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GreifBar plus am 10.04.2009

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                                             Jesu Kreuzigung und Tod


    Sie nahmen ihn aber 17 und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. 18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. 19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. 20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. 21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. 22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. 23 Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. 24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten. 25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. 26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! 27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. 28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. 29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. 30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!, und neigte das Haupt und verschied. (Joh.19,16-30

Liebe GreifBar-Gemeinde,

 

was ist dieser Karfreitag eigentlich für ein Tag? Oder: Welche Stimmung verbreitet dieser Tag?

Zunächst – das müssen wir nüchtern sehen – ist er für viele, gerade für jüngere Zeitgenossen vor allem eines: öde, langweilig. In einer Schweizer Zeitung fand sich diese Karikatur:

 

Langeweile 2.0 – aber Karfreitag ist die Hardcore-Version von Langeweile. Es ist einfach nichts los. Der Text dazu: „Freuen Sie sich deshalb auf den morgigen Karfreitag, es gibt keinen langweiligeren Tag im Jahr. Das Wetter voraussichtlich wechselhaft, weder warm noch kalt noch stürmisch, die Freunde über Ostern verreist, das Kinoprogramm ohne sehenswerte Premiere, Sport und Autofahren unschicklich, das Fernsehprogramm öde ...“ Und das heißt auch: die Geschichte, die dieser Tag erzählt, holt auch niemanden hinter dem Ofen hervor und ändert nichts an der Stimmung dieses stillen Feiertags.

Für andere, die vielleicht noch einen Zugang zu den Ereignissen haben, von denen der Karfreitag erzählt, ist es ein Tag, der eher dunkel gestimmt ist. Er ist dunkel, weil er an eine Hinrichtung, an Folter, Schmerz und Blut erinnert. So ist der Karfreitag in Deutschland ein stiller Feiertag, offiziell gibt es z.B. keine Tanzveranstaltungen. Offiziell. Katholiken sehen den Karfreitag als strengen Fastentag. Ein alter Aberglaube sagt: Wer heute Fleisch isst, kriegt Warzen. An keinem Tag wird so viel Fisch gegessen wie heute. In Irland gibt es heute keinen Alkohol (in Irland!) und selbst in den USA schließt heute die Börse (die Börse!). Auf den Philippinen lassen sich Menschen buchstäblich an Kreuze schlagen, um den Karfreitag nachzuerleben. In Frankreich heißt dieser Tag „vendredi saint“, heiliger Freitag, in England „good friday“ oder „black friday“. Man kann also wählen: guter oder schwarzer Freitag. Luther nannte den Karfreitag übrigens den „guten Freitag“. Karfreitag, das Wort selbst ist uraltes Deutsch: „karen“ bedeutet so viel wie „wehklagen“. Also, ein Tag, der - von Luther abgesehen - eher dunkel gestimmt ist.

Und für uns? Ist der Karfreitag ein guter oder ein schwarzer Tag? Sollen wir heute jubeln oder unser Haupt mit Asche bedecken? Welchen Auftrag geben wir an unsere Gefühlszentrale? Sollen wir uns heute eher bedeckt verhalten, leise Gespräche, dunkle Kleidung, ernste Blicke? Was denken wir über die Ereignisse in Jerusalem um das Jahr 30? Welche Bedeutung hat dieser Tod für unser Leben?

Johannes hat als Jesusbiograph eine ganz eigentümliche Art, vom Karfreitag zu erzählen. Seinen Bericht haben wir eben gehört. Johannes lässt vieles weg. Er erzählt nicht viel von den Grausamkeiten – ganz anders als Mel Gibsons „Passion“. Er fasst sich da ganz kurz. Er berichtet auch nichts von den seelischen Qualen, die der Mann am Kreuz durchmachte. Kein verzweifelter Schrei, keine Klage: Mein Gott, warum – hast du mich verlassen? Johannes malt ein besonderes Bild, konzentriert sich auf Weniges, erzählt aus einer sehr eigenwilligen Perspektive:

Mir haben sich zwei Zugänge erschlossen, zwei ganz unterschiedliche Weisen, diese Geschichte bei Johannes zu lesen: erstens, sie sagt viel über uns, zweitens, sie sagt viel über Jesus. Und dann eine Schlussfolgerung: Was bedeutet das alles zusammen für uns, wenn wir sagen: „Wir wollen Jesus nachfolgen!“?

DAS ERSTE: WAS SAGT DIESE GESCHICHTE ÜBER UNS?

Es gibt glücklicherweise vieles über uns zu sagen, auch Helles und Gutes. Unser Leben ist nicht nur Chaos und Bosheit. Gott lässt über uns Tag für Tag die Sonne aufgehen und er hilft uns, auch Gutes zu tun und zu vollbringen. Da wird ein Kind in eine Familie hineingeboren, in der es Geborgenheit erfährt. Da wird in Krisen treu begleitet. Da lässt eins das andere nicht im Stich. Da gibt es Schönheit und Zuwendung und Treue, Verlässlichkeit und Erbarmen. Das alles ist auch über uns zu sagen.

Aber unter dem Kreuz wird unser Blick seltsam konzentriert. Da wird unsere Aufmerksamkeit nur auf eines gelenkt. Da geht es nur um unsere dunkelsten und bösesten Möglichkeiten. Das Böse kommt an den Tag, und es ist unser Böses. Unsere Verlorenheit kommt an den Tag und wir können uns nicht entziehen. Es ist ein furchtbarer Irrtum zu sagen: Ja, damals haben sie Jesus ermordet, und dann mit Fingern auf die Täter zu zeigen. Zu sagen: Ja, die Juden, die haben Jesus umgebracht. Wir wissen, welche Folgen dieser Gedanken hatte. Oder auch: Die Römer waren schuld. In der Matthäuspassion heißt es in einem Choral: „Was ist die Ursach‘ aller solcher Plagen? Ach, meine Sünden haben Dich geschlagen. Ich, ach Herr Jesu, habe dies verschuldet, was Du erduldet!“ Es ist, als würden wir an einen Abgrund geführt und müssten tief hinabsehen. Tief hinab in unsere dunkelsten Möglichkeiten.

Johannes illustriert dies alles durch seine Fassung der Kreuzigung: Pilatus, der unfreiwillige Prophet, schlägt das Schild mit ans Kreuz: Er ist der König der Juden. Aber sie wollen nicht, dass Jesus ihr König ist. Sie wollen lieber Caesar. Sie wollen nicht Jesus vertrauen und gehorchen. Und so zanken sie noch unter dem Kreuz und verlangen, dass der Text geändert wird.

Das ist das geheime Thema bei Johannes: Jesus, der König, ein König, dessen Reich nicht von dieser Welt ist. Ein König, den wir zurückweisen. Die Verfassung seines Königreichs, die Bergpredigt, haben wir miteinander in den letzten Wochen gelesen. Und wir haben auch gemerkt, wie Jesus um uns ringt, und wie wir uns sperren und eigentlich gar nicht wollen, was er will. Soll Jesus unser König sein, dann geht es auch darum, seinen Willen zu tun, nicht gierig und sorgenvoll zu sein, nicht mit Gedanken und Blicken die Ehe zu brechen, nicht ichbezogen und genusssüchtig zu leben, dem Hass keinen Raum zu geben, zu dienen, das Gute von Gott zu erwarten und uns nicht über andere zu erheben. Diesen König weisen wir zurück. Dann lieber „Caesar“, dann lieber „Mammon“, dann lieber „Geiz ist geil“, dann lieber „Auge um Auge“, dann lieber „Zuerst komm ich“. Das steckt in uns drin.

Johannes fährt fort: noch unter dem Kreuz schachern sie um seinen Rock, suchen ihren Vorteil. Sie würfeln noch um das letzte Hemd des Gekreuzigten und entehren ihn, indem sie ihn nackt und bloß vor aller Welt hängen lassen. Das steckt in uns, das sind unsere schlimmsten Möglichkeiten.

Wenn wir auf das Kreuz schauen, dann sehen wir, wozu wir im Stande sind. Wir kreuzigen auch den liebevollsten Menschen, der je über diese Erde ging. Wir vergreifen uns auch am Heiligen selbst. Wir scheuen uns nicht, Gott ans Kreuz zu schlagen. Wir sind extrem phantasievoll, wenn es darum geht, den Wehrlosen zu quälen. Wir lassen uns nicht erweichen, wenn wir erst einmal auf Touren gekommen sind. Wir können noch im Angesicht größten Schmerzes gleichgültig sein, ja nur auf eigenen Vorteil bedacht. Wir haben uns verloren. Wir haben den Grund verloren. Wir haben Gott verloren. Wir sind Gott verloren gegangen. Wir sind verloren.

In Bachs Johannespassion heißt es: „Ich, ich und meine Sünden,
die sich wie Körnlein finden
des Sandes an dem Meer,
die haben dir erreget
das Elend, das dich schläget,
und das betrübte Marterheer.“

Zwischenergebnis: Also, welche Stimmung passt zum Karfreitag? Wenn wir nur bis hierher kommen, dann sicher Dunkelheit, Betrübnis, gedrückte Stimmung, dunkle Kleider, Sack und Asche. Denn dann steht es ernst um uns. Ernster, als wir je dachten.

Aber es kommt noch etwas:

ZWEITENS: WAS SAGT DIESE GESCHICHTE ÜBER JESUS?

Aber auch das ist vielleicht nicht das, was wir uns wünschen. Jesus als König, wie wir ihn in unseren Liedern besingen, soll doch ein starker König sein. Der Jesus, der 5000 speist. Der Jesus, der große Sünderinnen aus dem Staub hebt und bösen Finanzspekulanten wie Zachäus ein anderes Leben beibringt. Der Jesus, der Kranke heilt und Tote auferweckt. Der siegreiche Jesus. Der Jesus, der über das Wasser geht. Der Jesus, dem kein Problem zu schwer ist. Aber dann ist da noch der Karfreitags-Jesus. O.k., auch damit können wir notfalls etwas anfangen: Der solidarische Jesus, der mit uns mitfühlen kann. Der Jesus, der nicht zurückschlägt, der friedliche Jesus, der lieber leidet als Gewalt auszuüben. Der Schmerzensmann, der unsere Tiefen kennt. Der sich festnageln lässt auf seine Worte. Das geht auch noch. Aber die Verfasser der Evangelien gehen viel weiter. Sie sprechen von einem Jesus, dessen Ende Gottes Plan war, von einem Jesus, der als Opferlamm geschlachtet wird, von einem König, der nur so ein König sein will, indem er leidet und sich für uns aufopfert. Wollen wir diesen Jesus kennen lernen?

Johannes erzählt dier Geschichte dieses Jesus auf eine sehr hintergründige Art und Weise, anders als Markus, Lukas, Matthäus oder auch Paulus. Er erzählt sie doppelbödig, er gebraucht Begriffe, die schillern und mehrdeutig sind. Er sagt uns: Ihr könnt die Geschichte von außen oder von innen betrachten. Ihr könnt das Drama auf Euch wirken lassen oder aber ein Geheimnis bestaunen. Es ist wie bei den großen alten Kirchen mit ihren Bleiglasfenstern. Von außen betrachtet, sind sie stumpf, grau und langweilig, aber wenn Ihr eintretet, nach innen wandert und dann emporschaut, dann seht Ihr die wahren Bilder, die herrlichsten Farben, das Kunstwerk in seiner ganzen Pracht. Mit Johannes können wir die Kreuzigung von Jesus also von außen betrachten, dann ist sie die Hinrichtung eines Unschuldigen, ein schreckliches Drama. Oder wir können hineingehen, nach innen wandern und emporschauen. Dann werden wir noch viel mehr sehen.

Was aber bekommen wir dann bei Johannes zu sehen?

Zuerst: Jesus wird gekreuzigt. Er muss leiden. Am Ende stirbt er, nackt und bloß, entehrt und verachtet. Ja, sagt Johannes, die Geschichte erzähle ich auch. Aber nun kommt nach innen. Schaut genauer hin. Ja, wie denn, Johannes? Seht ihr es nicht? Das alles geschah „nach der Schrift“, „auf dass die Schrift erfüllt werde“. Die Soldaten würfeln wegen des letzten Kleides. Sie fühlen sich stark und mächtig. Wirklich? Ich sage Euch: damit erfüllt sich die Schrift. In Ps 22 heißt es vom leidenden Gerechten: „Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und über mein Gewand das Los geworfen.“ Sie denken, sie würfeln, aber sie sind selbst nur Würfel in der Hand des Höchsten. Jesus dürstet. Und es dürstet ihn wirklich. Aber auch das muss so geschehen: damit die Schrift erfüllt wird. Psalm 69, 22: „Sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken für meinen Durst“.

Schaut man genauer hin, dann merkt man: Die schrecklichen Taten der Menschen und das grausame Leiden des Gekreuzigten werden zwar geschildert, aber doch seltsam knapp, fast protokollarisch. Und dahinter leuchtet etwas anderes auf: Hier führt ein Größerer Regie. Hier hat ein Anderer das Zepter in der Hand. Wer führt denn dem Pilatus die Hand, dass er schreibt: „Dieser ist der König der Juden.“ Undenkbar, dass er das wirklich sagen wollte. Unfreiwillig wird er zum Propheten. Denn hier führt Gott Regie. Hier ist die Schrift, das Alte Testament, das Drehbuch, nach dem sich alles abspielt. Also, das ist die erste Auskunft über Jesus am Kreuz: Hier ist Gott selbst am Werke. Die Passion des Jesus ist die Aktion des Vaters. Die Passion des Gekreuzigten geschieht, weil Gott es so inszeniert, nicht weil die Menschen sich Gottes bemächtigen.

Komm nach innen und staune, sagt Johannes. Vordergründig siehst Du die Katastrophe eines guten Menschen. Von innen, wenn Du empor schaust, siehst du Gott selbst am Werke. Welche Stimmung ist angesagt? Staunen und Demut, Staunen und Beugung vor dem, der die Fäden in der Hand hält.

Was aber ist das für ein grausames Geschäft, wenn Gott die Fäden in der Hand hält. Das ist das zweite Bild, das wir anschauen sollen: Jesus stirbt. Er wird entehrt. Er verspürt quälenden Durst. Das Ganze erscheint furchtbar sinnlos. Ist es das, fragen wir. Kommt nach innen, sagt Johannes. Schaut empor: Äußerlich ist das ein sinnloser Tod. Jesus stirbt dann mit einem kläglichen Ruf auf den Lippen: Es ist alles aus und vorbei. Allenfalls könnte er rufen: Nun ist es endlich überstanden. So sieht es von außen aus. Aber nun kommt nach innen. Schaut genauer hin.

Wann stirbt Jesus nach der Erzählung des Johannes? Er stirbt in der Stunde, in der im Tempel die Lämmer für das große Passafest geschlachtet werden. Ist das Zufall? Nein, sagt Johannes, das ist kein Zufall. Habt Ihr vergessen, was ich Euch von Johannes dem Täufer berichtet habe? Er hat über Jesus gesagt: „Siehe, das ist das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt!“ (Joh 1,29). Schaut hin. Darum wird er jetzt getötet, in dieser Stunde, in der die Lämmer im Tempel geschlachtet werden. Er ist das Lamm, das Eure Sünde trägt. Später im 1. Johannesbrief wird es heißen: Das Blut Jesu macht uns rein von aller Sünde (1 Joh 1,7). Johannes stellt uns Jesus so vor Augen, wie wir ihn sehen müssen: das Lamm, das für uns geopfert wird. Jesus, das Passalamm. Was aber heißt das?

Passa ist für jüdische Ohren: Befreiung aus Ägypten. Gott holt Israel unter Moses Führung aus Ägypten heraus. Passa hieß aber auch: Verschonung. An den Türen, die mit dem Blut der Passalämmer bestrichen waren, ging der Gerichtsengel vorbei. Das ist die Sprache der Bibel für die Ereignisse am Karfreitag. Das ist das Geheimnis dieses Mannes am Kreuz: Opfer, Blut, Lamm, Sühne. Und dahinter steht unsere dunkle Wirklichkeit. Unsere Sünde schafft eine Wirklichkeit. Wir sind verlorene Menschen. Sünde ruft das Gericht Gottes hervor. Es müsste uns treffen. Aber dann kommt Jesus. Und er wird wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt (Jes 53,6). Gott macht die ganze Sache also mit sich selbst aus. Er ist zugleich der heilige Gott und Richter, der über die Bosheit und Sünde nicht einfach hinwegsieht. Und er ist der an unserer Stelle Gerichtete, der sich stellvertretend für uns aufopfert, eben das Lamm, das unsere Sünde trägt. Dass wir uns hier nicht irren: Da ist nicht ein besonders edler Mensch, der einem wutschnaubenden Gott ein großes Opfer anbietet. Da ist Gott selbst, der in seinem geliebten Sohn die Folgen der Sünde auf sich nimmt. Er hat wahrlich ein Kreuz zu tragen. Ein Kreuz, auf dem sich alles ansammelt, was du und ich und eine ganze Menschheit an Gottlosem getan und an Gutem unterlassen haben. Das Lamm, das unsere Sünde trägt. So war es von Anfang geplant, das ist die geheime Regie Gottes, das ist das Drehbuch, dem die ganze Geschichte des Jesus von Anfang an folgte, von Weihnachten an.

Und darum sagt Jesus am Ende: Es ist vollbracht. Nicht: Es ist zu Ende. Sondern: Es ist vollbracht. Gott ist am Ziel. Und was heißt das? Johannes sagt: Das Gericht hat stattgefunden. Die Sünde ist besiegt. Das Opfer ist gebracht. Die Bosheit und Sünde sind gesühnt. Das Schwerste ist getan. Und es ist hier am Kreuz getan.

Welche Stimmung entspricht dem Karfreitag? Nun, das hängt davon ab, wo wir unsere Sünde sehen: in unserem Gewissen? In unseren Versuchen, doch etwas wieder gut zu machen, in Gottes Gerichtsakten, vorbereitet für ein letztes Urteil? Oder am Kreuz, ein für alle Male, allgenugsam, genug für alle und alles, gerichtet, und damit vergeben, weggegeben, erledigt, so dass sie uns nicht mehr verklagen dürfen, wenn wir uns nur Jesus an den Hals werfen und uns gefallen lassen, dass er alles schon für uns getan hat. Dann aber ist Karfreitag, dieser scheinbar so dunkle Tag der hellste Tag, der Tag der Versöhnung und der Vergebung und darum ein Freudentag, wie er schöner gar nicht sein könnte.

Was zeigt uns Johannes: Jesu Passion als Gottes souveräne Aktion, Jesus als das Lamm Gottes, schließlich: Jesus als der König der Könige.

Da ist noch diese Sache mit dem Titel, den Pilatus dem Gekreuzigten verleiht. Jesus, König der Juden, und das in Aramäisch, der Sprache der einfachen Leute, und in Griechisch, der Sprache der Wissenschaft, und in Latein, der Sprache des Handels, der Wirtschaft und der Politik. Es ist eine globale Botschaft: Jesus ist der König, ein Botschaft für alle Völker und jeden Menschen. Aber ist es nicht Hohn und Spott? Ein Gekreuzigter als König. Guckt ihn Euch an, seht, was ich mit ihm anstellen kann, Eurem angeblichen König. Euer König – ein Gekreuzigter. Wieder sagt Johannes: So sieht es von außen aus. Er hat dafür ein Wort: Jesus musste erhöht werden. Das heißt einmal: hoch ans Kreuz, hinauf auf den Galgen. Aber dann sagt Johannes wieder: kommt doch nach innen, schaut es Euch von innen an, schaut empor: Er ist der König. Und er ist es gerade so.

Wie bitte, Johannes, wie sollen wir das verstehen? Nun, sagt Johannes, Pilatus bezeugt die Wahrheit, ohne es zu wissen oder zu wollen. Jesus musste erhöht werden. Am Kreuz wird er erst recht der König. Kein König, der fordert und nimmt, aber ein König, der sich verschenkt und gibt. Anders gesagt: Jesus wird erhöht, als der Gekreuzigte ist er nun erst recht Euer König. Wo ist sein Reich? Wo geschieht sein Wille? Wo kommt Euch Vergebung zu Gute? Am Kreuz! Wenn das Kreuz auf den Hügel von Golgatha gerammt wird, ist das der eine Ort, an dem das Reich des Königs in diese Welt einbricht. An dieser Stelle berührt der Himmel die Erde. An dieser Stelle ist der Tod nicht mehr der Herr. An dieser Stelle hat der Teufel seine entscheidende Niederlage erlitten. An dieser Stelle hat die Sünde ihre Macht eingebüßt. Hier vom Kreuz aus regiert Jesus, der König. Es ist vollbracht. Am Kreuz sehen wir Gottes Herrlichkeit, verborgen unter ihrem Gegenteil, verborgen in der Niedrigkeit, im Leid, im Tod.

Was aber heißt das? Das ist komplizierte Sprache, das sind hohe Worte, aber was bedeutet das?

Nun, es bedeutet, dass Jesus nicht gegen Dich, sondern für Dich gestorben ist. Und das heißt: die Wende ist geschehen. Der Preis ist bezahlt. Das Opfer ist gebracht. Der Tod ist besiegt. Die Krankheit und die Schmerzen hat er getragen. Das Neue hat begonnen.

Du denkst, dass Gott manchmal den Überblick verliert und die Kontrolle über Dein Leben? Nein, sieh auf Jesus. Auch in den dunklen Stunden hat er die Dinge im Griff und bringt Dich ans Ziel.

Du denkst, dass Du nicht gut genug bist für Gott, und Du quälst Dich mit den Lasten der Vergangenheit, mit dem, was Du tatest und was Dir angetan wurde? Sieh auf Jesus. Er ist das Lamm Gottes. Er hat es alles getragen. Für dich. An deiner Stelle. Du bist frei.

Du denkst, dass Krankheit und Tod am Ende gewinnen, der Schmerz kein Ende findet und das Leid übermächtig wird? Sieh auf Jesus. Er ist dein König. Er regiert, und am Ende gibt es keine Krankheit, keine Schmerzen, keine Tränen und keinen Tod mehr, egal, wo du jetzt durch musst.

Was ist die angemessene Stimmung am Karfreitag? Ich denke: eine tiefe, stille Freude, eine ruhige Gewissheit. Eine neue Dankbarkeit. Wenn wir gleich das Abendmahl feiern, hören wir es in der kürzesten denkbaren Form: Jesu Leib, Jesu Blut – für dich gegeben, für dich vergossen. Der König bei dir, in dir und mit dir, der Retter. Es ist der good friday, der gute Freitag. Auf den Bermudas lassen sie übrigens von Alters her am Karfreitag Drachen steigen. Und die Christen auf den Bermudas sagen: die Form der Drachen und das Holz, auf das das Papier gespannt wird, erinnern uns an den Gekreuzigten. Aber dieses Holz steigt empor in die Höhe und ersteht aus der Tiefe. Karfreitag, ein Tag zum Drachenfliegen, ein Tag, der schon hinschaut zum Osterfest, wenn der Gekreuzigte als König aufersteht. Und Gottes Volk stimmt ein und ruft: AMEN.