Greifbar

GreifBar am 14.03.2010

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                                      Ist Geiz geil?


 

 Wir mögen Geschichten von geizigen Menschen, wenn wir uns amüsieren wollen. Deshalb schrieb Molière die Geschichte von Harpagon, dem Geizkragen, der aus purem Geiz seine Kinder mit skurrilen Ehepartnern verkuppelte. Wir sahen das im Filmausschnitt heute zu Beginn. Und wir lachen über die Ich-Botschaften der Postbank, wie eben im Theaterstück.

 Wir mögen Geschichten von geizigen Menschen, aber uns rühren und bewegen Geschichten von großzügigen Menschen. Sie rühren uns umso mehr, wenn es Geschichten von armen, großzügigen Menschen sind. Markus, einer der Biographen von Jesus, hat einmal eine solche Geschichte erzählt. Sie spielt in Jerusalem, am Tempel, dem religiösen Heiligtum des jüdischen Volkes. Dort gab es große, trichterförmige Behälter. Und die Besucher des Tempels warfen Geld in diese Gefässe, Geld für den Tempel und die Gottesdienste.

Jesus sitzt in der Nähe dieser Spendentöpfe und guckt sich das Treiben an. Reiche Leute kommen vorbei und ihre Spenden fallen großzügig aus. Manchmal wurden besonders großzügige Spenden eigens angekündigt, und die Menschen im Tempel applaudierten, man schaute sich anerkennend an und geizte nicht mit Lob für die gute Tat. Da erregt etwas die Aufmerksamkeit von Jesus. Eine Frau, wohl eine Witwe, offenkundig bitterarm, nähert sich unbemerkt dem Opferkasten und wirft etwas hinein: zwei kleine Kupfermünzen, das ist nicht mehr als ein paar Cent. Völlig unbeachtet geht sie weiter. Jesus aber ist sichtlich bewegt. Er ruft seine Freunde zusammen und erzählt, was er sah. Klar, sagt er, die reichen Leute haben großzügig gespendet, aber sie taten es aus ihrem Überfluss. Sie werden deshalb nicht weniger bequem leben, nicht Hunger leiden oder die Arztrechnung nicht mehr bezahlen können. Aber diese Frau, Witwe, ohne Rente, ohne Krankenversicherung, ohne Schutz, sie hat mehr gegeben, sie hat alles gegeben, was sie besaß, einfach alles. Naja, mag mancher mit den Achseln zucken, entschuldige Jesus, also direkt mehr war das ja nicht, und für den Tempel bringt diese Mini-Spende nichts, nur mehr Arbeit beim Zählen. Mit den Kupfermünzen kann man doch nichts anfangen. Die Spenden der Reichen, die bewegen etwas. Nein, sagt Jesus, das ist großzügiges, freies, unbesorgtes, tapferes, wahrhaft spendables Leben: Diese Witwe hat mehr gegeben als alle anderen. Ihre Geschichte soll nicht vergessen werden. Darum gibt Jesus keine Empfang für den Großspender des Tages, sondern ehrt diese einfache Frau: Sie ist ein Denkmal für die Großherzigkeit der Armen, für die Liebe und den Mut der kleinen Leute.  

Wir mögen Geschichten von geizigen Menschen, aber uns rühren und bewegen Geschichten von großzügigen Menschen. Wie aber wird unser Herz frei vom Geiz? Wie kommt Großzügigkeit bei uns zum Zuge? Das ist unser Thema heute.

Ich möchte versuchen, mit Ihnen ein paar Fragen zum Thema „Geiz und Großzügigkeit“ zu durchdenken. Erste Frage: Was ist Geiz überhaupt, und was ist Geiz nicht? Zweite Frage: Warum spielt die Werbung eigentlich mit dem Geiz? Was steckt dahinter? Dritte Frage: Warum tut Geiz nicht gut? Und schließlich vierte Frage: Wie komme ich vom Geiz zur Großzügigkeit?

Also die erste Frage: Was ist Geiz, und was ist Geiz nicht?

 Die Sache ist uralt: Der Geiz ist hart, gegen sich selbst und gegen andere. Der olle Römer Publilius Syrus sagte: „Zu niemandem ist der Geizige gut, zu sich selbst am schlechtesten.“ Das Wort Geizkragen zeigt es ganz gut: Der geizige Mensch hortet alles und isst so wenig, dass er einen ganz dünnen Hals bekommt und der Kragen ihm viel zu weit wird. Er ist eben ein Geizhals mit einem Geizkragen. Der Geizige genießt nicht, er will haben um zu haben, nicht um zu genießen. Er neidet dem anderen nicht die Freude, sondern den sicheren Besitz. Es ist das Onkel-Dagobert-Syndrom: Er hockt auf dem Geld. Er gibt es nicht aus, weder für sich noch für andere. Er hält sich fern, wenn gefeiert, geschenkt, gespendet wird. Er liebt nur das sichere Gefühl des Habens, das ist es, wonach der Geizige strebt. Was sagt Publilius: „Zu niemandem ist der Geizige gut, zu sich selbst am schlechtesten.“ Und er fügt hinzu: „Dem Armen mangelt vieles, dem Geizigen alles.“ Er ist knickrig, ein Knauser, ein Pfennigfuchser. Die Schwaben sollen die Weltmeister in dieser Sache sein: Was ist ein Schwabe? Ein wegen Geiz des Landes verwiesener Schotte!

 Damit ist aber auch schon klar, was ein Geiziger nicht ist: Nicht jeder Arme ist auch ein Geiziger. Und wenn es darum geht, den Geiz zu kritisieren, geht es gerade nicht darum, den zu tadeln, der sparsam sein muss, um sein Studium zu schaffen, oder die, die jeden Pfennig umdrehen muss, um die Familie durchzubringen. Es geht nicht um die Kritik der Wohlhabenden an denen, die beim Discounter kaufen, das Naserümpfen der Habenden, die plötzlich ihr Herz für die geringen Löhne der Verkäuferinnen entdecken und jeden missbilligen, der nun doch bei Lidl und Kik einkauft.

 Beim Geiz aber geht es um etwas anderes: Egal ob arm oder reich, geht es dem Geizigen darum zu besitzen um zu besitzen. Was ist das Lieblingswort eines 2jährigen? „Meins“, nicht „Deins“, immer „Meins“. Ich bin Fan von guten Keksen, darum habe ich heute zwei Keks-Stories, um zu illustrieren, was ich sage möchte. Hier kommt die erste: Eine Frau hat zwischen zwei Flügen Zeit und kauft sich am Flughafen eine Packung mit Keksen und eine Zeitung. Sie setzt sich in den Wartebereich und liest ihre Zeitung. Plötzlich hört sie ein Rascheln hinter sich. Sie dreht sich um und sieht, wie ein Mann genüsslich einen ihrer Kekse isst. Sie ist völlig irritiert. Der Mann nimmt sich sofort einen zweiten Keks. Die Frau ist perplex, sprachlos: Sie nimmt sich auch einen Keks, und so geht es immer weiter. Am Ende nimmt der Mann den letzten Keks, bricht ihn in zwei Hälften und reicht ihr die eine, während er sich die andere in den Mund schiebt. Die Frau ist stinksauer. Da wird ihr Flug aufgerufen. Eilig öffnet sie ihre Handtasche, um ihr Ticket herauszuholen, und da liegt sie, ihre Kekspackung, unangebrochen. Oops! Das ist stets die Frage: Wem gehören die Kekse? Und der Geizige lebt nach der Melodie: „Meins“, meins soll es sein und bleiben.

Die zweite Frage: Warum spielt die Werbung mit dem Geiz?

 Ich finde, das ist eine gute Frage, und ehrlich gesagt: Ich kenne die genaue Antwort nicht. Ich weiß nicht, warum Saturn mehrere Jahre proklamierte, Geiz sei geil, bis sie entdeckten, dass sie teuer hassen, um bald danach den bekehrten Schockrocker Alice Cooper sternhagelgünstige Angebote anpreisen zu lassen. Ich weiß nicht, warum die Postbank auf das Ich setzt, das unterm Strich zählt. Ich weiß nicht, was dazu führte, dass der Spiegel das vergangene Jahrzehnt zum „Jahrzehnt der Schnäppchenjäger“ erklärte. Ich habe keine Ahnung, warum bei der Eröffnung eines Media-Marktes in Berlin im September 2007 die Menschen so sehr drängelten, dass Scheiben kaputt gingen, etliche Kunden verletzt wurden und das Ganze nur noch von der Polizei sortiert werden konnte.

 Aber ein paar Dinge fallen mir auf: Es findet eine Neubestimmung von Werten statt: Was in der Sprache der Alten unmoralisch war, auf Kirchisch sogar eine Todsünde, das ist heute erlaubt und wünschenswert. Völlerei ist Genussfähigkeit, Hochmut ist Selbstbewusstsein, und Geiz ist geil. War geil 500 Jahre lang ein Schimpfwort, parallel mit brünstig, läufig, wollüstig und rattig, so ist es jetzt angesagt und cool. Geiz ist eben geil. Das sind des Geizes neue Kleider.

Und die Werbung treibt diese Umwertung voran. Dabei passiert etwas Verrücktes, und ich frage mich, ob wir nicht massiv für dumm verkauft werden. Denn ein echter Geizhals käme mit Sicherheit nicht auf die Idee, das zu tun, was der Handel möchte. Er würde gerade nicht zu Saturn oder in den Media-Markt rennen. Er würde sagen: Ich bin doch nicht blöd – ich behalte mein sauer erspartes Geld. Eigentlich zielt diese Werbung gar nicht auf den Geiz – sondern auf etwas anderes, auf die Raffgier und das Habenmüssen: Wir sollen geradezu den Geiz hinter uns lassen und kaufen, kaufen, kaufen. Die Märkte geizen nicht mit ihren Reizen, um uns vom Geiz zur Habsucht zu treiben. Da aber „Habsucht ist cool“ immer noch etwas seltsam klingt, heißt es eben: Geiz ist geil. Ich bin doch nicht blöd – doch, wenn ich darauf reinfalle, bin ich blöd.

 Jedenfalls appelliert die Werbung hier an unsere Gefühle, sie weckt Appetit und Verlangen und treibt uns so vor sich her. Und ist das erfolgreich? Ja und nein! Der Geiz greift auch nach uns. Wenn wir Angst haben und uns in uns selbst verkrümmen, dann greift er nach uns allen. Wir Deutschen sind aber auch Weltmeister im Spenden. Wenn Erdbeben in Haiti oder Chile passieren, reagieren wir recht bald. Das ist etwas Gutes. Man kann aber auch Gespräche in Cafés mithören, in denen jemand sagt: „Immer ziehen sie einem das Geld aus der Tasche. Jetzt sollen wir auch noch für die da in Haiti spenden.“ Dann greift der Geiz nach unserer Seele und höhlt uns aus.

Die dritte Frage: Warum also tut Geiz uns nicht gut?

 Vielleicht haben wir uns der Antwort schon genähert: Geiz weckt nicht die besten Eigenschaften in uns.  

Was ist es, was uns dann doch abschreckt, wenn wir Molières Geizhals betrachten? Ich sehe drei fatale, zerstörerische Gefühle, die sich mit dem Geiz in uns breit machen:

Es ist der Geist der Angst. Das ist das erste! Angst, dass ich zu kurz komme. Sorge, dass es für mich nicht reicht. Es ist die Furcht zu kurz zu kommen, mit leeren Händen da zu stehen und keiner ist da, der für sorgt. Ich muss es selbst tun. Sorge und Angst treiben den Geizigen. „Unter dem Strich zähl ich!“

Aber wer so lebt, wird einsam. Das ist das zweite! Ich darf dem anderen nichts gönnen, denn es könnte mir ja fehlen. Ich kann vom anderen aber auch nichts Gutes erwarten! Ich bin gefangen in mir selbst und mit mir selbst in Isolationshaft. Der Geiz macht furchtbar einsam.

Und er bewertet die Dinge falsch. Das ist das dritte! Die Habe wird zum Allerwichtigsten. Dabei wissen wir doch, dass wir die Dinge nicht festhalten können. Der Geizige wird wie jeder nackt geboren und er wird wie jeder diese Welt nackt verlassen. Und alles, was wir besitzen, ist eines Tages Müll. Nichts als Müll. Wer geizig ist und das Haben um des Habens willen ernst nimmt, der setzt einfach auf das falsche Pferd.

 Sorge, Angst, Einsamkeit und falsche Werte, aus diesem Gemisch ist der Geiz und darum tut er uns nicht gut. Die Alten wussten das. Ein jüdischer Weiser mit Namen Jesus Sirach schüttelt fast merklich den Kopf, als er über den Geizigen nachdenkt. Und wir werden hören: Weniger weil der Geizige unmoralisch ist, mehr weil er töricht und dumm ist.

Da heißt es wörtlich: „Was soll Geld und Gut einem Geizkragen? Wer viel sammelt und sich selbst nichts Gutes gönnt, der sammelt’s für andere und andere werden’s verprassen. Wer sich selbst nichts Gutes gönnt, was sollte der andern Gutes tun? ... Ein habgieriger Mensch hat nie genug an dem, was ihm beschieden ist, und kann vor lauter Geiz nicht gedeihen. Ein Neidhammel missgönnt den andern das Brot, und es tut ihm weh, wenn er auftischen muss.“

Der kluge Ratgeber hat einen anderen Vorschlag. Er schreibt: „Bedenke, dass der Tod nicht auf sich warten lässt ... Tu dem Freund Gutes noch vor deinem Ende, und gib dem Armen nach deinen Kräften. Versäume keinen fröhlichen Tag, und lass dir die Freuden nicht entgehen, die dir beschieden sind. Denn du musst doch alles, was du sauer erworben hast, andern lassen und den Ertrag deiner Arbeit den Erben geben. Schenke und lass dich beschenken, und gönne dir, was dir zusteht; denn wenn du tot bist, so hast du nichts mehr davon.“

 Bevor wir uns diese ganz andere Haltung noch einmal anschauen, kommt noch meine zweite Keks-Geschichte. Warum schadet uns der Geiz? Weil er uns unbarmherzig macht und Beziehungen zerstört. Da war ein Mann, der lag schwerkrank und sah sein Ende nahen. Aber in seinem Zimmer riecht er den Duft von Schokoladenplätzchen, seinen absoluten Lieblingskeksen. Er kämpft sich aus dem Bett, schleppt sich die Treppe hinunter, kriecht in die Küche und greift mit letzter Kraft nach einem Keks. Klatsch! Hat er einen Schlag mit dem Teigschaber auf die Finger bekommen! „Leg ihn zurück“, ruft seine Frau, „die sind für die Beerdigung!“

O.k., wir halten fest: Geiz ist das krankhafte Verlangen zu haben und immer mehr zu haben, nur um zu haben. Das war das erste. Geiz hat ein steile Karriere gemacht: War der Geiz einmal eine Todsünde, so ist er inzwischen salonfähig. Das war das zweite. Und: Geiz macht uns ängstlich, um die Zukunft besorgt und einsam. Geiz lebt von der Illusion, dass unsere Habe bleibt, obwohl wir wissen, dass wir nicht bleiben. Das war das dritte.

Vierte und letzte Frage: Wie komme ich vom Geiz zur Großzügigkeit?

 Damit bin ich wieder bei der Geschichte von der armen Witwe, die ein paar Kupfermünzen in die Kollekte warf. Sie erscheint als das glatte Gegenteil von Geiz. Sie gibt. Sie gibt mutig. Sie gibt, was sie hat. Sie scheint sich nicht zu sorgen. Sie setzt nicht auf ihre magere Habe. Sie scheint ihrer Zukunft gelassen entgegen zu gehen. Sie ist großzügig in einem radikalen Sinn! Was ist ihr Geheimnis?

Solche Geschichten berühren, sie berührten schon Jesus, so dass er sein Team zusammenrief und ihnen berichten musste, was er gesehen hatte.

 Solche Geschichten berühren. Ich las von einem Versöhnungs-Projekt, das in einem Township in der Nähe von Johannesburg eine weiße und eine schwarze Frau für zwei Wochen zusammen brachte. Sie wohnten eine Woche in einer schwarzen Familie im Township. Es war nicht mehr als eine Hütte, zwei Räume. Dort lebte eine fünfköpfige Familie, bettelarm. Sie bestand darauf, dass die beiden Frauen in dem einzigen Bett schliefen, das es im Haus gab, die Familie selbst rollte sich abends auf dem Fußboden zusammen. Bei den Mahlzeiten wurden die beiden Frauen als erste bedient und bekamen das Beste, was die Familie zu bieten hatte. Alles, was da war, stand zu ihrer Verfügung. In der zweiten Woche wohnten sie in Pretoria bei einer weißen Familie in einem großen Haus mit vielen Schlafzimmern. Aber sie wurden in einen Aufenthaltsraum geführt: Hier könnt ihr eure Schlafsäcke auf dem Boden ausrollen. In diesem Haus schliefen sie eine Woche lang auf dem Fußboden.

Solche Geschichten berühren, und wir spüren: Es ist gut, es macht stark, großzügig sein zu können. Es ist gesund und macht froh, den Geiz und am besten Neid und Habgier gleich mit zu verabschieden. Aber wie komme ich dahin?

 Viele denken: Religion ist dazu da, Böses zu verhindern. Religion beschneidet uns, damit es nicht schlimmer mit uns wird. Das klappt nicht immer, manchmal, wie wir in diesen Monaten sehen, sind religiöse Menschen keineswegs besser als andere. Das lehrt mich, dass wir alle, religiöse und nicht-religiöse Menschen etwas anderes brauchen, etwas, das in der Sprache der Alten Gnade hieß, unverdiente Hilfe, Erbarmen, ein Ja zu uns, das wir nicht verdient haben.

Ich denke also: Es reicht nicht, wenn Religion Böses verhindern soll. Dann lautet die Botschaft: Sei doch nicht so geizig. Sei doch großzügig. Mach es wie die Witwe in der Geschichte. Gib und halt nicht fest.  Kunststück, würden wir vielleicht sagen. Wie soll denn der Brocken in unserem Herzen sich auflösen, der Brocken aus Sorge, Angst, Einsamkeit, wie soll der Platz machen für Großzügigkeit! Als ob das so einfach wäre!

 Also frage ich mich, was das Geheimnis dieser Witwe im Tempel war. Ich kann es nur ahnen. Sie war ja auf dem Weg in den Gottesdienst. Ich stelle mir vor, wie sie die alten Lieder Israels sang. Ich stelle mir vor, wie sie es sich vorsagte: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Der Herr ist mein Hirte, er weidet mich auf einer grünen Aue. Er führt mich zum frischen Wasser. Er deckt mir den Tisch. Der Herr ist mein Hirte. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.“

Ich stelle mir vor, dass das ihr Geheimnis ist: Sie dreht sich nicht mehr um sich selbst. Sie sorgt sich nicht um morgen und übermorgen. Sie ist nicht verliebt in die Dinge. Sie weiß sich geborgen in der Großzügigkeit und Fürsorge Gottes. Er sorgt für mich. Er hat genug, dass es immer reichen wird. Ich kann mich darauf verlassen, darum kann ich auch aus der Hand geben, was ich habe. Es ist nicht frommer Zwang, der ihr das Geld aus der Hand windet. Es ist Geborgenheit in der Großzügigkeit Gottes.

 Gott erweist sich als überaus großzügig. Es ist genug da in seiner Schöpfung für alle. Er ist überaus großzügig. Christen glauben, dass er der Welt das großzügigste Geschenk gemacht hat, das man sich denken kann: Er hat Jesus zu uns geschickt. So viel bist Du mir wert, sagt er damit Ihnen und mir. Er beschenkt uns mit Jesus. Das ist die großzügigste Bescherung, die es je gab. Damit ihr mir glaubt, dass ich euch liebe, sende ich Euch Jesus. Für uns gäbe Gott sein letztes Hemd. Um bei uns zu sein. Um uns zu sich zurück zu lieben. Er gab sein letztes Hemd. Denn die Großzügigkeit bezahlte Jesus mit dem Leben. Das Kreuz ist Zeichen seiner Großzügigkeit. Unser Geiz, unser Neid und unsere Habsucht werden uns verziehen. Das ist der Sinn des Kreuzes. Er hat sich belastet, um uns zu entlasten.

 Vielleicht fragen Sie sich, wie das wohl wäre zu glauben. Oder wieder zu glauben. Die Botschaft heißt nicht: Dann darfst Du nicht mehr geizig sein. Die Botschaft heißt rückwärts: Dein alter Geiz ist Dir verziehen. Sie heißt vorwärts: Es ist nicht länger nötig geizig zu sein. Macht der Geiz uns ängstlich, besorgt, einsam und töricht, so macht uns der Glaube an den großzügigen Gott frei, gelassen, aufmerksam für andere und damit klug. Geben ist dann seliger als nehmen. Geben ist nicht moralischer als nehmen. Nehmen ist auch nicht unmoralisch. Aber wenn Gottes Großzügigkeit auf uns abfärbt, macht Geben einfach Spaß. In einem Test sollten Jugendliche nacheinander zwei Dinge tun: etwas, das ihnen Spaß macht, und dann etwas Gutes, Großzügiges für andere. Sie stellten fest: Es machte Freude, es gab Energie, anderen Gutes zu tun.

 Dafür ist die arme Witwe ein Muster und Beispiel, ein ganz unromantisches übrigens: Sie gewann danach nicht im Lotto, sie heiratete auch nicht den Gewinner von „Jerusalem sucht den Superstar“. Sie war und blieb eine arme Witwe, aber sie war eine freie Frau, frei vom Geiz, stark im Geben, mutig und unbesorgt. Sie war gewiss: Der Herr ist mein Hirte. Ich stelle mir vor, dass sie eines Tages auf dem Sterbebett lag und jemand sie fragte: Wie konntest Du immer an Deinem Vertrauen festhalten? Und sie wird gesagt haben: Irgendwie hat er immer für mich gesorgt! Und jetzt erwartet er mich. Ich dichte noch etwas weiter: mit Schokoladenkeksen.

 Wenn wir einladen, Jesus zu vertrauen, dann laden wir zu etwas ein, das wir selbst werden möchten, denn wir brauchen es selbst auch: solch ein Leben, frei, unbesorgt und geborgen. Manchmal blitzt es auf, und deshalb machen wir das hier: Weil wir das mit anderen erleben möchten - es gibt ein Leben nach dem Geiz. Wir haben uns überlegt: Wenn Geiz einsam macht, und Großzügigkeit gemeinsam erlebt wird, dann sollten wir einfach noch zusammen sitzen, essen und trinken und über Gott und die Welt reden. Deshalb laden wir heute nicht nach dem GreifBar an die GreifBar ein, sondern bleiben hier, an den Tischen. Gott ist großzügig. So ist es. Amen.