tränen, weil etwas unwiderruflich zu Ende geht, in dem anderen fließen Tränen, weil neues Leben geboren wurde. Paulus erkennt: Das Leiden, das die Kreaturen und die Kinder Gottes tragen müssen, es ist das Leiden in den Wehen. Die Schmerzen, die sie oft kaum noch ertragen können, sind die Geburtswehen einer neuen Welt. Und darum steht am Ende nicht das Vergehen und Vergessen. Das erkennt er und er wird dadurch still und getrost. Und er sagt: Das habe ich erkannt, und das teile ich mit Euch. Das ist die tiefere Einsicht in ein Leben mit Gott: Du gehst durch Schmerz, mal so, mal so, es geht nicht ohne Leid, aber was Du bekommst, ist weit mehr, wiegt viel schwerer. Jetzt bekommst Du seinen Geist, der hilft Dir, das alles zu durchstehen und zu überleben, aber dann wartet Herrlichkeit auf Dich. Darauf, so Paulus, warten die Kreaturen und die verfolgten Christen, wörtlich, wie auf Zehenspitzen, ausgestreckt, sehnsüchtig.

Ich zeige es zum Schluss an den beiden Beispielen, die unseren Horizont erweitern sollten:

Erstes Beispiel: Ein Himmel ohne Kreaturen wäre dann wohl nicht der Himmel, von dem die Bibel spricht. Also kein Wolkenparadies in luftiger Höhe, sondern eine neue Schöpfung mit glücklichen Schweinen, die als Schweine von heute nicht mehr die Schnitzel von morgen sind. Eine Welt, in der der himmlische Gospelchor Flüsse und Felder, Berge und Blumen einschließt. Übrigens gilt das auch für uns. Paulus hat erkannt, dass wir, die Kinder Gottes dann auch erlöst werden werden: Wir warten, dass unser Leib erlöst wird. Also nicht von unserem Leib werden wir erlöst, sondern unser Leib wird erneuert und in Form gebracht. Das ist die Zukunft, auf die wir zugehen. Good news im November des Jahres, im November des Lebens und im November der Welt.

Und zweites Beispiel: Die treu blieben und für Jesus so viel durchgemacht haben, werden besonders geehrt. Die etwas anstrengende Lektüre der Offenbarung hat uns das vor Augen geführt. In Offb 20 werden uns Throne vor Augen gemalt, kurz vor dem Ende der vergehenden alten Welt, und auf diesen Thronen nehmen die Platz, die hingerichtet wurden, weil sie Jesus treu blieben und ihn bezeugt haben, und die das Zeichen des Aufstands gegen Gott nicht an der Stirn oder an der Hand trugen. Sie werden herausgehoben und geehrt. Und wenn sie dann mit Jesus zusammen sind, werden sie sagen: Das war es wert. Das hat Gewicht. Das ist es, wofür wir litten, seufzten und Schmerzen ertrugen. Aber all das, was wir litten, fällt nicht ins Gewicht. Damals haben wir es – gehofft, unter Zweifeln bekannt, trotz allem festgehalten. Jetzt sehen und wissen wir es. Jetzt sind wir am Ziel.

Darum ging es heute: vielleicht in vielem nicht so sehr um uns – oder vielleicht doch? Sicher ging es darum, von Gottes Reich groß genug zu denken und die nicht zu vergessen, die für Jesus leiden. Und dann ging es wohl auch darum, wie wir die Dinge abwägen, in unserem Leben. Paulus sagt mit Gewissheit,  dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen, wenn wir an die Herrlichkeit denken, die Gott bald sichtbar machen und an der er uns teilhaben lassen wird. Und Gottes Volk stimmt ein und ruft: AMEN.

 

 

 


FAZ vom 13.11.2010, Seite Z4 = Martin Wittmann, In der tausendfüßigen Midlife-Crisis.

 A.a.O.

 Hos 4,1-3, Zitat V.3.

 Jonathan Safran Foer: Tiere essen. Köln: Kiepenheuer und Witsch 2010.

 Und anders als die Bäume im zweiten Teil des „Herrn der Ringe“ von R.R. Tolkien, die Saruman für seine Monsterproduktion fällen lässt, können sich die wenigsten Kreaturen gegen unsere Misshandlungen wehren.

 Röm 8,26 mit Ps 44,23.

 John Stott: The Message of Romans. In: The Bible Speaks Today – CD-Version zur Stelle.