Greifbar

GreifBar plus am 12.04.2009

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                                      Der Albtraum ist vorbei


    1 Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des  Jakobus und Salome, wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. 2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. 3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? 4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. 5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. 6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. 7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. 8 Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich. (Markus16,1-8)

Liebe Gemeinde,

 

es gibt ja angenehmere Zeiten als den sehr frühen Morgen. Ich weiß, dass für manche Menschen der frühe Morgen eine sehr schöne Zeit ist. Es gibt in meiner Verwandtschaft einen Onkel, der sehr früh morgens schon geradezu beunruhigend guter Laune ist. Dann kommt er in eine Küche hinein, in der nur müde, trübe Tassen herumsitzen, und sagt: „Guten Morgen! Es ist ein wunderschöner Tag heute!“ Für andere dagegen ist der Morgen gar nicht so schön, schon gar nicht der frühe Morgen – die Zeit wenn ich gerade langsam hochfahre, auf Betriebstemperatur komme, die Zeit, in der mir alles zu viel ist und ich mir am liebsten ein Schild umhängen möchte: „Bitte vor der ersten Tasse Kaffee nicht ansprechen“, und die Zeit, in der ich mir die große philosophische Frage stelle: Warum habe ich jemals mein Bett verlassen?

Manchmal allerdings gibt es nichts Schöneres als den Morgen – dann nämlich, wenn ich in die Ecke gedrängt bin. Wenn ich in die Ecke gedrängt bin, von Menschen die mir Übel wollen, die mir ans Leder wollen. Und ich kann mich nicht wehren. Ich versuche zu sprechen, aber meine Zunge gehorcht mir nicht. Ich merke, wie ich auf einen Abgrund zu rutsche, versuche mich festzuhalten, aber meine Hände gehorchen mir nicht. Ich versuche aufrecht zu stehen, aber meine Füße gehorchen nicht und dann macht es: „Piep!“ Und ich denke: Wo kommt denn das „Piep“ her? Ich versuche mich wieder festzuhalten, und es macht wieder: „Piep!“ Und ich denke, was soll denn das „Piep“? Bis meine Hand nach dem Nachttisch tastet und den Wecker ausmacht, und ich merke: Es war nur ein Traum.

So ähnlich ist Ostern. Ostern ist wie das Erwachen aus einem bösen Albtraum. Mit dem kleinen Unterschied, dass das was die Jünger von Jesus erlebt haben, kein Traum war. Jesus ist wirklich gestorben, er ist wirklich am Kreuz gestorben. Sie haben es ja gesehen, sie haben es gesehen, wie der, der ihr ein und alles war, ihr Meister, von dem sie alles erwartet haben, wie der einem fadenscheinigen Pseudo-Prozess unterzogen wurde, wie er verspottet und verhöhnt wurde. Sie haben gesehen, wie der, dessen Blick Menschen innerlich heil macht, dessen Hand Menschen körperlich gesund macht, dessen Worte Menschen ins Herz treffen, wie der verprügelt wird, angespuckt, gegeißelt, in den Staub getreten, wie er sein Kreuz durch eine johlende Menschenmenge hindurch aus der Stadt tragen muss, auf die Müllkippe von Jerusalem, und dort am Kreuz stirbt. Sie haben es ja gesehen, die Jünger, die sich dann alle, einer nach dem anderen, aus dem Staub machten.

Und die Bedeutung des Kreuzes, von der wir vorgestern am Karfreitag so eindrücklich gehört haben – dass Jesus am Kreuz unsere Sünden weggenommen hat – das ist den Jüngern ja selbst erst im Rückblick klar geworden. In diesem Moment am Morgen zwischen Karsamstag und Ostersonntag war ihnen das alles nicht klar, sondern für sie war die Sache vorbei. Und es war keine Rede davon, dass das Ganze irgendwie weitergeht, sie haben sich also nicht gesagt: „Ach weißt du, die Sache von Jesus, die geht irgendwie in meinem Herzen weiter.“ Nein, dazu waren sie viel zu bodenständig. Sie haben gesagt: Vorbei, Ende, aus, wir haben auf das falsche Pferd gesetzt, Schluss! Am Ende machen sich alle aus dem Staub, und ganz am Ende bleiben nur noch die Frauen. Die Frauen, die ganz am Ende unterm Kreuz stehen.

Also gehen sie zum Grab, am Ostersonntagmorgen.

Das ist irgendwie typisch, dass Frauen die letzten sind, die ausharren, und Frauen sind die allerersten, die nochmal hin gehen. Sie sind die ersten am Grab, und sie tun das, was nach damaliger Sitte dazu gehört, wenn ein lieber Mensch gestorben ist. Ich lese die ersten beiden Verse aus dem Osterevangelium imMarkusevangelium, Markus 16, die Verse 1+2: „Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria die Mutter des Jakobus und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging“. Sie wollen also den Leichnam einbalsamieren, wie es Sitte ist. Dabei stellen sie auf dem Weg zur Grabeshöhle eine sehr pragmatische Frage, nämlich: „Wie kommen wir eigentlich rein in das Grab?“ Und sie rechnen bestimmt nicht mit dieser Antwort: Vers 3 und Vers 4: „Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war, denn er war sehr groß.“

Was haben sie wohl gedacht, als sie gesehen haben, dass der Stein von der Grabeshöhle weggewälzt war, was haben sie gedacht? Ich vermute, sie haben ungefähr das Gleiche empfunden, was wir empfinden würden, wenn wir uns zur Grabstätte eines geliebten Menschen aufmachen und sehen, dass das Grab leer ist. Dann fangen wir doch nicht an zu jubeln, sondern dann sind wir erst mal verwirrt, verstört und sagen: „Was soll das? Jetzt lässt man mir noch nicht einmal meine Trauer, jetzt ist dieses Grab leer, was soll das? Das ist taktlos!“

Und dann geht’s Schlag auf Schlag.

Die Grabeshöhle ist leer und dann geht es Schlag auf Schlag. Und das Ganze ist nicht nur eine schöne Geschichte, die man am Ostersonntag erzählen kann, weil es irgendwie gut tut und spannend und dramatisch ist. Sondern es gibt gute Gründe, diese Geschichte, diesen Bericht, historisch ernst zu nehmen. Das, was wir Christen glauben an Ostern, das ist ein historisches Ereignis. Wir glauben, dass Jesus wirklich von den Toten auferstanden ist, und wir glauben, dass es für diese Überzeugung auch gute Gründe gibt.

Ein Grund steckt schon mitten in diesem Text. Ich habe darüber schon einmal im vergangenen Jahr in einem GreifBar-Gottesdienst geredet, aber es ist mir so wichtig, dass ich mich hier gerne noch einmal wiederhole. Der Grund ist nämlich, dass hier davon die Rede ist, dass Frauen zum leeren Grab gehen. Das ist aus heutiger Sicht nicht erstaunlich, aus damaliger Sicht schon. Warum? Weil zur Zeit der Antike, zur Zeit des Altertums, das Zeugnis von Frauen vor Gericht keine Geltung hatte. Wenn also eine Frau etwas erzählte, musste erst ein Mann dazu kommen und sagen: „Ja, das stimmt wirklich, was sie sagt.“ Und dann hat man es vielleicht geglaubt.“ Das ist aus heutiger Sicht ein bisschen ungewöhnlich, das ist schon klar. Aber genau das macht sehr wahrscheinlich, dass das, was hier berichtet ist, wirklich passiert ist. Denn wenn man damals einen Bericht hätte erfinden wollen, der möglichst glaubwürdig klingt, hätte man damals nicht Frauen in diesen Bericht hinein geschrieben. Es war aber so, dass Frauen die ersten waren, also hat man es so berichtet, wie es geschehen ist. Weil man gesagt hat: Wir wollen die Dinge so berichten wie wir sie erlebt haben. Das macht diesen Text gerade glaubwürdig. Denn wir heute wissen, dass Frauen die Wahrheit sagen... Jetzt mal ganz im Ernst: Ich bin ja der Überzeugung, und auch das habe ich schon einmal gesagt, dass Gott Humor hat. Und für mich ist das eine der großen Pointen Gottes, in der Geschichte der Menschheit zu einer Zeit, in der das Zeugnis von Frauen vor Gericht nichts gilt, das wichtigste Ereignis der Weltgeschichte zuerst den Frauen zu zeigen. Das ist so ein kleiner Hinweis darauf, wie Gott denkt.

Das ist also ein Beleg dafür, dass wir das Ganze historisch ernst nehmen können. Wir können uns die ganze Sache mit der Auferstehung nicht realistisch genug vorstellen. Ich lese weiter, Vers 5: „Und sie gingen hinein ins das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.“ Sie machen eine unmittelbare Erfahrung mit der Wirklichkeit Gottes. Habt ihr schon mal so unmittelbar mit der Wirklichkeit Gottes zu tun gehabt? So unmissverständlich und so direkt? Manchmal wünscht man sich das ja, dass man so ein richtig dramatisches Wunder erlebt, das einen umkrempelt und das ganze Leben auf den Kopf stellt. So ein unmissverständliches, unmittelbares, geniales Wunder, über das man dann ein christliches Taschenbuch schreiben kann... Ich vermute allerdings, vielen von uns würde es so gehen: Wenn wir die Wirklichkeit Gottes so nah in unserem Leben erfahren würden, würden wir vielleicht sagen: „Ach, so real muss es dann doch wieder nicht sein. Das geht mir ein bisschen zu nah, das rückt mir zu sehr auf die Pelle.“

Das ist jedenfalls das, was uns unser Umfeld im Jahre 2009 öfters mal einreden möchte: „Ja, ein bisschen Glaube ist in Ordnung. So ein bisschen wohltemperiertes, gemäßigtes Christsein, das ist in Ordnung, aber nicht übertreiben, nicht übertreiben, ja? Man darf daran glauben, ja, man sollte allerdings andere Leute nicht damit belästigen, und man sollte auch nicht zu überzeugt davon sein, dann macht man sich verdächtig, es bleiben ja immer Fragen offen.“ Das ist das was unser Umfeld uns manchmal einredet.

Vorletzte Woche fand in ganz Deutschland und in vielen Ländern in Mitteleuropa die Veranstaltung „Pro Christ“ statt. Das waren Gottesdienste, die in Chemnitz in einer großen Halle aufgezeichnet wurden und per Satellitenübertragung in Übertragungsorte, in ganz Mitteleuropa ausgestrahlt wurden. In diesen Gottesdiensten wurde auf eine sehr direkte und unmittelbare Art zum Glauben an Jesus Christus eingeladen. Es gab auch zwei Übertragungsorte hier in Greifswald. Wie immer bei einer so großen Aktion gab es viel Diskussionsstoff. Und natürlich kann man darüber diskutieren, ob das der richtige Weg ist, ob man unbedingt per Satellitenübertragung zum Glauben einladen muss, ob man es nicht auch direkter und persönlicher machen kann. Diese Fragen sind alle völlig in Ordnung. Was nur erstaunlich ist, ist, dass in dieser Zeit – auch mitten in der Kirche – Leute gesagt haben: „Darf man denn das überhaupt? So direkt zum Glauben einladen, ist das nicht irgendwie taktlos, sollte man die Leute nicht in Ruhe lassen, ist das nicht ein bisschen sehr offensiv? Sollte man sich mit dem Glauben nicht ein bisschen mehr zurückhalten? Das wäre doch irgendwie passender. Wie geschmacklos, so deutlich zum Glauben einzuladen.“

Aber man kann Jesus nicht einsperren. Man kann ihn nicht in den Tod einsperren, und man kann ihn auch nicht in ein gemäßigtes Christsein einsperren. Man kann ihn nicht in unsere Vorstellungen einsperren. Man kann ihn nicht in unsere gemeindenahen Kreise einsperren. Er will heraus. Er sprengt jedes Gefängnis. Er sprengt die Mauern des Todes, und er sprengt auch die Mauern der Kreise der Menschen, die ihn schon längst kennen. Er will heraus. Er will andere Menschen kennen lernen, er will, dass andere Menschen ihn kennen lernen und anfangen mit ihm zu leben. Er gibt sich nie damit zufrieden, dass nur einige Leute etwas von ihm erfahren. Der auferstandene Jesus sprengt jedes Gefängnis. Vers 6 und Vers 7: „Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht, ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten, er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da, die Stätte wo sie ihn hinlegten. Gehet aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.“

Geht hin, geht hin, sagt’s den anderen Jüngern und dann werden sie Jesus erleben. Das ist im Neuen Testament überall miteinander verbunden: Wenn von der Auferstehung von Jesus geredet wird, wird überall gesagt: Und jetzt sagt es weiter. Sagt es den Menschen. Geht hin, Jesus ist auferstanden, also geht hin. Also nicht: „Jesus ist auferstanden – also baut Gebäude, baut Behörden, errichtet gut funktionierende Institutionen, gründet unauffällige Gemeinschaften, die niemandem zu nahe treten, setzt ernste Gesichter auf, zieht freundliche schwarze Gewänder an und eckt möglichst nirgends an.“ Das wird nicht gesagt, sondern es wird gesagt: „Jesus lebt, also geht hin“, und deswegen ist der Test dafür, dass man Ostern begriffen hat, wenn man zu jemanden hingeht und sagt: „Weißt du was, Jesus lebt, und deswegen bin ich heute richtig guter Dinge.“ Jesus lebt, er ist nicht nur ein Museumsstück, er ist nicht nur ein Hausgott, er ist jetzt hier, und man kann jetzt und jederzeit mit ihm reden, und das ist das wichtigste was wir anderen mitzuteilen haben. Er ist jetzt hier, man kann jederzeit mit ihm reden, und dann wird man mit ihm leben jetzt und in Ewigkeit.

Das müssen sie erst einmal verdauen, die Frauen, die das erlebt haben.

Vers 8: „Und sie gingen hinaus und flohen vor dem Grab, denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen, und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich.“ Sie fürchten sich, natürlich, denn das war ganz schön viel, an dem sie erst mal zu kratzen haben. Sie fürchten sich natürlich, denn sie sind ja die ersten, die das erfahren. Sie fragen sich vielleicht: „Werden sie uns glauben – wenn wir davon erzählen, von diesem unglaublichen Ereignis?“ Das ist die gleiche Frage, die sich vielleicht ein Mensch stellt, der in einem solchen Osternachtsgottesdienst ist und weiß: „Nachher kehre ich zurück an den Frühstückstisch meiner Familie oder zu meinem Lebenspartner, zu meinen Freunden, und alle diese Menschen können mit dem hier, was mir wichtig ist, nichts anfangen. Werden sie mir glauben?“

Sie fürchten sich, denn sie sind ja die ersten, und sie fürchten sich, denn sie sind benommen. Sie sagen: Das war ein bisschen zu viel. Aber es ist die Benommenheit, die man hat, wenn man von einem bösen Albtraum erwacht und merkt: „Nein, Moment, das stimmt alles gar nicht, was ich da gerade gedacht habe. Das stimmt nicht. Die Wirklichkeit ist anders.“ Ostern heißt: Der Albtraum ist vorbei. Ostern heißt, das, was wir hier in diesem Gottesdienst sagen, das stimmt wirklich: Jesus lebt. Er ist jetzt hier unter uns, und er geht mit jedem von uns in seinen und ihren Tag. Und wer mit ihm lebt, der hat eine Perspektive bis in die Ewigkeit, eine Perspektive, in die Jesus uns einbaut und in der er wunderbare Dinge mit uns vorhat. Ostern heißt: Der Albtraum ist vorbei. Amen