Greifbar

GreifBar plus am 12.7.2009

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                                              Christsein im Beruf


    1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth 2 und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. 4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! 5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. 6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. 7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. 8 Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. 9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, 10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. 11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach. (Lk 5, 1-11)

Liebe GreifBar-Gemeinde,

ein Auto geriet außer Kontrolle, rutschte über eine nasse Fahrbahn und rammte einen Telefonmast. Mehrere Passanten kamen herbeigelaufen, um dem Fahrer zu helfen. Eine Frau erreichte das Opfer als Erste. Sie  beugt sich über den Verletzten. Aber bevor sie etwas tun kann, kommt ein Mann herbeigestürmt und dräng sie zur Seite. „Treten Sie zur Seite, lassen Sie mich ran“, fährt er sie an. „Ich habe einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht! Ich habe die Abläufe im Kopf! Ich weiß, was wir tun müssen!“ Die Frau sieht ihm eine Weile zu, dann tippte sie ihm auf die Schulter. „Entschuldigung“, sagte sie, „aber wenn Sie zu dem Abschnitt ‚Notarzt rufen’ kommen: Hier bin ich.“

Es gibt sie überall, die Amateure, die meinen, es den Profis vormachen zu müssen, die Amateur-Automechaniker, die Hilfs-Medizinprofessoren, deren Kenntnisse aus der Apothekenzeitung stammen, die Laien-Pädagogen, die es stets besser wissen als die Lehrer ihrer Kinder, die Stammtisch-Politiker, die sich sicher sind, wenn man sie endlich mal ranließe, dann sähe es anders aus im Land. Und es gibt auch sie: die Angel-Zuschauer, die den passionierten Angler mit der Frage nerven, ob die Fische auch schön anbeißen. Meistens ist es besser, den Profi ranzulassen, wenn es ernst wird.

Nun sind wir mitten in der Geschichte: ein Fischer am Ufer, das Boot schaukelt auf den Wellen. Simon, der Fischer, im Gespräch mit Jesus, dem Prediger. Und Simon ist Profi und Jesus ist Laie. Simon hat das Fischen gelernt, wahrscheinlich von seinem Vater, der es wieder von seinem Vater gelernt hatte. Die Familie Simon lebte wahrscheinlich schon seit Generationen am See, man kannte und respektierte sie. Simon ist Profi, er weiß, wann die Fische beißen und wann nicht. Er kennt den See, kann ihn sozusagen „lesen“: Was geht, was geht nicht? Jesus aber ist Amateur, bestenfalls. Er hat Zimmermann gelernt, nicht Fischer. Er ist Prediger, nicht Experte für den See. Wenn er in unserer Geschichte etwas über das Fischen sagte, müsste Simon eigentlich kontern: Wenn sie nach ihrem „Angelkurs für Prediger, die mal Urlaub machen“ zu dem Abschnitt kommen: Frag den Profi – hier bin ich.

Aber das tut er nicht: Er, der Profi, lässt sich vom Amateur reinreden. Er riskiert seinen guten Ruf. Er fährt zu einer Zeit auf den See, zu der kein Profi es auch nur erwogen hätte – zu tief ziehen die Fische, zu scheu sind sie im Tageslicht. Und außerdem: Sie waren doch draußen gewesen, und sie waren müde und enttäuscht, denn gefangen hatten sie nichts.

Was passiert hier? Nun, zum einen begegnet Jesus hier einem ganz bestimmten Menschen, dem Simon aus dem Fischerdorf Kapernaum, und er begegnet ihm auf dem Feld seines Lebens, in dem Simon Profi ist, er begegnet ihm in seinem Beruf. Und zum anderen wird diese ganze Geschichte zum Bild, zum Bild für die Gemeinde: der Fischer Simon wird zum Apostel Petrus, der mit Jesus durch die Lande zieht, und der berufen wird, ein Menschenfischer zu sein. Sein alter Beruf wird zum Bild für seine neue Berufung.

Üblicherweise würde ich jetzt ein wenig bei dem erstaunlichen Fischfang bleiben, um dann recht schnell zu den „eigentlich“ geistlichen, frommen, wichtigen Themen zu kommen.  8 Nun, in diesem Fall will ich es anders machen. An diesem Sonntag bleibe ich bei Simon, dem Fischer. Da es am nächsten Sonntag, in einer Woche also, um den Missionsbefehl geht, den Jesus uns hinterlassen hat, werde ich am nächsten Sonntag die gleiche Geschichte noch einmal auslegen, und dann geht es um Petrus, den Missionar und Menschenfischer.

 

Heute aber geht es nur um Simon, den Fischer. Warum? Nun, die Antwort ist schon das Thema dieser Predigt: Es geht heute um Simon, den Fischer, weil Jesus uns in unserem Beruf begegnet. Es geht um Simon: denn wenn es gut geht, wird der weltliche Beruf zu unserer geistlichen Berufung. Und ich möchte mit Euch einen Moment länger dabei bleiben, dass Jesus mit Simon zuerst in seinem Beruf umgeht, bevor er ihn am Ende aus seinem Beruf herausholt. Um es deutlich zu sagen: Während ich das erste für den Normalfall halte und darum genauer betrachten möchte, halte ich das zweite für die Ausnahme. Normalfall ist es, dass Jesus mit uns in unserem Beruf umgeht, Ausnahme, dass er manchen auch aus seinem Beruf herausholt und irgendwo in seiner weltweiten Missionsgesellschaft wieder einsetzt. 8

Jesus begegnet Simon, dem Fischer, und er trifft ihn nicht in einer Kirche, sondern im Beruf. Er führt ihn nicht weg vom See, sondern hinaus auf den See.  Er sagt nicht: „Vergiss jetzt mal deine Fische“, sondern er macht gerade die Fische zum Thema.

Jesus geht mit uns in unserem Beruf um. Das ist eine seltene Perspektive. Manchmal habe ich den Verdacht, in Predigten im Besonderen und in der Gemeinde im Allgemeinen, gehe es nur um die Themen, die mit unserem Beruf nichts zu tun haben: um unser Freizeitleben, unser Gemeindeengagement. Oder um die großen Menschheitsfragen: geboren werden und sterben, schuldig werden und neu anfangen. Oder unsere Beziehungen, aber meistens nicht am Arbeitsplatz, sondern in der Familie, in der Gemeinde, unter Freunden und Feinden. Wo bleibt das Berufsleben? Hat sich Jesus aus unserem Berufsleben zurückgezogen? Was hat er damit zu tun, dass wir den größten Teil unserer wöchentlichen Zeit Krankenschwester und Lehrerin, Arzt, Studentin, Hausfrau und Mutter (auch das ist ein Beruf!), Schuldnerberater, BWL-Professor, Pianist, Erzieher, Verkäuferin, Altenpflegerin, Automechaniker, Physiker oder Sklave eines Professors sind? Was hat Jesus damit zu tun?

Das ist mein erster Gedanke hat: Jesus und unser Beruf – ein übersehenes, oft vergessenes Thema. Kürzlich las ich einen kleinen Text, den ein Manager und Christ nach einem langen Berufsleben und einer ebenso langen Gemeindekarriere schrieb. Und wir hören mal einen Moment hinein in diesen Brief:

 William Diehl, Verkaufsleiter eines globalen Stahlunternehmens, schreibt: “In den fast 30 Jahren meiner beruflichen Karriere hat meine Gemeinde nie erkennen lassen, dass sie meinen Beruf überhaupt zur Kenntnis nahm. Meine Gemeinde hat mir nie angeboten, meine Gaben zu schulen, damit ich Gott am Arbeitsplatz besser dienen kann, noch wurde ich jemals danach gefragt, ob ich in meiner Tätigkeit Unterstützung brauche. Es wurden niemals ethische Probleme angesprochen, wie ich sie jeden Tag lösen muss. Keiner interessierte sich dafür, ob ich meinen Glauben mit meinen Kollegen teile. Ich habe noch keine Gemeinde gefunden, in der es so etwas wie eine öffentliche Anerkennung dessen gab, was ich in meinem Beruf tue. Kurz gesagt: Ich muss zum Schluss kommen, dass meine Gemeinde nicht das geringste Interesse daran hat, ob oder wie ich in meiner täglichen Arbeit Gott diene.”

Meine Frage lautet: Wie sieht das bei uns aus? Kommt unser Beruf z.B. in unseren Hauskreisen vor? Reden wir dort über die Frage, wie unser Glaube sich im Beruf bewähren kann? Sprechen wir über unsere Siege und Niederlagen? Danken oder klagen oder bitten wir vor Gott mit Blick auf unser berufliches Leben? Sind unsere Bibelgespräche und Gebete vielleicht auch deshalb etwas blass und blutleer, weil sie in einem keimfreien Raum stattfinden, in dem wir sozusagen der reine Matthias an sich, die pure Birgit ohne Beruf sind, entkleidet der schnöden Wirklichkeit von Konkurrenz, Zeitdruck, beruflichem Stress und professionellem Stolz, Erfolgserlebnis und Frusterfahrung? Wann haben wir uns zuletzt im Hauskreis über diese Seite unseres Lebens ausgetauscht und füreinander gebetet?

Jesus begegnet Simon, dem Fischer, und er trifft ihn nicht in einer Kirche, sondern im Beruf. Er führt ihn nicht weg vom See, sondern hinaus auf den See.  Er sagt nicht: „Vergiss jetzt mal deine Fische“, sondern er macht gerade die Fische zum Thema.

Sind wir einmal auf die Spur gesetzt, so entdecken wir es überall in der Bibel. Wieder und wieder geht es um das Leben im Beruf. Wozu sind wir geschaffen? Sollten wir nicht eigentlich alle besser Theologen und Mönche sein, die sich heiligen Geschäften hingeben? Nein, den Garten sollen wir bebauen und bewahren. Gärtner des irdischen Gartens sind wir, wenn wir Autos montieren, Vorlesungen halten, Kinder erziehen, Essen kochen, Alte pflegen und unserem Chef den Kaffee unaufgefordert auf den Schreibtisch stellen. Und zugleich: Unser Beruf zeigt uns, wie unsere arme Welt aus den Fugen geriet, als wir der Sünde die Tür öffneten. Nun ist der Acker der Erde nur noch, in jedem Beruf, zu allen Zeiten, voller Dornen und Disteln. Mit Mühsal ernähren wir uns davon unser Leben lang. Jetzt wird es so sein: Wir sind die Kains, die in ihrem Bruder Abel nur noch den Konkurrenten sehen können. Wir sind die babylonischen Türmchenbauer, die alle ihre berufliche Kunst einsetzen, um sich ein Denkmal zu setzen und einen Namen zu machen. In unserem Beruf zeigt sich darum auch unser Elend.

Und doch geht es durch die ganze Bibel hindurch: die Frauen und Männer, die Gott vertrauen, tun dies in ihren Berufen. Und Gott begegnet im Beruf, segnet den Acker trotz Dornen und Disteln, macht aus Beruf Berufung, beruft gerade im Beruf zum Glauben, zum Vertrauen und Gehorchen. Beruf – das ist Segen und Sinn, aber auch Fluch und Vergeblichkeit. Und so ist es, auch für den, der glaubt, vom Anfang bis zum Ende: Segen und Sinn, aber auch Fluch und Vergeblichkeit.

Und so erleben wir es doch auch: Segen und Sinn, die Freude am gelungenen Werkstück, dem fertigen Aufsatz, der dankbaren Reaktion anderer, der förderlichen Gemeinschaft im Team, der Freude an Begabung und der Ermächtigung, etwas zu tun, das Gefühl, eine Spur in dieser Welt zu hinterlassen, etwas Kreatives, Pflegliches, Förderliches, Schönes, Wahres und Gutes zu tun. Und Fluch und Vergeblichkeit: zuviel des Guten oder Angst um den Arbeitsplatz, Leistungsdruck, kränkende Überforderung, Starren auf ein leeres Blatt Papier, undankbare Kundschaft, sture Routine, der Patient, der  nicht gesund wird, der Auftrag, der uns durch die Lappen geht, der undankbare Alte im Heim, Teams, die zu Brutalo-Gangs verkommen, Enttäuschung und Alltagstrott. Segen und Sinn, Fluch und Vergeblichkeit, aber alles unter den Augen Gottes, berufen zum Beruf. In jedem Fall dienen und loben wir Gott, mit Windel und Geschirrtuch, mit Tastatur und Lexikon, mit Fieberthermometer und Spritze, mit Notenblatt und Schieblehre, mit Waschlappen und Auftragsbuch.

Josef zum Beispiel, der Träumer, wächst in seiner Beziehung zu Gott, als alle seine Karriereträume zerplatzten. Und dann segnet Gott ihn in seinem Beruf: Seine Voraussicht und sein wirtschaftliches Geschick sorgen in der Finanzkrise jener Zeit dafür, dass viele Menschen weiterhin Brot haben, und unter der Hand treibt Gott gerade so seine Geschichte mit den Menschen weiter (Gen 37-50). Oder die tapferen Hebammen in Ägypten (Ex 1,17), wenig später, haben eine berufliche Ethik, die es ihnen verbietet, die jüdischen Neugeborenen zu töten. Ihr Glaube formt ihre Berufsauffassung und macht sie mutig, als es darauf ankommt zu widerstehen.

Und so geht es weiter: Johannes der Täufer redet mit Menschen aus verschiedenen Berufen, wie man denn Gott im Beruf gehorchen kann, auch als Soldat und Zollbeamter, in Berufen, in denen man sich leicht die Hände sehr schmutzig machen kann (Lk 3,10-14). Jesus nennt einen Hauptmann der römischen Besatzungsarmee vorbildlich, ein Muster des Glaubens, der sich um seinen kranken Knecht kümmert und Hilfe in dieser irdischen Angelegenheit bei himmlischer Macht sucht (Mt 8,5-13). Paulus blieb Zeltmacher, Jesus arbeitete bis zum 30. Lebensjahr als Zimmermann und nur 3 Jahre als Prediger. In den Briefen des Neuen Testaments geht es immer wieder auch darum, wie wir im Beruf integer bleiben können, z.B. als Händler und Kaufleute (z.B. 1 Thess 4). Und in den Geschichten, die Jesus erzählte, werden weltliche Berufe zum Bild und Gleichnis für Gottes Art, die Welt zu regieren und zu erneuern. Das Reich Gottes ist gleich einem Kaufmann, einen Weinbergbesitzer, einem Landwirt und einem Fischer, ja, genau, einem Fischer. Und damit sind wir wieder bei Simon aus Kapernaum.

Jesus begegnet Simon, dem Fischer, und er trifft ihn nicht in einer Kirche, sondern im Beruf. Er führt ihn nicht weg vom See, sondern hinaus auf den See.  Er sagt nicht: „Vergiss jetzt mal deine Fische“, sondern er macht gerade die Fische zum Thema.

Was wäre denn, 8 wenn Jesus unser berufliches Leben so zum Thema machte, wie er es bei Simon tut? Und weil es doch eher ungewöhnlich ist, kann ich diese Predigt jetzt gar nicht ohne Euch halten, denn hier seid Ihr die Profis und ich der Laie. Ich kann Euch nur die Anstöße mitgeben, die in dieser Geschichte stecken und Euch dann bitten, für Euch allein und im Hauskreis weiterzudenken und weiterzubeten: 8

 

1.     Anstoß: Simon sitzt müde mit seinen Kollegen am Ufer des Sees. Nebenan findet eine religiöse Veranstaltung statt. Jesus redet zu der Menge, aber er müht sich um einen der Fischer. Und was tut Jesus, um den Fischer anzusprechen. Er sagt: Du hast etwas, das kann ich gebrauchen. Leih mir dein Boot, ich brauche es als Kanzel. Jesus belegt das Boot  mit Beschlag, aber eigentlich den Besitzer des Bootes. Mitten im Beruf spricht Jesus den Fischer an. Er fährt auf den Boot ein Stück auf den See hinaus und kann so besser als vorher zu der Menge sprechen. Ich möchte Euch fragen, ja bitten: Denkt einmal nach. Welches Boot habt Ihr, das dem Herrn zur Kanzel werden kann? Was kann er nehmen, um genau damit sein Werk voranzutreiben? Denkt darüber nach, persönlich und in Euren Hauskreisen: Diesen Aspekt gucke ich nächsten Sonntag noch genauer mit Euch zusammen an. Jedenfalls knüpft Jesus hier ein Band, das ihn mit Simon verbindet. Und als er zu der Menge gesprochen hat, müht er sich weiter um den Fischer. 8

2.     Anstoß: Jesus macht Simon einen Vorschlag: Fahr noch mal raus. Das ist die Stelle, an der Jesus den Profi-Fischer enorm provoziert. Was weißt Du schon vom Fischen? Du hast doch keine Ahnung! Meine Leute sind müde, wir haben gerade die Netze sauber, nur noch ’nen Happen essen und dann aufs Ohr hauen! Ich mach mich doch nicht vor dem ganzen Dorf lächerlich! Aber nein. Simon spricht sich aus vor Jesus: Ach, Jesus, wir haben doch die ganze Nacht gefischt, wir haben nichts gefangen, wir erleben soviel Fluch und Vergeblichkeit. Simon kleistert es nicht fromm zu. Er spricht sich aus vor Jesus. Können wir das, vor Jesus und voreinander? Ich komme gerade nicht weiter. Ich habe immer noch keinen Job, das Geld ist so knapp. Ich hänge fest mit meiner Doktorarbeit. Mich nerven diese Greise im Heim. Ich könnte diese Kollegen auf den Mond schießen. Herr, ich habe das ganze Semester, die ganze Saison, die ganze Bachwoche, das ganze Wirtschaftsjahr, ich habe mich so bemüht, abgeplagt, wieder und wieder. Und: nichts gefangen, leere Hände, alles umsonst! Simon lädt den Fluch und Frust des Jobs bei Jesus ab, er ahnt, und er ahnt zurecht: Jesus ist zuständig für meinen Beruf. Können wir das? Kennen wir das? Vor Gott und voreinander? 8

3.     Anstoß: Aber es kommt noch etwas. Simon sagt: Aber wenn Du es mir vorschlägst, weil Du es sagst, ja überhaupt weil Du es bist. Ich wage es, ich tue es wirklich, trotz allem, noch einmal, noch einmal die Netze raus! Ja, ich tue es. Und jetzt, Ihr Lieben, Vorsicht! Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht! Das ist keine Spruchweisheit nach dem Motto: „Und wenn Du meinst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her.“ Das ist kein Satz für jeden und für immer und für überall. Nicht immer ist angesagt, die Netze noch einmal in denselben Teich zu werfen. Aber immer ist angesagt, Jesus zu fragen, auf Jesus zu hören und Jesus ein bisschen mehr zu trauen als den schweren Realitäten. Jesus ist wirklicher als das leere Netz, Jesus ist wirklicher als das müde Herz. Was sagt er mir – für meinen Beruf? Noch einmal Liebe investieren? Noch einmal eine Bewerbung schreiben? Noch einmal neu mir vornehmen, dem Kollegen eine echte Chance zu geben? Noch einmal allen Mut zusammennehmen und der Chefin das Nötige sagen? Weil du es sagst! Nicht weil ich es kann! Weil du es sagst? Oder auch: Such dir Hilfe! Weil du es sagst! Mach mal Pause! Weil du es sagst! Darum geht es: Jesus darf mitreden im Beruf. Ich will hören, wohin er mich schickt. Jetzt wird Glauben zum Abenteuer: Herr, so viel Fluch und Vergeblichkeit, aber weil du es bist, weil du es sagst...  8

4.     Anstoß: Erfolg macht demütig. Auch das ist keine goldene Regel, auch wenn es törichte Gemeinden gibt, wo so etwas gelehrt wird: „Glaube, vertrau und gehorche, und Gott wird Dich mit Erfolg, Gesundheit und Reichtum überschütten!“ O.k., so lehren wir nicht. Ihr könnt nicht rausgehen, die Woche über Netze auswerfen und mich nächsten Sonntag fertig machen, weil Eure Netze eben doch nicht zum Zerreißen voll wurden, die Doktorarbeit noch nicht fertig ist, der neue Wagen noch nicht finanziert ist, die Station Dich nicht zum Pflegedirektor befördert hat. Keine Haftung! Keine Gewähr! Aber es gibt so etwas wie Sinn und Segen, den Jesus im Beruf schenkt. Es kommt vor. Wir merken, wir werden über alles Verdienst beschenkt, der Acker hat nicht nur Dornen und Disteln, die Netze füllen sich doch merklich. Jesus lässt sich nicht lumpen. Gelingen und Erfolg stellen sich ein, nicht immer, nicht überall, aber hier und da. Nie war es schöner, ein Fischer zu sein, sollte man meinen. Aber da fällt Simon auf die Knie. Das haut ihn um. Er spürt, er ist Gott begegnet. Und das ist kein Spaß. Er spürt, wer Gott ist und wer er ist. Er weiß, was er, auch im Beruf, auf dem Gewissen hat. Er kennt seine story, und er sieht, Jesus und ich in einem Boot, das funktioniert nicht. Ein Mensch trifft Gott, mitten im weltlichen Geschäft, und plötzlich steht er vor der Ewigkeit. Im Licht Gottes. Muss Rechenschaft ablegen. Nicht in einer Kirche, sondern in einem Fischerboot. Und genau da hebt ihn der Herr wieder auf die Beine: Fürchte dich nicht. Dem Simon wird verziehen. Der Simon wird ein neuer Mensch. Jesus bereinigt auch unsere dunkle berufliche Vergangenheit. Auch das kann ausgesprochen und vergeben werden, das Ungerade, Verbogene, die Ichsucht, die kleinen und großen Vergehen, der eigene Anteil an schlechter Stimmung im Team, die eigene Gewinnsucht.

Wo kommt das vor: in unserer Gemeinde, in unserem Gebet, in unseren Hauskreisen? Das nehmt mit in diese neue Woche:  Jesus begegnet Dir, der Hausfau, dem Studenten, der Altenpflegerin, dem Dozenten, dem Physiker, dem Pianisten, dem Gärtner, der Geschäftsfrau - und er trifft dich nicht nur in einer Kirche, er führt dich nicht weg vom See, sondern hinaus auf den See, er sagt nicht, vergiss jetzt mal deine Fische, sondern er macht gerade deine Fische zum Thema. Wo ist dein Boot, das zur Kanzel wird? Wo sprichst Du mit ihm über Fluch und Vergeblichkeit? Wo hörst Du von ihm eine neue Berufung im Beruf? Und wo klärst Du mit ihm die Schatten Deines Berufslebens? Und wenn Gottes Volk zustimmt, ruft es – AMEN.

 

 


Zitiert in Michael Frost und Alan Hirsch: Die Zukunft gestalten. Innovation und Evangelisation in der Kirche des 21. Jahrhunderts. Asslar 2008, 47.