Greifbar

GreifBar am 24.5.2009

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                                  „Eigentlich bin ich ganz anders, 
                                 ich komme nur so selten dazu.“


Phil 3,12-16; Röm 7,19

 

Theaterstück: Eigentlich bin ich ganz anders…


Licht: kaltes Bürolicht, auf Szene konzentriert, „Gewissen“ mit Spot verfolgen

Requisite: moderner Schreibtisch, Bürostuhl, ein zusätzlicher schlichter Stuhl

Chefin (Sybille Meyer-Kassenbrook) sitzt im Chefsessel, telefoniert, Akten auf dem Schreibtisch, Angestellter kommt rein,  steht schüchtern vor ihr:

„Herr Schneider, ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass wir mit dem Vorgang 80 aus 09 drei Tage im Verzug sind? Hatten wir nicht mehrfach auf dem letzten Teamtreffen das Thema Arbeitsorganisation angesprochen? Wenn ich mich recht erinnere, waren sie auch anwesend, wenigstens körperlich.“

Angestellter Hermann Schneider: „Ja, aber…“

Chefin - eher leise vor sich hinmurmelnd: „Der macht mich wahnsinnig mit seinem ‘Ja, aber’.“

Chefin (wird laut): „Herr Schneider, wir stehen in einem starken Konkurrenzkampf. Wir können uns Ausfälle solcher Art nicht leisten. Nie liefern sie Ihre Arbeit pünktlich ab.“

Hermann Schneider: „Ja, aber…“

Gewissen (Person mit Maske und weißen Handschuhen, sonst ganz in Schwarz) stellt sich neben Hermann: „Warum  läufst Du schon wieder rot an und sagst ‘Ja, aber?’ Jetzt sag doch mal endlich, wie es wirklich gelaufen ist…“

Chefin: „Bis Morgen früh um 10:00 Uhr, Herr Schneider, möchte ich eine lückenlose Dokumentation des Vorganges  auf meinem Schreibtisch haben. Wie soll ich das unserem Auftraggeber erklären? Sie sind absolut unfähig.“

 Gewissen: „Sibylle, jetzt komm mal runter. Wir waren uns doch darüber einig, dass wir die Mitarbeiter nicht mehr so runtermachen wollten. Lass ihn doch auch mal zu Wort kommen. Du kannst doch auch anders. Du weißt doch, er hat’s auch nicht leicht!“

Chefin, dreht sich zum Gewissen um: „Aber er provoziert mich doch immer.“

Hermann Schneider:  „Wie bitte?“

Chefin: „Ach, nichts.“

Hermann Schneider: „Frau Meyer-Kassenbrook, kann ich vielleicht mal…?“

Chefin: „Nein, Sie können nicht. Das Fass ist übergelaufen.“

Gewissen macht sich auf dem Weg zu Hermann Schneider. Als es den letzten Satz hört, dreht es sich zu ihr um, geht zu ihr zurück, legt ihr die Hände auf die Schulter und sagt: „Hallo, haben wir nicht gerade miteinander gesprochen?“

Sie unterdrückt ihre Wut mit Mühe. Sie „friert“ ein. Szene taucht in ein dunkles, blaues Licht.

Gewissen geht zu Hermann Schneider und sagt zu ihm: „Hermann, so geht’s nicht weiter.“

Hermann (irritiert): „Was, Du jetzt auch noch?“

Gewissen: „Hermann, Du weißt, ich steh‘ auf Deiner Seite. Jetzt sag‘ doch endlich mal, was Sache ist!“

Hermann Schneider: „Ja, aber…“

Gewissen: „Du machst mich wahnsinnig mit Deinem ‘Ja, aber’…“

Hermann Schneider: „Ja, aber was soll ich denn machen?“

Gewissen (grummelnd): „Hast Du Dir nicht schon mindestens zehnmal vorgenommen, mutiger zu sein? Lass Dir nicht alles gefallen. Gib Dir einen Ruck!“

Hermann Schneider: „O.k., ja aber, ich hab‘ Angst, aber ich versuch‘ s vielleicht mal…“

Hermann Schneider friert auch ein, Gewissen zieht Handschuhe aus, legt sie auf den Schreibtisch und sagt: „Ich habe meine Schuldigkeit getan, ich weiß nicht, wie es ausgeht. Das müssen die beiden entscheiden.“

Hermann Schneider steht auf, positioniert sich und fängt an (laut): „Frau Meyer Kassenbrook, mir reicht es jetzt aber auch mit Ihnen!“

Knallt die flache Hand auf den Tisch.

Chefin (erschrocken): „Herr Schneider! Was ist denn mit Ihnen los? So habe ich Sie ja noch nie erlebt!“

Hermann Schneider: „Ist doch wahr! Das wollte ich Ihnen schon lange mal sagen.“

Er geht raus. Eine andere Mitarbeiterin kommt rein und sagt: „Wenn ich mal stören dürfte, Frau Meyer-Kassenbrook, hier ist die Akte 80 aus 09. Ich bin damit ja schon drei Tage im Verzug. Es hat doch leider etwas länger gedauert. Entschuldigung!“

Mitarbeiterin legt die Akte auf den Schreibtisch und  geht raus.

Frau M.-K. fällt erschöpft in den Sessel: „Ja, aber…“

 

 

Predigt: Eigentlich bin ich ganz anders…


1. Einleitung

Es gibt Dinge, die kann man nun einmal nicht ändern. Die sind wie sie sind. Mir fallen gleich eine Reihe solcher Dinge ein:

Mein Verein z.B., Arminia Bielefeld, steigt alle paar Jahre aus der Bundesliga ab. Da ist nichts zu machen. Er steigt aber auch wieder auf, das unterscheidet Arminia von anderen Vereinen.

Es gibt Sitten, die sich nicht ändern: z.B. beginnt im Mai die hohe Zeit des deutschen Bratwürstchens. Unabänderlich! Aber nur wir Deutschen kommen wohl auf die Idee, jedes Jahr so etwas wie die deutschen Grillmeisterschaften in Osterholz-Scharmbeck abzuhalten!

Es gibt Menschen, die sind wie sie sind: Wir haben ja gerade eine Bundespräsidentenwahl hinter uns. Über Gesine Schwan konnte man in der „ZEIT“ lesen: sie sei mit großem Verstand, mitreißender Lebendigkeit und rhetorischer Kraft ausgestattet, aber der Herrgott habe vergessen, sein Werk mit einem Pause-Knopf zu krönen. Ich ergänze: mit einem anständigen Friseur.

Und es gibt Entscheidungen, die ein Leben lang mit uns laufen. Ich frage mich oft – ernsthaft! -, ob sich Eltern darüber Gedanken machen, wenn sie ihren Kindern besonders auffällige Namen geben. Wisst Ihr eigentlich, dass Angelina Candy oder Fifi Trixibelle auch als Erwachsene noch so heißen müssen? Es ist dann nicht mehr zu ändern. Ein besonders krasses Beispiel sind zwei kleine Hamburger Jungs, Zwillinge, der eine heißt Luca (schöner Name!), der andere heißt Toni – kein Witz! Luca Toni – der Vater ist der Hamburger Stürmer Ivica Olic. „Luca, du sollst nicht den Toni immer dem Ball wegnehmen.“

2. Es gibt Dinge, die wir (nicht) ändern können

Also, es gibt Dinge, die sind, wie sie sind. Neben diesen nicht so furchtbar ernsten Dingen gibt es auch ernste Dinge, die wir nicht ändern können: unser Alter, unsere Geschichte, manchmal auch eine Krankheit, die sich in unser Leben eingegraben hat, meistens auch die Umstände, unter denen wir leben müssen, das Maß an Begabung, das uns mitgegeben ist. Vieles können wir nicht ändern.

Vieles aber können wir ändern, und das ist das Thema heute Abend. Es gibt Dinge, die müssen nicht so bleiben wie sie sind. Vor allem dann, wenn wir selbst merken: „So geht es nicht weiter! Da stört mich etwas. Damit ecke ich dauernd an. Das behindert mich. Das macht mich klein, schwach, ängstlich, einsam. Das will ich ändern.“

In unserem Theaterstück merken sie es beide: Es läuft nicht gut, und ich bin ein Teil davon, dass es nicht gut läuft.

Sybille, die Chefin muss es sich eingestehen: Mein Urteil kam zu schnell, ich war zu bald bereit zur Kritik, ich war unfreundlich, ich habe einem Mitarbeiter bitter Unrecht getan. Warum passiert mir das immer wieder, warum geht der Ärger immer wieder mit mir durch? Das bin ich doch nicht; eigentlich bin ich doch ganz anders, aber bei diesem Stress hier komme ich nicht dazu. Oder? Oder bin ich gar nicht anders? Bin ich genau das: eine von Ärger und Bitterkeit getriebene Person?

Hermann, der Mitarbeiter, muss es sich eingestehen: Es ist nicht gut gelaufen. Wäre ich nur etwas mutiger, etwas offensiver, etwas direkter, würde ich mich nicht immer so besorgt und ängstlich zurückziehen, es wäre alles viel leichter. Hej, eigentlich bin ich ganz anders. Ich komme bloß nicht dazu, sonst würde ich viel öfter auf den Tisch hauen! Aber bin ich das wirklich nicht? Oder bin ich genau das: ein von Ängstlichkeit, Sorge und Kleinmut gehemmterMensch?

Die eine stolpert über ihren Ärger, der andere über seine innere Besorgtheit. Und das nicht einmal, sondern immer wieder und wieder. Und beide möchten sich ändern. Können wir uns ändern? Möchten Sie sich ändern? Möchten Sie ähnlich wie Sybille z.B. mit Ärger besser klar kommen, oder ähnlich wie Hermann freier werden, nicht immer um alles Mögliche besorgt und furchtbar ängstlich? Gibt es Hoffnung für die Sybilles und Hermanns unter uns?

3. Drei verschiedene Haltungen zum Thema „Veränderung“

Klar gibt es Hoffnung. Menschen sehnen sich nach Veränderung. Menschen möchten sich ändern, deshalb quälen sie sich in Fitnessclubs, lesen Ratgeberliteratur, nehmen an Gesprächsgruppen teil, besuchen Motivationsseminare und machen gute Vorsätze zum neuen Jahr. Wie kann ich mich ändern?

Ich bin auf drei verschiedene Einstellungen zu diesem Thema gestoßen; vielleicht finden Sie sich ja hier oder dort wieder.

3.1 Ich will so bleiben wie ich bin

Manche zucken nur mit den Schultern: Mich verändern? Warum das denn? Ich will so bleiben wie ich bin. Ich sehe gar keinen Anlass, mich zu verändern. Das wäre ja auch arg unbequem. Diese Leute bleiben lieber für andere unbequem. „Ich will so bleiben wie ich bin – Ihr müsst mich schon so nehmen, wie ich bin, anders kriegt ihr mich nicht.“ Ist ein riskantes Unterfangen: Sagt der Ehemann nach vielen, vielen Ehe-schlachten diesen entscheidenden Satz: Unter dem Strich zähl ich! Wenn es hart auf hart kommt, will ich so bleiben wie ich bin – und die Ehefrau hat es aufgegeben: Du darfst, sagt sie, nimmt ihre Koffer und geht. Das ist der Preis, wenn wir uns nicht mehr ändern wollen. Es ist der Preis zerstörter Beziehungen, verlorener Liebe. Es ist der Preis eines zubetonierten Lebens, in dem sich nichts mehr regt. 

Darum gehen wir lieber schnell zur zweiten Einstellung weiter:

3.2 Ich muss nicht so bleiben wie ich bin.

Damit ist schon ganz viel gewonnen, darum bleiben wir hier einen Moment länger. Es gibt erstaunliche Geschichten von Menschen, die sich geändert haben. Kennen Sie solche Geschichten?

Am letzten Wochenende fand der Ruhr-Marathon statt. An einem der Läufe, nicht am Marathon selbst, nahm der ehemalige Fußballmanager Rainer Calmund teil. Calmund sah früher so aus, als habe er versehentlich sämtliche Trainingsbälle von Bayer Leverkusen verfrühstückt. 30 Kilo leichter nahm er zum ersten Mal an einem Volkslauf teil: „Ich musste mich ändern; ich will schließlich noch etwas länger leben“, sagte er dem erstaunten Reporter ins Mikro.

Vielleicht kennen Sie den Film „16 Blocks“ mit Bruce Willis: Kann Eddie, ein kleiner Gauner, sich ändern? Polizist Jack, der Eddie 16 Häuserblocks weiter zur Gerichtsverhandlung bringen soll, glaubt es nicht. Bruce Willis als der versoffene und korrupte Polizist sagt es deutlich: „Menschen könnten sich nicht ändern, Du bist und bleibst ein Dieb!“ – „Das Datum ändert sich, Jahreszeiten ändern sich, Menschen nicht ...“ Eddy aber beweist ihm das Gegenteil, kämpft sich durch und wird vom Kleinkriminellen zum Konditormeister. Am Ende schickt er dem Cop eine Geburtstagstorte aus der eigenen Bäckerei.

Harry kam mit 76 Jahren in eine Selbsthilfegruppe. Er stellte sich so vor: „Ich heiße Harry. Ich bin 76 Jahre alt, und ich bin hier, weil meine Frau mich geschickt hat.“ Alle lachten, aber er blieb ernst: Es sei seine letzte Chance. „Wenn ich mich jetzt nicht ändere, setzt sie mich vor die Tür. {...} Glauben Sie, dass es zu spät für mich ist?“ In der Gruppe lernt Harry, dass er immer nur an sich gedacht hatte. Nun hat er das Beziehungskonto seiner Ehe tüchtig überzogen. Er hat nur abgehoben und kaum eingezahlt. Jetzt fängt er an zu kämpfen, er zahlt auf das Konto ein: Er übernimmt Aufgaben im Haushalt. Er führt sie zum Essen aus. Seine Frau traut dem Braten aber nicht so recht. Er müht sich, sie zu beschenken und zu erfreuen. Sie denkt: Wenn die Gefahr vorüber ist, fällt er wieder in den alten Trott. Aber mit Hilfe seiner Gruppe fällt er nicht wieder in den alten Trott. Stück um Stück erobert er die Liebe seiner Frau zurück. Eines Tages kommt er strahlend in die Gruppe. Seine Frau hat Kekse gebacken. Und überglücklich sagt dieser 76jährige: „Und ich soll sagen, dass ich bleiben darf – sie hat gesagt, ich darf bleiben.“ Es ist nie zu spät sich zu ändern.

Menschen können sich ändern. Sie müssen nicht so bleiben, wie sie sind. Oft ist es so etwas wie ein heroischer Entschluss wie in Harrys Geschichte, ein Entschluss, der manche Ehe retten könnte: Ich entscheide mich aufzuhören, den anderen ändern zu wollen. Und ich entscheide mich, den einen Menschen zu ändern, den ich ändern kann, nämlich mich selbst. 

Es gibt ein paar Erfahrungen, die diese Menschen teilen:

Am Anfang steht die Unzufriedenheit: Ich will, ich kann so nicht weitermachen. Es braucht schon einen gewissen Leidensdruck, damit sich etwas ändert.

Aber Leidensdruck drückt eben nur. Ich brauche so etwas wie eine Vision von einer besseren Zukunft, etwas, das mich wirklich lockt. Bei Rainer Calmund war es der erste Volkslauf, bei Eddie, dem Gauner, die eigene Konditorei, und bei Harry die gerettete Ehe. Bei Sybille könnte es ein gelassenerer Führungsstil sein, bei Hermann ein klareres Auftreten, auch der Chefin gegenüber.

Und dann geht es um kleine und kleinste Schritte, einen nach dem anderen. Was ist der erste Schritt? Wer gleich zum Volkslauf will, gleich den eigenen Kuchen verspeisen will oder zurück ins eheliche Bett, der steht am Ende mit leeren Händen da. Also brauchen wir kleine Zwischenziele, die wir gezielt ansteuern, bis sie unsere Gewohnheiten verändern. Sybille könnte sich zum Beispiel vornehmen, ihr Tun zu verlangsamen. Neurowissenschaftler sprechen von der „glücklichen Viertelsekunde“ zwischen einem Impuls und der Tat. Also: Großhirn an Faust – „Zuschlagen“! Moment, da ist ein kleiner Zwischenraum, in dem ich mir das noch einmal überlegen kann. Das kann ich einüben, Tag für Tag. Kleine Schritte! 

Und wenn es geklappt hat, dann ist es wichtig, die kleinen Zwischenetappen zu feiern. Heute im Büro nicht explodiert, dem Kollegen eine Bitte abgeschlagen, 1 Kilo weniger, zu Hause ein Überraschungsessen gekocht (das war Harry, nicht Calmund), den leckeren Erdbeerkuchen der Ehefrau stehengelassen (das war Calmund, nicht Harry). Und ebenso wichtig ist es, nach Niederlagen wieder aufzustehen und neu anzufangen. Jetzt bloß nicht gleich resignieren.

Und entscheidend sind sicher die Begleiter. Menschen, die mich mögen und um meinen Kampf wissen. Sie erinnern mich an meine Ziele. Sie feuern mich an, ermutigen mich, wenn ich „durchhänge“, helfen mir wieder auf und bejubeln meine Siege. Allein wird es schwer, mit Freunden an der Seite geht es viel leichter.

Also, Menschen können sich erstaunlich ändern. Das war die zweite Stufe. Aber es gibt eine dritte:

3.3 Muss ich doch so bleiben, wie ich bin?

Was nun, wenn Sie das alles schon hinter sich haben? Was, wenn Sie sagen: Das kenne ich doch alles schon – und es hat doch nicht geklappt! Was, wenn Sie bei Ihrem Ringen um Veränderung auf etwas stoßen, was sich hartnäckig der Veränderung verwehrt? Im  Internet tauschen sich Jugendliche über Veränderung aus, und einer schrieb resigniert: „Du kannst Dich ebenso wenig verändern, wie Du Deinem Fuß davonlaufen kannst.“ Vielleicht hat Sybille es versucht, hat z.B. ihre Neigung zum lautstarken Ärger gebändigt. Aber damit ist der Ärger eben nur gebändigt. Jetzt hockt er wie ein Löwe hinter Gitterstangen. Aber er ist immer noch da. Vielleicht hat Hermann es mit viel Überwindung geschafft, dem Kollegen zu widersprechen und auch die Sorge um die Kinder zu Hause niederzuhalten, sie einfach mal loszulassen. Aber keiner soll den Hermann fragen, wie es in seinem Herzen aussieht. Können wir uns am Ende doch nicht ändern? Ist unser Herz von einer Substanz, die jedem Veränderungswillen die Stirn zeigt? Neu ist diese Klage nicht! Einer der ersten Christen, ein Mann namens Paulus, schreibt in einem seiner Briefe: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“  Ist das das Ende unseres Themas?

4. Paulus von Tarsus – ein Leben wird auf den Kopf gestellt

Paulus ist an dieser Stelle nicht stehen geblieben. Er hieß ja nicht immer schon Paulus, den größten Teil seines Lebens trug er einen anderen Namen: Saulus von Tarsus. Er war ein hochgebildeter jüdischer Wissenschaftler. Er kam aus besten Kreisen und verkehrte unter den Mächtigen. Er war ein leidenschaftlicher Mann, der sich einer Aufgabe verschrieben hatte: Er wollte die Sekte der Jesus-Gläubigen ausrotten. Das war sein Ziel: die Sekte der Jesus-Gläubigen ausrotten. Aber dann passierte das, was ihn wortwörtlich aus der Bahn warf. Ihm begegnete auf einer seiner Dienstreisen vor den Toren von Damaskus Jesus selbst. Der, dessen Leute er bis aufs Blut bekämpfte. Er sah, was er nie hatte sehen wollen: dass es kein Märchen war, sondern Wahrheit. Jesus, den sie am Kreuz abgeschlachtet hatten, lebt. Und nun griff dieser Jesus nach ihm, dem Christenhasser. Und er vernichtete den Christenhasser nicht, sondern verwandelte seinen Unglauben in Glauben. Aus Saulus wurde Paulus, so kennen viele es noch als Redensart. Sein Leben wurde verändert. Gründlich. Andere Werte, ein anderes Vertrauen, eine andere Loyalität, eine neue Mission, ein anderes Herz. Paulus kannte sich selbst kaum noch. Und doch war es wahr. Bald merkte Paulus, dass er alles andere als allein dastand: Wer von Jesus berührt wurde, der änderte sich. Liebe statt Hass, Vergebung statt Vergeltung, Mitgefühl statt Gleichgültigkeit, Mut statt Verzagtheit, Frieden und Freude statt innerer Zerrissenheit, Hoffnung statt dumpfer Todesfurcht. In seinen verschiedenen Schriften denkt Paulus immer wieder darüber nach, wie er sich ändert, wie überhaupt ein menschliches Herz sich ändern kann.

5. Wie Veränderung doch noch möglich wird

Ich möchte es mit einem Bild illustrieren. Seit in unserer Familie der Fußball und das Laufen Konkurrenz vom Klettern bekommen haben, müssen wir jetzt immer Kletter- und Bergsteigerfilme anschauen. Am Limit bewegen wir uns dann gerne, springen mit den Huber-Buam den El-Capitan im Speed-Climbing rauf oder quälen uns mit dem chronisch melancholischen Benno Führmann die Eiger-Nordwand hinauf, um dort in der Nacht zu erfrieren. Also: Kletterfilme.

Aber eines habe ich gelernt: Wer einen hohen Berg ersteigen will, braucht mindestens dreierlei: erstens ein sicheres Basislager, in das er immer wieder zurückkehren kann, zweitens die Verrücktheit, sich immer ein Stückchen weit überfordern zu lassen, also einen Schritt aus der eigenen Komfortzone heraus zu tun, immer ein paar Meter weiter und höher, und drittens genügend Kraftreserven, wenn es ums Eingemachte geht. Eine sichere Basis, eine kleine Überforderung und genügend Kraftreserven.

Alles drei können wir bei Paulus finden: alles drei setzt er ein, wenn es darum geht, sich zum Besseren zu verändern. Und das ist nun der Punkt, den ich Ihnen heute Abend nahebringen möchte: Das ist der Unterschied, das ist der Gewinn, der Mehrwert, wenn Menschen anfangen, vielleicht mit viel Zweifel anfangen, Jesus zu vertrauen. Wir möchten Sie ja gewinnen, wir möchten Ihnen gerne, so gut wir können, ans Herz legen, sich auf Jesus einzulassen . Was aber passiert, wenn Sie sich auf Jesus einlassen?

5.1 Das Basislager

Stellen Sie sich vor: Egal, was passiert, egal ob Ihnen ein Stückchen Veränderung gelingt oder nicht – Sie wäre in jedem Fall bejaht, voll und ganz akzeptiert und ohne wenn und aber angenommen. Stellen Sie sich vor, in Ihnen würde dies auch als feste Gewissheit verankert: Ich will mich ändern, aber so oder so weiß ich: Es ist alles in Ordnung. Auch wenn ich unzufrieden mit mir bin, auch wenn andere unzufrieden mit mir sind, von höchster Stelle des Universums kommt mir ein klares, festes, unerschütterliches Ja entgegen. Mögen alle nein zu mir sagen, Gott sagt ja zu mir. Ich habe es nicht verdient, ich kann es nicht verspielen. Es ist Geschenk: Gott liebt mich ohne wenn und aber. In religiöser Sprache nennen wir das Gnade. Etwas unverdient Gewisses. Etwas unerschütterlich Tragendes.

Der amerikanische Dichter Robert Frost fragt einmal, was ein zu Hause ist. Eine etwas missmutige Antwort in diesem Gedicht lautet: Naja, ein Platz, wo sie dich aufnehmen müssen, wo sie dich nicht rausschmeißen können, wenn du hinkommst. Nein, sagt eine andere Stimme, es ist viel schöner: Ein zu Hause ist etwas, das du dir irgendwie nicht verdienen musst. Das ist Gnade: ein Platz im Herzen Gottes, den ich mir nicht verdienen muss.

Paulus wusste genau darum. Er hatte ein feines Gefühl dafür, dass er als Christ keineswegs ein besserer Mensch war. Er kannte seine Abgründe. Er konnte sagen: Ich habe es immer noch nicht ergriffen. Aber ich bin ergriffen. Ich bin ergriffen von Christus. Ich habe ein sicheres Basislager. Ich habe ein Zuhause. Ich weiß, dass Gnade mein Leben trägt. Egal ob ich etwas schaffe und ändere oder ob ich wieder und wieder auf die Nase falle.

Ich möchte Sie gerne fragen, ob Sie nicht Sehnsucht danach haben, so bejaht und angenommen zu sein, so von der ruhigen Gewissheit getragen, dass am Ende alles o.k. ist.  Ich möchte Sie fragen, ob das nicht einen gewaltigen Unterschied machen könnte in Ihrem Leben. Vielleicht sagen Sie: Ich bin nun mal nicht so religiös. Oder: Das kam in meiner Lebensgeschichte nicht so vor, wir wurden nicht kirchlich erzogen. Dann möchte ich Ihnen sagen: Das kam auch bei Saulus von Tarsus so nicht vor. Er wurde überrascht, während einer Dienstreise, überrascht und geblendet von soviel Licht und Wärme und Liebe. Vielleicht ist dies heute der Tag, an dem Ihre Reise eine neue Wendung nimmt. Vielleicht begegnet Ihnen heute eine Wirklichkeit, mit der Sie bisher nicht gerechnet haben und die doch wirklicher und stärker und näher ist, als Sie ahnen konnten. Die Wirklichkeit eines himmlischen Zuhauses.

5.2 Eine kleine Überforderung

Kann ich mich immer wieder in dieses Basislager zurückfallen lassen, dann kann ich es mir auch leisten, kleine Expeditionen in neue Höhen zu wagen. Ich kann mich herauslocken lassen, ein paar Schritte zu tun, die ich mir gestern noch nicht zugetraut habe.

Paulus sagt auch das mit seinem Lebensbekenntnis: Ich bin von Christus ergriffen. Ich habe dieses neue Leben noch längst nicht ergriffen, aber ich will es ergreifen. Ich bin noch nicht am Ziel, aber ich strecke mich, ich lasse mich herauslocken, provozieren, die eigene Komfortzone zu verlassen, ich lasse mich zu einer kleinen Überforderung herausfordern.

Das ist Veränderung doch: immer eine kleine Überforderung, ein Schritt über unsere Komfortzone hinaus. Ich sage es konkreter für Sybille und Hermann.

Sybille, du musst dich nicht von deinem Zorn managen lassen. Eine kleine Überforderung: Du kannst mit Jesus in dein Büro gehen. Du kannst lernen, um Entschuldigung zu bitten, wenn Du einem Mitarbeiter Unrecht getan hast. Du kannst lernen, Deinem Team so zu dienen, dass sie zu ihrer Freude und zum Nutzen aller gerne das Beste geben. Du kannst lernen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Kritik geäußert wird, ohne dass Menschen als Menschen zurückgesetzt werden. Du sagst, das sei eine ziemliche Überforderung? Na, dann warte mal, was ich Dir als Nächstes vorschlage.

Hermann, du musst dich nicht von deiner Besorgtheit quälen lassen. Eine kleine Überforderung: Gib deine Ängstlichkeit und Sorge einfach mal probehalber an Jesus ab. Ich gebe meine erwachsenen Kinder aus der Hand und traue Jesus, dass er über ihnen wacht. Ich gebe meine Angst um meine Gesundheit aus der Hand und traue Jesus, dass er für mich sorgt, bis er mich zu sich holt. Ich gebe meine Furcht vor Zurückweisung und Liebesentzug aus der Hand und sage endlich, ruhig, knapp und höflich, was in der Firma gesagt werden muss. Du sagst, das sei aber eine ziemliche Überforderung. Mein lieber Hermann! Dann warte mal ab, was ich Dir als Nächstes vorschlagen werde.

Ich möchte Sie fragen, ob Sie das nicht lockt: ein Leben, das nicht zubetoniert ist und in dem Sie nicht auf das festgeschrieben werden, was immer schon so war. Ein Leben voller kleiner Abenteuer durch die Provokationen, die Jesus Ihnen zumutet, damit sich Ihr Leben neu entfaltet. Veränderung – Schritt um Schritt, die Gnade im Rücken, ein anderes Leben im Alltag vor Augen.

5.3   Genügend Kraftreserven

Das Basislager der Gnade, die kleinen Überforderungen, Zumutungen von Jesus, umzukehren und die Dinge anders anzupacken. Da fehlt eines, und das ist entscheidend. Jesus lässt uns mit diesen Zumutungen und kleinen Überforderungen nicht allein. Er verspricht eine besondere Kraftreserve. Was ist das für eine Kraftreserve?

In einer Woche feiern die Kirchen das wohl am wenigsten verstandene Fest des Jahreskreises: Pfingsten. Worum geht es an Pfingsten? Antwort: Es geht genau um diese Kraftreserve. Pfingsten ist in kirchlicher Sprache das Fest des Heiligen Geistes, und dieser Heilige Geist ist kein Gespenst. Er ist Gottes Kraftreserve. Was hat eigentlich Gott mit meinem kleinen Leben  zu tun? Das will ich zum Schluss noch ein bisschen erklären: An Weihnachten feiern wir, dass Gott sich klein macht und in einem schreienden Baby zur Welt kommt. So klein, dass wir uns vor ihm nicht mehr fürchten müssen. Und was ist Pfingsten? Was ist Pfingsten? Pfingsten ist Weihnachten 2.0. Pfingsten feiern wir, dass Gott, der Schöpfer des Alls, sich noch einmal ganz klein macht, so klein, dass er in unser Herz und in unser Leben hineinpasst. Und wenn er kommt, dann bewegt und berührt er unser Herz, so dass wir wissen: Nichts kann uns je wieder scheiden von Gottes Liebe. Und zugleich treibt er uns, treibt uns dieser Geist zu tun, was Gott gefällt. Veränderung fängt an, wenn dieser Geist in unser Herz einzieht. Und da ist plötzlich Sehnsucht nach dem, was eigentlich gut wäre. Und nicht nur Sehnsucht, sondern auch Wille und Entschiedenheit: Wir wollen von Herzen gerne, was Gott will. Und er gibt Kraft, Kraft, Schritt um Schritt Neues zu wagen. Und so fängt Veränderung an, Tag für Tag. Nicht, dass wir es schon ergriffen hätten, aber wir sind jetzt ergriffen und sehnen uns danach, dieses neue Leben mehr und mehr zu ergreifen.

Und noch einmal frage ich Sie: Wäre das nicht verlockend, ein Leben mit einer sicheren Basis im Rücken, mit täglichen kleinen Herausforderungen sich zu verändern und Neues zu wagen, und das alles mit einer Kraft, die Ihnen bisher fehlte, einer Kraft, die unser Herz berühren und bewegen kann? Seien Sie gewiss: All das liegt für Sie bereit. All das soll Ihnen zukommen, wenn Gott Ihr Herz ergreift und Sie sich von ihm ergreifen lassen. Das neue Leben ist greifbar. Ich wünsche Ihnen nichts mehr, als dass Sie es auch ergreifen.

Michael Herbst

 


© GreifBar-Theaterteam. Autoren: Christiane Herbst, Volker Hertenstein, Christiane Liebendörfer, Johanna Stiller.