Greifbar

GreifBar plus am 01.03.2009

GreifBar_plus_Mt_6_19-34.mp3
GreifBar_plus_Mt_6_19-34.pdf

                           

                                               Sorge, Gier oder was?


    Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.  Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein! Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?  Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?  Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.  Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.  Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat. (Matthäus 6, 19-34)

 

Ein Bischof ist in Finanznöten und verwickelt Gott in einen theologischen Disput. Er sagt zu Gott: „Gott, wenn man es so recht bedenkt, könnte man doch sagen: Tausend Jahre sind für dich wie eine Minute, oder?“ Gott sagt: „Ja.“ Der Bischof fährt fort: „Dann könnte man doch auch sagen: 1 Million Euro sind für dich wie 1 Euro, oder?“ Gott sagt: „Ja, in gewisser Weise.“ – „Na gut,“ sagt der Bischof, „dann gib mir doch bitte einen Euro.“ – „Ach weißt,“ du sagt Gott, „wart noch ’ne Minute.“ <//span>

 

Damit sind wir beim Thema. Das Thema der heutigen Predigt ist: Der Umgang mit Besitz und mit Sorgen. Das ist deswegen Thema im Zusammenhang von Jüngerschaft, weil unser Umgang mit Besitz und mit Sorgen zeigt, wie sehr wir tatsächlich vertrauen.

 

Mit dem Vertrauen ist das nämlich so eine Sache. Man kann sagen, das man jemandem vertraut. Aber ob man es wirklich tut, zeigt sich manchmal erst im Alltag. Ich bin in der Nähe der Stadt Düsseldorf aufgewachsen. In Düsseldorf gibt es einen großen Fernsehturm, ungefähr zweihundert Meter hoch, schmal zulaufend. An der Spitze gibt es eine Kuppel, in der befindet sich unter anderem ein Café, das sich im Laufe eines Tages ganz langsam einmal im Kreis dreht. Die Fenster an dem Café sind nach außen geneigt. Jeder, der in dem Turm arbeitet, kann den Touristen, die den Turm besteigen, sagen: Man kann sich gegen diese Fenster lehnen und nach unten gucken, knapp zweihundert Meter in die Tiefe, die Fenster halten. (Sogar jemanden wie mich.) Ich war ein paar Mal auf dem Turm, und ich wusste und habe auch geglaubt, das das stimmt: Die Fenster halten. Und doch war es noch ein Schritt, sich tatsächlich gegen diese Fenster zu lehnen und nach unten zu gucken und dabei den Überblick über die dunstverhangene Rheinebene zu genießen. Es macht ein Unterschied ob man sagt, dass man vertraut, oder ob man es wirklich tut.

 

„Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden,“

 

sagt Jesus in unserem Text, „wo sie die Motten und der Rost fressen und die Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch eure Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen.“ – „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden,“ sagt Jesus, nicht weil Besitz an sich schlecht wäre. Jesus hatte in seinem weiteren Gefolge eine Reihe von Frauen, die mit seinen Jüngern gemeinsam durch die Lande zogen. Einige von diesen Frauen waren relativ wohlhabend und haben diese Jüngergruppe wohl auch materiell unterstützt. Und Jesus war hin und wieder mit seiner ganzen Gruppe zu Gast bei Menschen, die es sich leisten konnten, eine so große Gruppe zu bewirten. Es geht also nicht darum, dass Besitz an sich schlecht wäre. Es geht allerdings darum, dass Besitz an sich wertlos ist. Besitz ist nicht an sich schlecht, aber Besitz ist an sich wertlos.

 

Ich denke, wir alle haben schon einmal die Erfahrung gemacht, dass Gegenstände ihren Wert verlieren. Ich habe vor einer Weile eine Predigt von einem englischen Pastor gehört, der hat erzählt, was für ein Schritt es für ihn war, seinen alten VHS-Videorecorder wegzuwerfen, weil er irgendwann von VHS vollständig auf DVD umgestiegen ist. Er hat erzählt, wie er sich  vor vielen, vielen Jahren mal diesen VHS- Videorecorder gekauft hat, damals für sehr viel Geld, und das auch so ein bisschen hat durchscheinen lassen: ‚Du, übrigens, ich habe jetzt Videooo...’ Jahre später hatte das Ding ziemlich an Wert verloren, und er dachte: Es macht eigentlich keinen Sinn mehr, es zu behalten, ich werf es weg. Er erzählt, wie er vor diesem Sondermüllcontainer steht, in den er seinen Videorecorder reinwerfen soll. Und er merkt, dass es ihm schwerfällt, ihn wirklich fallen zu lassen. Er möchte ihn am liebsten vorsichtig in den Container reinlegen. (Macht ja eigentlich keinen Unterschied, er wird nachher sowieso platt gewalzt.)

 

Manchmal merken wir das, dass Dinge an Wert verlieren. Jesus sagt: Das gilt für Besitz prinzipiell. Irgendwann, in Ewigkeit jedenfalls, ist er wertlos. Und an dieser Stelle möchte ich an einen großen Prediger der Universität- und Hansestadt Greifswald  erinnern, nämlich an Ulf Harder. Ulf Harder hat vor einiger Weile mal im GreifBar plus-Gottesdienst den Satz geprägt: „Das ist alles Brosis.“ Brosis ist das griechische Wort für Rost. „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost (Brosis) fressen.“ Ulf Harder hat eine ganze Reihe von Gegenständen aufgezählt und immer wieder diesen Satz gesagt: Das ist alles Brosis. Der Satz ist bei mir bis heute haften geblieben. Das ist alles Brosis – bei manchem ist es deutlich, dass es Brosis ist, dass es irgendwann hinfällig ist. Wenn man z.B. in einem Haus wohnt, in dem eine Wand Risse zeigt – alles Brosis. Oder wenn man sich einen Computer angeschafft hat, der dauernd abstürzt – alles Brosis. Bei manchen Geräten und Gegenständen ist es besonders deutlich, bei anderen ist es vielleicht nicht so deutlich, aber es stimmt genauso: Es ist alles Brosis. Irgendwann ist es verrostet und veraltet. Auch das dünnste Notebook der Welt, auch das verlässlichste und spritsparendste Auto, auch die stabilste Tasche – alles Brosis. Das heißt, man darf durchaus Dinge besitzen (obwohl ich bei manchen Dingen nicht ganz verstehen kann, warum die Leute sie anschaffen), aber man sollte nicht sein Herz daran hängen. Vers 21: „Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“

 

Wenn man sein Herz also nicht an die Dinge hängt, die man hat, wenn man sagt: Ich habe sie, ja, aber ich kann auch ohne diese Dinge leben, dann wird man irgendwann merken, dass man vieles tatsächlich nicht braucht. Eine Bekannte von mit ist vor gut zwei Jahren zu einem mehrjährigen missionarisch-diakonischen Einsatz nach Angola aufgebrochen. Sie arbeitet dort und schickt regelmäßig Rundmails an ihre Freunde und Unterstützer. Und sie hat am Anfang dieser Zeit geschrieben: Sie stand vor der Entscheidung, was sie von ihrem Hausstand mitnimmt. Sie hatte vorher eine eigene Wohnung, hatte mehrere Jahre lang gearbeitet, gut Geld verdient. Jetzt musste sie ihren ganzen Hausstand in zwei Plastiktonnen packen, vielleicht je einen Meter hoch, die dann per Luftfracht an ihren neuen Wohnort in Angola geliefert wurden. Als sie dort angekommen war, hatte sie zunächst nur die Reisetasche, mit der sie angereist war. Also wartete sie auf ihre Tonnen, und es dauerte Woche um Woche, ohne dass die Tonnen eintrafen. Wir haben das alle per Rundmail mitverfolgt. Irgendwann sagte sie sinngemäß: ‚Ich glaube, die Tonnen sind im Zoll verschwunden. Je länger ich ohne diese Tonnen lebe, merke ich: Vieles von dem, was da drin war, brauche ich eigentlich gar nicht so dringend.’ Kurz nachdem sie das geschrieben hatte, trafen die Tonnen ein. Wenn man wirklich sein Herz nicht an Dinge hängt, merkt man, dass man vieles tatsächlich nicht braucht.

 

Wie geht das nun, sein Herz nicht an Dinge, nicht an Besitz zu hängen? Eine Antwort steckt in dem nächsten Vers unseres Textes, der ein bisschen rätselhaft ist. In Vers 22 und 23 sagt Jesus: „Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib Licht  sein. Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht das in dir ist Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein.“

 

Was meint Jesus damit: Das Auge ist das Licht des Leibes?

 

Manche Ausleger dieser Stelle haben die Vermutung, es könnte doch sein, dass Jesus sagt: Man kann Menschen ansehen, ob ihr Auge lauter ist, ob sie also einen aufrichtigen Blick haben. Daran kann man sehen, wie es um sie in ihrem Innern  bestellt ist. Ich bin mir da nicht so sicher. Also dachte ich, wir können das mal versuchen. Wir können doch jetzt mal – auf drei – ganz lauter und heilig gucken. Wollen wir das mal versuchen? ... Ihr merkt, ich bin an dieser Stelle skeptisch. Andere Ausleger – und das ist auch die Mehrzahl – sagen: Wahrscheinlich meint Jesus eher und ganz schlicht, dass das Auge dem Leib Orientierung gibt. Wo ich hingucke, das richtet den ganzen Körper aus und das richtet auch mich als Person aus. Wo ich hinschaue, worauf ich fixiere, das richtet mich aus, das prägt mich. Was ich mir anschaue, prägt mich.

 

Was ich in den Blick nehme, prägt mich. Das merkt man schon, wenn man einmal zu lange fernsieht. Es gibt ja gutes Fernsehen, mittelmäßiges und schlechtes Fernsehen. Ich meine jetzt nicht nur das mittelmäßige Fernsehen. Das mittelmäßige Fernsehen erkennt man ja daran, dass man, nachdem etwas geguckt hat, genauso schlau ist wie zuvor. Schlechtes Fernsehen erkennt man daran, das man hinterher dümmer ist als vorher. Ich habe den Eindruck, manche Sendungen saugen Informationen geradezu aus einem heraus. Hinterher weiß man weniger als vorher. Ich meine aber nicht nur Fernsehen, sondern ich meine auch: Womit beschäftige ich mich eigentlich den lieben langen Tag? Worauf richte ich meinen Blick? Was gucke ich mir an, was möchte ich gerne unbedingt haben? Ist das angemessen, wieviel Zeit und Energie und Herzblut ich darein stecke, mich auf irgendwelche Dinge zu fixieren, passt das? Jesus beharrt auf diesen Punkt: „Das Auge ist das Licht des Leibes“, denn dahinter steckt eine noch wichtigere, grundsätzliche Frage, nämlich die Frage:

 

Wem vertraue ich eigentlich wirklich? Wem diene ich letztlich?

 

Vers 24: „Niemand kann zwei Herren dienen, entweder er wird den einen hassen und den anderen lieben oder er wird an dem Einen hängen und den Anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Mammon heißt Geld – ihr könnt nicht Gott dienen und dem Gott des Geldes. Jetzt kann ich mir vorstellen, ein typischer mitteleuropäischer Angestellter, wenn er diesen Satz hört: „Niemand kann zwei Herren dienen“, würde vieleicht sagen: ‚Warum soll das denn nicht gehen? Ich kann doch auch zwei Chefs haben – das ist alles eine Frage der Absprache, zweimal fünfzig Prozent, ist doch kein Problem.’ Das Bild, das Jesus hier gebraucht, ist aber nicht das Bild von Angestelltem und Chef, sondern es ist das Bild von Knecht und Herr. Ein Knecht kann nur einen Herren haben.

 

Für uns steckt darin die Frage: Wer ist eigentlich unser Herr, wem gilt unser letztes Vertrauen? Wer ist der, auf den wir uns wirklich verlassen, wenn alles andere nicht mehr funktioniert? Worauf verlassen wir uns tatsächlich? Verlassen wir uns auf unsere Planung? Verlassen wir uns auf unsere menschlichen Absicherungen? Darauf, dass wir alles ordentlich geregelt haben, an alles gedacht haben, finanziell, materiell, rechtlich? Verlassen wir uns darauf, dass damit unser Leben gesichert ist? Und Jesus? Wenn wir uns auf all das letztlich verlassen, sagt Jesus nicht: ‚Wie könnt ihr?’ sondern er sagt: ‚Wie kurzsichtig!’ Es spricht nichts dagegen, zu planen und Vorsorge zu treffen, aber sich darauf im letzten zu verlassen ist kurzsichtig.

 

Wem gilt unser letztes Vertrauen? Das erkennen wir zum Beispiel daran, worüber wir uns Sorgen machen. Vers 25: Darum sage ich euch: „Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht um euren Leib was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?“ – „Sorgt nicht um euer Leben“ – „sorgt nicht“, das ist ja eine sehr interessante Aufforderung und auch nicht ganz leicht zu befolgen. Deswegen habe ich mir gedacht, wir machen gemeinsam ein Experiment. Wer von euch allen hat sich in der letzten Woche keinerlei Sorgen gemacht? Wer von euch hat sich in den letzten 24 Stunden keine Sorgen gemacht? Zwei Personen, das ist ja schon mal hervorragend! Wer hat sich denn in der letzten Stunde keine Sorgen gemacht? Ein paar mehr, schön. Aber wir merken: Wenn wir uns die letzte Woche vor Augen führen, wird es schwierig. Deswegen kann ich verstehen, wenn Leute sagen: „Sorgt nicht, das klingt ja schön und gut, aber wie soll das denn gehen, mir keine Sorgen zu machen? Die Aufforderung ist ungefähr so sinnvoll, als wenn jemand zu mir sagte: ‚Atme nicht. Hör auf zu atmen.’ Sorgen gehört doch zum Menschsein dazu, wie soll ich das denn abstellen?“

 

Zwei Hilfen zu dem was Jesus an dieser Stelle sagt.

Die erste Hilfe: Es gibt einen Unterschied zwischen vorsorgen und sich Sorgen machen.

 

Vorsorgen heißt: Ich trage meinen Teil dazu bei, das die Dinge so laufen, wie sie sollten. Ich mache mir Gedanken. Also gerade nicht so wie bei dem Prediger, von dem ich mal gehört habe, der sagte: „Ach, wissen Sie, ich bevorzuge das geistgewirkte Predigen. Wenn ich predige, dann bereite ich immer nur den Anfang meiner Predigt vor und danach lasse ich den Heiligen Geist sprechen.“ Ein Gemeindeglied meinte dazu: „Also, da muss ich ja ehrlich sagen, da predigen Sie wesentlich besser als der Heilige Geist.“ Das ist also nicht gemeint, dass man sich keine Gedanken macht. Es gibt einen Unterschied zwischen vorsorgen und sich Sorgen machen. Natürlich ist es gut, Vorsorge zu treffen, wenn man Familie hat oder wenn man für sich selber sorgen muss – dass man sich überlegt: ‚Komme ich eigentlich hin mit meinem Geld? Ist es realistisch und verantwortlich, wie ich damit umgehe?’ Manche Menschen brauchen hier eher mehr Verantwortungsbewusstsein. Deswegen ist es natürlich gut, Vorsorge zu treffen. Das heißt durchaus auch, dass man durchrechnet: ‚Kommen wir mit unserem Geld hin? Wie ist das mit der Altersvorsorge, wie ist das mit der Krankenversicherung, können wir uns das leisten, was wir gerade so anschaffen?’

 

Es ist allerdings ein Unterschied, ob man auch in Gedanken immer um diese Fragen kreist und den Kreislauf der Sorgen nie unterbricht. Also ob man sich ständig fragt: ‚Geht das, kann ich das, wird es reichen?’ und diese Fragen niemals nie abstellt. Das ist eben keine nüchterne Vorsorge mehr, sondern dann ‚macht’ man sich tatsächlich Sorgen.

 

Jetzt sagen vielleicht einige: „Das ist ja ein sehr schöner Unterschied: Vorsorgen und sich Sorgen machen, aber auch das ‚sich Sorgen machen’ zu lassen ist ja nicht so leicht. Dieses ständige Kreisen um bestimmte Themen, das lässt sich eben auch nicht einfach so abstellen.

 

Daher die zweite Hilfe: Nicht sorgen, sondern vertrauen. Ich weiß es ja auch: Es lässt sich tatsächlich nicht einfach so abstellen, dieses kreisende Sorgen. Das ist so wie wenn man zu jemandem sagt, der gerade ganz nervös ist: „Entspann dich!“ Und der andere sagt: „Ja, tu ich ja...“ – „Nun mach schon!“  Entspannung geht aber nicht auf Kommando. Sich nicht zu sorgen geht auch nicht auf Kommando. Wenn ich also meine Sorgen abstellen möchte, brauche ich einen Ersatz dafür. Jesus sagt: „Ersetzt doch eure Sorge durch das Vertrauen zu Gott“. Gehen wir hier einmal am Text entlang.

 

In Vers 26 sagt Jesus: „Seht die Vögel unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht , sie sammeln nicht in die Scheunen und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?“ Manche von uns werden jetzt sagen: „Es tut mir leid, Jesus, das ist ja ein wunderschönes poetisches Bild, aber ich bin nun mal kein Vogel.“ Das stimmt ja: Wir müssen säen und ernten, also Geld verdienen usw.

 

Es gibt trotzdem eine Gemeinsamkeit zwischen uns und den Vögeln. Und damit meine ich nicht eine Gemeinsamkeit zwischen bestimmten unter uns und bestimmten Vögeln. Sondern ich meine: Die Gemeinsamkeit besteht darin, dass wir so wie die Vögel alle in Gottes Hand sind. Und wir können dadurch, dass wir uns Sorgen machen, unser Leben nicht verändern. Dadurch, dass wir in Sorge um bestimmte Themen kreisen, verändern wir an diesen Themen nichts. Vers 27: „Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?“ Ich weiß nicht, ob das schon jemand versucht hat? Dadurch, das er sich Sorgen macht, die Dauer seines Lebens zu verlängern? Ich glaube nicht, dass das funktioniert. Ich glaube eher, dass dabei das Gegenteil herauskommt. Sich Sorgen zu machen, ändert nichts an der Situation, es macht sie meistens eher schlimmer.

 

Weiter im Text: Vers 28: „Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen, sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.“ Jetzt sagen wahrscheinlich einige von euch: „Tut mir leid Jesus, auch das ist ein wunderschönes poetisches Bild. Es findet sich auch auf zahllosen frommen Plakaten. Aber ich bin nun mal keine Lilie. Lilien gehen nicht zu H&M – oder müssen sich darüber Sorgen machen, dass bei H&M nur Hosen verkauft werden für Menschen, die unglaublich dünn sind und unglaublich lange Beine haben. Lilien müssen sich diese Fragen nicht stellen.“

 

Es gibt trotzdem eine Gemeinsamkeit zwischen uns und den Lilien. Und das soll jetzt kein Kompliment an alle anwesenden Menschen weiblichen Geschlechts sein, könnte ich natürlich machen, aber das meine ich gar nicht. Die Gemeinsamkeit ist: So wie die Lilien sind auch wir in Gottes Hand. Letztlich sind wir in Gottes Hand. Vers 30-32: „Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Nach dem allem trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.“ Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft, und deswegen ist eine Möglichkeit mit unseren Sorgen umzugehen die, dass wir zu unserem himmlischen Vater hingehen und dass wir all diese Sorgen vor ihm abladen und sagen: ‚Ich mache mir Sorgen, wenn ich ehrlich bin mache ich mir Sorgen. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft, ich mache mir Sorgen, ob ich genug Geld verdienen  werde. Ich mache mir Sorgen, ob ich meinen Studienabschluss schaffe. Ich mache mir Sorgen, ob sich im Alter noch jemand um mich kümmert. Ich mache mir Sorgen, ob ich jemals den Partner, die Partnerin fürs Leben finde.’ Und Gott sagt: ‚Ich weiß. Ich weiß was du brauchst. Ich weiß es besser als du selbst es weißt und deswegen: bitte vertrau mir.’

 

Im Vers 33 und 34 sagt Jesus: „Trachtet zuerst nachdem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das seine sorgen. Es ist genug das jeder Tag seine eigene Plage hat.“ – „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit so wird euch alles andere zufallen“ – das ist einer der wichtigsten Verse des Neuen Testaments. Der Vers ist so wichtig, dass ich mal von einem Studenten gehört habe, der seinen Wecker auf 6.33 Uhr gestellt hat, damit er jeden Morgen an Mt. 6,33 erinnert wird. Mich hat das sehr beeindruckt. Ich habe mir nur gedacht: Es gibt doch auch noch so viele andere schöne Verse in der Bibel. Römer 8,1 zum Beispiel, oder Johannes 11,25 ... Es gibt also noch Alternativen, aber ich finde diesen Vers so wichtig, dass ich eine ganz praktische Bitte habe, nämlich: Bitte versucht doch mal, diesen Vers auswendig zu lernen: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen.“

 

Der Vers ist deswegen wichtig, weil er klar macht: Das beste Mittel gegen Sorge und Gier ist, dass ich mir klar werde, wo meine oberste Priorität ist, wer mein tiefstes Vertrauen verdient, auf wen ich mich, wenn alles andere schief läuft, tatsächlich verlassen kann. Das ist das beste Mittel gegen Sorge und Gier, nicht aus Pflicht, sondern weil das das einzig Wahre ist und das einzige, das mir wirklich gut tut. „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit so wird euch alles andere zufallen“ – vielleicht habt ihr eine Ahnung bekommen, wie radikal und wie befreiend das ist. Amen.