Früher war alles besser
Es ist mittlerweile 20 Jahre her. Ich war neunte Klasse. Mit sechs, sieben Jungs stand ich auf dem Schulhof im Kreis. Wir waren die Großen und benahmen uns so. Doch plötzlich passierte etwas Unerhörtes. Zwei Jungs – vielleicht aus der vierten Klasse, also wirkliche Knirpse – zielten mit dem Regenschirm auf meinen Rücken, nahmen Anlauf und rammten mich mit ganzer Kraft. Sie lachten und rannten weg. Ich konnte es nicht fassen. Ich weiß noch wie ich ehrlich empört gesagt habe: „So etwas gab es zu unserer Zeit nicht.“ Damals, vor zwanzig Jahren hatte ich zum ersten Mal den Gedanken ausgesprochen: „Früher war alles besser.“
Mit dieser Erkenntnis war ich in bester Gesellschaft. Schon der alte Sokrates (470-399 v.Chr.) klagte: „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ Das hat der vor zweieinhalbtausend Jahren gesagt. Früher war alles besser!
Robert Lemke, Fernsehmoderator und Journalist, der 1989 gestorben ist, hat einmal scharfsinnig festgestellt: „Das Geschrei nach der guten alten Zeit ist nur ein Geschrei nach der eigenen Jugend.“ Da ist was dran.
Und trotzdem: Es gibt ernste Gründe, die den Satz wahr machen, dass es früher besser war. Ich höre da aus der Umfrage, die wir gerade gesehen haben, echte Nöte heraus. Wie hatte jemand gesagt? „Ja, auf jeden Fall. Wenn man Arbeit hat, ist es besser.“ Ja, ich habe das gerade miterlebt, wie ein guter Bekannter seine Arbeit verloren hat. Und wie er in eine kleinere Wohnung ziehen musste, weil er Angst hatte, dass er die andere im kommenden Jahr nicht mehr bezahlen kann. Das ist wirklich eine Not.
Oder, was ist mit der Frau, die still zu sich sagt: „Ja, früher, da lebte mein Mann noch.“ Oder: „Ja, früher, da war unsere Beziehung noch heil.“
Das sind wirkliche Nöte, handfeste Gründe dieser These zuzustimmen: Früher war alles besser.
Not lehrt eben nicht automatisch beten. Not lässt manchmal auch mein Herz stehen bleiben. Sie kennen das, wenn einem vor Schreck das Herz stehen bleibt. Das sagt man so. Aber manchmal bleibt das Herz wirklich stehen, obwohl es weiter schlägt. Es bleibt in der Vergangenheit stehen. „Da komme ich nicht drüber weg!“ Es gibt Brüche in einem Leben, über die man nicht so leicht hinweg kommt.
Ich habe den Eindruck, dass für viele Leute in unserem Land die Wende bzw. die ersten Jahre danach so ein Bruch waren. Viele sind noch nicht darüber hinweg gekommen. Zu viel ist zerbrochen. Ein Lebensgefühl. Eine Sicherheit. Vielleicht der Arbeitsplatz. Vielleicht auch eine feste Überzeugung. Mir sagte neulich jemand: „Ich habe fest daran geglaubt, dass der Sozialismus etwas Gutes ist. Heute glaube ich an nichts mehr.“ Die Wendezeit ist in vielen Biographien ein wirklicher Bruch. Und mein Eindruck ist, dass viele Herzen noch vor diesem Bruch stehen und einfach nicht drüber weg wollen.
Für andere ist es vielleicht ein Todesfall, der wie ein Bruch im Lebenslauf ist. Für wieder andere ist es eine zerbrochene Beziehung. Und das Herz will einfach nicht drüber weg. Es ist in der Vergangenheit geblieben.
„Man darf nicht in der Vergangenheit stehen bleiben, man muss nach vorne schauen.“ So ungefährt hatte es eine Frau in der Umfrage gesagt. Ja. Aber wie soll das gelingen?
So ist das eben. Not lehrt nicht automatisch beten. Not lässt manchmal mein Herz stehen bleiben.
Sie merken, das Thema ist wie ein dickes Knäuel, es gibt ganz viele Fäden, die darin zusammen kommen. Ich will einmal einen anderen Faden aufgreifen.
Ich erinnere mich an ein Gespräch. Da erzählte mir jemand von seinem Lehrlingswohnheim. Sie waren zu viert auf dem Zimmer. Und manche Abende hätten sie in den Betten gelegen und jeder hätte erzählt, was er schon mal erlebt hat. Nur einer, der hätte nie etwas gesagt. „Angeblich, weil er nichts zu erzählen wusste. Das ist doch komisch! Der muss doch irgendwas erlebt haben.“ Stimmt.
Vielleicht täusche ich mich, aber ich habe den Eindruck, dass wir einander viel zu wenig unsere Geschichten erzählen. Wer kennt schon die Lebensgeschichte seiner Nachbarn aus ihrem eigenen Mund? Mich würde es interessieren, wie mein Staatsbürgerkundelehrer von damals mir heute seine Lebensgeschichte erzählt. Ich sage das ohne bösen Zungenschlag.
Wie würden Sie mir ihre Lebensgeschichte erzählen? Ich könnte Ihnen meine erzählen. Was wären das für spannende Gespräche!
Wissen Sie, ich glaube, erst wer seine Geschichte, seine Lebensgeschichte, erzählen kann, hat sie wirklich erlebt.
Die Bibel fordert immer wieder dazu auf, zu erzählen, was wir erleben. Genau genommen fordert sie dazu auf, von Gottes Taten zu erzählen, die wir erleben. Doch dazu komme ich später.
Ich glaube, es ist sehr wichtig, die Lebensgeschichte zu erzählen. Wenn ich anderen oder vielleicht mir selbst meine Geschichte erzähle, dann deute ich sie nämlich. Ich beginne, sie zu verarbeiten. Dann bin ich dabei, wirklich Erlebnisse zu erzählen.
Und damit sind wir zurück beim ersten Faden. Wenn ich anfange, mein Leben zu erzählen, dann schlage ich Schneisen durch meinen Lebenslauf. Ich trete Pfade und gebe meinem Herzen damit die Möglichkeit nachzukommen.
Ich nehme einen dritten Faden auf.
Ziemlich am Anfang der Bibel – im 2. Buch Mose – wird von den Anfängen des Volkes Israel erzählt. Sie haben vielleicht den Trickfilm „Der Prinz von Ägypten“ gesehen. Das Volk Israel lebte in Ägypten und hatte dort Frondienst zu leisten. Der Druck vom Pharao war enorm. Staatliche Gewaltübergriffe und Arbeitslager gehörten ebenso dazu wie die Zwangsregulierung der Geburten. Es war nicht mehr zu ertragen. Das Volk stöhnte unter dem staatlichen Druck. Die Atmosphäre brodelte.
Und dann passierte es. Die Bibel erzählt, dass Gott Israel befreite. Unter Mose flieht das Volk aus Ägypten. Durch wirkliche Wunder, entkommen die Israeliten dem Pharao. Das Tor in die Freiheit ist offen.
Anderthalb Monate später wird folgende Geschichte erzählt. Das Volk war in der Wüste Sin angekommen. Vielleicht waren Sie schon einmal in der Wüste. Dann haben Sie mit eigenen Augen sehen können, dass in der Wüste nicht viel zu machen ist. Wasser ist rar. Auch mit dem Essen sieht es nicht gerade rosig aus. Da ist nichts mit saftigen Beeren oder mal einem Apfel zwischendurch.
Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln wurde also knapp. Die Stimmung sank. Und zwar bis auf den Nullpunkt. Und dann brach der Protest los. Eine Demonstration entsteht.
„Hätte Gott uns doch getötet, als wir in Ägypten waren!“ sagen die Leute. „Dort saßen wir vor vollen Fleischtöpfen und konnten uns an Brot satt essen. Aber ihr – rufen sie Mose zu – habt uns in diese Wüste geführt und wollt nun die ganze Gemeinde verhungern lassen!“
Ganz klassisch: Wer ist schuld? Die da oben! Ihr wollt doch nur, dass wir in dieser Wüste verhungern! Verschwörungstheorien. Da erzählen Menschen ihre Geschichte, als ob es gar nicht ihre wäre. Fremdbestimmt. Ich kann nichts dafür. Ihr habt uns in diese Wüste geführt. Das kenne ich.
Und ebenso klassisch: die Vergangenheit wird plötzlich rosig. Die vollen Fleischtöpfe Ägyptens! Nach anderthalb Monaten (!) haben die Leute so geredet. Es geht so schnell, dass man vergisst wie voll die Fleischtöpfe wirklich waren und welchen Preis sie hatten.
Not lässt das Herz manchmal stehen bleiben. Es ist nicht mit in die Wüste gekommen. Es hängt in der Vergangenheit.
Und dann erzählt die Bibel etwas Überraschendes. Gott mischt sich ein. Kein Beschwerdebrief vom Gewerkschaftsbund. Keine Krisensitzung mit Mose bewegt Gott zum Handeln. Gott mischt sich ein, bevor irgendwer auf den Gedanken kam, ihn darum zu bitten.
Gott beschließt ein Sonderversorgungs-programm für das Volk. Den Kennern ist es bis heute als Manna bekannt. Jeden Tag, sagt Gott, sollen die Leute Nahrung sammeln können. Brot vom Himmel. Dieses Brot reicht für alle. Und es hält sich nur einen Tag. Gott beschließt also keine Lebensversicherung für jeden. Er beschließt Sicherheit für jeweils einen Tag.
Er tut das nicht ohne Grund. Diese Art von Versorgung ist eine Art Vertrauenstraining. Im zweiten Buch Mose heißt es: „Ich will sehen, ob sie nach meiner Weisung leben oder nicht.“
Wissen Sie, diese Geschichte erzählt sehr viel über Gott. Und wie er mit unseren Nöten umgeht.
Zuerst dies: Es gibt Zeiten, in denen wir wirklich Not durchleiden. Die Bibel spielt unsere Not nicht herunter. Im Gegenteil. Sie erzählt, dass Gott sehr aufmerksam auf Ihre Not achtet. Noch bevor Sie überhaupt an Gott denken, ist Gott mit seinem Herzen schon bei Ihnen.
Vielleicht haben Sie Ihre Sorgen noch nie mit Gott in Verbindung gebracht. Das mag sein. Gott allerdings hat Sie schon längst im Sinn.
Und das ist das zweite: Gott hat ein Sonderversorgungsprogramm für uns bereit. Es geht nicht um eine Lebensversicherung. Manche denken ja, wenn es Gott gibt, dann müsste ich jung, reich und schön sein. Aus dem Erleben Israels lernen wir vielmehr, dass Gott Nahrung für jeweils einen Tag schenkt.
Wenn Sie Gott vertrauen, werden sie keine Garantie auf eine lebenslange Anstellung bekommen. Aber was Gott verspricht ist: Du wirst heute genug zum Leben haben. Wirklich genug. Vielleicht kennen Sie das Vaterunser. Da heißt es: Unser tägliches Brot gib uns heute.
Ist das nicht etwas knauserig von Gott? Nein, das ist das dritte, was wir aus dem Erleben Israels lernen: Gott will uns in ein Vertrauenstraining nehmen. Das scheint ihm wichtiger für unser Leben, als eine Lebensversicherung: dass wir lernen, auf Gott zu vertrauen.
Als ich vierzehn Jahre alt war habe ich mich entschlossen, nicht in die FDJ einzutreten. Das bedeutete damals fast mit Sicherheit, dass ich nicht studieren können würde. Es gab keinen Plan B. Zumindest wusste ich ihn nicht. Für mich war die Entscheidung damals ein Schritt im Vertrauenstraining. Letztendlich ist mir diese Trainingserfahrung heute wertvoller als die Tatsache, dass ich etliche Jahre später doch noch studieren konnte.
Wie wäre das für Sie? Wie wäre es, wenn Sie heute abend ins Vertrauenstraining einsteigen? Gott hat versprochen, dass er Sie täglich versorgt. Er denkt schon lange an Sie, noch bevor Sie das erste Mal an ihn dachten.
Noch etwas Überraschendes passiert in der Geschichte mit Israel und ihrem Ruf nach den vollen Fleischtöpfen Ägyptens.
Mose tritt vor die demonstrierenden Leute. Und er erzählt ihre Geschichte neu. Er bringt Gott ins Spiel. „Heute abend sollt ihr erkennen, dass der Herr es war, der euch aus Ägypten herausgeführt hat.“ Nicht die Mächtigen, nicht die Gesellschaft. Gott bestimmt Ihren Lebensweg. Auch das können wir aus dieser Geschichte über Gott lernen.
Mose bringt Gott ins Spiel. Und er bietet dem Volk an, ihre Lebensgeschichte neu zu erzählen. Gott hat uns aus Ägypten herausgeführt. Und weil das so ist, ist er auch hier in der Wüste bei uns. Und Er wird auch mit uns in eine Zukunft gehen.
Ist es für Sie denkbar, Ihre Geschichte in diesem Sinne neu zu erzählen? Da erzählt einer: „Ich habe plötzlich entdeckt dass ich auf der Flucht war. Auf der Flucht vor mir. Und auf der Flucht vor Gott. Ich wollte nichts mit Gott zu tun haben. Und trotzdem hat er mir immer wieder Leute über den Weg geschickt, die mich an ihn erinnert haben.“ Da erzählt einer sein Leben neu. Er muss ich nichts schönreden. Fehler können Fehler bleiben. Weil da einer entdeckt, dass Gott nach mir gesucht hat, obwohl ich so gelebt habe, wie er es gerade nicht will.
Wenn Gott in unsere Lebensgeschichte kommt, dann wird auch unsere Gegenwart mit Gott gefüllt. Dann ist das, was ich erlebe nicht mehr einfach nur ein Zufall, der mir das Leben versauern will.
Wir waren zu Hause sechs Kinder. Da galt man zu DDR-Zeiten als assozial. Meine Eltern haben das so gemacht, dass nur mein Vater Geld verdient hat. Sie können sich vorstellen, dass es manchmal sehr eng war. Da durfte nichts schief gehen. Und doch haben meine Eltern ihre Lebensgeschichte nie als eine Geschichte der Widerwärtigkeiten erzählt. Nicht der Mangel, nicht der bösartige Zufall hatte diese Geschichte geschrieben. Sie haben ihre Lebensgeschichte immer so erzählt, dass Gott sie versorgt hat. Sie haben sogar von dem wenigen Geld, was sie hatten noch einen Teil gespendet, weil sie sagten: „Was wir haben, haben wir von Gott. Also geben wir davon auch anderen ab.“ Und als Kinder haben wir das gemerkt. Wir haben erlebt, dass wir immer genug hatten.
Eine kleine Nebensächlichkeit bringt die Sache für mich auf den Punkt. Wir hatten einen alten Gasdurchlauferhitzer. Das Ding donnerte mächtig, wenn es in Betrieb kam. Und man hatte Angst, es fällt jeden Moment auseinander. Meine Mutter hatte irgendwann einen Aufkleber auf dieses Teil geklebt: Jesus macht alles heil.
Wenn ich mein Leben mit Gott erzählen kann, weil ich sein Sonderversorgungsprogramm in meinem Leben entdeckt habe, dann sieht auch die Gegenwart anders aus. Dann gibt es Zukunft. Auch wenn ich sie vielleicht noch nicht sehen kann.
Wie wäre es? Wie wäre es, wenn Sie heute abend beginnen, in Ihrer Lebensgeschichte Gottes Spuren zu entdecken. Sie werden Ihr Leben neu erzählen, weil Gott schon in ihrem Leben war, bevor Sie überhaupt das erste Mal an ihn dachten.
Dabei segne Sie Gott. Und: erzählen Sie doch bei Gelegenheit davon.
So soll es sein, oder: Amen.
Thorsten Kiefer
