Da kannste nix machen
Ein Mann ist gestorben und steht nun vor der Himmelstür. Bekanntlich steht Petrus dort an der Rezeption und begrüßt den Neuankömmling. Er schaut in das große Buch und sagt: Okay, du hast nichts wirklich Schlimmes angestellt, aber auch nichts besonders Gutes. Kannst Du mir nicht irgendeine gute Tat nennen, irgendetwas Besonderes, dann lasse ich dich rein! Okay, sagt der Mann. Da war dieser eine Moment. Ich fuhr mit meinem Auto durch die Stadt. Da sah ich plötzlich diese besoffenen Typen, irgend so eine Motorradgang. Es waren bestimmt 10 oder 12, solche Muskeln, ziemlich gut zugetankt, und die hatten sich eine farbige junge Frau vorgenommen. Sie brüllten rechte Parolen, warfen mit Steinen, traten und schlugen sie. Na ja, da konnte ich nicht anders. Ich habe angehalten, bin aus meinem Auto raus, habe mir noch einen Wagenheber aus dem Kofferraum genommen und bin auf diese Bande los. Und dann habe ich laut geschrien: Eh, ihr Idioten, wenn ihr nicht sofort die Frau in Ruhe lässt, dann kriegt ihr es mit mir zu tun. Petrus ist schwer beeindruckt: Meine Güte, sagt er, tolle Geschichte. Sag mal, wann ist das passiert? Oh, sagt der Mann, vor ungefähr fünf Minuten.
Misch dich lieber nicht ein! Schau weg! Wenn Du dich verwickeln lässt, holtst du dir bloß eine blutige Nase – oder Schlimmeres. Das ist die Lektion dieser kleinen Geschichte. Das haben auch unsere Schauspieler uns gezeigt: Ja, man müsste, und man sollte dieses oder jenes tun, aber im Grunde hat es doch keinen Sinn! Was können wir denn schon bewegen?
Es geht eine große Mutlosigkeit durch unsere Stadt und unser Land. Sie zeigt sich an ganz verschiedenen Stellen: Pommern – das geht den Bach runter. Was sollen wir schon tun gegen die vierfache pommersche Seuche: Alter, Abwanderung, Arbeitslosigkeit, Alkohol. Das ist eben so. da kannste nix machen. Was sollen wir schon tun gegen die Zerstörung unserer alten, jungen Uni? Das beschließen die da oben und dann gehen in Greifswald bald die letzten Lichter aus. Ist das so? Ist das die Wahrheit?
Ein schwarzafrikanischer Rechtsanwalt beobachtet, wie eine weiße, ältere Dame mit ihrem Wagen in einer Parklücke festsitzt und nicht mehr herauskommt. Er geht über die Straße und dirigiert die Fahrerin vorsichtig aus der Parklücke. Die Frau bedankt sich mit den Worten: Thank you, John. John – das ist die allgemeine Anrede der Weißen für jeden unbekannten Schwarzen. Dann nimmt sie eine kleine Münze und will sie dem Anwalt geben, aber der lehnt höflich ab. Die Frau aber versucht es wieder. Wieder lehnt der Mann ab. Schließlich wirft die Fahrerin die Münze auf die Straße und schimpft: Du willst wohl mehr Geld haben, aber das kriegst du nicht. Und braust davon. Südafrika, etwa 1952. Der schwarze Anwalt war Nelson Mandela. Hätte er damals gesagt: Da kannste nix nichts machen. Das musst du einfach so hinnehmen. Hätte er resigniert und sich eingerichtet in einem Leben der Rassendiskriminierung und stetigen Erniedrigung, wer weiß, was dann aus Südafrika geworden wäre. Er aber nahm den Kampf auf, ging dafür 28 Jahre lang ins Gefängnis, bis das Apartheitsregime 1994 zusammenbrach.
Vielleicht ist es ganz hilfreich, sich eine Unterscheidung deutlich zu machen. Der Zeitmanager Stephen Covey versucht, Menschen zu motivieren, mit Ihrem Leben weder zu viel noch zu wenig zu wollen. Er sagt: Es gibt in unserem Leben drei Bereiche:
Da ist erstens unsere Interessensphäre. Dazu gehören alle Dinge, die für uns wichtig sind: dass Frieden herrscht und uns kein Unwetter trifft, dass wir gesund bleiben und unsere Kinder auf gut geraten. Auf manches hier haben wir Einfluss, auf vieles aber auch nicht. Also – zu meiner Interessensphäre gehört z.B., dass Werder Bremen gut spielt. Dass ich das kaum beeinflussen kann, bringen mir meine Kinder bei. Wenn Bremen z.B. gegen Lyon spielt, dann sitze ich vor dem Fernseher und brülle, dass doch der Micoud jetzt bitte den Klose anspielen soll, denn der steht frei und nur ich allein sehe das und muss es dem Micoud zurufen. Aber meine Kinder sagen nur: Papa, bleib cool, der hört dich nicht!
In der Interessensphäre gibt es aber einen kleineren Bereich, nämlich die Einflusssphäre. Das ist der Sektor meines Lebens, wo ich durchaus etwas tun kann, um die Dinge in die richtige Richtung zu lenken. Ich kann mich gesund ernähren und Sport treiben, um gesund zu bleiben. Ich kann das Gespräch mit meinen Kindern suchen, um ihren Weg ins Leben mitzuprägen. Ich kann mein Geld für sinnvolle Projekte investieren, die das Leben auf dieser Erde für die Ärmsten erträglicher machen. Ich bin da nicht hilflos.
Und es hängt so viel davon ab, dass ich das eine vom anderen unterscheide. Oft können wir genau das nicht. Wir mühen wir uns ab, wo wir eigentlich nichts tun können, sondern beten sollten. Und wir tun oft genug nicht, was wir tun könnten. Wir sagen dann: Da kannste nix machen. Stimmt das? Kann ich nichts machen in einer verfahrenen Beziehung? Oder müsste ich nur meinen Stolz fahren lassen und die Hand ausstrecken? Kann ich nichts machen gegen den Abbau der Uni? Oder müsste ich meine Phantasie einsetzen und mich am Widerstand beteiligen? Kann ich nichts machen gegen die Armut? Oder müsste ich sagen: Ich kann gewiss nicht die Armut auf der Erde wegarbeiten. Aber ich kann mit anderen zusammen an einer Stelle etwas mit meiner Kraft und meinen Mitteln bewirken – und so schon einen Unterschied machen.
Die Anonymen Alkoholiker sprechen vor jedem Treffen ein kurzes Gebet, das die Sache auf den Punkt bringt: „Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
Die dritte Sphäre ist schließlich unsere Schwerpunktsphäre. Das ist der Bereich, wo unser Herz am heftigsten schlägt. Das ist der Sektor, in dem wir arbeiten und doch nicht müde werden, wo wir uns mit Lust verausgaben und dann sagen: Das ist herrlich, genau dafür bin ich geschaffen. Das ist oft nicht etwas, was wir nur für uns selbst tun. Es ist auch oft nicht das, womit wir unser Geld verdienen. In einer Gemeinde in Amerika sitzt ein älterer Mann und liest in der Kinderbetreuung einem Kind eine Geschichte vor. Als er fertig ist, ist die Mutter noch nicht da, um das Kind abzuholen, und das Kind ruft, was alle Kinder rufen: Noch mal! Und der alte Mann liest die lange Geschichte noch einmal. Die Mutter scheint immer noch nicht da zu sein. Der alte Mann liest die Geschichte zum dritten Mal. Er wird allmählich unruhig, liest aber weiter. Irgendwann merkt er, dass die Mutter in den Raum kommt und still zuschaut. Als er fertig ist, sagt sie: Entschuldigen Sie bitte, ich habe Sie die ganze Zeit beobachtet. Ich konnte Sie nicht unterbrechen. Sie sind der erste Mann, der meiner Tochter wieder etwas vorliest, seit mein Mann vor zwei Jahren gestorben ist. Ich bin davon überzeugt, dass dieser alte Kindergottesdiensthelfer nicht nur einem Kind Freude geschenkt hat, sondern an diesem Tag auch gewusst hat: Das ist jeden Einsatz wert. Das ist es, wofür ich da sein möchte. Da kannste was machen!
Ich will Ihnen heute Abend die Geschichte eines jungen Mannes erzählen, eine Geschichte, die die Menschen so berührt hat, dass sie in die Sammlung der großen Erzählungen aufgenommen wurde, die heilige Schrift, unsere Bibel.
Er heißt: Josef. Er ist der begabte Sohn des reichen Viehzüchters Jakob. Er hat hochfliegende Träume. Und weil er der Liebling seiner stolzen Eltern ist, wird er von seinen Brüdern von Herzen verachtet, beneidet und gehasst. Eines Tages verprügeln sie ihn, werfen ihn in ein Loch und verkaufen ihn als Sklaven nach Ägypten. Dort wird er der Haussklave Potifars, eines reichen Mannes. Alle Träume scheinen ausgeträumt. Und er kann nichts daran ändern, er verfügt nicht mehr über sich. Bei alledem scheint er zunächst Glück zu haben, denn die Familie, der er dient, mag ihn. Sie merkt schnell, dass Josef ein ungewöhnlich begabter junger Mann ist. Aber dieses Glück hält nicht lange. Die Frau seines Chefs Potifar wirft ein Auge auf ihn. Na ja, um es klarer zu sagen: Sie will mit ihm ins Bett – und zwar sofort. Josef bleibt standhaft, wehrt und weigert sich. Wir wissen nicht, wie die gute Frau aussah. Vielleicht sah sie ja aus wie das fette Monster Jabba The Hut aus dem „Krieg der Sterne“, krötenartig und abstoßend. Das würde ein neues Licht auf Josefs Flucht werfen. Vielleicht sah sie aber auch aus wie Jennifer Lopez. Josef jedenfalls bleibt standhaft, er läuft weg, als die Frau anfängt, an seinem Gewand zu zerren und ziehen. Er flieht – nackt. Da dreht die Frau den Spieß um und schreit, Josef habe versucht, sie zu vergewaltigen, sie habe sich gewehrt, protestiert, aber er habe nicht nachgegeben. Es kommt, wie es kommen muss: Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, aber Potiphar, glaubt seiner Frau und Josef landet im Gefängnis. Wieder mal: Alles schief gegangen.
Nun hätte Josef alle Gründe der Welt gehabt, sich selbst zu bedauern und zu bemitleiden. Ging es noch tiefer? Hätte er sein Leben noch übler vor die Wand fahren können? Was könnte jetzt noch kommen? Er hätte alle Gründe der Welt gehabt, sich einen Dreck um die anderen Gefangenen im königlichen Untersuchungsgefängnis zu scheren und stattdessen im Selbstmitleid baden können. Da kann man nichts machen, die Verhältnisse sind so. Aus meinem Leben wird wohl nichts Rechtes mehr werden. Dass ich einmal gelebt habe, wird bald niemanden mehr kümmern. Kennen Sie das, dieses schwere Gefühl: Da kommt nichts mehr! Das bleibt so! Ich bedeute nichts! Niemand wird mich vermissen! Mein kleines Dasein wird keine Spuren hinterlassen, überhaupt keine Spuren!
Die Geschichte aber geht anders weiter. Dieser reich begabte, aber etwas arrogante junge Mann findet im Knast zu seiner Berufung. Manchmal zeigt sich erst im Sturm, was in einem Menschen steckt. Wir hören, dass er sich nützlich macht, bis der Verwaltungsdirektor ihn, den Häftling, zu seinem Assistenten macht. Wir hören, dass er sich um seine Mitgefangenen kümmert. Er kümmert sich um das Essen, sorgt sich um die Wäsche, macht Termine mit den Anwälten und organisiert die Fußballspiele der ägyptischen Knastbrüder gegen ihre deutschen Freunde von Borussia Dortmund. Wir hören, dass er sich die Sorgen seiner Mithäftlinge anhört. Er gewinnt ihr Vertrauen, so dass sie ihm alles anvertrauen, selbst ihre Träume. Und er entdeckt Gaben, von denen er selbst zuvor keine Ahnung hatte. Wozu auch: In seinem früheren Leben als Sohn reicher Eltern gab es für all das keine Verwendung. Aber jetzt, hier, im Knast, war das alles nötig. Eine besondere Gabe des Häftlings Josef ist es, Träume zu deuten. Er kann die Botschaften aus den Träumen herauslesen. Daran erinnert sich einer seiner Mithäftlinge, der wieder frei kommt, während Josef noch im Knast sitzt. Der ägyptische König litt nämlich in jenen Tagen unter seltsamen Träumen. Träumen, die er nicht deuten konnte. Sieben fette Kühe stiegen aus dem Nil, wohlgenährt, gesund und rund. Dann aber stiegen direkt dahinter sieben klapperdürre Kühe aus dem Fluß, dem Verhungern nahe. Der König rätselt, was das wohl bedeuten könnte. Da kommt nun Josef wieder ins Spiel. Man holt ihn aus dem Knast und der König erzählt ihm, was er geträumt hat. Josef weiß es: Sieben gute Jahre werden kommen und danach sieben ganz schlimme, wirtschaftlich katastrophale Jahre. Du musst heute vorsorgen und Vorräte anlegen, damit dein Volk die Hungerjahre übersteht. Der König ist beeindruckt. Josef kommt aus dem Knast und wird Landwirtschaftsminister in Ägypten. In den sieben fetten Jahren legt er Speicher an, und in den sieben mageren Jahren verteilt er Lebensmittel an das hungernde Volk.
Ich stelle mir vor, wie Josef am Ende seines Lebens im Schaukelstuhl auf der Terrasse sitzt und sich zwei Fragen stellt:
Erstens: Hätte ich es mir anders gewünscht? Hätte mein Leben anders verlaufen sollen? Und im Rückblick merkt Josef: Nur weil es so kam, mit allen Härten und Nöten, bin ich zu dem geworden, der ich bin. Ich musste tief hinunter in den Knast, damit ich mein Potenzial entdecken und ausschöpfen konnte. Es war Gottes Hand, die meine Geschichte schrieb, Gottes Hand, die mich in den Knast brachte, und Gottes Hand, die mein Leben so reich und fruchtbar gemacht hat. Ich musste in die dunkelsten Löcher hinab, aber erst da ist mir Gott begegnet. Der ägyptische Knast war das Beste, was mir in meinem Leben passieren konnte. Gott ist ein Gott, der in die Löcher hinabsteigt. Bist du gerade tief im dunklen Loch, dann lass dir sagen: Dann ist Gott dir nicht ferne. Er liebt es, sich in die dunklen Löcher zu begeben.
Und zweitens: War es all den Kampf und all die Arbeit wert? Hätte ich es nicht bequemer können, zu Hause am Pool, beim Schnorcheln im Meer? Aber da muss er selbst lachen. Er hat erst im Knast gelernt, was alles in ihm steckt. Oh nein, es ist nicht wahr, dass wir nichts bewegen können. Ein Häftling im Knast, ein ganz kleines Licht, kann einen Unterschied ausmachen. Nein, mein Leben wird nicht spurlos verlöschen. Ich habe mit dem, was Gott mir anvertraut hat, gewuchert. Wenn ich zu Gott heimkehre, verlasse ich die Erde, aber ich habe Spuren hinterlassen. Ich habe ein bisschen dazu beigetragen, dass Menschen Gottes Liebe kennen lernen konnten, seine Fürsorge und Zuneigung.
Was passiert eigentlich, wenn wir es mit Gott zu tun bekommen? Vielleicht denkt mancher hier: Gott, das ist etwas für die, die nicht mehr können, Gott ist eine Art Erste-Hilfe für Liegengebliebene, ein himmlischer Pannendienst. Die Botschaft lautet dann: Du brauchst Gott. Und tatsächlich können viele Menschen erzählen, dass Gott ihnen aus großer Not herausgeholfen hat. Aber heute möchten wir gerne einen anderen Aspekt beleuchten: Gott ist derjenige, der uns begabt und beschenkt hat. Er ist es, der uns zu den Menschen macht, die wir werden sollen. Versteht Ihr den Unterschied? Es geht um die Frage, ob wir eigentlich die Menschen sind, die wir hätten werden könnten? Sind Sie schon der Mensch, der Sie hätten werden können? Haben Sie schon das Potenzial ausgereizt, das ein liebevoller und phantasievoller Schöpfer in Ihr Leben investiert hat? Sagen Sie schon: Ich kann nicht alles, aber manches machen, weil mich Gott begabt hat?
Josef erfuhr die Wahrheit über sich im Gefängnis. Gott redete in der Tiefe mit ihm, ganz zärtlich und ganz wahrhaftig: Du bist noch lange nicht, was du sein könntest. Du bist hochbegabt und ziemlich eingebildet. Und wenn es nicht so läuft, bist du beleidigt und triefst von Selbstmitleid. Deine Visionen, lieber Josef, sind viel zu klein. Du bist auf deine kleinen Ziele ausgerichtet, auf Vergnügen und Gewinn. Ich habe eine viel größere Vision für dich. Ich möchte große Dinge mit dir veranstalten, dein Leben soll für viele andere bedeutsam werden, du sollst wirklich Spuren hinterlassen. Aber noch bist du nicht der Mensch, der du werden könntest. Vertrau dich mir an und du wirst Abenteuer erleben.
Das ist Gottes Art: Er hat uns mit Gaben ausgestattet, jeden von uns. Er hat sich genau überlegt, was er Ihnen mit auf den Weg gibt. Er hatte dabei eine doppelte Absicht: Zum einen wollte er Sie damit beschenken und beglücken. Zum anderen wollte er mit Ihrer Gabe der Welt etwas schenken, was sie unbedingt braucht. Das was Sie können, wird dringend gebraucht, damit es etwas besser, etwas gesünder und heiler zugeht. Ihre Gabe ist ein Mosaikstein zu dem wunderschönen Mosaik, das Gottes Schöpfung darstellt. Und das möchte Gott Ihnen heute Abend sagen:
Wenn Du Dich mir anvertraust, kommt deine Begabung zum Leuchten. An irgendeiner Stelle wirst du etwas zum Besseren verändern. Und das wird anderen gut tun, aber es wird auch dir selbst gut tun. Du wirst mit jeder Faser spüren: Dafür wurde ich geschaffen. Verstehen Sie, Gott will Ihnen nicht nur da begegnen, wo Sie schwach sind, er will Ihnen gerade da begegnen, wo Sie stark sind und Ihr Leben zum Blühen bringen.
Ich möchte zum Schluss von Gwen erzählen. Gwen ist eine ältere Dame aus London. Sie ist genauso wie wir uns ältere Damen in London vorstellen: hochhackige Schuhe, bonbonfarbene Kleider. Aber Gwen hört, wie ein Prediger in ihrer Kirche eine Frage stellt: Es werden sieben Gemeinden gesucht, die den Winter hindurch jeweils für einen festen Tag in der Woche ihre Kirche nachts für Obdachlose öffnen. Gwen fängt an, sich Gedanken zu machen. Bisher ist sie an den Obdachlosen vorbeigewandert und hat sich gedacht: Da kann man eh nichts machen. Solche Schicksale gibt es eben. Aber jetzt tut sich etwas, und Gwen fängt an, in ihrer kleinen Gemeinde den Winterdienst zu organisieren. Sie fragt ihren Nachbarn: Könntest Du mir nicht immer donnerstags die Zeitung abends geben? Ich brauche sie in der Kirche. Das Fernsehprogramm kannst du ruhig ausschneiden, aber bitte füll das Kreuzworträtsel nicht aus, unsere Gäste tun das so gern. Und ihre Freundin Betty bittet sie: Könntest du nicht jede Woche einen Satz Bettwäsche für mich waschen und bügeln? Und Ihre Nachbarin Doreen bittet sie: Du, ich brauche am Donnerstag einen Auflauf, aber einen ziemlich großen für die Menschen in unserer Kirche. Und nach einiger Zeit sagt George, ihr Nachbar, er wolle jetzt lieber die Zeitung selbst zur Kirche bringen, und plötzlich verteilt er abends die Suppe. Und am Weihnachtsabend sitzen Zeitungs-George, Bügelbrett-Betty und Auflauf-Doreen mit Gwen in der Kirche, und sie singen Weihnachtslieder mit den Obdachlosen, und sie unterhalten sich mit ihnen und lernen ihre Geschichten kennen. Und Betty sagt: Immer wenn ich die Wäsche bügele, dann bete ich für den Menschen, der darin schlafen wird. Und einige Zeit später laden sie ihren Abgeordneten im Unterhaus aus und machen ihm ein paar Vorschläge, wie das Leben der Obdachlosen sicherer und menschlicher werden könnte. Und all diese etwas ältlichen Londoner sagen: Wir wissen, dass wir etwas tun können. Wir haben eine ganz neue Nähe zu Gott gefunden. Und wir sind erfüllt davon, dass unser Leben etwas bedeutet in dieser Stadt.
Darum geht es uns heute: Jeder von uns kann Spuren hinterlassen in dieser Stadt. Unser GreifBar-Projekt will eine Gemeinde sein, die Menschen Chancen bietet, ihr Leben Gott anzuvertrauen. Und das heißt auch: Gottes Gaben zu entdecken und bis zum Rand auszureizen. Vielleicht in unserem Projekt selbst, in der Arbeit mit Kindern oder in unserem Bistro oder in der Band. In diesem Raum sitzen lauter begabte Menschen, mit denen Gott etwas Neues in Greifswald anfangen will: vielleicht Alte besuchen und etwas Freude in ihr Leben bringen, vielleicht Kinder betreuen, deren Eltern den ganzen Tag arbeiten müssen, vielleicht in einem Chor singen, der anderen Freude bringt, vielleicht bei der Greifswalder Tafel helfen, die den Armen Lebensmittel bringt, vielleicht eine Kinderarbeit in unseren Plattenbausiedlungen anfangen. Gott hat Sie begabt und bittet um Zutritt zu Ihrem Herzen, er will Sie zu dem Menschen machen, der Sie sein könnten, er will Sie mit größeren Visionen beschenken und er will durch Sie wie durch Josef Spuren seiner Liebe in dieser Welt hinterlassen.
Wir werden Ihnen am Ausgang einen Hufnagel schenken. Manchmal haben wir gute Gedanken und es wird uns etwas deutlich, was wir tun sollten. Und wir tun es dann doch nicht. Wir müssten aber Nägel mit Köpfen machen. Vielleicht mit Gott über unser Leben sprechen. Vielleicht aufhören, so resigniert zu sein und zu sagen, dass wir eh nichts machen können. Vielleicht über unsere Gaben nachdenken. Vielleicht Mitgefühl zu zeigen für etwas, das nichts mit unseren Wünschen zu tun hat. Vielleicht anfangen etwas zu tun. Nehmen Sie den Nagel mit und denken Sie weiter darüber nach, wo Sie „Nägel mit Köpfen“ machen müssten. Da kannste was machen. Ganz gewiss – oder: Amen.
Michael Herbst
