GreifBar plus am 10.05.2009
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Alle sind mühselig und beladen - oder? Jesu Heilandsruf
- 25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. 26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. 27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. 28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Mt 11,25-30)
Liebe Brüder und Schwestern,
in der Überschrift wird schon alles zusammengefasst: Heilandsruf nennt man die Verse 28 bis 30 des heutigen Predigttexts. Da ruft also Jesus Christus, der Heiland: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ Und ich könnte sogleich fragen, wer ist denn von Euch „mühselig und beladen“?
Würde ich diese Frage in einer schwarzen Gemeinde in Harlem oder Brooklyn stellen, sofort würden sich viele Hände nach oben recken. Andere würden mit dem Kopf nicken. Der Frage würde gar ein Ruf nach vorne zum Altar folgen, der so genannte altar call. Und vielleicht ¼ der Gottesdienstbesucher würde nach vorne zum Altar kommen, um sich segnen zu lassen. Denn genau, sie sind „mühselig und beladen“. Der Rest der Gemeinde würde die ganze Aktion mit lautem Singen und Beten begleiten. Man hört eine Vielzahl von Amen- und Halleluja-Rufen. Ich bin mir ganz sicher: Eine Umfrage hier um Gottesdienst würde eindeutig ausfallen. Zwar geht nur ein Viertel der Gottesdienstbesucher als „mühselig und beladen“ nach vorne, folgt also dem Ruf zum Altar, dem altar call, aber alle würden von sich sagen: „Auch ich bin mühselig und beladen!“ Das Ergebnis wäre eindeutig. Das „Alle“ aus dem Heilandsrufe würde hier in Harlem oder Brooklyn tatsächlich auch alle ansprechen.
Wer nun meint, dass ich hier auch fragen werde, hier bei GreifBarPlus, sei versichert: Ich tue es nicht! Denn, so muss ich gestehen, ich hatte mich nicht in diesem Gottesdienst gemeldet und ich bin auch nicht nach vorne gegangen. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir hier im Gottesdienst kein so eindeutiges Ergebnis wie in Brooklyn erhalten würden. Vielleicht würden sich ja zögerlich ein paar Hände nach oben recken. Doch wenn ich dann auch noch nach vorne rufen würde, also ich weiß nicht. Ich verzichte lieber darauf. So eine Aktion würde uns den „allen“ des Heilandsrufs nicht näher bringen - befürchte ich jedenfalls.
Also lassen wir das mit den Handzeichen. Ich könnte es ja anders versuchen. So erzähle ich von den Mühen, die Eltern mit ihren Kindern haben. Ergebnis: Einige hier werden innerlich nicken! Ich erzähle von den Mühen, bis man einen Partner fürs Leben hat. Ein paar andere werde innerlich nicken! Dann erzähle ich von den Mühen, die man hat, wenn man denn einen Partner fürs Leben hat! Wieder werden einige nicken! Und so könnte ich fortfahren, bis alle mal innerlich genickt haben! Kurz um: Ich wäre da, wo ich hin wollte: Alle würden sich als „mühselig und beladen“ angesprochen wissen. Jedenfalls auf die eine oder andere Art!
Und wem das immer noch nicht reicht, für den zücke ich noch die allumfassende Definition von Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation. An der orientiert, ist niemand mehr gesund. Da sind wir alle irgendwie und irgendwo krank.
Damit hätte ich für den Heilandsruf auch alle gewonnen. Das ist für eine Predigt gar nicht so schlecht. Ich hätte jeden da abgeholt, wo er oder sie gerade „mühselig oder beladen“ ist.
Doch ich frage mich, ob ich das tatsächlich empirisch belegen muss. Jesus ist da viel direkter und umfassender. Er spricht es einfach aus. Er ruft einfach „alle, die ihr mühselig und beladen seid“. Und er meint dann auch alle. Und wer nun meint, dass dieser Ruf für ihn oder sie nun doch nicht gelte, dann werde ich dem gar nicht widersprechen wollen. Da halte ich es mit Jesus: „Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.“ (Lukas 5,31)
Daher entscheide jeder selbst, ob der Ruf Jesu nun gelte oder nicht. Eines ist jedenfalls deutlich: Jesus meint mit alle, tatsächlich auch alle. Er unterscheidet nicht! Er begrenzt seinen Ruf nicht! Er sagt nicht: Für Dich ja, aber für Dich nein! Er spricht alle an. Vielleicht hat Jesus ja Dostojewski gelesen, der sagte, das etwas in jedem Menschen weint, auch wenn er sich selbst gerade unbeschwert fühlt. Vielleicht hat aber Dostojewski nur auf Jesu gehört. Wer weiß?
Also „wer Ohren hat, der höre!“
Und da ist ein deutlicher Ruf zu hören: Jesus ruft uns zu sich. „Kommt her zu mir!“ Zu ihm, in seine Nähe dürfen wir kommen. Und was Nähe für uns Menschen bedeutet, wissen wir aus zwischenmenschlichen Erfahrungen. Einem Menschen nahe sein zu dürfen, die Nähe eines anderen Menschen zu erleben, ist etwas besonderes. Aus dieser Nähe zu einem anderen Menschen, bei dem wir sein dürfen, uns nicht verteidigen müssen, auch keine Sonderleistungen erbringen müssen, wo wir wissen und erleben: In seiner oder in ihrer Nähe brauche ich mich nicht verbiegen, bin ich auch vor aller Leistung angenommen, aus dieser Nähe und Erfahrung heraus können wir vieles und großes leisten und auch ertragen, wird schier das Unmögliche noch möglich. Ohne diese Erfahrung wird selbst das Kleinste zur Bedrohung, wird unmöglich.
Und was uns aus der zwischenmenschlichen Erfahrung heraus bekannt ist und wir auch so leicht vermissen und schon gar nicht uns selbst geben können, hier hören wir den Sohn Gottes selbst. Behutsam, leise ruft er: Komm in meine Nähe, komm zu Jesus, bei dem du nicht erst funktionieren musst, sondern einfach sein darfst. Denn in seinen Augen sind wir alle mühselig und beladen.
Im Englischen würde man sagen: to have a shoulder to cry on! Jesus bietet uns seine Schulter, an der wir weinen können, belastendes aussprechen ohne Sorge, dass es missverstanden wird oder unverstanden bleibt. Denn in ihm begegnen wir unserem Schöpfer, der uns kennt und uns grenzenlos liebt, der selbst im Dunkel unserer doch so schwarzen Seelen mit seiner Liebe schon ist.
Von diesem Jesus sagt der Hebräerbrief: „Denn worin er selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden.“ (Hebr 2,18) Und was diese Hilfe ausrichten kann, hat Jesus an der gekrümmten Frau gezeigt. Ob es nun ein körperliches Leiden oder eine seelische Last war oder etwa eigene Schuld, sagt die Erzählung nicht. Jedenfalls kam eine Frau zu Jesus. Es lag etwas auf ihr, was sie gekrümmt gehen ließ, eine Last, die sie nach unten drückte. Doch Jesus richtete sie auf.
Dabei ist es kein lauter Befehlston, der hier ertönt. Der Ton der Einladung ist vielmehr leise und lockend. Jesus will uns gewinnen. Und das geht nur mit behutsamen und leisen Tönen. Der hier ruft ist „sanftmütig und von Herzen demütig“.
Dem Ruf können wir Glauben schenken oder nicht. Diesem Ruf können wir folgen oder auch nicht. Wie dem es auch sei, dieser Ruf gilt uns: „Kommt her zu mir; alle, die ihr mühselig und beladen sind.“
„Mühselig und beladen“ sind jene, die sich mühen und abmühen, die körperlich oder geistig arbeiten, die einfach fertig sind von der Arbeit, die sie erbringen.
„Mühselig und beladen“ sind aber auch jene, die nichts mehr auf die Reihe bringen, weil ihnen alles zu viel wurde, weil sie einfach nicht mehr können. Sie sind nicht nur beladen, sie sind auch zerschlagen.
„Mühselig und beladen“ sind jene, und die hat wohl Jesus damals konkret vor Augen, die sich unter dem Gesetz Gottes abmühen, die Gott gefallen wollen, die seine Tora, seine Gebote, halten wollen und merken, das es niemals reichen wird, die als Aussätzige und Arme von der Gemeinschaft ausgeschlossen sind, von denen man sagt, sie seien von Gott verflucht.
Welche Plage und Not das sein kann, hat noch Martin Luther hautnah erlebt in seinem Kampf um einen gnädigen Gott. Wir erleben oftmals andere Gesetze, die nicht weniger notvoll und belastend sind. Das Gesetz, dem Bild des Vaters oder der Mutter entsprechen zu müssen. Oder dem eigenen Bild entsprechen zu müssen, diesem aber stets hinterher zu hinken. Der Markt hat seine eigenen Gesetze. Und was es heißt, den Gesetzen eines freien Marktes mit sündigen Menschen ausgeliefert zu sein, erleben wir augenblicklich.
„Mühselig und beladen“ sind auch jene, die sich Jesus angeschlossen hatten, seine Jünger. Die sich fragen, ob sich den die Mühen lohnen, ob es eine richtige Entscheidung war, diesem Jesus zu folgen. Da ist oftmals so wenig zu sehen an Ergebnissen und positiven Konsequenzen. Wo bleibt das große Volk, wann wird es sichtbar auch in Greifswald? Oder ist alles nur ein schöner Traum, aber doch nur ein Traum? Gibt es hier einen Fortschritt oder treten wir auf der Stelle? Für wen und was richten wir den Gottesdienstraum hier, besorgen Blumen und räumen hinterher alles wieder zurück oder stehen in der Küche? Lohnt sich der Aufwand? Und vor allem auch: Sieht das, was ich hier leiste überhaupt jemand? Und für den großen GreifBar wird schon seit einigem im Hintergrund überlegt und geschafft. Da könnte man manchmal sagen: Ob die Ernte groß ist, wissen wir nicht, aber eines stimmt jedenfalls: „aber wenige sind der Arbeiter.“ (Mt 9,37).
Doch was erwartet die „Mühseligen und Beladenen“? Jesus wird deutlich: „Ich will euch erquicken!“ Naja, das klingt ein wenig antiquiert. Das griechische Wort, das hier steht, napauso, lässt recht schnell an PAUSE denken. Und genau so etwas ähnliches ist hier auch gemeint. „Ich will euch Ruhe geben“, sagt Jesus, eine Pause gönnen. Wer im Kampf um das Leben bestehen will, versteht sofort, was Jesus meint. Wo Erinnerungen und Gedanken, Menschen nicht zur Ruhe kommen lassen, ist so eine Verheißung etwas besonderes: „So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen!“
Bei den ersten Hörern dieser Worte kamen dabei alte Erinnerungen hoch. Der Traum und das Sehnen nach Ruhe bestimmte die Zeit der Wüstenwanderung des Volkes Israel. 40 Jahre zogen sie als Volk durch die Wüste und mit ihnen zog auch die Sehnsucht nach Ruhe. „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir Gott.“ bekannte der Kirchenvater Augustin und in Psalm 42,6 spricht jemand zu seiner eigenen Seele: "Meine Seele, warum bist du so unruhig in mir?"
Ruhe können wir uns nicht selbst geben, Ruhe wird uns von ihm geschenkt, der unsere Herzen kennt, der weiß, was wir brauchen.
Soweit, so gut, könnte man sagen: Ruhe für die Seelen ist gar nicht schlecht. Doch was meint er hier mit dem Joch? Die von Jesus angebotene Ruhe ist anscheinend eine neue Last. Das Bild vom Joch deutet eindeutig daraufhin. Was Jesus damit meinte, war seinen ersten Hörern deutlich vor Augen. Mit einem Joch spannt man zwei Ochsen vor einen Pflug oder Karren, damit sie diesen ziehen. Das Bild vom Joch beinhaltet eindeutig Dienst, Unterordnung, Gehorsam und Arbeit. Doch Jesus bricht das Bild, wenn er von einem sanften und leichten Joch spricht. Vielleicht sollten wir besser von einem hilfreichen Joch sprechen.
Konnten wir noch verstehen, dass wir von einem schweren Joch befreit werden und Ruhe finden, muss uns die Rede von einem anderen Joch irritieren. Doch die von Jesus verheißene Ruhe ist nicht die Abwesenheit von Arbeit und Mühen.
So paradox es klingen mag, „Ruhe für unsere Seelen“, finden wir nicht, wenn wir von allem befreit werden, sondern, wenn wir etwas sinnvolles tun. Das ist die Verheißung Jesu: Stellt euch in meinen Dienst, dann werdet ihr auch die Ruhe finden, die ihr so nötig braucht.
