Greifbar

GreifBar am 01.06.2008

GreifBar_36_080601_Ich_Tarzan_-_Du_Jane__MC.pdf

 


 

 Tarzan - Du Jane      Wenn Persönlichkeiten aufeinander prallen

 

 

Es kann einen ja geradezu fassungslos machen, dass andere Menschen so anders sind. Manche Menschen sind so anders, dass sie die Welt anders wahrnehmen. Ich hatte z.B. mal einen Bekannten, der war der festen Überzeugung, dass alle Menschen, die an seinem Haus vorbeilaufen, den Namen „Dave“ tragen. Das war in England (ich habe eine kurze Zeit lang in England gelebt), da habe ich diesen Bekannten mal besucht, und er hat mir seine Theorie vorgetragen: „Alle Menschen die an meinem Haus vorbeilaufen, heißen Dave.“ Er hat mich dann auf den Dachbalkon seines Hauses mitgenommen, hat von oben herunter geschaut und gewartet, bis unten jemand auf der Straße an seinem Haus vorbeilief, und hat dann ganz laut gerufen: „DAVE!!“ Der unten hat natürlich nach oben geguckt, und mein Bekannter sagte: „Guck, der heißt auch Dave".

 

So kann man die Welt wahrnehmen. Manche Menschen sind so anders. Wenn Persönlichkeiten aufeinander prallen, dann kann es schon mal zur Sache gehen. Zwar gibt es zwischen Menschen auch ganz harmlose Unterschiede. Ich nenne mal ein paar solcher harmlosen Unterschiede: Z.B. kann man die ganze Menschheit in zwei Gruppen einteilen, zumindest die deutschsprachige Menschheit. Die eine Gruppe sagt: „die Nutella“, die andere Gruppe sagt: „das Nutella“. Der Ferrero-Konzern, der Nutella produziert, hat sich meines Wissens noch nie erklärt, wie jetzt die richtige Antwort lautet. Zwei Gruppen von Menschen, „die Nutella“, „das Nutella“. Ich finde: Die Leute, die „das Nutella“ sagen, die sollte man auch tolerieren. Ich meine, es ist ja bei anderen Brotaufstrichen ähnlich. Man sagt ja auch: „das Butter“, „das Marmelade“ usw. Das sind also zwei Gruppen von Menschen.

 

Ein anderer harmloser Unterschied zwischen Menschen ist der: Es gibt Menschen, die sollten sich früh morgens um sieben Uhr am besten ein Schild umhängen: „Bitte vor der ersten Tasse Kaffee nicht ansprechen.“ Ich gehöre auch eher zu dieser Gruppe. Und da gibt es andere Leute, wie zum Beispiel einen meiner Onkel, der um sieben Uhr morgens mit unglaublich guter Laune ins Zimmer hereinkommt und sagt: „Guten Morgen!! Es wird ein herrlicher Tag heute!!“ Das sind so die Unterschiede.

 

Nun sind das harmlose Unterschiede. Es gibt aber auch Unterschiede zwischen Menschen, die gehen tiefer. Da sind zwei Kollegen, die sitzen im gleichen Büro, verbringen jeden Tag acht, manchmal neun, zehn Stunden miteinander, verbringen manchmal mehr Zeit miteinander als mit ihren Ehepartnern, mit ihren Familienangehörigen. Und der eine ist ganz gesprächig, braucht die Rückmeldung im Team, um gut arbeiten zu können, möchte sich mit dem anderen unterhalten, möchte ihn persönlich kennen lernen und denkt insgeheim bei sich: „Meine Güte, was ist der stoffelig.“ Und der andere, der braucht Konzentration bei der Arbeit, der braucht es, sich auf sein Thema zu konzentrieren, der kann Ablenkung gar nicht vertragen, schon gar nicht irgendwelche persönlichen Gespräche, und er denkt manchmal insgeheim über seinen Kollegen: „Meine Güte, der kann schon ein bisschen aufdringlich sein.“ Das sind die tiefer greifenden Unterschiede.

 

Noch tiefer gehen die Unterschiede, wo die Lebensgeschichte völlig unterschiedlich ist. Da ist ein Mann, der wächst in sehr schweren, schwierigen familiären Verhältnissen auf. Seine Mutter ist Alkoholikerin, sein Vater ist fast nie zu Hause. Ungefähr mit sieben Jahren wird er auf ein Internat geschickt, sieht seine Eltern ganz selten, fast alle seine Geburtstage werden von seinen Eltern vergessen. Wegen dieser schwierigen Erfahrungen hat er es als junger Erwachsener schwer, vertrauensvolle Beziehungen zu anderen Menschen zu knüpfen. Irgendwann klappt es trotzdem. Er verliebt sich Hals über Kopf in eine wunderbare Frau, er heiratet sie, sie leben zusammen, und er setzt sich in den Kopf: „Ich möchte alles richtig machen. Jetzt möchte ich endlich mal eine funktionierende Beziehung erleben.“ Die Frau kommt aus einer heilen Familie wie aus dem Bilderbuch. Wo man ganz eng miteinander zusammen hängt, viel miteinander zu tun hat, und gerade Geburtstage, Feste sind immer besondere Gelegenheiten, da gibt es Geschenke, augenzwinkernde Überraschungen.

 

Wenige Monate nach der Hochzeit hat diese Frau Geburtstag. Ihr Mann fragt sie kurz vor ihrem Geburtstag: „Was wünscht du dir eigentlich zum Geburtstag?“ Die Frau nennt ein paar Gegenstände, hofft insgeheim, dass ihr Mann sich aber auch noch eine Überraschung einfallen lässt. Der Mann kauft zwei von den Gegenständen, die seine Frau genannt hat, und denkt sich: „Meine Frau wird überglücklich sein. Niemals hat mir jemand zwei Geschenke zum Geburtstag gemacht.“ Er kauft diese Gegenstände, stellt die Plastik-Einkaufstüte mit den Gegenständen auf den Kühlschrank, wo sie herausragen. Seine Frau sieht das, ist ein bisschen enttäuscht und denkt sich: „Naja, warten wir den Geburtstag mal ab.“

 

Der Geburtstag beginnt, es gibt keine Überraschung, kein Frühstück im Bett, keine Liebeserklärung, keine Rosen. Es gibt einfach nur Frühstück wie immer. Nach dem Frühstück steht ihr Mann auf, geht lächelnd zum Kühlschrank, nimmt die Tüte und ist sich sicher, dass er seiner Frau das schönste Geschenk macht, was ein Mann einer Frau machen kann. Niemand hat ihm jemals soviel geschenkt. Er überreicht die beiden Geschenke, die in der Einkaufstüte sind, unverpackt seiner Frau. Seine Frau fängt an zu weinen und rennt nach draußen. Und ihre Ehe erholt sich davon nicht mehr.

 

Das sind die tiefer greifenden Unterschiede, die mit der Lebensgeschichte zu tun haben. Wie kann man nur so anders sein? fragt man sich dann, fragen sich beide Beteiligten. Wie kann man nur so anders sein? Man hat den Eindruck, man lebt in verschiedenen Welten.

 

Nun kann man zu solchen tiefer greifenden Unterschieden auch sagen: „Dann sollten wir das alles eben nicht so tragisch nehmen. Wir sollten es vielleicht nicht so krumm nehmen, dass Menschen anders sind. Wir sollten vielleicht nicht soviel Aufhebens davon machen.“ Das klingt weise, es klingt vernünftig, wenn man sagt: „Ach komm, nehmen wir das doch nicht so tragisch.“ Aber: Manchmal führt es dazu, dass man reale Unterschiede unter den Teppich kehrt und dass man über echte Schwierigkeiten eine Art Harmoniesauce gießt. Und dann wirkt alles freundlich und harmonisch, aber in Wirklichkeit, unter der Oberfläche, da brodelt es.

 

Diese Harmoniesauce gibt es manchmal gerade in frommen und kirchlichen Kreisen. Das sage ich ganz selbstkritisch, ich gehöre ja selber zu diesen Kreisen. In frommen Kreisen kann es zum Beispiel vorkommen, dass man eine Ansprache hält, und nach der Ansprache kommt jemand auf einen zu und sagt: „Ich möchte Sie ermutigen.“ Und man antwortet: „Danke, wie kommen sie dazu?“ – „Naja,“ sagt der Mann, „ich möchte Sie ermutigen, dass sie beim nächsten Mal langsamer sprechen.“ Das war keine Ermutigung, das war ein hilfreicher Hinweis – konstruktive Kritik, aber keine Ermutigung.

 

Es gibt dieses übermäßige Harmoniebedürfnis und dieses Unter-den-Teppich-Kehren auch in manchen Familien. In manchen Familien gibt es Themen, die eigentlich die wichtigsten Themen sind, alle wissen: Das ist das große heiße Eisen, das in dieser Familie niemand anfasst. Und niemand wird es jemals wagen, über dieses Thema zu sprechen. Alle wissen, das ist eigentlich das große Problem unserer Familie. Niemand spricht es jemals an. Und das führt dazu, dass manchmal Eltern, Kinder und Geschwister wie Hotelgäste nebeneinander her leben. Weil sie sich niemals trauen, das Schwierige anzusprechen, das sie in Wirklichkeit von einander entfernt hält. Und das Problem dabei, wenn man versucht, etwas unter den Teppich zu kehren, ist: Irgendwann kommt es raus. Wenn man versucht, etwas unter die Oberfläche zu bugsieren, kommt es irgendwann hoch. Und dann platzt und explodiert man, so wie dieser Mann eben in der Szene, die wir gesehen haben, und so wie die Frau, die auf ihn reagiert. Irgendwann explodiert man, wenn man versucht hat, etwas unter der Decke zu halten, was sich nicht unter der Decke halten lässt.

 

Da ist ein Pastor, der kauft in einem Geschäft irgendeinen Gegenstand ein, er wird nicht ordentlich bedient, der Gegenstand ist fehlerhaft, der Angestellte der ihn bedient, ist ein bisschen renitent, ein bisschen unprofessionell. Und dieser Pastor spürt, wie sehr er sich aufregt und pflaumt diesen Menschen an, und sagt: „Was fällt Ihnen eigentlich ein?“ Er merkt dass es ihm Spaß macht, diesen Mann anzupflaumen. Hinterher, als er aus dem Geschäft raus ist, denkt er: „Moment, ich bin doch Pastor. Das passt doch gar nicht, wie ich mich verhalten habe.“ Er ruft seine Frau an und sagt zu seiner Frau: „Schatz ich habe festgestellt, da ist so eine negative Energie in mir, die erschreckt mich.“ Und seine Frau sagt: „Ich weiß.“ Wenn man die Dinge unter der Decke zu halten versucht, dann kommen sie irgendwann raus.

 

Was sollen wir stattdessen tun mit dem Ärger über die Unterschiede zwischen Menschen, was sollen wir damit machen? Nun gibt es dazu eine ganze Reihe von Ratgebern. Es gibt Leute, die sagen: „Dann sollten wir uns halt mehr bemühen. Wir sollten uns mehr anstrengen, netter und toleranter miteinander umzugehen.“ Und wie gesagt, dazu könnte man eine ganze Ratgeber-Literatur studieren. Es gibt ja diese Bücher: „5 Schritte zu einer gelungenen Ehe“, „3 Tipps für ein erfolgreiches Gespräch“, oder auch das populäre Buch: „Warum Männer weder zuhören noch einparken können“ (nein, das heißt anders). In vielen dieser Bücher stehen sinnvolle Tipps, das würde ich niemals in Abrede stellen, einige habe ich auch selbst schon zu beherzigen versucht.

 

Aber: Alle Tricks dieser Welt reichen nicht, um das Problem in den Griff zu kriegen, das wir mit unser Unterschiedlichkeit haben. Das ist meine Behauptung: Wenn wir ehrlich sind, merken wir: Wir kommen irgendwann an eine Grenze. Wir kommen an einen Punkt, an dem wir merken: Das schaffe ich nicht mehr, das halte ich nicht mehr aus, mit dieser Unterschiedlichkeit komme ich nicht mehr zu Rande. Wenn Sie noch niemals an diese Grenze gekommen sind, dann würde ich Sie sehr gerne kennenlernen, und dann können Sie mir vielleicht Ihr Geheimnis verraten. Aber ich vermute, dass die meisten von uns das auch so erleben: Wir kommen irgendwann an eine Grenze. Mein Kronzeuge dafür ist eine der führenden Geistesgestalten der Gegenwart, nämlich Charlie Brown, die Comicfigur. Charlie Brown sagt einmal: „Manchmal liege ich nachts wach und frage mich: ‚Was habe ich nur falsch gemacht?’ Und dann höre ich eine leise Stimme die sagt: ‚Das wird jetzt länger dauern, als nur eine Nacht.’“

 

Was also stattdessen? Wenn es nicht reicht, sich zu bemühen, wenn wir auch beim größten Bemühen irgendwann an eine Grenze kommen? Was also hilft uns stattdessen? Ich möchte das, was ich stattdessen anzubieten habe, in einen Satz formulieren, und dieser Satz besteht aus fünf Worten. Diese fünf Worte lauten:

 

Eine Liebe die alles aushält.

 

Eine Liebe die alles aushält – nicht unsere Liebe, unsere Liebe hält letztlich eben nicht alles aus, sondern die Liebe Gottes. Wenn wir Christen von Gott reden, und wenn wir Christen von Gottes Liebe reden, dann meinen wir, dass Gott seinem Wesen nach Liebe ist. Und zwar eine Liebe die alles aushält, und die dabei zugleich ganz realistisch ist. Gott schaut die Welt an, sagt der christliche Glaube. Gott schaut die Welt an, und er sieht jeden einzelnen Menschen, er sieht jeden einzelnen Menschen realistisch, und er sagt:

 

„Ich kenne dich. Ich kenne dich ganz genau. Ich habe dich gemacht. Ich kenne deine Eigenheiten, deine Stärken, deine Schwächen, ich kenne sogar deine Fehler.

 

Und: Ich liebe dich. So wie du bist.

 

Ich weiß ganz genau, wer du bist. Ich kenne alle deine Eigenheiten, das, was andere von dir mitkriegen und das, was du vielleicht lieber versteckst. Ich kenne deine typischen Charakteristika, und ich kenne auch deine Schattenseiten, und ich liebe dich. Ich bin begeistert davon, dass es dich gibt. Ich habe dich gemacht, du bist für mich so wertvoll, und nichts und niemand kann mich davon abbringen, dich so wertvoll zu finden. Nicht einmal du selbst kannst mich davon abbringen.“

 

Das ist das, was wir mit der Liebe Gottes meinen. Und wir meinen: Diese Liebe ist nicht nur eine schöne Idee. Nicht nur etwas, das man beschreiben kann, das ein bisschen gut tut, aber von dem man dennoch immer noch den Eindruck hat: Das saugt man sich vielleicht auch ein bisschen aus den Fingern. Sondern Christen glauben, diese Liebe Gottes zeigt sich an einem ganz bestimmten Punkt. Sie zeigt sich in der Person Jesus. Von Jesus glauben wir, dass er Gottes Charakter verkörpert. Und dass Gott damit sagt:

 

„Liebe Menschen, ihr möchtet gerne wissen wer ich bin und wie ich bin. Ihr macht euch Gedanken, ihr spekuliert, ihr diskutiert. Wisst ihr was, ich zeige euch wie ich bin: So wie dieser Jesus Christus, so bin ich. Wenn ihr wissen wollt, was das heißt: 'Gott', wenn ihr wissen wollt was das heißt: 'die Liebe Gottes, die bedingungslose Liebe Gottes', schaut euch Jesus an. Schaut euch an, was er sagt. Schaut euch an, wie er mit Menschen umgeht. Dann habt ihr meine Liebe in Person vor Augen.“

 

Da geht Jesus mit seinen Leuten, mit seinen engsten Vertrauten, seinen Freunden eine Straße entlang. Ich stelle mir vor, die scherzen so ein bisschen, unterhalten sich ganz lustig. Auf einmal werden die Freunde von Jesus schweigsam, denn in etwa 200 bis 300 Metern Entfernung taucht ein Haus auf, in dessen Nähe sie normalerweise nicht so gerne kommen. In dem Haus wohnt ein Mann, der wohnt an einer kleinen Handelsstraße, da kommen einfache Leute vorbei, mittelständische Händler, und dieser Mann presst den Leuten die Maut ab, den Wegeszoll. Er knöpft ihnen viel mehr Geld ab, als ihm zusteht, und viel mehr, als sich diese Leute leisten können. Und diese Leute können nichts dagegen machen, weil die damals herrschende römische Besatzungsmacht hinter ihm steht. Diesen Mann konnten die Leute nicht leiden, diesen Zöllner, mit dem konnten sie nichts anfangen, und deswegen werden die Freunde von Jesus so schweigsam.

 

Jesus sagt: „Bleibt mal hier stehen.“ Und er geht schnurstracks auf dieses Haus zu. „Was will er denn jetzt wieder,“ denken seine Leute, „was hat er sich denn jetzt wieder in den Kopf gesetzt?“ Jesus geht auf das Haus zu, in dem Haus drin befindet sich ein Mann in einem Raum voller Geld. Geld auf dem Schreibtisch, Geld in Säcken und Truhen, Mitarbeiter, die Zahlen in Bücher schreiben. Jesus kommt auf das Haus zu, der Mann guckt nach draußen durch die geöffnete Tür und sieht diese Gestalt auf sich zukommen. Die Freunde von Jesus gucken aus der Ferne: „Was macht er denn jetzt wieder?“ Jesus kommt auf das Haus zu, der Mann guckt raus. Jesus steht jetzt direkt vor dem Eingang des Hauses, steht auf der Schwelle des Hauses, der Mann guckt ihn an, seine Mitarbeiter gucken ihn an, die Freunde von Jesus gucken ihn an. Und alle warten, alle gucken, alle warten, und Jesus sagt – er sagt: „Komm mit. Lebe mit mir. Lass alles stehen und liegen, lass dein altes Leben hinter dir und komm mit mir mit, fang ein neues Leben an.“

 

Und der Mann guckt sich um, sieht das Geld, seine Mitarbeiter, die Bücher – und steht auf – und geht mit. Das ist das, was unbedingte Liebe mit einem Menschen machen kann. Das ist eine Liebe, die klarkommt mit den Eigenheiten unseres Charakters, sie kommt sogar klar mit unseren handfesten Fehlern.

 

Ich sage Ihnen noch, was das mit jemandem macht, wenn er diese Liebe erlebt. Was macht das mit uns, wie hilft uns das, im Umgang mit unterschiedlichen Charakteren? Eins kann ich garantieren: Wenn man diese Liebe Gottes erlebt, wenn man sich von ihr bestrahlen lässt, dann sind dadurch nicht auf einmal alle Probleme weg. Das kann ich nicht versprechen, es wäre zutiefst unredlich, das zu versprechen. Aber: Zwei Dinge ändern sich. Das erste, was sich ändert, wenn ich die Liebe Gotte erlebe ist:

 

Ich kann leichter akzeptieren, dass verschiedene Menschen verschieden sind.

 

Das klingt so simpel, aber das ist eine der schwersten Übungen überhaupt. Verschiedene Menschen sind verschieden. Gott hat sie so gemacht. Manche sind ordentlich, manche sind – kreativ, manche sind gesprächig, manche sind eher zurückhaltend. Manche Leute sagen: „Das muss jetzt erst einmal alles erledigt werden“, und andere Leute sagen: „Ach, lass uns doch erst mal Pause machen.“

 

Das alles ist zunächst einmal völlig unschuldig, es ist einfach nur anders. Gott hat Menschen unterschiedlich gemacht. Gott hat einen Riesenspaß daran, dass höchst unterschiedliche Charaktere diesen Erdball bevölkern. Und ich sage immer, wenn mir Leute die Frage stellen: „Sag mal, woher weißt du eigentlich, dass Gott Humor hat?“, dann sage ich immer: „Da brauche ich nur in den Spiegel zu schauen.“

 

Das ist das erste, wenn ich die bedingungslose Liebe Gottes erlebe, dann kann ich leichter akzeptieren, dass verschiedene Menschen verschieden sind. Das zweite:

 

Ich kann leichter zugeben: Auch ich mache Fehler.

 

Das ist jetzt möglich; denn mein Wert als Person ist ja gar nicht mehr davon abhängig, dass alles wunderbar ist. Ich brauche gar nicht mehr so tun, als ob ich jedes Problem im Griff hätte, nach dem Motto: „Man reiche mir ein Problem, ich bin voller Kraft.“ Ich brauche nicht mehr so zu tun, als ob ich der moralisch vorbildlichste Mensch auf der Welt wäre. Das brauche ich den Leuten nicht mehr vorzuspielen, denn ich weiß, Gott sieht mich sowieso realistisch. Er sieht mich ganz unverstellt, er kennt alle meine Macken, und er liebt mich trotzdem. Dann kann ich auch anderen Menschen gegenüber und mir selbst gegenüber zugeben: Ich bin gar nicht immer so toll. Das ändert nichts daran, dass ich für Gott wertvoll bin.

 

Mein Kronzeuge dafür ist einer der anderen großen Philosophen unserer Zeit, nämlich Hägar der Wikinger. Hägar der Wikinger trägt ja einen Helm mit Hörnern. Hägar der Wikinger sagt einmal: „Wenn wir Wikinger lügen, fallen uns immer die Hörner ab. Deswegen lüge ich persönlich“ (und hier hält Hägar eines der Hörner an seinem Helm fest) „fast nie.“ Genau um diese Ehrlichkeit geht es. Dass ich sage: Ja, ich mache Fehler, Gott liebt mich trotzdem. Paradoxerweise macht mich das ehrlicher, Fehler einzugestehen. Ich muss also nicht mehr sagen: „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu." Es gibt auch eine fromme Variante von diesem Spruch: „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme so selten dazu.“ Die fromme Variante des Spruches lautet: „Ich könnte so heilig sein, wenn nur die anderen nicht wären.“ Diese Variante des Spruches gilt dann auch nicht mehr.

 

Ich kann leichter zugeben: Ich mache Fehler. Und weil das so ist, werde ich realistischer darin, wo eigentlich die Veränderung beginnt. Ich habe mir zum Beispiel zur Regel gemacht: Wenn ich mit irgendjemandem in einem Disput bin, versuche ich mich daran zu erinnern: „Moment! Schon rein statistisch kannst du, Matthias Clausen, nicht immer Recht haben. Rein statistisch gesehen musst du auch öfters Unrecht haben. Deswegen tust du nicht schlecht daran, im Zweifel davon auszugehen: Es könnte sein, dass du Unrecht hast.“ Je besser man sich kennen lernt, desto öfter merkt man: Es ist leider sehr oft der Fall, dass man Unrecht hat. Also weiß ich, Veränderung beginnt gar nicht beim anderen, sondern verändern kann ich in erster Linie nur mich selbst. Und wenn ich zugeben kann: Ich mache Fehler, dann habe ich auch die Tür dafür geöffnet, etwas an mir zu verändern. Veränderung beginnt nicht beim anderen, sondern Veränderung beginnt bei mir selbst.

 

Was, wenn das möglich wäre? Was wäre, wenn das möglich wäre, Unterschiede zwischen Menschen zu akzeptieren, so dass man nicht mehr so gegeneinander rasselt, dass Beziehungen kaputt gehen? Was, wenn das möglich wäre, eigene Fehler zuzugeben und sich selber langsam, schrittweise zu verändern? Gottes Liebe kann das. Nur Gottes Liebe kann das.

 

Und dann kann das passieren, was einem jungen Mann passiert ist, in einem Land ich glaube in Südamerika. Dieser junge Mann wächst in einer Familie auf, mit der er sich irgendwann überwirft. Und so im Alter von achtzehn, neunzehn Jahren sagt er: „Ich möchte von jetzt an nichts mehr mit euch zu tun haben. Lasst mich in Ruhe. Ich ziehe weit weg von euch, und ich bitte euch, niemals mehr Kontakt mit mir zu suchen". Er zieht in einen weit entfernten Ort, in einer anderen Stadt. Lässt zehn, zwanzig Jahre lang nichts von sich hören. Irgendwann durchzuckt es ihn, und er denkt: Das war ein großer Fehler, was ich damals gemacht habe. Ich möchte gerne den Kontakt mit meiner Familie wieder aufnehmen. Also schreibt er einen Brief an seine Eltern und sagt: „Ich bin‘s, euer Sohn. Ich kann mir vorstellen, dass ihr sehr enttäuscht und verletzt seid. Und trotzdem würde ich so gerne den Kontakt mit euch wieder aufnehmen. Ich werde nächstes Wochenende bei euch zu Besuch kommen, und ich kann mir vorstellen, dass ihr mich vielleicht gar nicht sehen möchtet . Deswegen meine Bitte: Wenn ich willkommen bin, dann hängt doch bitte ein weißes Taschentuch in den Baum vor eurem Haus. Dann weiß ich ob ich überhaupt aus der Eisenbahn aussteigen soll.“ (Die Eisenbahnlinie in dem Dorf führte direkt an seinem Elternhaus und dem zugehörigen Garten vorbei.)

 

Er schickt den Brief ab, er kriegt keine Antwort. Am nächsten Wochenende setzt er sich trotzdem zagend und verzweifelt in diesen Zug. Je näher er seinem Heimatort kommt, desto aufgeregter und nervöser wird er. So aufgeregt, dass der alte Mann, der ihm im Zugabteil gegenüber sitzt, irgendwann fragt: „Sagen Sie mal, was ist denn eigentlich mit Ihnen los?“ Der jüngere Mann erzählt ihm die ganze Geschichte und sagt: „Ich möchte gerne wieder den Kontakt mit meiner Familie aufnehmen, und wir haben dieses Zeichen vereinbart, das weiße Taschentuch im Baum. Ich traue mich gar, nicht aus dem Fenster zu schauen, ob ich wieder willkommen bin.“ Der ältere Mann sagt: „Passen Sie auf, ich weiß ungefähr wo das ist, was Sie da beschreiben, dieses Haus. Ich schaue für Sie aus dem Fenster.“ Der Zug nähert sich immer mehr dem Heimatort seiner Eltern. Der jüngere Mann blickt nach unten, traut sich gar nicht mehr hoch zu gucken, zittert und hat Angst. Irgendwann legt ihm der ältere Mann den Arm auf die Schulter und sagt: „Sie können wieder hoch schauen. Da hängt kein Taschentuch. Da hängen drei Bettlaken.“

 

Das ist ein Bild – für das, was Gottes Liebe für uns bedeutet, wie Gottes Liebe mit uns umgeht. Und ein Bild für das, was passieren kann, wenn man Gottes Liebe an sich heran lässt. Im Neuen Testament – im zweiten Teil der Bibel, in dem es vor allem um Jesus geht – im Neuen Testament steht der Satz: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat.“ Nehmt einander an, nicht: „Strengt euch an, ihr kriegt das hin, wenn ihr euch nur so ein bisschen bemüht!“ Sondern: Nehmt einander an, wie Jesus Christus euch angenommen hat. Weil Jesus Christus euch angenommen hat. Er liebt euch, mit einer bedingungslosen Liebe, die alles aushält. Und wenn ihr euch von dieser Liebe bestrahlen lasst, wenn ihr sie erlebt, wenn sie in eurem Leben Gestalt gewinnt, dann werdet ihr in die Lage kommen, auch mit anderen Menschen anders umzugehen als vorher.

 

Wenn Sie wissen möchten, wie das geht, die Liebe Gottes an sich heranlassen, wie das praktisch funktioniert und aussehen kann, dann sind Sie herzlich eingeladen, Fragen zu stellen an mich oder an die anderen GreifBar-Mitarbeiter. Vor allem sind Sie eingeladen, noch hier zu bleiben und weiter darüber nachzudenken. Aber das ist das Angebot: Eine Liebe die alles aushält. Bis hierhin vielen Dank fürs Zuhören.