Greifbar

GreifBarplus am 28.09.2008

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Predigt über 2Mo 34,1-10
 


    Und der HERR sprach zu Mose: Haue dir zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, daß ich die Worte darauf schreibe, die auf den ersten Tafeln standen, welche du zerbrochen hast. Und sei morgen bereit, daß du früh auf den Berg Sinai steigest und dort zu mir tretest auf dem Gipfel des Berges. Und lass niemand mit dir hinaufsteigen; es soll auch niemand gesehen werden auf dem ganzen Berge. Auch kein Schaf und Rind lass weiden gegen diesen Berg hin. Und Mose hieb zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, und stand am Morgen früh auf und stieg auf den Berg Sinai, wie ihm der HERR geboten hatte, und nahm die zwei stei-nernen Tafeln in seine Hand. Da kam der HERR hernieder in einer Wolke, und Mose trat daselbst zu ihm und rief den Namen des HERRN an. Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertre-tung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied! Und Mose neigte sich ei-lends zur Erde und betete an und sprach: Hab ich, HERR, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der Herr in unserer Mitte, denn es ist ein halsstarriges Volk; und vergib uns unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Erbbesitz sein. Und der HERR sprach: Siehe, ich will einen Bund schließen: Vor deinem ganzen Volk will ich Wunder tun, wie sie nicht geschehen sind in allen Landen und unter allen Völkern, und das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, soll des HERRN Werk sehen; denn wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde. 2Mo 34,1-10

 

Liebe Gemeinde,

eines Sonntagmorgens weckte eine Mutter ihren Sohn und sagte ihm, es sei Zeit, zur Kirche zu gehen, worauf er antwortete: „Ich geh da nicht hin.“ „Warum nicht?“, fragte sie. „Ich nenne Dir zwei gute Gründe“, sagte er. „Erstens mögen die mich nicht, und zweitens mag ich sie nicht.“ Seine Mutter erwiderte: „Ich nenne dir zwei gute Gründe, warum du zur Kirche gehen solltest. Erstens bist du 52 Jahre alt, und zweitens bist du der Pfarrer.“

 

1. DIE VORGESCHICHTE

Eines Morgens erwachte Mose und wusste, es würde ein schwerer Tag werden. Vielleicht wollte er ebenso ungern an diesem Tag zum Gottesdienst wie jener Pfarrer. Aber ebenso wenig kam er darum herum. Es sollte ein sehr spezieller Gottesdienst werden, nur Gott und er, allein auf dem Berg Sinai, ein Gottesdienst für zwei Personen, das ist selbst für pommersche Verhältnisse eine überschaubare Angelegenheit. Aber nicht das schreckte Mose ab. Er war ja schon öfter Gott allein begegnet. Was ihn abschreckte, war die Hoffnungslosigkeit dieses Gottesdienstes. Was sollte da herauskommen? Das Tischtuch zwischen Gott und dem Volk Israel war zerschnitten. Die Tafeln waren zerschlagen. Mose hatte das Volk aus dem ägyptischen Konzentrationslager befreit. Gott selbst hatte ihn dazu berufen und ermächtigt. Gott hatte den Ägyptern einen gehörigen Schrecken eingejagt, sie eingeschüchtert, mit Plagen überzogen. Gott hatte sie durch das Schilfmeer geführt und die Verfolger ertränkt. Gott hatte sie in der Wüste versorgt. Gott hatte ihr Murren und Meckern klaglos ertragen, klagloser als Mose. Gott hatte ihnen ein neues Leben in einem Land versprochen, in dem Milch und Honig fließt, frei, Herren ihres eigenen Lebens, ohne Angst. Gott hatte selbst die Worte des Bundes in zwei Steintafeln gegraben: Ich bin der Herr, euer Gott, der euch aus Ägypten befreit hat. Und er hatte ihnen zehn Regeln mit den Weg gegeben: So werdet ihr in der neuen Freiheit zurechtkommen: Achtet die Eltern, besonders die Alten. Gönnt Euch den freien Tag. Schützt das Leben, gerade das schwache. Respektiert Eigentum. Seid treue, verlässliche Ehepartner. Belastet euer Vertrauen nicht durch Lüge. Neidet niemandem, was er hat. Und vor allem: Lasst Euch nicht mit anderen Göttern ein, die euch nie helfen werden. All das hatte Gott getan. Was hatte er unterlassen, ihnen seine Güte und Großzügigkeit zu beweisen? Nichts! Und der Dank? Noch während Gott dem Mose die Tafeln übergab, waren sie untreu geworden. Gott war ihnen einfach zu fern und zu unsichtbar. Sie wollte Gott greifbar. Und Gott greifbar – das hieß: sie nahmen allen Schmuck, alles Gold, das sie hatten und gossen sich einen sichtbaren Gott, ein goldenes Kalb, um das sie tanzen konnten. Und wie sie tanzten. Und dann blieb es nicht beim Tanzen. Sie verehrten das Kalb, der Alkohol floss, die Grenzen schmolzen. Gottes Enttäuschung war maßlos, sein Schmerz gewaltig, und aus Enttäuschung und Schmerz wurde Zorn. Und Mose zerschlug die beiden Tafeln, die von Gott eigenhändig beschrieben waren, am Fuß des Berges. Das ist der Stand der Dinge.

Machen wir uns nicht vor: Die zerschlagenen Tafeln sind doch eindeutig; da geht nichts mehr. Es gibt solche letzten Schritte: da wirft einer den Ring, den es bei der Hochzeit gab als Zeichen der Liebe und Treue, in den Fluss. Es ist vorbei mit Liebe und Treue. Da fordert eine die Liebesbriefe zurück, die sie ihm einst schrieb und übergibt sie den Flammen. So verdichten sich die Dinge, wenn alles aus und vorbei ist. Und Mose weiß: Es ist aus und vorbei. Wir sind treulos gewesen und Gott hat uns gekündigt.

Und nun soll er noch einmal rauf auf den Berg, ganz allein, in der Kühle des Morgens, nur er. Er geht hinauf, Gott kommt herab. Er ist da und doch nicht zu packen, verborgen in der Wolke, nicht sichtbar und nicht fassbar wie das Kalb. Mehr bekommen wir auf Erden eben nicht.

Das ist die Ausgangsbasis. Wir kehren gleich zu Mose und seinem seltsamen Morgengottesdienst zurück. Zuvor will ich eine Frage mit Euch durchspielen:

 

2. GIBT ES EINE ZWEITE CHANCE?

Das ist die Frage. Und wer sie jetzt schnell und fromm mit “ja“ beantwortet, hat sie noch nicht in aller Härte gestellt bekommen. Gibt es eine zweite Chance im Leben?

Als Kind bin ich oft mit meiner Mutter nach dem Tod meines Vaters in Urlaub gefahren. Das war total aufregend: Neuhaus im Solling, richtig spannend: fast nur alte Leute, ab 18:00 Uhr wie ausgestorben, gepflegte Langeweile. Um fair zu sein: Es gab genug Vanilleeis und nachmittags Kuchen, das Hotel hatte ein Schwimmbad und gewandert bin ich schon immer gern. Und: Es gab einen Minigolf-Platz. 18 Bahnen, Rekord bei 26 Schlägen. Und ich hatte ein kleines bisschen Ehrgeiz. 26 war fern, aber unter 50 bleiben war alles. Allerdings klappte das nicht immer so, wie ich dachte. Da gab es Hindernisse, Reifen, durch die der Ball einen Looping machen musste, kleine Hügel, auf deren schmalem Grat das Loch sich befand, Netze, die man treffen musste. Und manchmal lief es nicht so gut, der Ball wollte das Hindernis nicht nehmen und das Loch nicht treffen. Und dann sagte meine Mutter, pädagogisch fragwürdig, aber sympathisch: Fang noch mal von vorne an. Sofort ging wieder die Sonne auf, zweite Chance. Noch einmal bei 0 starten dürfen, alle Fehlschläge wie ausgewischt, der Zettel mit den Versuchen blank und rein.

Irgendwann musste ich begreifen, dass das nicht ganz den Regeln entsprach. Irgendwann wurde mir klar, dass es im richtigen Leben nicht so großzügig zugeht. Heute ist der 28. September, und genau vor 20 Jahren, am 28. September 1988 wollte Jürgen Hingsen seine Karriere im Zehnkampf mit der olympischen Goldmedaille in Seoul krönen. Der Zehnkampf begann am Morgen mit dem 100-Meter-Lauf, Hingsen war bis in die Haarspitzen motiviert, jahrelanges Training lag hinter ihm. Und dann legte er drei Fehlstarts hin, drei Fehlstarts nacheinander, und das hieß: Disqualifizierung, raus, keine weitere Chance, der Wettbewerb ging ohne ihn weiter. Keiner sagte zu ihm: Fang doch noch mal von vorne an. Die Karriere des Zehnkämpfers Jürgen Hingsen war schlicht zu Ende.

Wie ist da also mit den zweiten Chancen? Wenn alles schief lief, wenn wir es selbst verbockt haben? Wie ist das mit den zweiten Chancen, wenn Tatsachen geschaffen sind, an denen wir nicht mehr vorbei kommen, zerbrochene Tafeln, gegossene Kälber?

Vielleicht haben Sie eine falsche Entscheidung getroffen, den falschen Job angenommen, und jetzt hängen Sie fest, dachten, es sei Gottes Weg, aber es ist einfach nur furchtbar. Nur Überforderung, kaum Freude. Geschenkte Gaben liegen brach, aber das, was ich eigentlich für den Job brauchte, habe ich nicht. Gibt es eine zweite Chance?

Vielleicht haben Sie in einer schwachen Minute einen geliebten Menschen falsch behandelt, zu heftige Worte, schlimme Worte, verletzende Worte, und nun ist das Tischtuch zerschnitten, vielleicht ist es das eigene Kind, und der Rückweg ist versperrt. Gibt es eine zweite Chance?

Vielleicht hat ein geliebter Mensch einen Anfang mit Gott gemacht, und es sah so hoffnungsvoll aus. Aber dann ging es nicht weiter, Nachfolge war mühsam, und der Glaube hörte auf, das Leben zu formen, und heute ist der andere so weit weg. Gibt es eine zweite Chance?

Vielleicht haben Sie versagt, in einem wichtigen Bereich Ihres Lebens: in Ihrer Ehe, bei der Erziehung Ihrer Kinder, in einer wichtigen Freundschaft, beim Erreichen eines großen Ziels – und das Gefühl des Versagens lässt Sie nicht mehr los. Es belastet Sie; Sie haben das Gefühl, nie mehr davon frei werden zu können. Es haftet wie eine zweite Haut an Ihnen, und Sie glauben nicht, dass Sie noch einmal von vorne anfangen können. Wenn Sie nur eine zweite Chance bekommen würden…1

Gibt es zweite Chancen? Mose wusste es nicht. Gibt es eine zweite Chance für dieses Volk? Nach allem, was passiert war? Die Tafeln waren zerbrochen. Der Bund war zerstört. Gibt es eine zweite Chance?

In allen irdischen Zusammenhängen ist das höchst unsicher: Wer betrogen hat, dem wird gekündigt. Der Job ist weg. Wer festhängt, hängt fest. Fehlstarts führen zur Disqualifizierung. Kinder gehen ihrer Wege. Schulden müssen bezahlt werden. Lebenstile können Gesundheit irreparabel schädigen. Partner lassen sich scheiden. Das Leben ist kein Minigolf, hier wird unter Turnierbedingungen gespielt. Zweite Chancen sind rar. Und bei Gott?

 

3. DER GOTT DER ZWEITEN CHANCE

Das ist das eine, das ich Euch heute sagen möchte. Schaut auf diesen Herrn. Mose steigt also zum Berg hinauf. Und Gott steigt zum Berg hinunter. In der Wolke spricht er zu Mose, bevor Mose auch nur den Mund aufmacht. Und noch einmal stellt sich Gott selbst vor und klärt die Verhältnisse:

Wörtlich: „Jahwe bin ich, Jahwe, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!“

Das Große ist zunächst, worüber Gott nicht redet. Er redet nicht über das furchtbare Versagen. Er redet überhaupt nicht über das Volk. Er redet aber über sich. Und er redet über das, was in ihm stärker ist als die Enttäuschung und der Zorn. Er redet über sein Herz und zeigt Moses, was er nicht lassen kann. Gott kann alles? Nein, er kann nicht alles, er kann nicht aufhören, barmherzig, gnädig, geduldig und treu zu sein. Das bringt er nicht über’s Herz. Nun sind das nicht einfach aneinandergereihte fromme Worte, im Grunde austauschbar. Es sind mit Bedacht gewählte Worte, so und in dieser Reihenfolge. Und die erste von vier Antworten auf die Frage nach der zweiten Chance wird uns damit gegeben: Gott bin ich, Gott, barmherzig, gnädig, geduldig und treu.

Ein Vater spielt mit seiner kleinen Tochter abends ein Spiel. Er hält die Hände ein wenig auseinander, nur ein paar Zentimeter. Ich habe dich nicht nur so lieb. Die Hände gehen auseinander. Ich habe dich auch nicht nur sooo lieb. Der Zwischenraum wächst. Ich habe dich nicht nur sooooo lieb. Nein, ich habe dich (die Arme sind weit auseinander) soooooooooo lieb. Eines Tages nun stellte die Kleine den Vater auf die Probe. Beim familiären Autowaschen kletterte sie in den Kofferraum und warf alles, was sie dort fand, raus auf den Weg, darunter Bücher, Straßenkarten, zwei Hosen, die gerade aus der Reinigung kamen, allesflog auf den Weg, wurde nassgespritzt und eingeschäumt. Die Kleine muss am Gesichtsausdruck des Vaters gesehen haben, dass sie gesündigt hatte, und der Sünde Sold ist der Tod. Da breitete sie die Arme aus und rief: Ich habe dich soooooooooooo lieb. Die Strafe fiel buchstäblich ins Wasser.2

Was Gott hier auf dem Berg tut, geht darüber hinaus.

Ich habe dich so lieb, sagt er, ich bin barmherzig. Erbarmen ist das offene Ohr und das mitfühlende Herz Gottes, wenn wir leiden und niemand mehr sieht, wie es uns geht. Ich sehe dich, ich höre dich, mir geht nahe, was du durchmachst. Israel hat es erfahren: als sie unterdrückt und misshandelt wurden, und niemanden schien es zu kümmern – da schrien sie zu Gott, und Gott hörte, sah, fühlte mit, nahm sich ihrer an. So lieb, sagt Gott dir, habe ich dich auch.

Ich habe dich aber nicht nur soo lieb, sagt er, denn ich bin barmherzig und gnädig. Gnade ist hier nicht rechtlich zu verstehen, also Gnade vor Recht. Gnade ist die Großzügigkeit und Stärke eines Herrschers, der für die Seinen alles tut. Ich bin gnädig, das heißt, ich beuge mich zu dir herab und helfe dir. Israel hat es erfahren: Er hat sie bei der Hand genommen, hat Mose gesandt und hat sie herausgeholt aus der Sklaverei. So lieb, sagt Gott dir, habe ich dich auch, dass mir immer noch eine Hilfe einfällt.

Ich habe dich aber nicht nur sooooo lieb, sagt er, denn ich bin barmherzig, gnädig und geduldig. Wörtlich: langzornig, das Gegenteil von jähzornig. Er kann viel aushalten, explodiert nicht, kündigt nicht bei der ersten Belastung die Beziehung. Er verträgt Enttäuschung um Enttäuschung. Er ist der Gott der zweiten Chancen. Israel hat es erfahren: Sie haben gemeckert und gemosert, wollten zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens. Er hat sich nicht beirren lassen. Wichtiger als aller Ärger war ihm seine Geduld. So lieb, sagt Gott dir, habe ich dich, dass ich einiges aushalte, was du mir zumutest.

Ich habe dich aber nicht nur soooooooo lieb, sagt er, denn ich bin barmherzig, gnädig, geduldig und treu. Er ist verlässlich und fest in allem, was er verspricht. Mit wem er anfängt, den bringt er auch zum Ziel. Sei deines Heils gewiss, weil er nicht mehr loslässt! Israel hat es erfahren: Die Tafeln waren zerbrochen, aber jetzt steht Mose da und noch einmal werden Tafeln beschrieben. Gott erneuert den zerbrochenen Bund. Wichtiger als sein Zorn ist ihm seine Treue. So lieb habe ich dich, dass ich dich zum Ziel bringe, auch wenn dein Leben so schwierig ist.

 

4. EINE BITTER-SÜßE AUSKUNFT ZUM SCHLUSS

Barmherzig, gnädig, geduldig und treu ist unser Gott, er ist der Gott der zweiten Chancen. Nun muss ich noch einen letzten Gedanken anfügen. Es ist ein Gedanke, der bitter und süß ist.

Wir könnten ja sagen: Nun gut, Gott kündigt uns nicht die Freundschaft. Er gibt immer wieder zweite, dritte und tausendste Chancen. Aber wie ist es nun mit der falschen Berufswahl, der zerbrochenen Liebe, den Kindern auf falschen Wegen, den finanziellen Schulden, der verspielten Gesundheit? Das wird doch nicht einfach heil, wenn wir mit Gott wieder im Reinen sind, oder?

Eine bittere und eine süße Auskunft:

Ich habe mich gequält mit diesem Vers: Aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied! Mehr als einmal habe ich gedacht: nimm einen anderen Text! Straft Gott? Wie passt das zu seinem Erbarmen, seiner Gnade, Geduld und Treue? Kommt jetzt das Kleingedruckte?

Ich weiß es nicht. Ich ringe mit diesem Vers. Aber ich habe einen ersten Zugang, und vielleicht steckt damit etwas Trost in diesen harten Worten: Wenn wir mit unseren Brüchen und Nöten heimkehren zu Gott und offene Arme vorfinden, dann bleibt eben doch, was wir lebten, an uns hängen, und zuweilen schleppen wir die Lasten unserer Väter und Mütter mit uns, und zuweilen geben wir selbst Lasten an unsere Kinder und Kindeskinder weiter. Und ganz offensichtlich nimmt Gott das alles nicht einfach weg. Wir liegen in Gottes Armen, aber leben nicht im Schlaraffenland. Die Fehlstarts, die wir uns geleistet haben, bleiben Teil unseres Lebens. Die Folgen unserer falschen Entscheidungen gehören weiter zu der Form, die unser Leben angenommen hat. Mose wird das gelobte Land nicht sehen, die Hauptschuldigen der Affäre um das Goldene Kalb werden gerichtet. Das gilt im Großen wie im Kleinen: wir, die Kinder und die Enkel, leben mit den Folgen der Schuld unserer Väter und Großväter. Wir können das nicht von uns schieben als Deutsche. Uns widerfuhr große Gnade, 1945 Befreiung von der selbstgewählten Diktatur, Neuanfang, wir wurden wieder zugelassen zur Völkergemeinschaft. Uns widerfuhr Gnade von Gott, aber zugleich tragen wir an der Schuld und Strafe. Vertreibung, Misstrauen bei Nachbarn, Reparation, Teilung der Heimat. Wir trugen an Schuld und Strafe. Und das zu Recht. Und Geschichte geschieht nicht, ohne dass Gott sie zulässt und lenkt. Auch im Kleinen gilt das: Er nimmt nicht einfach weg, was geschah. Es bleibt unser Leben. Wenn wir zur Beichte gehen, wird bereinigt, was uns von Gott trennte, wenn wir aufeinander zugehen, werden Beziehungen geklärt. Und doch müssen die irdischen Schulden bezahlt werden. Es bleibt unser Leben. Und manches geben wir wiederum weiter an unsere Kinder, nicht nur Gutes, auch Lasten, Nöte, Einschränkungen. Das hört erst auf, wenn Jesus kommt und alles neu macht, oder wenn wir gehen und in Gottes Reich heimkehren. Bis dahin ist es unser Leben: auch dass wir tragen an dem, was war. Das ist das Bittere.

Und das Süße: Gottes letztes Wort ist nie seine Strafe. Gottes größte Tat ist nicht, was der uns auflädt und zumutet, was er auf uns lasten lässt. Denn in allem sagt er: Und doch lasse ich Dich nicht. Mich jedenfalls sollst Du auf Deiner Seite wissen. Und das ist mehr als Worte. Und so steht neben diesem bitteren Satz über Strafe etwas Neues: Wunder kündigt Gott dem Mose an. Großtaten seiner Macht. Kreative Überraschungen. Unerwartbare Türöffnungen. Unverdiente zweite Chancen auch im Irdischen. Ein neues Kapitel wird aufgeschlagen, mit dem wir nicht mehr rechneten. Denn der Gott der zweiten Chancen meint es ernst: Wir sind heimgekehrt, wir haben ja gesagt zu den Lasten, die wir dennoch tragen mussten, und plötzlich öffnet er eine neue Tür: nach allem Scheitern finden wir eine neue Liebe, beruflich tun sich unerwartete Chancen auf, das verlorene Kind öffnet einen Spalt seines Herzens, Schulden schmilzen dahin, nach unserem Fehlstart werden wir erneut auf die Laufbahn gerufen und dürfen noch einmal starten. Unser Volk erfuhr Versöhnung mit Frankreich, Polen und Israel. Und die Mauer fiel. Der Gott der zweiten Chance hat Möglichkeiten, von denen wir kaum zu träumen wagen. Mose darf hineinschauen ins verheißene Land, und das halssstarrige Volk zieht noch einmal durch einen Fluss, hinein ins gelobte Land, völlig unverdient und ungeschuldet. Der Gott der zweiten Chance hat es getan.

Lasst uns beten:

Du barmheriger und gnädiger Herr, du geduldiger und treuer Gott der zweiten Chance, wir kommen und bringen, was wir verbockt haben, unsere Fehlstarts, unsere Halsstarrigkeit, unser Versagen. Wir hören, wie du uns sagst: und dennoch lasse ich nicht von dir. Aufs Neue lassen wir es uns von dir sagen: Du lässt nicht von mir.

Du gerechter Gott, wir kommen und bringen, was Du uns nicht von der Schulter gehoben hast, die Lasten unseres Lebens, die Folgen der Taten unserer Väter und Mütter, das, was wir mit uns schleppen, das, was wir weiterreichen. Wir können es nicht von uns weisen, dass wir es nicht anders verdienen, aber wir bitten dich: Wenn du uns tragen lässt, dann hilf uns auszuhalten.

Du schöpferischer, überraschender Gott der großen Wundertaten, dich rufen wir an. Mach dein Versprechen wahr, öffne uns doch wieder eine Tür, schaff ein Neues, wo das Alte auf ewig zu siegen scheint. Du siehst in unser Herz, wo es am lautestens nach einer neuen Chance ruft, in Beziehungen, im Beruf, in der Familie, im Umgang mit der eigenen Seele, für einen geliebten Menschen. Erbarm dich und sei gnädig, wieder, so wie schon oft, nun auch mit uns.

Und Gottes Volk stimmt ein und ruft: AMEN.

 


1Vgl. John Ortberg: Die Liebe, nach der du dich sehnst. Asslar 2000, 65-67.

2Vgl. a.a.O., 75f.