GreifBar plus am 21.6.2009
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Von falschen Entschuldigungen und unermüdlichen Gastgebern
- 16 Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. 17 Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit! 18 Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 19 Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 20 Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen. 21 Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein. 22 Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. 23 Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. 24 Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird. (Lk 14,16-24)
Die besten Entschuldigungen
Sich richtig zu entschuldigen ist eine große Kunst! Schüler und Studenten sind manchmal schon ganz gut darin. Ein originelles Angebot wäre zum Beispiel: „Tschuldigung, aber die Straßenbahn hatte einen Platten.“ Die Revanche des Physiklehrers könnte dann lauten: „Na, Hans-Christian, hatte Ihr Fahrrad mal wieder Verspätung?“ Aber wahre Weltmeister im Entschuldigen sind Eltern, die kreativ und immer wieder Entschuldigungen für Ihre Sprösslinge schreiben müssen. Ich habe mal nur eine kleine Auswahl mitgebracht. Es fängt ganz langweilig an, damit wir sehen, wie man es nicht machen sollte: Einfach nur der Verweis auf den grippalen Infekt, das mag nicht recht überzeugen. Schon besser dies hier: von Alt-68er zu Alt-68er:
Gar nicht so übel. Noch besser aber ist der hilfesuchende Ruf einer Mutter an eine Referendarin, in dem die Entschuldigung gleichsam abtaucht:
Zwei noch: Das erste ist ein Appell daran, dem Genie eines Schülers nicht durch so etwas wie Anwesenheitspflicht im Wege zu stehen:
Und zum Schluss noch ein letztes Angebot; das Ganze ist ja eine Weiterbildung für die Eltern unter uns. Manchmal lässt man lieber den großen Bruder ran; der versucht es dann auf die offenherzig-kumpelhafte Tour:
Also, sich zu entschuldigen ist eine große Kunst. Um solche Entschuldigungen geht es in der Geschichte, die Jesus einmal bei einem Essen in gutem Hause erzählt. Er erzählt die Geschichte eines großen Festmahls, eines Banketts, bei dem dummerweise die Gäste nicht erschienen. Sie entschuldigten sich – mehr oder weniger kreativ. Diese Geschichte ist so glasklar, dass sie sich eigentlich nahezu von selbst versteht. Fangen wir gleich an:
1. Aus der Sicht der Menschen: Garstige Gäste
Ein Mensch feiert ein Fest. Wir erfahren nicht warum, aber es wird von langer Hand vorbereitet. Viele sind eingeladen. Und sie wissen, dass sie eingeladen sind. Der Gastgeber hat es ihnen sehr früh mitgeteilt. Nun wird der Saal geschmückt. Die Tische werden gedeckt. Nur das Beste für die Gäste! Der Wein wird gekühlt, aus der Küche steigt Bratenduft empor. Frisches Brot kommt aus dem Ofen. Der Gastgeber freut sich. Er möchte seine Gäste verwöhnen. Es soll ein wunderbarer Abend werden. Einfach den Alltag unterbrechen. Essen, trinken, reden, vielleicht ein paar alte Lieder singen, auf Geschichten hören, alte Freundschaft erneuern. Mal wieder mit dem Nachbarn reden. Es wird bestimmt schön, ein Abend, den keiner so bald vergessen wird. Jetzt müssen sie nur noch kommen, die vielen, die frühzeitig Geladenen, die lieben Freunde, die guten Nachbarn.
Aber sie kommen nicht. Einer nach dem anderen sagt ab. Höflich, aber bestimmt: Nein, du, ich kann nicht. Ich habe gerade Stress in der Firma. Ich muss einfach dran bleiben, damit am Ende des Jahres der Umsatz stimmt. Tut mir Leid. Du, ich habe da ein neues Macbook, das muss ich in Gang bringen, damit es zum neuen Semester alles läuft. Tut mir Leid. Du, ich bin gerade frisch verliebt, versteh bitte, wir brauchen Zeit. Tut mir Leid! Du, das Haus, das Haus, das Haus, wir machen ja alles selbst, weißt du, ich kann nicht, ich muss gucken, dass die Kacheln im Bad verlegt werden. Tut mir Leid. So sagt einer nach dem anderen ab.
Sind es schlechte Gründe, die sie vorbringen? Ist es unmoralisch oder böse, unchristlich oder niedrig, sich um das Geschäft zu kümmern, der Liebe Zeit zu gönnen, ein Haus zu bauen oder sich einen neuen Computer zu erobern? Ist das böse, schlecht oder unchristlich?
Nein, eigentlich nicht. In der Geschichte, wie Jesus sie erzählt, geht es um Acker, Ochs und Ehefrau. Es geht um Arbeit und Liebe. Den Acker bebauen, nach dem Weib Sehnsucht haben, genau das, was Adam und Eva aufgetragen wird, das ist das menschliche Leben, Arbeit und Liebe, Beziehungen und Beschäftigungen, alles o.k. So soll es sein, auch bei uns. Arbeite ich, dann soll ich es ernst nehmen. Liebe ich, dann bedarf die Liebe der Pflege. Warum ist es dann ein Problem?
Aus zwei Gründen, liebe Gemeinde, aus zwei Gründen:
Der eine steckt ein bisschen versteckt in der Geschichte: übersetzt man wörtlich aus dem Griechischen, heißt es beim ersten Gast, dem mit dem Acker: „Ich habe einen Zwang, ich stehe unter einem Zwang, den Acker zu besehen. Das Gute wird zum Zwang. Nicht der Mensch hat den Acker, der Acker hat den Menschen. Nicht ich tue Arbeit, die Arbeit führt mich am Gängelband. Und von der Liebe erwarte ich das Höchste, das Größte, ich vergöttere sie, indem ich höchste Erwartungen an das arme Menschenkind richte, das ich lieb gewonnen habe.
Lasst uns hier einen Moment bleiben: Das bedeutet doch, dass das Gute uns zum Fluch werden kann. Es bedeutet, das Leben in den geschöpflichen Ordnungen von Arbeit und Liebe kann uns völlig entgleiten. Es wird zum Höchsten, zu dem, woran ich mein Herz hänge. Und dann verkehrt es sich vom Segen zum Fluch. Dann hält uns der Zwang in seinen Krallen.
Beispiel „Arbeit“: Ich sage es provokativ und Ihr müsst mir auch nicht folgen. Für Männer und inzwischen auch für Frauen ist Arbeit zum Höchstwert geworden. Wer nicht erwerbstätig ist, ist nichts. Alles andere ist entwertet zu Gunsten des Höchsten: der eigene Job mit regelmäßigem Einkommen und Aufstieg. Arbeit als Erwerbstätigkeit wird Zwang, wird höchstes Gut. Frauen brauchten in den 70er Jahren in der Bundesrepublik noch eine Genehmigung ihres Mannes, berufstätig zu sein. Gott sei Dank – das ist vorbei. Frauen haben aufgeholt und machen Karriere, prima. Aber jetzt kippt es um: Aus Freiheit wird Zwang. Wehe wer sich entscheidet, als Mann oder Frau, für die eigenen Kinder da zu sein, Glück und Last der Erziehung selbst zu tragen und anderes dem nachzuordnen! Wer das tut, Mann oder Frau, muss sich rechtfertigen. Aus Freiheit wird Zwang. Vergessen haben wir längst, dass Kinder nicht nur Bildung, sondern vor allem Bindung brauchen. Entschuldige, aber mein Job, es geht eben nicht anders, tut mir Leid.
Beispiel Liebe: Hier wird es noch schwerer. Ist Jesus gegen Liebe? Keineswegs. Gott segnet das Zusammensein von Mann und Frau, weil er sich daran freut, die Liebe ist die schönste seiner Erfindungen. Aber auch hier: Mache ich den Menschen, den ich liebe, zum höchsten Gut, erwarte ich Übermenschliches von ihm, höchstes Glück, letzte Hingabe, tiefste Zufriedenheit, dann stehe ich am Ende mit leeren Händen da. Überzogene Glückserwartungen lassen Ehen scheitern. Wenn der andere nicht Mensch sein darf, sondern Gott sein muss, dann geht es schief. Darf meine Liebste Mensch sein, ist es viel leichter. Sonst wird aus Liebe unbarmherzige Erwartung, aus unbarmherziger Erwartung tiefer Frust.
Das war der eine Grund. Das Vorletzte wird zum Letzten. Wird aber das Vorletzte zum Letzten, leidet es Schaden. Es tut ihm gar nicht gut, nicht mehr das Vorletzte sein zu dürfen, es überhebt sich, wenn es das Letzte, wenn es Gott sein muss.
Nun der andere: Warum kann das Gute uns zum Fluch werden? Nun, es ergibt sich fast aus dem ersten: Machen wir das Irdische zum Himmlischen, den Menschen zum Gott, dann bleibt für den Himmel kein Platz und für Gott kein Raum. Tut mir Leid, Gott, aber Deine Einladung ist einfach nicht so spannend wie mein Job, die neue Liebe, das Macbook oder das Haus. Auf dich hören, mit dir feiern? - Sorry, tut mir Leid.
[Die so viel Gutes haben, haben es schwer mit Gott. Ich habe, ich gehe, ich bitte, ich kann nicht. Ich habe, ich habe. Kein Platz für Gott. Nur Platz für mich. Mein Reich komme, mein Name werde groß, mein Wille geschehe. Mein Job, mein Auto, meine Liebste, mein Haus, mein Sport, mein Geld. Sie sind nicht einmal böse.] Ihr Nein ist so anständig, bürgerlich, sauber, nachvollziehbar. Aber Gott sitzt allein beim Festmahl. Er sagt: Komm! Sie sagen: Nein. Sie sagen: Jetzt nicht. Sie sagen: Lass mich erst mal... Warum aber ist das schlimm?
Weil sie nein zu Gott sagen, als er sie ruft, bittet, einlädt, auf die Schulter tippt, zu ihnen reden, sie rufen und senden will. Bitte, Ihr Lieben, sagt niemals nein, wenn Gott ruft.
Übrigens, eine kleine Randnotiz: Sie haben schon lange die Einladung zum Festmahl, und nun wird sie ihnen noch einmal zugetragen, so dass sie wirklich kommen können. Das ist ein schönes Bild für die Taufe von Kindern. Als Kind getauft zu sein, heißt: Ich habe die Einladung zum Festmahl. Ich trage das Ticket schon in der Tasche. Und irgendwann höre ich selbst den Ruf: Du bist doch eingeladen. Jetzt komm! Du bist doch getauft. Jetzt glaube! Viele haben die Einladung, aber sie kommen nicht. Sie sind getauft, aber sie überhören den Ruf.
2. Gottes Großherzigkeit (1. Teil)
Zurück zum Festmahl.
Die Außensicht: Der Gastgeber sitzt an der Tafel, aber er allein. Die Namensschilder stehen auf dem Tisch, aber niemand hat Platz genommen. Die kleinen Geschenke, die der Gastgeber verteilen wollte, liegen unbeachtet am Eingang. Die Speisen werden kalt, die Saucen dick, die Kellner stehen auf dem Hof und rauchen, der Pianist klimpert eine traurige Melodie.
Die Innensicht: Und ich dachte, ich wäre ihnen wichtig. Dabei sind sie mir so wichtig. Das Herz wird mir schwer. Dunkle Gedanken, schwarze Gefühle. Im Stich gelassen. Nicht wichtig. Dabei fehlen sie mir so sehr. Dabei habe ich mich auf jeden so gefreut. Dabei wollte ich jeden so verwöhnen und beschenken. Dabei habe ich mich so danach gesehnt, von jedem zu hören, wie es so geht.
Versteht Ihr, das ist das Herz Gottes. Wir sind eingeladen zum Festmahl, nicht vorgeladen. In englischen Filmen gibt es so ein Spiel: upstairs und downstairs, unten und oben. Oben speisen die feinen Leute, unten sitzen die Küchenmädchen, die die zum Spülen bestellt sind, die Diener und der Butler, die Kaltmamsell und die Köchin. Niemals, nie und nimmer würden sie daran denken, sie könnten oben mit am Tisch sitzen. Aber versteht Ihr, das ist das Herz Gottes: Er will uns bei sich haben. Er will uns in seiner Nähe wissen. Er sucht das Gespräch und die Gemeinschaft mit uns. Wir sind die Festgäste, upstairs, nicht die niedere Dienerschaft, downstairs. Kommen wir, so ist Freude im Himmel, verweigern wir uns, so wird Gott das Herz schwer.
Der Himmel, das Reich, wo geschieht, was Gott will, wird immer wieder in der Heiligen Schrift mit einem Festmahl verglichen. Der Himmel, wo Gott regiert, ist eine lange, lange Tafel, an der gesungen und gelacht, gegessen und getrunken wird. Der Himmel ist eine lange, lange Tafel, wo an irgendeinem Platz schon Dein und mein Name steht, auf einem schön geschriebenen Namensschild, reserviert für Bianca, Tunia, Martin, Markus, Finja, Luca. Der Himmel ist der Ort nach dem Herzen Gottes. Und das Herz Gottes will nur mit uns zusammen sein.
[Ich habe einen relativ hart strukturierten Alltag, aber wir kriegen es hin, immer wieder einmal Zeit wirklich herauszuschneiden und miteinander zu verbringen. Wir laufen oder wandern, gehen ins Kino oder trinken endlos einfach Zeitung lesend im Bett morgens Kaffee. Wir fahren ans Meer oder gehen zum Italiener. Und was es ist, ist eigentlich egal. Es ist nichts Aufregendes. Es ist einfach gut, es ist das Beste: zusammen zu sein. Mehr wollen wir gar nicht. Wertvolle Zeit. Meint Ihr etwa, meiner Frau wäre es dann lieber, wenn ich ihr das Frühstück ans Bett bringen würde, schon mal den Rasen mähte, wenn sie noch Zeitung liest, ihr eine Stunde die Füße massiere, sie ins Croy ausführe, wo Sting ihr ein Privatkonzert gibt. Na gut, o.k., wir werden es nie herausfinden.]
Aber wenn wir die Bibel aufmerksam lesen, sehen wir, dass es Gott um eines geht: wie sehr er sich nach uns sehnt. Wir sind dazu erschaffen, mit ihm zusammen zu sein. Darum kam er runter. Weihnachten. Darum ging er ans Kreuz. Versöhnung. Darum besiegte er den Tod. Ostern. Darum kam er rein. Heiliger Geist in unserem Herzen. Darum kommt er wieder. Himmel auf Erden. Es ist, als wollte er täglich sagen: ich möchte diesen Tag mit Dir verbringen. Sprich doch mit mir. Lass Dir helfen. Lass Dich leiten. Komm an meinen Tisch.
Wenn wir Abendmahl feiern, ist das wie ein Vorgeschmack auf den Himmel. Koste schon einmal ein Stück Himmel, sagt Gott. Hier, Himmel für Dich gegeben. Hier: Gottesgemeinschaft, so eng und nah wie möglich, für Dich geschenkt. Darum feiern wir heute Abendmahl. Kommt, denn es ist alles bereit. Schmecket, sehet, wie sehr sich Gott nach Euch sehnt.
Wenn wir daraufhin eine gastfreundliche Gemeinde werden und gerne miteinander und mit Gästen essen, dann spielen wir ein Stück Himmel nach. So soll es sein. Menschen versöhnt an einem Tisch, der Herr noch unsichtbar in ihrer Mitte. Das ist der Sinn unseres Daseins. Bei Gott sein, beieinander sein, versöhnt, vertraut.
Aber sie wollten ja nicht. Sie haben abgesagt. Sie haben sich entschuldigen lassen. Was macht das mit Gottes Herz? Von seinem Zorn ist die Rede. Gott ist nicht ein leicht unterkühlter gefühlsgestörter Neurotiker. Gott hat starke Empfindungen, das lesen wir in der Bibel. Aber Zorn ist nicht blinde Wut. Zorn ist die Kehrseite seiner Liebe. Zorn ist Schmerz, wenn wir nicht kommen. Zorn ist sein Nein zu dem, was wir ohne ihn alles anstellen. Zorn ist seine Trauer über unseren Weg, der ohne ihn ins Dunkel führt. Was aber macht der Zorn mit Gottes Herzen? Nun, das ist der letzte Teil des Gleichnisses:
3. Gottes Großherzigkeit, 2. Teil
Gott disponiert um. Er gibt sein Fest nicht preis. Keinesfalls. Aus Zorn wird ein Neuanfang. Kommen die drinnen nicht, geht es eben nach draußen. Wollen die Getauften nicht, nun, herzlich willkommen, Ihr Ungetauften. Wollen die Habenden nicht, prima, seid willkommen, Ihr Habenichtse. Gott gibt doch sein Fest nicht preis. Wo kämen wir denn hin!
Jetzt müssen wir aber den Knecht ins Auge fassen. Er hat ziemlich viel Stress. Das wird erzählt wie im Zeitraffer. Läuft hierhin und dahin. Trägt gute Nachrichten zu den Gästen. Trägt schlechte Nachrichten zum Gastgeber. Hört dort Entschuldigungen, erlebt hier den Zorn. Muss wieder raus. Läuft zuerst ins Städtchen und lädt ein, wen er trifft, läuft zurück zum Festsaal, sieht, dass immer noch Plätze frei sind. Weiß schon, was ihm droht. Muss wieder raus, jetzt aus dem Städtchen raus, auf die Landstraßen. Wie in Pommern: alle 20 Kilometer ein paar Häuser. Aber auch die müssen kommen, das Haus soll voll werden. Zu seinem Pech war sein Gastgeber kein kirchlicher Durchschnittstheologe, der jetzt sagen würde: Es kommt doch auf die Zahlen nicht an. Sein Chef ist der mit dem großen Herzen: Keiner soll fehlen, jeder ist eingeladen, besonders die es schwer haben im Leben, besonders die, die sich nie träumen ließen, zu einem Festbankett geladen zu werden, weil selbst McDonalds für sie schon unerschwinglich wäre. [Die Hartz-4-Empfänger, die grauen, gebeugten Menschen, die durch die Stadt schleichen, die so lange zu wenig zu arbeiten und zu viel zu trinken hatten, die Aussiedler in der Platte, die Kids ohne Betreuung, die übersehenen Alten.] Da steckt eine tiefe Menschenkenntnis in den Worten von Jesus: Die viel haben, haben es oft schwer, die nichts haben, spüren viel eher, was für eine große Einladung sie bekommen: Welche Aufwertung! Welche Ehre! Welcher Reichtum!
Der Chef mit dem großen Herzen will übrigens die großen Zahlen, weil jede Ziffer in der großen Zahl ein geliebtes Menschenkind ist. Sein Chef mit dem großen Herzen schickt ihn los, und ich bewundere ihn, den Knecht, für seinen stillen Gehorsam. Er jammert nicht. Er geht. Kommt heim, berichtet und geht wieder. Kommt und geht. Geht und kommt. Wieder und wieder. Ende offen, wir hören nicht, dass das Haus voll geworden wäre.
Offenbar ist dieses Gleichnis noch nicht zu Ende erzählt. Offenbar ist der Knecht noch unterwegs. Offenbar ist die Gemeinde noch nicht fertig mit Sammeln. Ein großes Volk in Greifswald. Hier sind wir der Knecht. Den Geladenen die Erinnerung bringen: Ihr seid doch getauft. Kommt, es ist soweit. Denen in der Nähe und denen in der Ferne die Einladung bringen. Besonders die Armen, Mühseligen und Beladenen nicht vergessen. Raus und rein, kommen und gehen, bis der Tisch voll ist. Auch hier in Greifswald, wenn wir Abendmahl feiern oder zusammen schmausen. Volle Tische will der Gastgeber, so viele wie möglich an seinem Tisch. Volle Tische. Es ist ein bisschen wie in Afrika. Die Afrikaner sagen: Bei Euch Europäern wird Gottesdienst gefeiert, wenn es 10:00 Uhr ist. Bei uns in Afrika wird Gottesdienst gefeiert, wenn alle da sind. Himmel ist, wenn sie es alle gehört haben, und wenn die Plätze an der Festtafel nicht mehr verwaist sind.
Das sind wir: der Knecht in der Stadt und in den Straßen. GreifBar ist die Gemeinde, die sich ein bisschen weiter raustraut. Das ist der Grund, warum es uns gibt. Die noch etwas weiter weg sind, zu denen sind wir gesandt. Alle Fantasie, alle Liebe, aller Einsatz ist es wert, damit sie an der Festtafel Platz nehmen können. Darum werden wir Gemeinde, für die ganz draußen, die die schönen kirchlichen Einladungen zum Fest nicht entziffern können.
Meine Frage zum Schluss ist einfach (hingehen zu einem leeren Stuhl): Nächste Woche ist wieder GreifBar, zum 43. Mal, wieder im Theater. Eine Chance, die Einladung auszusprechen. Wer soll auf diesem Stuhl sitzen? Um wen ringen wir betend? Wen umwerben wir? Zu wem eilen wir? Wen wollen wir zum Festmahl Gottes führen? Das ist die Frage. Es ist nicht ungefährlich, jetzt mit Gottes Volk, dann aber deutlich zu rufen: AMEN.
http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/348355 - aufgesucht am 20. Juni 2009.
