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02.12.2007 Die Jesus-Identität GreifBar 32

Die Jesus-Identität

Crashkurs für Einstieger = GreifBar 32 am 2. Dezember 2007

1. Advent und Warten

Warten ist nicht einfach. Warten Sie schon lange, fragt einer, der hoffnungslos zu spät kommt. Nein, antwortet der andere, ich bewundere nur die 4723 Blumen auf der Tapete.

Warten ist nicht einfach. Wir kennen das: Warten auf dem Bahnsteig, dass der verspätete Zug eintrifft. Warten auf einen Sieg von Hansa Rostock! Warten auf die Ziehung der Lottozahlen. Warten heißt hier: Ich habe so eine vage, bange Hoffnung, dass es einmal mich trifft, auch wenn es 139.838.160 mögliche Zahlenkombinationen beim Lotto gibt.

Die Adventszeit ist Wartezeit. Warten auf das Christkind, heißt das im Fernsehen am 24. Dezember. Aber Warten ist schwierig. Als ich mich auf heute vorbereitete, war ich allein zu Hause. Irgendwann kam ich nicht recht vorwärts und dachte: Deine Liebste hat doch Plätzchen gebacken, diese besonderen mit dem Klecks Marmelade drin. Das würde Dich doch jetzt etwas stärken und inspirieren. Also bin ich runter in die Küche, auf den Stuhl geklettert - die Plätzchendose steht ja in der Küche ganz weit oben. Die Dose heruntergezogen. Stopp! Sie glauben es nicht: Klebt doch auf der Dose ein Post-It-Zettel: „Stopp! Nicht vor dem 1. Advent.“ Ich habe keine Ahnung, warum meine Frau so misstrauisch ist, dass sie diesen Zettel für nötig hielt. Warten ist schwierig.

Worauf warten wir aber?

Manche warten auf Geschenke. Ein kleiner Junge aus einer armen Familie erzählte es der Ostseezeitung: Ich warte auf ein Trikot und einen Fußball. Wir sind in Greifswald in diesen Wochen aufgerufen, armen Familien etwas unter die Arme zu greifen.

Von einem anderen Knirps wird erzählt, dass er dabei beobachtet wurde, wie er in die Kirche schlich und zur großen Krippe ging. Das sind die Nachbildungen der Weihnachtsgeschichte mit Ochs und Esel, Hirten und Schafen und dem Stall, in dem Josef, der Vater, Maria, die Mutter, und der neugeborene Jesus zu finden sind. Der Junge schaute sich verstohlen um, und dann zog er blitzschnell zwei Gestalten aus der Krippe heraus, erst den Josef, den Vater des Kindes in der Krippe, und dann die Maria, die Mutter des Jesus aus Nazareth. Und dann sprach der Knirps die kleine Gestalt in der Krippe an, das Baby im Stroh, den neugeborenen Jesus, und sagte sehr ernsthaft: „Wenn Du mir dieses Jahr wieder kein Mountainbike zu Weihnachten schenkst, siehst Du Deine Eltern nie wieder!“

Wir Älteren freuen uns auch über Geschenke, aber warten oft auf etwas ganz anderes. Wir warten, dass der Sohn aus der Ferne endlich mal wieder anruft. Oder, dass der Schmerz einmal für ein paar Stunden nachlässt. Oder, dass es bei der Arbeitsagentur endlich heißt: „Wir haben da etwas für Sie!“ Wir warten, dass der graue Schleier über unserer Seele sich hebt und wir einmal wieder befreit lachen können. Oder, dass es hell wird in ihrer Dunkelheit. Wir warten auf ein gutes Wort. Wir warten auf etwas, das ihrem flüchtigen Dasein einen bleibenden Sinn verleiht.

Nun warten wir im Advent. Und damit verknüpfen wir unser Warten und Hoffen, unser Sehnen mit der alten Geschichte. Sie ist zwar vielen sehr fern und fremd, aber wir können sie nicht ganz vergessen. Auch wenn wir die Geschichte umschreiben und vom Weihnachtsmann oder Christkind reden. Noch wenn wir uns als Weihnachtsmänner verkleiden, erinnern wir uns, dass es bei diesem Fest darum geht, dass wir beschenkt werden. Sie wissen ja, dass jeder Mann hinsichtlich des Weihnachtsmannes drei Lebensphasen durchmacht: 1. Phase: Er glaubt an den Weihnachtsmann. 2. Phase: Er glaubt nicht an den Weihnachtsmann. 3. Phase: Er ist der Weihnachtsmann. Aber noch hinter dem Kommerz dieses Festes steckt eine Erinnerung an das, was zu Beginn heute der Hirte im Film gesagt hat: Wir sollen beschenkt werden. Und noch wenn wir sagen, dass wir auf das Christkind warten, erinnern wir uns, dass es im Advent – das heißt Ankunft – um das Ankommen des Jesus von Nazareth geht, um seine Geburt zu Beginn unserer Zeitrechnung.

Die ersten Christen sagten: Advent bedeutet nicht, dass der Weihnachtsmann oder das Christkind kommen! Advent bedeutet: Unser König kommt zu uns! Und das hat zu tun mit Eurem Warten, Eurem Sehnen. Was aber hat es damit zu tun?

2. Der König kommt!

Es gibt einen alten Spruch aus einer Zeit weit vor der Geburt des Kindes im Stall. Ein jüdischer Prophet hat ihn festgehalten. Er spricht von der Hoffnung der Wartenden: „Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze. Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm, und er reitet auf einem Esel, auf dem Füllen einer Eselin.“

Auf den König warten. Wir in Greifswald haben eine gewiss Ahnung, was das bedeutet, sozusagen eine erste Annäherung: Vor gut einem Jahr warteten die Menschen auf eine Königin. Zum Uni-Jubiläum sollte sie kommen: Sylvia, Königin von Schweden. Und die Menschen säumten die Straßen. Sie jubelten der Monarchin zu, die einst aus Deutschland gekommen war und in Schweden die Herzen der Menschen erobert hatte. Was ist das, wenn ein König oder eine Königin zu uns kommen? Es bedeutet Glanz: etwas vom königlichen Glanz fällt auch auf uns, und selbst hartgesottene Republikaner stehen da und winken. Es ist etwas Glanz im grauen Alltag, weil wir geehrt werden durch den Besuch des gekrönten Hauptes. Wir fühlen uns geehrt, weil unser Ort erwählt wurde für hohen Besuch. Das heißt: Wir sind es wert! Wir sind es ihr wert! Und sie, die Königin, hat es verstanden, uns das auch spüren zu lassen. Glaubwürdig ist sie, vielleicht ist gerecht zu hoch gegriffen, aber authentisch, vorbildlich in ihrem Einsatz für die Kinder dieser Erde, und irgendwie natürlich und echt. Freue dich, Greifswald, und jauchze, Vorpommern, denn die Königin kommt zu dir. Und irgendwie waren wir alle an diesem Tage Sylvia!

Auch das ist Weihnachten: Glanz über unserem Leben, Ehre, weil wir hohen Besuch bekommen, und weil uns gesagt wird: Das seid ihr mir wert!

Wir denken gerne an diesen wunderschönen Tag, aber eines konnte man von Sylvia eben nicht erwarten: Sie kam nicht zu uns, sie machte keine Hausbesuche, und wirklich persönlich konnte die Berührung mit ihr nicht werden. Sie kam auch nicht, um das Politische und das Persönliche in Ordnung zu bringen. Sie kann auch nicht stehen bleiben und sagen: Erzählen Sie mir doch mal Ihre Geschichte! Wie sollte sie auch?! Sie kam uns nah und blieb uns doch fern. Und wir sahen sie aus der Nähe, aber blieben doch für sie Fremde.

Sacharja hatte eine andere, eine größere Erwartung: Ein König, der wirklich zu uns kommt. Die Könige waren damals nicht so freundlich und glaubwürdig. Als Sacharja diese Worte sagte, erinnerte man sich an den schrecklichen, blutigen Beutezug des ägyptischen Königs Ptolemäus I, der Jerusalem geplündert und viele Menschen verschleppt hatte. Der Prophet spricht von der Hoffnung. Wartet voller Freude, sagt er, hofft und verzweifelt nicht, denn zu euch wird ein anderer König kommen. Ein König, wie ihn die Welt nicht gesehen hat. Er ist gerecht und nicht korrupt, nicht gewalttätig, nicht ehrlos. Was er sagt, das tut er, und was er tut, folgt Recht und Gerechtigkeit. Und er ist ein Helfer, einer, der euch beisteht in eurer Not und euch nicht im Stich lässt. Und er kommt nicht mit Verschwendung und Prunk, sondern bescheiden und schlicht. Wartet nur auf diesen König, er wird euer Los wenden. Das Politische und das Persönliche bringt er in Ordnung! Wenn er kommt, wird alles gut.

Sacharjas Erwartung wurde nicht vergessen, Jahrhunderte ging sie mit dem jüdischen Volk, bis zu jenem Hirten, den wir anfangs im Film sehen: Wenn der eine kommt, der, auf den wir warten, wenn er kommt, dann bin ich ein beschenkter Mensch! Und Maria sagt am Ende, Jesus im Arm haltend: Er ist uns allen geschenkt. Er ist es. Er ist der König, auf den wir warteten. Er ist gerecht, authentisch, kommt ohne Prunk, begibt sich zu den Armen. Er ist es. Du musst nicht länger warten. Er ist da. Er kommt. Auch zu dir.

Wer ist Jesus? Was ist die Jesus-Identität? Was feiern wir, wenn wir seinen Geburtstag am 25. Dezember feiern? Die ersten Christen waren der Meinung, wir feiern die Ankunft des Königs. Sie verstanden alles das, was Jesus tat, als Erfüllung der alten Weissagung des Sehers Sacharja. Sie erkannten in dem Kind im Stall von Bethlehem den versprochenen König, der Frieden und Gerechtigkeit bringen würde. Sie hörten seine Worte und staunten über die Kraft, mit der er redete. Sie sahen seine Werke und wurden berührt von seinem Mitgefühl für die Armen. Er heilte Kranke und er gab denen eine zweite Chance, die alle anderen längst aufgegeben hatten. Ihm stand Macht zu Gebote, er hatte Möglichkeiten, die über unsere irdischen Vorstellungen hinausgingen. Er sprach mit Autorität, und was er sagte, geschah. Er war authentisch, und die Menschen spürten: What you see, is what you get. Und er war den Menschen zugewandt, immer wieder unterbrach er das Protokoll, um sich Menschen zuzuwenden, vor allem denen, die man als arm und unwichtig einstufte: Kindern und Frauen, Kranken und Behinderten, Armen und Gescheiterten. Er kam als ein König, der nichts lieber sein wollte als ein Helfer.

3. Der Helfer

Ich lese gerade die Biographie von Lance Armstrong, dem Radrennfahrer und mehrfachen Gewinner der Tour de France. Er beschreibt, was im Radsport die Helfer tun, die Mannschaftskameraden, deren Job es ist, als Domestiken den Spitzenfahrern zu dienen. Sie schleppen Wasserflaschen. Sie ziehen die Armstrongs die Berge hinauf. Und wenn der Star eine Panne hat, geben sie ihr Rad her, damit der vorne keine Zeit verliert. Sie schützen ihren Kapitän gegen Schläge von links und rechts im Peleton, sie schützen ihn mit ihrem eigenen Körper. Sie lassen ihn im Windschatten fahren, damit er seine Kräfte aufspart für den entscheidenden Spurt. Armstrong macht eines ganz klar: Jeder Domestike träumt davon, eines Tages nicht mehr Domestike zu sein, sondern selbst Spitzenfahrer und Kapitän eines Teams.

Ich dachte so für mich: Als Jesus zur Welt kam, ein König aus der himmlischen Welt, traf er eine Entscheidung, eine Entscheidung für immer: Ich bin ein Helfer. Ich will ein Domestike sein. Ich ziehe Euch die schweren Berge Eures Lebens hinauf. Ich versorge euch mit dem, was ihr braucht. Ich lasse euch in meinem Windschatten fahren. Ich schütze euch mit meinem Leib gegen jede böse Attacke. Ich stehe für euch ein, wenn euer Rad nicht mehr fahren will.

Nur eine Episode will ich erzählen: In einem kleinen Dorf im jüdischen Land lebte ein Handwerker. Er war morgens immer der Erste, prüfte seine Werkzeuge und ging zur Arbeit. Er baute Häuser und war stolz darauf. Aber eines Morgens war es eben passiert: Die rechte Hand – zerquetscht unter einem der Steinquader, in einem unachtsamen Moment. Sie brachten ihn nach Hause, sie verbanden seine Wunde. Er ließ es mit sich geschehen. Wochen lag er still auf seinem Lager. Draußen ging das Leben weiter, ohne ihn. Immer stiller wurde er, redete fast nichts, auch nicht mit seiner Frau. Seine Söhne mieden ihn, er war seither so anders. Die Wunde verheilte irgendwie, aber seine Hand blieb verformt und steif. Keine Gedanke daran, wieder an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Ein Krüppel war er, jawohl, ein Krüppel, so hart musste man es sagen, so hart sagte er es sich selbst. Er war am Leben geblieben, aber wollte er das – so? Seine Frau, seine Söhne, sie sorgten für ihn und versuchten ihn aufzuheitern, aber nichts erreichte ihn wirklich. Nur einmal in der Woche verließ er das kleine Haus, das er noch mit seinen gesunden Händen gebaut hatte, freitags abends, da ging er mit seiner Frau in den Gottesdienst. Sie hatte ihm ein Gewand genäht mit extra langem Ärmel, damit niemand die Klaue sehen konnte, die ihm geblieben war. Warum gehe ich hier noch hin, dachte er bitter. Ist ein Gott, der sich für mich interessiert? An diesem Freitag war ein Fremder im Gotteshaus. Er redet mit großer Kraft. Zum ersten Mal seit seinem Unfall ist er ganz wach, ganz da, ganz aufmerksam. Von Gottes unendlich zärtlicher Liebe redet er. Und dann sieht dieser Fremde, dieser Jesus aus Nazareth, ihn an. Er erschrickt, erstarrt, ist zugleich berührt und verstört, von wilder Hoffnung erfasst wie von großem Schrecken. Jesus geht auf ihn zu, schaut ihn an. Steh auf, sagt Jesus zu ihm. Steh auf. Er schaut auf seinen Arm, und der lange, dicke Ärmel ist plötzlich wie durchsichtig. Strecke deine Hand aus, sagt Jesus. Und plötzlich kann er es. Trotz der Blicke der anderen. Es ist gar nicht so schlimm. Er fühlt wieder etwas. Er kann die Hand ausstrecken. Da merkt er erst, was er getan hat: Seine Hand ist heil, gesund und beweglich. Da sieht er seine Frau an. Und er sieht seine Söhne an. Wie lange hat er sie nicht mehr wirklich angesehen! Jesus hat ihn geheilt. Alles in diesem schlichten Handwerker verneigt sich vor Jesus, diesem König der Armen. Alles in ihm ist erleichtert und froh. Draußen vor der Kirche sagt er zu seiner Frau: Er hat meine Hand heil gemacht. Sie antwortet: Er hat dich heil gemacht.

So hielt es Jesus wieder und wieder. Er kam als ein König, mit geradezu himmlischer Autorität. Aber wieder und wieder hielt er an, sprach Menschen ins Herz und sagte: Erzähl mir deine Geschichte! Und: Was kann ich für dich tun? Und: Sag mir, was du willst! Und: Du sollst wissen, dass Du Gott unendlich viel bedeutest! Und: Was immer schief gelaufen ist in Deinem Leben, vertrau mir, ich kriege das wieder hin!

Einspruch von draußen, vom Mann auf der Bank: Moment mal, das ist ja ganz schön! Nehmen wir mal an, Jesus habe das alles damals so gemacht. Nehmen wir an, dieses Kind in Bethlehem sei etwas so Besonderes gewesen. O.k., und er habe sich wirklich der Menschen so angenommen, geheilt und so. Und sie hätten wirklich gespürt, dass Gott sie unendlich liebt. Nehmen wir das alles an! Aber: Was habe ich davon? Damals ist gut und schön. Aber heute zählt! Er ist mir doch noch ferner als jede Königin Sylvia. Ich kann ihn nicht sehen. Ich kann ihn nicht hören. Wie sollte er um Himmels willen zu mir kommen – wenn es ihn überhaupt noch gibt!

Gute Frage: Rücken Sie doch mal ein bisschen (setzt sich mit auf die Bank zum Schauspieler). Bedeutet Advent: Warten auf einen, der gar nicht kommt? Vielleicht auch gar nicht kommen kann, weil seine Uhr schon vor fast 2000 Jahren abgelaufen ist?

Nun, das ist die eine Möglichkeit! Die andere erzählt davon, dass das Kind im Stall zum Mann auf den Landstraßen Israels wurde. Erzählt wird, dass er heilte und lehrte. Er erregte damit soviel Aufsehen, dass er den Autoritäten lästig wurde. Sie verhafteten ihn und weil er offensichtlich behauptete, der Sohn des Höchsten zu sein, also selbst Gott zu sein, zeigte man ihm, wie menschlich er bluten, leiden und sterben konnte. Erzählt wird, dass sie ihn begraben haben und dass für alle seine Freunde damit eine Welt unterging. Erzählt wird, dass er plötzlich wieder da war: Sein Grab war leer und er selbst traf sich mit seinen engsten Weggefährten, aber auch mit einer großen Schar anderer Menschen, die es mit eigenen Augen sahen und später bezeugten: Wir haben ihn gesehen. Er lebt. Erzählt wird, dass er nach kurzer Zeit wieder Abschied von seinen Freunden nahm, sie auf den Weg in alle Welt schickte, um sein Werk fortzusetzen, selbst aber heimkehrte in die unsichtbare Welt Gottes, die wir mit kindlichen Worten den Himmel nennen. Der Himmel aber ist nicht irgendwo über uns in einem fernen Jenseits. Der Himmel ist unseren Augen verborgen und doch ist er da, nein hier, nicht irgendwann, sondern jetzt! Der Himmel umgibt uns, und der König Jesus ist uns nah, an jedem Ort der Erde. Er ist jetzt hier, und er ist zugleich an allen Orten, an denen seine Nähe gesucht wird. Er ist ansprechbar und er ist immer noch der, der er immer war: der König, der Gerechte, der Helfer. Du kannst ihn ansprechen und er ist ganz wild darauf, deine Geschichte zu hören. Und dann wird er dir sagen: Freu dich, freu dich unbändig, denn dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.

Warum könnte das ernsthaft zu bedenken sein? Warum ist das mehr als eine schöne, aber leider unrealistische religiöse Idee? Warum? Warum sollten Sie das glauben? Warum sich gar darauf einlassen? Warum so etwas Verrücktes annehmen und riskieren?

Ich glaube, es gibt dafür zwei Gründe:

Zum einen dieses Warten! Warum wartet er hier immer noch (=> Bank)? Warum sagt er nicht einfach, ich sehne mich zwar nach etwas Höherem und Tieferem, nach einem Mehr und einem ganz Anderen, könnte es auch Gott nennen, aber was soll es, es gibt da draußen eh nichts, da ist keiner, den ich interessiere. Warum wartet er immer noch? Auf welchen Advent hofft er? Da ist doch ein notorisches Hoffen, Sehnen und Warten in uns. Und ich kann es nicht anders deuten: Es ist die tief verschleierte Erinnerung daran, dass wir Gottes bedürftig sind. Es ist die vielleicht nahezu verschüttete Hoffnung auf den König, der kommt, um wieder alles gut zu machen, im Großen wie im Kleinen. Warum sonst haben Sie sich heute aufgemacht – in eine Kirche? Wieso sonst haben Sie sich von einem freundlichen Menschen überreden lassen, sich in einen Gottesdienst zu setzen? Warum sonst kommen Sie immer wieder?

Zum anderen ist es die Erfahrung vieler Menschen. Es ist nicht bei einigen wenigen geblieben, die eben Glück hatten, damals im 1. Jahrhundert. Und dann war es vorbei. Wieder und wieder erzählen Menschen auf allen Erdteilen und zu jeder Zeit, junge und alte, kluge und schlichte, wichtige und unauffällige, reiche, aber mehr noch arme Menschen: Zu mir ist der König gekommen, ein Gerechter und ein Helfer. Zu mir ist er gekommen, und es ist besser mit mir geworden. Zu mir ist er gekommen, seither kann ich mich freuen und habe Hoffnung für diese Welt. Ich könnte es erzählen, andere hier ebenso.

Auch dazu nur eine Episode: In den letzten Wochen ging durch die Presse, dass an Magersucht und Bulimie erkrankte junge Frauen Internetseiten eingerichtet haben. Pro-Ana-Seiten. Ana für Anorexia, Magersucht. Sie werben geradezu bei jungen Frauen für Magersucht als Lebensstil. Ana ist deine beste Freundin, sagen sie. Mia, Mia für Bulimie, die Fress-Brech-Sucht der etwas älteren Frauen, ist ihre Kameradin. Ana und Mia geben Ratschläge für schnelles Abnehmen, für diskretes Auftreten bei Parties, bei denen gegessen wird, für die Auseinandersetzung mit Familie und Ärzten. Ana und Mia beschimpfen die jungen Kalorienzählerinnen schon mal als „fette Kuh“, um dann Tipps für den Weg zur Kleidergröße XXS oder 0 zu geben. Es sind schlimme Seiten, verführerisch für junge Frauen, die anfällig sind für diesen Krieg gegen den eigenen Leib und die eigene Familie. Eine der Seiten hat aber jetzt ihre Propaganda eingestellt. Die Betreiberin der Homepage pro-ana-world verkündet seit Anfang November in großen Buchstaben auf ihrer Homepage: „Hier findet keine Pro-Ana-Seite mehr statt. Ich habe den Sinn für mein Leben gefunden, er heißt: Jesus Christus.“ Schaut man näher hin, so sieht man, wie sich das Leben der Betreiberin verändert hat: Schonungslos beschreibt sie, wie sie sich selbst zerstört hat. Als sie ihr Leben Jesus anvertraute, bekam sie ein neues Verhältnis zu sich, zu ihrem Leib, zum Essen und zu ihren Mitmenschen. Er nahm die Bruchstücke ihres Lebens und fing an, sie wieder zusammen zu setzen. Diese Begegnung mit Jesus war in jeder Hinsicht lebensrettend. Sie könnte sagen: Er hat meinen Leib geheilt. Ich würde sagen: Er hat dich geheilt.

Auch hier könnten Menschen erzählen, wie sie von Jesus hörten und zweifelten. Sie könnten erzählen, wie sie es irgendwann gewagt haben. Ein erstes Gebet. Wie ein vorsichtiges Öffnen einer inneren Tür, von der ich vorher nicht wusste, dass sie überhaupt da ist. Ein erstes Erzählen: Jesus, wenn es dich gibt, dann hör dir meine Geschichte an. Es ist, als ob sich im Inneren noch eine Tür öffnet, und er selbst tritt mir entgegen. Freue dich, freu dich von Herzen, dein König kommt zu dir, gewiss! Und er kommt als dein Helfer! Was auch immer deine Not ist. Ich komme zu Dir und lass Dich nicht im Stich.

Dieses Jahr wird Weihnachten bei uns zu Hause ein besonderes Fest. Unsere vier Kinder kommen nach Hause, aus vier verschiedenen Städten. Unsere Jüngste lebt seit dem Sommer in Schweden, und wir haben sie seit September nicht mehr gesehen. Schon jetzt zähle ich die Tage, bis wir sie an der Fähre in Sassnitz abholen können. Als Vater und Mutter ist das für uns der Höhepunkt dieses Festes: Wir können unsere Tochter, wir können alle unsere Kinder in den Arm schließen, ihnen zuhören, mit ihnen feiern und schauen, was wir für sie tun können. Wenn wir schon so voller Freude auf unsere irdischen Kinder warten, was meinen Sie, wie groß die Erwartung und Hoffnung bei Gott im Himmel ist, wie gespannt er ist, ob Sie Jesus, dem König und Helfer, eine Tür öffnen, damit er zu ihnen kommen kann. Wie sehr er sich wünscht, Sie in den Arm zu schließen, ihnen zuzuhören, mit Ihnen zu feiern und dann zu schauen, welche Hilfe Sie hier und jetzt brauchen. Das wäre ein Advent, dann hätte das Warten ein Ende (=> zur Bank), denn er käme, ganz gewiss, zu Ihnen, der König, der Gerechte, der Helfer. Ganz gewiss oder Amen.

MH setzt sich mit auf die Bank, Lied („Peacemaker“), dann erst Abgang.