GreifBarplus am 15.02.2009
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Ist Rache süß?
- Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2. Mose 21,24): »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will. Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. (Mt 5,38-40)
Liebe Gemeinde,
kurz nach dem Valentinstag hören wir, dass Rache angeblich süß sei. Ein schüchterner Mann sitzt an der Bar neben einer schönen Frau. Er nimmt allen seinen Mut zusammen und spricht sie an: „Ähm, würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn wir ein bisschen miteinander plaudern?“ Sie brüllt aus vollem Hals: „Nein, ich werde heute Abend nicht mit Ihnen ins Hotel gehen.“ Alle in der Bar starren hin. Als sich die Situation beruhigt, lehnt sich die Frau zu dem Mann und entschuldigt sich lächelnd: „Tut mir Leid, wenn ich Sie in Verlegenheit gebracht habe. Ich bin Psychologin und untersuche, wie Menschen in peinlichen Situationen reagieren.“ Woraufhin er heftig und laut ruft: „Was soll das heißen, 200 Euro?“ Tust Du mir weh, tu ich Dir weh!“
So etwas gibt es im wirklichen Leben auch: Als der Georgienkrieg 2008 tobte, erinnerte man sich an Witali Kolojew. Witali Kolojew ist Vizebauminister von Nordossetien. Bei dem furchtbaren Flugzeugunglück im Juli 2002 bei Überlingen, als durch eine Panne bei der Flugüberwachung zwei Flugzeuge zusammenstießen, verlor er seine Frau und seine beiden Kinder. 2 Jahre wartete er auf eine Entschuldigung, dann reiste er in die Schweiz, fuhr zum Haus des Fluglotsen, klingelte und erstach Peter Nielsen. Sein Kommentar: „Blut muss durch Blut gesühnt werden.“ Er ging dafür einige Jahre in den Knast. Als er freikam, wurde er zu Hause als Held gefeiert: „Du bist ein wahrer Mensch“, hieß es in Rußland. Er wurde zum „Osseten des Jahres“ 2007 gewählt und sagt von sich selbst: „Ich bin ein Mann, der für seine Worte und für seine Taten einsteht.“ Ist das nicht tragisch: wer wollte ihm verdenken, welche Mischung aus Trauer, Zorn, Verbitterung, Einsamkeit, Verzweiflung sich in einem Menschen ansammelt, dessen Familie durch Unachtsamkeit ausgelöscht wurde! Und doch erschrecken wir: Du tust mir weh, ich tue dir mindestens so sehr weh.
Und ist das alles auch wirklich weit weg von uns, so sind wir doch nicht frei von dieser Logik: Tust Du mir weh, tu ich dir weh. Mir wird das immer deutlich, wenn wir im Gottesdienst mit den Worten der Bergpredigt beten: Vater unser, so beten wir, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld… Bis dahin ist alles o.k., aber dann: „… wie wir vergeben unseren Schuldigern.“ Ich stocke, fast immer, denke an die, die uns das Leben schwer machen, z.B. an die Kirchengemeinde, die uns vor die Tür gesetzt hat. Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. An den Autofahrer, der mir die Vorfahrt nahm. Wie auch wir vergeben. Oder an schwierige Beziehungen in unserer Gemeinde. Und wir haben sehr, sehr schwierige Beziehungen! Wie auch wir vergeben. An den Kollegen, der mehr Ellenbogenkraft hat als ich. Wie auch wir vergeben. Und ich stutze jedesmal an dieser Stelle. Denn nehme ich sie ernst, dann sage ich: Ich möchte, Vater, dass du ihm, diesem Menschen so begegnest wie mir, so für ihn fühlst, so an ihn denkst, so für eintrittst und handelst wie für mich. Segne ihn. Tu ihm Gutes. Nicht: Er hat mir wehgetan, jetzt tu du ihm mit himmlischer Wucht weh! Nein, ich soll sagen: dass das, was er mir antat, vergeben sein soll, so wie Vater mir in seiner Großzügigkeit vergibst.
Rache oder Vergebung? Du tust mir weh, darum tu ich dir weh! Oder: Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Denkt an die, die euch am meisten verletzt haben, die Freunde, die euch im Stich ließen, den Kollegen, der Vertrauliches weitersagte, den Vorgesetzten, der euch übersehen hat, den Partner, der euch enttäuscht, vielleicht betrogen hat. Du tust mir weh, also tu ich dir weh. Oder: Wie auch wir vergeben.
Denkt aber auch an alltägliche Situationen: Jemand kommt zu spät. Jemand vergisst etwas. Jemand betritt dein Allerheiligstes. Jemand ärgert dich im Straßenverkehr. Ein Kind spurt nicht. Ein Elternteil spurt nicht. Wir sind so gebaut, dass schon Kleinkram unseren Durst nach Rache weckt.
Jesus redet in der Bergpredigt über unsere Beziehungen. Und ich muss sagen, ich finde dieses Thema um keinen Deut einfacher als das Thema der letzten Woche, als es um Ehebruch ging. Ich habe ziemlich damit zu kämpfen und finde es ziemlich furchterregend. Walter Lüthi schreibt: „Von Zeile zu Zeile ist gesagt, dass Gott nicht dein ‚Freund‘ sein kann, wenn der Bruder dein ‚Feind‘ ist.“ Was aber, wenn der andere wirklich mein Feind wird?
Jesus geht von einem Gefühl aus, das jeder von uns kennt, jeder, seit Adam und Eva das Paradies hinter sich ließen. Da verletzt dich einer und du hast nur noch einen Wunsch: es ihm heimzuzahlen. Das ist wie ein Reflex: mir tut einer weh und ich will es ihm gleichtun. Nein, ich will ihm noch ein bisschen mehr wehtun, damit er weiß, dass er das in Zukunft besser lässt. Meistens, das haben Studien gezeigt, schlagen wir etwas heftiger zurück als wir selbst geschlagen wurden. Wir könnten das jetzt testen: setzt euch paarweise zusammen, und dann bohrt mal bitte der eine mit dem Zeigefinger im Auge des andern, und der andere soll dann genau präzise so hart dasselbe wiederum beim ersten tun. Ihr werdet sehen: Es eskaliert!
In der Bibel, ganz am Anfang, steht Lamech für diesen Zug unseres Herzens: Er gehörte zur Sippe Kains und brüstete sich damit, dass er einen Mann erschlug, weil der ihn verletzt hatte, einen Jüngling tötete, der ihm eine Beule beigebracht hatte. Das Programm der Lamech-Menschheit heißt: Heftige Rache.
Jesus zitiert nun das alttestamentliche Gesetz: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2. Mose 21,24): »Auge um Auge, Zahn um Zahn.«“ Und damit bezieht er sich zurück auf das zweite Buch Mose. Da hat Gott der Rache einen Riegel vorgeschoben: nicht Totschlag für Verwundung, nicht Mord für eine Beule, nur, wirklich nur: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Beule um Beule, Wunde um Wunde“ Und jeder in Israel erinnerte sich an Lamechs stolze Worte und wusste: Das will Gott nicht. Auge um Auge, Zahn um Zahn ist ein echter Fortschritt, es bedeutet: rechtlich geordnete Verhältnisse. Es ist ein echter Fortschritt, denn es bedeutet: der Rache wird eine Grenze gesetzt. Und eigentlich muss man sagen: Das ist doch klasse, wenn man sich daran schon mal hielte.
Aber Jesus geht nun einen radikalen Schritt weiter: Ich aber sage euch! Was sagt er aber? Kurzum sagt er: Verzichte auf Vergeltung. Verzichte darauf, dein Recht durchzusetzen. Verzichte darauf, es dem anderen heimzuzahlen. Vergib deinem Schuldiger! Liebe den, der dich nicht liebt. Du tust mir weh, aber ich werde dir nicht weh tun.
Moment Jesus, wie meinst du das denn? Ich meine es so, sagt Jesus: Antworte auf Böses nicht mit Bösem. Zahl nicht heim. Segne. Tu Gutes. Bete. Und dann nennt er drei kleine Alltagssituationen, in denen das sofort konkret wird. Die gehören zu den am meisten missverstandenen Worten in der Bibel. Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, halte ihm die andere hin. Gib dem, der deine Untergewand will, auch dein Obergewand. Geh mit dem, der dich zwingt, eine Meile mitzugehen, lieber gleich zwei. Wir müssen jetzt Acht haben: Meint Jesus, wir sollen uns wie Dummköpfe verhalten? Meint er, wir sollen uns in keinem Fall wehren? Lass dich verletzen, solange es dem anderen Spaß macht? Lass dir alles aus der Tasche ziehen, bis du mittellos dastehst? Lass dich ausnutzen, missbrauchen, beschimpfen, ohne dich abzugrenzen und zu schützen? Geh jedem Konflikt aus dem Wege, gib immer nach? Wir könnten zumindest meinen, dass Jesus genau das von uns verlangt!
Aber es sind keine allgemeinen Gesetze, die Jesus hier aufrichtet und die von uns wortwörtlich zu erfüllen wären. Noch einmal: Jesus schreibt hier nicht ein neues Bürgerliches Gesetzbuch für Fromme. Jesus spricht hier sehr konkrete Alltagssituationen an, und er zeigt, wie das, was oben schon gilt, hier bei uns anfangen kann. Ihr, die ich seligpreise, ihr Armen, Friedfertigen, Sanftmütigen, ihr Kinder des Vaters, euch steht das Reich offen. Nun: Welche völlig neuen Möglichkeiten tun sich euch auf? Wie könnt ihr so leben, dass das, was oben schon wahr ist, auch hier wirklich wird?
Erste Situation: Wenn euch jemand auf die rechte Backe schlägt… Das ist keine Spielregel für jede Lebenslage. Das ist nicht die Anweisung an geprügelte Ehe-frauen, sich weiter verprügeln zu lassen. Das ist nicht der Hinweis für den Schulhof, dass sich Kinder von Christen bitte nie wehren dürfen. Auf die rechte Wange schlagen, das geht nur mit der linken Hand, die im Orient als besonders unrein gilt, oder mit dem Handrücken der rechten Hand (ich kann das gerade einmal vormachen …). Und beides bedeutet eine extreme Beleidigung und Ent-ehrung. Nur einen Sklaven oder ein Kind schlug man so. Was kann ich tun: zurückschlagen, diskutieren oder weglaufen! Jesus sagt: ich habe eine andere Idee: Deine Ehre ruht in den Händen des himmlischen Vaters. Deine Sicherheit ruht in Gottes Hand. Selig, selig, selig bist du! Du bist nicht in Gefahr. Sei kreativ, sei stark. Hau nicht zurück, lauf nicht weg. Steh fest und halte ihm die andere Wange hin.
Dietrich Bonhoeffer hat das so ausgelegt: „Die Überwindung des Anderen erfolgt nun dadurch, dass sein Böses sich totlaufen muss, dass es nicht findet, was es sucht, nämlich Widerstand und damit neues Böses, an dem es sich um so mehr entzünden könnte. Das Böse wird darin ohnmächtig, dass es keinen Gegenstand, keinen Widerstand findet, sondern willig getragen und erlitten wird. Hier stößt das Böse auf einen Gegner, dem es nicht gewachsen ist.“
Zweite Situation: Rock und Mantel; das ist Pfandrecht! Und es geht um sehr, sehr arme Menschen. Konnten die eine Schuld nicht bezahlen, wurden sie gepfändet. Auch die Kleidung: Untergewand und Obergewand, Hemd und Rock. Warum nicht Hosen? Wieviele Male kommen Hosen in der Bibel vor? Also, Hosen sind keine biblisch legitimierte Kleidung! Zurück: Dem Armen konnte auch die Kleidung gepfändet werden, das was er am Leibe trug. Aber das Pfandrecht schrieb vor, dass der wärmende Mantel zwar tagsüber gepfändet werden durfte, aber bei Sonnenuntergang zurückgegeben werden musste, damit der Gepfändete nicht frieren musste. Nun sagt Jesus: Wenn sie dich pfänden, dir das Letzte wegnehmen, wenn sie das dünne Untergewand pfänden, dann gibt ihnen auch das Obergewand, gib ihnen auch den Mantel. Dann stehst Du nackt da, und das ist höchste Entehrung, größte Beschämung. Ein Akt der Erniedrigung. Wer tat so etwas in Israel? Die Propheten taten so etwas in Israel. Wer so etwas tat, setzt ein Zeichen. Es ist wie ein gewaltloser Protest gegen die Reichen. Vielleicht kommen sie zu Sinnen, wenn sie sehen, wohin ihr Treiben führt. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber, so Jesus, euer Leben liegt in Vaters Hand. Ihr könnt stark sein. Wer so handelt, ist nicht mehr Opfer. Er tritt aus der Rolle des Opfers heraus, stark und kreativ. Selig ihr Armen. Selig ihr Jünger, ihr Botschafter des kommenden Königreichs.
Dritte Situation: Die zweite Meile! Wahrscheinlich geht es hier z.B. um römische Besatzungssoldaten. Die nahmen sich das Recht, sich irgendeinen beliebigen Bürger zu schnappen und ihn als Lastenträger einzuspannen. Und sie nicht nur dafür verhasst und verachtet. Die Zeloten antworten mit Terror. Und jeder Jude fühlte den Zorn und den Wunsch: Du tust mir weh, eines Tages tue ich dir weh. Jesus sagt: O.k., so ist das. Aber du bist ein Kind des Vaters, ein Jünger des Königs. Deine Würde ist so groß, dass nichts sie zerstören kann. Und jetzt schau hin: Du kannst diese Erniedrigung unterlaufen durch Überbietung. Guck ihn dir an, den römischen Soldaten. Er ist selbst ein armer Kerl, jung, oft misshandelt, fern von seiner Familie. Der Dienst macht ihn roh, aber er ist doch jemandes Kind, jemandes Geliebter, jemandes Freund. Das Böse entmenschlicht uns, aber dahinter steckt das Antlitz eines von Gott geschaffenen Wesens. Und du kannst stark sein. Du kannst kreativ sein, damit das, was im Reich Gottes gilt, in diese Welt der gegenseitigen Verletzung und Erniedrigung einbricht. „Du siehst müde aus, du hast einen harten Dienst, lass mich einfach noch eine Meile mitgehen, es ist o.k. für mich.“
Was lernen wir für unser Leben, was ist Nachfolge, wie lebt ein Jünger? Das ist ja unser Thema. Ich glaube, dass wir drei Dinge wissen und uns zu Herzen nehmen sollen, wenn wir Jesus hier ernst nehmen:
Das erste: Die Bergpredigt ist kein Gesetzbuch, sondern das Bilderbuch des Reiches Gottes!
Wir können die Bergpredigt so oder so falsch verstehen und an dem vorbeigehen, was Jesus meint:
1. Wir können sie als Gesetzbuch lesen, dann sagt sie, was alle sofort und überall in jeder Lage tun müssen. Dann sagt das Evangelium: lass dich ausbeuten, misshandeln, verraten und verkaufen und tu nie etwas dagegen. Lass auch zu, dass andere ausgebeutet, misshandelt, verraten und verkauft werden – und tu nichts dagegen. Dann tun wir so, als wären wir nicht mehr jenseits von Eden und diesseits des Himmels. Aber es ist eben so: diese Welt funktioniert nicht ohne Polizei und Recht, und das ist gut so, damit sich nicht Menschen wie Lamech grenzenlos rächen oder wie Witali Kalojew die Rache in die eigenen Hände nehmen. In dieser Welt konnte man nicht mit der Stasi noch eine Meile laufen. In dieser Welt muss man Misshandelten Mut machen sich zu wehren und auch Kindern beibringen, sich nicht einfach alles gefallen zu lassen. In dieser Welt gibt es Konflikte, die wollen bestanden werden, und Nachgiebigkeit ist nicht immer ein Zeichen von Stärke und keineswegs immer richtig.
2. Wir können sie aber auch als weltfremde Lyrik lesen, als Traum von einer besseren Welt, als Spinnereien eines Mannes, der dann auch elend scheiterte. Dann ist das alles zwar schön, aber zeigt uns bestenfalls, wie verkehrt und verrückt unsere Welt ist, und wie weit wir selbst von dem weg sind, was Gott einmal wollte. Unser böses Herz wird dann offenbar, mehr nicht. Für unser alltägliches Leben sagt die Bergpredigt nichts, gar nichts. Und wir deuten so lange an den Worten Jesu herum, bis Jesus genau das Gegenteil von dem meint, was er sagt. Er sagt zwar: liebe deine Feinde, aber er meint höchstens, wir sollen vielleicht nicht so doll zurückschlagen usw.
Aber die Bergpredigt ist weder ein Gesetzbuch noch weltferne Lyrik. Sie ist das Bilderbuch des Reiches Gottes. Sie zeigt uns, was bei Gott gilt, und was wir herbeirufen, wenn wir beten: Dein Reich komme, dein Wille geschehe, jetzt schon soll es anfangen, immer wieder und vielleicht auch immer öfter, bis es sich ganz durchsetzt. Also heißt die Frage: Wie lebe ich ein Leben als Jünger, in der Spur Jesu, mit seiner Kraft?
Das zweite: Jesus selbst liebt seine Feinde – zu unserem Heil!
Versteht ihr, das ist der entscheidende Grund für alles, was Jesus hier verlangt. Gott selbst macht es vor. Wenn Jesus sagt, liebet eure Feinde, dann hat er Vater vor Augen, der uns liebt, obwohl wir uns feindlich verhalten haben. Sünde ist kein Versehen, Sünde ist Feindschaft gegen Gott. Aber Vater verzichtet auf Rache. Vater vergibt den Schuldigen, wieder und wieder und wieder, was immer wir angestellt haben. Paulus sagt es einmal ganz präzise: Wir sind durch den Tod Jesu mit Gott versöhnt worden, als wir noch Feinde waren. Das was Gott tat, am Kreuz von Golgatha, ist praktizierte Feindesliebe. So ist er, er kann nicht anders, er liebt, und wenn es seine Feinde sind. Und wir können ins Detail gehen und uns die letzte Woche im Leben Jesu anschauen: Er liebt, auch wenn sie ihn anspucken, foltern, verspotten:
- Der Schlag ins Gesicht: Sie haben ihn bespuckt und geschlagen. Verrat uns, wer dich schlägt, haben sie gehöhnt. Und Jesus? Er hätte eine schnelle Eingreifstruppe von Engeln herbeipfeifen können. Du tust mir weh, ich tue dir sehr weh! Aber was tut er? Er steht und hält die andere Wange hin.
- Das Hemd und der Rock: Sie verurteilen ihn zum Tode und am Ende ent-ehren sie ihn völlig. Anders als auf unseren Bildern stirbt Jesus nackt am Kreuz. Und unter dem Kreuz würfeln sie um sein Hemd und seinen Rock. Nimm auch noch meinen Rock!
- Und die zweite Meile: Sie zwingen ihn, das Kreuz durch Jerusalem zu tragen. Und als er es nicht mehr schafft, nehmen sie einen, der am Straßenrand steht und zwingen ihn, das Kreuz zu tragen, erst eine Meile und dann noch eine.
Darum geht es immer, bei allem, was wir hier bedenken: Gott tat es für uns. Darum: Selig ihr Armen, selig ihr, denen man weh tat, ihr Verletzten. Für euch steht das Reich offen, weit offen. Ihr seid Kinder des Vaters, Jünger des Meisters. Und nun zeigt etwas vom Wesen des Vaters und von der Art des Meisters durch Euer Leben.
Darum das dritte: Es geht darum, in unserem Alltag Chancen zu erkennen, starke und kreative Botschafter des Reiches zu sein.
Darum geht es, dass wir durch die nächste Woche gehen, und dann kommen die Alltagssituationen. Und wir sagen: Jetzt ist meine Chance gekommen. Da tut uns einer weh. Da treibt uns einer zum Wahnsinn. Da begegne ich dem, mit dem ich mich überworfen habe. Da ist der schwierige Kollege. Der den großen Fehler beging. Da ist der, der mich übervorteilt hat. Der der mich belogen hat. Da ist der, mit dem ich schon lange nicht kann. Wo das Schweigen so lange währt. Da ist der, an den ich denke, wenn ich beim Vaterunser stocke. Da ist der, dem ich gerne weh täte. Du tust mir weh, ich schlage zurück. Da ist mein Widersacher. Da ist der, der sich immer bedienen lässt. Da ist diese schwierige Person in der Gemeinde.
Und ich frage vielleicht: Habe ich nicht das Recht, wütend zu sein? Habe ich nicht das Recht zu vergelten? Wollen wir jetzt das Böse gut und den Feind Freund nennen, nur um der Harmonie willen?
Aber Jesus sagt nicht: Das ist nicht böse, der ist kein Feind. Er nennt das Böse böse und den Feind Feind. Und er sagt nicht: Es muss jetzt nur noch harmonisch sein. Er sagt nicht: Ihr müsst jetzt Busenfreunde werden. Aber er sagt: Selig, du Armer, selig, du Enttäuschter, selig, du Verletzter. Deine Ehre, deine Sicherheit, dein Schutz liegt in Vaters Händen. Und nun sei stark und kreativ und sei ein Botschafter des Reiches. Segne und fluche nicht. Sprich und schweige nicht. Wende dich zu und nicht ab. Verweigere dich nicht. Reich die Hand und balle sie nicht zur Faust. Streite, aber verstoße nicht! Vergib und schlag nicht zurück. Bete für deinen Widersacher. Entscheide dich gegen deine Gefühle und bete: wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Unterlaufe das Böse, biete ihm keinen Widerstand. Es wird ins Leere laufen. Das ist deine Chance. Und du hast nicht das Recht, nicht zu lieben. Das hast du nicht, wenn du mir folgst. Du hast nicht das Recht zu hassen. Du sollst auch den, den du nicht liebst, zusammenbringen mit dem Jesus, dem du folgst. Aber du hast die Chance, ein Zeichen des Reiches zu setzen. Du hast die Chance, nicht mehr Opfer zu sein. Du hast die Chance, jetzt schon zu leben, was im Himmel sowieso gilt und ewig gelten wird. Das bedeutet es ein Jünger zu sein. Und Gottes Volk willigt ein und ruft AMEN.
