Greifbar

GreifBar plus am 15.08.2010

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                       Hell und Dunkel im Leben eines Christen


    1 Auch euch hat Gott zusammen mit Christus lebendig gemacht. Ihr wart nämlich tot – tot aufgrund der Verfehlungen und Sünden,  2 die euer früheres Leben bestimmten. Ihr hattet euch nach den Maßstäben dieser Welt gerichtet und wart dem gefolgt, der über die Mächte der unsichtbaren Welt zwischen Himmel und Erde herrscht, jenem Geist, der bis heute in denen am Werk ist, die nicht bereit sind, Gott zu gehorchen. 3 Wir alle haben früher so gelebt; wir ließen uns von den Begierden unserer eigenen Natur leiten und taten, wozu unsere selbstsüchtigen Gedanken uns drängten. So, wie wir unserem Wesen nach waren, hatten wir – genau wie alle anderen – nichts verdient als Gottes Zorn. 5 Doch Gottes Erbarmen ist unbegreiflich groß! Wir waren aufgrund unserer Verfehlungen tot, aber er hat uns so sehr geliebt, dass er uns zusammen mit Christus lebendig gemacht hat. Ja, es ist nichts als Gnade, dass ihr gerettet seid! 6 Zusammen mit Jesus Christus hat er uns vom Tod auferweckt, und zusammen mit ihm hat er uns schon jetzt einen Platz in der himmlischen Welt gegeben, weil wir mit Jesus Christus verbunden sind. 7 Bis in alle Ewigkeit will er damit zeigen, wie überwältigend groß seine Gnade ist, seine Güte, die er uns durch Jesus Christus erwiesen hat. 8 Noch einmal: Durch ´Gottes` Gnade seid ihr gerettet, und zwar aufgrund des Glaubens. Ihr verdankt eure Rettung also nicht euch selbst; nein, sie ist Gottes Geschenk. 9 Sie gründet sich nicht auf ´menschliche` Leistungen, sodass niemand ´vor Gott` mit irgendetwas großtun kann. 10 Denn was wir sind, ist Gottes Werk; er hat uns durch Jesus Christus dazu geschaffen, das zu tun, was gut und richtig ist. Gott hat alles, was wir tun sollen, vorbereitet; an uns ist es nun, das Vorbereitete auszuführen.  (Eph 2,1-10)



      1) Kennen Sie Jakob Damkani? Nein, nicht schlimm; ich kannte ihn bis vor ein paar Tagen auch nicht. Aber ich möchte ihn Euch heute zu Beginn gern kurz  vorstellen. Er hat nämlich etwas, worum ich ihn ein wenig beneide: Ein richtiges Bekehrungserlebnis. Dazu noch ein altes Leben, wo es wirklich drunter und drüber ging und dann ein neues, wo Jesus alles hell gemacht hat.

       

      Jakob Damkani wuchs in Israel auf; wurde sogar in Tiberias am See Genezareth geboren. In einer jüdischen Familie, die traditionell jüdisch ist – also Feste feiert und in die Synagoge geht; Eltern sind arm; Jakob ist das 8. Kind;

      Als Jakob älter wird, sagt ihm der jüdische Glaube nicht mehr viel; nach eigener Auskunft hätte es „nie“ sein Herz berührt. So gesteht er es dem Vater. Als die Familie dann nach Holon im Süden Israels zieht ist Jakob 16 und jetzt fängt er wirklich an, ein Rebell zu werden. Einige seiner Freunde dort ziehen ihn in eine Jugendbande hinein, erst sind es kleine Delikte, die sie begehen; dann kommen Drogen ins Spiel; sie sind in der Szene in Elat bekannt und berüchtigt. Als Jakobs Eltern den Lebenswandel ihres Sohnes mitbekommen, er immer später, nachts irgendwann nach Hause kommt, es Streit mit den Brüdern gibt, fliegt er raus. Schließlich lebt Jakob auf der Straße, oder am Strand – für 2 Jahre. Schlägt sich mit Drogen, Verbrechen etc. durch das Leben. Als das Militär mit 18 Jahren ihn haben möchte, sucht er nach Ausweg; begeht nach Ausgang Fahnenflucht; kommt ins Militärgefängnis; macht schließlich so lange Schwierigkeiten, bis man ihn entlässt; er streift weiter umher …

       

      Schließlich landet er in Amerika, wo er einen Laden aufmacht – mit Kunstgegenständen aus Israel; eines Tages kommt Jeff in seinen Laden; schenkt ihm ein NT; Jakob liest darin und ist überrascht; es berührt ihn – er hatte antisemitisches Buch erwartet; schließlich legt er Zweifel ab:

       

      Wird Christ, fängt völlig neu an und vom Video : 

       

      2) Diese Geschichte paßt so gut zu unserem Text; den haben wir schon gehört; Ist Euch aufgefallen, wie sehr dieser Text in Kontrasten lebt … ? Früher – heute; Tod – Leben; Hell – Dunkel; Das habe ich einmal kenntlich gemacht. [siehe Text]; Früher also war da die Verstrickung in: Tod, Verfehlungen, Begierden etc.

       

      Heute tauchen da Vokabeln auf wie Gottes Erbarmen; Liebe; mit Jesus lebendig sein; Gnade; Rettung Tod; Also: In unserem Text (übrigens sind sich die Exegeten nicht einig darüber, wer ihn eigentlich geschrieben hat – die Mehrzahl votiert aus verschiedensten Gründen nicht für Paulus; aber gerade bei diesem Text ist mit bspw. aufgefallen, welchen Eiertanz Schnackenburg aufführt, um zu betonen, daß das theologisch zwar sehr nahe an Paulus ist; aber dann eben eigentlich doch nicht; also nennen wir ihn mal „Paulus“)

       

      In unserem Text geht es ziemlich massiv um diese Spannung: Früher, da war das Leben eigentlich keines; sondern Tod; heute ist nun alles anders; Gott hat uns gerettet – Halleluja! Und dann atmet dieser Text die Freude und die Begeisterung über diese Befreiung: er trieft richtig vor überschwänglichen Aussagen über die Güte, Liebe und Gnade Gottes, die sich an Jesus gezeigt hat und in alle Ewigkeit offenbar werden soll; Halleluja! Ein großer Lobpreis! Dank an den Retter!

       

      Fast so könnte es Jakob wahrscheinlich auch beten: Früher war alles nichts; aber Jesus hat mich rausgeholt – nun weiß ich, was Freiheit ist; Bestimmt könnten da manche von Euch auch so beten; Es gibt ja auch einige unter Euch, die ein altes und ein neues Leben kennen.

       

      [an Flipchart werden 2 Figuren gemalt: eine schwarz links und rechts daneben eine weiße; Darunter wird geschrieben „Damals – Heute; Tod – Leben“; in der Mitte wird eine vertikale Linie gezogen]

       

      3) Seid dankbar! Denn ich beneide Euch ein bißchen darum! So ein markantes Vorher und nachher zu haben, ist doch eine klare Sache! Da weiß man auch ganz genau, was Gott im eigenen Leben getan hat. Mir ging das eher nicht so: Ich war schon immer dabei; christlich erzogen; zwar erinnere ich mich an eine Kinderrüstzeit, wo ich Jesus ganz bewußt in mein Leben gebeten habe, aber es war dann nicht in so starkem Kontrast zu dem vorher. Mit 10 hat man ja auch noch nicht wirklich so ein dekadentes Leben geführt. Ich war also immer Christ. Ich habe gemerkt, daß ich deshalb auch zögerte, in diesen Text von Paulus mit vollem Herzen einzustimmen: Denn wie bei Gesundheit ist es auch mit der geschenkten Rettung so: Man empfindet besonders deutlich, wenn man sie mal nicht hat! Mein Großcousin ist 44 und muß an die Dialyse, 3x die Woche, seit 7 Jahren und was glaubt ihr, wenn der mal eine Spenderniere bekommt, wie dankbar er wäre für nur eine Woche, die er so normal erlebt wie die meisten von uns. Also Dankbarkeit und Freude liegt immer viel an dem, was wir als normal erachten. Und so hat mich dieser Text ein wenig ratlos gelassen; ich konnte dort zwar vom Kopf her einstimmen, aber vom Herzen eigentlich nicht richtig mitloben und Gott für die Rettung aus der dunklen Vergangenheit ohne ihn danken.

       

      4) Und doch: Es ist ja da, das Dunkel; manchmal, immer wieder, und er ist ja auch da – ich meine Gott. Gott gehört zu meinem Leben, aber eben dieses Dunkel auch; es ist eben diffziler; ich kann also all dieses hier auf der linken Seite [Flipchart] nicht in die Vergangenheit verbannen. Wäre schön; aber zu einfach; Und nach dem, wie ich meine Mitchristen, meine Schwestern und Brüder erlebe, geht das bei denen doch auch nicht so einfach.

       

      Da gibt es doch noch weiter die „Verfehlungen und Sünden“, die Ausrichtung an den „Maßstäben dieser Welt“ – ich denke nur daran, wie schwer es uns fällt, Schwächen zuzugeben; Oder wie wir diesen Karrierehype (auch unter Christen) übernehmen: Jemand, der eben ein paar Titel hat und bekannt ist, den hofieren wir doch genauso wie es in der Welt üblich ist. Ich weiß nicht, ob es einen Dr. theol. oder OKR Jesus gegeben hätte – naja, und was selbstsüchtige Gedanken und Begierden angeht: dazu brauche ich wohl nicht mehr viel sagen: davon bekomme ich im Alltag auch unter Christen genug mit.

       

      Wenn ich also zu diesem Schema gehe, dann müßte es – von meiner Erfahrung als Immer-schon-Christ eigentlich so aussehen.

       

      [Auf einem neuen Blatt des Charts werden zwei Figuren gemalt: eine links und rechts daneben eine andere; In beiden Figuren wird eine Hälfte (die untere) schwarz, die andere weiß gemalt; durch beide hindurch wird eine horizontale Linie gezogen]

       

      Diese Achse verläuft nicht mehr vertikal, sondern eher so, horizontal. Es ist, als wenn hier dieses Damals-heute aufgelöst wäre in oben – unten o.ä. Statt einer zeitlichen Trennlinie ist sie also eher eine räumliche! Mir kommt es nicht so vor, als ließe sich das Dunkle und Helle in Damals – heute aufteilen, sondern eher in innen – außen; rechts – links; oben – unten; jedenfalls als gäbe es da zwei Bereiche in mir und uns; einen doch recht erlösten, aber dann eben noch diesen unerlösten Raum;

       

      Ja, genau genommen kann ich die Linie gar nicht so ziehen – genau genommen muß ich in Distanz gehen zu den überschwänglichen Aussagen des Textes. Denn wäre das bei Immer-schon-Christen nicht recht befremdlich, wenn sie sich plötzlich von ihrem schlimmen Wesen von vor 10 Jahren distanzieren. Ich hatte mal einen Freund – der jetzt in Berlin Pastor ist – und der hat dann, als er anfing, eine Gemeinde zu gründen, immer sein Leben als Student als total lasterhaft hingestellt. Auch im Schema: früher – jetzt. Als ich dann mal da war, hab ich ihn drauf angesprochen und gemeint: „Mensch, früher hast Du doch schon genauso für die Sache des Herrn gestritten. Wie kannst Du nur sagen, daß mit Berlin bei Dir alles anders geworden ist?“ Also: Können wir einfach unbefangen in dieses Kontrastschema einstimmen? Ich sicher nicht!    

       

      5) Aber wenn ich das so mache mit den Linien hier, bekomme ich Bauchschmerzen der anderen Art. Mag sein, daß dies mehr unserem Empfinden entspricht, aber entspricht es auch dem Text? So viele Aussagen in der Bibel suggerieren einen klaren Wechsel: Vorher – Nachher. Dunkel – Hell.

       

      Schauen wir uns das Evangelium an für den heutigen Tag: Eine tief beeindruckende Geschichte von einem Zöllner; einem Sünder, der um seine Schuld weiß: Da geht er da zum Tempelberg und tut Buße! JA, er bekennt seine Schuld. Er erhebt sich nicht, er weiß, wer er ist und wie schlecht es um ihn steht: Und Jesus sagt: „Der ging gerechtfertigt nach Hause!“ Diese Geschichte hat mich immer sehr getroffen und gerührt – sogar zu Tränen – trifft sie doch heutige Frömmigkeitsapostel – Heuchler in Kirche und Gesellschaft doch genauso wie damals.

       

      Aber ich frage mich schon: Wie alltagstauglich ist diese Geschichte? Wäre es nicht verdächtig, wenn die jede Woche so abliefe. Der eine sich immer erhebend über den anderen; der Zöllner immer wieder im tiefen Wissen um seine Schuld sich an die Brust klopfend und Gott um Verzeihung bittend. Würden wir da nicht ihm mal freundlich darauf hinweisen: „Freund, meinst Du nicht, dass Du mal von Deiner Schuld ablassen solltest? Wenn Du schon weißt, daß Du falsch handelst, dann laß es doch einfach. Denn immer hier so aufzutauchen ist doch genauso scheinheilig wie bei dem Pharisäer da.“

       

      Die Frage steckt dahinter: Wie lange kann ich mich eigentlich mit dieser Person des Zöllners identifizieren? Vor 15 Jahren als sehr junger Mann: Ja, aber heute als nicht mehr ganz so junger Mann: immer noch? Also bleib ich dann nicht einfach der Sünder, der ich schon immer war? Wo ist dann aber die Rettung, von der der Epheserbrief so eindrücklich berichtet, hingerutscht?

       

      Ich habe im Folgenden zwei Vorschläge, ich will nicht sagen: Lösungen; aber doch Lösungsschneißen, um diesem verwirrten Schematismus hier beizukommen.

       

      6) Erstens: Ich glaube, daß man beide Schemata kombinieren muß – also das räumliche und das zeitliche: Es wird also raumzeitlich. Ganz eben.  

      [am Flipchart]

       

      Also muß man erst mal diese Linie hier aufrecht erhalten [Waagerechte]. Denn nicht nur, daß es unserer Empirie entspricht. Auch die Bibel sagt mehrmals klar und deutlich, daß wir Sünder sind und es auch bleiben. Die Johannesbriefe sind hier wohl am prägnantesten:

       

      „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“ (1. Joh 1,8)

       

      Wir sind eben „geschichtete Wesen“ und haben diese räumliche Dialektik von Sünder und Gerechter sein (Luther: „simul iustus et peccator“)

       

      Aber dann muß man wohl auch an diese Linie denken [auf Vertikale zeigen]. Aber ich würde sie nicht als einmalige Linie bezeichnen – so mit Datum und Uhrzeit und dem eindeutigen Schematismus: Vorher – Nachher. Sondern ich würde sie im Leben eines Christen jeden Tag, jede Stunde und jede Woche eintragen. [gestern – heute unter die Figuren schreiben] Denn in der Tat: Wir müssen immer wieder umkehren. Wir haben die Güte Gottes nicht in der Tasche, als daß wir uns darauf ausruhen könnten. Das ist das, was wir Heiligung nennen.

       

      Der stetige Fortschritt im Glauben: Und das gilt übrigens genauso für solche, die schon immer Christ waren oder ein einmaliges Bekehrungserlebnis hatten: Jakob Damkani wird jeden Tag umkehren müssen und Buße tun müssen – weiterhin wie ich. Luther: Adam jeden Tag neu ersäufen – das Dumme ist nur: Der kann schwimmen. Und ich habe den Glauben, daß die Figur hier rechts in diesem Bild durch diese tägliche Umkehr verändert, ja tatsächlich spür- und erlebbar reifer im Glauben und im besten Sinne heiliger wird.

       

      Ich habe mich neulich mit einem reiferen Christen unterhalten: 61 Jahre alt. Und er erzählte mir, wie enttäuscht er manchmal von sich ist, weil er einfach beim Autofahren immer noch so viel schimpft und flucht und manchmal auch aggressiv fährt. Er ertappe sich einfach dabei, dass er dann auf langen Autofahrten (fährt viel Auto) einfach seine Vorsätze vergisst, und dann sich aufregt und zum Beispiel: Du Idiot, Was bist denn Du für eine Schnarchnase…

      Wie schon vor 30 Jahren. Und dass er hier nicht weiterkomme, frustriert ihn. Ich habe ihn dann gefragt, ob er sich dann vor 30 Jahren auch schon so über sich geärgert hätte und unzufrieden war. Nein, verdutzt gab er zu, dass er sich früher darüber gar keine Gedanken gemacht habe. Und da merkte er, dass Gott hier an ihm arbeitet. Am Ziel ist er sicher nicht und mag sein, dass die Schritte klein sind: Aber Gott arbeitet hier an ihm.

       

      Und das ist das, was ich in diesem Schema mit der Vertikale andeuten will. Wenn wir die zeitliche Dimension aus den Augen verlieren, wird es so eine langweilige, beliebige und harmlose Christensoße, die wir dann nett über unser unverändertes Leben gießen können.

       

      7) Und dann kommt aber noch was hinzu und dass ist wohl das Entscheidende!

      Jetzt ist hier in der Mitte ein Kreuz entstanden. Das mag ganz zufällig sein, aber bedeutungslos ist es nicht. Denn es eröffnet die entscheidende Dimension auf dieses Diagramm: Denn wisst ihr, was das eigentlich Geheimnis dieses Textes ist – und was man mit diesem raumzeitlichen Schema gar nicht erfasst: Dass es hier um Gottes Handeln an uns geht – ich will mal sagen; egal, wo wir stehen… und wieviel Schwarz und Weiß hier in uns verteilt ist.

       

      Predigttext: Schaut Euch mal an [markierter Predigttext siehe vorn]: farblich schwarz ist Sünde und all das Negative: Tod und Verfehlungen und Begierden etc., ja, das ist auch damals; aber es sind auch alles Sachen, die von uns ausgehen: Wo wir aktiv sind in diesem Schema – mit dem Ergebnis Tod; und dann gibt es das Rote, was mit Gnade und mit Rettung zu tun hat und sehr ihr: hier ist Gott Subjekt. Immer!

      Kurz, er tut das Gute; er rettet, wo wir uns selber im Dunkel verstricken und den Tod vor Augen haben, schenkt er das Leben.

       

      Das heißt in unserem Diagramm: Egal, ob wir so ganz schwarz sind oder nur noch ein bißchen Dunkel in uns haben; er deckt‘s zu [Mantel überkleben] –

      Aber nicht in dem Sinne, dass es unter den Teppich gekehrt wird – oberflächlich angetüncht ohne Tiefenreinigung – nein, hier gerät ein wenig diese Visualisierung an ihre Grenzen: Ich meine damit, dass er in uns, die wir mehr oder weniger schwarz sind in uns, dass er mit seinen gütigen und liebenden Augen uns als Reine betrachtet: als Geheiligte und Gerettete: es gibt also nach wie vor diese Ebene hier [Dunkel]. Darüber macht sich auch die Bibel keine Illusionen. Aber Gott sagt: Das spielt keine Rolle mehr; das zählt nicht; wir werden nicht auf das festgelegt, was Da an Verfehlungen und Dunklem in uns ist. Denn die Folgen und Konsequenzen all dieses Dunklen hier, die hat mein Sohn Jesus getragen. Dafür hat er seinen Kopf hingehalten.  

       

      8) Der Clou ist hier für mich Vers 5. Leider kann man das in der deutschen Übersetzung nicht erkennen: Aber seine Liebe (Agape) hat uns gegolten, als wir tot waren (ist ein Präsenspartizip – drückt also Gleichzeitigkeit aus) Gott hat uns also genau dann geliebt und sich über uns erbarmt, als wir tot waren; als in uns Dunkelheit herrschte. Hier kulminieren also das räumliche und das zeitliche Schema in diesem Punkt, an dem Gott, das Leben uns als Dunkle und Tote liebte. Das ist für mich der Schlüsselvers.  

       

      Gott holt uns aus dem Dunkel heraus, in dem wir stecken. Und dazu müssen wir es nicht erst hinter uns lassen; nein, mitten in diesem Dunkel umfängt uns Gottes Liebe. Und Gott ist dabei der Aktive! Er holt uns raus, wo wir feststecken. Er will Licht bringen, wo um uns nur Dunkelheit ist;

       

      Und zu diesem Dunklen gehören nun wirklich nicht nur Sünden und Verfehlungen. Das wäre mir zu moralisch: Nein, zum Dunkel gehören auch andere Dinge, die wir in uns spüren und die uns quälen können –

       

      Wenn wir merken, dass ich den Ansprüchen nicht genüge. Wenn das „normale Maß“, das ich eben nun mal bin, nicht mehr ausreicht. Wenn es nicht mehr okay ist, dass ich auch mal Fehler mache. Was passiert, wenn der permanent glückliche und unentwegt leistungsbereite Mensch das Normalmaß darstellt und Traurigkeit, Zweifel und verminderte Fähigkeit „reparabel“ werden – Fehler, die man ausmerzen kann. Dann gehen wir kaputt – innerlich und äußerlich.

       

      Aber mit diesem Leistungsdruck meine ich nicht nur den beruflichen bzw. studentischen Kontext. Den gibt es auch privat: Menschen, die nicht dem perfekten Image entsprechen, den Konventionen, von denen distanziert man sich. Leute, die nicht intelligent und schön und sportlich (und rechtgläubig sind), die meidet man. Ich möchte nicht wissen, wieviel Perfektionismuswahn  auch hinter dieser ganzen Partnertauschkultur von heute steckt: „Naja, also die wollte abends nicht mehr weggehen, wenn ich noch Party machen wollte. Die war mir zu langweilig.“ „Oder mit dem war es nicht mehr so prickelnd. Das war schon alles so eingeschlafen und der Sex hatte sich schon so eingespielt und die Aufregung hat einfach gefehlt.“ (Beides keine erdachten Sätze) Der Partner oder die Beziehung genügt nicht mehr – also neu; der Illusion des Perfekten weiter frönen…

       

      Gott sagt: Es ist okay, wie Du bist! Ich liebe Dich genau so: Für mich bist Du ganz rein und heilig und wunderschön! – Du bist genau richtig – egal, welche Ecken und Kanten Du hast. Liebe Leute, ist das ist unsere tiefste Sehnsucht, so bejaht zu werden.

       

      Und wisst Ihr, Gott meint es gut mit uns – das sagt mir der Ephesertext auch: Gott meint es gut mit uns, auch wenn wir nicht so recht wissen wie. Auch wenn uns der Mut sinken mag und wir Hoffnung eigentlich nur mit dem Munde aussprechen, aber nicht im Herz fühlen können.

       

      An einem Abend dieser Woche überfiel mich so die Traurigkeit. Über meine Situation gerade – Näheres will ich hier nicht sagen. Es überkam mich auch der Schmerz über Verletzungen; der Ärger und Enttäuschung und die Sorge, wie es denn weitergehen soll. Und da kniete ich nieder, las den Predigttext für heute – nochmal und nochmal. Und es war, als wenn Gott mir die Hand auf die Schulter legt. „Ich meine es gut mit Dir. Mitten in der Finsternis liebe ich Dich, rette ich Dich und halte Dich.“ Und dann griff ich zum Losungsbüchlein, und da stand: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ Und mich erfüllte ein warmer Troststrom. Auch wenn die Traurigkeit blieb, auch wenn ich schwach bin – dann bin ich stark. Aber ist Gottes Stärke, auf die mich verlassen kann, nicht die meinige. Auch wenn ich sie nicht fühle, sie ist da und ich kann mich drauf verlassen: Er hat ein großes Plus vor mein Leben gesetzt. Er wird‘s schon machen.

       

      Durch ´Gottes` Gnade seid ihr gerettet, und zwar aufgrund des Glaubens. Ihr verdankt eure Rettung also nicht euch selbst; nein, sie ist Gottes Geschenk.

       

      9 Sie gründet sich nicht auf ´menschliche` Leistungen, sodass niemand ´vor Gott` mit irgendetwas großtun kann.

       

      10 Denn was wir sind, ist Gottes Werk

       

      Und Gottes Volk stimmt ein und sagt: AMEN.