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GreifBarplus am 04.01.2009

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                                        Teenie im Tempel. Jesus und seine Eltern


     41 Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest.42 Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. 43 Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem und seine Eltern wussten's nicht. 44 Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. 45 Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn. 46 Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. 47 Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. 48 Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. 49 Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? 50 Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. 51 Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. 52 Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen. (Lk 2,41-52)

 

Folgende Übung kann ich empfehlen, wenn man es mit einem sehr bedeutsamen, wichtigen Menschen zu tun hat. Dann empfiehlt es sich, sich hin und wieder zu fragen: Wie war er oder sie eigentlich als Kind?

 

Da steht er vor mir, bedeutsam, wichtig, beeindruckend, Anzug, Krawatte. Wie war er wohl als vierjähriger Junge? Hat er auch Bauklotztürme gebaut und geweint wenn sie umfielen? Da steht sie mir gegenüber elegant, anmutig, selbstbewusst, gebildet. Wie war sie als neunjähriges Mädchen? Hat sie in einem rosafarbenem Zimmer gewohnt, mit Pferdepostern an den Wänden, oder Postern von Tokio Hotel? Das ist eine sehr empfehlenswerte Frage.

 

Wie war Jesus als Kind? Die Frage kann man auch stellen, das ist erlaubt. Man kann zum Beispiel fragen: War Jesus ein braves Kind? Wenn man sich unseren heutigen Predigttext anguckt, muss man sagen: Naja. Das kommt darauf an wie man Bravsein definiert. Da büxt Jesus auf einmal aus und verschwindet, ist das brav?

Drei Gedanken zu unserem Text:

 

1. Familie beim Festtag

 

Vers 41 +42 aus Lukas 2: „Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. Und als er zwölf Jahre alt war gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes“. Sie gehen zum Passafest nach Jerusalem. Das Passafest ist das jüdische Fest, bei dem alle Welt in Jerusalem zusammenkommt. Jerusalem ist überfüllt mit Menschen aus dem ganzen Umfeld, ein buntes Treiben. Man kann sich also vorstellen: Das ist so ähnlich wie Familie Joseph auf dem Kirchentag. Und auf dem Kirchentag ist viel los, manchmal passieren da auch unfreiwillig komische Dinge. Mein Bruder hat mir mal erzählt, dass er auf dem Kirchentag in Berlin war, vor langer Zeit. Und er war dort in einer Straßenbahn, als in der Straßenbahn spontan Kirchentagsteilnehmer in Gesang ausbrachen, das passiert ja hin und wieder. Da sagt ein anderer der Kirchentagsteilnehmer in der Straßenbahn: „Amos 5, 23: Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder“. Das fand ich ganz nett. Das hat jetzt keine tiefere Bedeutung, aber so ungefähr kann man sich das vorstellen, ein großes kirchliches Volksfest.

 

Da ziehen sie also zu dritt über dieses Fest. Und dann passiert das, was alle Eltern in ihren schlimmsten Träumen hin und wieder befürchten. Vers 43 und 44: „Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem und seine Eltern wussten es nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten und kamen eine Tagesreise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten“. Auf einmal ist Jesus weg. Man kann es sich vorstellen, dass Maria zu Joseph sagt: „Sag mal, ich habe Jesus schon seit Stunden nicht gesehen. Wo ist er, wo ist er hin?“ Joseph sagt: „Du solltest doch auf ihn aufpassen. Ich kann doch nicht immer auf ihn aufpassen, ich muss ja die Tasche tragen“.

 

Das klingt alles so harmlos, wenn man es liest. Es erinnert vielleicht von ferne an einen Kinofilm minderer Qualität, den ich vor einigen Jahren mal gesehen habe, nämlich den Film „Der Superstau“. Ich weiß nicht ob den jemand gesehen hat, es war kein besonders guter Film. In diesem Film kommt es vor, dass sich eine Familie auf eine lange Autofahrt in den Urlaub vorbereitet, und sie sind ganz schlau, haben alles schon am Abend vorher gepackt und brechen um 5 Uhr oder 4 Uhr morgens auf. Sie sind ganz froh, als sie in ihrem vollgepackten Wohnmobil sitzen und merken dann: Wir haben was vergessen! Unser Kind sitzt noch zu Hause. Das klingt so harmlos, in einem Film ist das auch lustig – aber damals und in dieser Situation war es ganz und gar nicht harmlos. Joseph sagt zu Maria: „Naja, beruhig dich. Er ist vielleicht bei unseren Cousins oder meinem Onkel, ein paar hundert Meter weiter hinten im Treck“. Am Ende des Passafestes zogen nämlich ganze Sippen, ganze Gruppen von Israeliten in ihre jeweiligen Orte, große Gruppen von Menschen, in denen die Kinder irgendwie auch im Schlepptau mitliefen.

 

Also fangen sie an zu suchen. Sie suchen einen ganzen Tag lang und finden ihn nicht. Jetzt sind sie eine Tagesreise weit weg von Jerusalem und sagen: „Okay, es hilft nichts, wir müssen zurück.“ Vielleicht haben wir das schon mal erlebt, dass wir uns auf eine lange Reise machen und dann, nach ziemlich langer Zeit, sagt einer: „Ich glaube, wir müssen noch mal zurück, ich hab was vergessen.“ Am besten kurz vor dem Flughafen: „Die Tickets liegen noch zu Hause. Tut mir leid, aber...“ Hier sind es nicht nur Tickets, sondern hier ist es das eigene Kind. Sie gehen zurück nach Jerusalem, und sie finden ihn an einer unerwarteten Stelle.

 

2. Teenie im Tempel

 

Wofür habt ihr euch interessiert, als ihr zwölf Jahre alt wart? Ich kann das ganz offen sagen: Ich habe mich interessiert für den Entdecker der pazifischen Inseln, James Cook, habe Bücher gelesen über englische Seefahrer. Ich habe Märklin-Autos gesammelt und in einen kleinen Setzkasten an der Wand einsortiert. Und ich habe versucht, mit Legosteinen und mit diesen Märklin-Autos die große Fähre nachzubauen, die die Autos auf die dänische Insel Bornholm bringt. Dafür habe ich mich mit zwölf Jahren interessiert. Ich finde, das sind alles ehrenwerte Hobbies. Ihr könnt ja mal Revue passieren lassen, wofür ihr euch mit zwölf Jahren interessiert habt.

 

Wofür hat Jesus sich mit zwölf Jahren interessiert? Vers 45-47: „Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn. Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.“ Das heißt, da sitzt Jesus im Tempel und ist vertieft in einen theologischen Disput. Er sitzt mit den Tora-Gelehrten, den Gelehrten des Gesetzes Gottes, und diskutiert mit ihnen. Stellt Fragen, gibt Antworten, so hat man damals religiösen Unterricht erteilt, indem man Fragen und Antworten ausgetauscht hat. Das ist jüdische Gelehrsamkeit, da stand nicht immer nur einer vorne, so wie das bei uns ist, sondern es werden hin und wieder Fragen gestellt, deswegen erlaube ich mir hin und wieder auch, Fragen zu stellen. Ich hoffe das ist erlaubt.

 

Jetzt sitzt also Jesus dort unter diesen weisen, zum Teil älteren Männern und diskutiert fröhlich mit, und die Zuhörer sind erstaunt. Sie sind erstaunt darüber, wie klug Jesus mitdenkt. Manchmal besteht die größte Klugheit darin, die richtigen Fragen zu stellen. Was ist mit den Eltern? Sind die Eltern auch erstaunt, sind die Eltern auch stolz? Viele fromme Eltern wären vielleicht stolz. Ich erinnere mich da an ein Buch von dem christlichen Humoristen Adrian Plass, in dem zitiert er den fiktiven Familien Rundbrief einer sehr, sehr frommen Familie. Die beschreiben, was gerade mit ihren Kindern los ist, und es klingt alles sehr sehr vorbildlich. In diesem Brief steht dann in etwa folgendes: „Unsere Tochter, neun Jahre alt, hat jetzt in der Gemeinde den Preis Miss Junge Demut gewonnen und sich geweigert ihn anzunehmen“, oder so. „Daraufhin hat man ihr den Titel ‚demütigstes Gemeindeglied von allen verliehen’ und man hat ihr klar gemacht, dass es auf eine subtile Weise hochmütig wäre, diesen Preis nicht anzunehmen...“, usw. „Schon wieder haben wir unseren Sohn dabei ertappt, dass er einer alten Frau beim einkaufen half“ usw., „er ist kurz davor, seinen Schulleiter zu bekehren...“ Das steht alles in diesem (erfundenen) Familienrundbrief.

 

Die Eltern von Jesus zeigen nichts von all diesem Stolz, sondern sie reagieren ganz anders. Vers 48: „Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich, und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.“ Das heißt, dass Jesus auf einmal weg ist und sie einen ganzen Tag lang nicht wissen, wo er ist, das tut ihnen weh. Das tut ihnen weh! Jesus ist ein wirklicher Junge, und wenn er wegbleibt, tut das seinen Eltern weh, er wird vermisst. Alle von uns, die als Kinder mal weggelaufen sind, wissen, wenn man lange genug wegläuft kriegt man am Ende keinen Stress, sondern nur noch ein freundliches Willkommen. das war jetzt kein Tipp an die Kinder. Aber alle wissen das, wenn man lange genug wegbleibt, dann kriegt man am Ende nur noch die Wiedersehensfreude. Jesus war ein glücklicher Junge und er wurde wirklich vermisst und das tut seinen Eltern wirklich weh. Das tut Maria jetzt weh, wie weh muss es ihr getan haben als sie dann unter diesem Holzbalken stand und ihr Sohn ihr ein und alles stirbt am Kreuz, das sind die ganz realen Schmerzen einer ganz realen Mutter. Ein wirklicher Junge, ein wirklicher Mensch, merkt ihr, dass mit den Schmerzen und dem vermissen, das ist ganz wie bei uns und zugleich ist das ganz anders.

 

Drittens: Ganz wie bei uns und ganz anders

 

Manchmal merkt man Angewohnheiten von Menschen schon früh in ihrem Leben. An dieser Stelle ist mir kein anderes Beispiel eingefallen als von mir selbst. Auf einem meiner Grundschulzeugnisse stand: „Matthias gelingt es immer besser, seinen Äußerungsdrang zu steuern“. Meine Lehrerin in der ersten Klasse tut mir heute noch leid. Eine Angewohnheit von Jesus merkt man in diesem Text schon hier, nämlich die Angewohnheit, hin und wieder überraschende Dinge zu sagen. Das ist eine Angewohnheit, die sich durch sein ganzes Leben zieht. Ein Beispiel: Da sitzt er mit alleine irgendwo am Wegesrand und macht Pause. Seine Jünger sind in der Stadt, um etwas zu essen zu besorgen, kommen wieder, finden Jesus, wie er am Wegesrand sitzt und sagen: „Jesus, hier wir haben dir was zu essen mitgebracht.“ Jesus sagt zu ihnen: „Ich habe eine Speise, von der ihr nichts wisst.“ Und seine Jünger fragen sich: „Oh, hat ihm jemand etwas zu essen gebracht?“

 

Das ist seine Angewohnheit, sehr überraschende Dinge zu sagen. Hier sagt er etwas, was seine Eltern sehr überrascht. Vers 49 +50: „Und er spach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss, in dem was meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.“ – „Wisst ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“ Ich stelle mir vor, wie Josef auf diesen Satz reagiert: „Bitte? In dem sein was... – ich bin doch dein Vater, oder? Was redest du da?“ Das heißt: So normal das alles wirkt, Familie Josef beim Kirchentag, Jesus büxt aus und sie finden ihn wieder und sie freuen sich, so sauer sie sind, dass sie ihn wieder haben – so normal das alles wirkt: Eigentlich gehört dieser Jesus ganz woanders hin. Eigentlich gehört er zu Gott, deswegen redet er hier von „meinem Vater“, er sagt: „Ich muss in dem sein, was meines Vater ist.“ Jesus nennt Gott sonst auch Vater, er sagt zu den Leuten, mit denen er redet, allerdings immer: „So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel“, oder er sagt: „Euer Vater, weiß was ihr braucht, deswegen braucht ihr euch keine Sorgen zu machen.“ Wenn er von sich selber redet, sagt er immer: „Mein Vater.“ Merkt ihr den Unterschied? In Bezug auf sich selbst redet Jesus von Gott als „meinem Vater“ und im Bezug auf andere Menschen redet Jesus von Gott als „eurem Vater“.

 

Das heißt: Jesus weiß schon hier, dass er eine einzigartige Beziehung zu Gott hat. Eine Beziehung, die niemand anderes auf der Welt hat. Und das heißt, Jesus wird hineingeboren in eine ganz normale Familie, er ist in vielerlei Hinsicht ein ganz normales Kind, ein ganz normaler Jugendlicher. Er erlernt einen ganz normalen Beruf, und er macht viele ziemlich normale Erfahrungen. Er hat Hunger, er hat Durst, er wird müde, er lacht, er freut sich, er ist traurig und er hat zugleich etwas was niemand sonst hat. Er hat eine einzigartige Beziehung zu Gott, und er hat im wörtlichen Sinne eine weltbewegende Mission.

 

Vielleicht sagen manchmal Leute über deinen Glauben: „Ach, das, was du dein Christsein nennst, das ist ja doch reichlich unspektakulär. So viel sieht man davon von außen nicht.“ Vielleicht sagst du das selbst manchmal über dein Christsein: Eigentlich ist mein Christsein ziemlich unspektakulär. Gottes Spezialität ist, mitten im Unspektakulären am Werk zu sein. So kommt er in Jesus in diese Welt: unscheinbar in einer Familie am Rande der damals bewohnten Welt, irgendwo fernab der Machtzentren, unscheinbar, überraschend. Und am Ende wenn er eines Tages wiederkommt in diese Welt, wird es unverkennbar sein. Unscheinbar, überraschend – u und am Ende unverkennbar.

 

So kommt Gott in Jesus in diese Welt, und so kommt Gott in Jesus auch in dein Leben: vielleicht unscheinbar, vielleicht nicht mit den großen Visionen, über die man nachher christliche Taschenbücher schreibt. Wahrscheinlich überraschend, wahrscheinlich in einer Weise, die du dir vorher nicht vorgestellt hast, und ganz sicher eines Tages unverkennbar. Wenn du bei Gott bist, wird es völlig unverkennbar sein. Und dass du Mensch bist, ein ganz normaler Mensch, mit ganz normalen Bedürfnissen und Sorgen – das wundert ihn nicht, das kennt er. Amen.