Greifbar

Christmette 24.12.2011

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                                    "Was für ein Zweitname: Immanuel!"


    10 Und der HERR redete abermals zu Ahas und sprach: 11 Fordere dir ein Zei-chen vom HERRN, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe! 12 Aber Ahas sprach: Ich will's nicht fordern, damit ich den HERRN nicht versuche. 13 Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist's euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? 14 Darum wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.(Jes 7, 10-14)

Liebe Gemeinde,

es gibt ja schlimme Zweitnamen. Da hat einer eigentlich Glück gehabt und darf als Martin oder Susanne durchs Leben gehen und nicht als Kevin oder Chantal. Aber dann schlägt das Schicksal beim Zweitnamen zu. Der Martin muss den Namen des früh verstorbenen Onkels Gustav mit sich schleppen und die Susanne ist geschlagen, weil die Eltern Fans von Königin Soraya waren. Merke: Hinter Zweitnamen stecken oft uralte Familiengeschichten. Das Schicksal macht übrigens auch nicht vor Prominenten Halt: Da gibt es plötzlich einen Kurt, eine Tiffany, einen Artur Wiglev Clamor und einen Alois, und weil heute Weihnachten ist, dürft ihr raten, welche Promis sich dahinter verbergen! Um es aufzulösen: Wir treffen hier auf Xavier Kurt Naidoo, auf Richard Tiffany Gere, auf Herbert Artur Wiglev Clamor Grönemeyer und auf Arnold Alois Schwarzenegger. Das Schicksal macht also vor Prominenten nicht Halt, auch nicht vor dem prominenten Baby, dessen Geburt uns in dieser Nacht hier zusammenführt: Es heißt nicht nur Jesus, es heißt mit vollem Namen Jesus Immanuel von Nazareth, Sohn der Maria. Jesus Immanuel. Warum dieser Name? Ich kannte einmal einen Immanuel Staratzke, der war Eisenbahner und hatte eine ziemlich große Warze auf der Nase, daher fand ich den Namen Immanuel nie so furchtbar attraktiv. Warum heißt Jesus ausgerechnet Immanuel?

Wie so oft steckt auch hinter diesem Zweitnamen eine uralte Familiengeschichte. Die Weihnachtsgeschichte ist ja schon alt, aber diese Geschichte ist noch 750 Jahre älter. Ich erzähle sie so schnell und kurz ich kann: Da gab es einen kleinen jüdischen König mit Namen Ahas. Und dieser kleine König Ahas hatte Ärger. Ziemlich viel Ärger. Seine beiden Nachbarn, ein entfernter Ver-wandter von drüben und ein anderer kleiner Provinzkönig, führten Krieg gegen Ahas. Den Leuten war angst und bange. Bei Jesaja heißt es: „Da bebte ihm das Herz und das Herz seines Volkes, wie die Bäume beben im Walde vom Winde“ (Jes 7,2). Kurzum: Er zitterte wie Espenlaub. Was soll er bloß machen? Allein hat er keine Chance! Nun, er könnte sich Hilfe holen. Er könnte sich mit der Großmacht der Assyrer verbünden. Gegen diese Weltmacht hätten seine Feinde keine Chance. Aber Ahas ist nicht dumm: Er weiß, dass auch das seinen Preis hat. Assyrien wird das nicht aus bloßer Freundschaft tun. Am Ende werden die Assyrer Ansprüche anmelden, ja, wahrscheinlich werden sie das kleine Königreich von König Ahas einfach schlucken. Pest oder Cholera, im Krieg gegen die Nachbarn untergehen oder die Freiheit verlieren. Aber da kommt Jesaja ins Spiel: Er kommt im Auftrag Gottes und will König Ahas Mut machen: Ahas, pass auf, es gibt einen dritten Weg. Gott will Dir helfen. Lass den Mut nicht sinken, aber lass Dich auch nicht auf Spielchen mit den Assyrern ein. Verlass Dich auf Gott. Der wird dafür sorgen, dass alles gut ausgeht. Aber Jesaja, ruft der kleine König, siehst du denn nicht: Es brennt lichterloh! Ach was, sagt Jesaja, diese kleinen Fürsten sind doch kein Waldbrand, das sind doch nur rauchende Brandscheite, kein Feuer, das auflodert, nein ein Feuer, das fast schon erloschen ist. Glaub mir, Ahas, verlass Dich auf Gott, handele nicht eigenmächtig, warte, was passiert! Wenn Du vertraust, bleibst Du König und Deinem Volk wird nichts zustoßen. Und eins noch: Gott gewährt Dir ein Zeichen, dass er es ernst meint: Such Dir etwas aus! Da ziert sich der König, der sonst so fromm gar nicht war: Nein, das geht doch nicht. Jesaja seufzt. Musst Du Gott zum Gähnen bringen, König Ahas. Also gut, wenn Du kein Zeichen nennst, nenne ich Dir eins! Was macht allen Menschen Mut und Hoffnung? Was weckt den Glauben an eine gute Zukunft? Wenn ein Kind geboren wird! Also: Eine junge Frau wird schwanger werden und ein Kind zur Welt bringen. Das Kind wird „Immanuel“ heißen. Und dieser Name ist Programm. Dieser Name ist Versprechen. Dieser Name erklärt, warum die Feinde weichen müssen. Dieser Name ist eine Wette auf eine gute Zukunft: Dieser Name bedeutet: Gott ist mit uns. Immanuel – Gott ist mit uns, wer wollte wider uns sein. Die Geschichte ist schnell zu Ende erzählt: Denn Ahas blieb misstrauisch. Er hat sich dann doch lieber mit den Assyrern eingelassen als sich auf Gott zu verlassen. Die kamen gerne. Was war das Ende vom Lied? Das Ende vom Lied war, dass nach dem Krieg ganz Syrien und Palästina unter die Herrschaft der Assyrer geriet. Auch Ahabs Ende war nicht ruhmreich. Er glaubte nicht, darum blieb er nicht.

Das ist die uralte Geschichte. Sie ruhte 750 Jahre, und dann wurde in diesem kleinen Land tatsächlich ein Kind geboren. Und dieses Kind bekam diesen wun-derlichen Zweitnamen: Immanuel, das heißt Gott mit uns. Wie so oft, eine Erinnerung an eine alte Familiengeschichte. Jesus Immanuel von Nazareth. Ist dieser Name Programm und Versprechen? Wenn ja, welches Licht wirft dieser Name auf das Weihnachtsfest? Warum also heißt das Kind in der Krippe auch noch Immanuel? Das will ich noch kurz erklären. Warum? Weil uns Mut gemacht wird zu vertrauen, zu vertrauen und nicht zu verzweifeln, zu vertrauen und nicht zu verzweifelt-eigenmächtigen Mitteln zu greifen, wenn es diese Ahas-Momente in unserem Leben gibt. Das ist nun in schönstem und unverständlichstem Kirchendeutsch meine Botschaft: Jesus, das Kind im Stall, ist der Immanuel in den Ahas-Momenten. Jesus, der neugeborene Sohn der Maria, ist der Immanuel, der Gott mit uns, in den Momenten, in denen es um uns steht wie um den König Ahas. Das ist das besondere Licht, das von diesen alten Worten Jesajas auf die Weihnachtsgeschichte fällt. Wir brauchen jetzt nur noch einen Moment: Wir müssen nur noch für uns übersetzen, was die Ahas-Momente sind, und warum uns der Immanuel dann Mut macht.

Also zuerst: Die Ahas-Momente kommen. Nicht alle Momente sind Ahas-Momente. Gott sei Dank. Oft geht es ja auch gut. Oder wir stehen vor Problemen, von denen wir mit guten Gründen annehmen, dass wir mit ihnen mit etwas Einsatz selbst fertig werden. Das sind dann keine Ahas-Momente. Ahas-Momente sind die Augenblicke, die uns ratlos machen. Ahas stand plötzlich vor einem Problem so hoch wie ein Berg. Und er hatte keinen Schimmer, wie er da mit sauberen Mitteln klar kommen sollte. Ich habe in diesen Tagen von etlichen Ahas-Momenten gehört. Da gibt es geradezu bösartigen Widerstand, ja nackten Hass gegen einen, der sich für seine Firma nahezu zerrissen hat und nun durch Intrigen aus dem Chefsessel gehoben werden soll. Böse Nachrede, die Ehre in die Dreck gezogen. Ein Ahas-Moment! Da ist eine Mitarbeiterin, die Kinder betreut, die sonst einfach sich selbst überlassen blieben, aber eine Nachbarin macht ihr das Leben schwer und droht ihr, wenn dieser Krach nicht aufhört, dann… Ein Ahas-Moment! Da ist eine Familie, die sich auf das Abenteuer eines Neuanfangs in einer völlig fremden Gegend einlässt, und kurz vor dem Umzug in die Ferne heißt es, das schöne Haus, das sie mieten wollten, stehe leider nicht zur Verfügung. Ein Ahas-Moment! Da warten zwei schon so lange auf ein Kind, und es will sich einfach nicht einstellen. Ahas-Momente, und wir könnten manches noch hinzufügen. Ahas-Momente sind wie Türen, die laut krachend uns vor der Nase zugeschlagen werden. Und wir stehen wie betäubt da und fragen uns: Was soll das denn jetzt? Soviel Widerstand, obwohl ich das Beste wollte! Soviel Problemdruck, dass meine kleinen Mittel nichts dagegen vermögen. Noch einmal: Nicht alle Schwierigkeiten sind Ahas-Momente. Aber es gibt sie, und es gibt sie gerade für Menschen, die glauben, denn sie wundern sich doppelt: Warum passiert das? Und warum passiert es mir, obwohl doch Gott an meiner Seite ist? Martin Luther predigte an Weihnachten 1528 über diese Worte und sagte: „Also auch, wenn du mit Ernst Christ sein willst, so wirst du ohne Kreuz nicht sein.“ Er nennt die Ahas-Momente ein Kreuz.

Das zweite: In den Ahas-Momenten wird uns das Zeichen des Immanuel gezeigt. Weihnachtlich gesprochen heißt das nun: Er ist Dir nah. Weihnachten sagt doch nicht mehr und nicht weniger als dies: Gott kommt zur Welt. Er kommt auch in deine Welt. Gott wird in einem Stall geboren. Er sucht sich solche Wohnungen aus, auch eine solche wie dein Herz. Gott liegt in einer Futterkrippe. Er kommt in die Tiefe, in die schwierigen Momente und an die Orte, an denen es nicht mehr leicht ist, wo Lösungen nicht einfach auf der Hand liegen. Immanuel: Er ist da. Und wenn er da ist, ist er für uns, wer oder was sollte also wider uns sein? Weihnachten ist die Auftaktveranstaltung einer göttlichen Offensive: Hinein in die Ställe, hinunter in die Krippen, mit Vorliebe in die Ahas-Momente. Das ist unser Herr, das ist Jesus: Immanuel. Die Bitte aus dem alten Weihnachtslied erfüllt er mit Freuden: „So lass mich doch dein Kripplein sein, komm, komm und lege bei mir ein dich und all deine Freuden.“ Oder jene Bitte aus dem ersten Adventslied: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein, dein Freundlichkeit auch uns erschein.“ Jesus trägt diesen zweiten Namen, damit wir gerade dann, wenn wir es wieder einmal brauchen, hören: Ich bin nicht gegen dich, ich bin für dich. Ich bin nicht fern von dir, ich bin dir näher als du je fühlen oder meinen wirst. Der höher ist als mein Höchstes ist mir näher als mein Innerstes. Ich lasse dich nicht im Stich, ich gehe mit dir durch diese schwierige Zeit, an diesen mühsamen Ort, in dieses peinliche Gespräch, durch das Warten, durch die Wüste, wo jede Lösung unendlich weit weg scheint.

Was bleibt uns am Ende: Ahas sollte neu sehen lernen: Der Waldbrand, den er fürchtete, ist doch nur ein kaltes Stück Brennholz, das noch raucht. Vertrau doch, dass Gott Dir aushilft. Greif doch nicht zu fragwürdigen Mitteln, schlag nicht zurück, lass die Hoffnung nicht fahren. Der Immanuel wird Dir aushelfen. Glaubst Du, so bleibst Du. Sieh doch das Zeichen: das Kind in der Krippe. Das war eine schwere Übung für Ahas: Er sollte ruhig bleiben, nicht passiv, aber im Vertrauen auf Gott auch nicht eigenmächtig. Er sollte warten, bis Gott eingreift. Er sollte tun, was seines Amtes war, aber auch nicht mehr. Ihr werdet stille sein, und der Herr wird für euch streiten, heißt es einmal in der alten Familien-geschichte des Kindes aus Nazareth. Ich kümmere mich um eure Ehre. Ich sorge für eure Zukunft. Ich achte darauf, dass ihr das Nötige bekommt, Essen, Kleidung, ein Dach über dem Kopf. Trachtet danach, meinen Willen zu tun, und alles andere wird Euch zufallen. Wohnungen fallen vom Himmel. Ehepaare bekommen neue Perspektiven. Böses Reden findet keine Ohren mehr, die es hören wollen. Aufrechtes Tun erfährt die Anerkennung, die es verdient. Die Mühe um die Kinder, um die sich sonst niemand kümmert, findet Unterstützung: Sie fanden Wohlgefallen beim ganzen Volk. Widerstände lösen sich in Luft auf. Waldbrände verkümmern zu rauchendem Holz. Nur dies ist nötig: Schaut auf das Zeichen, werft das Vertrauen nicht weg. Geht keine krummen Wege. Der Immanuel lässt euch nicht im Stich, auch dann nicht, wenn die schöne Weihnachtsstimmung zu Ende ist, und der Alltag Euch die Ahas-Momente zumutet.

Deshalb musste Jesus das Schicksal von Xavier Naidoo und Richard Gere, von Martin Gustav und Susanne Soraya teilen: Deshalb heißt unser Herr nicht nur Jesus, sondern auch Immanuel. Und Gottes Volk liebt und lobt ihn und ruft: Amen.