GreifBar am 19.10.2008
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Predigt „Über Leid und Krankheit - Warum lässt Gott das zu?“
(Mt 11,28)
Interview: Raik Harder spricht mit Angela Siegle: Seelische Verletzunen nach traumatischen und gewaltsamen Erlebnissen
Band: Bridge over troubled water1
When you’re weary, feeling small, when tears are in your eyes, I will dry them all; I’m on your side. When times get rough and friends just can’t be found, like a bridge over troubled water I will lay me down. Like a bridge over troubled water I will lay me down.
When you’re down and out, when you’re on the street, when evening falls so hard I will comfort you. I’ll take your part. When darkness comes and pains is all around, like a bridge over troubled water I will lay me down. Like a bridge over troubled water I will lay me down.
Sail on silvergirl, sail on by. Your time has come to shine. All your dreams are on their way. See how they shine. If you need a friend I’m sailing right behind. Like a bridge over troubled water I will ease your mind. Like a bridge over troubled water I will ease your mind.
Psalmenrezitation: Warum lässt Gott das zu?
Ausschnitte aus den Psalmen 69 und 88
Mitwirkende: 3 Schauspieler, die in unterschiedlichen Positionen zu sehen sind: auf einem Stuhl kauernd, stehend, dem Publikum am Anfang abgewandt, liegend, in sich gekrümmt. Alle tragen einheitliche Kleidung- dunkle Gewänder.
S 1 (Christine- liegend, sie kämpft noch, geballte Fäuste, hat Rettungswillen):
Rette mich, Gott, das Wasser steht mir bis zum Hals! Ich versinke im tiefen Schlamm; meine Füße finden keinen Halt mehr. Die Strudel ziehen mich nach unten, und die Fluten schlagen schon über mir zusammen.
S2 (Johanna- auf Stuhl kauernd, bei ihr ist die Luft schon raus):
Ich habe mich heiser geschrien und bin völlig erschöpft, der letzte Hoffnungsschimmer ist erloschen. Vergeblich halte ich Ausschau nach Gott.
S3 (Christiane- stehend, hat viele Kämpfe schon hinter sich, sieht eigenes Versagen):
Gott, du weißt, wie unverständig ich war; meine Schuld ist dir nicht verborgen.
S1: Zieh mich heraus aus dem reißenden Wasser, sonst schlagen die Fluten über mir zusammen, und der Strudel reißt mich in die Tiefe; hol mich heraus, sonst verschlingt mich der Abgrund!
S2: Schweres Leid drückt mich nieder, ich bin dem Tod schon näher als dem Leben.
S3: Herr, mein Gott, du allein kannst mir noch helfen! Tag und Nacht schreie ich zu dir! Höre mein Gebet, vernimm mein Flehen!
S1: Du hast mich in den tiefsten Abgrund gestoßen, in unergründliche Finsternis. Dein schwerer Zorn lastet auf mir, er wirft mich um wie hohe Brandungswellen.
S2: Meine Augen sind vom Weinen ganz verquollen. Jeden Tag rufe ich zu dir, Herr, im Gebet strecke ich die Hände nach dir aus.
S3: Warum hast du mich verstoßen, Herr? Warum verbirgst du dich vor mir?
Band: Bridge over troubled water
Text siehe oben…
Predigt
Einstieg
Bridge over troubled water – eine Brücke über unruhiges Wasser. Viele Menschen hat dieses Lied schon berührt. Allein das Video bei YouTube wurde schon etwa 2 Millionen Mal angeklickt: Was machst Du, wenn Du fertig bist mit der Welt, wenn Du Dich klein fühlst, wenn die Dunkelheit nach Dir greift, wenn Angst Dich niederdrückt. Und Simon & Garfunkel singen: Dann lege ich mich wie eine Brücke über das unruhige, wilde, raue Wasser, trage Dich hinüber! Ein großes Lied über Freundschaft in schweren Tagen.
Wo ist eine Brücke, wenn es schwer wird, dunkel, schmerzhaft und einsam? So fragten die Menschen in den alten Schriften, aus denen eben unsere Schauspieler vorgetragen haben. So fragten die Menschen nach dem 11. September, so fragten die Erdbebenopfer in China. So fragen fast täglich die Menschen in Bagdad und Kabul. Wir müssen aber gar nicht so weit hinausgehen. So fragen auch die Hinterbliebenen nach schlimmen Verkehrsunfällen. 6 Verkehrstote gab es in unserem kleinen Bundesland in dieser Woche.2 Menschen, die sich zu Hause verabschiedet hatten wie an jedem Tag, und die nun nie mehr zurück kommen. Wo ist eine Brücke, wenn es schwer wird, dunkel, schmerzhaft und einsam?
Der Ernstfall: Krankheit
Auch Krankheit zwingt uns so zu fragen. Krankheit ist das Schicksal, das Leben von jetzt auf gleich ändert. Krankheit kann nicht nur Schmerzen verursachen und Angst auslösen. Krankheit kann das Leben unerbittlich aufteilen: in ein helles gestern und ein dunkles heute. Krankheit kann einsam machen. Krankheit lässt uns bohrende Fragen stellen. Die persönlichen Weltuntergänge, wenn der Körper nicht mehr mitspielt. Wenn die Organe nicht mehr stumm ihren Dienst tun, sondern sich lauthals zu Wort melden. Wenn unser eigener Leib uns fremd und feind wird. Wenn tiefe Erschöpfung uns zeigt, dass wir mehr wollten als uns guttut. Wenn das Herz immer weniger Kraft hat. Wenn plötzlich ein Tumor an uns frisst. Wenn gestern noch alles gut schien und heute das Leben vor dem Abgrund steht.
- Maria ist heute 33 Jahre alt.3 Sie wurde mit einer schlimmen Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte geboren, dazu kamen andere Anomalien. Egal, wohin sie kam, als kleines Mädchen, als junge Frau, es war wie durch ein Spalier laufen. Ihre Eltern mühen sich, sie stark zu machen, selbstbewusst. Als Erwachsene bricht sie dennoch den Kontakt zu ihnen ab. Ihrer Mutter macht sie Vorwürfe: „Warum musstest Du mich zur Welt bringen“, fragt sie. Die Mutter leidet, aber sie sagt auch: Unsere Tochter lebt ein eigenständiges Leben; auch wenn sie uns daran nicht mehr Teil haben lässt, haben wir ihr helfen können, ihr Leben zu leben. Dennoch: troubled water, ein raues Leben.
- Wolfgang ist 59, er war Lehrer, aber die Parkinson-Krankheit zwang ihn aufzuhören. Schüler hatten sich nur noch lustig gemacht über die seltsamen Bewegungen, das Wegbleiben der Worte und das plötzliche Erstarren. Er erzählt: „Die Angst ist jetzt mein allgegenwärtiger Begleiter: Fahre ich Fahrstuhl, sorge ich mich, dass die Tür schließt, bevor ich aussteigen kann. Nur wenn ich die Lichtschranke mit meinem Gehstock treffe, habe ich noch eine Chance, und bei jedem Aufzug verläuft sie woanders. Will ich mit dem Auto ein Parkhaus verlassen, befürchte ich, dass ich nach dem Bezahlen nicht schnell genug herauskomme. Oft genug stehe ich vor verschlossener Schranke und muss mich einer demütigenden Auseinandersetzung mit dem Servicepersonal stellen.“4
- Oder denken Sie an Angela: Wie unsere Seele verwundet und verletzt werden kann, hat uns Angela ja im Gespräch eben gezeigt: Auch unsere Seele kann so unter Druck geraten, dass sie erkrankt.
Vielleicht fragen Sie: Was kann der da vorne schon sagen. Er sieht leidlich fit und gesund aus, wie kann der schon mitreden? Ich bin aufgewachsen mit einem Vater, dem eine Lungenkrankheit tagtäglich ein bisschen mehr die Luft wegnahm; Sauerstoffflaschen waren das sichtbare Mobiliar in jedem Zimmer meines Elternhauses. Am Ende kam er nicht mehr die Treppe hoch. Als ich 10 war, starb er. Meine Mutter musste ich durch ihre Krebserkrankung begleiten, am Ende hatte der tückische Tumor sie bis zum Hals querschnittsgelähmt. Die Begegnung mit schwerer Krankheit gehörte von früh an zu meinem Leben. Nach Jahren als Gemeindepfarrer wurde ich dann Seelsorger in einer Kinderklinik und begleitete Kinder und Eltern durch schwere Krisen. Ich habe am Bett sterbender Kinder gesessen. Alle einfachen Lösungen, alle platten Sprüche vergehen einem dort – gründlich und nachhaltig.
- Ein letztes Beispiel: Mit gerade 32 Jahren erkrankte Maximilian Dorner an Multipler Sklerose. Er ist Schriftsteller, und Schriftsteller verdichten das Erleben von Menschen, Dichtung ist verdichtete Sprache für das, was wir anderen oft nur schwer ausdrücken können. Er schrieb ein Tagebuch seiner Erkrankung: Mein Dämon ist ein Stubenhocker!5 Und damit kommen wir von der äußeren zur inneren Seite des Themas. Wie ist das wirklich, wenn ich krank werde, nicht nur ein bisschen, sondern gründlich, gefährlich, chronisch, begrenzend, schmerzhaft, einfach schlimm? Wenn ist das, wenn mein Kind krank wird oder behindert, lebensbedrohlich gefährdet? Wie ist das, wenn man Allernächster dahindämmert, unerreichbar, wie ein Fremder, als wäre alles Gemeinsame wie ausgelöscht? Wie ist das, wenn nicht mehr geht, was gestern noch selbstvergessen funktionierte? Wo ist eine Bridge over troubled water?
Krankheit – das innere Erleben
Was empfinden Menschen in solchen Lebenslagen? Es ist ja nicht nur die körperliche Seite, die ist schlimm genug. Es ist zum Beispiel die Isolation: das Fremdeln der Freude, der Rückzug der Nachbarn. Es sind die Blicke. Krebs ist wie ein Kainsmal auf der Stirn. Als könnte man etwas dafür! Als wäre man ansteckend! Es ist das Gefühl, beraubt und betrogen zu sein, das eigene Leben ist einem gestohlen worden. Und es ist klar: wir kriegen es nicht zurück.
Wie sensibel dieses Thema ist, weiß jeder Kranke oder Angehörige, der Tröstungen erleiden musste. Tröstungen – erleiden. Die Kopf-hoch-Appelle. Die gutgemeinten Hinweise auf neue Heilverfahren. Die moralischen Appelle: anderen gehe es ja noch so viel schlimmer – als ob sich Leid wiegen lassen, in leichter und schwerer aufteilen. Die Oberlehrer: Wer weiß, wozu es gut ist! Die Juristen: Na, war dein Lebensstil vielleicht doch etwas riskant! Wie sensibel dieses Thema ist, das weiß jeder, der von solchen falschen Tröstern ereilt wurde! Bitte keine Vertröstungen! Bitte keine Verharmlosung! Genauso schlimm sind die selbsternannten Therapeuten: „Überleg doch mal, was deine Krankheit dir zu sagen hat!“ Dahinter steht oft: Bist du nicht selbst an deinem Dilemma schuld? Bitte keine Anschuldigungen!
Um kein falsches Bild aufkommen zu lassen: Manche Menschen entwickeln ungeheure Kräfte und einen sagenhaften Mut. Ich bewundere Wolfgang Schäuble, der nach einem Attentat im Rollstuhl landete und sich mit ungeheurer Disziplin sein Leben zurückeroberte. Ich bewundere Menschen wie Marias Mutter, die ja sagte zu einem behinderten Kind und mit ungeheurem Einsatz für dieses Leben und sein Recht und seine eigene Schönheit kämpfen. In der Klinik habe ich Familien erlebt, deren kurzes Zusammensein vor dem Tod von ungeheurer Dichte, großer Zärtlichkeit, von herzlichem Lachen und großer Nähe bestimmt waren. Und doch: Wo ist die bridge over troubled water? Wo ist der Freund, wo ist die Hoffnung? Woher kommt die Kraft?
Maximilian Dorner brachte das Empfinden von Menschen, die so plötzlich so schwer erkranken auf den Begriff: Was ist diese Krankheit? Sie ist eine Frechheit! Eine Frechheit!
Und damit kommen wir der Sache noch einen Schritt näher, graben aber auch etwas tiefer: Warum spricht Dorner von einer Frechheit? Warum fühlen wir uns beraubt und betrogen? Ist es, weil wir so arrogant sind zu meinen, wir hätten einen Anspruch auf gesundes Leben? Haben wir einen Anspruch? Nehmen wir uns zu wichtig? Oder haben wir eine dunkle Ahnung, dass wir tatsächlich wichtig genommen werden? Wer wäre zuständig? Ist das nur eine hilflose Projektion, weil wir unsere Not nicht in das leere Universum schreien wollen? Oder ist da jemand, den wir für zuständig halten dürfen? Und zwar gerade dann, wenn Krankheit uns in ihren Krallen hält?
Krankheit – Warum lässt Gott das zu?
Das ist ja doch etwas seltsam: Selbst religiös eher unmusikalische Menschen fragen so: Sie fragen, wieso Gott das zulässt. Und damit sagen sie: Er ist doch zuständig. Für mich. Ihm muss ich doch so wichtig sein, mindestens wichtig genug für eine Antwort. Sie fragen so, entweder verzagt: „Mein Gott, womit habe ich das verdient? Was habe ich bloß verbrochen?“ Oder wütend: „Gott, ich fühle mich von dir betrogen und im Stich gelassen!“ Aber warum klagen und fragen wir gerade so?
In den USA wurde gerade die Klage eines Politikers aus Nebraska abgewiesen. Ernie Chambers hat beim Bezirksgericht in Omaha Klage gegen Gott eingereicht. Wegen vergangener und andauernder Terrordrohungen. Chambers war klar, dass das Gericht die Klage wohl abweisen würde. „Nicht zuständig“, war die Auskunft. Aber er sagte: Gott sei ja allgegenwärtig, darum wisse er auch so um die Klage. Gott als der große Terrorist, der zulässt, was unerträglich unser Leben zerstört.
Die Logik funktioniert so: Entweder gibt es ihn, dann ist er bodenlos böse, weil er zulässt, was er verhindern könnte. Oder aber das, was wir hier durchmachen müssen, ist ein kräftiger Hinweis darauf, dass es ihn, den lieben Gott, nicht geben kann.
Und doch quälen wir uns, solange Menschen glauben und denken, mit dieser Frage herum. Warum – lässt – Gott – das – alles – zu? Wo ist Gott, wenn wir auf der Intensivstation oder in der Gerontopsychiatrie sind?
Um es kurz zu machen: Es gibt auf diese Frage keine wirklich überzeugende Antwort, die unseren Intellekt beruhigen könnte. Es bleibt ein Geheimnis. Wir bekommen keine Weltformel an die Hand. Wir bekommen keine philosophisch überzeugende Lösung.
Aber ich bin auch davon überzeugt, dass leidende Menschen danach gar nicht zuerst verlangen: nach Formeln und Erklärungen. Sie suchen Erlösung und nicht Erklärung. Sie suchen Nähe und Stärke und Zuwendung und Mitgefühl, nicht kalte Erörterungen.
Und doch fragen wir so, lässt uns auch unser Verstand keine Ruhe. Aber Lösungen? Wir können offenbar nur zur Kenntnis nehmen, dass unsere Welt so ist, wie sie ist, und das heißt auch: mit Leid, Krankheit, Tränen, Schmerz und Tod. Und es führt kein Weg an der Einsicht vorüber, dass Gott, wenn es ihn denn gibt, dem noch nicht Einhalt gebietet. Daran führt offensichtlich kein Weg vorüber. Sitzt er also zu Recht auf der Anklagebank? Ist er zu Recht der, dem wir unser Leid voller Hass ins Gesicht schreien müssen?
Bevor Sie nun bestätigt nach draußen gehen und sich sagen: Ich wusste doch, es gibt IHN nicht, und wenn es ihn gäbe, wäre ER ein bösartiger Dämon, bevor Sie das tun, will ich mit Ihnen eine andere Möglichkeit durchdenken.
Könnte es sein, dass wir gar nicht so Unrecht haben, wenn wir empfinden, dass wir wichtig genommen werden? Könnte es sein, dass unser Bild von Gott erweitert und verändert werden müsste, weil wir ihn an der falschen Stelle suchen?
Wo lässt er sich denn finden? Was wäre denn, wenn er nicht auf die Anklagebank gehört, weil er längst bewiesen hat, dass er nicht unser Feind und erst recht kein bösartiger Dämon ist? Was wenn wir einem großen Irrtum aufsitzen, indem wir Gott auf die Anklagebank setzen und ihm misstrauen – also alles Böse zutrauen, aber nichts Gutes für uns zutrauen?
Was bedeutete das für Maria und Wolfgang und Angela und Maximilian? Und für Sie?
Jesus von Nazareth und die Kranken
Gott ist ja unseren Blicken entzogen. Keiner von uns hat ihn je gesehen. Wir könnten über ihn auch gar nichts sagen, wirklich gar nichts, wenn er sich nicht selbst zeigt, uns etwas von sich zu sehen gibt.
Davon nun freilich sind wir überzeugt: Er hat etwas von sich gezeigt, er hat sich selbst zu sehen gegeben.
Es ging wie ein Lauffeuer durch die antike Welt: In Palästina war ein Mann aufgetreten, der die Welt verändern sollte. Jesus aus Nazareth hieß er. Ein Zimmermann, ein Wanderprediger, ein Lehrer mit Schülerkreis. Aber das hätte die Welt nicht verändert. Aber wer ihm begegnete, wurde berührt wie nie zuvor. Er redete wie kein anderer und irgendwie konnte man ihm vertrauen. Ja, unwahrscheinliche Dinge schienen plötzlich möglich und wahr zu sein.
Er ging durchs Land und tat, was keiner der religiösen Führer sonst tat: Er berührte die Unberührbaren. Er nahm sich der Kranken an. Er sprach mit ihnen, nahm sie in den Arm, berührte sie. Gute Nachricht: Ihr seid nicht von Gott verlassen. Er war so anders: Er stieß sie nicht von sich weg. Er sagte ihnen nicht auch noch, dass sie ja selbst schuld seien. Er wollte nicht ihr Geld. Er berührte sie und manchen, ja manchen heilte er. Kommt her zu mir rief er, kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken! Krankheit hat nicht das letzte Wort in Eurem Leben. Gott hat kein böses Vergnügen an Eurem Leid. Im Gegenteil: Jetzt steht Gottes grenzenlose Liebe zur Verfügung – gerade für Euch!
Und dann kamen sie, manche mussten sie zu ihm hinschleppen. Da war vor den Toren einer Kleinstadt, an einer staubigen Landstraße, einer, der war blind, von Kindheit auf: Bartimäus!6 Und er hatte von Jesus gehört. Und als Jesus mit seinen Freunden durch diese Kleinstadt kam, da schrie er um Erbarmen. Er nahm das ernst: Kommt her zu mir alle – also auch ich!! Jesus, du bist meine letzte Hoffnung. Hilf mir. Die Leute wollten ihn zurückschubsen, er sollte den berühmten Gast nicht belästigen. Warum hat der auch keine Bodyguards? Aber er ließ sich nicht zurückschubsen: Erbarmen, rief er, hab Erbarmen. Und Jesus ließ sich aufhalten. So ist das immer: Wenn einer den Kontakt zu Jesus sucht, lässt Jesus alles stehen und liegen. Was willst du, fragt er den Blinden. Sehen möchte ich, sagt der, sehen, den Sonnenaufgang möchte ich sehen, die Blumen möchte ich sehen, das Mädchen von nebenan, das Kind und meine alte Mutter, Herr, sehen möchte ich. Und Jesus berührte ihn – wie lange hatte ihn, den schmutzigen Bettler, keiner mehr berührt! Und er konnte wieder sehen, endlich sehen.
Wer ist bei Gott besonders angesehen und geliebt? Die Gesunden, Starken, die mit der guten Bildung und der großen Fitness? Nein, er ruft die Mühseligen und Beladenen. Kommt her, für Euch bin ich da, für die mit der chronischen Krankheit und dem schwachen Herzen, für die, deren Geld für die Kur nicht reicht, für die, die nicht mehr arbeiten können, für die, die MS beugt und Parkinson lähmt, für die, die ein Tumor zerfrisst. Für die, die ein Handicap durchs Leben tragen. Für die, deren Leben sich allmählich im Nebel verliert. Für die, die sich für ihr behindertes Kind aufopfern. Für die, die vor der Schwelle des Todes stehen und sich fürchten. Für Euch. Gerade für Euch! Kommt zu mir, sagt Jesus, bei mir sollt Ihr es erfahren: Wie immer es geschah, warum immer es passierte – Gott ist nicht der Kumpan des Todes, er ist nicht der Freund der Krankheit. Ich lege mich aber wie eine Brücke über das tosende Wasser und trage Dich hinüber – Bridge over troubled water.
Was hätte ich bei Jesus zu erwarten?
Nun wäre das alles nur frommes Gerede, wenn wir es nicht klarer übersetzen könnten: Was also habe ich mit meiner Krankheit zu erwarten, wenn ich mich auf Jesus einlasse? Wenn ich Gott nicht auf die Anklagebank setze, sondern einen Moment für möglich halte, dass er nicht gegen mich ist, sondern mich wirklich so wichtig nimmt, dass er mich da sein kann. Was hätte ich zu erwarten?
Hätte ich Heilung zu erwarten? Vielleicht. Vielleicht auch Heilung. Jesus hat Kranke geheilt, nicht alle, aber einige. Einige hat er geheilt, um zu zeigen, wie es am Ende sein wird, und was das Ziel der Wege Gottes sein wird: nicht Krankheit, nicht Leid und nicht Tod. Bis heute heilt er, er heilt durch ärztliche Kunst und er antwortet auf unser Gebet. Er tut es bis heute. Wir erleben es auch unter uns in unserer Gemeinde. Jesus heilt. Habe ich also Heilung zu erwarten? Vielleicht.
Was aber dann? Bleibt es bei Wortgeklingel? Nein. Sicher nicht. Jesus sagt: Komm her zu mir, ich will dich erquicken. Was ist das? Erquicken? Manchmal ändert Jesus nicht unsere Lebenslage, aber unser Innerstes. Manchmal – warum auch immer, warum auch immer! – ändert er noch nicht unsere Lebenslage, aber unser Innerstes. Manchmal führt er uns nicht am schweren Leben vorbei, sondern mitten hindurch.
Er sagt dann zu uns: Ich bin Dir nah. Dir wird Kraft zuwachsen. Ich bin gerade dann da und halte Dich, wenn es schwer wird. Mit mir ist es anders als ohne mich! Du kannst mir alles sagen, ich kenne es, ich bin selbst durch schweres Leid gegangen. Das war mein Weg, und es ist auch Dein Weg. Gewissheit wird in Deinem Herzen wachsen: Ich bin nicht verlassen! Ich bin nicht ohne Würde! Ich habe Zukunft jenseits meiner Krankheit. Mein Leben kann Tiefe gewinnen. Großes wird groß, Zuwendung, Liebe, Beziehungen. Kleines wird klein. Wesentliches wird von Unwesentlichem unterschieden. Nicht dass ich krank bin, ist gut, aber dass ich das lerne und erfasse, ist gut. Und ich bin gehalten und getragen. Am Ende steht nicht der Tod. Am Ende steht Jesus, wartet auf mich. Am Ende werde ich gesund sein, gesünder als je zuvor. Als Christen glauben wir: Wer mit Jesus lebt, wer im Vertrauen auf ihn lebt, der ist in Ewigkeit bei ihm. Die Beziehung zu Jesus ist mit dem Tod nicht aus. Sondern am Ende werden wir bei ihm sein, und dann wird - endlich - alles gut sein."
Aber auch da wo Menschen in ihrem Leid plötzlich kraftvoll werden, wo etwas an ihnen zu leuchten beginnt, wo sie ihr Leben nicht loslassen, sondern wieder anpacken, da ist er schon am Werk. Da haben wir es schon mit Gott zu tun. Aber seinen größten Wunsch äußert Jesus: Komm doch her zu mir. Komm! In meiner Nähe wirst Du mit allem, was Dich beschwert, doch getragen und gehalten sein.
Nicole ist 35 Jahre, sie lebt in Münster und ist von Geburt an blind. Sie hat noch eine Schwester, ebenfalls von Geburt an blind. Anders als Bartimäus wurde sie nicht von ihrer Blindheit befreit. Und doch: Sie strahlt eine große Portion Zuversicht aus. Sie kämpft für die Rechte Behinderter und für barrierefreie Räume in der Stadt. Eine aktive junge Frau. Was ist ihr Geheimnis? Im Deutschlandradio erzählt sie es ganz frei: Ich habe zum Glauben gefunden. Jetzt weiß ich: Auch mein Leben hat Würde. Ich bin von Gott geliebt. Und er hat mir gesagt: „Der Herr gibt dir Kraft in deinen Grenzen“. Der Herr gibt dir Kraft in deinen Grenzen. Das ist ihr Geheimnis. Kommt her zu mir, sagt Jesus!
Wie kann ich kommen? Wo ist er zu finden? Welches GPS zeigt mir den Weg? Wir sind überzeugt: Er ist hier. Er ist nur ein Gebet weit von Ihnen entfernt. Seine Adresse sind die Menschen, die ihm folgen und vertrauen. Er ist hier, in seinem Haus. Er ist ebenso bei Ihnen zu Hause, in den langen, dunklen Nächten. Er ist im Altenheim und auf der Intensivstation. Immer nur ein Gebet weit entfernt. Immer in Rufnähe. Wenn Sie etwas Weggeleit brauchen und eine Wegbeschreibung, kommen Sie auf uns zu. Wir gehen gerne ein Stück mit. Alles fängt so an: Jesus, ich habe da etwas von Dir gehört und kann es noch gar nicht recht glauben. Ich höre, dass Du für mich in meiner Not, mit meiner Krankheit, meinem Handicap, meinem Schmerz, meiner Einsamkeit, meiner Angst da bist. Ich höre, dass Du mich trösten, stärken und begleiten willst. Ich höre, dass Krankheit nicht das letzte Wort behalten soll. Ich klage Dir mein ganzes Elend. Ich wollte es so gern glauben, dass ich wichtig bin, und dass ein Starker für mich zuständig ist. Dass ich auch Würde habe und Hoffnung. Ich bitte Dich, lass es mich erfahren. So kann es beginnen. Und Jesus wird sagen: Ja, nichts lieber als das. Komm her, ich will dich erquicken. Ich bin deine Brücke über unruhiges Wasser, bridge over troubled water. Das ist gewiss wahr oder: AMEN.
1 Text: http://www.lyricsfreak.com/s/simon+and+garfunkel/bridge+over+troubled+water_20124580.html – aufgesucht am 18.10.2008.
2 Ostseezeitung, Nr. 245, 18./19.10. 2008, 5.
3 Der Name ist erfunden. Die Geschichte wurde von der Mutter erzählt: „Der (un)perfekte Mensch - Behinderungen im Zeitalter der Humangenetik.“ In: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/imgespraech/815268/ - eine Sendung des Radiofeuilletons „im Gespräch“ am 12.7.2008. Internetseite aufgesucht am 17.10.2008.
4 Katrin Hummel: „Manchmal packt mich die nackte Angst“. FAZ Nr. 244, 18./19.10.2008, 3.
5 Vgl. Maximilian Dorner: Mein Dämon ist ein Stubenhocker. München 2008.
6 Markus 10,46-52.
