GreifBar plus am 24.12.2008
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Predigt über Matthäus 1,1-16
- Dies ist das Buch von der Geschichte Jesus Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams. Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. Juda zeugte Perez und Serach mit der Thamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nachschon. Nachschon zeugte Salma. Salma zeugte Boas mit der Rahab. Boas zeugte Obed mit der Ruth. Obed zeugte Isaai. Isaai zeugte den König David. David zeugte Salomo mit der Frau des Uria. Salomo zeugte Rehabeam. Rehabeam zeugte Abia. Abia zeugte Asa. Asa zeugte Josaphat. Josaphat zeugte Joram. Joram zeugte Usia. Usia zeugte Jotham. Jotham zeugte Ahas. Ahas zeugte Hiskia. Hiskia zeugte Manasse. Manasse zeugte Amon. Amon zeugte Josia. Josia zeugte Jojachin und seine Brüder um die Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Nach der babylonischen Gefangenschaft zeugte Jojachin Sealthiel. Sealthiel zeugte Serubabel. Serubabel zeugte Abiud. Abiud zeugte Eliakim. Eliakim zeugte Asor. Asor zeugte Zadok. Zadok zeugte Achim. Achim zeugte Eliud. Eliud zeugte Eleasar. Eleasar zeugte Matthan. Matthan zeugte Jakob. Jakob zeugte Joseph, den Mann der Maria, von der geboren ist Jesus, der da heißt Christus.
Predigt
Stellen wir uns mal folgendes vor: Der Moment der Bescherung ist gekommen. Wochenlang haben die Kinder des Hauses auf diesen Moment hingefiebert, sie haben auf die Wunschlisten in diesem Jahr einige ihrer Herzenswünsche drauf geschrieben. Und das Getuschel ihrer Eltern hat sie vermuten lassen, dass dieses Jahr einige ihrer Herzenswünsche erfüllt werden. Sie haben hin und wieder, was natürlich streng verboten ist, durch das Schlüsselloch ins Wohnzimmer reingeguckt und sie meinten da Gegenstände in der entsprechenden Form gesehen zu haben: Ist das nicht ein Fahrrad? Oder - könnte das ein Computer sein? Und dann, stellen wir uns vor, sie stehen vor dem Baum, die Lieder sind gesungen, die Gedichte sind aufgesagt, und sie sind kurz davor, sich auf die Geschenke zu stürzen, da sagt eines der beiden Eltern: „Moment. Jetzt wollen wir erst einmal daran denken, wer diesen Moment möglich gemacht hat: Eure Eltern. Der Briefträger, der die Post gebracht hat. Die Firmen, die diese Produkte hergestellt haben. Unsere Regierung, die dafür sorgt, dass wir in einem Rechtsstaat leben, in dem man friedlich seine Weihnachtsgeschenke erwerben kann“, usw.
Oder stellen wir uns vor: Wir sitzen im Kino. Der große Film, auf den wir alle gewartet haben, er soll endlich beginnen. Geniale Schauspieler, ein großartiger Regisseur, atemberaubende Aufnahmen sind versprochen worden. Dann geht das Licht aus im Kino, alle sitzen da wie gebannt. Und dann erscheinen auf der Leinwand die Worte: „Regie: XY.“ Nächstes Bild: „Regieassistenz.“ – „Zweite Regieassistenz.“ – „Lichttechnik.“ – „Lichttechnik-Assistenz.“ – „Kostüme.“ Usw. Usw.
So ähnlich ist das bei unserem heutigen Predigttext: „Dies ist das Buch von der Geschichte Jesus Christi“, so beginnt der Text: Auf diese Geschichte habt ihr alle gewartet, eigentlich - sagt der Evangelist. Und dann zählt er erstmal die Vorfahren von Jesus auf. Siebzehn Verse lang zählt er auf, was Jesus alles für Vorfahren hatte, eine solche Liste nennt man mit einem Fremdwort Genealogie, also eine Ahnentafel. Solche Genealogien begegnen häufig im Alten Testament. Jeder, der schon mal versucht hat, die Bibel am Stück durchzulesen, hat wahrscheinlich, vermutlich, wenn er nicht sehr viel Ausdauer hatte, das erste Mal eine Bremse verspürt bei 1.Mose 5. Da ist nämlich auch schon solch eine Genealogie zu lesen. Das ist also typisch biblisch, im Alten Testament begegnet es häufiger, und dahinter steckt immer die Frage: Woher kommt der eigentlich? Was ist das für einer, was ist seine Herkunft, aus welcher Familie kommt er, was sind seine Vorfahren?
Ich glaube, diese Frage: „Woher kommt der eigentlich?“, die spiegelt ein verbreitetes Bedürfnis wieder. Das finden wir bis heute, vor allem vielleicht bei älteren Menschen, die fragen nämlich auch immer: “Wo kommt der eigentlich her, was ist das für einer, was sind seine Eltern?“ Vielleicht kennt das der eine oder die andere von euch, wenn man sich mit einem älteren Menschen aus der eigenen Heimatstadt oder dem Heimatort unterhält, und der ältere Mensch kennt einen nicht, versucht einen aber irgendwie zu zuordnen und überlegt die ganze Zeit: “Ach, ähm, ähm“, und was jetzt kommt, das nenne ich immer den Ach so-Effekt, dann gibt man nämlich irgendwann Hinweise und sagt: “Naja, ich bin doch Matthias Clausen, ich komme aus Neuß am Rhein, meine Mutter ist Doris Clausen, mein Vater ist Harald Clausen“, und dann kommt der Ach so-Effekt: “Ach so, der bist du, Clausens, klar“. Und manchmal hat man den Eindruck, man wird dann anders angeguckt als vorher. Man hat sich selber in den letzten Minuten nicht verändert, aber irgendwas hat in dem anderen Klick gemacht, weil er mich plötzlich zu ordnen kann. Vielleicht hat das der eine oder die andre auch schon mal erlebt.
Interessant wird nämlich eine solche Vorfahrenliste dann, wenn man über Insiderinformationen verfügt, wenn man also weiß, wenn die und die Leute zu der Vorfahrensliste dazu gehören, wenn man weiß, das ist die und die Familie, dann wird es auf einmal interessant. Das ist wie bei dem spannenden Film, wo man im Kino sitzt und dann kommt erst diese ellenlange Liste der Beteiligten und Akteure, und man kennt vielleicht die eine oder andere Person und sagt: “Ach so der hat die Kamera geführt, na das ist ja spannend, das lässt auf tolle Bilder hoffen.“
So ähnlich ist das hier mit unserem Predigttext: “Dies ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.“ Das Wort, das hier im griechischen Urtextes geschrieben steht, lautet Genesis, das kann man übersetzen mit Entstehungsgeschichte oder Urgeschichte. Das heißt, diese Verse wollen sagen: Die ganze Geschichte der Welt, die ganze Geschichte der Menschheit läuft auf einen einzigen Punkt zu, nämlich auf die Person Jesus. Das ist übrigens auch der Unterschied zwischen dieser Genealogie dieser Vorfahrenliste und den Genealogien im Alten Testament. Im Alten Testament sind es nämlich immer Nachfahrenlisten und hier ist es eine Vorfahrenliste. Die Ahnentafeln im Alten Testament sagen immer, was passiert ist, nachdem jemand verstorben ist: Der zeugte den, der zeugte den, der zeugte den usw. usw. Also man erfährt, wie es weiter geht. Hier dagegen erfährt man die Vorgeschichte. Das ist ein bisschen so ähnlich wie der Ankunftsplan am Greifswalder Bahnhof. Wenn man auf den Ankunftsplan schaut, dann sieht man: Also, der Zug, der heute um 13.45 Uhr hier eintrifft, der ist heute morgen um 7.45 Uhr in Castrop-Rauxel ausgelaufen, oder Oer-Erkenschwick, tolle Ortsnamen.
Etwas ähnliches erfährt man hier, man erfährt, wo jemand herkommt, man erfährt: Alles was in der Geschichte des Alten Testamentes passiert ist, läuft auf die Geburt von Jesus Christus zu. Warum ist die Vorgeschichte also wichtig? Wichtig wird sie durch die Namen, die hier genannt werden, und zwar schon im 1.Vers unseres Textes, da ist nämlich die Rede von David und Abraham, und es wird gesagt: Jesus ist der Sohn Davids und der Sohn Abrahams. Das sind zwei Namen, bei denen es bei den ersten Hörern dieses Textes schon geklingelt haben muss. Ich weiß nicht, ob ihr das kennt, was man mit dem englischen Ausdruck name-dropping bezeichnet, also “Namen fallen lassen“. Da ist man auf einer Party und man kriegt mehr unverhofft ein Gespräch mit, das zwei andere Menschen führen. Der eine von diesen anderen Menschen lässt immer ganz bestimmte Namen fallen, die einen hellhörig machen: „... und dann habe ich mal ein Praktikum gemacht bei Richard von Weizsäcker und (murmel, murmel) aber jetzt komme ich zu Angela Merkel und jetzt habe ich Aussichten darauf auch in den Stab einzutreten von Barack Obama...“ Auf einmal wird man hellhörig und denkt: Da würde ich mich gerne mal dazu stellen und hören, was das für jemand ist.
David und Abraham, die werden hier genannt. Jesus ist der Sohn Davids, das heißt aus alttestamentlicher Sicht ganz eindeutig, er ist der Messias. Der Sohn Davids ist der Gesandte Gottes, der Gesalbte Gottes, der, auf den ganz Israel und die ganze Welt wartet. Ungefähr tausend Jahre vor diesem Moment kommt ein Prophet zu David und sagt zu David: Eines Tages wird Gott dir einen Nachkommen erwecken, dessen Herrschaft wird noch schöner und prächtiger sein als deine und sie wird für immer währen: Das ist der Sohn Davids, der Messias. Und Jesus wird genannt der Sohn Abrahams, das heißt, Jesus ist der, der noch ein paar hundert Jahre vor David schon dem Abraham verheißen wurde. Abraham, der ein alter Mann war, als Gott ihm zum ersten Mal begegnete. Zu diesem alten Mann sagt Gott: “Du wirst noch mal Kinder bekommen und deine Kinder werden Nachkommen haben. Und eines Tages werden durch deine Nachkommen alle Geschlechter der Menschheit gesegnet werden. Die gesamte Menschheit wird durch deine Nachkommenschaft gesegnet werden.“ Dieses Versprechen, das Gott viele hundert Jahre vor Christus dem Abraham macht, wird hier an Weihnachten eingelöst.
Kennt ihr das, habt ihr das schon mal erlebt, dass jemand ein Versprechen nach sehr langer Zeit einlöst.? Da ruft plötzlich jemand an, man hat seit Jahren nichts von ihm gehört, und sagt: “Wahrscheinlich weißt du gar nicht mehr genau, wer ich bin, wir waren damals zusammen auf der Schule, aber weißt du was, ich hab mir damals ein Buch von dir ausgeliehen und ich hab dir versprochen, es dir mal zurück zu geben. Ich hab das Buch jetzt ausgelesen, ich würde es dir gerne zurück geben.“ Da hat jemand ein Versprechen eingehalten. Gott hält seine Versprechen ein, auch und gerade wenn es manchmal lange dauert. Gott hat einen viel längeren Atem als wir. Vielleicht hast du manchmal das Gefühl: „Ach ja, im Glauben wird immer so viel versprochen, dass alles so einfach wird, wenn man zu Jesus kommt oder das ein völlig neues Leben beginnt, das endlich das alte Leben in Ordnung kommt, dass sich die Perspektive ändert. Sinn kommt ins Leben hinein, man spürt die Liebe Gottes, man hat Hoffnung, all diese tollen Sachen. Aber wenn ich ehrlich bin,“ sagst du vielleicht, “wenn ich ehrlich bin, spüre ich davon manchmal herzlich wenig.“ Es kann dauern, bis wir merken, dass und wie Gott seine Versprechen einlöst. Aber er hält Wort. Sein Atem ist Jahrtausende lang, aber Gott hält Wort. Unser Predigttext für heute sagt, wie das alles mal begann.
Jetzt könnte man erwarten, wenn von der Herkunft von Jesus geredet wird, dann wird gesagt, dass er aus gutem Hause kam. Das ist ein, wie ich finde, typisch deutscher Satz. Jemand kommt aus gutem Hause - wenn ich den Satz höre, steigen vor meinem inneren Auge gleich ganz bestimmte Bilder auf. Ich denke an eichenholzvertäfelte Wände, Klavierstunden, Parkett, Menschen, die sich mit gepflegter Artikulation gedämpft unterhalten und so Sätze fallen lassen wie: “Es ist ja heutzutage so schwierig gutes Personal zu bekommen.“ Aber die Herkunft von Jesus ist ein kleines bisschen komplizierter. Zu der Herkunft von Jesus, zu der Ahnentafel von Jesus gehören auf der einen Seite natürlich große Helden, die großen Helden der Geschichte Israels. Auf der anderen Seite gehören zu dieser Ahnentafel allerdings auch ziemlich dubiose Gestalten, zweifelhafte Leute. Auf der einen Seite große Helden, vielleicht kennt das der eine oder andere von euch: Als man jünger war, hatte man noch diese Fußballsammelbilderalben benutzt und versucht zu füllen, kennt ihr das? Ich hoffe, das kennt ihr, also manche machen das auch jetzt noch, das sind diese Alben, in die man Fußballspieler auf Bildern einkleben kann, und wenn andere Leute diese Alben auch zu füllen versuchen, kann man versuchen in einen regen Tauschhandel einzutreten und sagen: “Ich hab schon zweimal Lothar Matthäus, ich gebe dir meine beiden Lothar Matthäus für einen Jürgen Klinsmann, ja?“
Was wir hier haben in diesen Versen in Matthäus 1, das ist sozusagen das All Stars-Team des Alten Testaments. Das ist die Traummannschaft des Alten Testaments. Alle großen Helden, alle vorbildlichen Glaubensgestalten des Alten Testamentes, fast alle sind hier versammelt und man kann sich vorstellen, wenn man das Menschen vorgelesen hat, die im Alten Testament zuhause waren, dann haben ihre Augen geglänzt, wenn sie diese Namen hörten. Ich greife mal zwei Namen heraus.
Zum Beispiel: Salomo, der weise, kluge König Salomo, ein hochintelligenter Mann. Dem neuen amerikanischen Präsidenten Barack Obama wird ja einiges nachgesagt, unter anderem wird ihm nachgesagt, aber ich glaube auch, dass es stimmt, dass er sehr intelligent ist. Und das er keine Scheu hat sich mit sehr intelligenten Leuten zu umgeben. Zu seinem aktuellen Stab gehören eine ganze Reihe von Absolventen von Princeton und Harvard, also von den amerikanischen Eliteuniversitäten. Das scheint ihn irgendwie nicht zu stören, von sehr klugen Leuten umgeben zu sein; man könnte sagen in dieser Hinsicht war Salomo der Obama des Alten Testaments. Deswegen sagen wir heute ja auch, wenn jemand sehr klug ist, dass er mit salomonischer Klugheit handelt. An dieser Stelle bin ganz froh, dass der kluge weise König Salomo nicht einen anderen Namen hatte, so wie einen von den Namen, die wir hier auch lesen. Zum Beispiel Schealtiel, dann müsste man von schealtielischer Weisheit sprechen, das wäre schwierig. Salomo war also nicht nur klug, sondern er hat Israel auch in eine große Blütezeit geführt.
Ein zweiter Name: Josia. Josia ist König Israels zu einer Zeit, als in Israel die Gebote Gottes ziemlich in Vergessenheit geraten sind. Es gibt einen Wildwuchs der Traditionen, niemand weiß mehr genau, was eigentlich ordentlicher Glaube an den Gott Israels ist. Und in dieser Zeit findet er das Buch des Gesetzes Gottes wieder, irgendwo unter Trümmern findet er dieses Buch wieder und er sagt: “Meine Güte, wir haben das alles jahrelang falsch verstanden, wir müssen noch mal ganz von vorne anfangen. Wir müssen das alles endlich in Ordnung bringen, hier steht es drin, wie Gott sich das ganze mal gedacht hat.“ Und er scheut nicht Mühen und er scheut nicht Unpopularität, sondern bringt es wieder in Ordnung. Das sind die großen Helden, von der Sorte gibt es noch ein paar mehr in diesem Text.
Auf der einen Seite die großen Helden, auf der anderen Seite dubiose Gestalten, zweifelhafte Leute. Menschen mit denen man in dieser Liste nicht gerechnet hätte. Und jetzt bitte ich euch, euch einmal das Gesicht der ursprünglichen Hörer dieses Textes vorzustellen, also das Gesicht von Leuten die im Alten Testament zuhause waren, wie haben die wohl geguckt, als die festgestellt haben, dass in dieser Liste neben all diesen großen Helden der Glaubensgeschichte Israels unter anderem auch von vier Frauen die Rede ist. Frauen wurden in solchen Ahnentafeln normalerweise gar nicht erwähnt, hier sind es vier. Was wäre der passende Gesichtsausdruck gewesen? Eine hochgezogene Augenbraue.
Noch dazu sind diese vier Frauen gar keine Israelitinnen, sie kommen aus dem heidnischen Umland von Israel, sind also keine properen Israelitinnen. An dieser Stelle fällt mir noch Methusalix ein, der weniger weise alte Mann aus dem Asterixheft. Als einmal als neue Leute in das gallische Dorf einziehen, sagt er zu seiner Frau: “Du kennst mich ja, ich hab nichts gegen Fremde, aber diese Fremden sind nicht von hier.“ Diese vier Frauen hier sind keine Israelitinnen, aber damit nicht genug, sie sind nicht nur Frauen und keine Israelitinnen, sondern sie sind auch - und jetzt stellen wir uns wieder mal den Gesichtsausdruck vor -, sie sind noch dazu moralisch höchst fragwürdig. Der passende Gesichtsausdruck: Aufgerissene Augen.
Es sind nämlich: Tamar, Rahab, Ruth und die Frau des Uria. Alle diese vier Frauen sind Heiden. Tamar kommt aus Kanaan, Rahab kommt aus Jericho, Ruth kommt aus Moab, mit dem Israel hin und wieder mal ziemliche Spannungen hatte, und die Frau des Uria ist eine Hethiterin, kommt also auch nicht aus Israel. Mehrere Frauen von diesen vier sind sehr fragwürdige Frauen. Rahab zum Beispiel, das ist eine tolle Geschichte, Rahab hilft den Kundschaftern Israels, die das Feindesland auskundschaften wollen, versteckt sie, als sie nach Jericho kommen. Wir erfahren allerdings in diesem Text, der davon erzählt auch etwas über ihren Beruf. Und ich kann es leider nicht freundlicher sagen, Rahab ist eine Prostituierte. Die Hure Rahab. Gehört in den Stammbaum von Jesus.
Oder die Frau des Uria, wie sie hier genannt wird, die Frau des Uria, jeder wusste wer das war, das war nicht einen namenlose Frau, das war Bathseba. Das war die Frau zur Zeit des Königs Davids, die so schön war, dass David nur davon, dass er sie beim Baden auf dem Dach ihres Hauses beobachte, auf die Idee kam, er müsste unbedingt mit dieser Frau zusammen kommen. Weil er damals praktischerweise auch Oberkommandierender der Streitkräfte Israels war, hat er den eigentlichen Mann von Bathseba, in den Krieg geschickt, an die vorderste Linie, so dass er umkam. David hat sich dann Bathseba genommen und mit ihr ein Kind gezeugt. Und dieses Kind gehört auch in den Stammbaum von Jesus.
Warum hat Matthäus, der diesen Text geschrieben hat, eigentlich auch diese vier Frauen erwähnt? Er hat sonst ja auch nicht alle erwähnt. Die Liste ist nicht vollständig, Matthäus hat mehrere Generationen ausgelassen, das war damals so üblich, wenn man eine solche Ahnentafel schrieb, das hatte keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Warum hat er also, wenn er andere Generationen ausgelassen hat, ausgerechnet diese vier Frauen erwähnt?
Weil Jesus in die wirkliche Welt kommt. Weil Jesus in die wirkliche Welt hineingehört, in die wirkliche Welt, in der all solche Dinge passieren. Weihnachten heißt ja heute sonst oft, dass wir flüchten. Wir flüchten vor dem Alltag und denken uns, einmal im Jahr, an Heiligabend, an den Feiertagen soll alles schön sei, ganz anders als sonst. Ist auch ein völlig verständliches Bedürfnis. Es spiegelt sich in all den Filmen wieder, die zur Weihnachtszeit im Fernsehern laufen: Einmal im Jahr soll alles schön sein, und wir flüchten.
Für Gott allerdings bedeutet Weihnachten genau das Gegenteil. An Weihnachten flüchtet Gott nicht, sondern er kommt zu uns, in unsere Wirklichkeit, genau da wo wir gerade sind. Vielleicht, und das würde ich euch von Herzen wünschen, erlebt ihr gerade ein friedliches Weihnachten. Ich wünsche euch wie gesagt von Herzen, dass es so bleibt.
Vielleicht kennt ihr es aber auch, dasa Weihnachten anders sein kann, dasa Weihnachten geprägt sein kann von Spannungen. Spannungen zwischen den Leuten, die sich nur einmal im Jahr sehen und dann auf einmal nett und unproblematisch miteinander viel zu schweres Essen essen sollen. Oder vielleicht kennt ihr das, dass ihr nicht den Gedanken abschalten könnt, dass nach Weihnachten, ja irgendwann das neue Jahr beginnt. Und im neuen Jahr wisst ihr nicht, ob euer Vertrag verlängert wird und ob ihr noch genug Geld auf dem Konto haben werdet. Oder vielleicht spürt ihr schon seit ein paar Wochen, ein paar Monaten irgendwo einen Schmerz, der ein bisschen beunruhigend ist, und ihr wisst nicht, wie das weiter geht. Oder vielleicht erinnert ihr euch an Worte, die ihr in den letzten Tagen und Wochen irgendwann mal gesagt habt und ihr würdet alles darum geben, diese Worte zurück zu holen. Oder vielleicht habt ihr euch ertappt, bei Gedanken, die manchmal durch euer Hirn huschen, die so beunruhigend sind und so erschreckend, dass ihr sie noch nicht mal euch selbst eingesteht.
Das ist genau die Welt in die Jesus hineingehört, das ist genau die Welt in die Jesus hineinkommt. Jesus kommt in diese Welt und er sagt: “Alles läuft auf mich zu, die ganze Geschichte Israels, die ganze Geschichte der Menschheit, alles läuft auf mich zu, auf diesen einen Punkt hier an dieser Stelle komme ich, Gott als Mensch in die Welt. Alles läuft auf mich zu. Und wisst ihr was: Ich laufe auf euch zu. Ich laufe auf dich zu, ich hab dich nicht vergessen, sondern ich suche dich, ich klopfe bei dir an, gerade an Weihnachten und ich wünsche mir, dass du mir die Tür öffnest und mich einlässt und dann, dann, dann ist wirklich Weihnachten.“
Amen
