Greifbar

GreifBar am 24.02.2008

GreifBar_-_34_-_080224_-_Predigt_Mk_01-40-45_MH.pdf

 

DER ABZÄHLREIM: WER IST DRINNEN, WER DRAUßEN?

Welche fünf Menschen würden Sie einladen? Wer müsste unbedingt dabei sein? Und wer dürfte auf keinen Fall kommen? Wer ist drinnen, wer draußen?

Als Kinder haben wir solche Dinge abgezählt und uns unsern Reim darauf gemacht: Ene mene muh – und raus bist du – raus bist du noch lange nicht – sag mir erst wie alt du bist. 52! O.k, das wär jetzt ein bisschen lang!  Aber so hat das funktioniert: Ein Abzählreim als Zufallsgenerator, der am Ende sagt, wer dran ist und wer nicht, wer draußen und wer drinnen ist. Es gibt sie überall, diese Reime. Manche sind schön klar und norddeutsch (eben: Ene mene muh), andere kann man beim besten Willen nicht verstehen. Ein schwäbischer Reim, den ich fand, geht so: „Enne denne dubbe denne - dubbe denne dalia - ebbe babbe bembio - bio bio buff.“ Ich meine, o.k., so sind sie halt, die Schwa-ben. Da halte ich es lieber mit den Schweden, bei denen klingt das so: „Ein König saß auf einem Faß, dann fiel er hinein und du musst's sein!“ Nur unter dem Strich geht es immer um eines: drinnen oder draußen, Außenseiter oder Insider.

Und das kann sehr schmerzhaft ausfallen. Draußen und nicht drinnen zu sein, ist ein großer Schmerz. Ein kleines Mädchen, das nach dem Umzug der Familie in eine neue Schule gehen musste, weinte bitterlich: niemand wählt mich in sein Team, niemand geht mit mir zum Essen, niemand lädt mich ein, mit niemandem kann ich richtig reden. Ich fühle mich wie eine kleine Maus, die kein Mauseloch hat. Draußen! Kaum etwas ist so verletzend wie das Gefühl: Ich darf nicht dazu gehören.

Und unser ganzes Leben besteht aus solchen Muster, die einen sind drinnen, die anderen draußen. Die einen dürfen bleiben, die anderen werden aus dem Big-Brother-Haus rausgewählt.

 

WAS IST EIN AUßENSEITER?

Irgendwie ist das doch ein Bild für vieles in unserem Leben: Die einen drinnen, die anderen draußen. Wie aber wird man ein Außenseiter? Ich meine jetzt, wirkliche Außenseiter, nicht so wie Hansa Rostock, wenn es um die Deutsche Meisterschaft oder den Klassenerhalt geht, oder Dieter Bohlen, wenn es um den Literaturnobelpreis geht. Ich meine auch nicht die DDR-Sendung „Außenseiter - Spitzenreiter“, die seit gut 35 Jahren etwas exzentrische Menschen vorstellt, die irgendetwas Besonderes wissen, tun, können oder so. Ich meine die, die richtig draußen vor der Tür sind, dort, wo es weh tut.

Wikipedia definiert das ganz klar:

  • Außenseiter sind zuerst einmal Leute, die sich nicht auskennen, die also keine Fachleute sind für bestimmte Themen. Wenn sich z.B. zwei Elektroingenieure unterhalten, könnten sie das ruhig auch auf Serbokroatisch tun, ich kriege eh nichts mit. Manchen geht es in der Kirche so; die Eingeweihten reden Kirchisch und der Rest versteht nichts mehr.
  • Außenseiter sind dann aber auch Leute, die außerhalb gesellschaftlicher Gruppen stehen. Da muss man wieder zwei Gruppen unterscheiden: die, die von anderen ausgeschlossen werden, und die, die sich selbst ausschließen, um z.B. einen anderen Lebensstil zu pflegen (Bsp.: Into the Wild). Ich bleibe beim ersten Fall: Menschen, die von anderen ausgeschlossen werden. Gründe dafür gibt es viele: Es kann darin liegen, dass sie als unsympathisch eingestuft werden. Es kann daran liegen, dass sie bestimmten Normen nicht genügen, nicht gut genug sind. Es kann auch daran liegen, dass sie fremd sind. Es kann auch daran liegen, dass sie ein kleines bisschen anders sind. Es kann auch daran liegen, dass sie ganz und gar normal sind, aber die herrschende Gruppe gerade mal das Bedürfnis hat, sich abzugrenzen, um sich selbst umso stärker und besser zu fühlen.

 

DIE SCHULE FÜRS LEBEN

Jetzt würde ich eine Wette eingehen, dass den meisten von uns, wenn sie anfangen darüber nachzudenken, die Schule einfallen würde. In der Schule wird ja für’s Leben gelernt: auch wie man die drinnen von denen draußen unterscheidet.

Marcel kommt aus einer armen Familie, die einfach kein Geld hat für Hennes & Mauritz, und Marcel trägt darum, was vorher schon Dennis trug und was vor Dennis auch Marko trug. Und er hat auch kein tolles Handy und keinen iPod. In der Klasse ist er einer von drei Außenseitern. Einer der Jungs hat zu ihm gesagt: du stinkst, eh. Nr. 1. Lena ist die zweite. Sie ist clever. Sie hat Spaß am Lernen. Und das Schlimme ist, es fällt ihr leicht, leichter als den anderen. Das kommt nicht gut an. Eine Freundin findet sie nicht. Die angesagte Clique in der Klasse meidet sie. Nr. 2. Nr. 3 ist Kathleen. Kathleen ist dick, also richtig dick, nicht nur so ein bisschen. Sport ist für sie eine Hölle. Im Sommer schwitzt sie stark. Neben ihr will keiner sitzen. Nr. 3. Marcel, Lena und Kathleen haben es nicht leicht in der Klasse. Sie sind in irgendeiner Hinsicht nicht wie die anderen, und die lassen sie spüren, dass es so ist. Kathleen beneidet die anderen und versucht, sich beliebt zu machen, macht anderen Kindern Geschenke, wirbt und bettelt, und wird doch immer wieder abgewiesen. Lena wird mutlos. Ihr bleibt, dass sie gut ist in der Schule und zu Hause hat sie auch Freundinnen. Und sie müht sich, immer besser zu werden. So kann sie es den anderen zeigen! In der Klasse aber wird sie immer schüchterner und ängstlicher. In den Pausen steht sie allein auf dem Schulhof. Marcel macht es nur wütend. Er ist sooo sauer auf die anderen. Was kann er denn dafür, dass kein Geld da ist? Wenn ihm einer zu nah kommt oder dumme Bemerkungen macht, fliegen schon mal die Fäuste. Mehr als ein Mal musste er deshalb zum Schulleiter. Die anderen in der Klasse wollen mit ihnen nichts zu tun haben. Zu Geburtstagen werden sie nie eingeladen. Im Internet schreibt ein Schüler: Das ist so, als ob man an der Tür klingelt und schon die Party hört, die dort abgeht. Und dann geht die Tür auf und jemand sagt: Party? Nein, hier ist keine Party! Sie mögen sie nicht, verstehen sie nicht.

Manche Außenseiter werden still, andere laut. Manche Außenseiter werden grau, andere schrill. Manche machen sich klein, so dass man sie nicht mehr sieht. Andere tun alles um aufzufallen. Es kommt immer auf dasselbe hinaus.

Alles nur erfunden? Nein, so ist, und so war es immer schon. Nichts mit der Romantik der Feuerzangenbowle! Als ich mit 10 Jahren ins Gymnasium kam, hatte ich einen klassischen Fehlstart. Ich war der einzige in der neuen 5. Klasse mit 50 Kindern, der aus dieser Grundschule kam. Am ersten Tag verwechselte ich gleich meinen Anorak mit dem eines anderen Schülers, der erstaunlicherweise noch kleiner war als ich. Ich saß in der letzten Reihe hinten rechts. Aber dann kam meine Stunde: der Klassenlehrer kündete das Fußballturnier der Unterstufe an. Das war meine Chance! Ich fand, dass ich ein richtig guter Fußballer war, erprobt in endlosen Schlachten auf dem Schulhof der Grundschule. Das machte irgendwie Eindruck, ich wurde Kapitän der Klassenmannschaft. Erstes Spiel: Unsere Klasse gegen eine der anderen fünften Klassen. Optimistisch hatte ich mich selbst als Stürmer aufgestellt. Zur Halbzeit stand es 0:6 und am Ende 0:13. Meine kurze Karriere endete abrupt und ich hatte erst einmal ziemliche Schwierigkeiten, bei irgendwelchen Fußballspielen noch in eine Mannschaft gewählt zu werden. Dann kam die erste Klassenfahrt. Ich war als 10jähriger nicht gerade mit Selbstbewusstsein gesegnet, mein Vater war im selben Jahr gestorben und ich war reichlich unsicher. Unser Klassenlehrer war der Meinung, uns für den nächsten Krieg vorbereiten zu müssen, denn die Russen würden bestimmt bald kommen. Also machte er interessante Geländespiele mit uns. Als wir über einen Baumstamm von einem Ufer zum anderen balancieren sollten, konnte ich es nicht. Ging nicht. Mitten auf dem Stamm saß ich fest, kam nicht voran und nicht zurück. Vor versammelter Klasse hat sich der Lehrer über mich lustig gemacht. Die Klasse zog eifrig mit. Die drei Jahre in der Unterstufe wurden die Hölle. Ich war draußen. In der 8. Klasse fand ich zum ersten Mal einen Freund, dann noch 2,3 andere; da ging es besser.

Alles nur erfunden? Wer ins Internet geht, in die Kummerkästen der Schüler, kriegt Geschichten ohne Ende, Geschichten vom drinnen und draußen, von der Bitterkeit, ein Außenseiter zu sein.

 

AUßENSEITER – EIN LEBEN LANG DASSELBE SPIEL

Schule für’s Leben. Denn im Grunde spielen wir diese Spiele dann ein Leben lang munter weiter. Manchmal sind wir die Opfer, manchmal sind wir die Täter. Aber das Spiel geht weiter: Die einen sind drinnen, die anderen draußen. Hast Du einen Platz für mich, einen Teller, einen Löffel, ein Wort, ein Lächeln, einen freundlichen Blick, eine Frage, wie es denn so geht, eine Hand, die mal hilft, ein bisschen Zeit für einen Kaffee, etwas Interesse?

Natürlich kann man es witzig angehen. Solange das geht, ist es gut! Männer z.B. können das ein bisschen üben, wenn sie auch einmal ausgegrenzt werden. Ein Mann betritt einen Buchladen und sagt zur Verkäuferin: „Ich suche das Buch ‘Der Mann – das starke Geschlecht’“. Sagt die Verkäuferin: „Science-Fiction steht in der Abteilung nebenan.“ Aber irgendwann ist es eben nicht mehr lustig:

Als ich im Kinderkrankenhaus arbeitete, habe ich eine neue Variante erlebt: Wer es schwer hat im Leben, wird doppelt bestraft. Nicht genug, dass es nicht gut läuft, die Welt reagiert auch noch mit Ausgrenzung. Eltern, deren Kind schwer krank war, erzählten: Am meisten neben der Krankheit verletzt uns, dass uns die anderen meiden. Freunde rufen nicht mehr an. Nachbarn fragen nicht. Menschen meiden uns. Und es ist doch so:

Zum Außenseiter werden die, die es nicht so packen, nicht über Baumstämme balancieren können, keine tolle Ehe hatten, im Beruf bestenfalls unterer Durchschnitt, nicht beredt, nicht gewandt, deren Kinder schwierig sind und die – wenn man sie einlädt – nur mäßig unterhaltsam sind.

Zum Außenseiter werden aber auch die, die vom Leben geschlagen sind. Wer schwer erkrankt! Krebs ist wie ein Makel, man meidet den Kranken, als wäre er ansteckend. Es gibt Krankheiten mit sozialen Nebenwirkungen: Man gehört mit ihnen schon nicht mehr zum Land der Gesunden und Lebendigen!

Auch Arbeitslosigkeit macht einsam. Wer sich nicht mehr leisten kann, was die bunten Bilder so verlockend zum Kaufen anbieten, wer sich nicht mehr raustraut unter die Menschen, wer nicht mehr bezahlen kann, was sich andere leisten, um mitten drin statt nur dabei zu sein. Draußen.

Und wer schuldig wurde, das ist am heftigsten. Wie viele Familien teilen sich selbst in Insider und Außenseiter auf – wobei es je auf den Blickwinkel ankommt, wohin wer gerade gehört. Da war mal was, ist die Antwort, wenn Jüngere fragen, warum der Onkel nie kommt, oder warum die Oma mit jener Tante nicht spricht, über sie aber nur Gift und Galle spuckt. Da war einmal was, und jetzt ist man drinnen und draußen, jedenfalls auseinander, durch einen Zaun getrennt, dazwischen ein Todesstreifen von Bitterkeit, Abneigung, Verletztheit. Und nur ganz gelegentlich gestehen wir uns ein Sehnen ein, es könnte wieder sein wie davor, es könnte wieder gut werden, versöhnlich, mit Vergeben und Vergessen.

Ein ernstes Thema. Das ist unsere Sehnsucht: Dazu gehören zu dürfen. Das ist unser Schmerz: Nicht dazu gehören zu dürfen. Das ist unsere Bosheit: Anderen den Zutritt verwehren. Für dich ist kein Platz an meinem Tisch!

 

WENN ES EINMAL ANDERS LÄUFT

Es gibt auch das andere – wenn es plötzlich einem Außenseiter gelingt, Insider zu sein. Es sind himmlische Momente, in denen das gelingt: Jake spielt American Football, das ist der Sport, bei dem es vor allem um Adrenalin und Testosteron geht, anders gesagt: Schrankförmige Männer in Raumanzügen rasen aufeinander los. Nein, im Ernst: Es geht darum, dass man einen Ball am Gegner vorbei zur Linie am anderen Ende des Felds bringt und dort auf den Boden wirft: Touch down. O.k. Jake spielt gerne Football. Jake ist aber geistig behindert. Er darf mit der Mannschaft trainieren, aber er darf nicht mitspielen, er könnte es auch gar nicht. Jake würde niemals ein Spiel mitmachen, das schien klar. In einer Partie aber hatte der Trainer eine Idee: Wenn das Ergebnis 1 Minute vor Schluss schon glasklar wäre, dann würde er Jake einwechseln. Genau das vereinbarte er mit dem Trainer der Gegner. Der war einverstanden. Das Spiel lief also. Dann: 1 Minute vor Schluss. Spielstand: 0:42. Das kann man glasklar nennen. Auszeit. Der Trainer will Jake einwechseln. Da winkt der Trainer der Gegner aufgeregt. Ist er doch nicht einverstanden? Was ist, fragt er. Da sagt der gegnerische Trainer: Wir wollen, dass Jake nicht nur ins Spiel kommt, er soll auch einen Ball zum Touchdown bringen, also punkten. Aber das haben wir nicht geübt, sagt der Trainer. Macht nichts, wir wollen es. Jake kommt ins Spiel, er ist total aufgeregt. Er bekommt den Ball und weiß nicht recht, was er machen soll. Da brüllen alle: zur Endzone, zur Endzone. Jake läuft in die falsche Richtung. Aber alle seine Kameraden zeigen auf die Endzone. Dahin, Jake, dahin. Und alle Spieler der gegnerischen Mannschaft zeigen auf die Endzone. Die Schiedsrichter zeigen auf die Endzone. Die Leute auf den Rängen machen ihm Mut. Und Jake geht langsam los, alle Spieler weichen sofort nach rechts und links, als stünden sie Spalier. Jake braucht 12 Sekunden. Touchdown. Die Zuschauer toben. Alle jubeln. Erwachsene Männer weinen. Knallharte Football-Profis umarmen sich. Wenn sie einmal alt sind und alles von diesem Spiel und von vielen Spielen vergessen haben, werden sie das nicht vergessen haben: wie Jake einen Touchdown machte. Ein Außenseiter wird zum Insider.

 

DER AUSSÄTZIGE UND DER GRENZÜBERSCHREITER

Ich möchte Ihnen erzählen, wie Jesus von Nazareth mit diesem Thema umgegangen ist. Sie sind in eine Kirche gekommen, und ich vermute, Sie bringen die Erwartung mit, hier etwas zu hören, was mit dem Glauben der Christen zusammen hängt und zugleich mit der Frage, die wir heute Abend zum Thema gemacht haben: Was also macht Jesus von Nazareth mit diesem Thema?

Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen, die einer der Jesus-Biographen, ein Mann namens Markus, in seinem kleinen Jesus-Buch festgehalten hat.

 

WAS AUSSATZ IST…

Sie handelt von einem namenlosen Menschen, irgendwo in Israel, der an Lepra erkrankt war. Aussatz nannte man das. Aussatz oder Lepra hieß damals, ein Unberührbarer zu sein. Wer Aussatz hatte, war dazu verdammt, außerhalb der Gemeinschaft zu leben, oft in der Einöde, in erbärmlichen Verhältnissen.Kam jemand versehentlich in seine Nähe, musste er „unrein, unrein“ rufen. Außenseiter, sozial gesehen! Nie wieder ein Kuss der Liebsten. Nie wieder eine Umarmung eines Freundes! Dazu kam die Krankheit, erst Schmerzen in den Gelenken, dann Flecken und Knoten im Gesicht. Es bilden sich stinkende Geschwüre. Die Stimmbänder können befallen werden, die Stimme wird rauh und heiser. Tastsinn und Schmerzempfinden gehen verloren. Nachts können die Ratten kommen und die Extremitäten der Kranken abnagen – sie spüren es nicht einmal. Außenseiter, ruinierte Gesundheit, abstoßend anzusehen. In einer religiösen Gesellschaft kam noch etwas hinzu: Wer Aussatz hatte, war ausgeschlossen, auch vom Gottesdienst. Er galt als von Gott geschlagen und bestraft. Ein Fluch schien auf ihnen zu liegen. Außenseiter, von allen guten Geistern verlassen. Alles zusammen brüllt: Nicht berühren, kein Kontakt erwünscht!

Das müssen wir wissen, um zu verstehen, wie ungeheuerlich die Begebenheit ist, von der Markus erzählt:

 

DAS ERSTE WUNDER: DER AUSSÄTZIGE WAGT ES, AUF JESUS ZUZUGEHEN

Dieser Aussätzige, Leprakranke riskiert etwas. Er nähert sich Jesus – erster Regelverstoß! Er fällt vor ihm auf die Knie. D.h. er sieht in Jesus mehr als einen gewöhnlichen Menschen. Und dann bittet er diesen Fremden: Wenn du willst, dann kannst du es. Was? Mich rein machen. Ich bin schmutzig und fühle mich auch so. Du kannst mich reinigen, und das heißt: zurückbringen in die Gemeinschaft von Gott und Menschen. Du kannst es! Irgendetwas an diesem Jesus muss den Aussätzigen berührt haben. Irgendetwas hat eine kleine Hoffnung in sein Innerstes gepflanzt: Er kann es! Er kann es! Aber ob er es will?

Verstehen Sie, das alles geschieht zu Beginn der öffentlichen Wirksamkeit des Jesus von Nazareth. Er hatte seine Karriere als wandernder Prediger und Heiler gerade erst begonnen. Es gab noch keine Kirchen, keine christlichen Lehren, Jesus war noch lange nicht die Überfigur der Weltgeschichte. Nichts davon. Vielleicht sagen Sie, die ganze Sache mit Gott ist mir fremd, ich kenne mich da nicht so aus. O.k., dann haben Sie viel mit dem Helden unserer Geschichte gemeinsam: Er kannte sich auch nicht aus. Er wusste nicht, was jetzt passieren würde. Er hatte keine Ahnung, nur ein ganz klein bisschen Hoffnung.

Aber er tut etwas Entscheidendes: Er, der Außenseiter, bleibt nicht länger in der Defensive. Er hockt nicht in seiner Höhle und resigniert. Er ergreift die Initiative und riskiert wieder etwas. Er nimmt sein kleines bisschen Mut zusammen und geht auf Jesus zu. Das ist das erste Wunder in dieser Geschichte. Ein Mensch bleibt nicht brav das Opfer, sondern bricht wieder auf. Ich möchte Sie fragen: Haben Sie diesen Mut noch? Lassen Sie sich anstecken von solcher Tapferkeit? Lassen Sie sich in diese Geschichte verwickeln und herauslocken: Ich will mich nicht beugen und ergeben, ich will wieder nach Lösungen suchen!?

 

DAS ZWEITE WUNDER: JESUS LÄSST SICH BERÜHREN

Aber was wird jetzt geschehen? Hast Du einen Platz für mich? Ein Wort? Eine Geste? Eine Berüh-rung gar? Am Ende sogar – Hilfe und Heilung?

Markus schreibt: Es jammerte Jesus. Nun sind diese Geschichten immer mehrfach überliefert: In einer anderen Handschrift heißt es: Jesus wurde zornig. Beides trifft, worauf es jetzt ankommt. Jesus weist diesen Menschen nicht zurück. Er ist nicht unnahbar, wie die Großen dieser Welt es sonst sind. Er ist zugänglich, lässt sich unterbrechen. Und dabei bleibt es nicht: Er lässt sich selbst berühren vom Schicksal dieses Menschen. Es jammert ihn. Es tut ihm selbst weh. Er empfindet tiefes, echtes Mitgefühl. Es ist nicht Ekel, der sich ihm hier in den Magen bohrt, es ist Zorn über das, was dieser Mensch durchmachen muss: krank, entstellt, ausgesondert und im Stich gelassen. Es ist ein unendliches Mitleiden mit dieser leidenden Kreatur. Und so durchbricht er schon die Isolation dieses Menschen. Er rückt nicht ein paar Scheine heraus und verliert nicht ein paar schnelle Worte: Er lässt es sich zu Herzen gehen. Er lässt sich hineinziehen in die Geschichte dieses Menschen.

Ich glaube, es fällt keinem von uns schwer nachzuempfinden, was das bedeutet. Egal wie religiös oder ungläubig wir sind, das können wir wohl mitfühlen: Hier passiert etwas Großes! Man kann ja sonst den Eindruck haben: Je frömmer es wird, desto unnahbarer und unzugänglicher werden Menschen. Jesus war wohl der zugänglichste und nahbarste Mensch, den es je gab. Ohne einen Termin zu haben, ohne erst sich durchkämpfen zu müssen, steht dieser Ausgestoßene vor Jesus und findet dessen Herz.

Aber was Markus sagen will, geht darüber hinaus: So ist es, will er sagen, wenn wir es mit Gott zu tun bekommen. So und nicht anders: Du bist kein Außenseiter, wenn es um das Interesse und die Aufmerksamkeit Gottes geht. Du bist nicht zu unwichtig. Du bist nicht zu isoliert und verachtet. Du bist kein Außenseiter. Du kannst jederzeit vorgelassen werden zur höchsten Autorität, und Du wirst Gehör finden. Und Du wirst nicht nur Gehör finden, sondern tiefes Mitgefühl. Und Du wirst nicht nur Mitgefühl finden, sondern starke Hilfsbereitschaft. Und Du wirst vieleicht zum ersten Mal wieder spüren, was es heißt: dazu zu gehören und nicht ausgeschlossen zu sein.

Es ist nicht wie bei jener Familie, in der die Kinder vergeblich versuchen, den Papa aus dem Mittagsschlaf zu wecken. Aber der Vater wollte sich nicht wecken lassen. Also stellte er sich weiter schlafend, mit der vagen Hoffnung, die Kinder würden irgendwann aufgeben und er könnte noch ein bisschen weiter schlummern. Bis die Fünfjährige zu ihm hinschlich, besorgt ein Augenlid fasste und hochzog, aufmerksam hineinschaute und dann sagte: Ich glaube, er ist noch da drinnen!

Aber lassen wir uns davon berühren? Dass es da einen gibt, der Himmel und Erde in seinen Händen hält und gleichwohl ein Herz für uns hat, wenn wir ihm erzählen, wie es uns geht, und was uns zu-stieß? Dass es ihn kümmert und schmerzt? Dass Gott weniger der große Weltenlenker ist als der mit dem großen Herzen für das, was uns so weh tut? Und dass er uns das auch spüren lassen möchte? Wie? Nun, zum einen manchmal direkt, weil wir merken, wir sind nicht mehr nur „draußen“; hier tut sich uns eine Tür auf zu größter Aufmerksamkeit, Zuwendung und Hilfsbereitschaft. Und zum anderen ist das der Sinn des himmlischen Bodenpersonals, Menschen etwas spüren zu lassen vom großen Herzen Gottes. Dazu gibt es, anders gesagt – und entgegen anderer Erfahrung – dazu gibt es die Gemeinde des Jesus Christus. Dass Menschen spüren und erleben: Auf mich kommt es an.Ich zähle. Ich bin nicht ausgeschlossen, sondern eingeladen. Die Türen zu Gott und seiner Gemeinde stehen mir offen. Es gibt einen Ort auf der Erde und eine Adresse im Himmel, bei der ich kein Außenseiter bin! Könnte es sein, dass sich für Sie heute Abend die Tür zu dieser Wirklichkeit einen Spalt weit öffnet?

 

DAS DRITTE WUNDER: JESUS BERÜHRT, HEILT UND MACHT STARK

Damit schließt diese Geschichte. Jesus tut, was er fühlt: Er berührt diesen Unberührbaren. Verstehen Sie, von ihm wird auch erzählt, er habe gelegentlich nur durch ein schlichtes Wort Menschen gesund gemacht. Aber hier, bei diesem Mann, kommt alles auf die Berührung an. Das Verbotene, Gefährliche und Unsagbare geschieht: Höchste Infektionsgefahr. Aber nicht der Kranke infiziert Jesus, sondern Jesus infiziert den Kranken. Ansteckende Gesundheit ergreift den Aussätzigen.

Interessant ist, was dann geschieht: Jesus schickt ihn weg. Er lässt ihn nicht als dankbaren Diener mit sich ziehen. Er schickt ihn zurück. Zurück in sein Dorf. Zurück zu seiner Familie. Zurück in die alten Verhältnisse. Dem Außenseiterschicksal wird endgültig ein Ende gemacht. Und wieder liegt die Initiative beim Ex-Aussätzigen. Jesus hat ihn berührt und geheilt, jetzt ist er stark genug, um seine Beziehungen zu kämpfen. Jetzt hat er die nötige Ausrüstung, sich zurückzuarbeiten in die Gemeinschaften, die ihn ausgestoßen hatten. Die Begegnung mit Jesus hat ihn stark gemacht. So ist das, die Begegnung mit Jesus macht nicht schwache, abhängige, kleine, graue Menschen, sondern starke Menschen. Denen traut Jesus viel zu und mutet ihnen einiges zu. So ist das – bis heute!

Diese Geschichte wollte ich Ihnen erzählen. Von einem, der zum Außenseiter wurde, aber den Mut fand, nicht zu resignieren. Von Jesus, der sich von diesem Schicksal anrühren ließ und uns zeigt, wie es um Gott bestellt ist. Und von Jesus, der einen unberührbaren Menschen umfängt, heilt, stark macht und aus der Isolation befreit.

Sie sind in eine Kirche gekommen. Sie wussten: Hier kommt eine andere Dimension ins Spiel. Sie werden über diese andere Dimension sehr verschieden denken. Natürlich könnte ich Ihnen jetzt zum Schluss sagen: Das alles ist ein tolles Vorbild. Wenn Sie selbst sich als Außenseiter empfinden, dann machen Sie es wie dieser Aussätzige, lassen sich nicht entmutigen und gehen immer wieder tapfer auf andere zu. Und wenn Sie andere ausgegrenzt haben, wenn Sie alte Schuld nicht verzeihen können, wenn Sie den, der fremd, anders, schwach, seltsam, krank ist, nicht leiden können, dann nehmen Sie sich doch ein Vorbild an Jesus, wie er die Grenzen des Ekels und der Konvention überwand und so viel Gutes damit bewirkte. Vielleicht könnte ich auch noch sagen: Und in der Kirche sollen Sie das erleben. Sie sollen erleben, dass Sie hier nicht Außenseiter sind. Auch wenn Sie nicht fromm sind! Auch wenn Ihnen das noch alles fremd ist! Auch wenn Sie ein schwieriges Leben mitgebracht haben. Wir wollen, dass Sie hier Gemeinschaft erleben, nicht Ausgrenzung, Respekt, nicht Verachtung, Interesse, nicht Gleichgültigkeit, Aufmerksamkeit, nicht Übersehenwerden. Und wissen Sie, das alles will ich Ihnen heute auch von Herzen gerne sagen. Es sind ein paar Ansätze von Antworten auf die Frage, wie wir denn klar kommen können mit diesem Thema „Außenseiter“ und „Insider“.

Aber es wäre nicht genug. Ich würde Ihnen das Entscheidende vorenthalten. Ich würde Ihnen vor-enthalten, dass Jesus sich danach sehnt, mit Ihnen in Kontakt zu kommen. Ich würde Ihnen nur die vorletzten Antworten geben. Aber das ist es, was wir zu sagen haben: Uns ist aufgegangen, dass es einen gibt, der unendlich darunter leidet, wenn er in unserem Leben Außenseiter bleibt. Jesus leidet, wenn er keinen Zugang bekommt zu Ihrem Leben und Sie nicht mit seinem ganzen Mitgefühl und seiner Hilfe beschenken kann. Jesus lässt es nicht nur zu, er bittet darum, dass wir uns miteinander aufmachen. Er hat einmal gesagt: Kommt doch her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erfrischen und stärken. Er hätte auch sagen können: Kommt doch her, ihr Isolierten und Ausgegrenzten. Bei mir sollt Ihr Frieden finden, weil Ihr wisst: Wir gehören dazu. Wir haben einen Platz am Tisch. Am Tisch Gottes. Am Tisch der Gemeinde. In der Zeit. Und für immer. Den nimmt uns auch keiner mehr. Und da wachsen uns die Kräfte zu für dieses Leben.

Vielleicht ist Ihnen das ganz fremd. Wenn ich Ihnen sagen, dass Jesus Sie liebt, ist das vielleicht etwa so bedeutend, als hätte ich gesagt, dass King Kong Sie liebt. Weil Sie mit diesem Namen noch nichts verbinden, und er noch nichts in Ihnen zum Schwingen bringt. Vielleicht hat Sie aber die Geschichte ein wenig neugierig gemacht, die Markus erzählt hat. Vielleicht möchten Sie mit uns darüber reden – das tun wir gerne! Vielleicht wagen Sie es aber auch, wie der Mann in der Geschichte, ein erstes Gespräch mit Gott anzufangen und ihm zu erzählen, wo Sie ausgegrenzt und zum Außenseiter gemacht wurden. Ein erstes tastendes Reden mit einem, von dem es ja sein könnte, dass er da ist. Ich will nur noch sagen: Jesus wartet darauf und ist mehr als bereit, Ihnen zu sagen: Bei mir bist Du kein Außenseiter. Das ist gewiss wahr oder: AMEN.