GreifBarplus am 27.04.2008
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2. Mose 32,7-14
- 7 Der HERR sprach aber zu Mose: Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt.
- 8 Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben's angebetet und ihm geopfert und gesagt: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat.
- 9 Und der HERR sprach zu Mose: Ich sehe, dass es ein halsstarriges Volk ist.
- 10 Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge; dafür will ich dich zum großen Volk machen.
- 11 Mose aber flehte vor dem HERRN, seinem Gott, und sprach: Ach HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast?
- 12 Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst.
- 13 Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig.
- 14 Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.
Liebe GreifBar-Gemeinde,
zuweilen neigen Menschen zu Dummheiten. Da fahren z.B. vier Männer im Heißluftballon: der Präsident der USA, der klügste Mann der Welt, ein alter Pfarrer und ein Pfadfinder. Plötzlich reißt der Ballon auf und beginnt abzustürzen. Zu allem Unglück gibt es zwar vier Menschen an Bord, aber nur drei Fallschirme. Der Präsident der USA reagiert schnell. Der Weltfrieden hängt von meiner Sicherheit ab. Nimmt ein Fallschirm und weg ist er. Der klügste Mann der Welt sagt: Ich bin ein Geschenk an die Menschheit. Ich bin es den Menschen schuldig, am Leben zu bleiben. Und so springt auch er ab. Da sagt der alte Pfarrer zum Pfadfinder: Mein Sohn, ich hatte ein langes und erfülltes Leben. Es ist in Ordnung, wenn ich jetzt heimgehe. Nimmt du den letzten Fallschirm und spring. Der Pfadfinder entgegnet: Nur die Ruhe, Padre, bleiben Sie cool. Es ist alles in bester Ordnung. Der klügste Mann der Welt ist gerade mit meinem Rucksack abgesprungen.
Zuweilen neigen Menschen zu Dummheiten, auch solche, von denen man es nicht erwarten sollte. Der klügste Mann der Welt verwechselt den rettenden Fallschirm mit einem Rucksack. Führungspersonen in Politik und Wirtschaft, die für Integrität stehen, erweisen sich als korrupt. Menschen, die wir zu kennen glaubten, entwickeln sich merkwürdig. Menschen, die tiefe Erfahrungen mit der Wirklichkeit Gottes gemacht haben, handeln töricht, dumm und falsch.
1. Die Dummheit der Frommen (Ex 32,7+8)
Mose steht fassungslos vor dem, was sein Volk angestellt hat. Gott steht fassungslos vor dem, was Israel jetzt wieder getrieben hat. Was war geschehen? Mose ist auf dem heiligen Berg, wo Gott ihm die Zehn Gebote übergibt. Währenddessen wartet unten im Tal das Volk darauf, dass Mose wieder zurückkommt. Und da passiert der tiefe Einbruch, die pure Katastrophe des Glaubens. Man kann auch ruhig sagen: die absolute Dummheit der Frommen.
Mose auf dem Berg – das Volk im Tal. Oben der Mann, der auf Gottes Gebote wartet, unten die Gemeinde, die die Geduld verliert. Oben Mose, unten sein Bruder Aaron. Oben die Mosekirche, die auf das Wort hört, unten die Aaronskirche, die sich selbst einen Gott schafft, einen, den man anfassen, sehen, berühren, in Griff bekommen kann. Oben Mose, noch tief bewegt von der Kraft Gottes, der das Volk aus Ägypten gerettet hat, unten das Volk, vergesslich, undankbar, schnell bereit, alles fahren zu lassen, wenn es nicht so läuft, wie es will. Oben Mose, der Herausgerufene, der begnadigte Totschläger, der Mann mit der schweren Zunge, der Knecht Gottes, der allein im Hören auf das Wort seines Herrn lebt, unten Aaron, der Mann im Purpurrock mit der heiligen Krone, der Priester, der die Wünsche des Volkes bedient. Mose auf dem Berg, Aaron im Tal. Die Aaronskirche ist ungeduldig. Dann nimmt sie die Sache selbst in die Hand. Weil sie nicht auf Gott warten kann, meint sie, Gott habe sie im Stich gelassen. Na gut, Götter brauchen wir, also schaffen wir uns Götter nach unserem Bild. Und Aaron beugt sich, er macht mit. Für ihre Religion opfern die Menschen alles. Sie reißen sich den Schmuck vom Leibe und werfen ihn in die glühende Masse. Und Aaron formt daraus ein gleißendes Monstrum, einen prächtigen Gott. Zu jedem Opfer sind sie bereit, wenn sie nur das Werk ihrer eigenen Hände anbeten können. Freudig und lächelnd sinken sie vor dem Stierbild auf die Knie und meinen noch, Gott müsste sich doch über sie freuen. Kommt, opfert, freut euch, spielt, esst, trinkt, tanzt, jubelt, begeistert euch, erregt euch – Ihr habt wieder einen Gott. Zu solcher Dummheit ist das Volk fähig, das Gott doch zusammengerufen hat. Zu solcher Dummheit sind die Frommen fähig, sie, die Vergesslichen, die Ungeduldigen, die Gierigen, die Misstrauischen. Das Goldene Kalb steht für die Dummheit der Frommen, sich einen Gott nach ihren Wünschen zu bauen. Hauptsache, er ist so, wir wir ihn haben wollen.1
So nüchtern redet Gott in seinem Wort über uns, über das Volk des Jesus, das Volk, das er sich erwählt und zusammengerufen hat. Schon auf dem Heimweg können wir vergessen haben, schon am kalten Büffet leisten wir uns wieder die törichten Dinge, die sich so gar nicht mit Gottes Willen vertragen.
2. Gott „betet“ in seinem Zorn.
Und da wird nun das Wort Gottes ungemütlich. Sehr ungemütlich. Denn Gott redet Klartext. Er lässt keinen Zweifel daran, was Sünde anstellt. Denn um Sünde geht es, um das, was Beziehungen zerstört und treulos alles Gute vergisst. Es geht um Sünde: die fromme Sünde, die keineswegs Gott los werden möchte. Nur soll er bitte so sein, wie wir ihn haben wollen. Es geht um Treulosigkeit: Mutet er uns etwas zu, ziehen wir uns beleidigt zurück. Ist er eine Weile verborgen, sind wir verstimmt. Antwortet er nicht sofort, dann werfen wir ihm vor, nicht mehr der „liebe Gott“ zu sein. Er soll so sein wie das „Goldene Kalb“, da kann man stimmungsvolle Gottesdienste feiern. Das ist sichtbar und greifbar. Und es widerspricht nicht. Das ist doch praktisch. Das ist Sünde, sagt Gott. Und das ist alles andere als harmlos. Der Absturz droht, gerade wo wir uns religiös erheben. Sünde zerstört die Liebesbeziehung zu Gott. Und sie ruft Gottes Zorn hervor.
Dieser Zorn zeigt sich nun in zweifacher Weise:
Zum einen ringen Mose und Gott darum, wessen Volk das nun ist. Das ist ein munterer Streit: Gott sagt: Das ist dein Volk, das du, Mose, aus Ägypten geführt hast. Mose sagt: nein, nein, Herr, es ist dein Volk. Nein, sagt Gott, das ist es nicht mehr. Wenn sich mein Volk als treulos erweist, dann entziehe ich ihm diesen Ehrenname: Dann ist nicht mein Volk. Hosea, der Prophet, muss das Israel einmal ausrichten. Seinem Kind muss er einen schrecklichen Namen geben: „Nicht mein Volk“ heißt dieser Name, lo-ammi. Wir kennen das ja mit unseren Kindern. Wenn die süße kleine Tochter eine 1 in Mathe nach Hause bringt, dann ist es klar: Meine Tochter hat übrigens heute eine 1 nach Hause gebracht. Wenn sie dann aber über die Stränge schlägt und nachts erst um 2 nach Hause kommt, heißt es: Deine Tochter hat sich mal wieder nicht an die Spielregeln gehalten. Das stellt aber nicht in Frage, dass sie in der Tat weder hier noch dort nur meine oder nur deine Tochter ist, sie ist immer unsere Tochter. Wenn Gott aber sagt: Sie sind nicht mehr mein Volk, dann ist es 5 vor 12.
Zum anderen bittet Gott Mose um Erlaubnis, seinem Zorn freien Lauf zu lassen. Lass mich, sagt er. Lass mich doch meinem Zorn freien Lauf lassen. Es soll Dein Schade nicht sein. Vor Jahren spielte Robert Redford, das ist der, dessen Falten dringend nach einem Bügeleisen rufen, also Robert Redford spielte einen versnobten Millionär, der das Glück eines frisch verliebten Paares ansah und beneidete. Und er machte dem Paar, das glücklich, aber arm war, ein „unmoralisches Angebot“: 1 Million versprach er der Frau, wenn sie eine Nacht mit ihm verbrächte. Entschuldigung, aber daran musste ich denken bei dem Deal, der Mose hier angeboten wird: Lass mich zuschlagen, und wir beide fangen noch einmal von vorne an. Natürlich ist das kein unmoralisches Angebot. Gott sagt: Auch wenn ich denen im Tal den Garaus mache, stehe ich zu meinem Wort. Ich habe das schon einmal gemacht: Operation Sintflut hieß das Unternehmen. Einer blieb übrig, und mit ihm habe ich neu begonnen. Das könnten wir doch wiederholen.
Wir merken: Es ist ernst mit der Sünde. Wir hören das ungern und darum hören wir es auch in der Kirche selten: Es ist Gott ernst, weil er uns ernst nimmt. Weil er uns ernst nimmt, gibt es seinen Zorn. Sein Zorn erklärt uns für zurechnungsfähig. Unsere Sünde wird uns zugerechnet. Und die Antwort könnte doch nur sein: Aus und vorbei, endgültig Schluss! Ich musste an dieser Stelle an manche Bergsteigerfilme denken, so „am Limit“: Wenn ein Haken nach dem anderen ausreißt, das Seil immer mehr absackt und der Absturz kaum noch zu verhindern ist, dann hängt es zuweilen an einem Haken, der noch in der Wand steckt und jedes Mal ruckt es an ihm. Gibt er nach, kracht auch er heraus, dann ist alles vorbei.
Aber jetzt passiert etwas Überraschendes:
3. Moses betet – und wie!
Mose lässt sich auf den Deal nicht ein. Er steht nun zwischen dem Volk unten und Gott oben. Und er muss sich entscheiden. Er will Gott treu bleiben, aber muss er dazu das Volk loslassen? Und er will sein Volk trotz allem nicht im Stichlassen, aber muss er dazu Gott loslassen?
Was wird er machen? Nun, er geht durch den kleinen Spalt, den Gott ihm gelassen hat. Gott hat ihn gebeten: Lass mich… Und Mose sagt: nein! Ich lasse dich nicht. Wir begegnen hier einer erstaunlichen Person: Müsste er nicht ebenso enttäuscht sein wie Gott? War nicht wirklich alles umsonst? Müsste er nicht unglaublich wütend auf seinen Bruder Aaron sein, der nicht einmal Stand halten konnte, als er wirklich darauf ankam? Er müsste doch nur einschlagen und Gottes Angebot annehmen. Aber er tut es nicht. Er bleibt seinem Volk treu, auch als es ihn enttäuscht. Er kündigt seiner Gemeinde innerlich nicht, als sie sich wieder einmal als töricht erweist. Aber er betet, und dieses Gebet ist in jeder Hinsicht erstaunlich. Ich kann jetzt nur zwei Dinge nennen. Aber ich glaube, dass sie für uns wichtig sind. Wir sind ja als Gemeinde gerade in einer Situation, in der wir beten lernen. Am Sonntag „Rogate“ („Betet“) lernen wir von Mose zwei Dinge über das Beten in ernsten Stunden:
1.Mose betet „argumentativ“.
2.Und Mose betet tapfer.
Das müssen wir uns einen Moment lang anschauen:
1.Mose betet also „argumentativ“. Er ringt mit Gott. Das heißt auch: Mose geht davon aus, dass die Sache noch nicht zu Ende ist. Gott hat ihm die Tür einen Spalt breit geöffnet. Lass mich, hat er gesagt. Und Mose weiß: Hier geht noch etwas! Da ist noch etwas in Gottes Herzen, das ihn abhält, bremst, nicht zuschlagen lässt. Da ist noch etwas in Gottes Herzen, das ich ansprechen kann. Und das tut Mose, er tut es mit drei Argumenten. Und das Spannende daran ist: Alle drei Argumente haben nichts, aber auch gar nichts mit Mose und seinem Volk zu tun. Mose verweist nicht auf seinen eigenen Einsatz mit Leib und Leben. Er versucht Gott nicht davon zu überzeugen, dass das Volk doch auch seine guten Seiten habe. Nichts. Die Schuld steht. Und Mose verliert darüber lieber kein Wort. Keine Silbe! Aber was sagt er? Er argumentiert doch, aber er argumentiert nur mit Gottes eigenem Wesen. Erstes Argument: Schau mal, was Du schon investiert hast in dieses Volk. Du hast es aus Ägypten befreit. Welcher Einsatz! Zweites Argument: Du hast Dir einen Ruf zu verlieren. Du bist der Gott, der dieses armselige Bettlervolk gerettet hat. Du bist der Gott der kleinen Leute. Sollen die Heiden dich verspotten? Willst du, dass du Gütiger von den Leuten für arglistig und grausam gehalten wirst? Drittes Argument: Und schau doch auf deine eigenen Versprechen. Du hast es Abraham versprochen. Du hast es Isaak versprochen. Du hast es Jakob versprochen: Zahlreich sollen sie werden wie die Sterne am Himmel. Die Vision: Großes Volk in dieser Stadt. Du kannst Dir nicht untreu werden und dein Wort brechen. Das ist unvorstellbar. So argumentiert Mose. Und wir lernen etwas: Er hält Gott seine eigenen Worte und Verheißungen vor. Wenn es hart wird in unserem Leben und Gott uns fremd wird, weil wir nicht mehr verstehen, was er tut und warum er uns dieses oder jenes zumutet, dann ist es manchmal so: Dann müssen wir mit Gott gegen Gott anbeten, mit seinen Verheißungen gegen unsere Erfahrungen, mit seiner Treue gegen sein Fremdsein, mit seinen offenkundigen Worten gegen seine schreckliche Verborgenheit. Und wir haben dann nichts anderes als sein Wort, Luther sagt, seine Verheißungen, mit denen wir ihm die Ohren reiben. Das gibt es: mit Gott gegen Gott, weil wir nicht loslassen können. Es ist ernst, aber da geht noch was, da ist etwas in Gottes Herzen, von dem er nicht lassen kann.
2.Und darum betet Mose tapfer. Das sind keine leichtfertigen Worte, aber es stockt einem schon der Atem. Wenn Gott wirklich Gott ist, nicht Mensch, nicht Hampelmann, dann ist es schon sehr starker Tobak zu sagen: Gott, kehr um. Gott, erinnere dich! Gott, bereue! Aber das tut Mose. Gott, kehr um. Gott, erinnere dich! Gott bereue! Solche Worte können Majestätsbeleidigung sein. Aber Mose ist so vertraut mit Gott, dass er Gott direkt ins Herz spricht. [Warum willst du von deinem Volk lassen, fragt er. Und Gott antwortet nicht: Och, da war doch was, sagen wir z.B. wegen eines Goldenen Kalbes! Schon vergessen? Warum willst du deinen Ruf verspielen? Es ist so wie mit Müttern und Vätern, die mit einem 2jährigen durch die Innenstadt laufen. Und der 2jährige, eben noch süß und wonnig, nimmt sich seinen kleinen Trotzanfall. Kriegt nicht seinen Willen und wagt die Machtprobe. Wirft sich auf die Straße und brüllt, was das Zeug hält. Die Leute bleiben stehen und schauen, manche schütteln den Kopf. Als Mutter, als Vater wünscht man sich gaaanz weit weg oder mit dem Ring der Ringe unsichtbar zu werden. Pädagogisch gibt es nun mehrere Lösungen. Unsere war: weitergehen. Unsere 2jährigen knickten irgendwann ein. Jaaa! Aber wenn es ernst würde, würde jeder anständige Vater und jede anständige Mutter zu seinem Kind stehen, auch wenn es mehr anstellt als nur eine kleine Machtprobe in der Fußgängerzone. Wenn es ernst würde, dann siegt in einem väterlichen und mütterlichen Herzen die Liebe über den Ärger, die Treue über die Enttäuschung. Auch wenn Kinder wunderliche Wege gehen. Freilich führt das in den Schmerz. Freilich wird jetzt die Liebe teuer. Und] Mose betet tapfer, weil er darauf setzt, dass in Gottes Herzen eine Liebe und Treue wohnen, die weit über das hinausgehen, was Eltern an Liebe und Treue aufzubieten haben. Auch wenn sein Volk wunderliche Wege geht und sich töricht benimmt. Liebe siegt über Zorn, Treue über Enttäuschung. Freilich führt es Gott in den Schmerz. Dennoch wagt Mose es: Kehr um zu dem, was du bist! Erinnere dich, was du selbst bei dir beschlossen hast. Bereue, was du in deinem Zorn dir vorgenommen hast. Alles hält den Atem an – und Gott hört auf seinen Knecht. Die Dinge nehmen einen anderen Lauf. Gebet verändert Geschichte. Weil Mose betet, geht es anders weiter als es weitergegangen wäre, wenn Mose nicht gebetet hätte. Mose betet tapfer und er wird erhört.
Ich frage uns zum Schluss: Ist Mose nun ein Vorbild für uns? Sozusagen eine fleischgewordene Gebetsweiterbildung?
4. Mose ist (k)ein Vorbild
Ich meine: ja und nein.
Nein, er ist kein Vorbild. Warum nicht? Weil hier Mose etwas Größeres darstellt, als unser Beten je sein wird. Er führt uns einem Geheimnis entgegen, das die eigentliche gute Nachricht für uns heute Abend ist. Mose ist eine Art Vorspiel für etwas, was nicht im Tal, sondern in der Höhe passiert. Es wird in der Höhe, in der unmittelbaren Nähe Gottes, für uns gebetet. Mose ist ein Abglanz dessen, was für uns vor Gottes Thron geschieht: Da wird für uns gebetet, immer wieder. Es heißt von Jesus im Römerbrief, er sei zur Rechten Gottes erhöht und vertrete uns (Röm 8,34), ja, gerade wenn es genug Gründe gäbe, uns zu verdammen, vertritt er uns. Im Hebräerbrief wird das als eine Aufgabe des himmlischen Hohenpriesters angesehen: Er bittet beim Vater für uns (Hebr 7,25). Und im 1. Johannesbrief heißt es: Wenn wir sündigen, haben wir einen Fürsprecher beim Vater, Jesus Christus, der gerecht ist (1 Joh 2,1). Er ist sozusagen der globale Mose, und er hat das Ohr des Vaters, und er vertritt uns beim Vater. In dieser Hinsicht ist Mose nicht unser Vorbild, sondern ein erster Hinweis auf Jesus, den, der für uns beim Vater eintritt.
Andererseits ist er doch unser Vorbild, wenn es um tapferes Beten geht. Ich habe lange überlegt, was ich Euch heute zu predigen habe, was für uns bei GreifBar jetzt dran ist, und was Jesus uns sagen will. Ich glaube, dass wir zuerst begreifen sollten, wie dramatisch die Frage der Sünde vor dem Thron Gottes verhandelt wird. Und ich glaube, dass wir schließlich ermuntert werden sollten, so tapfer zu beten, wie wir es an Mose ablesen können.
In einem alten Kirchenlied heißt es:
Gib uns Moses Flehen und Beten um Erbarmung und Geduld, wenn durch freches Übertreten unser Volk häuft Schuld auf Schuld. Lass uns nicht mit kaltem Herzen unter den Verdorbnen stehn, nein, mit Moses heilgen Schmerzen für sie seufzen, weinen, flehn.2
Nun reicht nicht ein allgemeiner Appell zum Gebet, das haben wir uns gegenseitig in den letzten Wochen schon oft zugerufen. Es muss konkreter werden. Ich sehe ein Beten nach der Art des Mose zurzeit für uns an vier konkreten Stellen:
1.Beten für die, die uns Mühe bereiten. Israel bereitete Mose Mühe. Und doch stand Mose treu zu ihnen und trat für sie vor Gott ein. Wir müssen manchmal erkennen, dass Menschen mit großen Erwartungen zu uns kommen. Und wenn wir ihnen dann helfen wollen, gefällt ihnen nicht, was wir tun. Vielleicht weil wir sie auf die eigenen Beine bringen wollen, und sie darum nicht verwöhnen, sondern auch fordern. Und dann passiert es auch bei uns, dass wir beschimpft werden. Wir könnten uns dann beleidigt abwenden. Mitarbeiter, Hauskreisleiter, Seelsorge, Diakonieleute können schon manchmal sehr frustriert sein. Das gehört dazu. Jesus musste ertragen, dass sich Menschen abwandten, dass er missverstanden wurde, dass Menschen von ihm erwarteten, er möge sie verwöhnen, ihnen aber nichts zumuten. Das aber dürfen wir nicht. Von Mose lerne ich auch dann, dass uns immer ein Weg offen bleibt, wenn bei Menschen die Türen zugehen: Wir können immer noch über den Thron Gottes auf sie einwirken. Anders gesagt: beten. Und die Tür für sie offen halten.
2.Beten für die, die uns das Herz schwer machen. Menschen, die uns nah sind, bei denen aber offenbar die Schotten dicht sind für Jesus. Menschen, ohne die wir eigentlich nicht die Ewigkeit verbringen möchten, bei denen wir uns aber nicht vorstellen können, wie das zugehen soll, dass sie sich noch einmal für Jesus öffnen. Konkret bete ich seit vielen Jahren für zwei Menschen, für die ich mir mehr als alles andere wünsche, dass sie wieder Zugang zum Glauben bekommen. Und ich lerne von Mose. Herr, du hast schon so viel in sie investiert! Herr, was wäre das für ein Zeugnis, wenn diese beiden sich dir wieder zuwendeten! Herr, du hast ihnen in der Taufe versprochen, ihr Vater zu sein. Öffne ihr Herz, zieh sie zu dir, lass ihren Widerstand und ihre Gleichgültigkeit schmilzen.
3.Beten für die, wo wir in der Gefahr sind zu denken, dass es doch nur wenig zu hoffen gibt. In schwerer Krankheit. Ihr wisst ja! Auch hier sollen wir von Mose lernen. Manche unter uns denken, wir müssten so beten, dass wir zuerst Gottes Willen mit Gaby erkennen und dann um das bitten, was Gott sowieso will. Das sehe ich anders. Ein solches Beten entdecke ich bei Mose nicht. Er fügt sich nicht. Er fleht, fordert, ruft, will etwas, ist energisch und mutig. Lasst Euch da nicht auf einen falschen Weg ziehen: Wir werden um Gabys Gesundheit und Leben bitten, bis der Herr sie heilt oder uns verbietet weiterzubeten. So und nicht anders sollen wir beten.
Liebe GreifBar-Gemeinde, das war ein langer Bogen von der Dummheit der Frommen über Gottes Zorn und Moses Beten zu unserem Beten. Das Nötige ist gesagt, und wenn Gottes Volk einstimmt, ruft es:
AMEN.
1 Vgl. zu diesem Abschnitt Dietrich Bonhoeffer: Mose- und Aaronskirche. Predigt in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Berlin am Sonntag Exaudi, 28. Mai 1933. In: Ders.: Predigten - Auslegungen – Meditationen. Bd. 1, herausgegeben von Otto Duszus. München 1984, 364-370.
2 EG 137,4 („Geist des Glaubens, Geist der Stärke“, von Philipp Spitta).
