Greifbar

GreifBar am 20.09.2009

GreifBar_20.09.09.mp3
GreifBar_20.09.09.pdf

                


                             Allein - Von Tod und Trennung


 

Theaterstück zum Thema „Allein- Von Tod und Trennung“

Schauspieler sitzen hinter der Leinwand und erscheinen nur als Schatten, so wird die Anonymität gewahrt.

Sabine:

Allein- tja, das bin ich jetzt wohl. Vor einer Woche war meine Welt noch in Ordnung. Wir waren glücklich, Marc und ich. Wir haben für eine gemeinsame Zukunft geplant. Alles war so super- so toll-das konnte ja nur schief gehen. Glückliche Zeiten haben es noch nie so lange bei mir ausgehalten…….. Heute, ja genau heute vor einer Woche, er war mit seinen Kumpels unterwegs und hatte wohl was getrunken. Er hat sich trotzdem ins Auto gesetzt. Und dann war da diese Kurve und dann der Baum. Aus und vorbei. Tot.

Jetzt bin ich allein. Ich weiß nicht, wie ich ohne IHN leben soll. Bei der Beerdigung hat der Redner gesagt: „Das Leben geht weiter.“ Kann mir jemand sagen WIE?

Er hat mich verstanden, mich so genommen, wie ich halt nun mal bin. Das hat keiner vor ihm so gekonnt, auch nicht meine Eltern. Ich glaube, die sind ganz froh, dass er nicht mehr da ist. „Der war sowieso nichts für dich“, haben sie gesagt. Und: „Du findest jemand anderen.“ Das glaube ich nicht.

Wir zwei- das war etwas ganz besonderes- das gibt es nicht nochmal.

Jetzt bin ich allein- ganz allein.

Martin:

Eigentlich bin ich nicht ganz allein. Ich habe 2 Kinder, Emma und Stefan, 5 und 3 Jahre alt. Aber ich muss jetzt alles alleine machen. Ihre Mutter ist abgehauen. Vor einem Jahr. Sie hält es nicht mehr aus mit mir. Es ist alles zu viel für sie und so langweilig. So hat sie sich das Familienleben nicht vorgestellt, hat sie gesagt. Nahm ihren Koffer und verschwand, wahrscheinlich mit dem Typen, den sie kennengelernt hat. Und jetzt sitze ich da und muss gucken, wie ich klar komme. Ich habe einen Job. Das Geld reicht so gerade. Der Stress morgens, die Kinder wecken, Frühstück machen, in den Kindergarten bringen, zur Arbeit hetzen. Arbeiten bis zum Umfallen. Kinder abholen. Dann der Haushalt, einkaufen, all das Übliche halt, das was keiner aufzählt, aber das gemacht werden muss. Und die Kinder jammern: „Papa, du hast nie Zeit für uns!“ Sie haben ja Recht, aber was soll ich machen. Ich arbeite immer an der Grenze. Eigentlich kann ich nicht mehr. Mein Rücken ist im Eimer. Ich bräuchte dringend mal eine Auszeit. Aber das geht halt nicht. Ich bin allein und wenn ich jetzt auch noch den Job verliere, weiß ich endgültig nicht mehr weiter.

Ja, ich bin allein. Mit den Kindern kann ich ja nicht drüber reden. Und für Freunde habe ich keine Zeit.

Ich bin allein- ganz allein.

Ulrike:

Auch ich bin allein. Was die?- würden jetzt die Leute sagen, die mich kennen. Aber die kennen mich halt nicht richtig. Ich bin verheiratet, wir haben 3 kleine Kinder, mein Mann hat einen Super-Job, ich arbeite Teilzeit, wir wohnen in einem tollen Haus. Und: ich bin allein. Tja, das meint man nicht, aber es ist so. „Was willst du eigentlich, sagt Tina, du jammerst auf hohem Niveau. Mag ja sein, aber was soll ich mit all dem Tollen, wenn ich einen Mann habe, der nie Zeit hat, nicht für mich und nicht für die Kinder. Ich kann mich nicht erinnern, wann wir das letzte Mal zusammen im Urlaub waren. „Ich muss erst mal im Beruf Fuß fassen“, sagt er- schon seit 5 Jahren. All die Versprechen- in der ersten Zeit wird es hart, aber dann wird es besser, hab‘ ein bisschen Geduld. Ein bisschen Geduld- das ich nicht lache! Ja, klar freue ich mich, dass er solch‘ einen Erfolg hat. Aber es wurde halt immer mehr. Und wie hoch ist der Preis? Bald kann ich unseren Kindern ein Bild von ihrem Papa hinstellen, damit sie sich noch erinnern, wie er aussieht. Habe ich mir das so vorgestellt, als wir hierhin gezogen sind? Nein, bestimmt nicht.“Du hast es gut, ich beneide dich“, sagen manche. Wissen sie was: Ich komme mir vor, wie eine allein erziehende Mutter, alles, aber auch alles mache ich allein. Wissen sie was: ich beneide die, die weniger Geld haben, aber dafür mehr Zeit. Tja, so ist das, man ist nie zufrieden.

Es tut gut, das mal zu sagen. Ich bin allein- ganz allein.

 

 

Es gibt Themen, über die kann man leicht reden. Zum Beispiel über das Wetter an einem Tag wie heute, oder über den Wahlkampf. Über manches kann man leicht reden, über manches nicht, und dazu gehört das Thema des heutigen Abends: Allein - Von Tod und Trennung. Es ist nicht leicht, darüber zu reden, und deswegen habe ich großen Respekt davor, dass Sie heute Abend hier sind. 

 

Es gibt ja mehrere Möglichkeiten, warum man bei so einem GreifBar-Abend dabei ist. Eine Möglichkeit ist, dass man irgendwie zu GreifBar dazugehört oder dass man schon mal da war und dass man sagt: „Ich möchte mal wieder kommen.“ Das ist gut. Es gibt auch die Möglichkeit, dass man sagt: „Ich habe von GreifBar eigentlich noch gar nicht viel gehört, aber das Thema interessiert mich allgemein.“ Das ist auch gut. Und es gibt auch die Möglichkeit, dass einige von Ihnen sagen: „Ganz ehrlich: Das ist mein Thema. Das betrifft mich. Eigentlich ist das meine Frage: Wie ist das mit Tod und Trennung?“

 

Wenn das so ist, dann hoffe ich ganz besonders, dass das, was wir hier heute Abend sagen, in irgendeiner Weise für Sie hilfreich ist. Dass es nicht zu simpel ist, zu platt, dass wir Ihnen nicht zu nahe treten, sondern dass vielleicht irgendetwas von dem. was heute Abend hier geschieht und gesagt wird, eine Hilfe für Sie darstellt.

 

Ein Geständnis möchte ich vorweg machen: Ich rede als Christ. Das wird Sie in einem Gottesdienst nicht überraschen, aber das ist mir wichtig. Ich rede als jemand, der glaubt, dass diese Welt kein Zufall ist und dass auch unser Leben kein Zufall ist. Ich glaube, dass es jemanden gibt, der sagt: „Es ist gut, dass du da bist. Ich glaube, dass dieser Jemand das zu jedem von Ihnen sagt: Es ist gut, dass du da bist. Ich habe auf dich gewartet, ich habe mich auf dich gefreut, ich will dein Bestes.“ Ich glaube dass diese Welt kein Zufall ist, und ich glaube, dass Gott in seinem Wesenskern Liebe ist. Dass Liebe Gott am zutreffendsten beschreibt. Und ich glaube, dass man diesen Gott an einer ganz bestimmten Stelle kennenlernen kann, nämlich in der Person Jesus Christus. Dass Gott sich in Jesus Christus einzigartig und unverwechselbar zeigt. Wenn wir uns Jesus anschauen, dann sehen wir, wer und wie Gott ist.

 

Warum erzähle ich das? Weil ich gar nicht anders kann, als als Christ zu reden. Ich kann nicht anders die Welt wahrnehmen als mit dieser Überzeugung. Ich kann meine Überzeugung nicht abstreifen so wie ein Paar Socken. Ich denke, das geht Ihnen mit Ihren Überzeugungen genauso. Und es kann sein, dass Ihnen manches von dem, was ich sagen werde, vertraut vorkommt, manches allerdings auch ungewohnt, vielleicht sogar steil und abwegig. Wenn das so ist, dann kann ich das verstehen. Das ist auch in Ordnung so. Ich habe nur eine Bitte: Hören Sie trotzdem hin. Hören Sie einfach mal hin und versuchen Sie sich mal vorzustellen: Was wäre, wenn auch nur ein Funken Wahrheit an dem dran wäre, was dieser Mensch dort erzählt. Was hieße das für mich? 

 

Allein – von Tod und Trennung: wenn man mit dem Schmerz von Tod oder von Trennung zu tun hat, mit dem Schmerz davon, dass jemand, den man liebt, nicht mehr da ist, weil er nicht mehr lebt oder weil er die Beziehung endgültig aufgekündigt hat – wenn man damit zu tun hat, dann weiß man in aller Regel zumindest, was nicht hilft. Nicolas Wolterstorff ist ein Philosophieprofessor an einer amerikanischen Universität. Er hat fünf erwachsene Kinder. Eines davon besteigt im Alter von 25 Jahren einen Berg in der Schweiz. Oben angekommen, gleitet sein Fuß ab, er stürzt in eine Schlucht und stirbt. Und sein Vater weiß nicht, wohin mit seiner Trauer, schreibt sie auf in einem Buch mit dem Titel: „Klage um einen Sohn.“ Er schreibt in diesem Buch unter anderem folgendes: „Was sagt man einem Leidenden? Manche Menschen haben die Gabe feinsinniger Worte. Dafür ist man zutiefst dankbar. Solche Menschen hatten wir viele, aber nicht alle haben diese Gabe. Einige platzten heraus mit merkwürdigen unangebrachten Sachen. Auch das ist in Ordnung. Eure Worte müssen nicht feinsinnig sein. Das Herz, das spricht, hört man mehr als gesprochene Worte. Und wenn überhaupt nichts zu sagen ist, sag nur: ‚Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Aber ihr sollt wissen, dass wir in eurem Kummer euch nahe sind.’ Oder: Einfach in die Arme nehmen. Auch das Beste aller Worte kann den Schmerz nicht wegnehmen. Aber bitte sagt nicht: ‚Es ist ja alles nicht so schlimm.’ Denn es ist schlimm.“

 

Vielleicht haben Sie das auch schon mal gehört, von sogenannten guten Freunden, die Ihnen sagen, nachdem eine Beziehung unwiederbringlich in die Brüche gegangen ist: „Ach weißt du, das wird schon wieder. Findste halt ‘nen anderen oder ne andere.“ Oder vielleicht haben Sie schon einmal eine verunglückten Bestattungsansprache gehört. Es gibt sehr feinsinnige und hilfreiche Bestattungsansprachen, manche Bestattungsansprachen sind aber auch verunglückt, etwa wenn ein Redner sagt: „Lassen Sie uns zurückblicken auf das Leben des Menschen, den wir gerade verabschiedet haben, und lassen Sie uns dankbar sein für das, was wir mit ihm erlebt haben. Aber lassen sie uns nicht trauern. Das Leben geht weiter, wir müssen nach vorne blicken...“ – und wir spüren, wenn wir das hören, das stimmt nicht. So einfach ist es nicht, wenn jemand weg ist – wenn jemand weg ist, weil er nicht mehr lebt und sein Herz nicht mehr schlägt und seine Lunge nicht mehr atmet. Oder wenn er weg ist, weil er nichts mehr mit uns zu tun haben möchte und auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Dann ist es nicht so einfach zu sagen: „Ach, das Leben geht weiter.“

 

Noch einmal Nicholas Woltersdorff, er schreibt: „In der Welt ist jetzt ein Loch. An der Stelle, wo er war, ist jetzt nur noch nichts. Ein Mittelpunkt wie kein anderer, ein Mittelpunkt der Erinnerung und der Hoffnung und des Wissens und der Zuneigung, der einst diese Erde bewohnt hat, ist fort, nur eine Lücke ist geblieben. Es gibt nun keinen, der eben das gesehen hat, was er gesehen hat; der weiß, was er gewusst hat; im Gedächtnis hat, was er im Gedächtnis hatte; liebt, was er geliebt hat. Ein Mensch, ein unersetzlicher Mensch ist fort.“

 

Der christliche Glaube sagt dazu: Genau –

 

genau, nehmen wir den Schmerz ernst, nehmen wir den Schmerz ernst. Die Lücke die man nicht schließen kann. Versuchen wir nicht, den Schmerz zu übertünchen mit Schminke oder Lärm oder Ablenkung oder daher gesagten gut gemeinten Worten. Nehmen wir den Schmerz ernst.

 

Vielleicht haben Sie ja das Gegenteil erwartet, wenn Christen über den Schmerz von Tod und Trennung reden. Vielleicht haben Sie erwartet, dass Christen sagen: „Das ist eben Gottes Willen, und wir müssen Gottes Willen akzeptieren.“ Vielleicht haben Sie schon die ungute Erfahrung gemacht, dass Christen so etwas zu Ihnen gesagt haben. Und das Schwierige ist, es stimmt ja, dass Glaubende Trost daraus ziehen, wenn sie sagen: ‚Am Ende, letzten Endes ist alles in Gottes Hand.’ Es stimmt, dass Glaubende Trost daraus ziehen.

 

Aber zugleich ist die Bibel, also das Buch der Christen, voll von Klagen und vom Aufbäumen von Menschen gegen ihr Leben und auch gegen ihren Gott. Die Bibel ist voll davon, dass Menschen sich bei Gott beklagen, ihn anklagen, geradezu beschimpfen, weil sie mit ihrem Leben nicht klarkommen und weil sie den Schmerz des Verlustes nicht akzeptieren können.

 

Die Psalmen zum Beispiel, das sind die Lieder und Gebete in der Mitte der Bibel, sind voll davon, dass Menschen sich bei Gott beklagen und zu ihm sagen: „Gott, wo bist du? Das Wasser steht mir bis zum Hals, merkst du eigentlich gar nicht, wie es mir geht? Ich rufe und ich rufe und bitte hör mich doch endlich an.“

 

Oder das Buch Hiob – es erzählt die Geschichte von Hiob, einem absoluten integren, aufrichtigen Menschen, über den ein Schicksals Schlag nach dem anderen herein bricht, völlig unverschuldet, Krankheit, Tod naher Verwandter, am Ende ist er selber kurz vor dem Tod und Hiob sagt zu Gott: „Weißt du was Gott, am liebsten wäre es mir, du hättest mich gar nicht erst geschaffen, am liebsten wäre ich gar nicht erst geboren worden. Was soll denn dieses Leben hier?“

 

Diese Worte stehen mitten in der Bibel, sie stehen mitten im Buch der Christen. Ich bin überzeugt, wir können so mit Gott reden. Wir können so mit Gott reden, und Gott hält das aus. Gott wird das nicht zuviel, Gott findet es nicht unschicklich oder unpassend.

 

Ich stelle mir vor, Gott ist so wie der Vater, von dem ich mal gehört habe, dessen 3- oder 4-jähriges Kind außer sich ist vor Zorn und Verzweiflung und auf seinen Schoß springt und gegen die Brust des Vaters trommelt und abwechselnd weint und schreit und weint und schreit: „Ich will dich nicht! Ich will dich nicht! Ich will dich nicht! iIch will dich nicht!“ Und der Vater lässt das Kind gewähren, hält es fest, aber lässt es gewähren, bis es irgendwann müde geschrien ist und einschläft, den Kopf an der Brust des Vaters.

 

Ich bin überzeugt, Gott geht genauso mit unseren Klagen um, das heißt: Ich bin überzeugt, auch Sie sind mit Ihrer Klage nicht allein. Sie sind nicht allein. Es gibt immer jemanden, der hört. Gott hört. Gott hört und Gott weiß und Gott versteht. Gott hört Sie und Gott sagt: „Mach weiter. Sag, was du auf dem Herzen hast. Ich werde nie sagen: Du siehst das zu schwarz. Ich werde nie sagen: Eigentlich musst du jetzt doch mal darüber weg sein.“ Gott hört und Gott versteht und Gott hält Sie fest.

 

Der christliche Glaube sagt: Es ist kein Wunder, das uns die Trennung von Menschen so tief schmerzt –

 

es ist kein Wunder, weil wir dafür gar nicht gemacht sind. Wir sind als Menschen geschaffen für Beziehung. Wir sind dazu geschaffen, mit anderen Menschen in Beziehung zu stehen und vor allem und am Ende mit Gott in Beziehung zu stehen. Das heißt: Wir müssen lernen, damit zu leben, dass Beziehungen zu Ende gehen. Wir müssen lernen, mit dem Schmerz von Tod und Trennung zu leben, natürlich, aber unser Gespür ist trotzdem richtig: Dafür sind wir eigentlich nicht gemacht. Wir sind gemacht für Beziehungen, und die tiefste Beziehung, für die wir gemacht sind, ist die Beziehung zu Gott. Jede Trennung, jeder Schmerz jeder Trennung erinnert uns an die Lücke, die in unserem Herzen ist, wenn wir nicht mit Gott in Kontakt sind. Sie erinnert nur daran, dass in unserem Herzen ein Loch ist, das viel tiefer ist und viel größer, als dass ein einziger Mensch es stopfen könnte.

 

Es war vor ungefähr 1600 Jahren, da hat der Philosoph und Theologe Augustin gesagt: „Du, Gott, hast uns zu dir hin geschaffen und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“ Das heißt: Es gibt ein Loch in unserem Herzen, das ist so groß, dass kein Mensch es füllen kann. Und Menschen können viel für uns sein. Sie können unser Leben mit Glanz und Freude erfüllen, Menschen sind einzigartig und unersetzlich, aber Menschen sind nicht Gott. Und wenn wir das von ihnen erwarten: Gott für uns zu sein, den ganzen Sinn unsres Leben zu garantieren, dann überfrachten wir sie, dann bürden wir ihnen viel zu viel Gewicht auf, und sie werden unter diesem Gewicht ächzen und stöhnen, weil Menschen nicht Gott sind.

 

Wie gesagt, ich kann mir vorstellen, dass Ihnen das alles ein kleines bisschen viel ist. Und ich kann Ihnen das alles auch nur anbieten, aber es ist meine tiefste Überzeugung. Stellen Sie sich vor, es stimmt: Es gibt wirklich einen, der immer da ist und der nicht geht, einen der bleibt, der uns nie verlässt. Und ich weiß – ich weiß, auch Glaubende haben manchmal das Gefühl, dass Gott weg ist, aber Gott ist größer als unser Gefühl.

 

Gott ist da, davon bin ich zutiefst überzeugt. Gott ist da, auch wenn Sie ihn noch nicht spüren. Gott ist da, er hat hier auf Sie gewartet. Er hat Ihnen den Platz frei gehalten, als Sie noch auf dem Weg waren, und er steht nachher mit Ihnen wieder auf, geht mit Ihnen nach Hause, wartet zugleich schon zu Hause auf Sie, ist heute Abend da wenn Sie das Licht löschen, und er ist morgen da, wenn Sie die Augen aufmachen und sitzt an Ihrem Bett. Gott ist da, er ist für Sie da, als ob es keinen anderen Menschen auf der Welt gäbe. 

 

‚Was hilft mir das?’ sagen Sie jetzt vielleicht, und vielleicht sagen Sie in Gedanken auch noch: ‚Ich kann mir vorstellen, dass dieser Gedanke für Glaubende eine beruhigende Wirkung hat: Gott ist da, aber was hilft mir das jetzt und hier, der ich doch mit meinem Verlust zu tun habe, und der ich diesen Menschen auch nicht wieder bekommen kann, was hilft mir das, jetzt mit Gott in Kontakt zu sein?’ Wie gesagt: Die Trauer und der Schmerz über den Verlust von Menschen sind dadurch nicht weg, nein, sie sind immer noch da, und sie sind immer noch schlimm.

 

Aber die Trauer und der Schmerz haben nicht das letzte Wort, das ist meine Überzeugung. Meine Überzeugung ist, unser Gefühl ist richtig, das wir im Angesicht des Todes manchmal haben, wenn wir spüren: ‚Das kann doch nicht sein, das kann doch nicht sein, dass jemand auf einmal weg ist. Dass ein ganzes Leben auf einmal ausgelöscht ist, als ob es es nie gegeben hätte – es kann doch nicht sein, das ist doch eine kosmische Unverschämtheit!’ Ich bin überzeugt, dieses Gefühl stimmt, der Tod hat tatsächlich nicht das letzte Wort. Der christliche Glaube tut nämlich etwas, was ich nach wie vor atemberaubend finde, er geht noch einen Schritt weiter und sagt:

 

Die Beziehung, die Menschen mit Gott haben, diese Beziehung reicht über die Schwelle des Todes hinaus.

 

Jesus, von dem ich glaube, dass er Gott verkörpert, Jesus hat einmal gesagt: „Ich, Jesus, bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, selbst wenn er stirbt.“ Das heißt: Wer im Vertrauen auf diesen Jesus lebt, wer mit ihm durchs Leben geht, darf wissen, auf der anderen Seite des Todes wartet Jesus auf ihn und hält ihm die Hand hin und hilft ihm über diese Schwelle. Und die Beziehung mit Gott ist mit dem Tod nicht beendet, sondern sie geht in Ewigkeit weiter. Am Ende sind wir bei Gott, und am Ende ist alles gut, alle Trauer und aller Schmerz sind vorbei.

 

Da sitzen sie zusammen, schweigen, gucken auf ihre Hände und auf ihre Füße, scharren manchmal mit den Füßen, hin und wieder sagt einer einen Satz oder nur ein Wort. dann schweigen sie wieder, Der Tod macht nüchtern. Sie haben es ja gesehen was passiert ist, mit ihrem Meister, hingerichtet ist er worden am Marterpfahl der Antike, am Kreuz. Und alle ihre Hoffnungen sind im gleichen Moment begraben. Es sind einfache, bodenständige Leute, Handwerker, Fischer und wenn man zu ihnen gesagt hätte: „Im Herzen lebt er doch weiter, oder?“ Dann hätten sie sagen: Nein, er ist tot. Ende, aus, das war’s.“

 

Das sind die Jünger von Jesus, die engsten Vertrauten von Jesus, kurz nachdem Jesus am Kreuz hingerichtet worden ist. Jesus selbst ist durch den Tod hindurch gegangen. Und als diese Jünger dann die ersten Gerüchte hören, von den Frauen, die auch mal mit ihm herum gezogen sind, als Jesus noch gelebt hat, die Frauen, die kommen und sagen: „Wir waren am Grab, um den Leichnam zu pflegen, und die Grabeshöhle war offen, und das Grab war leer, und wir können uns das nicht erklären, aber wir hatten, wir hatten eine Begegnung, und wir haben den Eindruck, wir können's noch nicht in Wort fassen, aber wir glauben: Er lebt!“ – als die Jünger das hören, brechen sie nicht in Jubel aus, sondern sie reagieren ganz genauso wie wir wahrscheinlich auch reagieren würden: Sie sind verstört und vor allem skeptisch, und sie sagen – einer von ihnen sagt: „Also, bevor ich das glaube, will ich ihn sehen. Ich will ihn anfassen und mit ihm reden, dann kann ich es vielleicht glauben.“

 

Wenn Sie skeptisch sind, ob man so etwas glauben kann, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, dann sind Sie in bester Gesellschaft. Sie sind in der Gesellschaft der Jünger von Jesus, von denen in der Bibel berichtet wird. Und es wird in der Bibel davon berichtet, wie ihre Skepsis, einer nach dem anderen, behutsam überwunden wird und sie alle ihre Begegnung mit Jesus haben, mit dem auferstandenem Jesus, mit dem man tatsächlich reden und den man tatsächlich anfassen kann.

 

Es kann sein, dass es eine ganze Weile braucht, bis diese Skepsis überwunden ist, aber das ist der Grund unserer Hoffnung als Christen, und deswegen erzähle ich davon. Als Christen glauben wir, dass Gott in Jesus selbst durch den Tod gegangen ist und den Tod überwunden hat. Und weil Jesus den Tod überwunden hat, dürfen wir wissen, dass er auf der anderen Seite des Todes auf uns wartet und uns die Hand hinhält. Am Ende, wenn wir mit Jesus leben, sind wir bei ihm, und am Ende ist tatsächlich alles gut, alle Tränen werden abgewischt und das heißt für uns jetzt: Der Schmerz und die Trauer, die wir jetzt und hier empfinden, sind nach wie vor riesig – aber sie sind nicht ewig. Das ist meine tiefste Überzeugung, und ich danke Ihnen, dass Sie mir zugehört haben.