GreifBar plus am 03.05.2009
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Der wahre Weinstock
- Ich bin der rechte Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. Eine jegliche Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jegliche, die da Frucht bringt, wird er reinigen, daß sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibet in mir und ich in euch. Gleichwie die Rebe kann keine Frucht bringen von ihr selber, sie bleibe denn am Weinstock, also auch ihr nicht, ihr bleibet denn in mir. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viele Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und müssen brennen. So ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater geehrt, daß ihr viel Frucht bringet und werdet meine Jünger. (Joh 15,1-8)
Liebe Gemeinde,
zur Zeit Jesu waren der Weinstock und seine Pflege eine Alltäglichkeit. Schon zu Beginn der Sesshaftwerdung der Menschen wurde der Weinstock kultiviert, wahrscheinlich etwa im 6. Jahrtausend vor Christus im heutigen Persien. Die Trauben schmecken gut und durch den hohen Zuckeranteil gärt der Saft leicht. Das hat nicht nur berauschende Wirkung, sondern ist eine sehr effektive Form der Haltbarmachung. In einem warmen Gebiet, in dem genießbares Trinkwasser selten und Saft höchst verderblich ist, war der Wein häufig die einzige Form, größere Mengen ohne Gesundheitsgefährdung zu trinken. Von Vorderasien fand der Weinbau seinen Weg nach Ägypten, Griechenland und ins römische Reich. Zur Zeit Jesu gehörte Wein zu jedem Fest.
Vom Wein und Weinbau zeugen bereits die ältesten Schriften der Bibel. So trank ein Sohn Noahs zu viel Wein, was ihm sehr schlecht bekam. Später brachten die Kundschafter des Volkes Israels eine große Weinrebe, mit der sie die Fruchtbarkeit des gelobten Landes beweisen konnten. Nach dem Einzug in dieses Land bauten die Israeliten Wein an, der nicht nur den Edlen vorbehalten war. So tötete der gottlose König Ahab einen gewöhnlichen Mann, um an dessen Weinberg zu gelangen. Der Prophet Micha hingegen freute sich auf eine Zeit, in der jeder unter seinem Weinstock sitzen würde (Micha 4,4).
Allerdings ist der Weinbau eine hohe Kunst und eine mühevolle Arbeit. Dies beginnt bereits mit der intensiven Vorbereitung des Bodens. Traditionell baut man immer eine Mauer um einen Weinberg, um ihn vor Tierfraß und starken Winden zu schützen. Es kann Jahre dauern, bis der Wein erstmals richtig trägt und die jungen Pflanzen müssen ausreichend bewässert werden.
Das wichtigste am Weinbau ist jedoch der Schnitt. Der Weinstock hat die Tendenz, ins Laub zu schießen, so dass zwar viel Grün, aber wenig Trauben geerntet werden können. Der Weinbauer ist auch deshalb eine Spezialisierung, weil der Schnitt so kompliziert ist. Da gibt es Sommer-, Winterschnitt und Verjüngungsschnitt. Zapfen und Augen müssen unterschieden und Weinstockformen entwickelt werden. Schlechte, faule, von Ungeziefer befallene Trauben müssen entfernt werden, damit sie die anderen nicht anstecken. Für Tafeltrauben müssen sogar die Reben beschnitten werden, damit sie groß werden. Mit der richtigen Pflege kann ein Weinstock über Jahrhunderte tragen. Ohne Schnitt hingegen werden die Früchte immer kleiner und weniger.
All dies war den Zuhörern Jesu wohl bekannt. Sie waren alle in der Landwirtschaft und damit auch im Weinbau aufgewachsen, auch wenn sie noch zusätzliche Handwerke erlernt hatten. Aber sie kannten auch die zahlreichen Bezüge zum Wein aus dem Alten Testament. So spricht der 80. Psalm davon, dass Israel selbst der Weinstock sei, den Gott aus Ägypten beholt und in Kanaan eingepflanzt habe. Aber Israels Sünde hat Gott veranlasst, die schützende Mauer um den Weingarten einzureisen, so dass die wilden Tiere den Weinberg Gottes zerstören.
„Du hast einen Weinstock aus Ägypten geholt und hast vertrieben die Heiden und denselben gepflanzt. […] Warum hast du denn seinen Zaun zerbrochen, daß ihn zerreißt alles, was vorübergeht? Es haben ihn zerwühlt die wilden Säue, und die wilden Tiere haben ihn verderbt. Gott Zebaoth, wende dich doch, schaue vom Himmel und sieh an und suche heim diesen Weinstock und halt ihn im Bau, den deine Rechte gepflanzt hat und den du dir fest erwählt hast.“ (Psalm 80, 9-16)
Auch Jesaja bezieht sich auf das Bild vom Weinberg, wenn er schreibt, dass Gott erwartet, dass der Weinberg seinen Ertrag bringe, aber die Trauben waren schlecht.
„Wohlan, ich will meinem Lieben singen, ein Lied meines Geliebten von seinem Weinberge: Mein Lieber hat einen Weinberg an einem fetten Ort. Und er hat ihn verzäunt und mit Steinhaufen verwahrt und edle Reben darin gesenkt. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter darein und wartete, daß er Trauben brächte; aber er brachte Herlinge. […] Wohlan, ich will euch zeigen, was ich meinem Weinberge tun will. Seine Wand soll weggenommen werden, daß er verwüstet werde; sein Zaun soll zerrissen werden, daß er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, daß er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, daß sie nicht darauf regnen. Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel, und die Männer Juda's seine Pflanzung, daran er Lust hatte.“(Jesaja 5, 1-7)
Jesus bezieht sich unmittelbar auf das Bild vom Weinstock. Im Gleichnis von den ungerechten Weingärtnern erweitert er das Thema und schließt mit den Worten: „Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen, indem er sagte: sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. Und sie nahmen ihn, warfen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn" (Matthäus 21,37.39). Weinstock, Weinberg, Rebe und Wein waren den Jüngern Jesu so vertraut wie uns Telefon und Fernsehen. Und Jesus nützt geschickt diese Vertrautheit, um seinen Jüngern eine wichtige Erkenntnis mitzuteilen: Er selbst ist wie der Weinstock und wir sind die Reben.
Die Rollenverteilung ist klar: Gott ist der Boss. Er ist der Weingärtner. Er hat den Weingarten angelegt, pflegt und beschützt ihn. Jesus ist der Weinstock, dauerhaft und ertragreich. Und wir sind die Reben. Der Weingärtner hat einen guten Wein gepflanzt, und er wartet auf die Früchte. Und so wie auch heute noch Gärtner zur Zange greifen müssen, um befallene, schlechte Reben zu entfernen, so wird Gott Reben entfernen müssen, die keine Frucht bringen. Das klingt auf den ersten Blick sehr hart, ja bedrohlich. Läuft Gott mit dem großen Messer rum, um mich abzuschneiden und auf den Müllhaufen zu werfen, wenn ich keine Frucht bringe? Muss ich mich zwanghaft anstrengen, gute Frucht zu bringen, um nur ja nicht Gottes Gartenschere zum Opfer zu fallen? Um was für Früchte geht es denn überhaupt? Was sind gute, was schlechte Früchte?
Es ist gut, dass uns die Bibel diese Fragen vollständig beantwortet. Der Apostel Paulus gibt eine klare Antwort darauf, was gute und schlechte Früchte sind. Er schreibt dazu:
„Offenbar sind aber die Werke des Fleisches, als da sind: Ehebruch, Hurerei, Unreinigkeit, Unzucht, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Neid, Zorn, Zank, Zwietracht, Rotten, Haß, Mord, Saufen, Fressen und dergleichen, von welchen ich euch zuvor gesagt und sage noch zuvor, daß, die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben. Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit.“ (Gal. 5, 19-22)
Die guten Früchte, die der Weingärtner hegt und pflegt, an denen er sich freut und die uns Christen gut anstehen, sind Charaktereigenschaften, die uns allen so dringend Not tun. Über jede einzelne Eigenschaft könnte man eine ganze Predigt halten: Liebe, die für den Nächsten das Beste sucht; Freude, die immer wieder staunt über Gottes Herrlichkeit; Friede, der nicht von äußeren Bedingungen abhängig ist; Geduld, die mir so unsagbar schwer fällt, Freundlichkeit, und zwar auch dann, wenn ich in Zeitdruck bin; Güte, die verzeihen und annehmen kann; Glaube als tiefe Hoffnung auf Gottes Allmacht; Sanftmut, die nicht mit Schwäche zu verwechseln ist, sondern aus innerer Stärke kommt und Keuschheit, die selten gewordene Tugend der Selbstbeherrschung.
Ich bin davon überzeugt, dass diese Welt nach Menschen lechzt, die gute Reben an Gottes Weinstock sind und diese Früchte tragen. Nehmen wir als Beispiel die Wirtschaftskrise, die viel Not und Leid auf diese Welt gebracht hat. Arbeitslosigkeit, unsichere Pensionen und Angst sind die Folge von schlechten Früchten, die wir im Sinne des Paulus als Gier und Neid brandmarken können. Geduld, Friede, Güte, Großzügigkeit und Sanftmut hätten diese globale Krise vermieden.
Das Problem mit den schlechten Früchten ist, dass sie ansteckend sind. Wenn eine Rebe vom Traubenwickler, einem ernst zu nehmenden Schädling, befallen ist, dann muss sie am besten weggenommen und verbrannt werden, damit keine weiteren Reben befallen werden. Das ist eine mühevolle Aufgabe, die den Weingärtner schmerzt, weil er sich ja so auf die Frucht gefreut hat. Aber auch die schlechten Früchte, von denen Paulus schreibt, sind ansteckend. Sie saugen dem Körper die Kraft aus und infizieren andere mit ihrem Hass, Maßlosigkeit, Boshaftigkeit und Feindseeligkeit. Der Psychologe Daniel Goleman schreibt dazu in seinem Buch „Soziale Intelligenz“: Emotionen sind ansteckend, und zwar die guten wie die schlechten.
Die Worte Jesu sind deshalb realistisch und durchaus ernst zu nehmen: Der Weinberg kann nur Frucht bringen, wenn der Weingärtner darauf achtet, dass die Reben gute Früchte bringen. Alles andere muss er entfernen und verbrennen. Aber wie können wir es denn schaffen, gute Früchte zu bringen?
Jesu Antwort ist klar und logisch: Ihr könnt es nicht, und Ihr müsst es nicht! Die Rebe, die fest am Weinstock verbunden ist, bringt automatisch Frucht! Sie erhält alles, was dazu notwendig ist, vom Weinstock. Solange die Rebe fest am Stock ist, versorgt er sie mit allen Nährstoffen, Wasser und Schutzmechanismen gegen die Fäulnis. Nur wenn die Rebe nicht mehr am Stock ist, gibt es Probleme. Damit klingt aber Jesu Wort vom beschneidenden Weingärtner nicht mehr bedrohlich, sondern ermutigend: Ihr braucht keine Angst zu haben! Bleibt einfach an mir, und Ihr werdet die Früchte des Geistes bringen!
Damit bleibt aber abschließend noch die Frage, wie wir denn an Jesus bleiben können. Nun, zuerst einmal ist es ganz natürlich, dass die Rebe am Weinstock bleibt. Das ist nichts zwanghaftes, das extra gestützt werden muss. Eine Rebe gehört einfach zum Weinstock, sie hat Gemeinschaft mit ihm, so wie wir ganz natürlich zu Jesus gehören und an ihm hängen sollen. Wir können da gar nichts tun, sondern es ergibt sich einfach.
Trotzdem haben sich im Laufe der Jahrtausende einige Übungen ergeben, die man praktizieren kann, um die Gemeinschaft mit Jesus stärker wahrnehmen zu können. In unserer lutherischen Tradition haben wir diese Exerzitien, wie man das früher nannte, etwas vernachlässigt. Aber es entspricht der christlichen Tradition, dass wir etwas Übung benötigen, um Jesu Nähe immer mehr wahrnehmen zu können. Es handelt sich um ganz verschiedene Möglichkeiten, wie wir ihn in unserem Leben spüren und die Verbundenheit von Weinstock und Rebe erleben können. Der amerikanische Theologe Richard Foster nennt hierfür die Disziplinen
Meditation
Gebet
Fasten
Studien
Einfaches Leben.
Stille
Unterordnung
Dienen
Beichte
Anbetung
Geführtwerden
Feiern
Diese Übungen dienen letztlich nur dem Ziel, Gemeinschaft mit Jesus zu haben. Es geht nicht darum, zwanghaft bessere Menschen zu werden und die guten Früchte aus uns selbst heraus zu produzieren. Sondern wir dürfen einfach Jesu Nähe erleben. Er versorgt uns mit allem, was wir brauchen, um gute Früchte zu bringen, so wie der Weinstock die Rebe mit allem versorgt, was sie benötigt, um Trauben zu tragen.
In der Gegenwart Jesu ergeben sich die Früchte ganz automatisch. Ich war knapp 16, als ich sehr beeindruckend erlebt habe, dass sich in der Gegenwart eines Menschen manches ganz automatisch entwickelt. Ich lernte Prof. Henriette Klink kennen, eine fast 80jährige ehemalige Opernsängerin. Für mich war sie der Inbegriff einer Dame. In Ihrer Präsenz musste man einfach gute Manieren haben. Höflichkeit, Demut und Ehrerbietung flossen aus mir heraus, ohne dass ich mich dazu bemühen musste. Als sie mich in ihren Salon bat, wurde ich umfangen von einer gütevollen Vornehmheit, wie ich das vorher noch nie erlebt hatte. In ihrer Gegenwart wäre flegelhaftes Benehmen, Lautheit oder Unhöflichkeit einfach unmöglich gewesen. Etwas von ihr schien auf mich überzuspringen.
Viel später las ich davon, dass Emotion ansteckend sei. Unser Gehirn ist so gestaltet, dass es auch im Unterbewussten die Stimmung und Ausstrahlung des anderen wahrnehmen kann. Wenn wir uns mit reinen, gütigen, freundlichen, ehrlichen und demütigen Menschen umgeben, so wird dies unser Gehirn prägen und verändern, und zwar auch noch im Erwachsenenalter. Wir sind dafür konstruiert. Und so wie ich in der Anwesenheit von Frau Klink gar nicht anders konnte als höflich zu sein, so können wir in Jesu Anwesenheit gar nicht anders, als die Früchte des Geistes zu entwickeln. Das entscheidende ist, dass wir uns in der Wahrnehmung seiner Präsenz üben.
Dafür ist auch eine Gemeinde sehr wichtig. Menschen sollen nicht nur Reben werden, sondern auch bleiben und Frucht bringen. Und eine Gemeinde soll nicht nur taufen, sondern auch dazu beitragen, dass Menschen im Glauben wachsen, in dem sie immer näher zu Jesus kommen. Wenn wir als Greifbar keine Schritte zu verbindlicher Jüngerschaft fördern, haben wir unseren Ruf verfehlt. Deshalb war es auch so wichtig, dass wir uns in den letzten Monaten mit dem Thema Jüngerschaft beschäftigt haben.
Ich bin davon überzeugt, dass die Jünger Jesu dieses Gleichnis gut verstanden haben, denn sie kannten sich mit Weinstöcken aus. Keiner wäre auf die Idee gekommen, dass eine Rebe für sich alleine Frucht tragen könnte. Nur in innigster Verbindung zum Weinstock, nur wenn sie Teil des Weinstocks ist und alles von ihm erhält, kann sie Trauben bringen. So verstanden auch die Jünger, dass sie ganz fest in Jesus bleiben müssen, geradezu mit ihm verwachsen sein müssen, um die Früchte des Geistes zu tragen. Die Welt benötigt diese Früchte mehr als alles andere. Und ich sehne mich nach diesen Früchten in meinem Leben. Die Antwort Jesu ist klar und einfach: Bleibe fest an mir, und Du wirst Frucht tragen. Ich wünsche uns allen, dass wir diese enge Gemeinschaft mit Jesus pflegen. Die Frucht kommt dann ganz automatisch.
Amen.
