GreifBarplus am 04.05.2008
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Predigt über Röm 8,26-30 - Nur Sprüche klopfen oder wirklich trösten?
Röm 8,26-30
- 26 Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.
- 27 Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt.
- 28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.
- 29 Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.
- 30 Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.
Liebe Gemeinde,
es gibt Worte, die leider nicht gesagt wurden. Ich habe einmal ein paar dieser Worte gesammelt, von denen wir uns vielleicht gewünscht hätten, sie wären einmal gesagt worden. Damit es ein bisschen spannend wird, sage ich zunächst nur, was hätte gesagt werden sollen, lasse eine kurze Pause zum Raten und füge dann hinzu, wer es hätte sagen sollen. Also:
- „Da fackeln wir nicht lange.“ – Jacque Rogge, Präsident des Olympischen Komitees zur Frage, ob sich die olympische Bewegung nicht den Protesten gegen China anschließen sollte.
- „Ich kann unsere Musik einfach nicht mehr hören; sie ist unerträglich!“ – Bill Kaulitz von Tokio Hotel über die wahren Gründe, warum ihre Tournee abgesagt wurde.
- „Mit diesem Kleid lasse ich dich nicht mehr in die Oper!“ – Joachim Sauer, Ehemann von Angela Merkel, zum Dekolleté seiner Frau in der Osloer Oper. Einer noch:
- „Heiliger Vater, könnten Sie für mich ein gutes Wort einlegen?“ – George W. Bush zum Papst bei dessen USA-Reise.
O.k., Worte, die leider nicht gesagt wurden. Nun gibt es leider aber auch Worte, die besser nicht gesagt worden wären. Manche davon sind unfreiwillig komisch. Die besten Phrasen kommen immer noch vom Rasen, früher etwa von Andy Möller, als er sagte: „Mein Problem ist, dass ich immer zu selbstkritisch bin, auch mir gegenüber.“ Andere Sprüche sind weniger lustig, wenn sich etwa hochverdienende Manager darüber beschweren, dass an ihren Gehältern Kritik geübt wird, oder wenn der Diktator von Zimbabwe ankündigt, sich einer fairen Stichwahl stellen zu wollen. Worte, die besser unterblieben wären.
Zuweilen gibt es die in der Gemeinde Gottes auch. Und ich meine jetzt nicht das böse Reden hinter dem Rücken, ich meine nicht langweilige Predigten, auf die man auch verzichten könnte. Ich meine nicht wiederholte Appelle, die nur ein schlechtes Gewissen machen. Ich meine vielmehr gut gemeinte Worte, Worte, die trösten sollten. Aus tiefster Seele mit bester Absicht um zu trösten, aufzurichten. Seelsorgliche Worte für Menschen, die es gerade schwer haben. Und doch: Besser, sie wären nie gesagt worden.
„Weißt du, denen die Gott lieben, muss doch alles zum Besten dienen“. Das ist so ein Satz! Dir geht es gerade schlecht? Du, denen die Gott lieben, muss alles zum Besten dienen. Muss. Alles. Zum Besten. Denen, die Gott lieben.
Warum ist das ein Satz, den man besser nicht gesagt hätte? Ist das nicht …? Doch, das hat Paulus selbst gesagt: „Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“
Warum aber kann dieser Satz so furchtbar falsch werden, kränken und nicht heilen, zerstören und nicht aufbauen, falsch sein und gerade nicht ein christlicher Trost?
Das geschieht, wenn wir ihn als Allerweltsweisheit benutzen. Als Spruch, der uns das Leben erklärt. Das geschieht, wenn uns dieses Wort zu leicht von den Lippen kommt. Wenn wir es stets parat haben, wo auch immer die Widrigkeiten des Lebens zuschlagen. Dann wird es falsch, zerstörerisch und kränkend. Spielen wir es durch!
- Du hast auf Treue und Zuverlässigkeit gehofft, auf die Kraft dessen, was Ihr Euch zusammen aufgebaut habt, und bist einfach betrogen und im Stich gelassen worden. Das soll Dir zum Besten dienen?
- Du bist so schwer erkrankt. Dein Leiden frisst sich in deinen Körper hinein und raubt dir Tag für Tag mehr Lebenskräfte. Das soll Dir zum Besten dienen?
- Du hast wieder und wieder gehofft, dass die große Lücke in Deinem Leben sich endlich füllt, und wieder und wieder war es nichts mit Deiner Hoffnung. Das soll Dir zum Besten dienen? Alles wird gut?
- Oder nehmen wir die Nachrichten dieser Woche, nehmen wir Amstetten: Eine Frau wird ihr halbes Leben lang eingekerkert, missbraucht, vergewaltigt, ihre Kinder sehen niemals das Tageslicht, sie leben in einem Kellerverlies, Opfer der Obsessionen ihres Großvaters, der zugleich ihr Vater ist. Das soll Dir zum Besten dienen? Wer brächte das über die Lippen?
Was ist so gefährlich an diesem Paulus-Wort? Warum kann es zum frommen Spruch entarten? Was ist so schlimm daran?
Das Schlimme an den Sprüchen ist die Unwahrhaftigkeit: An den Betten der schwer Kranken wird gelogen, dass sich die Bretter biegen. „Das wird schon wieder“. Alle wissen, dass das nicht stimmt, und dass das es um Leben und Tod geht. „Ach, nächste Woche springst Du schon wieder herum“. Die Unwahrhaftigkeit solcher Sprüche tut weh, sie stößt den Kranken, der doch spürt, wie ernst es ist, in die Einsamkeit. Findet er jemanden, der es aushält, worum er sich sorgt? Hält es jemand aus, dass der Kranke sich fürchtet, wie es ausgeht? Oder flüchtet der Besucher sich in Sprüche?
Das Schlimme ist die gemeine Umdeutung: Ach, wer weiß, wozu es gut ist! Dein Kind ist gestorben? Was ist ihm vielleicht erspart geblieben! Und dann fromm: Alles muss Dir zum Besten dienen. Ja, wozu denn? Was soll das Gute sein, wenn Kinder missbraucht und eingekerkert werden? Wozu nützt ein Tumor, der den Leib zerfrisst? Wozu ist es gut, wenn ich so einsam bleibe? Was soll denn denen zum Besten dienen, die Hungers sterben, Millionen in jedem Jahr?
Das Schlimme an den Sprüchen ist ihre Naivität. Alles wird gut! Fromm gesprochen: Alles muss Dir zum Besten dienen, Du wirst es noch sehen. Das mag ja manchmal sein. Aber es gibt auch die Geschichten, die nicht mehr gut ausgehen. Es gibt die Krankheit, die nicht besiegt wird. Es gibt den Hof, der letztlich doch verloren geht. Es gibt den geistigen Verfall, aus dem es keine Rückkehr gibt. Es gibt die seelische Verwundung, die nie mehr richtig ausheilt. Und das ist schlimm, muss schlimm genannt werden. Was bitte, was soll da zum Besten dienen? Was bitte, ist daran gut?
Wie aber sollen wir Paulus dann verstehen? Was meint er? Was sagt uns Gott heute? Ich glaube, er zeigt uns, wie er in der Tiefe tröstet. Ich glaube, er zeigt uns, unter welcher Voraussetzung wir sagen können, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Es sind zwei Voraussetzungen:
1. Wir sollen das Konzert für drei Seufzer hören!
2. Wir sollen den Widerspruch Gottes hören!
Also 1.: Wir sollen das Konzert für drei Seufzer hören
Wir müssen uns einen Moment lang das ganze achte Kapitel des Römerbriefes ansehen, um zu verstehen, worum es hier geht. Paulus redet davon, wie bedrängt und unsicher das Leben ist, für alle, für Mensch und Tier und für die ganze Schöpfung. Und dann sagt er: Es wird so viel geseufzt auf Erden. Es wird so viel gelitten und darum wird so viel geseufzt:
„Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit […], doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.
Das sind erstaunliche Aussagen, die eine eigene Predigt wert wären: Paulus blickt durch, er sieht die Folgen der Auflehnung des Menschen gegen Gott bis in die Ökologie hinein: die Geschöpfe leiden unter der Entfremdung vom Schöpfer. Der Lebensraum der Eisbären wird knapp – die Schöpfung seufzt! Meeresvögel verenden nach Tankerkatastrophen – die Schöpfung seufzt! Regenwälder werden abgeholzt, um Hamburger anzubauen - natürlicher Lebensraum wird zerstört, das Klima kippt aus dem Gleichgewicht – die Schöpfung seufzt! Tiere werden ohne Erbarmen zusammengepfercht, um Nahrung zu werden – die Schöpfung seufzt. Aber Paulus sieht tiefer und sagt: Auch das wird nicht so bleiben. Wenn wir befreit werden, wird auch die Schöpfung mit uns befreit. Der Himmel ist eine befreite Schöpfung. Der Himmel ist kein Wolkenkuckucksheim, sondern eine wiederhergestellte Schöpfung. Schöpfung atmet auf. Schöpfung wird heil. Alles Geschaffene wird Gott loben. Aber noch wird geseufzt. Das ist der erste Seufzer, nur zu gut zu verstehen.
Auch den zweiten Seufzer in diesem Konzert können wir verstehen, denn das sind wir selbst:
„Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der […] Erlösung unseres Leibes. Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung.“
Wir spielen den zweiten Part in diesem Konzert. Ganz nüchtern wird auch über unser Christenleben gesagt: Da gibt es viel zu seufzen. Gott sei Dank nicht immer. Gott sei Dank gibt es den Frühling, das Verliebtsein, Freude an der Musik, Störche, die am Fenster vorbeisegeln, Blumen, die ihre Pracht ausstellen – Gott sei Dank gibt es das. Aber es gibt eben das Seufzen, und kein Menschenleben kommt am Seufzen vorbei. Paulus hatte es am eigenen Leibe erfahren. Einmal war er so weit, dass er sich den Tod herbeisehnte (Phil 1,23). Einmal war er so am Leben verzagt, dass er glaubte, nicht mehr damit fertig zu werden (2 Kor 1,8f). Oft merkte er, wie er hinter dem zurückfiel, was er eigentlich als gut und richtig erkannte (Röm 7,19). Ganz zu schweigen von all den Gemeinheiten und Brutalitäten, die er als Apostel erlitt. „Dieser Zeit Leiden“ nennt Paulus das, die Schmerzen und Enttäuschungen, die Einsamkeiten und Sorgen, die Rücksichtslosigkeiten und Gemeinheiten, das Schreien der Organe und der Zerfall des Geistes, die gekränkte Seele und das schwache Herz – dieser Zeit Leiden und sie lassen uns seufzen, und wir Christen sind unter keinem anderen Schicksal als alle, wir haben Teil am großen Seufzen und manchmal auch am lauten Schreien. Mit aller Kreatur und mit unseren Menschenbrüdern seufzen wir, sehnen uns nach der Erlösung, sind schon gerettet, weil verbunden mit dem Retter, aber das Leben hinkt noch hinterher, nur auf Hoffnung haben wir das Neue. Und das ist schwer. Das ist ein Seufzen, kein christliches Dauergrinsen. Das ist ein Schmerz, der nicht durch fromme Sprüche aus der Welt zu schaffen ist. Übrigens müssen auch unsere Lieder diesem Seufzen Worte geben und nicht nur dem heiteren Jubel und der allzu leichten Freude. Sonst sind sie auch nur „Sprüche“.
So weit ist das alles normal, das kann man auch bei klugen Denkern und empfindsamen Dichtern lesen. Aber die Sensation ist der dritte im Konzert der Seufzer: Denn jetzt heißt es, dass auch der Geist seufzt.
„Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt.“
Könnt Ihr Euch das vorstellen? Wir tun einen Blick in das Herz Gottes. Wenn Tier und Pflanze ächzen, wenn Menschenkinder hungern, wenn einem Geschöpf Gewalt angetan wird, wenn uns die Sorge und die Angst martern, wenn wir nicht mehr ein noch aus wissen – dann seufzt es in Gott selbst mit uns. Und Gottes Geist verstärkt unser Seufzen vor dem Thron des Höchsten. Wir lernen sonst viel darüber, was der Geist Gottes bei uns bewirkt: dass wir glauben können, dass wir Gaben bekommen, dass wir Kraft haben, Gottes Willen zu tun usw. Heute sollen wir hören, was der Geist bei Gott bewirkt: Er ist das große Empfinden, er ist das starke Erbarmen, er ist das gottgewordene Gebet, er ist der Dolmetscher unserer Nöte, er trägt jede Träne, jede Sorge, jeden Schmerz vor den Thron Gottes. Er seufzt in uns, er seufzt mit uns, er seufzt über uns und er seufzt für uns. Und er wird erhört, denn wenn er seufzt, dann bringt er etwas in Gott zum Klingen. Wenn er Gottes Erbarmen herausfordert, dann weckt er, was Gott zutiefst will, was seinem Wesen entspricht. Er wird erhört. Er seufzt ohne Worte, denn zwischen ihm und dem Vater besteht wortloses Einverständnis. Das ist ein Blick in Gottes Herz: Was wir an Jesus auf Erden sahen, gilt auch im Himmel. Da ist pures, reines Erbarmen.
Eine Nachbemerkung: Wir wissen nicht, was wir beten sollen, sagt Paulus. Und er fordert nicht dazu auf, es doch besser zu lernen. In dem ganzen Abschnitt heute werden wir überhaupt zu nichts aufgefordert! Es ist schon in Ordnung, dass wir beten, wie wir beten. Wenn wir selbst merken, dass wir es eigentlich nicht können, dann ist das nicht schlimm. Es ist unsere Lage bis zum Ende, dass wir es tun, ohne es können. Paulus sagt nicht: Schämt Euch, dass Ihr es nicht könnt. Gebt Euch Mühe, damit es besser wird. Er sagt: Der Geist ist der große Dolmetscher vor dem Thron Gottes. Betet, wie ihr es könnt, der Geist selbst macht sich zum Vertreter eurer Bitten vor dem Thron des Höchsten.
So wird viel geseufzt in Römer 8 – und jetzt: Nur wer mitseufzt, darf auch sagen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen müssen. Wer nicht mitseufzt, sollte lieber die Klappe halten.
2. Wir sollen den Widerspruch Gottes hören!
Gottes Wort ist also kein Weisheitsspruch nach dem Motto: Alles wird gut! Es ist kein frommes Mäntelchen über der harten Wirklichkeit: Es ist ja nicht so schlimm!
Was wir hier hören, ist vielmehr göttlicher Widerspruch gegen das, was ist. Es ist ein entschiedenes Nein zu dem, was zerstört. Gott setzt ein „aber“ in diese Welt. Ein „aber“ gegen das, was „natürlich“ ist und „von selbst“ geschieht, was also der Logik dieser alten Welt entspricht:
Natürlich ist und von selbst geschieht, dass es immer schlimmer kommen kann. Von selbst dienen uns alle Dinge keineswegs zum Besten. Von selbst gibt es verschwendetes Leben. Von selbst gibt es unerhörtes Seufzen. Von selbst wird es für manche immer schlimmer. Von selbst wird verhungert, entehrt, vom Tumor zerfressen, einsam geweint, auch das letzte Hemd geraubt, mit kranker Seele gelitten. Von selbst wird gestorben. Von selbst heißt: von Erde genommen, zu Erde geworden. Das geschieht von selbst. Und es geschieht immer noch, es geschieht, auch bei uns, das „von selbst“. Natürlich dient uns nichts zum Besten, aber vieles zum Schlimmsten.
Gegen das „von selbst“ setzt Gott sein „aber“. Es ist das „aber“ seines Erbarmens. Es ist das „aber“ der Heilungstaten des Jesus von Nazareth. Es ist das „aber“ seiner Vergebung. Es ist das „aber“ seiner Befreiung von bösen Geistern, die die Seele aufessen. Es ist das „aber“ der Auferstehung. Und Gott sagt: Mein „aber“ wird siegen. Der Geist wird erhört, das Seufzen der Leidenden wird erhört, das Sehnen der Schöpfung wird erhört.
Gott gibt uns ein Versprechen, dass er alles wenden wird. Leid will uns beugen, aber es wird nicht siegen. Krankheit will uns zerfressen, aber sie muss den Kürzeren ziehen. Bosheit will uns klein kriegen, aber noch aus Bosheit lässt Gott Gutes erwachsen.
Das ist abstrakt, und es stellen sich zwei Fragen: Wie soll das gehen? Und wann wird es geschehen? Antwort: ich weiß es nicht! Oder: Manchmal zeigt uns Gott schon jetzt, wie er aus Dreck Gold macht. Manchmal lässt er uns warten bis zu dem Tag, an dem alles neu wird. Beides kann sein.
Manchmal zeigt uns Gott jetzt schon, wie er aus Dreck Gold macht. Meine Lieblingsgeschichte dazu ist die von Josef, dem Sohn Jakobs. Er ist ein von Ehrgeiz und Arroganz bestimmter junger Mann, der eitel im bunten Rock durch die Gegend stolziert. Und seine Brüder sind zerfressen von Neid und hemmungslos in ihrer Bosheit. Sie verkaufen ihn als Sklaven nach Ägypten. Josef landet schließlich ganz unten, im stinkenden Gefängnis einer ägyptischen Kleinstadt. Natürlich und von selbst wäre er dort verreckt und bald vergessen. Aber dort im Gefängfnis segnet ihn Gott. Aus der Tiefe zieht er ihn hervor und lässt ihn zum Minister am königlichen Hof aufsteigen. Josef verändert sich vollständig. Als dann eine Hungersnot ausbricht, rettet er das Leben der Ägypter durch kluge Haushaltspolitik. Aber er rettet auch das Leben seiner Brüder und seines Vaters. Auch sie müssen nicht verhungern. Und am Ende bekommt Josef einen Durchblick durch das, was geschah. Er erkennt Gottes „aber“: „Ihr gedachtet es böse mit mir machen,“ sagt er zu seinen Brüdern, „aber Gott gedachte es gut zu machen“ und ein großes Volk am Leben zu erhalten. So wendet Gott das Böse: Es muss am Ende wirklich alles zum Besten dienen.
Das gibt es: Gott macht Gold aus Dreck, manchmal. Er mutet einer Familie ein behindertes Kind zu. Eine Familie adoptierte das Oldenburger Baby, das nach Spätabtreibung dummerweise überlebte. Heute sagen sie: Es ist nicht einfach, aber dieses Kind ist unser Glück. Eine junge Frau verunglückt beim Baden und sitzt fortan im Rollstuhl. Später erzählt sie vor Millionen als Evangelistin, dass sie Gott wohl weggelaufen wäre ohne den Rollstuhl. Wer es selbst so sagt, darf es sagen, im Rückblick. Oder aber ein Mensch wird gesund, weil Jesus jetzt schon zeigt, wohin die Reise geht. Eine Krankheit wird besiegt, weil Gott deutlich macht, dass er mit den Mächten der Zerstörung keinen Pakt schließt. Das gibt es.
Manche aber müssen warten, bis zum großen Showdown. Am Ende wird es so sein: Keine Krankheit, kein Leid, keine Tränen, kein Mangel, keine Einsamkeit, keine Gewalt. Gott geht umher und wischt persönlich unsere Tränen ab. Und siehe, alles wird neu. Das Seufzen hat ein Ende. Er hat alles gewendet, er hjat alles Widerwärtige gezwungen, uns zum Besten zu dienen.
Versteht ihr, es ist keine natürliche Weltformel, nach dem Motto: Es wird schon alles gut werden. Es ist ein Widerspruch, der aus dem Seufzen des Geistes erwächst: Gott wird es nicht dulden, dass das Böse siegt. Wenn es so schlimm ist, dann wisse: Gott paktiert nicht mit dem, was uns kaputt macht. Er ist nicht der Genosse des Bosses, der uns tötet. Er duldet nicht, dass Tumore, Schmerzen, Gewalt und Hunger das letzte Wort haben. Versteht Ihr: Gott findet sich niemals damit ab. Niemals. Darum sollen wir uns eben gerade nicht abfinden. Gott tut es auch nicht. Er bricht dem Bösen das Genick, das es uns dienen muss, zum Besten, nicht nur zum Guten, und zwar in allen Stücken. Aber sagt Gott, es muss dir zum Besten dienen, nicht weil das so ist, sondern weil ich das, was Dich quält, biege, drehe, beuge, wende, beende, besiege – bis es Dir dient und aus dem Seufzen Jubel wird, aus dem Tod Leben. Am Ende steht Leben, Freude, Heil, Stärke, Integrität, Gemeinschaft, volle Genüge. Jesus hat das letzte Wort! Davon dass uns alles zum Besten dienen muss, darf nur reden, wer etwas von Gottes leidenschaftlichem „Aber“ weiß, von seinem Widerspruch gegen das, was kaputt macht.
Darum vergleicht Paulus unser Leben mit einem Kreißsaal und nicht mit einem Sterbezimmer. In beiden Räumen wird gelitten. In beiden Räumen regiert Schmerz. Aus beiden Räumen kann es seufzen, wimmern, schreien und brüllen. In beiden Räumen fließt Blut, werden Leiber geöffnet, Tränen vergossen und ums Leben gebangt. Aber in dem einen Raum dient alles dem Sterben. Am Ende liegt einer da und ist nicht mehr. Am Ende ist Tod. In dem anderen Raum aber dient alles dem Leben. Der Schmerz muss zum Besten dienen. Das Blut muss zum Besten fließen. Die Tränen werden zum Besten vergossen. Am Ende liegt einer mehr da und brüllt sich ins Leben. Am Ende dient alles dem Leben. Am Ende ist Glück und Freude. Unser Leben, sagt Paulus, ist Kreißsaal, Kreißsaal zum österlichen Leben, nicht Sterbezimmer. Alles zum Besten.
Tun sollen wir heute also gar nichts. Wir sollen wissen, dass unser Leben in der Spannung bleibt: zwischen den Seufzern der Schöpfung und dem „aber“ Gottes. Wir sollen wissen, dass das Ende beschlossen ist. Es muss uns alles, alles, zum Besten, nicht nur zum Guten, dienen. Das ist beschlossen bei Gott. Und Gottes Volk stimmt ein und ruft: AMEN.
