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GreifBar plus am 05.07.2009

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                                 Die Unlogik der Barmherzigkeit


    36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. 38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen. 39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? 40 Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister. 41 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? 42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst! (Lk 6,36-42)</ul>

Ich beginne mit einer Denkaufgabe: Was haben die drei folgenden Situationen miteinander gemeinsam?

 

Die erste Situation: Wir befinden uns in Greifswald auf dem Marktplatz und wir kommen bei dem bekannten Holzkohlengrill vorbei, treffen dort einen Bekannten, der gerade herzhaft in ein saftiges Steakbrötchen beißt. Dieser Bekannte hatte allerdings vor einigen Tagen noch  verkündet, dass er von jetzt an glühender Vegetarier zu sein gedenkt. -

 

Zweite Situation: Wir fahren mit dem Auto auf der Autobahn Richtung Berlin. Die A 20 ist ja immer leer, aber je weiter man in Richtung Berlin kommt, desto voller wird die Autobahn. Kurz vor Berlin geraten wir in einen Stau, Auto steht an Auto, direkt neben uns kommt ein riesengroßer, schwerer Geländewagen zum stehen, ein großes, schweres Gerät, Amerikaner würden sagen ein special utilities vehicle, also so ein Teil, bei dem man vermuten müsste, dass da eigentlich ein eigener Tankanhänger dahinter gehört. Die getönte Scheibe der Fahrerseite geht herunter und hinter der Fahrerseite, das ist jetzt pure Fantasie, kommt zum Vorschein: Renate Künast, die bekannte Grünen- Politikerin.

 

Dritte Situation: Wir sehen die Sportschau, aus der Sportschau wird berichtet aus München, und das Stadion von Bayern München wird gezeigt, das wogende Meer der Fans, die rot-weiße Fahnen schwenken, die Kamera zoomt auf ein Gesicht, und wir sehen – Cornelia Harder, die eine rot weiße Fahne schwenkt – die ja erklärtermaßen Hansa Rostock Fan ist (unser Beileid).

 

Was haben diese drei Situationen gemeinsam? Sie sind natürlich alle völlig erfunden, sie haben gemeinsam, dass jemand nicht seinen Überzeugungen entsprechend handelt. Was er tut, passt nicht zu dem, was er sagt. Man kann seinen Überzeugungen entsprechend handeln oder auch nicht seinen Überzeugungen entsprechend handeln.

 

Jesus sagt: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Das heißt: ‚Ihr glaubt doch an einen barmherzigen Gott, und das soll sich abbilden in eurem Leben und in eurer Grundhaltung.’ Jetzt könnte ich mir vorstellen, dass einige von euch sagen: ‚Naja das ist ja typisch, genau darum geht’s also doch, beim Christsein. Es wird zwar immer behauptet von den Christen, dass es gar nicht zuerst um das geht was wir tun, sondern um das was Gott tut. Es wird immer behauptet, dass es nur um ein großes Geschenk geht und um meine Beziehung, aber letzten Endes geht es eben doch um das was wir tun’ – könnten jetzt manche vermuten. Das ist jedenfalls eine verbreitete Haltung, die begegnet mir hin und wieder wenn ich an Hochschulen Vorträge über den christlichen Glauben halte. In der Rückfragerunde kommt regelmäßig genau diese Frage: ‚Ja, also, mit dem christlichen Glauben kann ich gar nicht soviel anfangen’, sagt dann jemand, ‚aber die ethischen Werte, die im Christentum vertreten sind, die finde ich gut. Also wenn man das Ganze mit Jesus und Gott und so ein bisschen zurück nehmen könnte..., aber die christlichen Werte, das finde ich eine feine Sache.’ Die Vorstellung ist ja verbreitet. Fragt die Lehrerin in der Grundschule: „Was ist Religion?“ Sagt Klein-Fritzchen: „Religion, das ist das, was man nicht darf!“ Das ist dieVorstellung: Es geht eben doch darum, was wir tun.

 

Aber sehen wir mal genau hin. Wenn Jesus sagt: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“, dann hat das zwei Bedeutungen. Die erste Bedeutung ist natürlich, das Gottes Barmherzigkeit unser Vorbild ist, und wenn wir an einen barmherzigen Gott glauben, dann sollte die Art und Weise, wie wir von ihm reden und wie wir uns verhalten auch zu dieser Barmherzigkeit passen. Es kann nicht sein, dass wir von einem barmherzigen Gott reden und uns selber völlig gegenteilig verhalten. Der englische Evangelist Nick Polat beschreibt, wie er als Jugendlicher mit fünfzehn, sechzehn Jahren zu einem glühenden christlichen Glauben kam und dann vorhatte, die Einwohner seiner Heimatstadt zu bekehren – das ist ja auch ein sehr löbliches Anliegen – und sich deswegen mit einem Stapel christlicher Verteilschriften, Traktaten, vor das Einkaufszentrum seiner Heimatstadt stellte. Dann kam ein Mann ihm entgegen, der beide Arme voller schwerer Einkaufstüten hatte, und der Nick, 15, 16 Jahre alt, sagte zu ihm: „Ich möchte Ihnen dieses Traktat geben.“ Der Mann sagt: 

„Ich hab keine Hand frei“, und geht weiter. Nick läuft hinter ihm her und baut sich wieder vor ihm auf und sagt: „Ich möchte Ihnen dieses Traktat geben.“ Der Mann sagt: „Ich habe keine Hand frei“, und läuft wieder weiter. Nick denkt sich: „Vielleicht ist das für diesen Mann die einzige Chance, überhaupt etwas über den christlichen Glauben zu erfahren, ich muss ihm jetzt unbedingt nachgehen.“ Läuft ihm wieder hinterher und sagt: „Ich möchte Ihnen dieses Traktat geben.“ Der Mann sagt: „Warum möchtest du mir dieses ... Traktat geben.“ Nick sagt: 

„Weil Gott Sie liebt!!“ Das kommt allerdings an der Stelle vielleicht  nicht ganz so rüber, sondern es wirkt an der Stelle ein bisschen zudringlich. Also die Art und Weise wie wir vom Glauben reden und wie wir uns als Glaubende verhalten, sollte widerspiegeln woran wir glauben.

 

Das ist aber nicht das Einzige. Wenn Jesus sagt: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“, meint er zum einem, er ist unser Vorbild, zum anderen meint er aber auch, dieser barmherzige Gott ist unsere Kraftquelle. Er ist unser Vorbild, aber er ist auch unsere Kraftquelle. Denn was für eine Barmherzigkeit Gottes ist das, an die wir glauben, was ist das für eine Barmherzigkeit? Das ist die Barmherzigkeit des Vaters, des verlorenen Sohnes, der auf seinem Hof ausharrt und nicht aufhören kann, den Punkt am Horizont zu fixieren, an dem sein Sohn mal irgendwann verschwunden ist, und wartet und wartet und wartet und zum Gespött seiner Leute auf dem Hof wird.

Die sagen: ‚Der Alte, der glaubt immer noch, dass sein Sohn wieder kommt!’ Und als sein Sohn wiederkommt, frisch vom Schweinestall, zerlumpt, nicht sehr gut riechend, rennt dieser Vater auf seinen Sohn zu, rennt auf ihn zu und knuddelt ihn von oben bis unten durch. Das ist die Barmherzigkeit Gottes, an die wir glauben. Das ist die Barmherzigkeit, von der wir selber leben, und das ist der Hintergrund von alledem, was Jesus jetzt sagt. Wir glauben an einen Gott, der uns selber unverdient mit seiner Barmherzigkeit überschüttet, und nur aus seiner Kraft, nur aus der Kraft dieses Geschenkes heraus, können wir anders leben als vorher. Das heißt, es geht eben nicht darum, sich jetzt in irgendeiner Form doch Gottes Liebe zu ‚verdienen’, sondern es geht darum, aus dem Geschenk der Liebe Gottes heraus zu leben, anders zu leben als vorher.

 

Und dabei gibt es durchaus einen Zusammenhang. Wenn Jesus nämlich sagt: „Gebt, so wird euch gegeben, “ meint er zwar nicht: ‚Wenn ihr fleißig abgebt, dann wird Gott euch belohnen.’ Ich glaube nicht, dass das so zu verstehen ist. Sondern ich glaube er meint: ‚Gebt und ihr werdet sehen, dass ihr davon viel mehr habt, als wenn ihr behaltet.’ 

Es gibt einen Zusammenhang dazwischen, Gottes Willen zu tun und zu merken, das tut uns gut. Es ist nicht einfach, es ist nicht bequem, es ist manchmal auch schmerzhaft, aber es tut uns gut, das ist der Zusammenhang.

 

Was heißt das praktisch. die Barmherzigkeit Gottes nachmachen, aus der Barmherzigkeit Gottes leben? Das heißt, dass man sich unlogisch verhält. Ich nenne es die Unlogik der Barmherzigkeit. Manchmal scheinen nämlich Verhaltensweisen rechnerisch gesehen naheliegend zu sein, mathematisch sind sie logisch – menschlich gesehen kommen sie aber gar nicht hin. Manche Dinge sind mathematisch gesehen logisch, menschlich kommen sie nicht hin. Zum Beispiel der Satz: ‚Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht’, kommt mathematisch hin, menschlich kommt es überhaupt nicht hin. Ich muss dann immer an einen der großen Helden meiner Jugend denken, nämlich an den Außerirdischen Alf, vom Planeten Melmac. Alf hat mal gesagt: „Ich kann Egoisten nicht leiden, sie denken immer nur an sich, statt sich um mich zu kümmern.“  Das ist vielleicht für uns eine sehr naheliegende Haltung. 

Aber menschlich kommt das nicht hin. Christlich, jesusmäßig ist: 

‚Wenn jeder an den anderen denkt, dann ist an alle gedacht.’ 

Philipper 2: „Ein jeder achte den anderen höher als sich selbst.“ Dann ist an alle gedacht. Das ist die Unlogik der Barmherzigkeit.

 

Genau das gleiche gilt auch für unseren Predigttext. Machen wir uns nur mal klar, wie unlogisch, aus menschlicher Sicht, aus alltäglicher Sicht, das ist, was Jesus hier empfiehlt, und wie wohltuend es trotzdem ist.

 

Erstes Beispiel, die erste Unlogik: Nicht richten – um nicht gerichtet zu werden.

 

Vers 37: „ Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet, verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt, vergebt so wird euch vergeben.“ Alltäglich gesehen ist das ziemlich unlogisch. 

Normalerweise gilt doch bei uns das Prinzip der Schuldverschiebung, dass wir wenn wir angeklagt werden sagen: ‚Och, das war ich gar nicht, er war‘s, sie war‘s, die Umstände waren‘s, das Klima, meine Erziehung, mein Hintergrund, aber ich jedenfalls war’s nicht.’ Dieses Prinzip der Schuldverschiebung begegnet uns schon auf den ersten Seiten der Bibel, in der Geschichte vom Sündenfall, im Garten Eden, wo Adam zu Gott sagt, als der ihn fragt: „Wer hat denn jetzt hier eigentlich vom Baum der Erkenntnis gegessen?“ – da sagt Adam nicht etwa nur: ‚Eva war’s’, das wäre ja schon eine sehr elegante Schuldverschiebung, er sagt: „Die Frau, die du geschaffen hast, die hat mich dazu gebracht...“ und so. Also: ‚Erstens war ich es nicht, und zweitens bist du schuld, dass die Frau überhaupt da ist... Also ich hab damit gar nichts zu tun...’. Schon auf den allerersten Seiten der Bibel ist das zu sehen. Uns ist das natürlich völlig fremd, das ist mir klar. Nein, uns ist das nicht fremd.

 

Ganz ernsthaft: Christen sind in manchen Kreisen sind Christen leider dafür berüchtigt, dass sie ziemlich schnell dabei sind, andere Menschen zu beurteilen. Auf eine witzige Weise kommt das in der Fernsehserie Simpsons rüber, da gibt es ja den christlichen Nachbarn Flanders, der immer auf eine etwas penetrante Weise freundlich lächelt – dieser Flandes ist halt ein Vorzeigechrist, und einmal wird er von Homer Simpson gefragt: „Was machen Sie eigentlich am Wochenende?“ Und Flanders sagt: „ Am Wochenende fahren wir auf eine Gemeindefreizeit, wo wir lernen andere zu verurteilen.“ Das scheint die Art und Weise zu sein, wie in Teilen der amerikanischen Kultur Christen wahrgenommen werden: ‚Das sind die, die lernen, andere zu verurteilen.’ Ich befürchte, manche Menschen hier haben die gleiche Sorge: ‚Christen, das sind die, die sich gerne über andere erheben.’ 

Stattdessen sollten wir genau am Gegenteil erkennbar sein. Wir sollten daran erkennbar sein, dass wir das Richten das Beurteilen Gott überlassen.

 

Vers 39 und Vers 40: „Er sagt ihnen aber auch ein Gleichnis: „Kann auch ein Blinder einem Blindem den Weg weisen? Werden sie nicht alle Beiden in die Grube fallen? Der Jünger steht nicht über dem Meister, wenn er vollkommen ist, so ist er dieser Meister.“ Mit anderen Worten: ‚Ihr seid doch alle genauso blind wie die anderen, über die ihr urteilt. Ihr habt den anderen doch überhaupt nichts voraus. 

Überlasst das Beurteilen und das Richten doch mir’, sagt Jesus. 

‚Überlasst das Richten mir, bei mir ist das Richten am besten aufgehoben.’ Wie könnten wir aufatmen, in unseren christlichen Gemeinschaften, wenn wir das beherzigten. Und zum Beispiel im Reden über Abwesende eine größere Scheu an den Tag legten. Ich habe mal von einer christlichen Gemeinschaft gehört, die hat sich zum Ziel gesetzt, eine Woche lang nichts Negatives über Abwesende zu sagen. 

Nicht das ganze Leben lang, nicht bis in alle Ewigkeit, eine Woche lang. Und sie haben rückwirkend gesagt, das sei die steilste Erfahrung gewesen, die sie als Gemeinschaft gemacht hätten. Ich habe es mir zum Prinzip gemacht – und das ist ein Prinzip, das ich leider öfter verletze –, nur das über Abwesende zu sagen, was ich auch in ihrer Anwesenheit sagen würde. Wie gesagt, ich schaffe das nicht immer, aber ich versuche es. Das hat zur Folge, dass ich durchaus kritische Dinge sage, ich versuche sie allerdings zu allererst demjenigen oder derjenigen zu sagen, den oder die es angeht. Was würde es für einen Unterschied machen, wenn wir mit Leuten reden statt über sie. Nicht verurteilen, nicht beurteilen – hinterfragen, ermahnen, kritisieren, ja, aber mit Leuten reden und nicht über sie. 

Was könnten wir aufatmen, wenn das für unsere Gemeinschaften prägend wäre.

 

Und jetzt bitte ich euch, dass ihr jetzt nicht an dieser Stelle denkt: ‚Ja, Recht hat er, ich finde XY sollte das mal beherzigen, was er hier gerade sagt.’ Ja, das ist die Versuchung, zu sagen: ‚Das stimmt, das ist gut, dass das mal gesagt wird’ – und sich dabei selbst gar nicht betreffen zu lassen. Stattdessen sollten wir sagen: 

‚Gemeint bin immer ich selbst. Ich bin immer der, der gemeint ist.’

 

Zweites Beispiel, zweite Unlogik: Weggeben, um zu bekommen

 

Auch das ist unlogisch. Normalerweise gilt ja bei uns das Prinzip: 

Horten! Also behalten, horten. Finde ich übrigends einen idealen Namen für ein Kaufhaus: Horten! ‚Ja, horte, damit du es behältst, sonst verschwindet es nämlich. Wenn ich es nicht festhalte, wenn ich nicht drauf aufpasse, das es bleibt, dann verschwindet es irgendwann zum Beispiel mein Besitz, den sollte ich festhalten, meine Zeit, ich kann nicht von meiner Zeit abgeben, dann ist sie weg. Meine Bequemlichkeit, meinen guten Ruf, meine Freunde, die Aufmerksamkeit die andere mir schenken, ich muss das horten, ich muss das festhalten.’ Jesus sagt: ‚Dreh das Ganze um. Gib weg, um zu bekommen, gib ab von deinem Besitz,  von deiner Zeit, von deiner Aufmerksamkeit die du bekommst, gib ab und du wirst merken, langfristig geht es dir besser.’ Die intensivsten Freundschaften die ich habe erleben dürfen und erleben darf, haben sich gebildet zum Beispiel in meiner Studentenzeit, als ich einer christlich missionarischen Studentengruppe aktiv war, die einige hier kennen, sie haben sich gebildet in einer Zeit, in der wir gemeinsam große Projekte in Angriff genommen haben, Schulter an Schulter gestanden haben und eine große Vision ins Auge gefasst haben. Dabei ganz nebenbei sind die besten Freundschaften entstanden, von denen ich heute noch zehre.

 

Die glücklichsten Momente, die ich erlebt habe, oder die Menschen erleben, haben häufig nicht nur und nicht so sehr mit großen Erfolgserlebnissen zu tun, sondern sie haben häufig damit zu tun, dass man ganz unscheinbar irgend jemanden hilft und merkt, wie sich ein großartiges verblüfftes Lächeln über dem Gesicht dieser Person ausbreitet.

 

Die größte Freiheit, die man erleben kann, besteht oft darin, dass man Dinge weggibt. Jedes Mal wenn ich umziehe, ärgere ich mich darüber wie viel Sachen ich hab, die ich nicht brauche. Was will ich mit all diesen Sachen? Jedesmal wenn ich einen großen Karton Papier zum Altpapier bringe und es wegwerfe, fühle ich mich gut; vielleicht ist das mein Charakter, ich weiß es nicht. Aber manchmal drücken Dinge ganz wörtlich auf die Seele, und es ist ein Akt der Befreiung, sich davon zu trennen. Weggeben, um zu bekommen.

 

Und das alles geht nur aus Gottes Kraft. Es geht nicht, indem wir uns einfach am Riemen reißen. Natürlich ist es gut gute Vorsätze zu fassen, aber letztlich, langfristig brauchen wir dafür Gottes Kraft. 

Wir können allerdings zugleich einem ganz bestimmten Störfaktor auf die Schliche kommen – nämlich mir selbst. Ich nenne das immer heilsame Selbstkritik üben. Das sage ich in dem Wissen, das die meisten von uns Kritik nicht mögen. Schon Kritik von anderen mögen wir normalerweise nicht. Der christliche englische Autor Adrian Plass hat einmal gesagt: ‚In Wirklichkeit mag ich Kritik gar nicht, ganz besonders konstruktive Kritik kann ich nicht leiden.’ Die meisten Menschen mögen Kritik also nicht so sehr.

 

Auch von uns selbst mögen wir Kritik normalerweise nicht, sie ist trotzdem hilfreich, gerade deswegen, weil wir selbst uns am ehesten verändern können. Jesus sagt das ganz drastisch in Vers 41 und 42: 

„Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder halt still Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen und du selbst siehst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Augen und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.“ Ich habe mir immer überlegt, wie man sich das eigentlich bildhaft vorstellen kann. 

Natürlich streiten sich die Gelehrten, wie man das mit dem Balken genau übersetzt, aber stellen wir uns das doch mal bildhaft vor. Das hat eine fast Monty- Pythoneske Qualität:

 

Da steht jemand vor jemand anderen und sagt: „ Entschuldigung du hast da einen Splitter im Auge.“ Und ihm selbst ragt ein riesengroßer Balken raus. Man merkt, wie drastisch Jesus das sagt. Ich habe daraus für mich die Überzeugung abgeleitet, dass ich falsch liegen kann. Das Zitat kennen einige von uns: ‚I could be wrong, i’ve been wrong before.’ Ich kann mich irren, ich hab mich auch schon früher geirrt. 

Ich kann falsch liegen, rein statistisch gesehen muss ich hin und wieder falsch liegen, weil jeder irgendwann falsch liegt. Also ist es ganz gut zu vermuten, dass ich mich irren kann. Wenn ich in einem Konflikt bin, wenn ich denke: ‚Ich hab doch Recht!’, und wenn ich denke: ‚Aber warum sieht das denn keiner?!’

 

– Ich kann mich irren, rein statistisch gesehen, und gerade deswegen, weil ich mir prinzipiell sympathisch bin. Ich glaube das gilt für die meisten Menschen, das ist auch erst mal ganz gesund, dass man sich selbst prinzipiell sympathisch ist. Aber gerade deswegen neigt man dazu, die eigenen Fehler in einem besonders goldenen Licht zu sehen. 

Ich meine, wer von uns sagt schon: ‚Jetzt tue ich mal vollen Bewusstseins, mit voller Absicht etwas Böses?’ Niemand sagt das, jedenfalls niemand, den ich kenne. Die meisten Menschen sagen: ‚Aber ich handle doch mit den besten Absichten, und außerdem, mir kann doch keiner was wollen!’ Das kann nur rein statistisch schon nicht sein. 

Wenn alle der Überzeugung sind, dass sie immer alles richtig machen, müssen sich mindestens ein paar hin und wieder mal irren, weil einfach zu vieles falsch läuft. Deswegen: Heilsame Selbstkritik üben.

 

Klammer auf: Mir ist klar, das es Menschen gibt, die von dieser Selbstkritik eher zu viel haben und dann ist sie auch nicht mehr heilsam. Es gibt Menschen, die sich selbst tatsächlich ständig misstrauen, und die ihres Lebens nicht mehr froh werden, weil sie immer denken: ‚Ich war’s bestimmt wieder schuld.’ Wenn das auf euch zutrifft, dann bitte ich euch: Hört einfach weg. Was ich jetzt gerade gesagt habe und jetzt sage, betrifft euch gar nicht. Klammer zu.

 

Die Mehrheit allerdings, glaube ich, gehört in die Kategorie derjenigen, die sich selbst so sympathisch sind, dass sie doch eher öfters falsch liegen. C.S. Lewis hat einmal einen Aufsatz geschrieben mit dem Titel: „Wenn nur X sich ändern würde.“ Und er beschreibt typische Spannungen im Familienleben, am Arbeitsplatz, im Alltag, mit irgendwelchen Leuten, bei denen man sich wünscht: „Wenn nur diese eine Person sich ändern würde, dann wäre alles gut.“ Und C.S.Lewis

sagt: „Könnte doch sein, das X ich selbst bin.“ Nicht, dass die anderen keine Fehler machen könnten, aber ich bin es doch, der mich selbst am ehesten ändern kann. Also fange ich doch am besten mal bei mir selbst an.

 

Und deswegen bitte ich euch – und das gilt wieder nicht für diejenige, deren Bereitschaft zur Selbstkritik ein nicht so heilsames Maß hat – aber ich bitte euch, geht doch mal in einem Moment der Stille durch, wer sich eurer Ansicht nach in eurem Umfeld bitte alles ändern sollte. Ich wette, da fallen uns Leute ein. Leute, von denen wir uns wünschen, dass sie sich doch bitte ändern, endlich mal ändern sollten. Führt euch mal diese Leute vor Augen. Und dann überlegt euch, worin ihr euch ändern könntet, an dieser Stelle.

 

„Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist“, sagt Jesus, nicht weil er uns stressen will, nicht weil er uns unter Druck setzen will, sondern weil er uns liebt und weil er uns sieht und uns kennt und sagt: ‚Ich liebe dich, so wie du bist, und du kannst mehr sein, als du jetzt bist. Du kannst die Barmherzigkeit deines Gottes noch stärker wiederspiegeln, als du es jetzt tust. Du kannst es in meiner Kraft’, sagt Jesus, ‚und wenn du es versuchst, wirst du hinfallen und wieder aufstehen. Du wirst hinfallen, ich werde dir aufhelfen, du wirst den Staub von deinen Kleidern klopfen, du wirst wieder losgehen, du wirst wieder hinfallen. Das macht nichts, ich liebe dich trotzdem. Und du wirst wieder aufstehen und du wirst jedesmal neu, jedesmal wie beim ersten Mal meine unendliche Barmherzigkeit erleben, und genau diese Barmherzigkeit wird dich stärker verändern, als alles andere.’ „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ – dazu helfe uns Gott. Amen.