Greifbar

GreifBar plus am 19.09.2010

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                        Mit dem Alten Testament glauben und leben


 

    38 Und Saul legte David seine Rüstung an und setzte ihm einen ehernen Helm auf sein Haupt und legte ihm einen Panzer an. 39 Und David gürtete Sauls Schwert über seine Rüstung und mühte sich vergeblich, damit zu gehen; denn er hatte es noch nie versucht. Da sprach David zu Saul: Ich kann so nicht gehen, denn ich bin's nicht gewohnt; und er legte es ab 40 und nahm seinen Stab in die Hand und wählte fünf glatte Steine aus dem Bach und tat sie in die Hirtentasche, die ihm als Köcher diente, und nahm die Schleuder in die Hand und ging dem Philister entgegen. 41 Der Philister aber kam immer näher an David heran und sein Schildträger ging vor ihm her. 42 Als nun der Philister aufsah und David anschaute, verachtete er ihn; denn er war noch jung und er war bräunlich und schön. 43 Und der Philister sprach zu David: Bin ich denn ein Hund, dass du mit Stecken zu mir kommst? Und der Philister fluchte dem David bei seinem Gott 44 und sprach zu David: Komm her zu mir, ich will dein Fleisch den Vögeln unter dem Himmel geben und den Tieren auf dem Felde. 45 David aber sprach zu dem Philister: Du kommst zu mir mit Schwert, Lanze und Spieß, ich aber komme zu dir im Namen des HERRN Zebaoth, des Gottes des Heeres Israels, den du verhöhnt hast. 46 Heute wird dich der HERR in meine Hand geben, dass ich dich erschlage und dir den Kopf abhaue und gebe deinen Leichnam und die Leichname des Heeres der Philister heute den Vögeln unter dem Himmel und dem Wild auf der Erde, damit alle Welt innewerde, dass Israel einen Gott hat, 47 und damit diese ganze Gemeinde innewerde, dass der HERR nicht durch Schwert oder Spieß hilft; denn der Krieg ist des HERRN und er wird euch in unsere Hände geben. 48 Als sich nun der Philister aufmachte und daherging und sich David nahte, lief David eilends von der Schlachtreihe dem Philister entgegen. 49 Und David tat seine Hand in die Hirtentasche und nahm einen Stein daraus und schleuderte ihn und traf den Philister an die Stirn, dass der Stein in seine Stirn fuhr und er zur Erde fiel auf sein Angesicht. 50 So überwand David den Philister mit Schleuder und Stein und traf und tötete ihn. David aber hatte kein Schwert in seiner Hand. 51 Da lief er hin und trat zu dem Philister und nahm dessen Schwert und zog es aus der Scheide und tötete ihn vollends und hieb ihm den Kopf damit ab. Als aber die Philister sahen, dass ihr Stärkster tot war, flohen sie. (1 Sam 17,38-51)

       

       

      Liebe GreifBar-Gemeinde,

      wenn einem Tommy Lee Jones die Geschichten erzählt, wird eigentlich alles klar: wie es David ging, und wie furchtbar der Goliath daherkam, und man seine Angst bezwingt. Bis ins große Kino schaffen es die alten Geschichten, bis heute.

      In diesen Wochen geht es bei GreifBar um die Bibel. Wir fragen, wie wir sie lesen und mit ihr leben können. Nun geht es manchem so, dass er sich tapfer eine neue Bibel kaufte oder die von früher hervorkramte und abstaubte – und los geht’s! Am Anfang geht’s auch noch ganz gut: Schöpfung, Adam und Eva, dann leider der Rauswurf aus dem Paradies, dann CSI Eden mit dem ersten Mord an Abel, Turmbau zu Babel, die erste Pleite eines Bauunternehmers. Und es geht immer noch ganz gut, denn die Stories von Abraham bis Mose lesen sich flott und sind auch ganz spannend. Die ersten beiden Bücher der Bibel sind alles andere als langweilig, nein, beste Unterhaltung auf hohem Niveau. Alles prima. Aber dann!!

      Irgendwann lässt es sich nicht vermeiden, dass man im 3. Buch Mose ankommt. Wenn ich jetzt sagen könnte, da versteht man nur noch Bahnhof, dann wäre es ja noch o.k. Es ist eher wie bei Mark Twain. Dem hat mal jemand gesagt, er quäle sich so mit den Abschnitten in der Bibel, die er einfach nicht verstehen könne. Twain antwortete: Mir bereiten mehr die Stellen Kopfschmerzen, die ich verstehe. Also, spätestens bei 3. Mose fangen die Probleme an und danach hören sie auch nicht mehr schnell auf. Nur ein paar Beispiele:

      1. Thema „Essen“: Es ist höchst erstaunlich, was da so alles verboten ist! Anders herum, erlaubt ist Folgendes: „Alles, was gespaltene Klauen hat ... und wiederkäut unter den Tieren, das dürft ihr essen“ (3 Mose 11,3). Aha, also beim nächsten Besuch an der Fleischtheke frage ich den Fleischer: Hat dieses Steak in besseren Tagen gespaltene Klauen gehabt und wiedergekäut? Wenn er sich auskennt, sagt er: War es ein Rind, dann ja, war es ein Schwein, dann nein. Neben dem Schwein verboten ist der Hase (angeblich ein Wiederkäuer, aber ohne gespaltene Klauen!) und auch der Klippdachs – wer bitte ist der Klippdachs? Übrigens ist es auch verboten, Blut zu essen. Ich musste beim Schreiben mit schlechtem Gewissen an mein Frühstück am Donnerstag in Wittenberg denken. Weil die beste Ehefrau von allen und das Buch Leviticus eine große Koalition bilden, gibt es nämlich zu Hause keine Blutwurst. Da muss man seine Reisen nutzen. Aber alles verboten (3 Mose 7,26f). Gilt das nun oder gilt das nicht?

      2. Thema „Gewalt“: Als unsere Maike nach dem Abitur auf der Bibelschule in Schweden war, hatte sie bald eine Lieblingsstelle, und die steht im Richterbuch, Kapitel 3. Beim Fernsehen stünde da: „Diese Sendung ist für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet.“ Die Story fängt mit dem Satz an: Eglon (das ist ein ziemlich fieser feindlicher König), also „Eglon war ein sehr fetter Mann“ (Ri 3,17). Es geht damit weiter, dass Ehud (das ist der Gute in der Story) zu Eglon (dem Bösen) geht, angeblich, um ihm Geld zu bringen. Das Ganze endet mit Mord und Lüge. Mord: „Ehud aber streckte seine linke Hand aus und nahm den Dolch ... und stieß ihn Eglon in den Bauch, dass nach der Schneide noch der Griff hineinfuhr und das Fett die Schneide umschloss; denn er zog den Dolch nicht aus dem Bauch.“ Ekel Eglon stirbt, Ehud macht die Tür hinter sich zu. Jetzt kommt Lüge: Die Diener Eglons suchen ihren Chef, aber Ehud sagt ihnen: Keine Ahnung, hier ist er nicht, wahrscheinlich ist er gerade mal auf dem Klo (Ri 3, 15-30). Das ist also Maikes Lieblingsgeschichte. Naja, besser als die von Saul, der als Brautpreis von David die Lieferung von 100 Vorhäuten verlangte. Ich erkläre jetzt nicht, wie das geht, aber ich frage mich schon, was Saul mit dieser Trophäe angefangen hat.

      3. Eins noch: Thema „Opfer“. Im Alten Testament wird am laufenden Band geschlachtet, jedenfalls solange es einen Tempel gibt. Gott ordnet es selbst an, er gibt seinem Volk ein Mittel an die Hand, wieder ins Reine zu kommen mit Gott, wenn es wieder einmal Mist gebaut hat. Dazu aber muss Blut fließen, viel Blut. Und das ist uns doch reichlich fremd: Das Leben des schuldigen Menschen ist verwirkt, er müsste eigentlich sterben, aber damit er das nicht muss, muss ein Tier sterben, ein Sündenbock oder ein männliches Rind ohne Fehler, und der Priester soll seine Finger in das Blut tauchen und den Altar besprengen und dann das Fett, die Nieren und die Leber herauslösen und verbrennen. So kommt alles wieder ins Reine, aber das ist doch wirklich ein bisschen fremd, und wir tun das doch auch nicht, oder?

      Also, man versteht diese Dinge und versteht sie doch nicht: neben den schönen Geschichten von Abraham bis Mose nun plötzlich Merkwürdigkeiten (wenn es ums Essen geht), Gewalt, viel, viel Gewalt und eine seltsame Weise, mit Gott zu verkehren, durch das Schlachten und Opfern unschuldiger Tiere. Was sollen wir also mit diesem Teil der Bibel? Ist es nicht doch besser, wir bleiben beim Neuen Testament, wo es um Jesus und die Gemeinde und ihre Mission geht und das Liebesgebot regiert?

      Nun, liebe Gemeinde, das ist eine alte Frage. Jetzt muss ich ein bisschen aufpassen, dass ich Euch keinen langen Vortrag zumute. Mir fällt nur auf, dass sich Liebe zum Alten Testament und Hass auf das Alte Testament merkwürdig genau verteilen.

      Jesus und seine Jünger, die Autoren der Lebensgeschichten von Jesus und der Briefe an die ersten Gemeinden, liebten das Alte Testament. Jesus pflegte mit den Psalmen, den alttestamentlichen Liedern und Gebeten zu beten, ja er starb mit Worten aus den Psalmen auf den Lippen. Das, was wir „Altes Testament“ nennen, das war für Jesus die Thora, die gute Weisung seines Vaters im Himmel. Jesus sah sich auch nicht im Widerspruch zur Thora: Erfüllen und vollenden, aber nicht abschaffen wollte er die Gebote der Thora. Und die ersten Christen hatten ja so etwas wie ein Neues Testament noch gar nicht. Als Jesus gekreuzigt wurde und dann wieder auferstand, verstanden sie nur noch Bahnhof. Aber dann griffen sie zu ihrer Bibel und lasen nach, lasen vom Gottesknecht, der für uns leiden und an unserer Stelle sterben muss, begriffen, dass hier einer sein Leben geopfert hatte für uns, die wir durch keines unserer Opfer hätten Frieden finden können. Sie liebten dieses Buch und hingen voller Treue an ihm. Ihnen war auch glasklar: Es ist das Buch vom Vater, so wie jetzt das Buch vom Sohn und vom Geist geschrieben wird. Und das heißt: ein und derselbe Gott, von glühender Liebe zu uns geprägt, hier wie da derselbe! Und wo es gut ging mit der Christenheit, blieb es auch dabei.

      Auf der anderen Seite waren die, die das Alte Testament verachteten. Und man kann eigentlich sagen: Sie waren fast immer die, die Menschen in die falsche Richtung zogen. Da war in der frühen Christenheit ein Mann namens Marcion. Der lehrte, man könne auf das Alte Testament verzichten. Und weil er nicht mehr auf das hörte, was gleich am Anfang der Bibel steht, lehrte er auch, dass diese irdische, materielle Welt von einem bösen Gott geschaffen wurde, einem Gegenspieler von dem Gott, der uns durch Jesus retten will. Der böse Gott schuf das Irdische, der gute Gott rettet uns aus dem Irdischen. Klar, dass man so nur nein sagen kann zu allem Geschaffenen, zum Leib und zur Freude am Schönen in der Schöpfung, zur Verantwortung für diesen Garten, in den uns Gott gesetzt hat. Noch ein Beispiel: Am 13. November 1933 steht Reinhold Krause am Pult im Sportpalast in Berlin und redet sich in Rage. Eine Unverschämtheit, dass man sich heute noch in der Kirche Texte aus dem Alten Testament anhören müsse. Die deutsche Kirche solle sich freimachen vom „Alten Testament mit seiner jüdischen Lohnmoral und mit seinen Viehhändler- und Zuhältergeschichten", geiferte er. Und zehntausend Zuhörer im Berliner Sportpalast klatschten Beifall. Weg mit dem Alten Testament, das hieß dann auch: Weg mit dem Volk des alten Bundes. Auch Krause dachte, der Gott des Alten Testamentes habe nichts zu tun mit dem Gott der Liebe im Neuen. Freilich waren seine Konsequenzen durchaus nicht liebevoll.

      Nun habe ich es wahrscheinlich geschafft, Euch gänzlich zu verwirren: Einerseits sollen wir also das Alte Testament lesen wie Jesus und seine Jünger, als das Buch vom liebenden Vater, andererseits bleiben doch die Merkwürdigkeiten, die Gewalt und der seltsame Opferkult. Wie bitte soll das zugehen?

      Ich möchte Euch dazu zwei Gedanken ans Herz legen, wirklich ans Herz legen:

      Der erste: Wir lesen das Alte Testament auf Jesus zu und von Jesus her. Das ist das erste. Auf Jesus zu: Das Alte Testament ist das Buch einer großen Sehnsucht. Es lebt von der Hoffnung, dass eines Tages einer kommt, der die Dinge wieder ins Lot bringt. Die Geschichte von den Vätern Abraham, Isaak und Jakob bis zu den Zeitgenossen von Jesus drängt nach vorne: Wann kommt der Retter, der Gesalbte, der gute König? Wir merken doch, dass alle Opfer uns nicht wirklich ins Reine kommen lassen. Wir merken doch, dass alle unsere Könige die hohen Erwartungen nicht erfüllen konnten. Wann wird endlich Friede, in uns und unter uns und mit der ganzen Schöpfung? Und dann kommt Jesus, redet im Namen des Gottes Israels, vergibt Sünden, heilt Kranke, widmet sich den Verachteten und hebt die Armen aus dem Staub. Endlich kommt Jesus, geboren als Jude, ein Spross des Alten Testaments. Und darum lesen wir das Alte Testament auch mit einer ganz bestimmten Brille. Wir lesen es von Jesus her: Was ihm entspricht, das hat auch für uns Geltung. Was seinem Willen nahe kommt, das hat Autorität auch für uns. Die ersten Christen haben es schon bald so auf einer ersten Synode beschlossen: Ja, die guten Gebote Gottes gelten auch für uns, die 10 Gebote, die Gebote, die uns verpflichten, Erbarmen und Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit walten zu lassen. Nein, an die Speisegebote müssen wir uns nicht mehr halten. Nein, die Gewalt wird nicht gepriesen. Der große Gewaltlose hat uns einen anderen Weg gezeigt. Nein, mit dem Opfern hat es ein für alle Male ein Ende, denn Jesus hat das letzte höchste ultimative gültige ewige allgenugsame wunderbare heilsame rettende Lebensopfer für uns gebracht. Nie wieder Opfern. Keine Tiere. Kein Geldopfer für unser Heil. Keine guten Werke. Kein Klimmzüge. Kein Blutvergießen. Kein Gott, den man bezahlen müsste. Kein Klettermaxe-Christentum. Jesus hat endgültig für immer für jeden für die ganze Welt für alle Ewigkeit für Juden und Heiden für Schwarze und Weiße für Junge und Alte für Männer und Frauen – genug getan – ist das etwas?? Das war das erste, was wir uns merken müssen: Wir lesen das Alte Testament auf Jesus zu und von Jesus her, anders können wir es gar nicht.

      Und nun der zweite: Tommy Lee Jones erzählt dem kleinen David die Geschichte, die Geschichte von jenem anderen kleinen David, der auf Gott vertraute und seine Angst bezwang. Da müssen wir noch einmal hinschauen. Denn das ist es, was wir mit dem Alten Testament lernen: Es sind Geschichten über Geschichten von ganz gewöhnlichen Menschen, die ein ungewöhnliches Leben lebten, weil sie Gott, unserem Vater vertrauten. Mit David und Salomo, mit Mose und Aaron, mit Daniel und seinen Freunden, mit Jona und mit Abraham lernen wir zu leben und zu glauben, im Leben zu glauben und im Glauben zu leben. Drei Beispiele zum Schluss:

      David geht auf Goliath zu, nicht weil er übermütig ist, sondern weil er begriffen hat, dass er mit Gott auch in der schwierigsten Lage nicht allein ist. David stellt sich diesem Kampf, weil für ihn Gott keine Theorie ist, kein fernes Wesen, kein bloßer Gedanke. Und er hat als Hirte kleine Erfahrungen mit Gott gemacht, weil er seine Schafe gegen Löwen und Bären verteidigen musste. Darum ist er jetzt bereit für die große Herausforderung: „Du kommst mit Schwert, Lanze und Spieß“, sagt er, „ich aber komme zu dir im Namen des Herrn“ (1 Sam 17,45). Es geht ja heute nicht zuerst um David, aber David ist ein Beispiel. Das alte Buch lässt Filme vor uns ablaufen, viele Filme von ganz kleinen Leuten, die etwas Besonderes wurden, die „ich“ sagen konnten und starke Sachen gemacht haben, weil sie mit Gott lebten. Für den kleinen David im Film hieß das, endlich bei geschlossener Tür zu schlafen, eine große Tat. Für manchen mag es heißen, endlich den Stier bei den Hörnern zu packen und eine Entscheidung in die Tat umzusetzen. Oder im Vertrauen auf Gott jemanden zu konfrontieren. Im Vertrauen auf Gott mutig zu sein und das bisschen Geld für Gottes Sache zu investieren. Im Vertrauen auf Gott eine Sucht anzupacken und sich helfen zu lassen. Das alles sind kleine Kieselsteine, gegen die Goliaths in unserem Leben.

      Ich gehe noch etwas weiter. Schauen wir bei David genauer hin, dann sehen wir, dass er aufschrieb, was er betete. Eine gute Sache, wenn wir diese Geschichten lesen: aufschreiben, was wir verstehen und uns vornehmen, worauf wir hoffen und dann auch Gott bitten. Die Gebete Davids liegen uns in den Psalmen vor. Das ganze pralle Leben. Auch das ist das Alte Testament. Anders als manche unserer wohl formulierten Gebete: das ganze Leben. Furcht und Sorge und Lob und Ärger und Trauer und Verzweiflung und Dankbarkeit und Zweifel und Rachedurst und Buße und Freude und Hoffnung – ausgebreitet vor Gott. (Als er sich auf den Kampf vorbereitete...) Wie ermutigend, dass Gott das alles hören will! In einer Sprache, die uralte Bilder in uns wach ruft: von den Sternen über uns, von Wiesen voller Schafe, von Familien und ihren Problemen, von Zwist und Zank, von Blumen, die blühen und morgen verwelken, von brüllenden Hirschen und von Vätern, die ihre Kinder tragen. Philipp Yancey sagt: Wenn wir anfangen, die Psalmen zu beten, dann beten wir ehrlich, dann werden wir vielleicht überhaupt erst ehrlich, mit allen unseren Gefühlen. Wir verstecken sie nicht mehr. Wir leben auch nicht alles aus, was wir fühlen, das würde ja reichlich gefährlich! Aber wir breiten es vor Gott aus und bitten ihn, uns zu leiten, zu heilen, zu korrigieren oder auch zu beschenken. „Ich lernte menschlicher zu beten, als ich anfing, die Psalmen zu lesen und zu meinen Gebeten zu machen“, schreibt Philipp Yancey. David tat das auch, und auch darin ist er ein Beleg für den Gewinn, den wir haben, wenn wir das Alte Testament lesen.

      Ein letztes: David war kein Musterknabe. Er hatte einiges auf dem Kerbholz. Er hatte Stunden, in denen er zweifelte und Gott nicht über den Weg traute. Er hatte sein eigene Monica Lewinsky, und die hieß Bathseba. Weil er sich nicht im Griff hatte, wurde er zum Lügner, zum Zerstörer einer Ehe und zum Mörder. Und es gab viele andere dunkle Kapitel bei David. Das steht im Alten Testament. Auch das. Davids Kind mit Bathseba stirbt. Und auch sonst stirbt so manches, nicht selten, weil David versagte. Wenn Gott mit solchen Menschen Geschichte schreibt, dann wird er ja wohl auch mit Dir und mir zurande kommen, oder nicht? Eines der tiefsten Gebete, die ich kenne, steht im Alten Testament: der 51. Psalm. Gleich am Anfang wird deutlich: dieses Gebet hat es zu tun mit der Sexaffäre am königlichen Hof. Das lernen wir im Alten Testament: wie es um uns steht, und dass Sünde ausgesprochen und bei Gott abgeliefert werden muss, weil „Schwamm drüber“ nicht funktioniert. Wer mit „Schwamm drüber“ lebt, wird als Mensch immer kleiner. David wählte einen anderen Weg: Er stellte sich seinem Versagen. Er stellte sich mit seinem Versagen vor Gott. Und als wüsste er schon, dass bei Gott einmal genug Erbarmen auch für ihn, den tief Gefallenen, sein würde, setzt er alles auf eine Karte: „Meine Sünde ist immer vor mir“, bekennt er. „An dir allein habe ich gesündigt“, das muss er einsehen. Du behältst Recht, wenn du mich verurteilst. Und dann keimt etwas Hoffnung in ihm: vielleicht kannst du mich reinwaschen. Barmherzig mit mir altem Versager sein. Und er fleht: Tu mir das nicht an, dass du mich von dir wegstößt. Ich kann mich nicht ändern, aber du kannst mir ein reines Herz geben und einen neuen, beständigen Geist. Wie wäre das, vom Alten Testament zu lernen und unser Zurückbleiben und unsere Fehlschritte, die gierigen Gedanken und die lieblosen Worte wieder und wieder vor Gott zu bekennen: Gott sei mir gnädig nach deiner Güte. Wie David. Aber anders als David wissen wir, dass es dieses große Erbarmen wirklich gibt, und dass es einen Namen hat.

      Drei kleine Beispiele: wie uns Mut zuwächst, wie wir menschlich beten lernen und wie wir lernen, uns nicht immer wegzuducken, sondern zu unserer Schuld zu stehen. Wir können uns nicht entschuldigen, aber uns kann vergeben werden.

      Wenn wir also das Alte Testament lesen, auf Jesus zu und von Jesus her, dann müssen wir nicht im 3. Buch Mose stecken bleiben wie einst das Messer im dicken Bauch von Eglon. Vielleicht fangen wir an mit den Geschichten von David oder Abraham, von Esther oder Debora und üben das Beten mit den Psalmen. Uns entgeht viel, wenn wir das Alte Testament verpassen.

      Und Gottes Volk stimmt ein und ruft: AMEN.