GreifBar plus am 21.12.2008
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PREDIGT ÜBER LK 1,46-55
MARIAS LOBGESANG
Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich seligpreisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.
Liebe Gemeinde,
der kleine Martin geht ein paar Tage vor Weihnachten in die Kirche und macht sich an der dort aufgestellten Weihnachtskrippe zu schaffen. Der Pfarrer beobachtet ihn dabei, sagt aber nichts. Nachdem Martin wieder gegangen ist, schaut sich der Pfarrer die Krippe an und stellt fest, dass Martin den Josef mitgenommen hat. Am nächsten Tag erscheint Martin wieder in der Kirche. Er geht wieder zur Krippe und nimmt etwas weg. Der Pfarrer beobach-tet ihn, sagt aber wieder nichts. Nachdem Martin gegangen ist, schaut sich der Pfarrer die Krippe an und stellt fest, dass Martin die Maria mitgenommen hat. Jetzt wird´s dem Pfarrer aber zu bunt und er beschließt, Martin am nächsten Tag auf frischer Tat zu ertappen. Am nächsten Tag kommt Martin wieder, geht zur Krippe, nimmt allerdings nichts weg, sondern legt einen Brief in die Krippe. Der Pfarrer wartet erst einmal ab. Martin geht wieder. Der Pfarrer geht zur Krippe, nimmt den Brief und öffnet ihn. Darin steht geschrieben: “Liebes Christkind! Wenn Du mir dieses Jahr wieder kein Mountainbike zu Weihnachten schenkst, siehst Du Deine Eltern nie wieder!”
Liebe Gemeinde, was aber bekommen wir denn zu Weihnachten geschenkt? Welche Be-scherung erwartet uns? Übrigens, unser Wort Bescherung kommt aus dem Mittelhochdeut-schen und das steckt Schere drin: das, was abgeschnitten und uns zugeteilt wurde. Ist es gut, feiern wir Bescherung, seit der Reformation am 24. Dezember, vorher am Nikolaustag. Ist es nicht so gut, sprechen wir von einer „schönen Bescherung“ und meinen genau das Gegenteil.
Um welche Bescherung es an Weihnachten geht, erzählt Marias Lied: Magnificat! Meine Seele erhebe den Herrn. Es heißt nach dem ersten Wort in der lateinischen Fassung „Magni-ficat“ – Groß mache meine Seele den Herrn. Das ist es: Magnify the Lord! Magnificat anima mea Dominum! Warum? Weil er mich so reich beschenkt und so großzügig beschert hat.
Es sind zwei Strophen, und diese beiden Strophen zeigen je ein Weihnachtsgeschenk Got-tes, das Maria so froh macht, dass sie loben muss: Magnificat!
DIE EINE STROPHE: DIE GROßE UMKEHRUNG DER VERHÄLTNISSE
Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und läßt die Reichen leer ausgehen.
Es gibt in der Weihnachtsgeschichte Personen, die widersprüchlicher nicht sein könnten.
Maria, die schwangere 14jährige aus Nazareth, der alte Priester Zacharias, der schweigsame Zimmermann Josef, sie stehen auf der einen Seite.
Auf der anderen Seite stehen die Mächtigen, und unter den Mächtigen einer zuerst: König Herodes, genannt der Große. Wovon Maria hier singt, das wird eigentlich erst deutlich, wenn wir uns Herodes ein bisschen näher anschauen: Herodes war ein Günstling der Römer und er verstand sich darauf, wechselnde Kaiser in Rom für sich einzunehmen. Er heiratete mehrfach und fast alle Ehen, die er schloß, entstanden aus politischem Kalkül. Wurde eine Ehefrau nicht mehr gebraucht, so war sie bald tot. Eine einzige seiner zahlreichen Frauen soll er geliebt haben: Mariamne. Aber auch ihr misstraute er und eines Tages musste auch sie sterben. Seinen Schwager, der immerhin Hoherpriester war, ließ er im Swimming Pool nach dem Laubhüttenfest ertränken. Zwischendurch war er ein großer Baumeister, der in aller Welt große Bauprojekte betrieb, darunter den Zweiten Tempel in Jerusalem, aber auch Tempel für heidnische Götter. In einer wirtschaftlichen Krise agierte er umsichtig, kaufte Getreide in Ägypten und erließ, wie aktuell, seinem Volk die Steuern. Zwei Söhne von Ma-riamne, Alexander und Aristobul, sollen angeblich nach Herodes Leben getrachtet haben – ihr Ende könnt Ihr inzwischen ahnen. Ein anderer Sohn, Antipatros war sein Liebling, aber auch ihm misstraute er letztlich und ließ ihn töten, als er selbst schon auf dem Totenbett lag. Er wusste, wie unbeliebt er war, und dass niemand um ihn trauern würde. Also setzte er 70 hohe Würdenträger Israels in der Rennbahn von Jericho gefangen; sie sollten sterben, wenn er starb, so dass in ganz Israel Trauer herrschen würde.
Maria singt ein gefährliches Lied: Die Welt, in der Herodes und Co. regieren, wird nicht so bleiben, wie sie ist. Das singt sie. Gott hat ein bestimmtes Muster in seiner Art zu handeln: Er kehrt die Verhältnisse auf den Kopf. Es gibt so etwas wie ein „Gesetz der Umkehrung“ bei ihm: Kleines wird groß, Großes wird klein. Die nichts zählen, die wertet er auf. Die sich viel auf sich selbst einbilden, werden auf ihr Maß gestutzt. Wer ist oben, wer ist unten? Wer ist Gewinner, wer Verlierer? Maria hätte es kurz vorher noch genau gewusst: Die Welt sagt, wer Gewinner ist und wer Verlierer! Selig sind die Reichen, selig sind die Starken, selig sind die, die sich durchsetzen können. Geiz ist geil, oder: selig sind die Cleveren, die wissen, wo sie absahnen können, selig sind die, die sagen können: Ich bin doch nicht blöd! Selig sind die Gesunden, selig sind die Sicheren, selig sind die, die die Leiter schneller hochkommen! Selig sind die Herodes dieser Welt! Aber jetzt, jetzt – schwanger mit Jesus – jetzt sieht sie plötz-lich durch: Meine Seele erhebt den Herrn, mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes, denn er kehrt die Verhältnisse um, das „Gesetz der Umkehrung“ beginnt zu greifen. Aber wer hört schon auf ein 14jähriges Mädchen mit dickem Bauch?
Jahre später wird Jesus auftreten und rufen: Selig sind die Armen, selig sind die Traurigen, selig sind die Friedfertigen, nicht die, die mit dem Frieden fertig sind, selig sind die, die nach Gerechtigkeit hungern. Selig sind die Kleinen. Weh aber Euch Reichen, Starken und Mächti-gen, Ihr habt schon alles gehabt und damit hinter Euch. Warum sind sie selig, die Armen, Traurigen, Schwachen? Weil es so gut ist, arm, traurig, schwach zu sein? Nein, weil für sie, die Armen, Traurigen und Schwachen Gottes Reich zugänglich wird. Ihr habt Zutritt, freien Eintritt! Das ist das „Gesetz der Umkehrung“.
Nun funktioniert dieses Gesetz nicht mechanisch: Alle Armen kommen in den Himmel, alle Reichen in die Hölle. Aber Marias Lied macht deutlich: Gott findet sich nicht ab mit der Ungerechtigkeit dieser Erde. Er sieht Eigennutz, Unterdrückung, Gewalt, er sieht die vergewaltigten Frauen und die hungernden Kinder, die Unfreiheit, eigene Gedanken zu äußern, die Arroganz der Mächtigen und ihre Gleichgültigkeit gegenüber Hunger und Krank-heit. Und Weihnachten hat er angefangen, etwas dagegen zu tun. Aber! Aber! Aber er überwindet Herodes nicht mit den Mitteln des Herodes. Er greift nicht zu den Mitteln, zu denen der Machthaber griff. Er bringt das Neue durch seine unerschütterliche Liebe. Er bringt es, indem er Kranke heilt und Hungrige speist. Er überwindet Herodes unbegrenzte Fähigkeit zu hassen durch seine unbegrenzte Fähigkeit zu lieben. Er überbietet den grenzenlosen Stolz des Mächtigen durch seine grenzenlose Demut. Er arbeitet mit seinen Händen, er hat manchmal kein Quartier für die Nachtruhe, er lehrt, predigt, überzeugt, er berührt die Armen und Kranken, er umgibt sich mit gescheiterten Existenzen. Die keinen Arzt brauchen, scheitern an ihm. Die auf ihren Thronen sitzen bleiben wollen, können mit ihm nichts anfangen. Die sich vor ihm nicht beugen wollen, weil alle sich vor ihnen beugen sollen, trachten ihm nach dem Leben. Und wieder überwindet er: Wo bei Herodes panische Todesangst herrscht, leidet er willig und verschenkt sein Leben. So kehrt Jesus die Verhältnisse auf den Kopf. So soll es weitergehen, bis eines Tages, eines Tages überall gilt, was Gott will, sein Name geheiligt, sein Wille getan, weil sein Reich gekommen ist, wo jeder Brot bekommt, wo Schuld verziehen wird, wo es keine Versuchung mehr gibt, wo er regiert. Magnifikat, meine Seele erhebe den Herrn, das singt Maria, weil sie den Durchblick bekommen hat: Dieses Kind, dieses Kind ist der Anfang und das Ende, er beginnt es und vollendet es. Und sie selbst, sie ist ein großes Beispiel für die Art und Weise, wie Gott die Verhältnisse auf den Kopf stellt:
DIE ANDERE STROPHE: MARIA VON NAZARETH
Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich seligpreisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
Hat sie Grund, Gott so zu loben? War ihr Leben ein einfaches Leben? Nein, aber es war ein Leben, das Anteil bekommt an der „großen Umkehrung“ der Verhältnisse.
Wir müssen wieder ein paar Etappen anschauen, um dieses Leben zu begreifen.
Erste Etappe: Ein Engel kündigt ihr, der unverheirateten jungen Frau an, dass sie schwanger werden und ein Kind gebären wird. Und das bedeutete: Er kündigt ihr nichts als Ärger an. Kaum eine größere Schande konnte es geben als jetzt mit dickem Bauch durchs Dorf zu ge-hen. Ihr drohte das Ende ihrer Verlobung, und eines war klar: alles Mitgefühl würde dem geprellten Josef gelten, alle Verachtung der Frau, die so leicht zu haben war. Schande über Schande, denn wer würde ihr glauben, welches Geheimnis ihrer Schwangerschaft zu Grunde lag? Und da, genau da, sagt dieses Mädchen einen unglaublichen Satz; es ist ein unglaubli-ches Gebet: „Siehe, ich bin des Herrn Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast.“ So willigt sie ein, so unterstellt sie sich dem, was Gott will. Das ist ein vollständiges Opfer: Wer bin ich? Des Herrn Magd? Wofür entscheide ich mich? Mir geschehe, was Gott will. Dein Reich komme, dein Wille geschehe. Auch wenn es mich meine Ehre, meine Liebe, meinen Platz in der Familie, meinen Ruf im Dorf, auch wenn es mich alles kostet. Und ein halbes Menschen-leben später wird ihr Kind, wird ihr Sohn in einem Garten auf die Knie fallen, und er wird beten: Vater, dein Wille geschehe, auch wenn ich diesen Kelch trinken muss, auch wenn es mich alles kostet, meine Ehre, die Liebe meiner Freunde, meinen Platz in der Gemeinde, meinen Ruf in diesem Land und auch mein Leben. Dein Wille geschehe. Marias Worte, Ma-rias Gebet: Ich bin des Herrn Knecht, mir geschehe, wie er gesagt hat. So fangen die Aben-teuer des Glaubens an. Mit dieser Hingabe an Gott, mit dieser Bereitschaft kleiner Leute, sich Gott ganz, brutto, zur Verfügung zu stellen. Mit diesem vielleicht wackeligen Vertrauen: Ich bin verwirrt, ich weiß nicht genau, wo es langgeht, darum: Herr, dein Wille! Herr, dein Reich! Was immer geschieht, es sei das, was Du willst. Und was immer geschieht, es soll das was oben schon ist, runter zu uns bringen. Es ist ein gefährliches Weihnachtsgebet, aber es ist ein Gebet, das wir immer sprechen können: Ich bin des Herrn Magd, ich bin des Herrn Knecht, mir geschehe, was er sagt, denn es ist das Beste, es kann nur zum Guten führen, er wird mich nicht missbrauchen, er führt mich nicht in Versuchung, er lässt mich nicht im Stich. Auch wenn es nicht einfach wird: Besser was er will, als was ich mir so ausdenke.
Zweite Etappe: Nun ist sie schwanger. Und ihr Leben ist nicht leicht, es ist wohl sicher schwer geworden, auch wenn der schweigsame Josef zu ihr stand. Aber, aber, aber: Gott hat ihr einen Durchblick gegeben. Dieses Kind, ihr Kind, wird der Heiland der Welt. Und ihr Leben ist plötzlich Teil des größten Dramas der Welt. Sie hat Anteil an Gottes großer „Um-kehrung“ der Verhältnisse. Sie ist nur ein kleines, unbedeutendes Wesen, aber ihr Leben hat plötzlich Gewicht, Bedeutung, Ehre. Du wünscht Dir das für Dein Leben: wirkliches Ge-wicht, echte Bedeutung, beständige Ehre? Dann schau hin: Aus der größten möglichen Schande wird der größte denkbare Gewinn: Was kann sie von sich sagen? Der Herr hat mich angesehen: ich habe Ansehen bei Gott. Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Wer ist sie? Seine Magd! Und was heißt das? Übersehen, verachtet, missbraucht werden? Nein! Was heißt es, seine Magd zu sein? Ehre und Anerkennung bei Gott. Teil seiner großen Geschichte. Eine wichtige, unersetzliche Rolle spielen in Gottes Drama. Teil seines Teams auf Erden sein. Kein einfaches Leben wird sie haben, aber ein großes Leben. Schmerz und Abschiede warten auf Maria, mit der Hand an der Krippe ahnt sie noch nicht, was sie erwartet, aber sie lobt und preist Gott: Ihr Leben wird nicht königlichen Glanz haben, nie, im Gegenteil. Aber ihr Leben hat göttlichen Glanz: Generationen über Genera-tionen werden über sie nachdenken, sie hat einen Platz in der Geschichte Gottes, die Kirche der Antike wird ihr einen Ehrentitel geben: Theotokos, Gottesgebärerin. Christen werden mit Liebe und Ehrfurcht von ihr reden. Und damit ist und bleibt sie doch eine von uns! Was an ihr geschah, ist ein Muster, wie Gott es so hält, was er so tut. Wir stehen immer wieder einmal vor solchen Entscheidungen: Was gibt unserem Leben Größe, Glanz und Be-deutung? Woher kommt die Anerkennung, die unsere Seele braucht, um gesund zu bleiben? Was ist es wert, dass wir uns dafür aufopfern? Marias Leben ist eine einzige Einladung, Anerkennung, Gewicht und Glanz bei Gott zu suchen. Und das heißt, diesen gefährlichen, abenteuerlichen Weg einzuschlagen, der bei Marias riskantem Gebet beginnt: Ich bin des Herrn Magd, mir geschehe, wie du sagst. Der dann aber zu diesem Jubel führt: Wieviel Großes tut Gott an mir, durch mich, mit mir, der kleinen Magd! Magnificat anima mea Dominum meum. Meine Seele erhebt den Herrn, mein Geist freut sich Gottes.
Dritte Etappe: Manchmal lässt uns Gott einen Blick tun in seine Wirklichkeit, plötzlich und erwartet hebt sich der Vorhang. Als Maria ihr Kind zur Welt gebracht hat, bringen sie ihn in die Kirche, um Gott zu danken. Und da wartet ein alter Mann, Simeon, und dieser Simeon sieht den Säugling Jesus, und er sagt: „Nun lässest Du Deinen Diener in Frieden fahren, […] denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“ Und das ist wieder so einer dieser Momente, bei denen ich mir denke, dass Marias Herz einen kleinen Sprung machte: Magnificat, meine Seele erhebe den Herrn. Ihr wisst, dass wir vier Kinder haben, und wir haben sie stets nach der Geburt stolz den Menschen um uns herum gezeigt. Und sie haben meistens – ehrlich oder wenigstens höflich – reagiert und gerufen: wie nett! Wie hübsch! Diese Nase, ganz die Mutter! Aber eines ist nie passiert! Nie, nie, nie hat einer gesagt: „O.k., jetzt kann ich sterben, denn ich habe dieses Kind gesehen.“ Simeon sieht, das ist nicht irgendein Kind, es ist der Heiland, der, der das, was oben bei Gott schon gilt, runter zu uns Menschen bringt. Ich stelle mir vor, wie Maria in diesem Augenblick ihr Magnificat singt, weil sie einen Moment lang sehen darf, woran sie Teil hat und in welcher Geschichte sie mitspielt.
Wofür also steht Maria? Für einen Lebensentwurf, der sich Gott anvertraut. Für ein muti-ges, schwieriges, für ein engagiertes, einseitiges, geopfertes Leben. Dafür steht Maria.Und zugleich für ein Leben, das offenbar größte Freude, größte Selbstgewissheit, größten Le-bensmut atmet. Für ein Leben zwischen dem tapferen Weihnachtsgebet und dem jubelnden Weihnachtslob. Und offenbar gehören diese beiden zusammen: dieses Gebet und dieser Jubel.
Maria erhebt, lobt, preist ihren Gott. Das ist das Magnificat. Zwei kleine Hinweise will ich noch geben, bevor wir so gut es geht, in Marias Lob einstimmen.
Der eine: Gott groß machen, das ist nicht nur eine Sache der Lippen. Gott groß zu machen, das ist eine Sache unseres Lebens. Wie können wir Gott groß machen? Nun, ich glaube, da-mit, dass wir uns von ihm formen und prägen lassen, bis Leute um uns herum sagen: Wie gut und großzügig und liebevoll, wie heilsam und stark muss Gott sein! Wie gut und großzügig und liebevoll, wie heilsam und stark muss Gott sein, der kleine Leute wie Maria und Dich und mich ansieht, in seine Pläne einbaut, uns, Dir und mir Anteil gibt an seiner Vision für Greifswald, durch uns wirkt und spricht, heilsam, lebensrettend, uns einen guten Namen gibt, das Gefühl, an etwas Großem und Gesunden beteiligt zu sein. Wie wäre es, wenn unsere Gemeinde und wenn wir als ihre Glieder, diesen Ruf in der Stadt hätten?
Das andere: Maria macht Gott groß und nicht ihre Sorgen und Probleme. Und sie hatte ge-nug Probleme: sie hatte keinen Status, keine Krankenversicherung, kein Vorsorgeuntersu-chungen, einen schweigsamen Mann, kaum Geld, gerade was zum Leben reicht. Kein Wohl-standsweihnachten, aber den Retter der Welt unter dem Herzen. Und darum lobt sie Gott. Sie kann es sehen, nicht immer, nicht immer gleich gut, aber doch, sie kann es sehen: Er wird alle Verhältnisse auf den Kopf stellen. Er wird alles neu machen. Auch wenn ich durch Täler muss, er wird es gut mit mir machen. Auch wenn wir in einer schwierigen Welt leben und auf schwere Zeiten zugehen, er wird es gut mit uns machen.
Darum möchte ich Euch für eine kleine adventliche Übung gewinnen: Ihr habt einen Zettel und einen Stift vor Euch. Ich bitte Euch, dass Ihr darauf mit kleinen Buchstaben schreibt, was Euch Sorgen macht: sei es Gesundheit, sei es eine schwierige Beziehung, sei es Überforde-rung im Beruf, sei es ein Kind, das Not bereitet, sei es das liebe Geld, sei es eine andere schwere Last, die Sorge vor der unsicheren Zukunft, das näher rückende Ende des Lebens, Prüfungen, schreibt es auf. Und dann schreibt auf, weil wir uns ja üben, mehr zu sehen als unser kleines Ich, was Euch Sorgen macht, wenn Ihr an unsere Stadt, unser Land und unse-ren ganzen Globus denkt, die Kinder, um die sich keiner kümmert, die Gewalt, die Arbeitslo-sigkeit, die Einsamkeit der Alten, die Finanzkrise und das Klima, die brutalen Kriege Afrikas, die Menschen in den Slums der riesigen Städte. Und dann schreibt mit großen, dicken Buchstaben einen Namen auf Euren Zettel, wenn Ihr mögt, über diese Sorgen im Persönlichen und im Großen: Jesus. Jesus, der damit fertig werden kann. Jesus, der Heiland. Jesus, den es zu uns zog und zieht. Und dann haltet den Zettel fest in Eurer Hand, wenn wir jetzt diesem Jesus Lieder singen. Jetzt kommt der wichtigste Teil dieser Predigt, und den predigt Ihr, den predigen wir singend, indem wir Gott groß machen, indem wir es uns zusingen. Singend sagen wir: Meine Seele erhebt den Herrn. Und: Mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes. Und: Ich bin dein Knecht, deine Magd. Mir geschehe, was Du sagst. Jesus. Amen sagt jetzt noch nicht, sondern erst, wenn wir die nächsten drei Lieder gesungen haben.
