GreifBar am 08.03.2009
| GreifBar_08.03.09.mp3 |
| GreifBar_08.03.09.pdf |
Der Erlös geht zu Ihren Gunsten - Noch 5 Wochen bis Ostern
I. UNRÜHMLICHES ENDE EINER KARRIERE
Als vor ein paar Tagen in Köln das Stadtarchiv einstürzte, hieß es, jetzt sei das Gedächtnis der Stadt Köln ausgelöscht. Die Erinnerungen an Jahrhunderte sind unter Schutt begraben. Unter diesem Schutt liegt nun auch das Abiturzeugnis von Heinrich Böll. Bis vor kurzem konnte man da nämlich lesen: Kaiser-Wilhelm-Gymnasium 1937. Der spätere Literatur-Nobelpreisträger verließ das Gynmasium mit der Gesamtnote „ausreichend“, die Leistungen in Deutsch und Religion waren „genügend“. Ist das nicht ein Trost für alle, die ihre Zeugnisse hassen? Baut das nicht die Eltern unter uns auf, die ihre Zeugnisse vor den eigenen Sprösslingen peinlichst verbergen? „Papa, hör auf zu meckern- wie warst du denn früher in der Schule?“ „Also, ich war … richtig gut, immer vorne mit dabei, auch in Mathe.“ „O.k., kann ich denn mal deine Zeugnisse sehen, das wäre echt cool.“ „Ach, ähm, also, ich weiß gerade wirklich nicht, wo sie sind!“ Warum stürzen immer die falschen Häuser ein! Heinrich Böll, Abitur mit „4“ – welch ein mieser Start – aber was für ein tolles Ende. Ansichten eines Clowns, Billard um halb zehn, Die verlorene Ehre der Katharina Blum - Literaturnobelpreisträger 1972 und Ehrenbürger der Stadt Köln. Schlechter Start und gutes Ende! Was für eine Karriere!
Manchmal geht es aber auch umgekehrt: ein toller Start und ein armseliges Ende! Mit großen Hoffnungen losgelaufen und dann unterwegs versackt. Lukas Podolski – ein Jahrhundertalent des Fußballs, mit 22 schon 50 Länderspiele. Und dann der Absturz, Edelreservist bei den Bayern. Nur noch für coole Sprüche gut: Fußball sei so spannend wie Schach, soll er gesagt haben, nur ohne Würfel. Schachmatt, kann man da nur sagen.
Wir haben eben einen Film über das Leben des Jesus von Nazareth gesehen. Was für ein Start: unter dem richtigen Stern geboren, tapfere, stolze Eltern, eine Lasershow am Himmel zur Begrüßung auf der Erde. Und dann dieser Lebensweg: Die Menschen hingen an seinen Lippen. Er redete ungewöhnliche Worte, die bis heute ihre Wirkung nicht verfehlen. Einmal spielte er sogar Mensa: kaltes Büffet mit Fisch und Baguette für 5000 Leute mit Anhang. Er konnte die Massen bezaubern, die er nicht nur mit Brot speiste, sondern deren Herzen er anrührte. Sie sagten: Das ist einfach göttlich! Wenn er kommt, das ist eine himmlische Erfahrung. Er hatte ein Herz für die kleinen Leute. Er war sich nicht zu schade für manchen, um den alle anderen einen Riesenbogen machte. Er heilte Kranke. Und dann zog er fast schon triumphierend in der Hauptstadt ein. Die Herzen flogen ihm zu. Was für ein Start! Und dann dieses Ende. Gefangennahme und ein sehr kurzer Prozess. Falsche Zeugen. Folter. Demütigung. Ent-ehrung. Er kroch zu(m) Kreuze, Jesus kroch buchstäblich zu seiner eigenen Hinrichtung. Was für ein sinnloses „Ende einer Dienstfahrt“! Wozu?
Jemand hat einmal gefragt, warum eigentlich James Bond immer überlebt, obwohl ihm dauernd die Kugeln um die Ohren fliegen. Antwort: Er kennt den Regisseur. Das ist ein Vorteil, nicht wahr? Nun behauptete auch Jesus, er sei mit dem „Regisseur“ auf Du und Du – aber was hat es ihm eingebracht? Kurz vor seinem Tod, in einem Garten bei Jerusalem, muss er erkennen: Der höchste Regisseur wird diesen Kelch nicht an mir vorübergehen lassen. Es soll so sein – aber warum?
Was fangen wir nun mit dieser Story an? Wieso ist das Kreuz das Symbol schlechthin für das Christentum? Ein Herz, ein rotes, pochendes, pralles Herz, das wäre doch viel schöner. Warum ein Kreuz?
Manchmal ist es am einfachsten, sich Auskunft bei dem zu holen, um den es geht. Jesus hat ja gewusst, was auf ihn zukommt. Er erlebte von Tag zu Tag mehr Widerstand. Für die religiösen Führer war seine Großzügigkeit und Herzensweite unerträglich, sein Anspruch, von Gott selbst her zu kommen, schiere Gotteslästerung. Jesus wusste, dass das nicht gut gehen konnte. Und er hat seine Freunde, sein Team informiert. So wird es ausgehen, hat er gesagt. Und ihr sollt wissen, warum, ihr sollt den geheimen Sinn verstehen, der dahinter steht. Er hat gesagt: Ich werde nach Jerusalem gehen und leiden und sterben. Ich werde den Tod besiegen, aber zuvor werde ich leiden und sterben. Ostern wird mein großes Come back, aber zuvor geht es in die Gruft. Ihr müsst das wissen: Dazu bin ich überhaupt gekommen, damit es genau so geschieht. Es muss so geschehen. Das ist nicht ein furchtbares Versehen. Hier übernehmen nicht dunkle Mächte das Kommando. Hier müsst Ihr eine höhere Regie erkennen. Ich kenne den Regisseur: Er will es so. Wenn ich aber leide und sterbe, dann für Euch. Ich sterbe für Euch. Der Erlös geht zu Euren Gunsten. Um es in einem Bild zu sagen: Ich zahle das Lösegeld für Euer Leben. Und wenn ich es zahle, dann seid Ihr frei.
O.k., o.k., werden Sie sagen: Jetzt bin ich so schlau wie vorher! Oder eher noch verwirrter. Was bitte soll das denn? Wieso sollte einer für mich sterben? Was habe ich 2009 in Greifswald mit dem Opfer eines antiken Justizmordes zu schaffen? Was bitteschön, sollte das mit meinem Leben zu tun haben? Ich weiß nicht, was das bedeutet, und von dem, was ich ahne, glaube ich eher nicht, dass es mir gefällt. Schade, das mit Jesus! Er tut mir auch Leid, eine bewunderswerte Gestalt, aber mehr auch nicht, und übrigens: Gerechte Menschen, die unter die Räder kamen, gibt es viele. Ist Martin Luther King für mich gestorben? Ist der Graf Stauffenberg für mich gestorben? Was soll das?
O.k., manchmal opfern sich Menschen für andere auf. Das gibt es. Vielleicht kennen Sie den Film „Vertical Limit“ – da geraten Bergsteiger in Not. Einer hängt oben am Seil, der andere hängt unten am Seil. Und sie sehen, dass der Haken ihr Gewicht nicht hält. Zusammen sind sie zu schwer. Ganz langsam löst sich der Haken aus der Wand. Sie werden beide abstürzen und sterben, wenn nicht, ja wenn nicht der unten hängt das Messer zieht und sich selbst abschneidet. Einer muss sich opfern, damit der andere leben kann. Im Film geschieht es genau so. Jesus hat so etwas übrigens einmal kommentiert: Er meinte, es gäbe keine größere Liebe auf Erden als die, dass einer sein Leben für seine Freunde opfert. Das können wir verstehen, denn: Da ist der Zusammenhang direkt zu erkennen. Aber wie sollte ein Mann am Kreuz für eine ganze Menschheit in den Tod gehen? Wozu? Wie soll das zugehen?
II. IN DER KLEMME
Eine erste Antwort hat damit zu tun, wie Jesus unser Leben einschätzt. Er ist der Meinung, dass wir samt und sonders ganz schön in der Klemme stecken.
Eine Geschichte aus unseren Tagen kann das vielleicht illustrieren; sie bewegt gerade viele Menschen: Da ist ein sportlicher Ministerpräsident. Und dann geschieht es, beim Skifahren, ein Fehler, eine Unachtsamkeit, einige wenige Sekunden nicht auf der Höhe – und eine 41jährige Ehefrau und Mutter ist tot. Der Ministerpräsident selbst ist schwer verletzt. Keine böse Absicht, aber welch ein Ende! Er hat die Verantwortung übernommen, hat sich einem Gerichtsurteil gebeugt, zahlt eine Buße. Alles o.k. Jetzt wird er in die politischen Mühlen geraten. Die einen werden ihn hemmungslos verteidigen, um Wahlen nicht zu verlieren, die anderen werden es ausschlachten, seine Integrität, seine Fitness in Zweifel ziehen, nicht aus Sorge, sondern um Wahlen zu gewinnen. Und er selbst? Wie wird das sein? Was immer er tut oder lässt, dieser Tag auf der Skipiste ist nicht auszulöschen. Er bleibt. Und der verwitwete Mann, das verwaiste Kind – ohne Vorwarnung in Sekunden der Mutter beraubt. Da tröstet kein Schmerzensgeld, jeder einzelne Alltag wird es zeigen, wie schlimm das ist. Wie lebe ich mit solch tragischer Verwicklung, diesem Mischmasch aus Schuld und Schicksal? Gibt es ein bisschen Gnade, einen neuen Anfang? Was geschehen ist, ist geschehen. Nichts macht es rückgängig, nichts macht es ungeschehen. Aber gibt es einen neuen Anfang, hebt mir jemand die Last vom Herzen? Wer erlöst mein Gewissen? Wer gibt dem Witwer Lebensmut und dem unglücklichen Täter Zukunft jenseits von Wahlstrategien?
„Ja“, könnten wir sagen, „ja, das sind schlimme Schicksale, da fallen auch uns die alten Worte ein, Erlösung, Gnade, Vergebung.“ Aber wir, wir mit unserem normalen Leben – was hat das mit uns zu tun? Vielleicht ist das weit weg. Vielleicht ist das auch nur die Spitze des Eisbergs.
Aber Jesus bleibt dabei: Ihr steckt alle ganz schön in der Klemme! Aber warum denn das? Nun, sagt er, Gott hat Euch erschaffen und Euch in diesen Garten Erde gesetzt. Er hat Euch mit Leben beschenkt. Er wollte nichts als Euer guter Vater sein. Fürsorglich, großzügig. Und Ihr, Ihr habt Euch vom Acker gemacht. Die einen hochanständig („wir schaffen das ohne Gott“ – „ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein!“ ), die anderen etwas unmoralisch, die einen, indem sie Gott schlicht für tot erklärten, die anderen, indem sie ihnen einen guten alten Mann im Jenseits sein ließen. Ihr habt die Beziehung zu Gott gekündigt; vielleicht wisst Ihr das gar nicht mehr, weil Ihr schon in Verhältnisse hineingeboren wurdet, in denen man Euch Gott einfach vorenthielt.
Wo aber die Beziehung zu Gott kaputt geht, da geraten die Dinge aus den Fugen, da zerbrechen die Beziehungen auch im irdischen Getümmel. Und manchmal, manchmal spürt ihr es. Vielleicht wenn es so dicke kommt wie beim Thüringischen Ministerpräsidenten, dann spürt Ihr es als Täter. Oder wenn es Euch so trifft wie die Familie der toten Mutter, dann spürt Ihr es als Opfer. Wenn Ihr mal ehrlich in den Spiegel schaut. Wenn Euch die Sehnsucht packt. Wenn Ihr so reich beschenkt seid, dass Ihr danken möchtet, aber ihr wisst nicht wem. Wenn Ihr spürt, dass Ihr verantwortlich seid, aber nicht wisst, wem Ihr Rechenschaft schuldet. Immer dann meldet sich die Erinnerung: Eigentlich sollten wir vor Gott „wie Kinder fromm und fröhlich“ sein, aber wir haben ihn verloren, und jetzt sind wir verloren. Jesus meint: so ist es, jetzt seid Ihr gefangen in einem Leben ohne Gott, besetzt von anderen Herren, und die meinen es durchaus nicht so gut mit Euch. Besetzt von den Herren Gier und Neid, Sorge und Furcht, Zorn und Hass, und sie alle treiben Euch nur auf den letzten und größten Herrn zu, den Ihr alle fürchtet – den Tod. Er hält Euch in Geiselhaft. Deshalb steckt Ihr auch in Geiselhaft. Am Ende bleiben nur der Tod und die Finsternis.
III. STELLVERTRETUNG UND LÖSEGELD
Wie sieht aber Gottes Reaktion aus?
Die noch etwas von Gott wissen, haben oft ein verzerrtes Bild: „Draufhauen wird er, er wird jetzt richtig draufhauen.“ So ist er nun mal. Ein anständiger Gott haut drauf. Und darum bleibt uns nur, ihn zu besänftigen. Dazu bringen Menschen seit Menschengedenken den Göttern Opfer. Du musst die Götter besänftigen, dann lassen sie Dich vielleicht in Ruhe. Du musst zu Kreuze kriechen, dann gewähren sie Dir vielleicht ein bisschen Gutes. Oder wir denken: „Na, so schlimm wird es nicht kommen. Gott wird schon fünfe gerade sein lassen.“ Am Ende winkt er uns alle durch. Ein paar kriegen eine „gelbe Karte“, aber dann dürfen doch alle mitspielen, drüben, wie immer es da sein wird.
Aber Jesus erzählt zwei ganz andere Geschichten. Er sagt, es wird sein wie vor Gericht und wie bei einer Geiselhaft.
Die erste Geschichte hat also mit dem Gericht zu tun. Jesus sagt, dass wir alle auf ein Gericht zugehen, in dem wir für unser Leben Rechenschaft geben müssen. Es geht darum, dass Gott der Schöpfer und Herr nicht einfach daran vorbeisieht, was in unserem Leben geschah. Unsere Schuld, sagt er, unser falsches Tun und Lassen, die verkehrte Richtung unseres Herzens, unser In-uns-selbst-verkrümmt-Sein, das schafft eine Wirklichkeit. Und es ist ein fataler Irrtum zu meinen, mit dem Tag unseres Todes wäre es vorbei. Wir müssen uns verantworten. Und wenn wir ein Gewissen haben, dann spüren wir das auch. Wir tragen Verantwortung für unser Leben. Einem Kind sehen wir manches nach, ein Tier ziehen wir nicht vor Gericht. Sie können sich nicht verantworten, aber mündige Menschen wissen es: Die Kehrseite unseres Mündigseins ist Verantwortung. Wem aber müssen wir Antwort geben, wenn wir uns verantworten? Das Wort wird sinnlos, ohne ein Gegenüber, vor dem wir stehen und Rechenschaft geben. Jesus sagt: Jedes Menschenleben wird sich vor Gott verantworten müssen. Da werden die Bücher geöffnet. Das heißt übrigens auch: Die Täter kommen nicht davon, die Opfer bleiben nicht ungesühnt. Das ist ein tröstlicher Gedanke. Weniger tröstlich ist die Frage, wie wir denn bestehen werden in diesem Gericht vor dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Jesus sagt: Das geht nur, wenn ein anderer trägt, was Ihr tragen müsstet. Das geht nur, wenn ein anderer an Eure Stelle tritt und den Schuldspruch auf sich nimmt.
Nicht immer ist das angemessen, nicht immer klappt das mit der Stellvertretung. Da kommt also ein Mann in eine Apotheke. Er bittet den Apotheker, ihm etwas gegen Schluckauf zu geben. Der Apotheker, ohne zu zögern, hebt die Hand und gibt ihm eine Ohrfeige. „Warum haben Sie das getan“, fragt der Mann. „Tja“, sagt der Apotheker, „wetten, dass Sie jetzt keinen Schluckauf mehr haben, oder?“ – „Nee“, sagt der Mann, ich nicht, aber meine Frau, die draußen im Auto wartet, schon, die hat ihn noch.“
Nicht immer ist Stellvertretung angesagt, nicht immer ist sie möglich. Meistens müssen wir selbst für uns gerade stehen, und das ist meist auch richtig. Aber hier im letzten Gericht über unser Leben, da ist es unsere einzige Chance. Darum sagt Jesus: Da will ich an Deine Stelle treten, da will ich Deinen Platz einnehmen. Du aber, Du kannst, wenn Du willst, jetzt schon wieder Deinen ange-stammten Platz einnehmen, als Kind Gottes neu anfangen, ganz neu anfangen. Wir hätten unser Leben verwirkt, wenn nicht ein anderer sein Leben für uns geopfert hätte. Das ist der tiefe Sinn des Sterbens von Jesus an diesem Kreuz vor den Toren Jerusalems. Jesus, der Mensch, der so voll von Gott war, dass es jeder spürte, der ihn traf, dieser Jesus hat unser Todesurteil auf sich genommen, so dass wir frei ausgehen. Dafür, so Jesus, lebe ich, für dich sterbe ich. Willst Du das?
Die zweite Geschichte handelt vom Lösegeld. Das ist aus der Sprache des Geldverkehrs. Lösegelder bieten den Stoff für die Krimis, die erdachten wir die im wirklichen Leben. Da werden ein ALDI-Besitzer entführt oder der Tabakerbe Reemtsma. Und dann wird Lösegeld bezahlt. Je wichtiger einer ist, desto mehr. Das höchste Lösegeld aller Zeiten wurde 1533 bezahlt, als Francisco Pizarro den Inka-Häuptling Atahualpa gefangennahm und erst gegen Zahlung von 25 Tonnen Silber und Gold freiließ. Richard Löwenherz wurde 1194 gegen eine Lieferung von 6000 Eimern Silber freigelassen. Lukas Podolski wird im Sommer aus den Fängen einer bösen bayrischen Fußballmafia erlöst gegen ein Lösegeld von 10 Millionen Euro, um wieder nach „Kölle“ heimzukehren. Heute kann man sich übrigens versichern lassen. Seit 1998 gibt es in Deutschland ein Rund-um-sorglos-Paket gegen Lösegeldforderungen: Wer sich die Police leistens kann, ist versichert und bekommt die Kosten für Lösegeld, Vermittler, Dolmetscher, Arzt und psychiatrische Nachbehandlung bezahlt.
Jesus war nicht versichert. Er sagt: Ich zahle für Dich. Ich zahle das Lösegeld. Mein Leben ist das Lösegeld. Ich zahle den höchsten Preis. Ich gebe mich in die Hände der Mächte, deren Sklave du geworden bist. Ich bezahle, damit Du freikommst. Du warst verschuldet und hast Dich verraten und verkauft. Du wurdest zum Spielball Deines Schicksals? Du kommst nicht mehr los von Deinem verkorksten Leben? Du siehst nicht, wie Du dem bösen, ewigen Tod entkommen kannst? Ich zahle, Du kommst frei. Ich zahle, Dir werden die Fesseln gelöst. Dafür lebe ich, und dafür sterbe ich. Willst Du das?
Wenn das stimmt, dann steht für uns die Türe zum Leben sperrangelweit offen. Dann ist alles ganz anders als wir dachten. Vielleicht gehen Sie dann in diesen Abend und denken: Wenn das stimmt, ist alles noch viel ernster, als ich dachte. Aber wenn das stimmt, ist auch alles viel hoffnungsvoller, als ich dachte.
Dann ist Kreuz Trumpf. Kreuz sticht Herz. Das Kreuz des Jesus von Nazareth zählt, nicht unsere Versuche, ein einigermaßen reines Herz zu haben. Dann geht es nicht zu wie in der Religion: Religion heißt doch tun, was Gott gefällt. Dann hören wir unter dem Kreuz: Glauben heißt sich gefallen lassen, was Gott tut.
IV. GOTT KANN (FÜR [MICH]) LEIDEN!
Ich möchte es gerne zum Schluss mit drei kurzen Sätzen zusammenfassen. Das sind Sätze, die Sie mitnehmen können. Vielleicht fangen Sie an, diese Sätze einmal selbst für sich zu sagen, ganz leise, vielleicht nur in Gedanken. Vielleicht fangen Sie an, diese Sätze einmal auszuprobieren, wie sie sich anhören, ja anfühlen, welche Resonanz Sie dann in Ihrem Inneren spüren. Vielleicht nehmen Sie ja diese Sätze mit in den Abend und in die nächsten Tage und Wochen:
Der erste Satz heißt: Gott kann leiden. Das Kreuz mit dem Mann aus Nazareth, der dort so elend verreckt, sagt: Gott kann leiden. Er ist nicht der Gott der Philosophen, der über der Erde thront, unberührt von unserem Schmerz, ohne ein Lächeln über unsere Freude. Nein, er ist nicht der apathische Weltenlenker, unbewegter Beweger, gefühlloser Herrscher, kaltherziger Richter. Jesus am Kreuz – da ist Gott, gebeugt unter unseren Schmerz, gequält von unserem Versagen, hineingestoßen in die schlimmste Gottesferne. Am Kreuz geht Gott durch die Hölle. Er kann leiden. Kann er aber leiden, dann ist er vor allem der Gott, der mit uns mitfühlt und dem es das Herz zerreißt, wenn er an unsere Not denkt. Wenn Du ganz unten bist, dann ist er nicht ganz oben, sondern direkt neben dir. Gott kann leiden.
Der zweite Satz lautet: Gott kann mich leiden. Wenn mich jemand leiden kann, dann ist das mehr als mich mögen. Jemanden zu mögen, weil er so liebenswert ist, das ist leicht. Das kriegen wir noch locker hin. Tiefer geht es, wenn wir sagen: Ich kann dich leiden. Dann sagen wir: Und wenn ich Schmerz davon trage, auch wenn Du mich enttäuschen wirst, auch wenn du mir weh tun wirst, ich kann dich leiden. Wenn Liebe enttäuscht wird, muss sie wählen: Sie muss sich zurückziehen oder sie gerät ins Leiden. Jesus am Kreuz sagt: Ich kann Dich leiden. Auch wenn Du mich bisher nicht beachtet hast. Auch wenn soviel schief gelaufen ist. Auch wenn Dein Leben nicht gerade ein Gottesdienst war. Ich kann dich leiden. Ich mag nicht nur deine Schokoladenseiten, ich liebe dich brutto, mit deinen weniger guten Seiten, deinem Versagen, deiner Bitterkeit, deiner Hilflosigkeit, deinem Starrsinn, deiner Furchtsamkeit. Ich kann dich leiden. Sieh, wie weit ich bereit bin dafür zu gehen. Sieh, wie weit ich bereit bin, für Dich zu gehen. Gott kann mich leiden.
Und der letzte Satz lautet: Gott kann für mich leiden. Wo ist denn nun die Gnade? Woher kommt Erlösung von unserem Schmerz, von unserem traurigen Schicksal, von unserer Gebrechlichkeit, von unserer Schuld, von unserer Todesfurcht? Geh zum Kreuz, sagt Jesus, schau es Dir an. Was da geschah, habe ich für Dich getan. Und hätte es auf der ganzen Erde nur Dich gegeben, ich hätte es getan. Da habe ich alles hingeschleppt, dein Schicksal und deinen Tod, deine Schuld und deine Krankheit. Komm zum Kreuz. Ich strecke Dir die Hand entgegen. Komm und nimm. Ich kann für dich leiden. Hier kriechst Du nicht zu Kreuze, hier bekommst Du einen festen Stand. Hier sollst du aufatmen und leben, geborgen sein mit deinem schweren Schicksal, losgekettet von deiner Schuld und frei, das Leben neu anzupacken, mutig und zuversichtlich, weil auch der Tod nicht mehr das letzte Wort haben darf. Vielleicht sagt es jemand dem Ministerpräsidenten und der verwaisten Familie. Gott kann für mich leiden.
Komm zum Kreuz. Gott kann leiden. Gott kann mich leiden. Gott kann für mich leiden. Der Erlös geht zu Ihren Gunsten. Danke, dass Sie mir so lange zugehört haben.
