GreifBar plus 30.01.2011
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Vom Bootshocker zum Wellenläufer
- 22 Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. 23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. 24 Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. 25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. 26 Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. 27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht! 28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. 29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. 30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! 31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du ezweifelt? 32 Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich. 33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn! (Mt 14,22-33)
Liebe GreifBar-Gemeinde,
manche Momente im Leben möchte man einfach auslassen, überspringen, ungeschehen machen. Das sind zum Bsp. die „Erdboden tu dich auf“-Momente, die einfach nur megapeinlich sind.
Ich denke an die erste Stunde im neuen Biologiekurs nach dem Schulwechsel. Neunte Klasse. Bloß nicht auffallen hieß meine Devise. Ich setz mich in meinen Stuhl. Die Stunde fängt an. Ich lehn mich nach hinten. Die hinteren Stuhlbeine knicken plötzlich nach innen weg. Ich sinke grazil zu Boden, allerdings mit einem weniger grazilen Schrei des Entsetzens. Es war die erste Stunde in diesem Kurs.
Nicht anders der Anfang meiner Arbeit an der Uni. Es war die Semestereröffnungsveranstaltung. In einem akustisch perfekt angelegten Raum waren alle Kollegen, viele Studenten und mein Vater bereits anwesend. Ich komme durch die Tür, da schallt es einmal quer durch den Raum: „Ulfi, ich hab hier einen Platz für dich.“ Er hat es gut gemeint. Alle schauten mich an. Es war mein erster Tag. Von wegen jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.
Von einem anderen Kaliber sind jedoch die Momente, in denen man sich mit seinen Ängsten unterhält. Das sind die „ob das wohl gut geht-Momente“. Diese Momente sind unglaublich anstrengend, bieten aber ein gewaltiges Lernpotential. Ich erinnere mich sehr eindrücklich an eine Situation, da stand ich nicht nur vor der Entscheidung, ob ich mich drauf einlasse, sondern ich war mittendrin. Die Geschichte von Petrus und den Jüngern auf dem See hat mich wieder daran erinnert. Ich war mit meiner Nussschale von Segelboot, die nur ein Jahr jünger ist als ich, auf dem Weg von Stralsund nach Greifswald. Ich bin wohl etwas spät losgefahren. Meine Frau, meine Eltern, meine Schwiegereltern würden jetzt wohl sagen „Etwas“? Wind gab es praktisch keinen und ich motorte knatternd über den Strelasund, um noch mit etwa einer Stunde Puffer rechtzeitig vor dem Dunkelwerden in den Hafen zu kommen. Die Insel Riems war etwa querab, als plötzlich der kleinen Motor aussetzte und sich auch nicht wiederbeleben ließ. Ich setzte die Segel und ich schipperte weiter, aber es gab fast keinen Wind und die Strömung war gegen mich. Nach drei weiteren Stunden hatte ich die Insel Koos immer noch nicht passiert, das sind nur wenige 100 Meter. Alle Bootsbesitzer die ich kannte und per Handy erreichte, konnten mich nicht abholen. Es gab keine anderen Schiffe weit und breit und es war mittlerweile finstere Nacht. Spätestens jetzt war mir klar, das ich ein Problem hatte. Ich erinnere mich an keine andere Situation in der ich so panische Angst hatte wie in diesen Stunden absoluter Dunkelheit auf dem Greifswalder Bodden. Hier konnte ich nicht einfach aussteigen und sagen, OK, jetzt muss jemand anderes ran. Hiermit musste ich allein fertig werden. Um die Insel Koos herum führte mich der Mond. Es war zum Glück fast sternenklar. In den Hafen leitete mich dann diese wunderbare grün blinkende Hafentonne am Ende der Wiecker Mole. Vieles war an dieser Aktion nicht gut und ich tue alles, um das möglichst in Zukunft zu vermeiden. Wenn ich zurückschaue, ist mir jedoch eine Erfahrung davon unendlich wertvoll: dass ich nicht panisch, hektisch und verzweifelt reagiert habe, sondern meine Angst überwunden habe. Dazu half mir nicht der Blick auf das dunkle Wasser und mein kleines Boot, sondern der Blick auf das Licht des Mondes und dann die Hafentonne.
Dass in Momenten der Angst die Blickrichtung entscheidend ist, begegnet uns auch im Predigttext vom sinkenden Petrus, den wir gehört haben. Für viele von uns ist diese Geschichte ganz eng mit GreifBar verbunden, weil in vielen Grundkursen des Glaubens, die bei GreifBar in den vergangenen Jahren stattgefunden haben, der eine oder die andere am Beispiel des Petrus Mut zu einem ersten Schritt des Glaubens gefunden hat. Ich war überrascht, dass wir just zu diesem Zeitpunkt einer Weichenstellung in unserer Gemeinde wieder mit diesem Wort konfrontiert werden.
Wo befinden wir uns eigentlich? Wir befinden uns kurz nach einem Moment unbeschreiblichen Segens. In den vorausgehenden Versen berichtete Matthäus davon, dass Jesus mit einem Dankgebet, fünf Broten und zwei Fischen 5000 Menschen satt gemacht hat. Die Jünger sammelten obendrein noch 12 Körbe voller Reste ein. Sie erlebten einen Moment überschwänglicher Gnade.
Das kennen wir bei GreifBar auch. Mit dem bisschen Kraft, dass wir zusammenbringen, hat sich doch unglaublich was ereignet. Allen Widerständen zum Trotz kommen Menschen mit Jesus in Kontakt und wagen Schritte im Glauben. Wir entdecken Gaben, die bisher noch nicht bekannt waren und sind überrascht über den Erfolg, wenn wir unsere Ängste überwinden, jemanden einladen oder eine Aufgabe übernehmen, die uns Mühe und/oder Überwindung kostet.
Was macht nun Jesus? Er schickt die Jünger am Abend erstmal fort, um schon voraus auf die andere Seite des Sees zu fahren. Er geht allein auf einen Berg um zu beten. Die Jünger erleben nun einen unerbitterlichen Kampf gegen Wind und Wellen. Wörtlich heißt es, dass die Wellen das Boot „folterten“. Kein leichtes Spiel also. Egal, ob es nun ein Segelboot oder ein Ruderboot war oder ob es beide Antriebe bot. Die Jünger mussten alle miteinander hart arbeiten, um auf Kurs zu bleiben. Segen und Sturm liegen also extrem dicht beieinander. Überreich beschenkt werden und überreiche Kraftanstrengung liegen dicht beieinander. Wir finden keine Antwort, ob Jesus sie bewusst in den Sturm schickte oder ob er sie lediglich auf einen Weg schickte, der reichlich Sturmpotential bot. Unterm Strich sind sie fertig mit den Nerven, haben schmerzende Muskeln und bangen um ihr Leben, weil sie getan haben, was Jesus geboten hatte. Das müssen wir schlichtweg zur Kenntnis nehmen. Leben mit Jesus ist überreich beschenkt werden, aber es gibt auch die Zeit des Durchhaltens, der Mühe und der Angst. IN diesem Falle sogar reichlich. Am Abend war das Boot schon in Not. Jesus kommt aber erst zur vierten Nachtwache, das ist nach unserer Zeitrechnung die Zeitspanne zwischen 3 und 6 Uhr morgens. Das ist eine dämlich lange Zeit in einem Boot bei Sturm und Dunkelheit. Völlig erschöpft haben sie sicherlich nicht damit gerechnet, dass ihnen Jesus in diesem Tumult entgegenkommt. Und wie er kommt, er geht auf dem Wasser. Ich finde es tröstlich, dass hier im griechischen Wortlaut nicht steht, dass er gewissermaßen über dem Wasser schwebte. Nein, er durchwandert die Wellentäler und erklimmt die Wellenkämme. Was den Jüngern also panische Angst bereitet, stört ihn gar nicht. Er wandert von Welle zu Welle zielstrebig auf sie zu. Ich glaube, dass man es ihnen nachsehen kann, dass sie ihn nicht gleich erkannten.
Was sagt Jesus nun? Er sagt zunächst: Habt Mut! In dem griechischen Wort steckt an dieser Stelle die Wortwurzel von „Mut haben“ drin. Das ist die Aufforderung, die er ausspricht. Einen Appell kann man nur aussprechen, wenn es etwas gibt, an das man appellieren kann. Offenbar liegt es in den Möglichkeiten der Jünger, Mut zu haben, oder furchtsam zu bleiben. Den Grund liefert er gleich nach: „Ich bin’s!“ Das ist nun mehr als ein freundliches „Hallo Leute!“ Seine Jünger können in dieser Formulierung die Erkennungsmelodie Gottes hören. So will ich es mal nennen. Jesus stellt sich vor mit dem Namen des Herrn der Herrscharen, der das Volk Israel immer wieder aus Not befreit hat. Seine Name „Ich bin, der ich bin“. Jesus zeigt, dass er Gott ist. Er ist derjenige, der schon mal mit ihnen auf diesem See in einem Boot gewesen ist bei Sturm. Damals hat er das Meer beruhigt. Sein „Fürchtet euch nicht!“ ist also berechtigt. Ein eifriger Forscher hat mal nachgerechnet, dass in der Bibel 366 mal die Wendung „Fürchtet euch nicht!“ vorkommt. Das ist ein „Fürchtet euch nicht!“ für jeden Tag des Jahres , selbst im Schaltjahr. Allerdings: Das Boot schaukelt immer noch wild auf den Wellen. Nur mit Mühe können Sie Jesus in den Blick nehmen.
Und nun ist da dieser Petrus. Er antwortet und bittet um eine Aufforderung, zu Jesus kommen zu dürfen. Er springt nicht einfach aus dem Boot raus und läuft los. Er braucht einen klaren Auftrag. Das unterscheidet ihn von einem fahrlässigen Abenteuerjunkie. Er braucht einen Auftrag, bevor er sich auf den Weg macht. Auch das müssen wir, bevor wir loslegen.: Wir brauchen einen Auftrag. Das bedeutet also, dass wir erst mit Gott reden sollten, bevor wir uns auf den Weg fern aller Sicherheiten machen. Petrus steigt nun aus dem Boot auf die wogende See und lässt los. Das ist ein spannender Moment. Er sieht die Möglichkeit ganz nahe bei Jesus zu sein und ergreift sie auch wenn das ein Schritt aus der Sicherheit des Bootes heraus ist. Das ist sicherlich kein leichter Schritt gewesen, aber er musste aus dem Boot raus, um näher zu Jesus zu kommen. Und jetzt wird das wieder mit dem Blick wichtig. In dem Moment wo er auf den starken Wind und die hohen Wellen sieht, beginnt er zu sinken. Er kann nur auf dem Wasser laufen und seine Angst besiegen, wenn er Jesus im Blick behält und ihm vertraut. Nur so wird es was werden. Es war die Angst, die ihn sinken lässt. Hoffnung hat ihn aus dem Boot geführt, Vertrauen hat ihn über Wasser gehalten, Angst ließ ihn sinken.
Er tut nun das einzig richtige: er schwimmt nicht wie wild zum Boot zurück, sondern sucht seine Sicherheit bei Jesus. Dann erlebt er wie dieser seine Hand greift. Gemeinsam gehen sie zum Boot und zu den anderen Jüngern. Erkannt haben diese nun wohl auch, dass Jesus Gottes Sohn ist, aber sie haben es nicht erfahren. Indem Petrus dem Ruf Jesu gefolgt ist und sich dabei aus der Sicherheit des Bootes herausgewagt hat, konnte er die Hilfe Gottes erfahren. Das ging nur außerhalb des Bootes.
Die Ängste, die wir haben mögen, werden sicher sehr verschieden sein, wenn es darum geht, dem Ruf Jesu zu folgen. Das Boot der Sicherheit ist dann das Verhalten, das uns die Ängste erspart, z.B. dass ich nicht von meinem Glauben erzähle, weil ich nicht abgewiesen werden möchte, oder dass ich mich nicht öffentlich aussetze und einbringe weil ich nicht möchte, dass ich dann Verletzungen erfahren könnte. Petrus zeigt uns, dass aber nur der Schritt des Glaubens die Erfahrung bietet, dass Jesus uns trägt. Petrus zeigt uns, dass es außerhalb des Bootes zusammen mit Jesus weit mehr zu erleben gibt als im Boot. Das ist das Geheimnis des Glaubens.
Wir haben als Gemeinde entschieden, dass wir unser Boot überladen hatten. Wir kamen in rauhe See mit unseren Kräften und mit unseren Ängsten. Nun haben wir das Programm reduziert und dadurch etwas mehr Ruhe „reingebracht“. Diese Ruhe auf dem Boot ist jedoch trügerisch, wenn wir dadurch mehr Komfort erreichen wollen, um uns auf dem Boot ordentlich ausstrecken zu können. Jesus ist außerhalb des Bootes. Er ruft uns wieder aus der Zone der Sicherheit heraus. Er ruft zu Schritten des Glaubens in unruhiger See. Unseren Ruf als Gemeinde haben wir bereits erhalten, dass wir in diese Stadt gerufen sind, um auf Jesus hinzuweisen. Dass er mit uns ist und sich niemand unterstehen kann uns zu schaden, können wir aber nur erfahren, wenn wir auf seinen Ruf reagieren, jeder für sich. Das bedeutet also: „Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht!“
So soll es sein oder: Amen
