Greifbar

GreifBar am 26.09.2010

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                                      Bleib Cool - leichter gesagt,als getan


[Sicherheit]
Tja, lieber Hausmeister Bunse, mit dem Spruch „Glauben ist gut, versichern ist besser“, stehen Sie nicht allein. Es gibt viele, die sich zum Thema Sicherheit so ihre Gedanken gemacht haben. Einige Kostproben?

Schon im 17. Jahrhundert wusste der Dichter Jean de La Fontaine: Das Misstrauen ist die Mutter der Sicherheit.

Mehr aus der ökonomische Perspektive betrachtet das Hanspeter Rings, Philosoph und Aphoristiker: Versicherung der Unsicherheit ist Sicherheit.

Die Verkehrswegeplanung hat ihren ganz eigenen Blick auf die Sicherheit, wie Dr. Peter Cerwenka aus Wien zeigt: Nichts ist so unsicher wie die Sicherheit.

Auch Sarah Razak, Jahrgang 1975, ist mit der Gesamtsituation eher unzufrieden, wenn sie sagt: Ich finde ja, relative Sicherheit ist relativ unsicher.

Oder kennen Sie den typischen deutsch-amerikanischen Grundkonflikt? Da sagte Benjamin Franklin im amerikanischen Verfassungskonflikt Ende des 18. Jahrhunderts: Die, die grundlegende Freiheiten aufgeben, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu bekommen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit. Wenige Jahre später bringt Friedrich Wilhelm von Humboldt, Politiker in Preußen, seine ganz andere Überzeugung auf den Punkt: Ohne Sicherheit ist keine Freiheit. Und schon wären wir in mitten in der aktuellen sicherheitspolitischen Debatte, die wir aber schnell wieder verlassen…

Sicherheitsbedürfnis und Risikobereitschaft sind sehr individuell und werden bei uns Menschen schon früh geprägt: Peter, ein alter Schulfreund von mir hat es geschafft, dass noch im Verlauf der Grundschule zwei seiner Fahrräder die Rahmen gebrochen sind. Er fuhr immer auf Mauern und sprang dann auch gerne mal die ein oder anderthalb Meter am Ende der Mauer mit Fahrrad runter. Seine Mutter meinte dann immer: „Ich kann ja doch nichts machen. So ist er halt“ – und hatte immer ausreichend Jod und Pflaster griffbereit. Als dann die kleine Schwester meines Freundes auch noch so anfing, stellte sich schon die Frage, ob das erziehungsbedingt ist – oder doch genetisch geprägt? Aber solche Debatte fangen wir hier nicht an.

Das Sicherheitsbedürfnis hat auch etwas mit Entwicklung zu tun. Manche Risiken, auf die ich mich als Jugendlicher einlasse, nehme ich als Vater junger Kinder nicht mehr in Kauf. Das ist sicher auch gesund und hat etwas mit Verantwortung zu tun. Aber auch das kann man übertreiben. Da ist ein Bekannter, der als Kind selbst Draufgänger war und kein Problem hatte, als Jugendlicher mehrere Wochen allein per Anhalter durch die Welt zu reisen – damals, als es weder Handys noch Internetcafés gab. Seit er selbst Kinder hat, ist er da vorsichtiger geworden. Heute steigt er nicht mit seiner Frau zusammen ins Flugzeug, weil im Fall eines Absturzes ja dann die Kinder beide Eltern verlieren würden. So wandelt sich auch das Sicherheitsbedürfnis und die Risikobereitschaft. Oder anders: es wandelt sich der Platz, den wir der Angst einräumen.

 

[Angst ist gesund]
Wenn unser Vorfahr in der nordmitteleuropäischen Steppe auf ein Mammut stieß, dann war es durchaus lebensförderlich und ein Zeichen gesunder Risikoabschätzung, wenn er umdrehte und die Beine in die Hand nahm.

Angst setzt Adrenalin frei, die typischen weit aufgerissenen Augen eines Tieres auf der Flucht zeigen: in Angstsituationen sind unsere Sinne erweitert, wir nehmen unsere Umgebung mit allen Sinnen besonders wahr.

Und wenn ich bei einem Überholmanöver auf einer unserer schönen Alleen angesichts des schnell näher kommenden Gegenverkehrs einen Adrenalinschub bekommen, dann ist das ein gesundes körperliches Signal, das ich ernst nehmen sollte.

Angst und Sorge prägen unser Leben, unsere Risikobereitschaft und unser Sicherheitsbedürfnis. Und so machen wir – bewusst oder unbewusst – vor unseren Entscheidungen eine Risikoanalyse: Wir wägen ab, die Vorteile und Nachteile, die Sicherheiten und Risiken, Gewinn und Verlust. Wir überlegen uns,

wem wir welche Geheimnisse anvertrauen,

ob wir dem Chef sagen, dass wir die Behandlung des Kollegen ungerecht finden, und dabei in Kauf nehmen, als Querulant zu gelten,

ob wir eine feste Stelle aufgeben, nur weil die Arbeit uns nicht ausfüllt, und dafür wieder die Ungewissheit der Probezeit in Kauf nehmen,

ob wir mieten oder kaufen,

welcher Versicherungsschutz für unsere Kinder auch bei geringem Einkommen unbedingt nötig ist,

ob Amalgam oder Gold länger Schmerzfreiheit verspricht,

Bei jeder Risikoanalyse spielt unser persönliches Sicherheitsbedürfnis eine entscheidende Rolle. Dabei ist Angst aber nicht nur gesund – sie kann auch lähmen.

 

[Angst lähmt]
Es ist sicher gut, wenn ich als 14jähriger mir gut überlege, ob ich das Mädchen meiner Träume tatsächlich bei nächster Gelegenheit küsse. Natürlich habe ich im Bio-Unterricht aufgepasst und weiß, dass das den PH-Wert im Mund verdirbt. Aber das ist nicht der Grund meiner Zurückhaltung. Ich könnte mir eine Abfuhr einhandeln… So weit, so gut. Aber wenn es dann zur Gewohnheit wird, dass ich mir die Zukunft lieber erträume als dafür auch Risiken in Kauf zu nehmen oder eine schmerzhafte Ablehnung, dann hat die Angst nicht mehr regulierende Funktion, sondern ich lasse mich von ihr bestimmen.

Gegen manche Lernerfahrung von Angst muss ich mich auch bewusst zur Wehr setzen. Wenn etwa eine Beziehung in die Brüche geht und tiefe Verletzungen zurück bleiben, dann ist es nicht sinnvoll, von der Angst zu lernen und zukünftig lieber nichts mehr von mir preis zu geben. Wenn ich dem Rat der Angst folge und nicht mehr Liebe und Offenheit investieren, werde ich lebens-untüchtig, weil ich dann nicht mehr erleben werde, was es heißt, dass eine Beziehung wächst und tiefer wird und trägt.

Und wenn ich es trotz schlechter Perspektiven für Ausbildung und Arbeit nicht schaffe, für meine persönliche und berufliche Zukunft darüber nachzudenken, meine Heimatregion zu verlassen, dann zeigt Angst ihr lähmendes Gesicht.

 

[die zwei Gesichter der Angst]
Angst hat zwei Gesichter: das freundlich mahnende Gesicht, das Korrektiv für unseren Übermut, das uns vor Gefahren warnt, und die grelle Fratze mit dem aufgerissenen Mund, die alles schwarz sieht und stets Teufel an die Wand malt. Max Lucado, ein amerikanischer Autor, sagt:

„Die Angst ist wie die Schlägertypen in der Schule: fies, laut und unproduktiv. […]
Die Angst hat nie eine Symphonie oder ein Gedicht verfasst, einen Friedensvertrag ausgehandelt oder eine Krankheit geheilt. Die Angst hat noch keine Familie aus der Armut geholt und kein Land vom Fanatismus befreit. Die Angst hat noch keine Ehe und keine Firma gerettet. Der Mut kann das. Der Glaube kann das. Menschen, die sich ihrer Ängstlichkeit nicht beugen, können das. Aber die Angst? Sie sperrt uns in ein Gefängnis und lässt hinter uns die Tür ins Schloss fallen.“

Als unsere jetzt 9-jährige Laura geboren wurde und ich Frau und Kind aus der Klinik abgeholt habe, begegnet uns im Treppenhaus unsere Nachbarin, eine alte Dame von wohl über 80 Jahren. Als wir ihr stolz unsere neue Mitbewohnerin vorstellen, sagte sie nur kühl: „Sie wollen doch wohl in diese Welt nicht noch mehr Kinder setzen…“

Für mich ist diese Nachbarin so etwas wie die personifizierte Angst. Sie wusste auch zu den schönsten Dingen der Welt immer auf die Kehrseite hinzuweisen. Sie verließ fast nie ihre Wohnung, wusste aber dank Fernseher über die schlimmsten Verbrechen der Welt Bescheid, und es hörte sich bei ihr immer so an, als wären die nicht weit von unserem Haus passiert. Ich hätte gern mal ein Foto von ihr als junger Frau gesehen, bevor die Angst solche Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen hat.

Auf einer Fortbildung war eine Wanderung durch eine Schlucht geplant. Eine Kollegin von mir hatte sich mehrmals über die Schlucht erkundigt und dann gesagt: „Ich habe Höhenangst, und wenn es zu tief runter geht, dann wird in mir alles steif und ich kann keinen Schritt mehr tun. Kann ich mich dann an einen von Euch hängen um langsam weiter zu gehen?“ Sie wollte mit und wollte sich von ihrer Angst nicht unterkriegen lassen.

Jeden Tag gehen wir mit Angst um, und Gründe genug für Angst gibt es ja angesichts der Kriege in der Welt, der zunehmenden Gewaltbereitschaft bei uns, einem Amoklauf auf offener Strasse von einer erwachsenen Frau, angesichts der extremen Wetterlagen und angesichts der Lebensmitteln, die uns verkauft werden. Aber deswegen morgens nicht aus dem Bett aufzustehen, widerspricht eben auch der Statistik, dass die meisten Menschen in ihrem Bett sterben. Im Normalfall lernen wir, unsere Angst zu steuern, damit nicht die Angst uns steuert.

Natürlich gibt es auch Angst als Krankheit, wenn mich Panikattacken völlig außer Gefecht setzen. Diese Form der Angst meine ich hier nicht. Bei der geht es auch um ärztliche und therapeutische Behandlung.

 

[was ist mein sicherer Ort?]
Für die Generation meiner Eltern war es Realität, dass sie nach ihrer Ausbildung mühelos eine Arbeit in ihrem erlernten Beruf fanden und in dieser Stelle die nächsten 35/40 Jahre arbeiten konnten. Und eigentlich bin ich ganz froh, dass ich nicht das Arbeitsleben meiner Elterngeneration vor mir habe, wo die berufliche Stabilität auch eine solche Schwerkraft entwickeln kann, dass die Menschen selbst unbeweglich werden.

Andererseits haben viele meiner Bürokollegen in der Verwaltung in ihrer 15-20-jährigen Berufslaufbahn bereits mehrere Arbeitgeber gehabt mit Überbrückungsmaßnahmen, Umschulungen und anderen Umwegen. Kennen Sie heute noch jemand, der sein 25jähriges Dienstjubiläum feiert? Hier nicht den Mut zu verlieren und immer neu aufzustehen ist sicher nicht leicht.

Und doch denke ich: die Generation unserer Eltern war auch nicht per se glücklicher. Zufriedenheit, Lebensmut und Glück hängen nicht daran, dass in meinem Leben alles sicher und planbar ist. Ein kurzer Blick in die Lebensverhältnisse in anderen Teilen der Welt bestätigt das.

Die Frage scheint mir nicht zu sein: wie bekomme ich alle Unsicherheiten in meinem Leben in den Griff? Sondern ich glaube, das Wesentliche entscheidet sich an der Frage: wo habe ich meinen sicheren Ort? Wo finde ich Halt in Haltlosigkeit? Was ist mein schützender Hafen, wenn die Stürme toben?

Es ist Sommer. Der Wochenmarkt und die Sonne ziehen die Menschen auf den Greifswalder Marktplatz. Er ist voller Menschen. Und mitten drin, im Gewühle: ein kleiner Junge, drei Jahre alt. Mit einer Tüte Eis in der Hand. Aber der Junge freut sich nicht an der Sonne und auch nicht am Eis: er schreit lauthals über den ganzen Markt. Tränen kullern über sein Gesicht. Er steht da. Mitten in der Menge der Leute. Es sind so viele, und alle sind viel größer als er. Er ist mutterseelenallein. Eben noch war alles gut: Mutti hatte ihm eine Tüte Eis gekauft, und dann hatte er Muttis Hand losgelassen und war – beglückt vom Eis, stehen geblieben. Irgendwann hatte er es gemerkt: die Mutti war nicht mehr da! Und die Welt brach zusammen. Er hatte seine Bezugsperson verloren. Da konnte auch die wohlmeinende Frau nicht helfen, die sich jetzt zu ihm runterbeugte. Erst als Mutti wieder da war und den völlig in Tränen aufgelösten Jungen auf den Arm nahm, war die Welt wieder in Ordnung.

Äußerlich hatte sich nichts verändert: die Masse von Leuten waren noch da und er sah immer noch nur Beine um sich herum. Aber Mutti war wieder da. Und das änderte alles.

Für das kleine Kind sortiert sich die Welt um seine Bezugsperson herum. Ist sie da, kann das Kind die erstaunlichsten Dinge normal finden. Aber wenn Mutti fehlt, dann fehlt die entscheidende Schaltstelle zur Welt. Mutti ist der sichere Ort. Hinter ihr kann man sich vor aufdringlichen Erwachsenen schützen, an ihr Bein klammern, wenn der Nachbarshund auf Augenhöhe sein Maul aufreißt, auf ihrem Arm Trost finden – egal ob nach einem Sturz oder bei Herzschmerz. An der Seite der Mutter ist alles in Ordnung. Bei ihr weiß er sich geborgen und sicher, von hier aus kann er die Welt erobern.

Bei einem dreijährigen Jungen ist das normal, aber wenn nun statt des Kindes ein 21-jähriger Student auf dem Marktplatz steht und das bittere Weinen anfängt, dann stimmt etwas nicht.

Was ist Ihr „sicherer Ort“? Wo finden Sie Halt und Geborgenheit in einer unübersichtlichen Welt? Wo werden Sie aufgefangen und aufgebaut? Wo ist Ihr sicherer Ankerplatz in stürmischen Zeiten?

Irgendwann erschreckend schnell lernen Kinder, dass auch Mamas enttäuschen können und Papas tatsächlich nicht alles können. Der sichere Ort verändert sich. Bei manchen kommt das Versteck im Wald dazu, wohin sie sich zurück ziehen, wenn´s zuhause Stress gibt, andere ziehen sich in sich selbst zurück, finden die Oma oder Ersatzmamas. Wir brauchen diesen sicheren Ort, zu dem wir fliehen können, wenn bei uns alles drunter und drüber geht.
[Ruhe mitten im Sturm]
Da war Jesus mit seinen Gefährten unterwegs. Sie teilten schon eine ganze Weile das Leben miteinander, hatten einiges erlebt. Sie waren fasziniert von der Selbstverständlichkeit, mit der Jesus von Gott redete – und mit Gott redete. Als würde es ihn wirklich geben. Sie hatten erlebt, wie er sich mit großer Souveränität über manches hinwegsetzte, was „man so tut“. Die Leute kamen zu ihnen und brachten ihre Kranken: Jesus sollte ihnen die Hand auflegen. Und so manche wurden gesund. Für Krankheit schien in seiner Nähe kein Platz zu sein. Es ging eine heilsame Atmosphäre von ihm aus.
Nach einem langen Tag mit vielen Menschen beschlossen sie, nur im Kreis seiner engsten Gefährten, auf die andere Seite des Sees zu segeln. Ein bisschen Ruhe würde ihnen gut tun.
Er hatte erfahrene Seeleute dabei. Sie kannten den See seit ihrer Kindheit und hatten jahrelang als Fischer hier gearbeitet. Sie wussten um Untiefen, Stromschnellen und andere Gefahren. Jesus wusste sich unter diesen Experten in guten Händen. Und sie hatten so viel mit ihm erlebt, dass ihnen klar war: mit Jesus an Bord kann hier nichts schief gehen. Nach all den Jahren war Jesus für sie der sichere Ort geworden. Mit ihm konnten sie allen Stürmen des Lebens trotzen, er hatte im Zweifel die passende Lösung, wusste den Ausweg, hatte ein treffendes Wort. Sie waren wohl noch keinem begegnet, dem sie so vorbehaltlos vertrauten wie Jesus.

Die Fahrt geht los. Jesus legt sich hinten in die Nische fürs Gepäck und schläft. Mit ein paar leeren Säcken als Kissen. Sie haben den Hafen verlassen, die Menschen an Land sind nur noch so groß wie Spielzeugfiguren. Doch da beginnt die glatte See sich zu kräuseln. Die Böen werden schnell heftiger. Aus dem Nichts kommen gefährlich Fallwinde und bauen auf dem See hohe Wellen auf. Ihr ganzes seemännisches Können ist gefragt. Zugleich wissen sie, dass diese Winde sehr tückisch sind und auch solche stabilen Fischerboote zum Kentern bringen können. Die Segel sind längst eingeholt, die ersten Wellen rollen über die Reling. Schon nach kurzer Zeit ist ihre geübte Arbeitsteilung dahin, alle versuchen nur, irgendwie das Boot zu stabilisieren. Mit Händen, Tüchern und Eimern schöpfen sie das Wasser raus.
Nackte Angst steht ihnen im Gesicht. Das galiläische Meer mit seinen Steilufern ist bekannt für seine tückischen Wetterumschwünge. Zu oft schon hatten sie erlebt, dass Kameraden und Freunde nach einer Fangtour nicht zurückgekehrt sind und ihr Boot verschwunden blieb.
Sie kämpfen wie die Löwen mit allen Kräften. Die Angst weitet ihre Sinne und setzt ungeahnte Kraftreserven frei. Einige merken früher als die anderen, dass der Kampf aussichtslos ist. Wie kann Jesus nur schlafen?! Sie haben alle Hände voll zu tun und gehen an den Rand ihrer Kräfte, und Jesus – schläft! „Jesus, ist Dir egal, wie es um uns steht??“
Mit angstvoll aufgerissenen Augen und offenem Mund sehen sie ihn vorwurfsvoll an. Jesus stellt sich hin – gar nicht so leicht bei dem Wellengang – und ruft laut, als könnte der Wind ihn verstehen: „Ruhe!“
Tatsächlich bleibt der Wind aus, der See glättet sich. Das Tosen des Wassers wird still – unheimlich still… Den abgekämpften Gefährten bleibt der Mund offen stehen.
Jetzt dreht sich Jesus zu den Gefährten: „Was habt ihr solche Angst? Wo ist euer Vertrauen?“

Wie sie das andere Ufer erreichten, wissen sie nicht mehr. Aber diese Geschichte geht ihnen noch Jahre später nicht aus dem Kopf. Glück für uns: so können wir sie heute noch in der Bibel nachlesen im Evangelium nach Markus Kapitel 4.

 

 

[kann das wahr sein?]
„Ja,“ mögen Sie denken, „eine dieser fantastischen Geschichten aus der Bibel.“ Und vermutlich wird diesen Gedanken jeder kennen, der hier in der Stadthalle sitzt. Auch der, der mit Jesus lebt. Glaube hat ja nichts damit zu tun, dass wir unseren Verstand an der Garderobe abgeben.

Was für mich der große Unterschied ist zwischen der Bibel und Andersons Märchen ist, dass es bei Anderson auf die Frage: wann ist das passiert?, immer heißt: vor langer langer Zeit. Und auf die Frage: wo ist das passiert?, heißt es: in einem fernen fernen Land. Die Autoren der Bibel legen großen Wert darauf, den historischen Bezug heraus zu stellen. Da ist vom Kaiser Augustus die Rede und König Herodes, von Quirinius, Legat in Syrien und von Gallio, Statthalter von Achaja. Jesus trat in einer Zeit auf, in der es üblich war, in historischen Zusammenhängen zu denken und Dinge für die Nachwelt festzuhalten. Die Ereignisse um Jesus wurden zu einer Zeit aufgeschrieben, als die Erinnerung noch lebendig war und es genug gegeben hätte, die sich erfolgreich hätten empören können über falsche oder überzogene Berichterstattung.

Für die Gefährten von Jesus war diese Frage sehr real und drängend: wer ist das eigentlich? Woher kann der das? Wie kann er so von Gott reden, als wäre er wirklich sein guter Vater im Himmel? Simon, Andreas & Co. haben in diesem Zimmermann aus Nazaret ihren sicheren Ort gefunden. Bei Jesus konnten sie ganz sie selbst sein, mussten sich nicht verstellen. Ihm konnten sie vertrauen und gewiss sein, dass er zu ihnen hält, was auch immer passiert. Das gab ihnen große Freiheit. Und sie haben erlebt, dass selbst der Tod sie nicht von ihm trennen konnte. Die Wiedererweckung von Jesus nach der römischen Todesqual am Kreuz war für seine Gefährten der Beleg, dass Jesus mit Gott im Bunde ist. Dass in ihm nicht nur ein Mensch Lebensweisheiten für die Nachwelt hinterließ, sondern dass ein Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, auch Macht hat, in die Geschichte einzugreifen.

Und das macht die Geschichte für uns heute so interessant: Wenn es stimmt, dass Jesus tatsächlich aus dem Tod auferstanden ist, wie es die Autoren des Neuen Testaments übereinstimmend berichten, dann kann das unser Leben und Denken umkrempeln.

Und weil das für unser Thema so entscheidend ist, möchte ich noch kurz bei der Auferstehung bleiben. Man kann sie nicht beweisen und niemand weiß, was hier genau medizinisch passiert ist. Aber es ist schon erstaunlich, dass bei diesem Zeitsprung von bald 2000 Jahren die Quellenlage so gut und: übereinstimmend ist. Die Gegner konnten den Leichnam des getöteten Jesus nicht vorzeigen, obwohl sein Grabplatz bekannt war. Und die Gefährten erzählten nicht nur von wundersamen Begegnungen mit dem Auferstandenen, sondern lebten so, als würde das stimmen. Bei all den anderen Indizien ist das für mich das stärkste: nach der Hinrichtung von Jesus hatten sich seine Gefährten zurückgezogen aus Angst nun auch in den Strudel der Anti-Jesus-Hetze zu geraten. Aber wenige Tage später wagen sie sich nicht nur an die Öffentlichkeit, sondern verkündigten überall, dass sie Jesus begegnet sind. Gefängnisstrafe und Vertreibung konnte sie nicht davon abhalten. 25 Jahre später berichtet Paulus in einem Schreiben an Christen im fernen Griechenland von 500 Leuten, denen Jesus als Auferstandener begegnet ist. 30 Jahre später ist die Botschaft im ganzen römischen Reich bekannt. Und die meisten der Gefährten von Jesus werden für ihr Festhalten an der Behauptung hingerichtet. Sollten sie wirklich so dämlich sein, für eine selbst erfundene Lüge zu sterben? Und sollte eine Massenhysterie das Reich über 30 Jahre in Atem halten und bis heute Anhänger finden?

Das alles sind keine Beweise für die Auferweckung von Jesus. Aber es zeigt, dass es rational unredlich ist, das Ganze als Mythos abzutun, ohne eine Antwort auf das Phänomen des Auferstehungsglaubens zu finden. Denn wenn es stimmt, dann könnte es sein, dass auch für uns heute dieser Jesus ein sicherer Ort, ein Anker in der Zeit, ein Schutzhafen in den Stürmen unseres Lebens sein kann.

[Leben im Vertrauen]
Meine Frage ist: wo finde ich Halt in Situationen, wo mein Leben am seidenen Faden hängt? (Flyer) Was bewahrt mich davor, der Angst zu verfallen und keinem Menschen und keiner Brücke mehr über den Weg zu trauen? Wo finde ich einen sicheren Ort für mein Leben? Eine Zuflucht, Schutz und Geborgenheit? Wer baut mich wieder auf, wenn alles in meinem Leben am zusammenbrechen ist?

Die Gefährten von Jesus hatten diesen Ort gefunden. Sie hatten erfahren – Schritt für Schritt, über Jahre hin erfahren – dass man Jesus vertrauen kann. Das Wort für Glauben im griechischen Teil der Bibel kann man auch übersetzen mit Vertrauen. Vertrauen hat man nicht, Vertrauen muss wachsen. Und Vertrauen muss begründet sein.

Wie bei Menschen, so ist es auch im Glauben: am Anfang steht der kleine Schritt – im Vertrauen darauf, dass es Gott gibt und er es gut mit mir meint. Ein schlichtes Gebet, in dem ich mit meinen normalen Worte Jesus etwas anvertraue. Und wenn ich dann erlebe, dass Gott handelt, dass sich Vertrauen lohnt, dann wird mein Vertrauen wachsen. Wie eine zarte Pflanze, die im Boden Nahrung findet und wächst und wächst, bis ein großer Baum daraus geworden ist, den so leicht kein Sturm umhaut.

Ich finde es enorm, was für Auswirkungen dieser sichere Ort für die Gefährten von Jesus damals hatte: in großer innerer Unabhängigkeit und Freiheit traten sie ein für Gerechtigkeit und Frieden, für Vertrauen und Hilfe für die Armen. Keine Macht konnte sie einschüchtern. Viele von ihnen sind dafür gestorben – nicht als Fanatiker, sondern in der Überzeugung, dass auch der Tod sie nicht trennen kann von Gott, dem sie vertrauten.

Immer wieder haben im Lauf der Geschichte Menschen in großer innerer Unabhängigkeit gegen Ungerechtigkeit gekämpft, Frieden gestiftet, Apartheit überwunden, Schwachen geholfen, Armut bekämpft und den Glauben bezeugt. Viele ließen sich hier nennen: Wichern, Mutter Teresa und Bischof Tutu aus Südafrika, der Helfer einer Suppenküche und die ehrenamtliche Helferin beim Hospizdienst.

 

Angst eng ein, verkrümmt und versklavt, Angst hält mich bei mir gefangen und kostet unendlich Kraft. Hoffnung und Vertrauen eröffnet neue Horizonte, setzt Kräfte frei, richtet auf, befreit, öffnet mir den Blick für andere Menschen.

Mitten im Sturm ist Gott bei uns, so nah wie die Luft zum Atmen, und hält uns seine Hand hin.

 

 


Max Lucado: Leben ohne Angst, Asslar 2010, S. 10.