GreifBar am 06.04.2008
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Warum hängt der da?
Predigt bei „GreifBar“
Jacobikirche. Greifswald. 6. April 2008.
Jesus von Nazareth hat schutzlos gelebt,
von Anfang an und sein Leben lang und bis ganz zum Schluss.
Das ist noch kein Satz des Glaubens, sondern eine einfache Feststellung.
Als er, so menschlich, in dieser Welt lebte, historisch,
vor etwa 2000 Jahren, in Israel, lebte er schutzlos.
Sein Leben lang obdachlos, von Geburt an, immer unterwegs.
Er zog durchs Land ohne festen Wohnsitz.
auf Gastfreundschaft und Wohlwollen und Hilfe angewiesen.
Seine Geschichte hat sich nicht auf dem Mond ereignet.
Sondern mitten in dieser Welt. Und hier nicht irgendwo,
sondern die Ortsnamen, die im Zusammenhang mit ihm erwähnt werden,
sprechen Bände; sind Orte, die immer wieder in den Nachrichten zu hören sind.
Jerusalem, Tiberias, Bet Saida, die Golanhöhen.
In Kana, wird erzählt, wurde einst Wasser zu Wein.
Und in Kana, wird berichtet, wurde Wasser zu Blut.
Jesus ist nicht über diese Erde stolziert, nie bloß über uns hinweggegangen,
sondern hat sich tief in sie eingegraben.
Damals, er hat nicht weit ab von der Gewalt und der Tagespolitik gelebt; sondern mitten drin.
In besetzten Städten, in Angst und Schrecken versetzt.
Dort wurden seine Ideen bekannt, seine Worte berühmt,
sprach sich seine Art herum, seine Taten.
Orte sind nicht nur Namen. Mit Orten verbinden sich Geschichten.
So wie Schalke nicht einfach ein Ort bei Gelsenkirchen ist.
Und Woodstock nicht nur eine große Wiese bei New York.
Canossa nicht nur ein Schloss in Norditalien.
Und Hiroshima nicht nur ein Ort. Und Auschwitz nicht nur ein Ort.
Jerusalem ist nicht nur ein Ort.
Sondern ein Ort mit Geschichte.
Hier lebte er. Schutzlos.
Er hat auf den Schutz, den eine Familie bietet, verzichtet.
Er hat den Schutz, den Eigentum herstellt, nicht gewollt.
Er hat Geschichten erzählt und gute Frage gestellt und dann doch den Schutz der überlegenen Redekunst nicht angewandt, sondern geschwiegen.
Er hat ausdrücklich auf den Schutz durch Waffen und Heere verzichtet.
Das Besondere ist: er hat immer mehr freiwillig so schutzlos gelebt.
Seine Schutzlosigkeit, so verstehe ich sie, bedeutete einmal:
Zugänglichkeit. Weil er unter Menschen lebte und das Leben mit ihnen teilte, offen für ihre Nöte, egal wie reich diese Menschen waren, wie alt oder jung,
wie gebildet, egal, welche Hautfarbe oder Religion
oder aus welchem Landstrich sie kamen.
Und diese Schutzlosigkeit bedeutete außerdem:
Sichtbarkeit.
Man kannte ihn, wusste, wo er zu finden war, wusste, wofür er steht,
er war angreifbar, weil er sich zur Debatte stellte; man kannte sein Gesicht,
er hat sich nicht versteckt: seine Meinung nicht, seine Liebe nicht versteckt, sondern Liebe demonstriert, gezeigt, öffentlich gemacht. Er war angreifbar.
Seine Sichtbarkeit und Zugänglichkeit führten ihn immer weiter aus der Provinz, wo er aufgewachsen war, Galiläa, Palästina, schließlich bis in die Stadt.
Nach Jerusalem.
Aus der ländlichen Synagoge in den Tempel,
Wäre er auf dem Land geblieben, die Geschichte hätte anders ausgehen können.
Auf dem Land, ach, da war er wohl aufgefallen, aber er war nicht weiter gefährlich. Spinner gibt es immer Mal wieder; Idealisten auch.
Aber dann hatte er eines Tages gesagt:
Kommt! Jetzt gehen wir nach Jerusalem!
Ort mit Geschichte.
Was sich in unseren Ohren mehr anhört wie ein harmloser Vorschlag,
irgendein Reisesziel, muss sich schon in den Ohren der Menschen,
die Jesus nachfolgten, ganz anders angehört haben.
Jerusalem? Ok. Dann wird es eng. Schluss mit gemütlich.
Denn da gibt es gar kein Verstecken mehr.
In Jerusalem sitzen nämlich die Mächtigen:
Und zwar gleich zwei Sorten:
Die politischen Militärs und die religiösen Päpste.
Die Besatzungsmacht, das Römer-Regime.
Und die Religionselite, die Oberpriesterkaste und der ganze Apparat. Finanzhoheit, Wirtschaft, Militär, Gerichtsbarkeit, Kontrolle, Machtzentrale.
Denen darf man nicht ins Gehege kommen.
Ja. Es wurde enger.
Und er liebte weiter.
Es wurde noch enger. Man bespitzelte ihn. Beobachtete jetzt genau.
Pläne, ihn verschwinden zu lassen. Verabredungen hinter seinem Rücken.
Anordnungen von höchster Stelle: Behaltet den Unruhestifter im Blick!
Bestechung. Falsche Zeugen.
Das hört sich nicht wie eine alte Geschichte an.
Ja, man wünschte fast, es wäre so. Aber leider ist sie topaktuell.
In sehr vielen Ländern dieser Erde kann es auch heute momentan passieren,
dass die Freunde des Diktators einen nachts abholen
und wegbringen; und niemand weiß, wohin.
Oder in anderen Ländern, da wirst du nicht gefoltert und nicht ermordet,
aber da kann die Presse dich fertig machen, bis du tot bist.
In Birma verschwinden Menschen, in Gefängnissen ohne Prozess;
nichts dringt nach draußen; die Grenzen sind dicht, die Medien halten dicht;
gnadenlos, keine Lücke;
der Widerstand setzt auch hier auf Protest ohne Gewalt.
Und wir fiebern mit, ob die sich nach Freiheit sehnen, durchhalten.
Es wird enger für Jesus. Er liebt weiter.
Er hat sich immer weniger versteckt. Und das war gefährlich.
Warum eigentlich?
Man wurde um das Jahr Null nicht ermordet,
weil man sich für einen von Gott Gesandten hielt.
Jesus war längst nicht der Einzige, vom dem man das behauptet hat.
Man wurde nicht gehasst, weil man von Liebe redete.
Ach, Mensch, wer hat über die Jahrhunderte nicht alle die Liebe beschworen.
Man wurde nicht aus dem Weg geräumt,
weil man sich mit einer Gruppe von Schülern umgab,
Jüngerinnen und Jüngern, Fans und Nachfolgern…
andere Propheten vor ihm haben das auch schon so gehandhabt.
Auf dem Land ist das alles ungefährlich.
Religiöse Idealisten gründen ihre Sondergemeinschaften.
Israel hat schon viel erlebt. Das geht wieder vorbei.
Aber nach Jerusalem zu gehen, bedeutet:
Einen Anspruch deutlich zu machen.
Mit Jerusalem verbinden sich Hoffnungen, Erwartungen.
Der Befreier, Messias, sollte sich hier zeigen.
Jesus musste ahnen:
Wenn er das, was er bisher auf den Hügeln und Wiesen Galiläas, gesagt hat, jetzt in Jerusalem wiederholt, im Tempel, dann wird es eng.
Lebensgefährlich wahrscheinlich.
Denn Menschen erkannten Gott in ihm.
Er war so menschlich, dass es göttlich war!
In einzigartiger Weise.
Sie erlebten seine Art und merkten:
Jesus offenbart uns etwas von Gott:
Jesus machte nicht nur sich selber schutzlos und sichtbar und zugänglich,
er machte auch Gott sichtbar und zugänglich.
Jesus demonstrierte mit seiner Schutzlosigkeit:
Gott ist zugänglich.
Das ist ein anderes Wort für gnädig.
Zugänglich; Lücke im System, Fenster am Himmel, Tür in der Mauer.
Das störte die Gnadenlosen.
Die, die immer ganz genau wissen, wer dazugehört,
wer rausgeschmissen wird, wer es eh nicht schafft, nicht gut genug ist.
Gott wird sichtbar für uns. Gott vertraut sich uns an.
In Jesus verzichtet Gott auf alle Gewalt.
Und hätte er noch so guten Grund dafür,
zu strafen oder seine Stärke zu demonstrieren. Er verzichtet.
Er tut es einseitig und ohne darauf zu warten,
dass wir zuerst die Waffen weglegen.
Gott rüstet in Jesus, dem Menschen aus Nazareth, ab.
Er fing damit an. Er droht nicht mit dem Tod.
Er liebt. Macht sich angreifbar.
Ja, Gott macht sich liebbar.
Das ist der Moment der Sehnsucht nach wahrer tiefer Berührung.
Diese Liebe ist entwaffnend. Sie lockt uns. Sie wärmt.
Sie zeigt: Lieben heißt: sich nicht zu verstecken.
Sondern da zu sein für den anderen. Unbedingt.
Jesus, der Mensch aus dem Herzen Gottes
liebte das Gottvertrauen in das Herz der Welt.
Konsequent liebte er weiter.
Als man ihn schließlich verhaftete, hat er sich nicht gewehrt.
Sondern hat auch in dem Moment noch konsequent auf Sicherheit verzichtet.
Einer seiner Freunde wollte ihn verteidigen, mit einem Schwert
und da ermahnte Jesus ihn, es nicht zu tun.
Und doch behandelten ihn die Mächtigen wie einen Gewaltverbrecher.
Wie einen, von dem man äußersten Widerstand erwarten muss.
Wie einen Terroristen.
Sie trauten sich nicht, ihn zu verhaften.
Und dann kamen sie in der Nacht, mit einer Truppe,
mit Schwertern und Stöcken und nahmen ihn heimlich mit.
Jesus wurde verurteilt in einem kurzen Prozess,
gefoltert und dann öffentlich mit der Todesstrafe gerichtet.
Er lehnte ab, sich zu wehren; verzichtete auf die natürliche Reaktion,
wenn man angegriffen wird, zurückzuschlagen
und hofft auch nicht auf das Eingreifen der höheren Macht, drohte nicht.
Mir ist vollkommen schleierhaft, wie man im Namen von Jesus
immer wieder und bis heute Gewalt rechtfertig konnte, Krieg sogar.
Jesus demonstrierte mit seiner Schutzlosigkeit
eine beeindruckende Unabhängigkeit von den gängigen Sicherheitssystemen. Man ahnte wohl:
So sichtbar kann nur einer sein, der eine ganz andere Geborgenheit kennt.
Eine innere Stärke, die unabhängig ist von äußeren Sicherheiten.
Große Seele, Geheimnisbewohner, Jesus –
birgt sich in der unsichtbaren Kraft, die wir „Gott“ nennen.
In dieser Woche jährte sich zum 40. Mal
der Todestag von Martin Luther King.
Am 4. April 1968 sprach er von einem Traum von Gerechtigkeit.
Gewaltlos trat er dafür ein.
Und bekannte, woher er seine innere Stärke nahm:
Von Jesus, de rein Mensch war wie ein Lamm.
Und wenn alle mit den Wölfen heulten – er vertraute sich ihm an.
Der jesuanischen Kraft, die ihn so überzeugte, so beseelte,
dass er alles geben konnte.
Lebensgefährlich, immer wieder; auch für ihn.
Du kannst das nur ablehnen, den Kopf schütteln und dich abwenden,
oder du bleibst fasziniert stehen und willst mehr wissen.
Und so beobachteten viele Menschen seinen Tod, aus sicherer Entfernung.
Sie sehen ihn hängen.
Zwischen Himmel und Erde.
An einem Kreuz, Übliche Foltermethode seiner Zeit.
Und sie sind gleichzeitig abgestoßen und angezogen.
Ängstlich und fasziniert.
Was sehen sie? Woran denken sie?
An Berührungen, Gespräche, Wunder? An ihre Hoffnung?
An seine Worte? Was für ihn das Wichtigste war?
Die Liebe?
Wie er Gott liebte, wie nah und wie respektvoll er von ihm sprach.
Die Gottesliebe verlieh seinem Leben Glanz.
Wie er seine Nächsten liebt, alles für sie gab, wie zugänglich er war, wie liebevoll.
Und wie er gleichzeitig sich selbst liebte, auf sich achtete,
ruhte, seine Ideale ernst nahm, Würde ausstrahlte; um seine Identität wusste.
Und? Wie er seine Feinde liebte, sie mit Liebe entfeindete;
und immer, bis jetzt, mit einschloss in den Wunsch nach Vergebung.
In vier Richtungen zeigt das Kreuz.
Vierfach ist die Liebe ganz.
+
Und in der Mitte hängt er.
Der Mensch, der voll und ganz liebte.
Jetzt hängt er da.
Seine Schutzlosigkeit gipfelt darin, dass er an einem Kreuz stirbt.
Dass er ausgeliefert hier hängt, so dass ihn alle sehen können,
fast nackt, Gespött der Leute, ausgestreckt, ohne Bettdecke;
kein Sterbezimmer,
keine Wand, zu der man sich wegdrehen könnte, um seine Tränen zu verbergen, sondern total sichtbar, vollkommen schutzlos, brutal unversteckt.
Was denken sie? Die vorbeikommen?
Einer bleibt stehen, sieht zu ihm auf, und sagt einen erstaunlichen Satz:
Dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen.
Das Wesen Gottes ist die Liebe – und Jesus ist eins mit ihm.
War Jesus denn in diesem Moment beeindruckend?
Er war doch ohnmächtig.
Vielleicht hatte er „wahre Größe“.
Aber: Was meinen wir damit?
Es gibt einen Unterschied zwischen Macht und wahrer Größe,
zwischen äußerer Stärke und innerer Kraft.
Macht hat die Dinge unter Kontrolle. Größe verändert die Dinge.
Macht braucht Zwang, Größe bewirkt Begeisterung.
Pilatus, der ihn hinrichten ließ, der hatte grausam viel Macht;
Jesus aber zeigte Größe.
Die Südstaatengouverneure hatten Macht, Martin Luther King hatte Größe.
Ja, man hat die Mächtigen vergessen
niemand kennt überhaupt noch ihre Namen,
erwähnt werden sie nur im Zusammenhang mit den wirklich Großen.
Jesus war schwach, ausgeliefert, hatte Todesangst, Schmerzen, blutete,
hatte Durst, bekam keine Luft mehr.
Und jetzt schreit er:
Warum? Mein Gott? Hast du mich verlassen?
Ja, es ist noch schlimmer für ihn geworden:
Auch seine Seele hat ihre Sicherheit verloren,
hat kein Dach mehr, keinen Schutz.
Er schreit zu seinem Gott, fragend: Warum?
Warum lässt du mich so hängen? Warum lässt du mich hier so hängen?
Lässt du mich hier so hängen? Hast du mich denn verlassen?
Letzte Worte großer Menschen sind wichtig.
Letzte Worte: das, was ein Mensch im Angesicht seines Todes der Nachwelt
als Quintessenz, als abschließendes Fazit, seines Lebens hinterlässt.
Letzte Worte zeigen, woran man hängt, gehangen hat.
Dietrich Bonhoeffer, deutscher Theologe und Widerstandskämpfer
gegen den Nationalsozialismus, sagte vor seiner Hinrichtung diesen Satz:
„Das ist das Ende. Für mich der Beginn des Lebens.“
Johann Wolfgang von Goethe, deutscher Dichter, rief nach mehr Licht.
Charlie Chaplin, britischer Schauspieler, hörte noch wie der Priester sagte:
„Gott sei deiner Seele gnädig!“ und meinte daraufhin:
„Warum nicht? Schließlich gehört sie ihm.“
Humphrey Bogart, amerikanischer Schauspieler, sagte als Letztes:
„Ich hätte nicht von Scotch zu Martinis wechseln sollen.“
Nancy Astor, britische Politikerin, fragte, an ihre Familie gewandt,
die versammelt um ihr Sterbebett stand:
„Sterbe ich oder ist heute mein Geburtstag?“
Albert Einsteins letzte Worte sind leider nicht überliefert,
weil die Krankenschwester, die ihn pflegte Amerikanerin war
und seine deutschen letzten Worte leider nicht verstehen konnte.
Buddha gab, wie man es wohl für einen Religionsstifter als angemessen empfindet, noch einen letzten Appell weiter: „Bemüht euch, unablässig achtsam zu sein.“
Und Jesus von Nazareth, Wanderprediger und ebenfalls Religionsstifter,
fragte bei seiner Hinrichtung: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Letzte Worte können viel aus der Seele eines Menschen offenbaren.
Wie ein Mensch stirbt kann viel darüber sagen, wie dieser Mensch gelebt hat. Wo seine Hoffnung liegt, seine Stärke;
ob er auf Ewiges vertraut oder auf Menschen hofft,
ob er ablenken muss oder sich dem Tod stellen kann.
An wen er sich hängt?
Von wem er ganz am Ende Hilfe erwartet, Antwort, Liebe, Willkommen.
Kennen sie diese Frage:
Warum?
Warum ich? Warum musste das geschehen? Warum so früh? Warum zu spät?
Warum, mein Gott?
Kennen sie diese Erfahrung:
Das Gefühl, dass einen alle hängen lassen?
Und die verzweifelte Frage nach Gott und seinem Eingreifen in der Luft hängt?
Oder unter der Zimmerdecke?
Oder an einem leeren Himmel ohne Zeichen.
Und da hängt Jesus.
Und fragt: Warum?
Das ist keine Antwort auf unsere bitteren Fragen.
Aber: Hier ist einer, der mit-schreit.
Ich weiß, ich kann nur schwer vermitteln, Ihnen kaum sagen, was mir das bedeutet.
Er schreit mit uns mit. Leidet mit dir mit.
Er hängt da. Und ich hänge mich an ihn dran.
Und weiß:
Hier werden meine Fragen geteilt. Durch seine Wunden sind wir geheilt.
Er weiß, er versteht, nicht theoretisch, sondern wahrhaftig.
Er weiß, was Einsamkeit ist. Verlassenheit. Tränen.
Seine Freunde haben kein einziges Versprechen gehalten.
Er kennt Liebe. Abschied. Enttäuschung.
Er weiß, was es heißt, verzweifelt zu beten, Gott möge doch eingreifen
und einen anderen Weg finden.
Er weiß, was es heißt, ein Mensch zu sein.
Er kennt das Leben mit seinen vielen Irritationen.
Er teilt es mit dir.
Er lässt dich nicht… alleine hängen.
Gerade in den dunklen Momenten, ist er nah.
Eben sogar diese schwerste Frage stellt er mit dir mit: Warum, mein Gott?
Er hängt da. Und ich hänge mich an ihn dran.
Ich habe hier eine tiefe Erfahrung gemacht:
Manchmal gibt es wirklich nichts und niemand,
der dich über den Schmerz hinwegtrösten kann.
Aber Jesus tröstet mich nicht über mein Leid hinweg,
er tröstet mich zu sich hin. Zu sich hin.
Oh ja. Ich kenne das Suchen, das Fragen. Das Ringen.
Nach der Macht Gottes.
Und es scheint mir, dass er, wenn es ihn denn gibt,
so ohnmächtig ist in dieser Welt.
Und da entdecke ich die Ohnmacht von Jesus am Kreuz
und entdecke darin ganz überraschend verrückt die Macht des Trostes,
die Macht der Liebe und der Nähe.
Viele starben so, Helden, Märtyrer, er starb und liebte weiter.
Diese Liebe macht den Unterschied.
Er starb nicht gegen(!), sondern für uns, für alle, aus Liebe, ohne Ende.
Die Macht der Liebe. Die Größte. Die stärkste der Welt.
Nicht wegzudenken – dieser Gegenentwurf.
Das zeigt seine wahre Größe. Und eine unglaubliche Kraft.
„Unsere Waffe ist keine zu haben“, sagte Martin Luther King.
Die Waffe von Jesus ist, keine zu brauchen.
Deshalb ist er so entwaffnend. So faszinierend. So anders.
Und jetzt?
Ich habe zunächst nur eine Frage gefunden.
Und vor allem: Ich habe jemanden gefunden, der sie mit mir mitfragt.
Und ich erwarte – mit ihm mit – dass Gott antwortet.
Das Warten kann einem lang werden.
„Ewig und drei Tage“ warten, sagen wir.
Ich hab mich schon oft gefragt, woher eigentlich diese drei Tage kommen.
Und jetzt? Siegt die Liebe, oder siegt der Tod?
Jesus hing am Kreuz. Wie meine Frage in der Luft.
Der Schrei „Warum, mein Gott?“ hallte über den Berg Golgatha.
Und er starb und sagte ganz zum Schluss, beim Ausatmen
noch einen Satz: Vater, ich vertrau mich deinen Händen an.
Das ist so absurd. So anders.
Du kannst das nur ablehnen, den Kopf schütteln und dich abwenden,
oder du bleibst fasziniert stehen und willst mehr wissen.
Denn, wenn es nicht absurd ist, dann weiß dieser Mensch ein Geheimnis.
Nicht zu erklären, dann wäre es keins,
aber doch zu erleben:
Große Seele, Geheimnisbewohner,
Jesus birgt sich in der unsichtbaren Kraft, die wir Gott nennen.
Gibt es noch mehr zu wissen?
Ja. Wirklich.
Jesus grub sich tief in die Erde ein. Er ließ sich richtig runterziehen.
Er ging durch die Hölle. Das meint:
Er begab sich in die dunkelsten Erfahrungen dieser Erde
und in ihre tiefste Verlorenheit und Verlassenheit.
Und dort, wo der Tod lauert, beschenkte er das Innerste der Welt mit Leben.
Und dann, nach ewig und drei Tagen, wurde er auferweckt.
Der Mensch, der seinem Wesen und seinem Willen nach einig war mit Gott,
wurde von Gott wieder ins Leben gerufen.
Gott ließ ihn nicht hängen!
Gott bestätigt ihn.
Zeigt damit, demonstriert damit, dass er ein Gott des Lebens ist.
Er lässt ihn nicht hängen!
Er stellt sich zu ihm. So dass er aufstehen kann.
Was ist das?
Die Liebe ist stärker als der Tod!
Zentrum meines Glaubens, meines Gottvertrauens ist dieser Mensch,
der an einem Kreuz hing und nicht hängen gelassen wurde.
Mitte meines Lebens, Sinn für mein Herz, mein Glück, mein Ziel
ist Jesus, der ein Mensch aus Liebe war;
Liebe, die stärker ist als der Tod.
Und unsere Sehnsucht, die so unendlich große ist,
ja, diese Sehnsucht, geliebt zu werden,
findet hier ihren Frieden;
denn unendliche Sehnsucht wird nur mit Unendlichkeit gestillt.
Wenn die Ermordung Gottes und der Liebe
zur Erlösung des Menschen wird,
dann kann in alle Ewigkeit das Schlimmste sich zum Besten wandeln.
Nichts ist mehr ausweglos.
Alles in der Lage, einen neuen Sinn, eine neue Gestalt zu bekommen.
Was tue ich?
Ich hänge mich an Jesus.
Er ist vorläufig der Erste, der dieses Wunder erlebt hat.
Ja, vorläufig – wie einer, an dem schon ein Mal vorgelaufen ist,
auf dem Weg, den wir alle gehen;
alle, die sich an ihn dran hängen; die sich mitreißen lassen von ihm,
durch den Schmerz und Tod hindurch in das ewige Leben.
Das glaube ich:
Dass in einem von uns
der Tod hinter uns und vor uns die Liebe ist.
Ewige Zugänglichkeit. Größte Unterbrechung der Geschichte überhaupt.
Hoffnung ohne Ende. Die Lücke in der Mauer, offenes Grab.
Sonntag zwischen allen Alltagen.
Gnade, Zugänglichkeit, unendliche Liebe.
Amen.
Christina Brudereck
