Greifbar

GreifBar plus am 18.03.2012

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                                        „Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth“


    66 Während sich Petrus unten im Hof aufhielt, kam eine von den Dienerinnen des Hohenpriesters. 67 Als sie Petrus bemerkte, der sich am Feuer wärmte, blickte sie ihn an und sagte: »Du warst doch auch mit diesem Jesus von Nazaret zusammen!« 68 Aber Petrus stritt es ab. »Ich weiß nicht, wovon du redest; ich verstehe gar nicht, was du willst«, sagte er und ging hinaus in den Vorhof. Da krähte ein Hahn. 69 Als die Dienerin ihn dort wieder sah, wandte sie sich zu denen, die in der Nähe standen, und sagte noch einmal: »Der da ist einer von ihnen!« 70 Petrus stritt es wieder ab. Doch es dauerte nicht lange, da fingen auch die Umstehenden an: »Natürlich gehörst du zu ihnen, du bist doch auch ein Galiläer!« 71 Petrus begann, Verwünschungen auszustoßen, und schwor: »Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet!« 72 In diesem Augenblick krähte der Hahn zum zweiten Mal. Da erinnerte sich Petrus daran, wie Jesus zu ihm gesagt hatte: »Bevor der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.« Und er brach in Tränen aus. (Mk 14, 66-72)

 

Liebe Gemeinde,

 

wir beginnen heute einmal mit einem kleinen Quiz.

 

Wie geht der Satz weiter: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist...“ – „… dann ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist.“ Genau!

 

Nächste Frage: Welche Nation hat den Hahn als Nationaltier im Wappen? Frankreich, nicht schlecht, der gallische Hahn bei den Galliern im Wappen, der kämpferische Hahn, aber nur nach der französischen Revolution. Heute nicht mehr. Heute ist der Hahn das Wappentier Kenias.

 

Letzte Frage: Wo kommt der Hahn in der Kirche vor? Richtig, auf dem Kirchturm katholischer Kirchen bei uns und reformierter Kirchen in der Schweiz. Er ist der, der den neuen Tag ankündigt. Er ist aber auch der, der an den Verrat des Petrus erinnert.

 

Und darum geht es heute. Petrus allein ist der merkwürdige Held dieser Geschichte. Jesus kommt hier nicht vor. Nur Petrus und sein Versagen. Und die Geschichte seines Versagens hat eine Vorgeschichte. Jesus hatte seinen Jüngern gesagt, was kommen würde: Ihr werdet mich alle im Stich lassen. Und alle waren sie betroffen still gewesen. Keiner wagte Jesus zu widersprechen. Keiner? Doch, einer: Herr, ich nicht. Doch, sagt Jesus, noch bevor der Hahn zweimal kräht, wirst du Mist bauen. Nein, sagt Petrus, auf keinen Fall, ich nicht, alle anderen vielleicht, meinetwegen, aber mir passiert das nicht. Mir nicht. Ich würde mein Leben für dich opfern, eher sterbe ich, als dass ich untreu würde. Ich bin nicht wie die anderen. Ich kann bestehen. Ich bin gut, wenigstens tief drinnen, im Kern.

 

Mir passiert das nicht, sagt Petrus. Mir passiert das nicht, sagt der junge Politiker. Ich werde nicht so wie die anderen, rücksichtslos, hart, machtversessen; ich werde meine Ideale nicht verraten. Mir passiert das nicht, sagt der junge Ehemann. Ich werde in meine Ehe investieren, ich werde mit meiner Frau über alles reden, alles werden wir teilen. Ich werde nicht so einer, der seine Ehe immer mehr verflachen lässt. Mir passiert das nicht, sagt die junge Lehrerin, ich werde nicht so, ich werde nicht zynisch und gleichgültig gegen meine Schüler, ich werde nicht so wie die Alten. Mir passiert das nicht, sagt der 14jährige, ich stehe zu meinen Freunden, auch wenn andere über sie herziehen. Mir passiert das nicht, sagt der Unternehmer, ich opfere nicht alles dem Geschäft, ich vernachlässige meine Freunde nicht, ich gehe keine krummen Wege, nur um mehr zu verdienen. Uns passiert das nicht, sagen die jungen Eltern, wir machen alles anders als die Eltern, die wir erlebt haben, wir werden unsere Kinder immer fördern, immer geduldig sein, uns wird die Hand nicht ausrutschen, wir werden starke, frohe Kinder haben. Mir passiert das nicht, sagt die Studentin, ich werde nicht abschreiben, meine Arbeiten werden jeden Plagiatstest bestehen. Immer ist es dieselbe Melodie: Mir passiert das nicht, rufen Petrus und Petra in uns, mir nicht, und wenn es allen anderen passiert, mir nicht.

 

Stolz und selbstsicher reden wir, bis der Hahn kräht. Da ging es nur um diesen einen Kompromiss, um die Wahl zu gewinnen. Da bot sich die Gelegenheit, ein bisschen schneller das eigene Geschäft nach vorne zu bringen. Da waren die Schüler so schwierig, die Kinder so undankbar und nervig, der Ehepartner nicht so verständnisvoll wie erhofft, die Spötter auf dem Schulhof so übermächtig, die Arbeit für die Uni so bald abzugeben, notfalls mit ein paar einkopierten Texten. Und schon war es passiert, mir, nicht den anderen, der Hahn kräht, die Selbstsicherheit ist dahin, der Stolz bröckelt, die Arroganz verliert an Boden.

 

Das ist die Petrusgeschichte: Mir nicht, sagt Petrus. Doch, genau dir, sagt Jesus.

 

Schauen wir näher hin. Als Jesus ihn ruft, mit anderen zusammen, ruft er ihn, damit er bei ihm sei. Du sollst mit mir sein, das ist der Anfang. Jesus bei Petrus, Petrus bei Jesus. Aber jetzt sind sie getrennt. Jesus ist verhaftet und schon auf dem Weg zum Kreuz. Petrus wärmt sich am Feuer, da wo die Soldaten mit ihren Weibern sitzen. Was sucht er da nur? Eine junge Magd spricht ihn an, mit den Worten, die einem Jünger gelten: Du warst doch mit ihm. Nein, sagt er erbost, wo denkst du hin? Und schon ist alles vergessen, drei Jahre an der Seite von Jesus, vergessen, wie er die Schwiegermutter geheilt hatte, vergessen, das gemeinsame Fischen, vergessen, die vielen Kilometer unterwegs, vergessen, die langen vertrauten Gespräche, das gemeinsame Tun, der Stolz, dass Jesus ihn einbezog in sein Handeln, und was heißt einbezog: dass er ihn  an die Spitze seines kleinen Teams setzte, alles vergessen.

 

Aber die Magd lässt sich nicht beirren: Doch, sicher, ruft sie den anderen zu, guckt mal, da, auch einer von dieser Jesus-Bande. Und wieder: Nein, nein, wovon redest du bloß!

 

Und dann das dritte Mal, höchste Steigerung, endgültige Entscheidung: Wo wirst du stehen, Petrus, wenn es darauf ankommt? Du hast doch gesagt: Mir passiert das nicht! Hör mal, sagen sie, wie du redest, wie du angezogen bist, du bist aus dem Norden, du musst einer von den Jesus-Leuten sein. Da wird Petrus leidenschaftlich. Das ist sein Charakter. Leidenschaftlich hat er Jesus widersprochen: Mir passiert das nicht. Und leidenschaftlich flucht und schwört er, nennt Jesus nicht einmal mehr beim Namern: Gottverdammmich, ruft er, ja, Gott verdamme mich, ich kenne diesen Menschen nicht. Diesen Menschen!?

 

Das ist das Ende. Petrus sagt sich von Jesus los. Endgültig. Er schwört Stein und Bein. Er will lieber verflucht sein als Jesus zu kennen. Es wurde ernst: Jetzt galt es dazu zu stehen, ein Freund von Jesus zu sein. Aber Petrus schneidet das Band durch. Petrus unterschreibt die Scheidungsurkunde. Petrus reicht die Kündigung ein. Endgültig, unwiderruflich. Jesus wendet sich dem Kreuz zu, Petrus wendet sich von Jesus ab. Es heißt, einige Jahre später, in den ersten Jahren der Verfolgung, wenn einer dann sagte: Ich kenne Jesus nicht, dann sollte ihm das Schlimmste erspart bleiben. Aber das musste man, um die eigene Haut zu reden: Jesus absagen, kündigen, von ihm scheiden.

 

Da kräht der Hahn. Und als ob er das alles wie im Traum getan hätte, erwacht Petrus. Aber es ist zu spät. Auch er hat versagt, wie die anderen. Auch er hat Jesus im Stich gelassen, wie Judas. Der große Petrus, der mit dem Ehrentitel „Fels“ – jetzt ist er nur ein Häufchen Elend. Er schämt sich so sehr, dass er sich der Tränen nicht mehr schämt. Er schaut in den Spiegel und kann nicht ertragen, was er da sieht. Hoffnung ist hier keine. Was wird jetzt noch passieren? Er hat gesagt: Ich kenne diesen Menschen nicht. Was soll anders passieren, als das, was Jesus angekündigt hat, für den Tag, an dem alle unsere Akten offen da liegen und das Urteil über uns gefällt wird. Was soll er sagen, außer: Petrus? Wer bitte? Ich kenne diesen Menschen nicht (Mt 7,23)!

 

Das ist die Geschichte des Petrus, bis hierhin können wir sie heute erzählen. Und wir können einiges aus ihr lernen:

 

Das erste: Wir können nicht für uns garantieren. Wir können uns nicht unserer selbst sicher sein. Wir sind so leicht dabei, uns selbst zu überschätzen. Mir passiert das nicht? Ich hätte nicht abgedrückt, zugegriffen, geschwiegen, mitgegröhlt, mich gehen lassen, draufgehauen? Wirklich nicht? Kein Verrat an unserem Heiligsten, kein Versagen, wenn es darauf ankommt? Keine fristlose Kündigung für unseren Glauben, unsere Liebe oder unsere Hoffnung? Kein treuloses Schweigen, wenn wir nach Jesus gefragt würden? Wir können die Hand nicht für uns ins Feuer legen. Wir haben keinen Grund zu denken: Mir kann das nicht passieren. Auch von mir muss es heißen: Das steckt auch in mir, die dunkle Möglichkeit, das abgrundtiefe Böse. Es steckte in Petrus, als er Jesus verleugnete. Es steckte in Kain, als er seinen Bruder erschlug. Es steckte in Abraham, als er lieber Sarah opferte als seine Sicherheit. Es steckte in Jakob, als er seinen Bruder ums Erbe betuppte. Es steckte in Mose, als er im Jähzorn zuschlug. Es steckte in David, als ihm Batheseba schnelle Lust bot. Es steckte in Salomo, als ihm die Macht zu Kopfe stieg. Es steckt in uns. Das Dichten und Trachten unseres Herzens – böse von Jugend auf. Wir haben keinen Grund, unserer selbst sicher zu sein.

 

Das zweite: Wir brechen dabei nicht nur irgendwelche Gebote, wir verletzen tiefste Loyalitäten. Das Schlimme an dem, was der Petrus in uns tut, ist ja nicht der Regelverstoß, die Überquerung einer roten Linie, das moralisch Anstößige an sich. Das Schlimme ist, wie er Jesus damit ins Gesicht spuckt und ihm den Nagel ins Kreuz rammt. Der ihn rief. Der seinem Leben ein Ziel gab. Der ihm verzieh. Der ihn in die Lehre nahm. Der ihm den Himmel aufschloss. Den spuckt er ins Gesicht, dem rammt er den Nagel ins Kreuz. Das schmerzt Jesus. Er geht den Weg ans Kreuz, verlassen, verstoßen, verraten und verkauft, verachtet. Schmerzt es uns eigentlich, was wir anderen, was wir Jesus antun? Wir verletzen die Liebe, wenn herauskommt, was in uns steckt. Das ist das Schlimme.

 

Intermezzo: An diesem 18. März, an dem die Bundesversammlung einen neuen Präsidenten gewählt hat, muss ich an einen alten Präsidenten denken, Johannes Rau. Er war lange Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen und er war von 1999 bis 2004 Bundespräsident. Er wollte versöhnen statt spalten. Er bat in der Knesset in Jerusalem um Vergebung für die unermessliche Schuld des Holocaust. Seinen Glauben verschwieg er nicht. Er galt als integer und bescheiden. Aber die Fete für seinen 65. Geburtstag bezahlte die West-LB. Sie bezahlte auch private Flüge, ausgesprochene „Vergnügungsreisen“ von NRW-Politikern beider großer Parteien.  Auch Johannes Rau hatte eine Petrus-Seite an sich. Johannes Rau starb 2006 und wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beerdigt. Und für seinen Grabstein hatte er den Satz verfügt: „Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth“.

 

Dieser Grabstein ist nun eine starke Predigt. Johannes Rau bekennt sich, noch nach seinem Tod. Das ist die Überschrift meines Lebens: nicht der Ministerpräsident, nicht der Bundespräsident, nicht der vielfache Ehrendoktor und Hochdekorierte, nein, der, der mit dem Jesus von Nazareth war. Ein starkes Zeugnis. Wenn man nur das von mir, von Dir mal sagen kann! Aber auch im guten Sinne eines Armutszeugnis: Es ist ja die Anrede der Magd an Petrus, es ist ja der Satz, der das schlimmste Versagen des ersten Jüngers im Staate auslöste. Nein, sagt Johannes Rau, ich kann mich nicht auf mich verlassen. Ich kann meiner nicht sicher sein. Das, was in Petrus steckte, steckt auch in mir. Und dass ich das weiß und bekenne, das macht es noch nicht gut.

 

Wenn ein Präsident, der integer und glaubwürdig sein wollte, das von sich sagt, was sagt uns das, die wir unser so sicher sind? Was sagt es einem Präsidenten, der bis zum Ende zwar Fehler zugibt, aber keine Schuld? Was sagt es einem Volk, das ganz selbstsicher diesen Präsidenten verurteilt? Was sagt es den scharfzüngigen Talkshow-Dauergästen? Die Botschaft scheint ja zu lauten: Uns wäre so etwas nie passiert! Was sagt es einem neuen Präsidenten, an den gerade messianische Erwartungen gerichtet werden, als würde nun einer auf den Thron gehoben, dem das alles nun wirklich niemals passieren könnte?

 

Was sagt es mir, wenn ich für mich die Hand nicht ins Feuer legen kann, weil ich solche Petrusmomente ja kenne, weil ich den Hahn schon mehr als einmal krähen hörte?

 

Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth. Wer mit Jesus ist, der wird nüchtern mit sich selbst umgehen und darum behutsamer, vorsichtiger und barmherziger mit anderen. Vielleicht hat Petrus an diesem Tag verlernt zu sagen: Wenn auch alle anderen Mist bauen, ich nicht. Allen anderen konnte er so etwas zutrauen, und darum sah er alle andere auch von oben herab an. Ihm würde so etwas nicht passieren, darum war er auch so selbstgewiss. Vielleicht hat er das an diesem Tag verlernt. Vielleicht lernte er an diesem Tag Erbarmen. Erbarmen ist die Frucht solcher Stunden. Erbarmen ist das Heilmittel für Arroganz.

 

Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth. Jesus ging seinen Weg allein ans Kreuz, geschlagen, bespuckt, festgenagelt, auch durch das Versagen seines engsten Freundes. Und doch wurde sein Schmerz zum Segen, seine Niederlage zum Sieg, sein Tod zum Leben, seine Treue überwindet die Kündigung seines Apostels, sein Leiden bedeutet Vergebung für Petrus, sein Durchhalten hebt die Scheidung auf, die Petrus aussprach, sein Ja ist stärker als des Petrus noch so entschiedenes Nein. Nichts von der Dramatik wird damit aufgehoben. Keine Träne wurde hier umsonst geweint. Alles andere als selbstverständlich und zu erwarten ist dieses Ende. Lebensgefährlich bleibt die Sünde, das sehen wir an Judas. Ein Wunder, ein staunenswertes Wunder bleibt dieser Sieg. Und es ist ein Sieg von Jesus, nicht von Petrus. Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth, weil mit diesem der Jesus von Nazareth war, blieb und ist.

 

Stellen wir uns vor, dass Petrus sich nach all diesen Ereignissen in der Gemeinschaft zurückmeldet. Gäbe es einen Personalchef bei den Jüngern, müsste er sagen: Mit so einem kann ich nicht die Gemeinde der Zukunft bauen. Seltsamerweise aber sagt Jesus daraufhin: Ich schon. Andere als solche kriegst du auch nicht. Menschen mit Brüchen, mit einem schwierigen Herzen, mit ambivalenten Motiven, dunklen Potenzen, erkennbar immer wieder angewiesen auf Gnade. Stellen wir uns vor, dass Petrus nach all diesen Ereignissen sogar Leiter, Pastor, Prediger werden soll in der Gemeinde. Jetzt müssten doch die Gemeindeglieder und Mitarbeiter sagen: Nein, so einer nicht, unsere Leiter müssen vollkommener sein, ohne greifBaren Fehl und Tadel, mit so einem wie dem sind wir weder zufrieden noch einverstanden. Seltsamerweise sagt Jesus daraufhin: Ich schon. Andere kriegt Ihr nicht. Menschen mit Brüchen, mit einem schwierigen Herzen, mit ambivalenten Motiven, dunklen Potenzen, erkennbar selbst immer wieder auf Gnade angewiesen.

 

Das ist das Evangelium vom krähenden Hahn: Wir können uns nicht auf uns selbst verlassen, aber das Krähen des Hahns und das Weinen des Petrus behalten nicht das letzte Wort. Das alles trägt einer an ein Kreuz, und dann spricht er uns an. Und anstatt uns als geschiedene Leute anzusehen, fragt er nur eines: Hast du mich lieb? Wenn das so ist, dann ruft einer jeder in Gottes Volk: Amen.