GreifBar plus am 25.01.2009
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Herzlichen Glückwunsch, ihr Jünger Jesu!
- Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf lehrte sie und sprach: Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig sind die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen. Selig sind die um der Gerechtigkeit willen, verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen. Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind. (Matthäus 5, 1-12)
Wenn man Menschen beglückwünscht, kann man das in klassischer Weise tun, oder man kann versuchen originell zu sein. Man kann zum Beispiel sagen: „Du denkst wohl, du bist etwas Besonderes, weil du heute Geburtstag hast? Ach Quatsch, du bist doch jeden Tag etwas Besonderes.“ Ein schöner Glückwunsch, nicht wahr? Man kann Glückwünsche auch - um zu zeigen, wie originell man ist - in verschiedenen Sprachen sagen. Man kann also sagen: „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“ oder auch: „Happy Birthday“. Man kann aber auch sagen: Felichan Naskightagon (das war Esperanto). Oder man kann sagen: Palju onne sunnipaevaks (das war estnisch). Oder: Tavalodet Mobarak (das war Farsi). Oder man kann sagen, und darauf kommt ihr bestimmt: Piranda naal vaazhthukkal. Das war - ganz klar - tamilisch.
Wie auch immer man beglückwünscht: Meistens ist jedenfalls klar, wozu man beglückwünscht bzw. was der Inhalt der guten Wünsche ist, die man äußert. Meistens beglückwünscht man ja anlässlich von schönen Ereignissen. Und der Inhalt der Glückwünsche ist immer: Ich wünsche dir Gesundheit, ein gutes Leben, Erfolg usw. Das merkt man auch an der schwäbischen Variante eines bekannten Geburtstagsliedes: „Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen Gesundheit und Wohlstand sei auch mit dabei!“ Das ist die schwäbische Variante, die singe ich übrigens manchmal und gucke, ob es jemanden auffällt.
Bei Jesus ist das anders. Wenn Jesus Menschen beglückwünscht, dann sind seine Glückwünsche sehr überraschend, zumindest ist das so in unserem Predigttext. Da äußert er sehr überraschende Glückwünsche, er sagt: „Selig seid ihr, wenn...“, und das Wort, das da im Griechischen steht, makarios, das heißt soviel wie: „Herzlichen Glückwunsch euch, wenn ihr“, „Herzlichen Glückwunsch allen, die...“.
Jesus auf dem Berg
Da steht Jesus auf dem Berg, um ihn herum seine Jünger und eine große Menschenmenge. Dass Jesus auf einem Berg steht, ist kein Zufall. Es hat nicht nur den praktischen Grund, das man ihn dort besser hören kann, sondern es hat einen hohen symbolischen Wert, wenn man sich das Alte Testament anguckt, also die Heilige Schrift der Juden. Da finden wichtige Begegnungen zwischen Gott und Mensch vorzugsweise auf Bergen statt. Deswegen hat ein Ausleger des Alten Testamentes einmal gesagt: Berge sind so etwas wie die bevorzugten Landeplätze des Heiligen Geistes. Ist für uns Flachländer vielleicht nicht so leicht zu ertragen, aber es hat also einen hohen symbolischen Wert.
Da steht Jesus, um ihn herum seine Jünger und um die Jünger herum die große Volksmenge. Hunderte, Tausende von Menschen hören Jesus zu, und Jesus hat ohne Mikrofon gesprochen. Das heißt, diese Menschen müssen atemlos an seinen Lippen gehangen haben, sie wollten kein Wort verpassen, das er sagte. Da steht Jesus also auf dem Berg, um ihn herum stehen seine Jünger, und um die Jünger herum steht das Volk und hört Jesus zu, hört, was Jesus zu den Jüngern sagt. Das ist also so ähnlich wie bei dem wunderbaren Dokumentarfilm: „Deutschland - ein Sommermärchen“. Ich meine den Dokumentarfilm von Sönke Wortmann über die Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2006. Wer diesen Film gesehen hat, hat hin und wieder als Zuschauer miterlebt, wie Jürgen Klinsmann in der Kabine die Kabinenansprache hält und seine Mannschaft motiviert. Und er hat eine Ahnung davon bekommen: „Ach, so ist das also, wenn man ein Nationalspieler ist.“
So ähnlich ist das bei der Bergpredigt, bei der berühmten Predigt, die hier in unserem Text beginnt. Jesus steht auf dem Berg, um ihn herum sind seine Jünger, und um die Jünger herum ist das Volk. Das Volk hört, was Jesus zu seinen Jüngern sagt. Und es sagt: „Ach, so ist das also, wenn man ein Jünger von Jesus ist. Wusste ich gar nicht, so ist das also, aha, jetzt krieg ich das mal mit.“ Das ist übrigens auch der Grund, weswegen wir alle ein bis zwei Monate den großen GreifBar-Gottesdienst haben und wöchentlich den GreifBarPlus-Gottesdienst. Die Idee dabei ist: Im großen GreifBar versuchen wir, Lust zu machen auf den Glauben, Interesse zu wecken. Bei GreifBarPlus versuchen wir selbstverständlich das Gleiche, versuchen allerdings zusätzlich inhaltlich noch einen Schritt weiter zu gehen und zu zeigen: Wie sieht das eigentlich aus, wenn man ein Jünger von Jesus ist? Wenn man also nicht nur ein Bewunderer ist, sondern jemand, der mit Jesus geht, der ihm nachfolgt. Wie sieht das aus? Das zeigen wir, weil wir nichts zu verbergen haben. Wir möchten ehrlich sein und offen sagen: „Das und das ist damit verbunden, wenn man ein Jünger ist. Es kann anstrengend und herausfordernd sein, also möchten wir es euch zeigen, bevor ihr euch darauf einlasst.“ Da steht Jesus also auf dem Berg, um ihn seine Jünger und um die Jünger das Volk. Das Volk hört, was Jesus sagt. Und jetzt kommt die Überraschung.
Die Überraschung
Jetzt kommt die große Überraschung - das sage ich als jemand, der Überraschungen von Herzen mag. Ich habe zum Beispiel von einem englischen Philosophieprofessor gehört, der hatte die Aufgabe, die neuen Studenten an seinem Fachbereich zu begutachten und zu überprüfen, wer denn das Zeug dazu hätte, ein Philosophiestudent zu werden. Als Philosoph muss man ja kreativ und ungewöhnlich denken können, also hat er seine Studenten gerne überrascht. So konnte es zum Beispiel vorkommen, dass ein Student in das Sprechzimmer dieses Professoren hereinkam, und dann saß dieser Professor auf einem Stuhl, hielt die Zeitung vor sich, so dass man ihn gar nicht sah und sagte von hinter der Zeitung her: „Suprise me! Überraschen Sie mich!“ Die meisten Studenten waren richtig baff, manche haben ratlos das Zimmer wieder verlassen. Nur ein Student - hat ein Feuerzeug gezückt und die Zeitung angezündet. Der Legende nach hat er den Studienplatz bekommen.
Jesus überrascht seine Hörer also, er tut das hier allerdings noch in einer etwas anderen Weise. Ich lese noch einmal die Verse 3-5 unseres Textes. Jesus sagt: „Selig sind - also Herzlichen Glückwunsch denen - die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“ Usw. Ich stelle mir vor, spätestens an dieser Stelle wird es im Volk unruhig. Denn die Leute sagen: „Wie bitte?! Herzlichen Glückwunsch denen, die geistlich arm sind, herzlichen Glückwunsch denen, die Leid tragen, usw.? Das ist doch genau das Gegenteil von dem, was wir sonst immer hören. Normalerweise wird doch gesagt: Herzlichen Glückwunsch, wenn es dir gut geht, wenn du gesund bist, wenn du erfolgreich bist, wenn jedermann Gutes über dich sagt, dann herzlichen Glückwunsch! Aber wehe, wenn das Gegenteil der Fall ist!“ Das ist doch das Gegenteil von dem, was wir kennen, das haben Menschen in den letzten zweitausend Jahren über diesen Text gesagt. Vor ungefähr hundert Jahren hat der Philosoph Friedrich Nietzsche sinngemäß gesagt: 'Das ist doch ein Gott für Schwächlinge. Ein Gott, der den Menschen sagt: „Herzlichen Glückwunsch, wenn ihr Leid tragt“, und der die Leute vertröstet, das ist doch kein Gott für heldische Menschen.' Wenn man also zu Friedrich Nietzsche sagen würde: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“, würde er „Pah!“ sagen und mit den Schultern zucken. Oder ich stelle mir Menschen von heute vor, irgendwo in einer deutschen Großstadt, die in einen erbittertem Nachbarschaftsstreit verwickelt sind. Irgendwann hat es damit angefangen, dass man sich nicht mehr gegenseitig gegrüßt hat, und dann guckt man sich komisch an, redet schlecht über einander, am Ende geht es bis hin zu physischer Bedrohung, und Anwälte werden eingeschaltet. Und dann liest man solchen Menschen den Satz vor: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“ Dann werden sie wahrscheinlich sagen: „Ja, ja, schön wär's, schön wär's, wenn es so wäre, aber es ist leider nicht so einfach.“
Aber Jesus sagt: Herzlichen Glückwunsch! Macht er das, weil er Freude daran hat zu provozieren? Solche Leute gibt es ja, die Spaß daran haben zu provozieren. Ein Bekannter von mir macht das ganz gerne. Der sagt manchmal mitten in einer Diskussion einen Satz und verzieht keine Miene dabei - einen unglaublichen Satz, der einen fast wahnsinnig macht. Er sagt: „Aber es ist doch so und so“, und man selbst denkt: „Aber genau das Gegenteil ist doch der Fall!“ Und man fängt an, wild mit ihm herum zu diskutieren und sagt sich: Wie kommt dieser kluge Mensch dazu, so einen unsinnigen Satz zu sagen? Bis er anfängt, von einem Ohr bis zum anderen zu grinsen und zu sagen: „Das sehe ich ja alles genauso wie du. Ich wollte es nur noch einmal von dir selbst hören.“
Ist es also auch bei Jesus die Freude am Provozieren? Nein - ich glaube, es ist noch etwas Tiefergehendes. Ich glaube: Jesus beschreibt, wie es ist, als Jünger von Jesus zu leben. Er beschreibt, wie es ist mit ihm zu leben und alles andere hintan zustellen. Er sagt: 'So sieht das aus', und er sagt: Nur dieses Leben hat Wert, und nur dieses Leben hat Zukunft.
Nur das hat Wert. Nur das hat Zukunft.
Mit anderen Worten: Das Leben als Jünger von Jesus ist nicht immer einfach, aber es ist das einzige Leben, das langfristig Wert hat. Es kann schön sein, spannend, witzig, unterhaltsam, es kann auch herausfordernd, anstrengend und schmerzhaft sein. Egal, was es ist, dieses Leben, sagt Jesus, ist das einzig wahre, und es ist das einzige Leben, das in Ewigkeit bestand hat.
Drei Beispiele:
Noch einmal Vers 3: „Selig sind, die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich.“ Das ist einer der Verse in der Bibel, die am häufigsten missverstanden worden sind, immer dann nämlich, wenn es leicht herablassend heißt: „Ja ja, selig sind die geistig Armen...“ Wenn Menschen das sagen, dann haben sie ein entscheidendes Wort verdreht. Sie sagen nämlich „geistig arm“ an Stelle von „geistlich arm“. Hier ist nicht gemeint: 'Selig sind die Menschen, die nicht in der Lage sind, sich Gedanken zu machen.' Das ist nicht gemeint. Sondern Jesus sagt: „Selig sind die Menschen, die wissen, dass sie Gott geistlich nichts zu bieten haben. Die wissen, dass sie vor Gott mit leeren Händen stehen. Die wissen, dass sie zu Gott sagen müssen: 'Du kennst mich doch, du weißt, manchmal bin ich begeistert, konsequent und beeindruckend, und manchmal bin ich das genaue Gegenteil. Ich weiß, ich habe dir auf Dauer nichts zu bieten.'“ Die großen Vorbilder des christlichen Glaubens in den letzten zweitausend Jahren, das waren in der Regel solche Menschen. Sie wussten genau: Wir stehen vor Gott mit leeren Händen. Martin Luther soll noch auf dem Sterbebett gesagt haben: „Wir sind Bettler, das ist wahr.“
Deswegen, wenn du sagst: „Ach, bei GreifBar, da sind immer alle so begeistert im Glauben und immer ganz bei der Sache und scheinen sich so gut auszukennen. Aber ehrlich gesagt: Ich bin noch nicht soweit. Ich weiß manchmal gar nicht so genau, was ich von alldem halten soll, aber eines weiß ich: Ich stehe vor Gott mit leeren Händen.“ Wenn du das sagst, dann kann ich nur entgegnen: Willkommen im Club. Herzlichen Glückwunsch! Das gehört dazu, ein Jünger zu sein, nämlich zu wissen: Ich habe von mir aus Gott nichts zu bieten. Alles was ich bekomme ist ein Geschenk, und am Ende werde ich bei Gott sein.
Zweites Beispiel: Vers 5: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.“ Jetzt weiß ich nicht, welches Bild in eurem Kopf entsteht, wenn ihr das Wort sanftmütig hört. Mir ist ein Mensch eingefallen, der - ganz ehrlich und ohne Flachs - ein wirklich sanftmütiger Mensch ist und dabei sehr beeindruckend. Das war ein Bekannter aus meiner Studienzeit, ich nenne jetzt nicht den richtigen Namen, ich nenne ihn mal Jörg. Jörg war ein ausgesprochen sanftmütiger Mensch, immer höflich und bescheiden. Ich erinnere mich an ein Treffen unserer Studentengruppe, zu dem eine neue Studentin hinzukam. Jörg stellte sich vor diese neue Studentin und sagte: „Übrigens, ich heiße Jörg, aber meinen Namen kannst du ruhig gleich wieder vergessen.“ Das Beste war: Das war ganz ernst gemeint, das war nicht nur eine Masche, sondern das war ehrlich. Wir anderen haben immer zu ihm gesagt: „Du bist so sanftmütig, du bist so demütig“, und er hat geantwortet: „Ach nein, das stimmt doch gar nicht...“ Das ist die richtige Antwort, nicht?
So beeindruckend solche Leute sind, so ertappen wir uns doch manchmal dabei, dass wir sagen: „Schön und gut, wenn man sanftmütig ist - aber wirklich weiter kommen kann man in dieser Welt so nicht. Bestensfalls winkt einem am Ende der Himmel.“ Und jetzt sagt Jesus: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen“, nicht nur den Himmel, das Erdreich! Das heißt, am Ende gibt es einen neuen Himmel und auch eine neue Erde, auch die Erde wird verwandelt, und die Sanftmütigen werden die Chefs dieser Erde sein.
Drittes Beispiel: Vers 10: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich.“ Jetzt behaupte ich mal, dass wir das aus eigener Erfahrung kaum kennen, um der Gerechtigkeit willen verfolgt zu werden und um einer guten Sache willen unter Druck zu kommen. Vielleicht kennen wir es allenfalls in Ansätzen. Es kann vorkommen, dass wir zu anderen sagen: „Übrigens, ich engagiere mich bei so einem christlichen Projekt“ und daraufhin eine hochgezogene Augenbraue ernten. Vielleicht ist es für manche von uns in manchen Familien und Bekanntenkreisen auch noch ernster. Ich vermute trotzdem: Wir erleben dennoch nicht das, was Christen in anderen Teilen der Welt erleben. Ich denke da an eine Bekannte, die christliche Missionsarbeit in einem Land im Kaukasus macht. Schon an ihren e-Mails man schon erkennen, in welcher Situation sie sich befindet. Weil sie in ihren e- Mails bestimmte christliche Schlüsselwörter nicht ausschreibt. Stattdessen verwendet sie Abkürzungen, weil sie befürchten muss, dass Suchprogramme ihre e-Mails nach christlichen Schlüsselwörtern durchsuchen. Und sie muss befürchten, wenn sie eine christliche Versammlung abhält, dass jederzeit die Tür aufspringen kann und eine Horde von Leuten mit Knüppeln hereinkommt und die Anwesenden verprügelt. Für einen solchen Menschen ist der Satz „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden“ ein Rettungsanker. Weil sie sich sagen: Okay - so schmerzhaft es ist, dass wir verfolgt werden, dass wir unter Druck sind - es ist jedenfalls kein Systemfehler. Es ist nicht ein Zeichen dafür, dass wir auf dem falschen Weg wären. Im Gegenteil, Jesus hat damals schon gesagt: Es kann vorkommen, dass wir um seinetwillen verfolgt werden, und er hat gesagt: 'Trotzdem - selig seid ihr, ich bin an eurer Seite.'
Was heißt das für uns?
Was heißt das Ganze für uns, diese Seligpreisungen? Vielleicht ist euch aufgefallen, dass sich in diesen Versen fast keine einzige Aufforderung befindet. Normalerweise lesen wir diese Verse ja als Programm für unser Verhalten: 'Jetzt sei doch bitte sanftmütig und friedfertig und barmherzog', usw. Das ist ja auch nicht verkehrt. Aber es ist trotzdem keine Liste von Aufforderungen, sondern es ist in erster Linie eine Beschreibung. Jesus sagt: 'Herzlichen Glückwunsch denen, die so sind', und er macht dadurch Lust auf ein solches Leben.
Denn er sagt mit all diesen Seligpreisungen ja nicht: 'Hauptsache, ihr führt ein richtiges anstrengendes Leben.' Diese Vermutung kann man ja haben, wenn man hört, was in christlichen Kreisen manchmal gesagt wird: 'Hauptsache es ist anstrengend, dann ist es wahrscheinlich geistlich.' Ich habe mal von einem Pastor gehört, der hat gesagt: „Wann immer mich Gemeindeglieder um Rat fragen, die zwischen zwei Entscheidungsmöglichkeiten stehen, frage ich sie, was der schwerere Weg ist, und dann ermutige ich sie, den schwereren Weg zu wählen. Denn auf dem schwereren Weg liegt Gottes Segen.“
Das ist nicht der Fall. Das ist nicht das, was Jesus hier meint. Es geht nicht um 'Hauptsache möglichst anstrengend', sondern es geht um 'Hauptsache ein Jünger von Jesus'. Jesus sagt: 'Hauptsache, ihr seid meine Jünger, und dann kann das alles dazu gehören, natürlich.' Dass es ausdrücklich um Jünger von Jesus geht, das merkt man an Vers 11: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei übles gegen euch, wenn sie damit lügen.“ Es geht also die ganze Zeit um Menschen, die mit Jesus leben. Jesus sagt nun über solche Menschen: 'Menschen, die mit mir leben, auf die kann das alles zutreffen. Das sind Menschen, die wissen, dass sie Gott nichts zu bieten haben. Das sind Menschen, die wahrscheinlich durch Leid gehen müssen. Das sind Menschen, auf die hoffentlich die Sanftmut Gottes immer mehr abfärben wird, und das sind Menschen, die hoffentlich hungrig sind nach Gerechtigkeit.' Deswegen kann das Leben als Jünger von Jesus herausfordernd sein, spannend, schmerzhaft und anstrengend. Ganz anders als jedes andere Leben. Aber, sagt Jesus, das ist das einzige Leben, das Wert hat, und das einzige Leben das Zukunft hat.
Und jetzt kommen wir zu der einzigen Aufforderung die in diesem Text steckt, nämlich in Vers 12, da heißt es: „Seid fröhlich und getrost, es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden“. Seid fröhlich, das ist die einzige Aufforderung, freut euch. Freut euch, denn ihr wisst, so anstrengend und schwierig euer Leben sein kann, ihr wisst, worauf ihr zugeht.
Ich stelle mir vor...
Ich stelle mir vor, wir machen eine kurze Zeitreise in Gottes Zukunft, in die Zeit, in der Erde und Himmel verwandelt sind. Dann sehen wir, was Jesus gemeint hat. Ich stelle mir vor, wir laufen durch den verwandelten Himmel und werden wir plötzlich Zeuge eines riesigen Triumphzuges. Menschenmassen stehen am Rand und gucken, Musiker gehen vorweg, die Zuschauer schmeißen mit Konfetti. Und in der Mitte auf einer Sänfte oder einem Triumphwagen, da sitzt eine bescheidene alte Frau und wird bejubelt. Ich denke mir: Meine Güte, die kommt mir irgendwie bekannt vor, stimmt, der bin ich in meinem Leben hier ein paar mal begegnet. Und ich erinnere mich: Das war jemand, der genauso gelebt hat, wie Jesus sich das vorgestellt hat. Das war jemand, die wusste die ganze Zeit, sie hat Gott nichts zu bieten. Und ich denke an den Satz: „Selig sind die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich.“
Oder ich stelle mir vor: Ich laufe über die verwandelte Erde und treffe Menschen, die haben noch ganz rote Wangen. Man merkt an ihrem Gesicht, dass sie vor Kurzem noch geweint haben, aber sie haben diesen Gesichtsausdruck, den Menschen haben, wenn sie gerade getröstet worden sind, die Tränen sind abgewischt, das Weinen hört auf, sie fangen wieder an, sich zu freuen. Und ich denke an den Satz: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“
Oder ich stelle mir vor, ich bin auf dieser verwandelten Erde unterwegs, stehe plötzlich an einem großen Berghang und vor mir breitet sich eine gewaltige Landschaft aus mit Tälern und Hügeln, Wäldern und Flüssen, wunderschön. Dann merke ich an diesem Berghang steht noch jemand anderes. Wenn ich ihn anschaue, dann fühle ich mich sofort wohl. Ich fühle mich wohl, denn ich habe den Eindruck, zu dem kann ich alles sagen, ich habe den Eindruck, der nimmt mir nichts krumm, der nimmt sich auch selber nicht so wichtig. Und er sagt freundlich: „Guten Tag“, und dann guckt er auch auf diese Landschaft und sagt: „Entschuldigung, ich muss, leider los ich muss mich um meinen Garten kümmern.“ Und ich denke an den Satz: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.“
Das ist das was Jesus meint. Er sagt damit: Das ist das einzige Leben, das Wert hat, und das ist das einzige Leben das Bestand hat, und damit macht er Lust darauf ein Jünger von Jesus zu sein. Amen.
