GreifBar am 18.01.2009
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„Hau endlich ab – da ist die Tür! Wenn Beziehungen scheitern“
Sie hat es immerhin versucht. Sie hat es immerhin versucht, die Schwierigkeiten anzusprechen, die sie in ihrer Beziehung verspürt, obwohl ihr das schwer fällt, obwohl das Kraft kostet, wie wir gesehen haben. Manche Menschen drücken sich vor diesem Schritt jahrelang, manchmal jahrzehntelang, bis irgendwann jemand platzt. Trotzdem schieben manche Menschen so etwas ewig auf.
Treffen sich zwei Ehepaare, unterhalten sich ganz gut, irgendwann wird das Gespräch ein bisschen ernster, und sie fangen an, sich darüber zu unterhalten, wie es um die Kommunikation in ihren Ehen bestellt ist. Und eine von den beiden Ehefrauen sagt: „Bei uns ist das alles gar kein Problem, das liegt an unserer Ausbildung. Mein Mann hat nämlich Kommunikationswissenschaft studiert, und ich habe Theaterwissenschaft studiert. Mein Mann kommuniziert richtig gut, und ich tue einfach so, als ob ich zuhöre.“
So also nicht. Die Frau in der Szene, die wir eben gesehen haben, hat sich darum bemüht, es anders zu machen. Sie hat sich darum bemüht, die Schwierigkeiten anzusprechen, das ist löblich und empfehlenswert, denn sonst ist es irgendwann zu spät.
Das merkt man immer dann, wenn Menschen plötzlich explodieren. In Wirklichkeit passiert das nämlich nicht aus heiterem Himmel. Sondern in Wirklichkeit hat sich etwas über lange Jahre hin angestaut. Immer wieder haben sie etwas geschluckt, immer wieder haben sie es nicht ausgesprochen, und dann, irgendwann, reißt der Geduldsfaden, dann scheint manchmal von einem Moment auf den anderen, alles vorbei zu sein. Dann werden Türen geschlagen, dann fallen Worte, die wie Schläge wirken, und dann werden Sätze gesprochen, die wie endgültige Urteile klingen. So ein Satz wie: „Du bist doch für mich gestorben, dich gibt es überhaupt nicht mehr für mich.“ Und weil das so ist, wenn Menschen plötzlich explodieren, deswegen ist es besser, früher als später das Schwierige und das Schmerzhafte und das Anstrengende anzusprechen.
Das heißt allerdings nicht, dass man aneinander einfach ungefiltert alles an den Kopf wirft, was einem so in den Sinn kommt. Auf diese Idee kommen ja auch manche Leute. Ich halte das allerdings für keine besonders gute Strategie. Ich habe vor einer Weile von einer Bewegung in Amerika gehört, die nennt sich „Radical Honesty“ – „radikale Ehrlichkeit“. Der Begründer dieser Bewegung, ein gewisser Brad Planton, vertritt die Theorie: Am besten ist, man ist immer radikal ehrlich – und damit meint er nicht einfach nur, die Wahrheit zu sagen, sondern ungefiltert alles zu sagen, was einem in den Sinn kommt, auch wenn es undiplomatisch und unhöflich ist. Er vertritt die Theorie, dass wer das tut, ein glückliches und befreites Leben führen wird. In einer deutschen Tageszeitung habe ich gelesen, wie ein Journalist das Ganze mal versucht hat auszuprobieren. Eine Woche lang das Experiment radikale Ehrlichkeit – ungefiltert, undiplomatisch, unhöflich alles sagen, was ihm in den Sinn kommt. Und um sich zu informieren, hat er diesem Brad Blanton vorher eine Email geschickt und hat ihm geschrieben: Ich möcht das gerne eine Woche lang ausprobieren. Als Rückantwort kam eine Mail mit dem Text: „Noch so ein oberflächlicher Journalist, der glaubt, man könne das mal so kurz ausprobieren.“ Hm, denkt der Journalist, war jedenfalls ehrlich. Also versucht er es eine Woche lang. Beim ersten Mal kostet es Überwindung, aber dann fühlt er sich plötzlich voller Adrenalin. Er steht im Reisezentrum der Deutschen Bahn und wird nicht ordentlich bedient und sagt: „Was fällt Ihnen eigentlich ein, Sie müssen mich hier ordentlich bedienen, dafür werden sie bezahlt.“ Oder eine Kollegin mit etwas verunglückter Frisur erscheint auf der Arbeit und er sagt: „Du siehst heute furchtbar aus.“ Er fühlt sich voller Adrenalin, aber er merkt nach einer Woche, glücklicher wird er dadurch nicht und seine Umgebung schon gar nicht.
So also nicht. Das ist nicht gemeint, es ist nicht gemeint, dass man sich einfach radikal ungeschützt, ungefiltert alles an den Kopf wirft, das hilft Beziehungen wahrscheinlich auch nicht. Wie geht man also damit um? Wie geht man damit um, dass Beziehungen scheitern? Wie geht man zum Beispiel damit um, dass da zum Beispiel zwei Freunde sind, die kennen sich vielleicht schon seit ihrer Jugend, die haben vielleicht schon auf dem Bolzplatz miteinander Fußball gespielt. Die kennen alle Macken und Grenzen des anderen. Als sie älter werden, als sie erwachsen werden, ergreifen sie verschiedene Berufe, heiraten vielleicht sehr verschiedene Frauen, leben sich ein bisschen auseinander. Irgendwann fängt der eine an, ein bisschen misstrauisch zu werden und sagt sich: „Der grüßt mich ja gar nicht mehr richtig, der guckt immer so komisch, schaut der vielleicht auf mich herab?“ Und er fängt an, die Worte des anderen auf die Goldwaage zu legen. Da wird der andere misstrauisch und denkt: „Was hat er denn, was hat er denn?“ Irgendwann verstehen sie sich überhaupt nicht mehr, es kommt zu einem handfesten Streit und eine jahrzehntelange Freundschaft scheint sich in Luft aufzulösen. Wie geht man damit um?
Wie geht man damit um, wenn da zum Beispiel zwei Ehepartner sind, die sind nah und glücklich, als sie in ihre Ehe starten, sie können sich nichts Schöneres vorstellen als beieinander zu sein, und sie wissen um die Gefahren und um die Risiken einer Ehe. Aber dann nach drei, vier, fünf Jahren tut vielleicht einer von beiden etwas, was nie hätte getan werden dürfen, oder er sagt etwas, was nie hätte gesagt werden dürfen, und ein Riss, ein Schock geht durch diese Beziehung. Und sie versuchen – es sind ja erwachsenen Menschen – sie versuchen es wirklich zu kitten, sie bemühen sich, sie probieren alles mögliche, aber allmählich und immer mehr fühlt sich ihre Beziehung kalt und leblos an. Und sie ertappen sich hin und wieder bei dem Gedanken: „So richtig aufatmen kann ich erst, wenn ich allein bin“ und: „Wenn nur der oder die andere nicht wäre...“ Wie geht man damit um?
Es gibt – und das kann ich gleich zu Beginn versprechen – es gibt auf diese Frage keine einfache Antworten, und das hat einen Grund. Der Grund ist, dass wir Menschen eben Menschen sind, und Menschen sind fehlbar. Wir Menschen sind fehlbar, das ist übrigens eine Kernüberzeugung des christlichen Glaubens. Der christliche Glaube sagt: Wir Menschen sind wunderbare, komplexe, faszinierende Wesen. Wir sind einzigartig geschaffen und wir sind dazu in der Lage, wunderbare, kreative und fantasievolle Dinge zu tun. Aber wir sind genauso dazu in der Lage, fürchterlich zu scheitern, wir sind dazu in der Lage, egoistisch und selbstsüchtig zu sein, heuchlerisch und unaufrichtig. Wir scheitern, das gehört zum Leben als Menschen dazu. Da ist der christliche Glaube ganz realistisch. Und deswegen wird es immer wieder vorkommen, dass auch Beziehungen scheitern. Das ist so.
Und trotzdem, es ist kein Naturgesetz. Es ist nicht etwas, das über jemanden hereinbricht wie ein Unwetter, und dann sagt man: „Ja, tut mir leid, kann ich leider nichts dran ändern.“ So einfach ist es nun auch wieder nicht. Und deswegen gibt es durchaus Hilfen. Es gibt sehr konkrete Dinge, die man tun kann, um dafür zu sorgen, dass es gar nicht erst soweit kommt. Ich zähle einmal vier Hilfen auf, die dazu beitragen können, dass eine Beziehung gar nicht erst scheitern muss.
Die erste Hilfe: Zuhören.
Das klingt so simpel, aber wenn wir es nur täten. Zuhören, das habe ich übrigens auch selbst wirklich lernen müssen. Zuhören, das heißt, nicht nur die eigene Redepause nutzen, während der andere spricht, um den eigenen nächsten Redebeitrag vorzubereiten. Nicht nur die eigene Redepause dazu nutzen, Luft zu holen, sondern wirklich zuhören: Was sagt der oder die andere, was meint er oder sie damit? Das ist wirklich interessant. Ich weiß, manchen Menschen wird nachgesagt, dass sie das von Natur aus nicht so gut können, das wird zum Beispiel den Bewohnern meiner ursprünglichen Heimatregion nachgesagt. Ich komme ursprünglich aus dem Rheinland, und von Rheinländern wird gerne gesagt: Wenn ein Rheinländer zehn Minuten lang schweigen muss, dann treten diese fürchterlichen Symptome auf: Schweißausbruch, Atemstillstand und so weiter. Aber mal ohne Flachs: Zuhören, das ist wirklich wichtig. Das ist die erste Hilfe.
Die zweite Hilfe: Die Welt aus der Sicht des anderen zu sehen versuchen.
Das heißt, einmal – auch wenn es nur für einen Moment ist – einmal versuchen, sich vorzustellen: Wie sieht eigentlich die Welt aus der Perspektive des anderen aus? Wie ist es wohl, in der Haut des anderen zu stecken? Wie fühlt sich das an? Vielleicht haben Sie auch schon die indianische Weisheit gehört: „Bevor du jemand kritisierst, solltest du erst eine Meile in seinen Schuhen gehen.“ Ein sehr albernder Mensch hat mal gesagt: „Ja genau, ‚bevor du jemand kritisierst solltest du erst eine Meile in seinen Schuhen gehen’ – auf diese Weise, wenn du ihn kritisierst, bist du eine Meile weit weg und hast seine Schuhe.“ Das tut jetzt nichts zur Sache, aber die Weisheit stimmt. Bevor du jemanden kritisierst, versuch dir doch zumindest für einen Moment vorzustellen, wie das Leben aus der Sicht des anderen ist. Ganz praktisch: Wie wäre das, mir selbst gegenüber zu sitzen, auf dem Stuhl, auf dem der andere gerade sitzt? Wie sieht das Ganze dann aus? Wie sehe ich aus der Sicht des anderen aus, wie wirke ich? Vielleicht merke ich dann: Ich selbst bin das Problem. So wie ich rede, so wie ich klinge, das was ich sage, vielleicht habe ich ja gar nicht Recht, sondern vielleicht bin ja ich das Problem. Das ist die zweite Hilfe, die Welt aus der Sicht des anderen sehen.
Die dritte Hilfe: Mit Worten behutsam umgehen.
Mit Worten behutsam umgehen, weil Worte eine große Kraft haben. Ich gehe fast jede Wette ein, dass die meisten von Ihnen sich erinnern können an irgendein großes Lob, dass Sie irgendwann mal gehört haben. Irgendetwas richtig Wohltuendes, das jemand zu Ihnen gesagt hat. Ich wette mit Ihnen, dass viele von Ihnen sich daran noch erinnern können: „Das hast du richtig gut gemacht.“ Oder: „Schön, schön dass du da bist.“ Und genauso wette ich mit Ihnen, dass die meisten von Ihnen sich noch erinnern können an irgendwelche verletzenden Sätze, die irgendjemand irgendwann mal zu Ihnen gesagt hat. Und die Sätze sind kleben geblieben. „Mit dir kann man doch überhaupt nichts anfangen.“ „Du schon wieder...“ – Das bleibt haften. Deswegen: Mit Worten behutsam umgehen. Das heißt zum Bespiel: In einer Beziehung, in der der Streit zum Dauerzustand wird, mal versuchen, nicht den anderen zu beurteilen mit dem, was ich sage. Sondern über meine eigenen Gefühle zu reden. Also nicht zum anderen zu sagen: „Du bist so gemein, du bist immer so egoistisch“, sondern vielleicht zu sagen: „Ich habe Schwierigkeiten damit. Mir tut das weh, was du sagst.“ Das macht einen Unterschied . Das ist die dritte Hilfe.
Die vierte Hilfe: Hilfe von anderen suchen
Wenn man merkt: Ich komme nicht mehr zu Rande, dann ist es keine Schande, zu jemandem hinzugehen, der sich auskennt, der zuhören und der beraten kann, und zu ihm zu sagen: „Ehrlich gesagt, diese Beziehung ist mir wichtig, aber ich weiß nicht mehr ein noch aus. Vielleicht kannst du mir einen Tipp geben.“ Das ist keine Schande, auch und gerade, wenn es Überwindung kostet. Vielleicht hilft Ihnen eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung. Natürlich kostet es Überwindung, zu einem fremden Menschen hinzugehen und zuzugeben: „Ich habe ein Problem.“ Aber die Überwindung ist letztlich harmlos im Vergleich zu dem Schmerz, den es bedeutet, wenn die Scherben einer kaputten Beziehung vor mir liegen. Deswegen: Lieber rechtzeitig Hilfe von außen suchen. Sie können das gleich im Anschluss an diesen GreifBar-Gottesdienst tun, wenn Sie möchten. Wir haben im GreifBar-Team einzelne Leute, die darin geschult sind, zuzuhören und behutsam gemeinsam mit Ihnen nach Lösungen zu suchen. Wenn Sie Interesse daran haben, gehen Sie einfach nachher auf einen der GreifBar-Mitarbeiter zu, die können einen Kontakt zu einem dieser Menschen herstellen. Nutzen Sie diese Gelegenheit, wenn Sie möchten, ich kann es nur empfehlen.
„Schön und gut,“ sagen jetzt vielleicht einige hier, „das klingt ja alles gar nicht schlecht, aber ehrlich gesagt, bei mir ist es zu spät. Bei mir ist das Kind schon in den Brunnen gefallen, meine Beziehung ist schon gescheitert. Ich meine, das ist ja auch das Thema heute: Wenn Beziehungen scheitern. Tut mir leid, bei mir ist es zu spät, und deswegen klingen alle diese wunderbaren Ratschläge, die da gerade aufgezählt werden, ein bisschen wie Luxusratschläge. Ich wünschte, das hätte ich alles befolgen können. Jetzt jedenfalls ist es leider zu spät.“ Ich weiß, dass das manchmal so ist, und deswegen möchte ich Ihnen nur eine vorsichtige Frage stellen:
Was wäre, wenn man neu anfangen könnte – im Leben ganz allgemein? Wenn ich vor meinem Computer sitze, habe ich manchmal geradezu philosophische Gedanken. Wenn ich vor meinem Computer sitze, dann kommt mir nämlich manchmal die Idee: Wie wäre es wenn man bestimmte Funktionen des eigenen Computers auch im wirklichen Leben anwenden könnte? Ich denke da zum Beispiel an die Funktion: „Abmelden und unter anderem Namen neu anmelden.“ Damit habe ich schon oft geliebäugelt, das wäre doch schön, nicht? Nicht im wörtlichen Sinne, natürlich. Aber was, wenn das in gewisser Weise tatsächlich möglich wäre? Was, wenn das wirklich gehen würde? Was wäre, wenn es jemanden gibt, der mich kennt, der mich liebt und der es unendlich gut mit mir meint und der zu mir sagt: ‚Ich sehe was passiert ist, ich sehe das Scheitern deiner Beziehung, aber ich sage dir, das war es noch nicht, das war es noch nicht. Und das bist du auch nicht, das macht dich nicht aus, es lässt sich nicht leugnen, es ist passiert, aber das war es noch nicht.’
Denn das Problem ist ja, man kann sich von einer gescheiterten Beziehung vielleicht, wahrscheinlich, mehr oder weniger erholen. Aber viele Menschen haben das Gefühl: Der Makel bleibt. Es bleibt eine Stelle in der eigenen Lebensgeschichte, die kann ich nicht mehr ändern. Eine Bekannte ist sechs Jahre lang verheiratet, und nach sechs Jahren sagt ihr Mann irgendwann, buchstäblich aus heiterem Himmel: „Ich glaube, ich kann nicht mehr mit dir verheiratet sein. Es geht nicht mehr. Ich habe in mir nicht mehr die Möglichkeit dazu, mit dir verheiratet zu sein.“ Und er zieht aus, die beiden leben getrennt, und ich kriege mit, wie diese Frau ein Jahr lang um ihre Ehe kämpft. Immer wieder macht sie Gesprächsangebote und sagt: „Lass es uns doch probieren, sag doch, was dich stört, ich möchte doch gerne verstehen, was deine Schwierigkeiten sind.“ Der Mann bleibt bei seiner Entscheidung und sagt: „Ich habe in mir nicht mehr die Kraft, diese Ehe zu führen, unsere Ehe ist vorbei.“ Diese Frau sagt hinterher: „Das kann ich jetzt nicht mehr ändern. Ich bin jetzt geschieden, das ist Teil meiner Geschichte, das kann ich nicht mehr ändern, das ist so.“
Was, wenn doch? Was wenn das trotzdem nicht das Ende wäre? Der christliche Glaube sagt: Der Gott, an den wir glauben, ist ein Spezialist für Neuanfänge. Gott ist ein Spezialist für Neuanfänge. Denn das Problem sind ja nicht nur die anderen. Das Problem sind ja nicht nur die anderen, die sich das Maul zerreißen und sagen: „Hast du schon gehört, was bei dem los ist? Wenn man dagegen einigermaßen immun ist dagegen, kann man das von sich wegschieben. Doch das Problem ist ja auch, dass man selber denkt: „Wenn ich doch nur – wenn ich doch nur mein Leben ein Jahr, oder sagen wir am besten zehn Jahre zurückdrehen könnte! Wenn das doch nur möglich wäre.“ So wie beim Computer die Aktion: „Rückgängig machen“ – Steuerung Z, rückgängig machen!
Was wäre, wenn das im Leben möglich wäre? Der christliche Glaube sagt, in gewisser Weise geht das. Nicht so, dass man etwas ungeschehen machen kann, das passiert ist. Es geht nicht darum, die Schmerzen, die mit einer gescheiterten Beziehung einhergehen, zu leugnen. Es geht auch erst recht nicht darum, die Schuld zu leugnen, die mit einer gescheiterten Beziehung einhergeht. Sondern es geht darum, Schmerzen und Schuld zu nehmen, diese schwere Last, die wir mit uns herumschleppen, zu nehmen und sie vor Gott abzuladen, vor Gott hinzulegen und dann von Gott zu hören: ‚Du kannst nochmal von vorne anfangen.’
Denn von Gott glauben wir, dass wir ihm an einer ganz bestimmten Stelle begegnen können. Wir glauben, Gott ist nicht irgendwo und irgendwie, wir glauben, Gott ist so wie Jesus. Wenn wir uns Jesus anschauen, dann sehen wir Gott ins Herz. Und Jesus sagt an einer Stelle in der Bibel, er sagt: „Kommt her zu mir, alle die ihr müde seid und unter eurer Last leidet. Ich will euch eure Last abnehmen. Kommt her, alle die ihr müde seid und unter eurer Last leidet, ich will euch aufatmen lassen.“ Das heißt: ‚Gebt mir eure Schmerzen, gebt mir auch eure Schuld. Ich sehe doch was passiert ist. Ich sehe, was dir wehgetan hat. Ich sehe, wo andere dir wehgetan haben. Und ich sehe, wo du vielleicht auch selbst anderen wehgetan hast. Das alles hat auch mir weh getan,’ sagt Jesus, ‚und weißt du was: Du kannst das alles bei mir abladen. Du kannst noch einmal ganz von vorne anfangen. Denn ich sage dir, dass ich dich liebe. Dein Wert für mich ist unendlich, und niemand, nichts und niemand, nicht einmal du selbst kann irgendetwas von diesem Wert wegnehmen.’ Das ist das was Christen glauben.
Jetzt sagen vielleicht einige unter uns: ‚Das klingt ja ganz nett, wenn das wirklich so wäre... Ich weiß noch nicht genau, was ich davon halten soll, aber es klingt ganz gut. Aber selbst, wenn es stimmt, dann werden dadurch ja meine Beziehungen zu anderen Menschen noch nicht automatisch heil.’ Das stimmt. Nicht automatisch, das stimmt. Aber Gott ist nicht nur ein Spezialist für Neuanfänge. Sondern wir glauben auch:
Gott ist ein Spezialist für die zweite Chance.
Natürlich brauch man oft erst Abstand, wenn man eine kaputte Beziehung hinter sich hat. Das gilt erst recht da, wo nicht einfach nur Streit im Spiel war, wo die Auseinandersetzung noch eine Stufe härter war. Ich sage das ganz offen: Wo Gewalt im Spiel war, wo der andere mir Gewalt antut, körperlich oder psychisch, da muss ich Abstand nehmen, und es ist besser, wenn ich es früher als später tue. Das ist also nicht nur erlaubt, sondern das ist nötig. Das gilt auch für die alltäglichen Auseinandersetzungen, wenn ich merke, da hat mir jemand weh getan. Natürlich – natürlich brauche ich erst mal Abstand, erst mal eine Pause. Ich brauche Zeit, um meine Wunden zu lecken und um für mich selber zu verarbeiten, was geschehen ist.
Und trotzdem: Wirklich mich lösen von dieser Erfahrung, die ich da gemacht habe, wirklich frei werden davon, kann ich erst dann, wenn ich anfange zu vergeben. Das ist meine Behauptung. Vergeben heißt nicht kleinreden, vergeben heißt nicht zu sagen: ‚Ach, war doch gar nicht so schlimm, lassen wir mal fünfe gerade sein!’ oder zu sagen: ‚Ähm, das muss man aus dem Zusammenhang heraus verstehen, im Grunde konnte der andere auch gar nichts dafür – das Klima, seine Erziehung, die Gesellschaft...’. Vergebung heißt nicht kleinreden, sondern Vergebung heißt, dass ich mit einem Menschen so umgehe, wie Gott mit mir die ganze Zeit umgeht. Vergebung heißt, dass ich sage: ‚Nein, es war nicht in Ordnung, was geschehen ist. Es war nicht in Ordnung, es lässt sich auch nicht verharmlosen. Es hat mir weh getan, es gibt an vielen Stellen auch keine Entschuldigung dafür, aber ich will nicht zurückzahlen. Ich werde nicht in gleicher Münze zurückzahlen, sondern ich halte daran fest, so schwer es mir fällt: Dein Wert als Mensch bleibt bestehen.
Genauso geht nämlich, nach christlicher Überzeugung, Gott mit uns um. Und wenn man das erlebt, dann kann man in die Lage kommen, so auch mit anderen Menschen umzugehen, und dann wird tatsächlich Unmögliches möglich. Es war in den Neunziger Jahren in Ruanda, in dem afrikanischen Land, das damals zerrissen war von einem unglaublich blutigen Bürgerkrieg zwischen verschiedenen Volksgruppen, den Hutu und den Tutsi. Unvorstellbare Grausamkeiten, in einem Land, in dem es dummerweise keine Ölvorkommen gibt und das den Westen leider nicht allzu sehr interessiert hat. Unvorstellbare Grausamkeiten zwischen Hutu und Tutsi, nur ein paar Jahre ist das her. Mitten in diesem zerrissenen Land, auf einem Universitätscampus, in einer Mensa, an einem Tisch in der Mitte des Raumes, sitzt eine Gruppe von Leuten, die alle Schranken durchbricht: Da sitzen Hutu und Tutsi zusammen an einem Tisch. Und zuerst stehen die Hutu auf und holen den Hauptgang und servieren den Tutsi den Hauptgang. Dann stehen die Tutsi auf und holen den Nachtisch und servieren den Tutsi den Nachtisch. Sie alle sind die Mitglieder einer christlichen Studentengruppe. Ich weiß, christliche Gruppen machen so etwas nicht immer, manchmal verhalten sie sich auch sehr unrühmlich, gerade auch mitten in solchen Konflikten. An dieser Stelle aber scheint auf, was es heißt, wenn das Unmögliche möglich wird, weil man anfängt, einander zu vergeben.
Vielleicht klingt das alles für Sie wie ein Wunder, je nachdem, was Sie erfahren haben, klingt das vielleicht wie ein Wunder. Ich kann dazu nur sagen: Eigentlich sollte das in einem Gottesdienst nicht überraschen, dass hier von Wundern die Rede ist. Jesus hat noch einen anderen Satz gesagt in der Bibel, der lautet: „Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“ Christen in aller Welt haben sich darauf geeinigt, diesen Satz zum Motto des Jahre 2009 zu machen. „Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“
Er war immer der Vorlaute gewesen. Er war immer der gewesen, der zuallererst den Finger hochgereckt hatte, wenn es irgendeine Aufgabe zu vergeben gab. Er hatte sein ganzes Leben auf diese eine Karte gesetzt, auf diese eine Karte Jesus. Er hatte sein ganzes altes Leben hinter sich gelassen, er hatte alles stehen und liegen gelassen um mit Jesus durch die Lande zu ziehen. Und jetzt zieht er mit Jesus und seinen engsten Vertrauten, seinen Jüngern umher, Petrus heißt er. Und er ist immer der erste, der sagt: ‚Auch wenn alle dich im Stich lassen, Jesus, ich – ich lasse dich nie im Stich.’
Als die Gruppe durch die Lande zieht, merken sie, dass sich nach einer Weile die Stimmung zu ändern beginnt. Das Blatt beginnt sich zu wenden. Die Menschen, die Jesus vor kurzem noch zugejubelt hatten, die werden auf einmal still. In den Gassen hört man Getuschel, Gerüchte. Man hört, die Obrigkeit der Zeit – die religiöse Elite und die politische Elite – hat sich zusammen getan, sie möchten Jesus aus dem Weg schaffen, weil er ihnen nicht in den Kram passt. Und jetzt geht es Jesus ans Leder, Jesus sagt das voraus, er sagt zu seinen Jüngern: ‚Ich muss euch darauf einstellen: Mein Weg geht ins Leiden. Die Kaputtheit der Welt wird sich an mir austoben, darauf müsst ihr euch einstellen. Und auch ihr werdet mich auch verlassen, ihr werdet mich auch im Stich lassen.’ Petrus sagt: ‚Nein das kann doch nicht sein. Niemals! Egal was passiert, ich werde dich niemals im Stich lassen. Selbst wenn sie mir ans Leben wollen, ich werde mein Leben dafür hingeben um zu zeigen, dass ich zu dir gehöre.’ Jesus schaut Petrus an, ganz ruhig, ein bisschen traurig und sagt: ‚Bevor heute Nacht der Hahn kräht, wirst du dreimal leugnen, mich überhaupt zu kennen.’
Ein paar Stunden später wird Jesus überfallartig gefangen genommen. Von einem Kommando der Geheimpolizei wird er abgeführt. Petrus kann ihm gerade noch so nachschauen, sieht das Gesicht von Jesus. Jesus wird abgeführt, ihm wird der Prozess gemacht. Dann steht dieser kleine Haufen von Jesusleuten, diese Jüngergruppe, auf einem Marktplatz in Jerusalem, mitten in der großen Stadt. In der großen Stadt kennen sie sich nicht aus, sie kommen vom Land, sie stehen da und sie wissen, da drüben in dem Gebäude wird Jesus gerade der Prozess gemacht. Und sie können nichts dagegen tun. Sie wissen, man will ihn aus dem Weg haben, man will ihn als vermeintlichen Aufrührer aus dem Weg schaffen, sie haben Angst. „Hey du da,“ sagt eine Frau und Petrus guckt, „wie, was, meinst du mich?“ – „Ja du, du warst doch einer von diesen Leuten, die mit Jesus umhergezogen sind.“ Und Petrus sagt: „Nein, nein,“ und geht paar Meter weiter. Die Frau hat die dumme Angewohnheit, ihm hinterher zu laufen und sagt: „Doch du. Du gehörst mit dazu, ich höre das doch, ich höre das an deinem pommerschen Akzent, du kommst nicht von hier.“ Petrus sagt: „Nein, nein, ich kenne diesen Jesus – wer soll das eigentlich sein? – ich kenn den gar nicht.“ – „Doch,“ es haben sich inzwischen ein paar andere Leute gesammelt, ein kleiner Menschenauflauf hat sich gebildet, und sie sagen: „Doch, doch, der gehört auch mit dazu.“ Da sagt Petrus: „Verdammt noch mal, ihr könnt mich verfluchen ich kenne diesen Jesus überhaupt nicht!!“ Und er hört den Hahn krähen, und es durchzuckt ihn, als ob sein Herz in zwei Teile geschnitten ist. Den Rest dieses Abends erlebt er nur noch wie in Trance. So als ob der Ton abgeschaltet wäre, sieht er, wie Jesus aus dem Gerichtsgebäude herausgeführt wird, er sieht, wie er verprügelt wird, verhöhnt, verspottet, angespuckt, ausgepeitscht. Er sieht, wie ihm ein Kreuz auf die Schultern geladen wird, und wie Jesus dieses Kreuz aus der Stadt heraus schaffen muss, durch eine johlende, gaffende Menschenmenge hindurch. Und er sieht wahrscheinlich nur von ganz weit weg, wie dieses Kreuz auf einem Hügel vor der Stadt aufgerichtet wird. Da hängt Jesus und stirbt. Und Petrus denkt: ‚Ich habe versagt.’
Da sitzen die Jünger in Jerusalem zusammen in einem Zimmer, sie wissen nicht ein noch aus. Als sie dann die ersten Gerüchte hören, von den Frauen, die auch mit zu der erweiterten Anhängergruppe von Jesus gehören, die Frauen, die sagen: ‚Wir waren am Grab, wir waren an der Grabeshöhle, und wir haben gesehn, dass der Stein vor der Grabeshöhle weggerollt ist und das die Grabeshöhle leer ist, und wir können es selber noch nicht richtig verstehen – aber wir haben den Eindruck, wir glauben, wir können uns vorstellen, wir glauben: Er lebt, er lebt wieder. Er ist auferstanden!’ Als Petrus das hört, rennt er zu diesem Grab, sieht das Grab leer, und er bekommt mit, wie Jesus Leuten begegnet, er hört die Berichte von anderen. Er ist genauso skeptisch wie alle anderen und seine Skepsis wird langsam überwunden. Er kriegt mit, wie der auferstandene Jesus Menschen begegnet und wie sie langsam zweifelnd anfangen, Vertrauen zu fassen, dass jetzt noch einmal alles von vorne losgeht.
Nur ein Teil von ihm ist immer noch wie gefroren, denn er denkt sich: ‚Ja, was wird jetzt aus mir? Ich hab’s doch verbockt, was wird jetzt aus mir, wenn jetzt alles nochmal von vorne anfängt, bin ich doch wohl außen vor.’ Also tut er das, was er immer tut, wenn er nicht mehr weiter weiß, und das, was er am besten kann, er geht fischen. Er ist Fischer von Beruf, er fährt mit einem kleinen Boot mit ein paar Kollegen auf einen großen See heraus, wirft die Netze aus, sie fischen die ganze Nacht lang und fangen nichts.
Am nächsten Morgen, es dämmert schon, sehen sie am Ufer eine Gestalt, die hat ein Feuer angezündet und macht sich mit Töpfen und Pfannen zu schaffen. Die Gestalt ruft über das Wasser herüber: „Hallo...“ Und Petrus und seine Leute rufen zurück: „Ja?“ Und die Gestalt ruft: „Habt ihr nichts zu essen?“ Und Petrus sagt: „Nein, wir haben die ganze Nacht gefischt und nichts gefangen.“ Die Gestalt sagt: „Dann werft die Netze einfach nochmal aus.“ Und Petrus sagt: „In Ordnung.“ Sie werfen die Netze aus, und fast im gleichen Moment spüren sie, wie es an den Netzen zerrt und Petrus und wie die ersten Fische gefangen sind. Da sieht Petrus nochmal genau hin zu der Gestalt am Ufer und denkt: ‚Das ist doch, das kann doch nicht, das ist doch – JESUS!“ Und er springt vom Boot. Er springt ins Wasser, strampelt und rudert mit den Armen und schwimmt auf das Ufer zu, fünfzig, sechzig Meter weit, bis er soweit auf das Ufer zugekommen ist, dass er sich im Wasser aufrichten kann. Das Wasser reicht ihm nur noch bis zur Hüfte, er strampelt auf Jesus zu und denkt sich die ganze Zeit: ‚Was wird er tun, was wird er tun, es wird doch bestimmt nochmal zur Sprache kommen, hab ich noch eine Chance?’ Und er sieht, wie Jesus auch auf ihn zukommt, er sieht, wie Jesus auch in das Wasser reinwatet, fünf, zehn, fünfzehn Meter ins Wasser hinein, bis das Wasser ihm auch bis zur Hüfte reicht. Er sieht, wie Jesus auch die Arme ausbreitet. Und er sieht auf dem Gesicht von Jesus keine Spur von Ablehnung, sondern einfach nur: Willkommen.
Da ist Petrus bei ihm und er schlägt die Arme um ihn, umarmt ihn und ist überglücklich und er weiß: Was auch immer jetzt geschieht, was auch immer jetzt gesagt wird, diese Beziehung fängt von vorne an. Und damit fängt auch mein Leben von vorne an. So geht Jesus mit Petrus um, und so geht Gott mit uns um. Und was jetzt passieren kann, wenn man sich darauf einlässt, was passieren kann im eigenen Leben und auch im Umgang mit anderen Menschen, das ist überhaupt nicht auszudenken. Vielen Dank fürs Zuhören.
