Greifbar

GreifBar am 19.12.2010

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                                              „Besinnungslos besinnlich“


Guten Abend, liebe GreifBar-Gäste,

 

ich freue mich, dass Sie sich heute Abend Zeit genommen haben und hierher gekommen sind. Wie geht es Ihnen mit Ihren Weihnachtsvorbereitungen? Haben Sie schon alle Geschenke
zusammen? Wenn nicht, kommt vielleicht noch eine Warnung zum rechten Zeitpunkt:
Es gibt nämlich Weihnachtsgeschenke, die ... nicht so gut ankommen. Emnid hat
im letzten Jahr Männer und Frauen nach den unbeliebtesten Weihnachtsgeschenken
gefragt. Ahnen Sie, was die Spitzenreiter waren? Bei Frauen waren es –
ernsthaft! – Staubsauger, Pralinen und Modeschmuck. Bei den Männern waren es –
vorhersehbar! – Schnaps, Krawatten und Socken. Moment mal, dachte ich, das
heißt, es gibt das wirklich: Männer, die ihren Frauen einen Staubsauger
schenken!

 

Gut, dass schlimme Geschenke auch die Promis quälen können. Matt Damon hat ein Video ins Netz gestellt, in dem er die schlimmsten Geschenke der letzten Jahre zeigt: Da war
einiges Schreckliche dabei wie z.B. eine Decke mit Ärmeln, aber den Vogel schoss
folgendes Geschenk ab: ein Teller, der in der Mitte ein eigenes Soßenfach
besitzt. Nimmt man nun einen Nacho-Chip vom Tellerrand, dann geht der Deckel
des Soßenfachs auf und es erklingt mexikanische Mariachi-Musik. Hat man dann
den Nacho-Chip in die Soße getunkt, dann schließt sich der Deckel wieder. Kein
Wunder, dass Matt Damon jetzt seinen Mitmenschen rät, lieber etwas zu spenden
als ihm etwas zu schenken.

 

Aber es ist schon verrückt mit Weihnachten. Man kommt einfach nicht daran vorbei. Weihnachten ist das Fest, an dem kaum jemand vorbeikommt. Manche meckern ein bisschen gegen Geschenke, zu viel Essen, Weihnachtskitsch und angespannt lockere
Familienstimmung – sie meckern und feiern dann doch mit. Alle Jahre wieder.

 

Weihnachten ist das Fest, an dem keiner vorbeikommt. Dabei ist der Ursprung dieses Festes so unspektakulär: Irgendwo in einem Winkel der Welt wird ein Kind geboren, in
ärmlichen Verhältnissen. In der einen Stunde, die wir hier zusammen sind,
werden etwa 9.300 Kinder weltweit geboren. Was ist das Besondere an diesem
Kind? Es wird ausdrücklich erzählt: ein ganz normales Baby, in Windeln
gewickelt, ein Baby, das schreit, ein Baby, das vermutlich gestillt wird, ein
Baby, das in die Hose macht, ein Baby, das Koliken hat, ein Baby, das Mama und
Papa ebenso blödsinnig grinsen wie nächtelang wachen lässt. Dieses Baby ist der
Anlass für all unsere Feiern, hier und auf der ganzen Welt, zum Weihnachtsfest.
Was ist so besonders an diesem Baby?

 

Eine erste Antwort: Wenn wir nach den einflussreichsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte schauen würden, kämen wir, egal ob wir glauben oder nicht, an Jesus nicht vorbei. Und
das ist schon seltsam: Er schrieb nie ein Buch. Er bekleidete nie ein wichtiges
Amt. Er lebte nie in einem Palast. Im Gegenteil: Er hatte oft kein Dach über
dem Kopf. Ein paar Hundert Leute kannten ihn näher (auch sie waren nicht gerade
bedeutend), zu ein paar Tausend sprach er. Am Ende wurde er wie ein Verbrecher
hingerichtet. Und doch: Er wurde zu einer der wichtigsten Personen der
Weltgeschichte. Viele Millionen Menschen ließen sich von ihm inspirieren,
verändern, in Bewegung setzen. Die Bücher über ihn füllen ganze Bibliotheken. In
seinem Namen schufen Menschen die größten Kunstwerke. In seinem Namen dichteten
sie die bewegendsten Lieder. In seinem Namen wurden Kliniken auf der ganzen
Welt begründet, gegen den Hunger gekämpft, Universitäten und Schulen eröffnet
und für Freiheit gerungen. Die Häuser, die seinen Namen tragen, prägen auch
unser Stadtbild. Auf der ganzen Welt sind Menschen ihm gegenüber so loyal, dass
sie sich als Christen lieber verfolgen lassen als ihm abzuschwören. Und selbst
wenn Menschen Böses im Sinn haben, meinen sie (in einem ganz verqueren Denken!),
sie könnten sich auf ihn berufen und damit ihr Unheil rechtfertigen (das klappt
allerdings nicht, wenn man ihn kennt!). Wir könnten also sagen: Dieses Kind
wird eine so bedeutende Person, dass wir uns zurecht einmal im Jahr an seine
Geburt erinnern und seine Geschichte erzählen. Diese erste Antwort ist nicht
falsch, aber sie reicht noch nicht tief genug.

 

Wir müssen etwas näher an die Geschichte herangehen. Und das, was uns da auffällt, ist die ungeheure Kraft, die von dieser Geburt ausgeht. Sie verändert die Menschen, die in der
Nähe sind, so dass aus durchschnittlichen Menschen ganz besondere Menschen
werden. Der Maler Gerrit von Honthorst hat ja das Weihnachtsbild im
Landesmuseum gemalt, und er malt es so, dass der Stall ganz ins Dunkel getaucht
ist, aber von dem Kind in diesem Futtertrog geht ein helles Leuchten aus, das
alle im Umkreis bescheint. Aus durchschnittlichen Menschen werden besondere
Menschen.

 

Maria z.B. Maria ist ein vielleicht 17jähriges Mädchen. Sie trägt einen Allerweltsnamen, wahrscheinlich hieß fast jedes zweite Mädchen wie sie: Miriam. Sie ist noch nicht verheiratet,
nur verlobt. Wer immer denkt, diese Weihnachts-Krippen stellten eine Idylle
dar, friedlich, fröhlich, festlich, und wer immer denkt, das ist eine andere
Welt, meine Welt ist nicht so, meine Welt ist stressig, zerrissen, schwierig,
voller Forderungen, undankbar, oft enttäuschend, und wer immer denkt, dass ihm darum
Weihnachten nichts sagen könne, der schaue sich diese Szene genauer an: Maria,
verlobt mit Josef, plötzlich schwanger, und das nicht von Josef. Wie soll sie
ihm das beibringen? Und dann Bethlehem, ein Dorf, nichts als ein Dorf, wo jeder
jeden kennt. Haben Sie schon einmal Dorfklatsch ertragen? Ihr guter Ruf im
Eimer, ihre Ehe zu Ende, bevor sie angefangen hat! Maria, machst du da mit?
Maria hatte die Wahl, und Maria wählte: Mir geschehe, so antwortet sie dem
Engel, mir geschehe, wie Gott will. Welcher Mut eines 17jährigen, ungebildeten,
schlichten Mädels!

 

Und dann Josef! Josef müsste eigentlich aus Pommern kommen. Er ist der, der morgens früh aufsteht, hart arbeitet und kaum redet. Wirklich: Von Josef, von Josef ist kein einziges
eigenes Wort überliefert. Aber es wird erzählt, wie er reagiert. Er steht zu
Maria, er verlässt sie nicht. Er lässt die Leute im Dorf tratschen. Er kümmert
sich um die Hochschwangere, so gut es denn geht. Und als das Kind geboren ist,
trägt er die Verantwortung. Weil schon Tage nach der Geburt der mächtige König
Herodes dem Kind nach dem Leben trachtet, bringt er es in Sicherheit und führt
die kleine Familie ins Exil nach Ägypten. Aus durchschnittlichen Menschen
werden besondere Persönlichkeiten. Das Licht aus dem Futtertrog scheint so
hell, dass Menschen sich verändern, wie Maria und Josef. Das ist die zweite
Antwort und sie führt uns schon ein Stück tiefer: Dieses Kind in der Krippe hat
ein Geheimnis, es berührt und verändert Menschen. Darum könnten wir sagen: Es
ist gut, sich einmal im Jahr zu erinnern, an dieses besondere Kind, diesen
besonderen Menschen, der alle in seinen Bann zog und Menschen so veränderte,
wie wir es wohl gerne selbst erlebten! Darum: Weihnachten!

 

Aber es gibt noch eine dritte Antwort. Was wäre denn, wenn dieses Kind mehr wäre als nur ein Baby, das unter ärmlichsten Umständen zur Welt kommt? Was wäre, wenn Gott selbst zu uns käme? Nur: Warum sollte er das tun?

 

Nun, vielleicht hilft uns eine kleine Geschichte: Der belgische Priester Père Damien ging Mitte des 19. Jahrhunderts dahin, wohin keiner wollte: zu leprakranken, isolierten Menschen auf der Insel Molokai (die zu Hawaii gehört). 16 Jahre lang sorgte er für die leprakranken Menschen auf Molokai, für die die Medizin dieser Tage keine Hoffnung hatte. Er verband ihre
Wunden, er sorgte für gutes Essen, er baute mit ihnen feste Häuser, er umarmte
sie, er tröstete sie in den dunklen Stunden. Er erzählte ihnen von Gottes Liebe
auch zu ihnen, den scheinbar Verlorenen. Er schreinerte selbst die Särge, damit
die Toten in Würde bestattet werden konnten. Das war sein Werk. Aber eines
Tages trat er vor seine kleine Gemeinde und sagte: „Wir Leprakranken“. Nun half
er ihnen nicht nur, nun teilte er ihr Leben und ihr Leiden. Nun würde er so
sterben wie sie. Nun hatte er ihre Haut und erlitt ihre Schmerzen. Nun trennte
ihn nichts mehr von diesen Menschen, denen er sein Leben weihte.

 

Das ist das Geheimnis von Weihnachten: Es ist Gott selbst, den es nicht im Himmel hält. Gott selbst, der plötzlich sagt: „Wir Menschen!“ Wir schwache, sterbliche, mal frohe, mal
traurige, hoffnungsvolle und verzweifelte Menschen. Ich komme zu euch, nicht
auf Staatsbesuch, ich komme zu euch, um einer von euch zu werden. Wenn wir
Jesus in diesem Holzverschlag sehen, wenn wir dieses Kind feiern, dann feiern
wir Gott, Gott ganz unten, Gott ganz nah, Gott in Rufweite, Gott in unserer
Haut.

 

Und das ist ein Geheimnis. Ein Geheimnis ist ein Geheimnis, weil es eben nicht auf der Hand
liegt. Und dass Gott sich so tief herabbückt, liegt nicht auf der Hand.

 

Schauen Sie, wenn wir uns einen Gott malen, dann soll der doch was hermachen: mächtig soll er sein, die Vergrößerung aller Mächtigkeiten ins Unermessliche. Wenn wir uns einen Gott
machen, dann soll er in der Höhe thronen, ganz weit oben. Er soll alles wissen,
und er soll Zeit und Raum enthoben sein. Wir nehmen in Kauf, dass er dann auch
weit weg ist. Wir nehmen in Kauf, dass er wahrscheinlich eher kühl ist und
streng dreinschaut. Wir nehmen in Kauf, dass ein solcher Gott ein „Nehmer“ ist.
Wenn wir schon ein großes Ego haben, dann muss ein anständiger Gott ein
geradezu monströses Ego haben. Ein Nehmer nimmt, er fordert und nimmt. Er
fordert Opfer und er kassiert, was uns lieb ist. Wir denken uns auch, dass er
streng ist und kleine Sünden sofort, andere später bestraft. Wir malen uns
unseren Gott, fern, souverän, erhaben, gewaltig. Wir sind zuweilen enttäuscht,
weil er Dinge zulässt, die zu einem solchen Gott nicht recht passen. Und wir
sind uns meistens auch darin einig, dass es nicht einfach ist, einem solchen
Gott zu vertrauen. Es ist besser auf Abstand zu bleiben. Der „liebe Gott“ ist
uns eigentlich eher suspekt: Je größer wir uns Gott malen, desto kleiner wird
unser Zutrauen in ihn. Je größer dieser Gott ist, desto kleiner ist der Wert
unseres Lebens für diesen Gewaltigen. Wir malen uns Gott ganz groß und werden
dabei ganz klein, und das macht nicht froh, es macht höchstens ängstlich.

 

Was aber, wenn Gott, der in der Tat der Schöpfer Himmels und der Erde ist, der das Universum in seiner Hand hält, beschließt, einer von uns zu werden: in unserer Haut, mit unseren Schmerzen, mit unserer Freude, ein Kind, das in die Windeln macht, Gott, ein
Kind, das vieles lernen muss, ein Mensch, der Hunger und Durst kennt, der
schlafen muss, Gott, der weiß wie sich Zahnschmerzen anfühlen, Gott, der weiß,
wie sich Flugzeuge im Bauch anfühlen, Gott, der um einen guten Freund trauert,
Gott, der Enttäuschung durchlebt, Gott, der verraten werden kann, Gott, der von
den Mächtigen ans Kreuz geschlagen wird? Was, wenn der große Gott so klein
wird, dass er in einer Mutter Leib wohnt und in eine Futterkrippe passt? Großer
Gott ganz klein!

 

Wir können uns das kaum konkret genug vorstellen: Als Jesus geboren wird, da kommt er nicht im Capuccino-Viertel zur Welt und seine Eltern gehören nicht zur
Bionade-Bürgerlichkeit. Er kommt in ärmlichsten Verhältnissen zur Welt. Der Stall
ist kein romantisches Heuhotel mit gemütlichem Grunzen der Kühe, es ist ein
zugiger, kalter, stinkender Verschlag. Eine Szene macht das mehr als deutlich:
Wenn ein Kind geboren wurde, dann war es eine Pflicht, aber auch eine Ehre der
Eltern, das Kind im Tempel vorzustellen und aus Dank ein Lamm zu opfern. Für
Eltern ein unvergesslicher Tag, wenn sie stolz mit dem Neugeborenen zu den
Priestern gehen und ihr Opfer bringen. Wer aber zu arm war, um ein Lamm zu
opfern, der durfte auch zwei Tauben opfern. Das war nichts, worauf man stolz
sein konnte, das war peinlich und die Eltern schämten sich, dass ihre Armut so
groß war, nicht einmal das konnten sie sich leisten. Armut von Eltern beschämt
und tut weh. Das wissen wir bis heute, wenn es nicht reicht für die Klassenfahrt,
wenn das Geld nicht da ist für den neuen Wintermantel. Die Eltern von Jesus
waren so arm, dass sie nur zwei Tauben opfern konnten. Gott kommt nicht im
Palast zur Welt, er kommt bei den Armen zur Welt.

 

Warum tut er das? Weil er kein monströses Ego hat, sondern ein Herz, das seit Ewigkeiten für uns schlägt. Weil er kein Nehmer ist, der unsere Opfer will, sondern ein Geber und Schenker.
Weil er jedes Geschenk in den Schatten stellt, indem er nicht etwas schenkt,
sondern sich selbst der Welt in die Krippe legt. Weil er es nicht mehr erträgt,
fern von uns zu sein. Weil es ihn hinunter zieht, weil er geradezu hinunter
muss, um uns nahe zu sein und beizustehen. Weil er aus den Marias und den
Josefs neue Menschen machen will. Weil sein Erbarmen mit uns in ihm bebt, bis
es schmerzt. Weil es ihm das Herz bricht, wenn er uns sieht – in unserer Sorge
und Angst, unserem Hunger und unserer Zerrissenheit, so verwirrt, so unsicher,
so unstillbar bedürftig, so nach Bejahung lechzend. Da muss er hin. Er sucht
die Nähe, er wagt sich in die Tiefe, er bringt die Hilfe und er zeigt, was am
Ende siegen wird!

 

Was in diesem Verschlag begann, setzt sich fort, und es ist die paradoxe, geheimnisvolle Strategie Gottes, so diese Welt und uns Menschen zu retten. Was im Stall beginnt, ist das
Geheimnis „Rettung von unten“. Er kommt und heilt. Er kommt und tröstet. Er
kommt und fordert Menschen heraus. Er kommt und sucht Arme und Reiche, ob sie
sich ihm wohl anschließen wollen. Manche wollen, manche verwehren ihm den
Zutritt. Er kommt und bringt Verhältnisse in Ordnung, dass sich Menschen
versöhnen.

 

Es ist bis heute so: Was in diesem Stall geschah, soll sich wiederholen, im Leben einzelner Menschen, bei denen Gott einkehren möchte. Gott macht sich klein. Er kommt in einem Stall
zur Welt. Er kommt. Wir können seine Krippe sein. Die ihn aber aufnehmen,
schreibt Johannes, denen gibt er das Vorrecht, das Privileg, Gotteskinder zu
werden. Der Liederdichter Paul Gerhardt schrieb: „Eins aber, hoff ich, wirst du mir, mein
Heiland nicht versagen: dass ich dich möge für und für in, bei und an mit
tragen. So lass mich doch dein Kripplein sein; komm, komm und lege bei mir ein
dich und all deine Freuden.“

 

Können Sie sich vorstellen, dass Gott so klein wird, dass er in einen Futtertrog passt, und
dass er sich so klein macht, dass er in Ihr Herz passt? Das ist das Geschenk
aller Geschenke: Gott wählt Sie und mich als Krippe. Er möchte nichts lieber zu
Weihnachten. Er ist ein Geber, kein Nehmer. Er schenkt sich und bringt mit, was
wir brauchen. Er kommt und verwandelt uns. Rettung von unten. Starke Marias und
mutige Josefs als Resultat von Weihnachten. Du kannst ihm trauen mit deiner
Einsamkeit. Du kannst ihm trauen mit deinem Versagen. Du kannst ihm trauen mit
deiner Todesfurcht. „So lass mich doch dein Kripplein sein; komm, komm und lege
bei mir ein, dich und all deine Freuden.“ Er sucht die Nähe, er wagt sich in
die Tiefe, er bringt die Hilfe und er zeigt, was am Ende siegt.

 

Karin, er sieht deine Mühe und Müdigkeit. Er sieht, wie du dich ausbeutest und abplagst. Er kommt, er kommt, er macht sich klein, er ist kein Nehmer, er ist ein Schenker, der die
Weihnachtsfreude in dir entzündet. Klaus, er sieht deinen Spaß und wie du das
gute Leben genießt. Keine Sorge, er ist kein Nehmer, er missgönnt dir den Spaß
nicht. Er ist ein Schenker, wenn er bei dir wohnt, wird etwas Neues in dir stark:
Du wirst einen starken Drang verspüren, mit ihm zusammen denen zu helfen und
beizustehen, die weniger Glück im Leben hatten. Sophie, wenn Du von der Uni
nach Hause fährst, dann freu dich an all dem vertrauten, Heimischen und Guten.
Und wenn das Kind aus der Krippe bei dir einzieht, dann wirst du wissen: Ich
bin jetzt Teil einer großen Geschichte, der Geschichte Gottes, der seine Welt
und seine Menschenkinder rettet, und ich darf mittun, bin Teil dieser
Geschichte, und alles, was ich studiere, kann ich einbringen ist sein Ringen um
diese Welt. Und Claudia, ihm bricht es das Herz, wenn er dich sieht. Du
Schwester der Maria, Du im Stich Gelassene, er lässt dich nicht im Stich. Der
im Stall zur Welt kam, wird in dir all die Kräfte wecken, die du brauchst,
tagtäglich, den Mut, die Lebensfreude, die Liebe zu den Kindern. So, von innen
und von unten, erneuert er die Welt. Er sucht die Nähe, er wagt sich in die
Tiefe, er bringt die Hilfe, er zeigt, was am Ende siegt.

 

Und wo das geschieht, da leuchtet etwas von seiner Art mitten in dieser zerrissenen Welt auf. Ich hatte das Vorrecht, vor einigen Wochen Pramitha Timothy zuhören zu dürfen. Sie ist
Sozialarbeiterin in Indien. Sie gehört zu den weihnachtlichen Menschen: Ach
lass mich doch dein Kripplein sein. Ihr Leben ist nicht einfach, sie selbst
hatte mit einem Hirntumor zu kämpfen. Weihnachtsland ist nicht Schlaraffenland.
Ihr sind die Augen aufgegangen für die Menschen, die auch heute in Indien wie
Sklaven gehalten werden, für die Arbeitssklaven, die oft in dritter Generation
einem Sklavenhalter gehören, hoffnungslos verschuldet und darum zu schwerster
Arbeit verdonnert. Aber auch die Sexsklavinnen, entführt,  verführt und nun billige Beute für Männer, die eine schnelle Nummer suchen. Pramitha Timothy geht zu den Sklaven und
tröstet sie, sie geht zu den Sklavenhaltern und fordert sie heraus. Warum tut
sie das? Weil das Elend die Menschen hindert, an Gottes Güte zu glauben, und
weil sie mit Jesus diesen Menschen Gottes Güte zeigen will. Es ist ihr
gelungen, einen Sklaven zu einer Aussage vor Gericht zu bringen, es gelang ihr,
die örtliche Polizei auf ihre Seite zu bringen. Der Sklavenhalter muss für 5
Jahre in den Knast, der Sklave, seine Frau und seine Kinder sind frei. Jesus
ist aufgetaucht in einem indischen Dorf. Gott macht sich klein und kommt zur
Welt. Er sucht die Nähe, er wagt sich in die Tiefe, er bringt die Hilfe und er
zeigt, was am Ende siegt.

 

Vielleicht ist das alles noch sehr fremd für Sie. Das ist nicht schlimm. Aber vielleicht ahnen Sie etwas von dem Geheimnis dieser Nacht. Und wenn ein kleines bisschen Sehnsucht in
Ihnen wach wurde, dann gehen Sie dieser Sehnsucht nach. Dann fangen Sie an, mit
dem Gott, der sich klein macht, zu reden, ihm zu erzählen, wo sie stehen, ihn
einzuladen in ihr Leben. „Ach lass mich doch dein Kripplein sein...“

 

Maria, bist du bereit. Du wirst, Klaus, einen starken Drang verspüren zu helfen. Du bist nicht verraten und verkauft, Claudia, du Schwester der Maria. Josef, du schweigsamer Anpacker,
gut gemacht, Sophie, du bist jetzt Teil meiner Geschichte. Ruh dich aus, Karin.
Ich bin kein Nehmer, ich bin ein Schenker. So groß ist Gottes Sehnsucht: Ich
muss hinunter, hinein, zu jedem, zu dir. Darum hören wir Jahr um Jahr die alte
Geschichte:

 

    „In jener Zeit erließ Kaiser Augustus den Befehl an alle
    Bewohner seines Weltreichs, sich in Steuerlisten eintragen zu lassen. Es war
    das erste Mal, dass solch eine Erhebung durchgeführt wurde; damals war
    Quirinius Gouverneur von Syrien. So ging jeder in die Stadt, aus der er
    stammte, um sich dort eintragen zu lassen. Auch Josef machte sich auf den Weg.
    Er gehörte zum Haus und zur Nachkommenschaft Davids und begab sich deshalb von
    seinem Wohnort Nazaret in Galiläa hinauf nach Betlehem in Judäa, der Stadt
    Davids, um sich dort zusammen mit Maria, seiner Verlobten, eintragen zu lassen.
    Maria war schwanger. Während sie nun in Betlehem waren, kam für Maria die Zeit
    der Entbindung. Sie brachte ihr erstes Kind, einen Sohn, zur Welt, wickelte ihn
    in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe; denn sie hatten keinen Platz in
    der Unterkunft bekommen. Engel und Hirten verkünden die Geburt des Messias. In
    der Umgebung von Betlehem waren Hirten, die mit ihrer Herde draußen auf dem
    Feld lebten. Als sie in jener Nacht bei ihren Tieren Wache hielten, stand auf
    einmal ein Engel des Herrn vor ihnen, und die Herrlichkeit des Herrn umgab sie
    mit ihrem Glanz. Sie erschraken sehr, aber der Engel sagte zu ihnen: »Ihr
    braucht euch nicht zu fürchten! Ich bringe euch eine gute Nachricht, über die
    im ganzen Volk große Freude herrschen wird. Heute ist euch in der Stadt Davids
    ein Retter geboren worden; es ist der Messias, der Herr. An folgendem Zeichen
    werdet ihr das Kind erkennen: Es ist in Windeln gewickelt und liegt in einer
    Futterkrippe.« Mit einem Mal waren bei dem Engel große Scharen des himmlischen
    Heeres; sie priesen Gott und riefen: »Ehre und Herrlichkeit Gott in der Höhe,
    und Frieden auf der Erde für die Menschen, auf denen sein Wohlgefallen ruht.«
    Daraufhin kehrten die Engel in den Himmel zurück. Da sagten die Hirten zueinander:
    »Kommt, wir gehen nach Betlehem! Wir wollen sehen, was dort geschehen ist und
    was der Herr uns verkünden ließ.« Sie machten sich auf den Weg, so schnell sie
    konnten, und fanden Maria und Josef und bei ihnen das Kind, das in der
    Futterkrippe lag. Nachdem sie es gesehen hatten, erzählten sie überall, was
    ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, mit denen die Hirten
    sprachen, staunten über das, was ihnen da berichtet wurde. Maria aber prägte
    sich alle diese Dinge ein und dachte immer wieder darüber nach. Die Hirten
    kehrten zu ihrer Herde zurück. Sie rühmten und priesen Gott für alles, was sie
    gehört und gesehen hatten; es war alles so gewesen, wie der Engel es ihnen
    gesagt hatte.“ (Lk 2,1-20)




 

 

 









 http://en.wikipedia.org/wiki/Father_Damien
- aufgesucht am 18. Dezember 2010; vgl. auch John Ortberg: God is closer than
you think. Grand Rapids 2005, 103f.

Joh 1,12.

EG 37,9 “Ich steh’ an deiner Krippen hier”.

3. Lausanner Konferenz für Weltevangelisation in Kapstadt, 22.
Oktober 2010.