Greifbar

GreifBarplus am 15.06.2008

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Predigt über Joh 17,11b-21
(in der Reihe „Gebet“, 4. Teil)


 

    Heiliger Vater, erhalte sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, dass sie eins seien wie wir. Solange ich bei ihnen war, erhielt ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, und ich habe sie bewahrt, und keiner von ihnen ist verloren außer dem Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt werde. Nun aber komme ich zu dir und rede dies in der Welt, damit meine Freude in ihnen vollkommen sei. Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehasst; denn sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. Ich bitte dich nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen. Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit. Wie du mich gesandt hast in die Welt, so sende ich sie auch in die Welt. Ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie geheiligt seien in der Wahrheit. Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.

    Joh 17,11b-21


 

 

Liebe Gemeinde,

Kürzlich hörte ich, ein alter Fan von Arminia Bielefeld sei kurz vor seinem Tod noch bei Arminia ausgetreten und beim FC Bayern München eingetreten. Er erklärte diesen Hochverrat stocknüchtern: Es sei doch besser, wenn einer von denen stirbt als einer von uns. Was man so alles macht, wenn das Leben zu Ende zu gehen droht!

Aber mal im Ernst: Was würden wir tun, wenn wir nur noch 30 Tage zu leben hätten? Ein Monat Frist! Was würdet Ihr tun? Mehrere Hundert Gemeinden in den USA machen gerade dieses Experiment: Sie leben für einen Monat so, als wäre es ihr letzter auf Erden.1 Stellt Euch das mal vor: Was würde dann auf der Skala der wichtigen Dinge nach oben und was nach unten rücken? Was würde gänzlich unwichtig? Immerhin müsste man sich nicht mehr um den Rost am Auto und die Steuererklärung 2007 kümmern oder die Küche aufräumen. Was würde dagegen absolut dringlich, müsste noch auf jeden Fall geschehen, geklärt, gesagt, getan werden, wieder gut gemacht,  gesehen, gehört, gefühlt, mit allen Sinnen genossen werden? Was ist jetzt noch wichtig?

Als Jesus wusste, dass seine letzte Stunde auf Erden bald schlagen würde, hat er sehr konzentriert bestimmte Dinge getan, die ihm wichtig waren. Keiner der Jesus-Biographen hat das so ausführlich geschildert wie Johannes. Jesus hat seinen Jüngern demonstrativ die Füße gewaschen und ihnen damit ein nachdrückliches Vorbild hinterlassen. Er hat ausführlich mit ihnen geredet, wie ihr Leben nach der gemeinsamen Zeit aussehen würde, wie sie in Kontakt mit Gott bleiben und was sie auf Erden tun sollten. Und dann hat er unter allen letzten Dingen ein Allerletztes getan, das Letzte, bevor sie ihn wie einen Verbrecher in Ketten gelegt haben: Er hat gebetet. Er hat ausführlich gebetet. Dieses Gebet hat Johannes auch überliefert. Und damit sollen wir uns heute befassen.

Eigentlich ist das Entscheidende, was ich Euch heute weiterzusagen habe, die Antwort auf die Frage, warum uns der Inhalt dieses Gebets bekannt gemacht wird.

Ich meine: Was geht uns das an? Wieso wird uns einer der intimsten Vorgänge, die es gibt, die letzte Besinnung vor Folter und Tod, das persönliche Gespräch, das Jesus mit Vater führt – warum wird uns das verraten? Spirituelle Regenbogenpresse, „Das goldene Glaubensblatt“: Heiland auf seiner letzten Etappe? Letzte Worte eines großen Menschen? Intime Bekenntnisse vor dem Galgen?  Ist es nicht ein bisschen wie „abgehorcht“, ein früher Telekom-Skandal, Datenschutzbeauftragte aufgepasst! Es muss schon einen Grund dafür geben, und jetzt wieder im Ernst: Kein anderes Gebet wird in den Biographien von Jesus in dieser Ausführlichkeit und Länge wiedergegeben. Keines! Warum dann dieses?

 

Zwei Antworten habe ich:

Erste Antwort: Weil wir wissen sollen, was Vater und Sohn über uns denken und reden, beschließen und sich vornehmen. Wir dürfen nicht nur, wir sollen mithören. Wir sollen Ohrenzeugen sein, damit uns gewiss, froh und klar wird: Aha, so denken sie über mich!

Ist es nicht ein bisschen so wie bei dem kleinen Jungen, der aufwacht und auf leisen Sohlen zum Wohnzimmer geht, in dem Mama und Papa sitzen, und dann mitbekommt, dass sie genau über ihn reden, wie er sich so macht, was sie sich für ihn vornehmen, wie sehr sie ihn mögen, was ihnen Kummer bereitet, wo er ihnen Freude macht, und wie sehr sie entschlossen sind, alles für dieses kleine Menschenkind zu geben. Alles.

Nur das wir jetzt eine himmlische Unterhaltung mithören. Jesus betet, Vater hört. Es herrscht tiefes, ungetrübtes Einvernehmen.

Und worum geht es? Jesus und Vater reden über die, die Jesus ihr Vertrauen geschenkt haben und ihm ihr Leben widmen. Und sie möchten, dass wir, die wir Jesus unser Vertrauen geschenkt und unser Leben gewidmet haben, mithören, nicht überhören, genau zuhören, wie sehr wir umsorgt und geliebt werden. Jesus sagt: Vater, du musst sie jetzt bewahren und keinen verlieren, du musst sie schützen, du musst sie heiligen und einigen und senden. Aus jedem Satz, aus jeder Bitte spricht Fürsorge und Mitgefühl für die, die er hier im irdischen Getümmel zurücklässt.

Rob Bell hat es einmal so gesagt: Im Zentrum des Universums ist nichts als selbstlose, sich aufopfernde Liebe.2 Das ist der Sinn der Rede vom dreieinigen Gott. Im Zentrum des Universums ist nichts als selbstlose, sich aufopfernde, sich hingebende und verströmende Liebe. Vater liebt seinen Sohn, der Sohn ehrt und liebt den Vater, keiner will hier dominieren, keiner will Platzhirsch sein, keiner neidet dem anderen die Ehre, die ihm widerfährt. Nie ruft Vater, hallo, heute kam beim Singen und Beten aber Jesus häufiger vor. Jeder gönnt dem anderen das Beste. Und diese tiefe Liebe und Hingabe fließt über nach außen, zieht uns in sich hinein, schafft Raum für uns zum Leben, Atmen, Loben, zu vollkommener Freude. Darum wurde Schöpfung, darum kam Jesus, deshalb kommt der Heilige Geist. Im Zentrum des Universums ist kein gähnendes schwarzes Loch, keine dunkle Seite der Macht, kein apathisches höchstes Wesen, kein stummes Schicksal – im Zentrum des Universums wirst du selbstlos und hingebungsvoll geliebt.

Ein Vater bringt seine kleine Tochter zu Bett. 5 Jahre. Als alles ruhig ist, schaut er noch einmal nach ihr. Zu seiner Überraschung ist sie noch wach. Was machst du, fragt er. Ich denke nach! Worüber? Ich habe überlegt, wie es ist, eine Braut zu sein. Eines Tages werde ich heiraten und ein tolles Brautkleid tragen und du, Papa, wirst mein Prinz sein. Das ist toll, Schatz, aber ich kann nicht dein Prinz sein. Und warum nicht? Sie war sichtlich aus dem Konzept gebracht. Naja, sagte der Vater, und versuchte ihr zu erklären, dass er schon Mamas Prinz sei und dass unsere Gesellschaft Bigamie mit der eigenen Tochter nur bedingt zu tolerieren bereit sei. Na gut, und wer wird mein Prinz sein? Ich weiß es nicht, vielleicht Tim oder Tobias. Vielleicht auch nicht. Vielleicht kennst du ihn noch gar nicht. Aber wenn die Zeit gekommen ist, einen Prinzen für dich auszusuchen, dann lässt du am besten mich entscheiden. Unternimm nichts in Sachen Prinz, ohne dich mit mir abzusprechen.3 – Ich liebe diese Geschichte!

O.k., aber es geht doch um eines: dass in jedem menschlichen Herzen die Sehnsucht wohnt, der Prinz oder die Prinzessin für jemanden zu sein. Wir wollen geliebt werden. Und darum sollen wir dieses Gebet mithören: Wir sind geliebt, mehr als wir je erahnen und ergründen können! Und das Schöne daran ist: Wir haben nichts dazu getan, um uns diese Liebe zu erwerben. Und es kommt noch schöner: Du und ich, wir können beim besten Willen nichts Großes oder Kleines leisten, das Gott dazu bringen würde, uns mehr zu lieben. Nichts. Kein Opfer, keine gute Tat. Und es kommt noch schöner: Du und ich, wir können beim besten Willen nichts tun, das Gott dazu bringen könnte, uns weniger zu lieben, als er es jetzt tut.

Vielleicht ist manchem von uns das lange nicht mehr zu Herzen gegangen. Vielleicht sitzt mancher hier unter uns, für den das noch ganz neu ist. Denen möchte ich sagen, dass es nur eines gibt, was zu tun ist: Öffne Dich, sage ja und danke und freue dich. Gilt das mir, mit meiner Vergangenheit? Ja! Gilt das mir, mit meinem Lebensstil? Ja! Gilt das mir, mit meiner verkorksten Kindheit? Ja! Gilt das mir, mit dem, was keiner wissen darf? Ja! Gilt das mir, mit meinem ganz durchschnittlichen Leben? Ja! Und vielleicht ist heute der Tag, auf diese Liebe zu antworten und sich ihr zu öffnen, hier im Gottesdienst, wenn wir beten, mit einem stillen Gebet, oder auch im Gespräch mit einem der Christen hier im Raum.

Jetzt bin ich ein bisschen weg von Johannes 17, aber das musste sein. Jetzt aber die zweite Antwort:

Dass Jesus für uns betet, ist nötig, und darum sollen wir es wissen. Warum ist es nötig? Weil wir es allein nicht packen! Und warum müssen wir das nun wieder wissen? Damit wir uns nicht irren, sondern Demut lernen. Gottes Volk muss Demut lernen. Anders gesagt, weniger kirchisch: Wir sollen wissen, dass wir den ganzen Einsatz des Himmels wert sind, ihn aber auch dringender brauchen als die Luft zum Atmen. Wer bringt uns ans Ziel? Vater! Wer heiligt und bewahrt uns? Vater! Wer baut diese Gemeinde? Der dreieinige Gott! Wer sammelt sein Volk in Greifswald? Jesus! Wer soll das begreifen? Wir!

Manchmal führt uns Gott aus Erbarmen an den Rand, wir verstehen nicht, warum die Dinge komisch laufen. Alles scheint daneben zu gehen. Uns entgleiten die Dinge! Warum? Wir werden an die Anfänge zurück geführt: Es ist der Herr, der handelt. Und wir liegen vor ihm auf den Knien und rufen: Herr, wenn Du es nicht tust, dann geht das hier böse schief! Die Abhängigkeit von Gott als Glück zu bezeichnen, ist nach einer alten Beschreibung das Wesen der Frömmigkeit.4 Die Abhängigkeit von Gott als Glück zu bezeichnen. Für mich persönlich und für unsere Vision von GreifBar durchzubuchstabieren: Wir packen es nicht. Wir machen vieles eher kaputt. Du aber kannst und willst und wirst deinen Willen tun und dein Reich kommen lassen. Darum geht es! Abhängig sein und zugleich stündlich mit Gott zu rechnen! Darum passiert hier das Entscheidende: in der Zwiesprache des Sohnes mit dem Vater. In ungetrübter Einmütigkeit! Da wird beredet, was passieren soll und wird: die Kinder Gottes bewahren, sie in die Welt senden, aber nicht in der Welt untergehen lassen, durch ihr Wort Menschen zum Glauben führen. Hier wird es besprochen, und darum wird es geschehen. Und wir lernen, demütig und abhängig zu sein und voller Erwartung auf das zu schauen und dem zu trauen, was er tut. Seid Ihr noch bei mir?

Ich möchte zum Schluss die Bitten einen Augenblick anschauen, die Jesus dem Vater nennt: Was soll denn aus so großer Liebe mit uns geschehen? Jesus betet sehr konkret und präzise. Drei Bitten:

  • Wir sollen geheiligt werden.
  • Wir sollen in einer schwierigen Umwelt bewahrt werden.
  • Wir sollen in die Einigkeit der göttlichen Liebe eingeholt werden, um gesandt zu werden.

Das sind die drei großen Gebetsanliegen.

  1. Wir sollen geheiligt werden. Was heißt das? Klingt doch eher streng! Nun, heiligen bedeutet „mit Beschlag belegen“, für sich reservieren. In der Bibel hat Gott immer wieder Menschen ausgesondert, damit sie an einem Ende der Erde einen Auftrag Gottes erfüllen.         
    Mose etwa, von Gott geheiligt, also aus dem normalen Betrieb herausgezogen und eingezogen, um Israel aus Ägypten zu befreien. Heilig ist alles, was Gott gehört. Dass Mose übrigens kein Heiliger aus eigener Kraft war, kann man schnell nachlesen: jähzornig, ehrgeizig, vielleicht auch eitel, ganz sicher ein Totschläger. Aber geheiligt: Gott hat die Hand auf ihn gelegt. Und schwupps, ist er heilig.       
    [Auch Gegenstände können so geheiligt werden: Menschliche Worte werden heilige Schrift. Dem Volk Gottes geschenktes Land wird heiliges Land. Brot und Wein werden geheiligt zum Abendmahl.]         
    Aber nur einer, ein einziger kann sagen: Ich habe mich für sie geheiligt. Das ist einzigartig. Ich habe mich für sie geheiligt, sagt nur und allein Jesus. Nur er kann es wagen so zu reden: Er hat sich für uns geheiligt, das heißt: Er hat sein Leben geopfert. Er hat alles auf eine Karte gesetzt und sich völlig für uns verschenkt. Er hat sein Blut vergossen. Er hat den höchsten Preis bezahlt. Und das alles: für uns. Und darum kann er sagen: Vater, ich habe mich für sie geheiligt, damit auch sie geheiligt seien in der Wahrheit.  
    Denn plötzlich ist es kein einzelner Mose mehr, der geheiligt wird. Plötzlich ist es der heilige Petrus, der heilige Thomas und die heilige Maria Magdalena. Plötzlich sind sie nominiert, berufen, ausgesondert, Menschen Gottes zu werden. Unheilige Vergangenheit, fragwürdige Charaktere, schlechte Manieren – Heilige Gottes. Vater, ich weiß, Petrus wird gleich morgen versagen, Thomas wird der Glaube völlig wegrutschen, Maria Magdalena hatte eine schwierige Geschichte – aber ich, ich habe mich für sie geheiligt, darum lass sie zu, St. Petrus, St.Thomas und St. Maria. Und St. Cornelia und St. Matthias und St. Karin und St. Bärbel und St. Angela, moment Männer gibt es auch. Heilige, von Gott nominiert und berufen und nun mit Mose und David und Petrus im Team. Im Team sein bedeutet: in die Liebesgemeinschaft von Vater und Sohn einbezogen. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie die Apostel und lesen sie die Bibel: im Team sein bedeutet infiziert werden von Gottes gutem Willen, verändert werden, ein ganzes Leben lang, bis die Gebote Spaß machen und es nichts Besseres gibt, als für Gott in der Welt unterwegs sein. Aber damit sind wir bei der zweiten Bitte:
  2. Wir sollen in einer schwierigen Umwelt bewahrt werden. Ich mache das kurz. Das wäre eine eigene Predigt. Jesus hat ein sehr spannungsvolles Verhältnis zur Welt. Also hat Gott die Welt geliebt, hören wir am Anfang des Johannesevangeliums, und dann geht es los, also hat er die Welt geliebt, dass Jesus eine rauschende Hochzeit feiert, Kranke heilt, eine Ehebrecherin vor den Steinen bewahrt, Hungernde satt macht und lange Gespräche mit einer Frau führt, deren Liebeskarriere für „Sex and the City“ gereicht hätte. Er liebt diese Welt!    
    Und zugleich weiß er: Da ist ein Aufstand in dieser Welt, ein Aufstand gegen Gott. Da ist etwas in der Welt, das er mit dem Bösen in Zusammenhang sieht. Und der Böse in der Welt erträgt nicht die Liebe, die von Gott ausströmt. Es ist ein dunkles Geheimnis, warum das so ist, aber es ist so: Gerade die Liebe, die Jesus verschenkt, bringt ihn ans Kreuz. Und darum redet er so ernst und nüchtern mit dem Vater: Die Welt wird sie hassen. Sie gehören nicht zu diesem Kosmos. Sie sind anders, seit sie zu uns gehören. Aber: nimm sie nicht heraus. Also nicht: Beam me up, Scotty, und dann mit WARP-Geschwindigkeit weg von hier. Nein, sagt Jesus, sie sollen in dieser Welt leben, in komplizierter Weise: gehasst von der Welt, verachtet, kritisiert, manchmal sogar von den Religionsgesellschaften am meisten beschimpft, und doch lieben, heilen, vergeben, speisen, befrieden und zum Vater rufen. In der Welt, nicht von der Welt.     
    Aber, und das ist der Clou, du, Vater, musst sie bewahren. Niemand soll sie aus deiner Hand reißen, auch dann nicht, wenn es eng wird und ihnen der Mut sinkt. Keinen einzigen, niemanden, keinen dürfen wir verlieren. Sprache der Liebe aus dem Zentrum des Universums.
    In China gibt es einen katholischen Bischof Li5 einen steinalten Mann in Fengxian, der gerne mit dem Reporter der ZEIT Latein gesprochen hätte, weil er sich das nebst Italienisch und Englisch in über 20 Jahren Haft selbst beigebracht hat. Er leitet eine der Untergrundkirchen Chinas. 15 Jahre Gefängnis, 7 Jahre Arbeitslager, um der Treue zu Jesus willen. 20 Bischöfe und Priester saßen mit ihm, fünf haben überlebt. Er wird von den Gemeinden verehrt und ist immer noch illegal. Und doch verhandeln die Behörden mit ihm – weil er, wie sie wissen, sein Wort hält. Das ist die Spannung, in der die Welt mit den Jesus-Leuten steht.                       
    Martin und ich beschäftigen uns gerade heftig mit Johann Hinrich Wichern. Wichern wurde vor 200 Jahren geboren und war ein Pionier der Diakonie und der Evangelisation. Und dieser Wichern hat einmal mit Blick auf die Kirche gesagt: Als das Christentum Staatsreligion wurde, da wurde die verfolgte Kirche zu einer mächtigen Herrin. Gut getan hat es ihr nicht. Jetzt hasst die Welt sie nicht mehr, und sie bietet nicht mehr mit Leidenschaft jedem das Heil an.6 Nicht dass wir den Hass auf uns ziehen sollen, aber wenn wir konsequent Jesus folgen und als Gemeinde tun, wozu er uns in diese Stadt gestellt hat, entsteht genau diese Spannung: Menschen werden angezogen und zum Glauben finden, und andere werden abgestoßen und mit Steinen werfen. Und dann werden wir verstehen, worum Jesus hier den Vater bittet: nimm sie nicht aus der Welt, aber bewahre sie in der Welt. Und Vater achtet auf jeden. Das sollen wir wissen.
  3. Und zum Schluss: geheiligt, bewahrt und gesandt. Das wird oft ein bisschen zu kurz gelesen. Da müssen wir gut hinschauen. Die Zeilen aus Johannes 17 sind ja berühmt. Oft werden sie zitiert, wenn es um die Einheit der Gemeinden und Kirchen geht: „auf dass sie alle eins seien“. Ja, das steht da. Aber es steht noch mehr da: „Wie du, Vater, in mir bist, und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“ Das heißt: Es geht nicht nur darum, dass wir hier untereinander und mit anderen Christen in Stadt, Land und Welt eins sind. Wir untereinander eins ist zu wenig. Nach oben und nach vorne müssen wir etwas dazufügen!

  • Nach oben: Wir sollen mit dem Vater und dem Sohn eins sein. Das ist dann übrigens der innerste Sinn des Gebets und des Gottesdienstes – wir eins mit dem Vater und dem Sohn, hineingenommen in dieses Verhältnis von selbstloser Liebe und Hingabe.
  • Und nach vorne: Weil diese Liebe gar nicht anders kann als sich verströmen, werden wir in die Welt gesandt. Wie du mich gesandt hast, so sende ich sie auch – in die Welt! Keine Angst, wenn es jetzt manchem etwas „theologisch“ wird; ich löse den Knoten sofort auf:

Einheit und Einigkeit in der Gemeinde und in der Christenheit ist demnach an zwei Stellen angebunden. Wir werden umso einiger sein, je näher wir uns zu dieser Liebesgemeinschaft von Vater, Sohn und Geist halten. Und auch der Umkehrschluss stimmt: je weiter wir uns davon entfernen, desto härter werden unsere Konflikte. Und die andere Stelle: Einheit und Einigkeit in der Gemeinde und in der Christenheit hat einen Sinn: und dieser Sinn ist die Sendung in die Welt. Wir sollen eins sein in der Mission, die nicht unsere Mission, sondern Gottes Mission ist. Wir sollen eins sein, indem wir unsere Sendung in diese Stadt mit aller Entschiedenheit in die Mitte stellen: damit, wie Jesus betet, Menschen durch unser Wort an ihn glauben können. Einheit und Einigkeit ist nichts für Freunde der gepflegten Harmonie, sondern hat zu tun mit der Liebesgemeinschaft zwischen Vater und Sohn und hat zu tun mit unserer Sendung in diese Stadt.

So nehmt das mit in diese Woche: Wir sollen ein Gebet mithören, in dem es um die tiefe Liebe des Vaters und des Sohnes zu uns geht. Wir sollen Demut lernen, weil wir auf Gottes Tun angewiesen sind. Und Wir sollen geheiligt, bewahrt, geeinigt in der Sendung sein. Und wenn Gottes Volk mit Jesus mitbetet, schließt es mit – AMEN.

 


1 Bill Hybels und Kerry Shook: Nur noch ein Monat. Mutig führen Audiojournal von Willow Creek Deutschland, Mai 2008.

2 Rob Bell, Podcast zu Phil 1,23-25. Marshill Bible Church – Grand Rapids, MI, 2008.

3 Nach John Ortberg: Die Liebe, nach der du dich sehnst. Asslar 2000, 200.

4 So hat es der bayrische Theologe und Bischof Bezzel beschrieben.

5 Wolfgang Büscher und Angela Köckritz: Der Gott aus dem Westen © DIE ZEIT, 21.05.2008 Nr. 22.</br

<sup>6 Johann Hinrich Wichern: Die wahre Gemeinde des Herrn. SW I, 57-72, Zitat 65f.