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Aberglaube

 

Die Deutschen sind Weltmeister. Besonders die Fußballer. Nein, ich ha-be schon mitgekriegt, dass uns die Italiener den Pott weggenommen haben. Und doch: in einer Hinsicht sind unsere Jungs Weltmeister. Wenn es um den Aberglauben geht. Unser Miro, der Klose also, zieht sich immer den rechten Schuh zuerst an, dann erst den linken, und wenn er auf den Platz kommt, tritt er zuerst mit dem rechten Fuß auf den Rasen. Das ist ja noch milde: schlimmer, finde ich, wird es, wenn Trainer einen Glückspullover haben, den sie dann bei jedem Spiel tra-gen und nicht mal zwischendurch waschen. Stellt Euch vor, jemand kommt auf Glückssocken, nicht auszudenken!

Unsere Jungs sind da Weltmeister, aber sie stehen nicht alleine da. Ad-rian Mutu, rumänischer Star bei Juventus Turin ist davon überzeugt: „Böse Flüche können mir nichts anhaben, weil ich meine Unterwäsche auf links trage.“ Darauf komme ich noch zurück: Der Aberglaube will Glück suchen, aber auch Unglück und böse Mächte abwehren. Der ar-gentinische Trainer Carlos Bilardo pflegte immer seine Glückskrawatte zu tragen. Überhaupt die Argentinier: Wir können froh darüber sein, dass Sergio Goycochea nicht mehr das argentinische Tor hütet. Der Keeper pflegte vor Strafstößen des Gegners auf den Platz zu pinkeln. Damit hatte er – bis zur Niederlage im Finale in Italien 1990 – bemer-kenswerten Erfolg.

Sind das nur liebenswerte Marotten von gestressten Fußballstars, die den Erfolg so bitter nötig haben, dass sie ihn zwingen wollen? Ist das alles harmlos, weil unwirksam? Oder ist es nicht harmlos, weil wirksam? Das ist unser Thema heute Abend: „Aber Glauben Sie das auch?“ Wie sieht es bei Ihnen aus mit kleinen Glückszaubern, Maskottchen und Ma-rottchen?

Gucken wir uns zunächst an, worum es geht: Was finden wir da alles vor?

Also: Was finden wir da so alles vor?

Die Welt des Aberglaubens ist nahezu unbegrenzt. Will man ein biss-chen Ordnung da hinein bringen, so kann man mit den Glückwünschen anfangen. Kennen Sie das: Du, für Deine Klausur morgen drück ich Dir den Daumen. Warum soll eigentlich ein Daumen, der in Wackerow ge-drückt wird, Folgen haben für eine Klausur am Jahngymnasium? Nun, den Daumen drücken, das kommt daher, dass man dachte, unsere Fin-ger seien Albgeister und der Daumen ist der mächtigste Geist. Ihn zu drücken bedeutet: „Er soll Dir nichts Böses tun!“

Neben den Glückwünschen gibt es Glückssprüche. Die – so sagt der a-bergläubische Ehrencodex – muss man zur rechten Zeit richtig aufsa-gen, dann helfen sie bestimmt. Beispiel: Wenn frau heiratet, soll sie Pimpernelle, Salz und Dill in ihren Schuh tun und während der Trauung den Fuß über den des Mannes halten und leise vor sich hin sprechen: „Ich trete auf Pimpernelle, Salz und Dill; wenn ich rede, bist du still.“ Dann hat sie das Sagen in der Ehe. Heißt es zumindest!

Natürlich gibt es in diesem Kosmos des Aberglaubens auch Glücks- und Unglückstage.  Ich bin froh, dass Sie alle so gesund und munter hier sitzen, denn irgendein Schlaumeier hatte ja den vergangenen Freitag (13.10.2006) zum besonderen Unglückstag erhoben, weil es nicht nur ein Freitag, der 13. war, sondern die Quersumme des Datums auch noch einmal 13 ergab. Das war wohl zuletzt am 13. Januar 1520 der Fall. Das mit Freitag, dem 13., hat übrigens damit zu tun, dass Jesus an einem Freitag gekreuzigt wurde und dass 13 Männer bei seinem letz-ten Abendessen dabei waren. Als Apollo 13 an einem Freitag, den 13. (1970) abstürzte, fand der Aberglaube so richtig Nahrung. Hamwers-dochgewusst! Außerdem aktivieren bestimmte Spaßvögel sehr gerne Computerviren am Freitag, dem 13. Wo die Angst vor dem 13. krank-haft wird, gibt es sogar einen Namen dafür: Triskaidekaphobie.

Und so könnten wir weitermachen, von Hufeisen und schwarzen Katzen könnten wir reden, von Schornsteinfegern und vierblättrigen Kleeblät-tern. Übers Klopfen auf Holz könnten wir reden, über den Ausruf toi-toi-toi, der wohl tatsächlich eine Kurzform von „Teufel, Teufel, Teu-fel“ darstellt.

Als jüngst die OZ in Greifswald Jugendliche befragte, sagten einige sehr ernsthaft, unter einer Leiter würden sie nicht hergehen, und eine schwarze Katze – war es von rechts oder links? – möge bitte ihren Weg nicht queren. Ansonsten waren die jungen Leute in Greifswald voller Vertrauen, wenn es um Maskottchen geht, also z.B. die Plüschgiraffe in der Abi-Prüfung. Spannend wird es, wenn eine schwarze Katze uns das Maskottchen raubt und auf einer Leiter vierblättrige Kleeblätter kaut!

Wahrscheinlich ist es so, dass diese Dinge im Alltag vieler Menschen vorkommen, vielleicht auch bei Ihnen, aber nicht sonderlich ernst ge-nommen werden. Es ist sozusagen Aberglaube 2. Klasse. Es gibt aber auch einen Aberglauben 1. Klasse, einen, der sehr ernst genommen wird, bis in unsere Entscheidungen hinein. Unser Theaterstück hat uns das vorgemacht. Da werden zwar auch Daumen gedrückt und es wird „toi, toi, toi“ gerufen. Dann aber fällt eine Entscheidung, eine wichti-ge, in Liebesdingen. Und diese Entscheidung fällt nicht, indem einer auf Herz und Verstand hört, sondern indem sich einer vom Lauf der Ge-stirne leiten lässt. Das ist Aberglaube 1. Klasse. Er greift tief ein in un-sere Hoffnungen und Befürchtungen und in unsere Entscheidungen. Nur zwei Beispiele:

Zum einen Horoskope und Astrologie: Da sehen wir uns bestimmt durch den Lauf von Mond und Sternen. Da lesen wir im Blättchen das Horos-kop! Natürlich sagen wir, dass wir das nicht glauben! Aber: Wir sind doch beruhigt, wenn uns Gutes vorhergesagt wird. Jüngst konnte man lesen, wie beruhigt die Schauspielerin Simone Thomalla war, als ihre Astrologin nichts gegen ihre Ehe mit Rudi Assauer hatte! Assauer ist der von Schalke und zusammen machen die beiden Bierwerbung.

Zum anderen Heilkräfte: Da glauben Menschen an Energieströme, die unser Leben positiv oder negativ beeinflussen. Da meinen Menschen, über geheimnisvolle heilende Kräfte auch verfügen zu können. So gera-de vor ein paar Tagen der Popstar Chris de Burgh, der sich auch als Wunderheiler betätigt. Da lassen abergläubische Menschen die Warze und die Gürtelrose von der Besprecherin behandeln: geheimnisvolle Kräfte in den richtigen Formeln, von der richtigen Person gesprochen, möglichst bei Vollmond – darauf setzen nicht wenige. Ich sage das ohne Spott, denn es trifft die Gemütslage vieler Menschen, auch bei uns in Pommern.

Was ist nun von alledem zu halten?

Das ist meine zweite Frage heute.

Aberglaube ist ein urdeutsches Wort. Aberglaube ist das, was über den Verstand hinausgeht, der Glaube an Übersinnliches. Im 19. Jahrhundert sprach man auch von Oberglaube oder Überglaube, wie im Englischen „superstition“. Erst später wurde Aberglaube zum falschen Glauben, zu einem Glauben, der mit dem christlichen Glauben im Streit liegt. Die Aufklärung und das Christentum marschieren hier ausnahmsweise mal Arm in Arm, die einen spöttisch, die anderen warnend, beide aber ent-schieden kritisch, wenn es um Aberglauben geht. Spöttisch, weil ja nichts dahinter sei, meinen die Aufgeklärten, warnend, weil vielleicht mehr dahinter ist, als uns lieb sein kann, meinen die Christen. Das Volk scherts wenig: nach einer Allensbach-Umfrage sind 51% der Deutschen abergläubisch, 62% der 50-59jährigen glauben aber und das feste. Unter 53% der unter 30jährigen tun es: Opa und Enkel vereint im Aberglau-ben. Gibt es mehr dazu zu sagen als Spott und Warnung? Ist das über-haupt wichtig, oder sollte man nicht mit dem alten Fritz jeden auf sei-ne Facon selig werden lassen? Nun, das hängt davon ab. Ich schlage Ih-nen ein paar Unterscheidungen vor:

Erstens: Manches am Aberglauben ist harmloser Schnack. Also, ich wer-de jedenfalls nicht gleich nervös, wenn jemand seinen Plüschtiger mit ins Examen bringt oder auf Holz klopft. Manche dieser Sitten sind All-tagssitten, die schon lange nicht mehr an irgendetwas glauben. Beispiel gefällig? Halten Sie sich auch die Hand vor den Mund, wenn Sie gähnen? Ich hoffe es, aber nur aus Höflichkeitsgründen. Nicht jeder Schlund ist so attraktiv! Der Ursprung dieser Sitte aber ist ein handfester Aber-glaube: Man soll sich beim Gähnen nämlich die Hand vor den Mund hal-ten, damit die mückenförmigen bösen Geister nicht hineinfliegen kön-nen. Also, das ist harmlos! Aber das ist nur der Anfang:

Zweitens: Manches am Aberglauben ist mangelnde Aufklärung. Da wer-den Dinge behauptet, die – das muss man in einer Uni-Stadt sagen dür-fen – schlichter Unfug sind, Humbug! Sachen, die auch dann nicht stimmen, wenn sie hundertfach wiederholt werden. Seit Urzeiten wer-den etwa dem Vollmond geheimnisvolle Kräfte nachgesagt. Wenn er die Gezeiten beeinflussen kann, wieso dann nicht auch den Menschen? So soll zu Vollmondzeiten ein Haarschnitt vor einer Glatze schützen. Viele pflanzen und düngen nach Mondkalendern. Manche schlafen schlecht bei Vollmond. Was ist dran? Sicher ist, dass der Mond die Gezeiten steuert. Die Schwerkraft des Mondes zieht Wassermassen an. Allerdings müssen diese Wassermassen so groß sein, dass sie der Mondrotation um die Erde folgen können. Deshalb Insofern ist diese Wirkung auf große, offene Wasserflächen beschränkt - die Meere eben. Der Mensch besteht zwar auch zu 70 Prozent aus Wasser, doch dieses Wasser ist größten-teils in den Zellen gebunden und nicht freibeweglich. Die Wirkung von Anziehungskräften auf Körperzellen ist daher so gering, dass sie nicht messbar sind. Wer Beweise für Vollmondwirkungen auf den Menschen sucht, erhält von wissenschaftlicher Seite kaum Unterstützung. Vieles funktioniert so: Wir erwarten es – und dann erfüllt es sich. Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie am besten - Ihren gesunden Men-schenverstand.

Drittens: Mancher Aberglaube ist Ausdruck unserer Sorge um Leib und Leben. Und da wird es dann auch schon ernster. Wir spüren trotz all unserer Erfindungen, dass wir letztlich nicht sicher sind. Wir haben ü-ber so vieles keine Kontrolle. Wir fürchten uns vor Krankheit und Un-glück – für uns selbst und für die, die wir lieb haben. Und wir denken, so aufgeklärt wir sind, ob nicht doch mehr zwischen Himmel und Erde passiert, als sich unser Verstand ausmalen kann. Wer weiß, welche Ge-heimnisse da walten, welche Mächte und Kräfte da Einfluss haben! Viel-leicht sollten wir dann auf Nummer Sicher gehen und diese Mächte beschwichtigen, toi, toi, toi rufen, auf Holz klopfen, die Braut im Brautkleid vor der Trauung nicht anschauen, im Theater nicht pfeifen, Katzen und Leitern meiden, Geld in Brunnen werfen usw. Wir wollen es uns doch nicht verderben mit der Macht, die Glück und Unglück ver-teilt. So verbirgt sich hinter dem Aberglauben ein Wissen darum, wie unbehaust und unsicher wir uns fühlen. Und wir sehnen uns nach Ge-borgenheit, nach guten Mächten, in denen wir uns bergen können, ge-trost leben können, heute, morgen und an jedem Tag. Aberglaube ist Sehnsucht nach bewahrender, bergender, schützender und heilender Macht.

Und dann geht es noch einen Schritt weiter. Vielleicht kann man diese geheimnisvollen Kräfte und Mächte zwischen Himmel und Erde sogar bändigen, ja, vielleicht kann man sie nutzen, umlenken und auf unsere Wünsche ausrichten. Man müsste die richtigen Formeln haben, man müsste sie auf die richtige Weise zur richtigen Stunde aussprechen. Dann könnte es doch helfen und heilen, wer weiß! Wenn ich es nur richtig mache (Ursache!), dann bekomme ich, was ich will (Wirkung!). Aber weh mir, wenn es falsch geht!

Das ist es, worum es beim Besprechen geht. Ich nehme den Name des dreieinigen Gottes und benutze ihn wie eine Zauberformel. Es muss richtig gemacht werden, dann hat die Besprecherin Macht und heilt Mensch und Vieh. „Gicht wie Geschicht, wie das Evangelium spricht, geh heraus aus dem Kopfe, geh heraus aus allen Gliedern, bring dem Menschen die Gesundheit wieder. Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Geheimnisvolle Energien sollen durch die Hand der Besprecherin fließen. Energien, die wirken, egal ob ich es glaube oder nicht. Im Internet werden Schnellkurse angeboten: Bespre-chen lernt man an einem Wochenende für 75 € Kursgebühr. Man liest aber auch, dass „besprochene Gegenstände und Personen dem Willen desjenigen unterworfen werden sollen, der die Besprechung durch-führt.“ Es geht also darum, dass ich mich anvertraue und ausliefere. Frage: Wem kann ich mich anvertrauen, wem liefere ich mich aus?

Hier gibt es nun drei Probleme, die ich ansprechen muss. Das erste ist seelischer Art: Sensible Geister werden auf Dauer immer ängstlicher und abhängiger. Sie trauen sich kaum noch etwas zu tun, wenn sie sich nicht nach allen Regeln des Aberglaubens abgesichert haben.

Das zweite Problem hat etwas damit zu tun, dass Besprechen eine Form des Zauberns ist. Gezaubert wird in „Dreiherrgottsnamen“ - Gott wird also in Dienst genommen. Seine Macht soll von Menschen genutzt wer-den. Er wird nicht betend angerufen, das Gebet wird umgangen, viel-mehr wird göttliche Power direkt auf die kranke Körperpartie gelenkt. Gott als eine Art himmlische Supermedizin in der Hand der Bespreche-rin. Nur: Gott lässt sich nicht in Dienst nehmen. Wenn das Wort Gott auch nur annähernd Sinn machen soll, dann ist Gott kein „Geist aus der Flasche“, den ich rufen, und über den ich verfügen kann. Gott ist Herr über Himmel und Erde, und wer ihn zur Zauberformel degradiert, hat ein ernstes Problem. Er macht sich zum Herrn und Gott zum Knecht. Das ist das Urproblem des Menschen: endlich werden wie Gott. Es ist der Geist der Rebellion gegen den Schöpfer, der sich hier regt. Es ist ein Geist gegen Gott, ein teuflischer Geist, der hier wirkt.

Und daraus ergibt sich das dritte Problem: Wenn es hilft, scheint es doch alles o.k. zu sein. Aber es ist nicht o.k. „Wer heilt, hat Recht!“, das ist heute eine feste Überzeugung. Es kann aber sein, dass ich zwar Gürtelrose und Warze, Gicht und Wunde los bin, dafür aber in dunkle Abhängigkeiten gerate, die viel schlimmer, schädlicher und gefährli-cher sind als die Krankheit, mit der ich anfangs zu kämpfen hatte. Der Aberglaube öffnet eine Tür in mir, eine Tür für alles Mögliche. Möglich, dass ich die Geister, die ich rief, nicht mehr loswerde. Ihrer Herr werde ich sicher nicht. Der Preis für die Gesundheit kann dann hoch sein, viel-leicht zu hoch! Aberglaube ist hier wirklich aberwitzig, ein Glaube, der über das Ziel hinaus schießt und sich falschen Hoffnungen ausliefert. Also noch einmal: In wessen Hände kann ich mein Leben legen?

„Glaube, dem die Tür versagt, steigt als Aberglaub' ins Fenster. Wenn die Götter ihr verjagt, kommen die Gespenster“, dichtet Emanuel Gei-bel. Ist Glaube eine Alternative? Ich will zum Schluss die Geschichte einer Frau erzählen, die schon manches hinter sich hatte und vom A-berglauben zum Glauben fand.

Die blutflüssige Frau (Markus 5)

Sie wusste, wie es Menschen geht, die nicht mehr weiter wissen. Sie hat im Evangelium keinen Namen, spätere Quellen nennen sie Bereni-ke. Bleiben wir der Einfachheit halber bei Berenike. Ihre Krankheit quälte sie schon 12 Jahre. Es war „Blutfluss“, eine Frauensache, wie manche Erklärungen verschämt sagen, ein Problem mit der Menstruati-on, vermute ich. Berenike hatte alles probiert. Sarkastisch heißt es: Sie hatte unter den Ärzten viel erlitten und ihr Vermögen verloren. Ihr Geld ist weg, aber ihr Leiden nicht. Unter den Ärzten jener Zeit war kein Dr. Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik und kein fitter junger Arzt aus Emergency Room. Die Jungs arbeiteten mit allen möglichen und unmöglichen Methoden. Sie dokterten an ihr herum, gaben Heil-tränke, schnibbelten ein bisschen hier und da, vielleicht versuchten sie es auch mit Zauber - aber helfen konnte der armen Frau niemand.

Was ihr blieb, und was sie so sympathisch macht, ist ihre Sehnsucht nach einem anderen Leben, ihr Wunsch, endlich heil zu werden. Sie war isoliert. Sie hatte vielleicht Schmerzen. Es war peinlich. Auch ihrer Familie. Nach 12 Jahren ist das Mitleid der Angehörigen erschöpft. Sie ist peinlich. Aber sie gibt nicht auf.

Ich möchte gleich hier etwas anmerken: diese Geschichte findet Raum im Evangelium, in den heiligen Texten der Christenheit. Sie wird er-zählt, voller Mitgefühl und Verständnis. Das ist wichtig: Menschen, die es schwer haben, Menschen mit ihren bösen Erfahrungen, Menschen, die isoliert sind und enttäuscht, weil sie schon so vieles ausprobiert haben, Menschen mit einer großen Sehnsucht im Herzen – die zählen. Sie zählen und finden Gehör, sie zählen und haben Gewicht bei Gott.

Ist das nur ein frommer Satz? Nein, wir werden es sehen. Berenike hat einen Plan. Denn heute, heute soll es besser werden. Jesus, der Arzt der Kranken und Armen, zieht durch die Stadt. Es gibt wie immer einen ziemlichen Auflauf. Berenike hat sich einen Plan zurechtgelegt. Und ihr Plan muss uns erscheinen wie eine uralte Form von Aberglauben: Wenn ich, so sagt sie sich, wenn ich nur sein Gewand berühren kann, dann wird es mir helfen. Dann endlich werde ich gesund. Sie denkt: Da gehen starke Energien aus, dieser ganze Jesus ist aufgeladen mit heilender Kraft, selbst sein Mantel ist noch wie ein Kraftwerk an Macht, und diese Macht werde ich anzapfen. Weil sie so scheu und voller Scham ist, will sie nur mal eben von hinten ein bisschen Jesus-Energie abzapfen, mehr will sie nicht, mehr traut sie sich nicht. Sie will nicht in die Sprech-stunde und sie will keine persönliche Beratung, nein, nur ein bisschen Gotteskraftstoff. Reiner Aberglaube. Irgendwie aber weiß Berenike, dass sie es mit einem besonderen Menschen zu tun hat: Unter ihrem Aberglauben rührt sich schon etwas Neues, ein Zutrauen zu Jesus. Das heute ist ihre Chance.

Schauen Sie, das wünschen wir uns, nein, das wünschen wir Ihnen, dass Sie von Jesus hören und spüren: „Hier könnte die Chance meines Le-bens auf mich warten. Hier ist einer, der hat ein offenes Ohr für mei-ne Geschichte. Hier ist einer, der hat ein großes Herz für meine Ent-täuschungen und Nöte. Hier ist einer, der hat große Möglichkeiten, mir wirklich zu helfen.“ Hier ist keine gesichtslose, herzlose, anonyme Macht, sondern der, der den Ehrentitel „Heiland“ trägt, weil er denen hilft, die ihn suchen. Das wünschen wir Ihnen: dass Sie neugierig wer-den auf Jesus, so neugierig, dass Sie denken: Ich muss mich dem mal nähern, vielleicht erst mal nur vorsichtig, von hinten. Aber ich will he-rausfinden, ob da nicht die Antwort auf meine Fragen ist.

Und so wühlt sich Berenike unter Einsatz ihrer Ellenbogen durch, schleicht sich von hinten an und fasst nach dem Mantel Jesu. Und es beschämt mich immer wieder zu lesen, was dann passiert: Im Handum-drehen, wirklich, von einer Sekunde zur anderen, nach 12 Jahren Lei-dens, wird diese Frau frei von ihrer Last. Die Fesseln fallen ab, die Qual ist vorüber.

In der Nähe Jesu wird es besser mit Menschen, das ist bis heute nicht anders.

Und wäre es eine Geschichte des Aberglaubens, dann wäre sie hier zu Ende. Denn das Ziel ist ja erreicht: Energie wurde abgezapft, heilende Ströme sind geflossen, das Problem ist gelöst! Aus und Ende.Wie gerne hätte sich Berenike jetzt wieder fortgeschlichen! Und wenn sie nicht gestorben ist, dann lacht sie noch heute über so viel cleveren Aber-glauben. Aber hier ist die Geschichte nicht zu Ende. Jesus merkt näm-lich, was passiert ist. Er fragt: Wer hat mich da berührt? Warum? Will er tadeln? Will er sein Honorar, wenigstens aber einen Dank? Nein, er will offenbar etwas anderes: Er sucht den persönlichen Kontakt. Hier geht es nicht um energetische Strömungen, hier geht es um heilsame Beziehungen. Und so meldet sich zitternd Berenike zu Wort und „ge-steht“, was geschehen ist. Von Freude keine Spur. Berenike ist bis in die Knochen erschüttert! Das ist nicht irgendein Wunderheiler. Das hier, dieser Jesus, Gott selbst! Sie ist Gott zu nahe gekommen. Sie ist erschrocken und merkt: Das hier, das ist eine Nummer zu groß für mich. Und sie tut das eine, was zu tun ist. Sie macht nicht Gott zum Knecht und sich zur Herrin. Sie nimmt Gott nicht in Dienst. Sie bedient sich nicht machtvoller Formeln. Sie wirft sich vor Jesus zu Boden. Das ist die Geste der Anbetung: Sie liefert sich Jesus aus und vertraut sich ihm an. Die ganze Wahrheit, die ganze Wahrheit ihres schweren Lebens fließt aus ihr heraus. So war das, Jesus, und so kam ich hierher, und so habe ich es versucht. Jetzt hängt alles an seinem Wort: Denn er ist Herr, sie ist Mensch, ganz angewiesen auf seine Güte.

Und was tut Jesus: Er hebt sie aus dem Staub und spricht sie an. Jetzt ist es mehr als Aberglaube, und Jesus spricht ihr zu: Du glaubst, du glaubst und das macht dich heil! Gesund sollst du sein, gesund und heil, meine Tochter, du Kind Gottes. Jesus gibt ihr, was sie sich zuvor neh-men wollte. Jesus sagt nicht nein, er sagt ja. Ja, sei gesund! Ja, geh in Frieden! Ja, du bist heil, ganz heil, nicht nur ein bisschen gesund. Jetzt ist es eine Geschichte des Glaubens, nicht des Aberglaubens, denn Ge-schichten des Glaubens führen immer dazu, dass Menschen viel mehr empfangen, als sie erwarteten. Nicht nur Heilung, nein ein neues Le-ben. Ich bin, so wird sie sagen, nicht nur die ewig kranke Berenike, die, die peinlich ist, die, die doch irgendwie selber schuld sein muss, die, die lästig ist mit dieser Plage. Ich bin Berenike und Jesus sagt „meine Tochter“ zu mir. Ich bin Berenike und habe mich Jesus anvertraut. Ich bin Berenike und mein Leben liegt nicht mehr in der Hand dunkler, un-gewisser Mächte. Mein Leben ist geborgen bei Gott. Was mich sorgt, ist bei ihm gut aufgehoben. Was mir Angst macht, nenne ich ihm. Ich bin gut aufgehoben bei Gott. Das ist das Größte, was es gibt, es ist so groß, dass es besser ist, bei Gott geborgen zu sein und krank zu bleiben, als im Trüben zu fischen, körperliche Heilung zu haben, aber Schaden an der eigenen Seele zu leiden.

Schluss

Das ist es, was wir Ihnen sagen möchten: Wir glauben, dass Jesus nie-manden verachtet, der sich sorgt und nach Geborgenheit sehnt. Er ver-achtet Sie nicht, wenn Sie Ihr Heil im Aberglauben gesucht haben. Er verspottet Sie nicht, wenn Sie nach den heilenden Kräften gerufen ha-ben. Aber er ruft Sie zu sich: Komm in meine Nähe. Das ist heute Abend seine Einladung. Komm zu mir, mit allem, was Dir das Leben sauer macht. Komm zu mir und hör auf mit dem Aberglauben. Lass die Kopie hinter dir und halte dich ans Original! In der Nähe Jesu wird es besser mit Ihnen! Auf jeden Fall werden Sie in der Nähe Jesu eines wissen: Ich bin Gottes Eigentum und Jesus sagt „meine Tochter, mein Sohn“ zu mir. Ich bin Gottes Kind und mein Leben liegt nicht mehr in der Hand dunkler, ungewisser Mächte. Mein Leben ist geborgen bei Gott. Was mich sorgt, ist bei ihm gut aufgehoben. Was mir Angst macht, nenne ich ihm. Ich bin gut aufgehoben bei Gott.

Das ist wahr. Ganz gewiss. Oder: Amen.