GreifBarplus am 22.02.2009
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Vorsicht, Frömmigkeit!
- Habt Acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel. Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, 4 damit dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.
5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten. 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.1 [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]2 14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.
16 Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 17 Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, 18 damit du dich nicht vor den Leuten zeigst mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten. Matthäus 6,1-18
Manchmal hat man ja den Eindruck, manche Leute tun etwas, nur um hinterher davon erzählen zu können. Bei etwas geschickteren Leuten äußert sich das meist so nebenbei. Die kommen dann zu Besuch und schauen auf das Poster eines Gemäldes, das man bei sich zu Hause an der Wand hängen hat. Und dann sagen sie so ganz nebenbei: „Schön, ein schönes Bild, obwohl mir die Farbtiefe beim Original im Louvre doch besser gefallen hat“. Oder: „Als ich das letzte Mal in den Uffizien in Florenz war, dachte ich, das Original sieht doch besser aus“.
Manchmal hat man auch den Eindruck, Leute tun nicht nur etwas, um hinterher davon erzählen zu können, sondern sie tun auch so, als ob sie etwas getan hätten, um hinterher davon erzählen zu können. Ich erkläre: Ich habe mal von einem Mann gehört, der fuhr mit dem Fahrrad einzelne Etappen der Tour de France nach - also dieser Radtour, die einige von uns vor einigen Jahren noch geguckt haben, als wir noch nicht wussten, was da alles an Doping betrieben wurde. Und dieser Mensch hat erzählt, dass er auf einem der gefürchteten Bergpässe der Tour de France ankam. Diesen steilen Berg war er hochgefahren. Oben auf dem Gipfel war ein Parkplatz, auf dem sich einige Amateurradfahrer ausruhten. Da war auch ein Schild, das diesen Bergpass anzeigte. Und dann, sagte dieser Mann, kam plötzlich ein Kleinbus an, aus dem stiegen mehrere Männer in voller Fahrradmontour aus, nahmen ihre Fahrräder, spritzten sich Wasser über die Haare und ihre Kleidung, stellten sich vor das Schild, machten ein Foto von sich vor dem Schild mit ihren Fahrrädern, stiegen in den Bus und fuhren wieder weiter.
Jesus sagt: Bei dem, was man so unter Frömmigkeit fasst, kann es genauso sein - dass nämlich manchmal Dinge getan werden, nur um hinterher davon erzählen zu können. Und manchmal auch, dass man so tut, als ob man etwas tut, nur um hinterher davon erzählen zu können. Und deswegen, sagt Jesus, funktionieren bestimmte Dinge die man als Christ tut, am besten ohne Scheinwerferlicht.
Am besten ohne Scheinwerferlicht
Jesus sagt, bestimmte Dinge die man als Christ tut, sollte man im Zweifel lieber hinter den Kulissen tun. Ich zitiere aus unserem Predigttext die ersten beiden Verse, da sagt Jesus: „Habt acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden. Ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater ihm Himmel. Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden, Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn schon gehabt.“ Und er sagt weiter, in Vers 5: „Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn schon gehabt." Und er sagt in Vers 16: „Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer drein sehen wie die Heuchler, denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn schon gehabt“.
Aus diesen Worten, die Jesus sagt, kann man schließen, dass es alles das damals gegeben haben muss. Dass Leute vor sich haben ausposaunen lassen, wieviel sie spenden. Oder dass Leute in ihrer Gebetspraxis sehr demonstrativ waren, sich gerne öffentlich hingestellt haben, laut und hörbar gebetet haben, damit andere es mitbekommen. Oder dass Leute gefastet haben und absichtlich sauertöpfisch drein gesehen haben, damit man auch merkt, welches Opfer sie gerade bringen. Das muss es damals gegeben haben.
Das gibt es heute natürlich nicht mehr... Nein, das gibt es heute natürlich doch. Das kennen wir vielleicht aus der frommen Szene. Ich behaupte auch, abgeschwächt gibt es das auch bei uns. Wir sind natürlich ein bisschen geschickter, aber in abgeschwächter Form gibt es das auch bei uns. Ich selber kann mich davon gar nicht freimachen. Es gibt es auch bei uns, dass wir Nebensätze fallen lassen wie: "Ja, das ist mir auch gestern morgen um 6.15 Uhr in meiner Stillen Zeit klar geworden." Macht sich gut, so ein Satz, so ins Gespräch eingeflochten. Oder relativ beliebt - und auch davon kann ich mich nicht freimachen - ist eine christliche Sportart, die nennt sich Kalenderzücken. Kalenderzücken funktioniert so: Wenn man einen Termin ausmacht, dann blättert man in seinem Kalender und zählt auf, was man alles macht: "Hauskreis, Glaubenskurs, GreifBarPlus-Vorbereitung, GreifBar-Vorbereitung, GreifBar-Einladeaktion, da kann ich leider nicht, tut mir leid, ich würde gerne, aber meine ganze Woche ist voller Gemeindetermine." Das mahnt Jesus an und sagt: Macht bestimmt Dinge am besten hinter den Kulissen, ohne Scheinwerferlicht, damit ihr erst gar nicht in Versuchung kommt, dass ihr es tut, um von den Leuten gesehen zu werden.
Jetzt könnte man trotzdem an dieser Stelle eine freche Zwischenfrage stellen. Das sage ich als jemand, der ein großer Freund von frechen Zwischenfragen ist. Ich mag freche Zwischenfragen. Meine freche Zwischenfrage an dieser Stelle lautet: Warum eigentlich nicht?
Was ist eigentlich jetzt ganz genauso schlimm daran, etwas zu tun, was dem Glauben entspricht und das auch öffentlich zu tun und dafür ein bisschen Anerkennung zu ernten. Was genau ist eigentlich das Schlimme daran? Wieso hat Jesus ein Problem damit? Natürlich kann es nicht darum gehen, dass man Dinge vortäuscht, die man in Wirklichkeit gar nicht tut, das ist klar. Aber was ist eigentlich so schlimm daran, wenn man sich engagiert oder eine blühende Gebetspraxis hat und das hin und wieder erzählt – das ist doch menschlich, oder? „Tue Gutes und rede darüber“... Und übrigens, dem Bettler zum Beispiel ist es egal, ob ich ihm das Almosen gebe und hinterher dafür von anderen gepriesen werde oder nicht. Ihn freut es, das er es bekommt, und ob ich dabei ein reines Gewissen habe, ist seine Frage nicht. Auch der englische Schriftsteller C.S. Lewis hat sinngemäß einmal gesagt: Natürlich kann man Sünden nicht gegeneinander aufrechnen. Man kann nicht sagen: Das ist jetzt die schlimmste und das ist die weniger schlimme. Aber wenn man Sünde vergleichen müsste, sagt C.S. Lewis, dann könnte man schon sagen: Eitelkeit ist zwar eine Schwäche und eine Sünde, aber sie ist immer noch ein bisschen harmloser als Hochmut. Wenn jemand eitel ist, dann interessiert ihn jedenfalls immer noch die Meinung der anderen. Er interessiert sich dafür, was die anderen denken. Das ist natürlich ein Fehler, aber, sagt C.S. Lewis, das ist immer noch besser als jemand, der sagt: ‚Was interessiert mich die Meinung der anderen, die haben ja sowieso keine Ahnung!’ Das ist Hochmut. Das ist die Sünde eines Menschen, der vollkommen ohne andere Menschen auszukommen meint. Wo also liegt das Problem, wenn man mit seiner Frömmigkeit so ein bisschen angibt? Wo ist das Problem?
Das Problem ist, dass es beim Christsein um eine Beziehung geht und nicht um ein Mittel zum Zweck. Wenn ich Jünger von Jesus bin, wenn ich ihm nachfolge, wenn ich mit ihm durchs Leben gehe, dann ist das eine lebendige Beziehung, bei der ich ihm in allem vertraue, immer mehr lerne, ihm zu vertrauen. Darum geht es. Es geht nicht um irgendetwas anderes, was ich damit erreiche, sondern es geht um diese Beziehung, um das Vertrauen zu Jesus. Er ist der, von dem ich alles Gute erwarte. Er ist der, dem ich in allem alles Gute zutraue.
Ich bin der Überzeugung, dass dieses Zutrauen die stärkste Kraft überhaupt ist. um einen Menschen zu verändern. Vertrauen ist immer stärker als Druck oder Pflicht oder Gewohnheit. Vertrauen ist die stärkste Kraft, die es gibt um einen Menschen zu verändern. Ein Bekannter von mir hat mir mal erzählt, dass er bei einer Familie zu Besuch war, Vater, Mutter, mehrere kleinere Kinder. Eins von den kleinen Kindern war so ungefähr drei Jahre alt. Der Bekannte wurde durch die Wohnung geführt, der Vater zeigte ihm das Kinderzimmer und merkte, während er das Kinderzimmer zeigte, nicht, dass sein kleiner dreijähriger Steppke auf den Schrank geklettert war, irgendwie über mehrere Möbel oben auf den Schrank. Und dann rief er, während sein Vater ihm den Rücken zuwandte: ‚Papa, fang!’ und sprang runter. Sein Vater konnte sich gerade noch rechtzeitig umdrehen und seinen Sohn fangen. Natürlich ist das nicht ein vorbildliches Verhalten; gut, dass die Kinder gerade draußen sind – don't try this at home,
versucht das nicht zu Hause. Nur was deutlich wird ist, dass dieser kleine dreijährige Sohn seinem Vater alles Gute zutraute und sagte: Wenn ich springe – ich weiß, Papa wird mich fangen.
Vertrauen ist die stärkste Kraft, um ein Leben zu verändern. Und weil es beim Jüngersein um das Vertrauen zu Jesus geht, deswegen macht es Sinn, anders zu leben als vorher. Deswegen macht all das Sinn, was er in der Bergpredigt sagt, was wir in den letzten Wochen gehört und besprochen haben. Deswegen macht es Sinn und deswegen leben wir nicht nach dem Willen von Jesus, um etwas anderes zu erreichen. Ich weiß nicht, ob ihr schon mal eine verzweckte Beziehung erlebt habt. Ob ihr schon mal erlebt habt, dass ihr in einer Beziehung mit jemandem steht und ihr denkt, eigentlich ist das mein Freund, eigentlich ist das eine gute Freundin von mir und dann nach einer Weile stellt ihr fest: Der oder die hat mit dem Kontakt mit mir nur etwas ganz bestimmtes bezweckt, und das hat mit mir gar nichts zutun. Jesus sagt: ‚Darum geht es beim Jüngersein nicht, sondern es geht um das Vertrauen zu mir.’
Und das heißt, für alles das was Jesus sagt, alles das was er sich von uns wünscht, alles das was er uns als Verhaltensweisen empfiehlt, dass es ein Vorrecht ist und nicht eine traurige Pflicht. Jesus sagt also im Grunde: Macht das, was ihr in meinem Namen tut, macht es mit Überzeugung – oder lasst es. Gebt mit Überzeugung von eurem Besitz ab. Betet mit Überzeugung. Fastet mit Überzeugung. Übt mal Verzicht mit Überzeugung. Macht das, wenn ihr davon überzeugt seid, oder lasst es. Meint ihr etwa, sagt Jesus damit sinngemäß, sagt übrigens auch Gott an vielen anderen Stellen der Bibel, meint ihr etwa, ich habe etwas davon, wenn ihr das nur als traurige Pflicht tut? Davon habe ich nichts. Meint ihr, ich habe etwas davon, wenn ihr Verzicht übt und dabei so deutlich sichtbar eine Leidensmiene aufsetzt und sagt ich habe es auf mich genommen...? Meint ihr, sagt Gott, ich habe etwas davon, wenn ihr sagt: ‚Das Gebet, das Gespräch mit meinem Schöpfer ist für mich eine traurige Pflicht’? Was, bitteschön, sagt Gott, soll ich denn davon haben?
Macht das, was ihr tut, mit Überzeugung, oder lasst es – das heißt nicht, und das kann ich gar nicht genug betonen, das heißt nicht: Macht einfach nur das, was so spontan aus euch heraus kommt. Das meine ich nicht. Ich weiß nicht, ob ihr diesen Satz kennt, den habe ich auch schon in einer Predigt vor einiger Zeit erwähnt, diesen Satz, der in der christlichen Szene gerne oft gesagt wird und der eine Superausrede ist, wenn man irgendeine unliebsame Aufgabe nicht übernehmen will. Dieser geradezu magische Satz lautet: „Das ist grad’ nicht für mich dran.“ Super, das funktioniert ohne jegliche weitere Begründung: „Ist nicht dran, für mich, tut mir leid. Abspülen, ist nicht dran. Ehrlich sein, ist grad nicht dran, fühlt sich irgendwie nicht richtig an.“ Das ist nicht gemeint, es geht nicht darum, dass wir nur das machen, was so spontan aus unserem Bauch heraus kommt und wozu wir uns spontan geführt fühlen. Sondern wovon man überzeugt ist, dazu kann man sich natürlich auch entschließen. Ich kann mich vom Kopf her zu etwas entschließen, von dem ich empfinde, dass es gerade stressig sein könnte, es entspricht aber meiner Überzeugung, ich weiß es ist eigentlich gut für mich. Und es kann sein, dass es manchmal anstrengend, aufwendig und schwierig ist, aber eigentlich weiß ich, das ist gut für mich, eigentlich entspricht es dem, wie ich leben möchte. Und wenn ich mich dazu entschließe, so zu leben, wie Gott es will, dann tue ich das, weil ich weiß, dass es ein Vorrecht ist, so zu leben zu dürfen.
Nehmen wir zum Beispiel das Gebet. Ich weiß nicht, ob ihr mitbekommen habt, dass kurz vor der Amtseinführung von Barack Obama darüber diskutiert wurde, was denn jetzt mit seinem BlackBerry passiert. Ein BlackBerry ist ein kleines intelligentes Handy, ein Mobiltelefon. Ich hab mal gehört, jemand hat gesagt, ein BlackBerry, das ist der Fehltritt einer Schreibmaschine mit einer Hotelseife. Also, es sieht nicht schön aus, man kann damit Emails versenden und telefonieren und Termine abrufen usw. Und damit hat Barack Obama immer kommuniziert. Das Problem ist nur, dass diese Dinger nicht sehr abhörsicher sind. Seitdem er Präsident ist, durfte er das nicht mehr verwenden, also hat ihm der militärische Geheimdienst ein neues Gerät verschafft, das sieht noch weniger schön aus, und damit kann man aber relativ abhörsicher kommunizieren. Die Zahl der Menschen, die die Nummer dieses Gerätes und die neue Email Adresse von Barack Obama haben, ist drastisch gesunken. Es gibt nur einen kleinen erlauchten Kreis von Leuten, die diese private Email Adresse und diese private Telefonnummer haben und die geben die nicht weiter. Jetzt stellt euch mal vor: Ihr kommt durch irgendeinen Zufall an diese Telefonnummer, würdet ihr dann sagen: ‚Ach ne, ach vielleicht nächstes Jahr rufe ich mal an.’ Wir haben als Christen einen ständigen direkten unmittelbaren Zugang zu unserem Schöpfer, zu Gott selbst. Das ist doch keine traurige Pflicht, wenn wir sagen: ‚Meine Güte also, jetzt muss ich schon wieder mit dem Chef des Universums reden, der mich über alles liebt, der mich besser kennt als ich selbst, der das allerbeste für mich will, der besser für mich sorgt, als ich selber kann. Das ist der, der die Milchstraßen erschaffen hat, der die Erde erschaffen hat, der mich erschaffen hat, ja, ich habe aber eigentlich keine Lust, mit ihm zu reden.’ Das ist doch keine traurige Pflicht zu beten, das ist ein ungeheures Vorrecht! Darum geht's.
Was heißt das praktisch? Natürlich kann man seine Einstellungen und seine Empfindungen nicht einfach per Knopfdruck ändern. Das heißt: Wenn man sich dabei ertappt: ‚Hin und wieder tue ich Dinge, die ich als Christ tue, nur um nicht aus dem Rahmen zu fallen, nur um vor den anderen gut dazustehen’ – wenn man sich dabei ertappt, und ich vermute, wir alle ertappen uns dabei hin und wieder, dann kann man dieses Gefühl natürlich nicht einfach per Knopfdruck ändern. Das ist genauso unmöglich wie die Aufforderung: ‚Ich möchte, dass du dein Zimmer aufräumst und dass du es gern tust!’ Geht nicht, oder? Das wird sich vielleicht erst nach einer ganzen Weile ändern, je mehr man lernt, Gott zu vertrauen, desto mehr merkt man: ‚Ich muss ja wirklich hier nicht irgendein Programm abarbeiten, um anderen Leuten zu genügen, sondern es geht um etwas, was in der Vertrauensbeziehung zu Gott, zu Jesus Sinn macht, was das einzig logische und das einzig sinnvolle ist. Darum geht es. Es kann sein, dass es eine ganze Weile dauert, und dass Gott viele vertrauensbildende Maßnahmen ergreift, bis wir es wirklich lernen, das kann sein.
Es gibt allerdings ein paar praktische Möglichkeiten, wie man sich selbst so hin und wieder austricksen kann, also sich selbst in diesem Gefühl: ‚Ich müsste was machen, um anderen zu gefallen, ich tue es aber nicht für Gott’ – wie man sich darin austricksen kann. Zwei Beispiele:
Das erste Beispiel zum Thema Abgeben, Geld oder Besitz abgeben. Ich lese nochmal die Verse 3 + 4 unseres Textes. „Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen was die rechte tut, damit dein Almosen verborgen bleibe und dein Vater der in das Verborgene sieht wird dir es vergelten“. Das heißt, wenn du von deinem Besitz abgibst, um bedürftigen Menschen zu helfen, dann tust du das nicht für die Öffentlichkeit, sondern du tust es für diese anderen Menschen und du tust es in Verantwortung vor Gott. Du tust es nicht für die Öffentlichkeit. Ich habe hin und wieder eine Mutprobe probiert, die würde ich gar nicht unbedingt empfehlen, die Mutprobe bestand darin, dass ich mir aus der Kollekte Wechselgeld genommen habe. Die Kollekte ist ja der Beutel, in dem in Gottesdiensten Geld gespendet wird; bei uns ist das eine Dose, die draußen auf dem Tisch steht, in anderen Gemeinden ist das ein Beutel, der rumgegeben wird. Oft stand ich und stehe ich auch jetzt manchmal vor der Situation, dass ich in meinem Portemonnaie eine kleine Münze habe und einen großen Schein. Die kleine Münze ist mir zu wenig, ich möchte eigentlich mehr geben, der große Schein ist mir ehrlich gesagt zu viel, soviel wollte ich auch nicht geben. Normalerweise behilft man sich dann damit, dass man die kleine Münze gibt, habe ich auch schon oft gemacht, um die Form zu wahren und nicht negativ aufzufallen. Hin und wieder habe ich all meinen Mut zusammen genommen und hab gesagt: Nein, vor Gott weiß ich, ich möchte eigentlich mehr geben, ist mir doch egal, was meine Sitznachbarn denken – also habe ich mir Wechselgeld aus dem Kollektenkorb genommen. Ich möchte betonen, ich habe weniger heraus genommen, als ich hinein getan habe! Und manchmal, wenn ich in anarchischer Stimmung war, haben mich die irritierten Blicke der Umsitzenden sehr amüsiert, manchmal. Aber das meinte ich gar nicht, sondern wie man sich jetzt praktisch austrickst an der Stelle, die Jesus hier anspricht, das funktioniert so: Ich überlege mir, wem oder welcher Organisation ich einmal etwas zukommen lassen möchte und lasse es diesem Menschen oder dieser Organisation zukommen, ohne dass er oder sie merkt, von wem es kommt. Indem ich es in einen Briefumschlag stecke ohne Absender. Dann freuen sich am Ende drei, der oder die andere, ich selbst, und Gott. Am besten mache ich das Ganze so heimlich, dass ich auch selber nichts davon mitkriege, dann kann ich mich selbst ein bisschen austricksen.
Zweites Beispiel zum Thema Beten: Vers 6 und Vers 7 unseres Textes. „Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist und dein Vater der in das Verborgene sieht, wir dir es vergelten und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden, denn sie meinen sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen“. Meine Empfehlung, das ist natürlich nur ein Vorschlag zur Güte, meine Empfehlung lautet: Sucht euch im Laufe der nächsten Tage doch einmal eine ruhige Minute oder mehrere ruhige Minuten, und zieht euch an den Ort in eure Wohnung zurück an dem ihr absolute Ruhe habt. An einen Ort wo wirklich Stille herrscht. An einen stillen Ort. Schließt euch ein, genauso ist es gemeint, schließt euch ein und schüttet euer Herz vor Gott aus, alles das was euch auf dem Herzen liegt. Euer Vater weiß was ihr bedürft. Schüttet euer Herz vor Gott aus, sagt ihm alles, was ihr ihm immer schon mal in den letzten Tagen habt sagen wollen. Dann sagt irgendwann: Amen. Macht die Tür auf, vor der Tür werden sich vielleicht die anderen Bewohner eurer Wohnung versammelt haben und nervös hin und her trippeln und dann sagt nicht, widersteht der Versuchung zu sagen: ‚Ich war auf dem stillen Ort, um meine stille Zeit zu machen’, sondern sagt: ‚Tut mir leid, dass es ein bisschen länger gedauert hat.’ Versucht das mal. Das ist natürlich keine narrensichere Technik, aber es ist eine Möglichkeit, sich selber so ein bisschen zu trainieren.
Das Witzige finde ich, dass wenn man seine Frömmigkeit auf diese Weise lebt, dass man langfristig sehr viel mehr Ausstrahlung nach außen haben wird, als wenn man auf seine Außenwirkung achtet. Ich wiederhole, wenn man seine Frömmigkeit auf diese Weise lebt, hat man langfristig viel mehr Außenwirkung, viel mehr Ausstrahlung, als wenn man ständig auf seine Außenwirkung bedacht ist. Das merke ich zum Beispiel an so Leuten wie Adrian Plass. Ich weiß nicht, ob ihr Adrian Plass kennt, christlicher Humorist, christlicher satirischer Schriftsteller aus England. Wenn man seine Bücher, seine persönlicheren Bücher liest, merkt man, dass er ein inniges, warmes, intensives Vertrauen zu Jesus hat. Und zugleich ist er auf eine sehr herrliche Weise in der Lage, die Absonderlichkeiten der christlichen Szene auf die Schippe zu nehmen, und seine Ehrlichkeit ist richtig befreiend. Da sagt er, dass er im Gottesdienst sitzt und wenn er im Gottesdienst sitzt, misst er die Länge der Predigten immer nach der Anzahl der Gummibärchen die er isst, während er eine Predigt hört, hab ich zum Glück jetzt hier noch nicht wahrgenommen und sagt: Er war gerade beim, was weiß ich, beim vierten Gummibärchen, und in der Predigt ging es um verschiedene Sünden. Der Prediger war von der ganz alten Schule und schrie dann mitten in der Predig ganz laut: ‚Wolllust!!’ Dummerweise fällt Adrian Plass dabei seine Gummibärchentüte aus der Hand, und er sucht verzweifelt auf dem Boden nach den Gummibärchen, kommt aber nicht wieder hoch, weil die Schwester, die neben ihm saß, schon die Hände über seinem Kopf faltet und sagt: „Gott ,hilf diesem armen Bruder, dass er aus der Finsternis ins Licht kommt“. Adrian Plass schreibt: ‚Alle denken jetzt, dass ich ein großes Wolllust-Problem habe, dabei habe ich nur nach meinen Gummibärchen gesucht.’ Hinterher in der Gemeinde haben alle dieses verschlagene christliche barmherzige Lächeln auf den Lippen. Es ist sehr befreiend, wenn er so etwas schreibt, weil man merkt, es geht! Es geht, ganz menschlich, ganz ehrlich, ganz unverstellt zu sein und zugleich ein ganz inniges und warmes und radikales Vertrauen zu Jesus zu haben. Diese Verbindung: Ehrlichkeit, Unverstelltheit und leidenschaftliches Vertrauen, das ist die stärkste Kraft, die ich mir vorstellen kann, die ein Leben verändern kann. Das ist das, was sich Jesus für uns wünscht. Amen
