2007
GreifBar
Michael Herbst
GREIFBAR-PLUS-GOTTESDIENST 20.5.07
Es geht heute darum, ein Christsein der „Verwaisten“ zu unterscheiden von einem Christsein des „Parakleten“. Ich will den Hörern Mut machen, das Leben in der Nähe Jesu als Leben mit dem Geist Gottes zu empfangen, einzuüben und sich davon neu prägen zu lassen.
PREDIGTTEXT: JOHANNES 14,15-19
Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.
EINLEITUNG: DIE UNFAIRE PRÜFUNG
Liebe Gemeinde,
Prüfungen können es in sich haben. Das weiß jeder, der gerade im Abitur steckt oder eine Prüfung im Studium vor sich hat oder das alles als Vater, Mutter, Freund oder Schwester, also als „Ko-abhängiger“ durchleidet.
Einem Collegestudenten soll es dabei besonders schlecht ergangen sein. Ein Semester hat er sich auf die mündliche Prüfung in Biologie vorberei-tet. Fachgebiet: Ornithologie, Vogelkunde. Er hat alles getan, um die Prüfung zu bestehen. Endlich: Der Tag kommt herbei, die Prüfer sind gekommen, er betritt den Prüfungsraum – und ist fassungslos. Kein Buch, keine Multiple-Choice-Fragen, überhaupt keine Fragen, keine farbigen Photos von Vögeln. Stattdessen hängen an der Wand 25 Abbildungen von Vogelfüssen. Er soll die Vögel an Hand ihrer Füße identifizieren. Das ist unfair, sagt er zu dem Prüfer, das ist nicht zu schaffen. Es muss zu schaffen sein, sagt der Prüfer, schließlich ist es eine Abschlussprüfung. Nein, sagt der Student, ich weigere mich, ich gehe. Wenn Sie gehen, sind Sie durch die Prüfung gefallen. Gut, dann lassen Sie mich eben durchfallen, sagt der Student und geht zur Tür. O.k., sagt der Prüfer, Sie sind durchgefallen. Wie heißen Sie? Daraufhin rollt der Student die Hosenbeine hoch, zieht die Schuhe und Strümpfe aus und zeigt dem Professor seine Füße: Das sagen Sie mir!
ÜBERLEITUNG: DIE „PRÜFUNG“ DER JÜNGER
Also: Prüfungen können es in sich haben. Johannes berichtet in seinem Lebensbild von Jesus ausführlich von einer Prüfung, der sich die Jünger unterziehen mussten. Mit ihnen spricht erzählt ihnen nämlich so aus-führlich wie in keiner anderen Jesusbiographie von seinem Abschied. Ihre Prüfung ist der Abschied von Jesus. 5 lange Kapitel, zwischen dem 13. und dem 17. Kapitel des Johannesevangeliums, ist davon die Rede. Wir nennen sie darum die Abschiedsreden.
Worum geht es? Ich werde Euch bald verlassen, sagt Jesus. Noch eine kurze Zeit, und ich werde mich hier nicht mehr sehen lassen. Mein Weg geht zurück, dahin, wo ich hergekommen bin. Ich werde Euch verlassen, weil ich „erhöht“ werde. Erhöht ans Kreuz, aber dann auch erhöht zum Vater im Himmel. Denn ich verlasse die Welt, und ich kehre zurück zu Gott. Eine kleine Weile noch, sagt er, und dann werdet ihr mich nicht mehr sehen.
Jesus spricht mit seinen engsten Mitarbeitern und Anhängern über die-sen Abschied. Können wir nicht mit, wir sind doch immer mitgegangen, wenn Du irgendwo hingereist bist. Nein, sagt Jesus, noch könnt Ihr mir nicht folgen. Was sollen wir denn ohne dich anfangen, fragen die Jünger. Ihr werdet meine Arbeit in der Welt fortsetzen, sagt Jesus. Das wird doch schwer, so ohne dich. Wir fühlen uns dem nicht gewachsen. Haltet Euch an das, was ich Euch beigebracht habe, sagt Jesus. Aber die Menschen werden uns nicht sympathischer finden als Dich! Nein, sagt Jesus, und das wird schwer, denn Eure Beliebtheit bei den Leuten wird nicht wachsen. Sie werden Euch nicht mögen, weil Ihr Euch zu mir haltet. Aber Du sendest uns trotzdem los, in diese Verhältnisse hinein? Ja, sagt Jesus, das tue ich. Ich beauftrage Euch, Euch nicht zurückzuziehen. Ich beauftrage Euch, fortzusetzen, was ich begonnen habe. Aber wie sollen wir das machen? Schau uns doch mal an, wen Du da vor Dir hast! Mit uns ist doch kein Staat zu machen. Wir sind wenige, wir sind nicht besonders standhaft, uns geht das Geld aus, wir fürchten uns, und wir sind es überhaupt nicht gewohnt, etwas ohne Dich zu tun. Das schaffen wir nicht!
Es muss den Jüngern vorkommen wie eine unfaire Prüfung. Wie sollen wir klar kommen ohne ihn? Wie soll es weitergehen?
Freilich, warum sollte uns das interessieren? Wir werden Zeugen einer Abschiedsszene. Wir merken, dass die Jünger sich überfordert fühlen. O.k. – Schön, dann wissen wir das also. Aber ist das spannender als der Blick auf die Seelenlage von Fußballprofis, die gerade aus der Ersten Liga abgestiegen sind? Was geht es uns noch an?
Ich möchte erstens darüber sprechen, was ein „verwaistes Christsein“ wäre, zweitens klären, auf welche Weise Jesus bei seinen Jüngern anwe-send ist, drittens zeigen, dass das ein ziemlich schwer zu verdauender Gedanke ist, und viertens Hinweise geben, wie wir uns an die neue Ge-genwart Gottes gewöhnen können.
ERSTENS: „VERWAISTE CHRISTEN“ ODER EIN „LEBEN MIT DEM ANDEREN TRÖSTER“?
Ich finde diese Abschiedsworte Jesu deshalb so spannend, weil sie zwei mögliche Weisen beschreiben, wie ich mich als Christ verstehen kann, ja, wie ich als Christ leben kann. Ich nenne es das „verwaiste Christsein“ vs. das „Leben mit dem anderen Tröster“.
Jesus reagiert nämlich auf die überforderten Jünger. Er sagt: Genau das soll nicht passieren. Ich lasse Euch nicht im Stich. Ich werde Euch nicht allein lassen. Aber wie soll das gehen? Du sagst, dass Du gehst, und gleichzeitig sagst Du, dass Du uns nicht im Stich lässt. Wie soll das ge-hen?
Darauf antwortet Jesus doppelt: einmal negativ und einmal positiv. Ne-gativ: Ich lasse Euch nicht als Waisenkinder zurück. Positiv: Vater im Himmel schickt den Geist.
Jesus macht also zuerst deutlich: Ihr, meine Jünger, Ihr sollt keine Wai-senkinder Gottes sein. Jesus gebraucht ein starkes Bild. Denn für seine Zeitgenossen stand noch viel kräftiger als für uns vor Augen, was es be-deutete, ein Waisenkind zu sein. Vaterlos, schutzlos, hilflos.
Wir können uns da nur annähern, indem wir zum Beispiel bei Charles Dickens nachlesen: „Oliver Twist“. Oliver Twist kommt als Waisenkind nach London. Und das hieß: direkt in den Kampf ums Überleben. Das Leben im Waisenhaus ist karg. Selten gibt es genug zu essen. Zuwendung und Liebe sind Totalausfall. Die Aufseher sind eben Aufseher und nicht Mutter oder Vater. Oliver Twist haut schließlich ab, er versucht es alleine, wird Mitglied einer Diebesbande, die ihm zur Ersatzfamilie wird. Nur geht es auch hier ausschließlich ums Überleben. Und dem alten Mann, der die Schar von Kinderbanditen führt, geht es um den Profit. Wer Charles Dickens liest, lernt: Waisen sind Menschen, die sich irgendwie durchschlagen müssen. Interesse an ihnen hat selten jemand. Sie sind vaterlos, rechtlos, schutzlos. Zuwendung und Zärtlichkeit dürfen sie nicht erwarten.
Diese harte Wirklichkeit wird in den Abschiedsworten des Herrn zum Bild für ein Christsein ohne Jesus. So soll es nicht sein, sagt Jesus, das mute ich Euch nicht zu. Das ist nicht meine Absicht und mein Plan mit Euch. Ein „verwaistes Christsein“ ist nicht das, was Euch erwartet. Jesus mutet es uns nicht zu. Aber wir muten es uns schon zu: ein „verwaistes Christsein“.
Manchmal ist das schon in der Theorie so. Da wird von Gott und von Je-sus und vom Heiligen Geist gelehrt und gepredigt wie von fernen Wesen. Erhaben, aber in einem fernen Jenseits. Der Schöpfer ist dann für das große Ganze zuständig. Er hat eine Welt geschaffen und regiert sie, mehr oder weniger. Vielleicht hat er sich auch zur Ruhe gesetzt, wer weiß. Jesus lebte vor ein paar Tausend Jahren, er muss ein beeindruckender Mensch gewesen sein, dann ist er gestorben und viel mehr kann man von ihm nicht wissen. Seine Taten können uns Vorbild sein, seine Worte mögen uns inspirieren. Und der Heilige Geist, ja, mit dem ist es ganz schwierig. Allzu viel wollen wir von ihm auch lieber nicht wissen. Denn das übernehmen schon die Schwärmer und Sekten, und wenn die vom Geist erfüllt sind, möchte man nicht mit ihnen verwechselt werden.
Manchmal ist auch unsere Theorie besser. Wir sind ja Menschen, die die Bibel ernst nehmen. Wir wissen vielleicht sogar von der Liebe des Vaters, vom auferstandenen Jesus und vom Geist, der in unserer Mitte lebt und in unserem Herzen wohnt. Unsere Lehre stimmt. Sie ist ganz auf der Höhe der christlichen Botschaft. Keine Schwundstufe, keine Halbfettvariante des Glaubens, keine geistliche Lowcarbon-Diät.
Aber trotzdem fühlen wir uns oft „verwaist“. Wir denken im Gottesdienst anders als im Alltag. Und im Alltag leben wir so, als müssten wir doch, wenn es ernst wird, allein klar kommen. Beten ist o.k., aber dann kommt es letztlich doch darauf an, dass wir die Ärmel hochkrempeln und das Nötige schaffen. Wenn Krankheit da ist, von ihm Heilung erwarten? Wenn wir nicht weiterwissen, von ihm ein weisendes Wort? Wenn uns andere tüchtig auf den Geist geben, von ihm die Kraft zur Geduld? Weit weg scheint uns dann der Herr, irgendwie entrückt. Himmelfahrt in diesem Sinn ist uns das wahrscheinlichste Fest, sagt es doch: Er ist weg. Er ist nicht hier. Und das scheint doch unsere Erfahrung zu sein: Er ist weg. Er ist nicht hier. Und wir sind verwaist, müssen schon allein klar kommen.
Jean Paul hat darüber geschrieben: „Die Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei.“ In diesem Traum steigen tote Kinder aus dem Grab und fragen Jesus: „Jesus, haben wir keinen Va-ter?“. Und Jesus antwortet den Kindern mit strömenden Tränen: „Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater!“ – Ohne Vater, lauter Waisen, verurteilt, wie Oliver Twist in einer feindlichen Welt uns durch-zuschlagen und irgendwie mit unserem Leben zurandezukommen.
Genau darüber wollte Jesus mit seinen Jungs reden: Merkt es Euch. Ich lasse Euch nicht als Waisen zurück. Ich bin bei Euch alle Tage bis an das Ende der Welt. Aber wie soll das zugehen? Jesus sagt: Ich komme zu Euch. Ihr seid keine Waisen, denn ich komme zu Euch. Nicht mehr in Fleisch und Blut, sondern als der Heilige Geist, oder: als der andere Tröster. Was ist damit gemeint? Was ist diese Alternative zum „verwaisten Christsein“?
Es geht um nichts weniger als um die Frage, wie es sein kann, dass Jesus auch bei uns wirklich sei. Anwesend, wenn auch unsichtbar. Im Gespräch mit uns, und zugleich mit den verfolgten Christen in einer chinesischen Hauskirche, mit orthodoxen Christen in den Tiefen Russlands, mit den seinen armen Anhängern in den Favelas von Sao Paulo und einem Gebetskreis in Californien. Wie kann das zugehen? Wir – nicht allein, nicht im Stich gelassen, nicht auf uns selbst gestellt? Jesus sagt: Ich komme zu Euch als der andere Tröster. Nun also positiv: Vater im Himmel schickt den Geist.
Jesus sagt: Ich werde mal mit dem Vater sprechen. Und in dieser himm-lischen Dienstberatung werde ich den Vater bitten, dass er den Geist zu euch schickt. Es soll Pfingsten bei Euch werden. Und wisst Ihr, in der himmlischen Arbeitsteilung ist das ja so: Der Heilige Geist ist nicht je-mand anderes als ich selbst. Im Gegenteil, der Heilige Geist, das bin ich, nur auf andere Weise. Moment, sagen die Jünger, wie war das? Das ha-ben wir nicht verstanden. Ja, sagt Jesus, ich komme zu Euch zurück, aber nicht mehr so, wie ihr es gewohnt wart in diesen letzten Jahren. Ich werde nicht mehr zwischen Nazareth und Jerusalem hin-und herlaufen. Ich komme in der Gestalt des Heiligen Geistes zurück. Und der Geist ist kein Fremder für Euch, niemand anderes als ich, nur ich auf eine andere Weise. Innen drin statt außen. Geist statt irdischer Rabbi. Überall statt nur hier. Jederzeit statt nur im ersten Jahrhundert. Eben: Geist! Aber: ich!
Nun ist das die Wortwahl, die Luther wählte, um das Wort zu übersetzen, das hier im Griechischen steht: „allos paraklätos“, das heißt eigentlich: der, der herbeigerufen wird, der als Fürsprecher für Euch auftritt, der als Beistand an Eurer Seite ist, der als Helfer mitten in Eurem Leben da ist. Und dann auch, ja auch, der Euch tröstet, wenn es schwer wird.
Jesus ist zurück, das ist die Botschaft von Pfingsten. Jesus ist wieder da! Er ist so nah wie ich mir selbst nicht sein kann, denn er wählt mein Le-ben, mein Herz, mein Innerstes als Wohnstatt. Ostern bedeutet: Er lebt! Himmelfahrt bedeutet: Er ist der Chef! Pfingsten bedeutet: Er zieht um! Jesus zieht um zu Dir und zu Dir und zu Dir und zu Euch, ja, und auch zu Dir! Pfingsten bedeutet: Jesus ist zurück, er lässt sich herbeirufen und wohnt in meinem Leben. Darum bin ich nicht verwaist, denn der Geist der Wahrheit hat seinen Wohnsitz in meinem Leben bezogen.
Kinder können das manchmal besser verstehen und zum Ausdruck brin-gen. Eine Fünfjährige hörte davon, dass Jesus in ihrem Herzen wohne. Und sehr ernsthaft sagte sie: Oh, das weiß ich. Denn jedesmal, wenn ich meine Hand auf mein Herz lege, spüre ich, wie er darin herumwandert.
ZWEITENS: JESUS ALS DER BEISTAND, FÜRSPRECHER UND TRÖSTER IN MEINEM LEBEN
Was heißt das alles also konkret? Es heißt z.B.: Jesus sitzt jetzt und hier neben mir. Er schaut mir zu und schaut mich an. Er geht neben mir. Er steht hinter mir, wenn ich vor einer schweren Prüfung stehe. Ich kann mit ihm reden. Er spricht auch mit mir. Er gibt mir Hinweise, was er jetzt möchte. Und er versorgt mich mit Kraft und Inspiration. Er richtet mich auf, wenn ich fertig bin, und wenn ich mich mal verlaufen habe, dann führt er mich ganz sanft zurück auf den richtigen Weg. Er ist eben der Herbeigerufene, der Beistand, Helfer und Tröster.
Er ist nicht der innere Scharfmacher (von denen haben wir genug in uns), der uns gegen andere aufhetzt. Er ist nicht ein weitere innerer An-treiber (auch von der Sorte sitzt uns ja der eine oder andere im Nacken), der immer mehr von uns fordert als wir zu tun in der Lage sind. Er ist nicht noch ein innerer Kritiker (da hocken schon genug in unserem Geist), der uns wieder und wieder und wieder vor Augen malt, dass wir einfach nicht so sind, wie wir sein sollen. Er ist nicht der innere Zyniker (auch den gibt es nicht selten schon in unserem Inneren), der uns die Welt schlecht redet und jede Hoffnung höhnisch vernichtet. Der Geist Gottes, Jesus in unserem Herzen, macht sich nicht kenntlich durch Scharfmacherei, gnadenloses Treiben, vernichtende Kritik und höhni-schen Zynismus – er ist eben Jesus.
So wie wir Jesus kennen lernen, wenn wir seine Lebensgeschichte lesen, so ist auch der „Jesus jetzt“, der Geist der Wahrheit: er lässt sich um Hilfe anrufen, er tröstet, er macht uns die Vergebung gewiss, er infiziert uns mit Hoffnung, stärkt uns beim Durchhalten, ermutigt uns und blickt uns mit nichts anderem im Blick an – als purem Erbarmen. So unterscheiden wir den Geist des Herrn von den Geistern, die uns quälen.
DRITTENS: JESUS IST ANWESEND – SIND WIR NOCH GANZ BEI TROST?
Aber jetzt müssen wir uns einen Moment klarmachen, was wir anderen Menschen zumuten, wenn wir so denken, reden, leben und das irgendwie auch noch ernst meinen und nicht nur metaphorisch, so als Bild für etwas, sondern 1:1 – wirklich, ja, wir gehen davon aus, dass Jesus jetzt hier ist. Ich meine: Das ist doch starker Tobak, oder nicht?
Freilich: Wenn wir so etwas draußen im richtigen Leben äußern, sind wir ein Fall für die Psychiatrie. So, Sie hören also eine Stimme? Aha, Sie sehen jemanden, der immer an Ihrer Seite ist, den ich aber nicht sehen kann. Und Sie nennen diesen Jemand Jesus, Herr, König, Meister, Bru-der, Freund, Burg, Schutz, Helfer? So, so.
Es gibt ein schönes altes Theaterstück: „Mein Freund Harvey“. Es wird immer wieder einmal aufgeführt und ist schon zigmal verfilmt worden. Die Hauptfigur ist ein etwas schrulliger älterer Mann, Elwood P. Dowd, der nirgendwo hingeht ohne seinen Freund Harvey. Aber das Problem ist: Niemand kann ihn sehen. Denn Harvey ist ein ein ungefähr zwei Me-ter großer, unsichtbarer, weißer Hase. Als Elwood wieder einmal auf ei-ner Party den Gästen Harvey vorstellt, beschließt seine Schwester Veta, ihn in ein Sanatorium einweisen zu lassen, um ihre Familie vor weiteren Peinlichkeiten zu bewahren. So geht es: Wer Freunde sieht, die kein an-derer sieht, gehört ins Sanatorium.
Es ist krank, sich einen Jesus vorzustellen, der mehr ist als ein großes historisches Vorbild. Ein Jesus, der mehr ist als ein in die Ferne des Himmels entrückter Märtyrer. Jesus als Tröster und Geist der Wahrheit, Jesus bei uns, das ist einfach ein Gedanke, der den meisten unerschwinglich ist.
Jesus bereitet seine Jünger auch darauf vor: Die Welt, die Menschen jenseits des Glaubens, können den Geist Gottes nicht erkennen. Sie werden Euch für verrückt erklären. Sie können es sich nicht vorstellen. Sie halten es für religiöse Spinnerei. Macht euch darauf gefasst, dass sie so reagieren: Für die Welt, so Jesus, werde ich gestorben sein, tot, bestenfalls aufgenommen in die „Hall of Fame“ der großen historischen Persönlichkeiten.
Dabei bleibt es in diesem Abschiedsgespräch. In diesem Fall redet Jesus nicht mit seinen Freunden darüber, wie es dann doch sein kann, dass Menschen die Seite wechseln, weil ihnen plötzlich ein Licht aufgeht: Er ist wirklich da, lebendig und gegenwärtig. Jesus ist kein weißer Hase Harvey, er ist der Herr. Das ist ein anderes Thema und nicht für heute.
VIERTENS: WIE KÖNNEN WIR UNS AN DIESE NEUE GEGENWART GOTTES GEWÖHNEN?
Wir sollen also gewiss und gewisser werden, dass Jesus tatsächlich zu-rück ist: bei uns, wenn wir als Gemeinde zusammenkommen, mit uns, wenn wir unterwegs sind, in uns, bei Tag und bei Nacht, in Rufnähe, ansprechbar, sucht er unsere Nähe, will mit uns sprechen, uns führen und leiten. Das heißt es, den Geist zu empfangen und zu erfahren, dass er „bei uns bleibt“ und „in uns lebt“, wie es Jesus ansagt.
Diesen Geist empfängt, wer Jesus liebt, so hören wir. Lieben ist die Art, wie im Johannesevangelium von „glauben“ geredet wird. Wer liebt, sucht die Nähe des Geliebten. Wer liebt, will mit dem anderen reden. Wer liebt, sinnt darüber nach, dem Geliebten Freude zu bereiten. Wie bereiten wir Jesus Freude? Antwort: Indem wir lernen, auf den Geist zu hören und uns vom Geist der Wahrheit leiten zu lassen. Das ist etwas, das mit Lernen und Üben zu tun hat.
Menschen müssen lernen und üben, einander zu erhören. Sie brauchen dazu Zeit, gute Gewohnheiten und die Bereitschaft, nicht bei sich selbst stecken zu bleiben. Ebenso ist es auch mit Jesus. Wir brauchen Zeit, gute Gewohnheiten und die Bereitschaft, nicht bei uns selbst zu bleiben. Zeit, regelmäßig, täglich, um an der Stelle zu hören, wo er sich hören lässt: und das ist im Lesen der Bibel. Die Bibel lesen und dabei sagen: „Rede, Herr, dein Knecht hört.“ Wenn wir die Bibel lesen, sitzt Jesus neben uns und zeigt mit dem Finger auf bestimmte Worte, ruft uns etwas ins Gedächtnis, macht uns etwas wichtig, korrigiert uns oder ermutigt uns, je nachdem wie wir es brauchen.
Aber das ist nur ein Ort: Jesus, der als Heiliger Geist Gegenwärtige, ist in jedem Augenblick und an jedem Ort in meiner Nähe. Manchmal spüre ich es, dann will er mich bewegen, z.B. jemandem etwas Freundliches zu sagen. Oder er versucht mich zu bremsen: Vorsicht! Er ist da, wenn ich Auto fahren. Vielleicht würde er lieber aussteigen, wenn er mit mir unterwegs ist und erinnert mich, dass die anderen Verkehrsteilnehmer auch von Gott geliebte Geschöpfe sind.
Und da bekommen die Worte Jesu noch einmal einen anderen Sinn: die Jünger werden sich von der Welt unterscheiden, wenn sie sich vom Geist der Wahrheit leiten lassen. Wir werden Jesus mehr und mehr lieben und darum tun, was er liebt, und lassen, was er hasst. Es gibt eine etwas schockierende Gallup-Umfrage, wonach es keinen bedeutenden Unterschied gibt zwischen Gottesdienstbesuchern und Nicht-Gottes-dienstbesuchern, wenn man sie z.B. nach Vorurteilen gegenüber Frem-den, Wahrhaftigkeit, übler Nachrede oder Streben nach materiellen Gü-tern befragt. Kein bemerkenswerter Unterschied. Erst bei Gemeindegliedern, die sich intensiver mit dem Glauben befassen und deren Engagement über den Gottesdienst hinausgeht, ändert sich das. Ich fand das ziemlich bedenklich.
Bei den „Simpsons“ gibt es eine Episode, wo Homer Simson der einzig richtig frommen Figur in der ganzen Serie begegnet: Ned Flenders. Und Ned war ein paar Wochen unterwegs gewesen. Homer fragt ihn: Ned, wo hast Du gesteckt? Und Ned antwortet: Oh, ich war bei einem christlichen Lehrgang um zu lernen, wie ich meine Fähigkeit zum Be- und Verurteilen anderer Menschen noch etwas steigern kann.
Wenn Jesus uns nicht als Waisen zurücklässt, sondern im Geist zu uns kommt, dann ist das die eigentliche Prüfung unseres Lebens: zu lernen, auf den Geist Jesu zu hören und uns von ihm verändern zu lassen, bis unser Leben etwas von der Art des Jesus von Nazareth widerspiegelt.
Herr Jesus Christus, Du lässt uns nicht im Stich und nicht allein. Dafür danken wir Dir. Du versprichst uns, als Beistand, Fürsprecher und Trös-ter in unserem Leben Wohnung zu beziehen. Wir wünschen uns das, dass Du Raum gewinnst in unserem Leben. Wir bitten Dich: Hilf uns, auf das Flüstern Deines Geistes zu hören und uns von Deinem Willen mehr und mehr bestimmen zu lassen. Amen.
