GreifBar plus am 26.07.2009
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Unsere kleinen Fische und was Jesus daraus machen kann
- 1 Danach fuhr Jesus weg über das Galiläische Meer, das auch See von Tiberias heißt. 2 Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.3 Jesus aber ging auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern. 4 Es war aber kurz vor dem Passa, dem Fest der Juden. 5 Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben? 6 Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte. 7 Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder ein wenig bekomme. 8 Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: 9 Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das für so viele? 10 Jesus aber sprach: Lasst die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich etwa fünftausend Männer. 11 Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, soviel sie wollten. 12 Als sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt. 13 Da sammelten sie und füllten von den fünf Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die denen übrig blieben, die gespeist worden waren. 14 Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll. 15 Als Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er selbst allein. (Joh 6,1-15)
[ab über´n Teich...]
Urlaubszeit, ich weiß nicht wie es Ihnen geht, wie es euch geht, ich hab mich sehr drauf gefreut. Die letzten Wochen, Monate waren ziemlich stressig. Ein Termin hat den anderen gejagt, eine Aufgabe auf dem Schreibtisch folgte der anderen nach. So richtig Zeit zum durchatmen, zum zwischendurch-mal-auftanken war eigentlich gar nicht da; endlich Urlaubzeit.
Das Wetter spielt noch nicht so ganz mit, aber wenn man weg fährt, dann ist es auch eigentlich egal was für ein Wetter ist. Einfach mal Abstand zu den Dingen zu gewinnen, einfach mal wieder den Kopf frei pusten, da tut so ein bisschen Wind gar nicht schlecht. Ein bisschen mit dem Boot raus, so fern ab von Handy, von e-Mails, von aller modernen Kommunikation, die einen doch immer wieder fest hält. Endlich mal Ruhe zu haben, endlich Urlaub.
Ich glaube das diese Struktur etwas sehr heilsames ist, sie prägt ja auch unsere Woche: der Sonntag, der Feiertag, der Ruhetag -, den Ablauf der Woche, zwischendrin durchatmen zu können. Dass nicht immer alles immer weiter geht, sondern mal ein Tag zwischendurch Pause ist: Abstand, Ruhe. Durchatmen, sich zurück zu besinnen: warum mache ich das eigentlich. Zeit für andere Menschen zu haben, Zeit zum Gespräch mit Jesus, einmal richtig ausgiebig Zeit zum Bibel lesen, wenn es sonst unter der Woche gerade mal zu den Losungen reicht. Ruhe, Pause: der Rhythmus von Arbeit und Freizeit. Wenn man weiß dass der Sonntag frei ist, dann kann man die Woche auch durchpowern. Wenn man weiß dass der Urlaub vor der Tür steht, dann kann man auch noch mal so einen richtigen Endspurt hinlegen und die Dinge so richtig gut machen. Da kann man auch mal bis nachts um zwei am Schreibtisch sitzen, weil danach ist ja erst mal Pause.
Ruhe, das tut auch der Gemeinde gut, in den Sommerferien das Programm etwas zurück zu fahren. Wir in der Gehörlosengemeinde machen eine Sommerpause, wo wir sechs Wochen keine Gottesdienste haben, weil unsere kleine Gemeinde sowieso verstreut ist in alle Welt. Wir machen eine Sommerpause und freuen uns umso mehr, dass es im September dann wieder richtig los geht.
Pause, ab übern Teich. So machen sich auch Jesus und seine Jünger auf die Suche nach Ruhe. Und da ist es das Beste, das sie machen können, sich ins Boot zu setzen, das Ufer hinter sich zu lassen mit all dem, was sie miteinander erlebt haben. Die Wunder, die tollen Predigten von Jesus noch einmal im Kopf Revue passieren zu lassen. Die wertvollen Gedanken die da kamen, die im ganzen Trubel doch allzu leicht wieder untergehen: ab übern Teich. Dann pustet der Wind so richtig ins Segel und so richtig durch die Köpfe und der ganze Stress, der Druck von den Menschenmassen ist wie weggeblasen. Sie kommen am anderen Ufer an, legen an, steigen aus dem Boot und gehen den leichten Hügel hoch. Jesus, so denke ich mir, freut sich nach dem was davor passiert ist, auch auf ein bisschen Ruhe, auf ein bisschen Gemeinschaft, auf guten Lobpreis im Jüngerkreis, mit der Gitarre sitzen sie im Gras… Nein nicht ganz, aber so stelle ich mir das vor: eine kleine Retraite als Hauskreis. Und so sitzen sie da und schließen die Augen. Die Einen genießen einfach die Ruhe, die Anderen hängen ihren Gedanken nach, wieder Andere beten. So sitzen sie da und haben Ruhe.
[sehen, was nötig ist…]
Dann machen sie die Augen auf - man hört es schon: eine Masse von Menschen. Nicht, dass das für sie etwas Neues wäre, nein das kennen sie ja schon. Aber deswegen sind sie doch eigentlich ab über den Teich gefahren: weil sie Ruhe wollten, weil sie mal Pause haben wollten, weil sie den Abstand brauchten um sich neu auf Menschen einzulassen. Und dann das.
Ich stelle mir vor, wie es bei den Jüngern im Kopf rotierte und dann der Eine denkt: „Also, Entschuldigung, dafür sind wir jetzt nicht verantwortlich, wir haben die nicht gerufen, die sollen für sich selber sorgen, wir brauchen auch mal Ruhe, das ist auch für uns wichtig, das müsst ihr verstehen, das ist so ein Rhythmus von Arbeit und Freizeit, so wo man auch wieder Abstand kriegt, um sich dann neu den Menschen zuwenden zu können, jetzt ist einfach mal Ruhe angesagt, kommt in ´ner Woche wieder oder am besten kommen wir zurück mit dem Boot, dann sind wir wieder bei euch, ganz für euch da, aber jetzt bitte nicht.“ Oder vielleicht denkt ein anderer Jünger: „Was machen wir jetzt mit den ganzen Menschen? Wir als Gemeinde sind dafür da, den Menschen ein gutes Wort zu geben. Die Menschen, die da kommen, man sieht es ihnen an: die haben Sorgen und Probleme. Aber dafür sind wir doch nicht zuständig. Jesus, eine gute Predigt und dann entlass sie nach Hause, dann können sie etwas mitnehmen für den Rest ihres Lebens.“ Vielleicht denken so die Jünger. Jesus denkt anders.
Jesus hat den inneren Abstand, einen Unterschied zu sehen zwischen der Ruhe und dem Augen-Verschließen vor der Wirklichkeit, vor den Nöten der Menschen. Damit macht er zugleich deutlich: Gott hat keinen Urlaub. Bei ihm gibt es nicht, wenn wir ihm eine e-Mail schreiben, den Autoresponder: „Tut mir leid, der Betreffende ist gerade im Urlaub, bitte melden sie sich nach dem 30.8. wieder.“ Auch kein AB Spruch, der uns hinhält. Gott hat keinen Urlaub.
Ja, ich stelle mir vor: Jesus war auch schlapp nach den vergangenen Wochen, nach alldem, wo er beansprucht wurde - nicht nur von den Menschen, auch von seinen Jüngern. Und jetzt hätte er sich Zeit nehmen können, mal nur für die Jünger und zwischendurch auch mal Zeit nur mit seinem Vater im Himmel. Nein: Jesus macht einen Unterschied. Ich stelle mir vor, wie Jesus den Menschen ins Gesicht schaut und wie er sich die Zeit nimmt und wie vor seinen Augen alles offen daliegt, was das für Menschen sind, die da kommen. Was sie bewegt, die Sorgen, die sie quälen, was sie erwarten oder was sie vielleicht auch schon gar nicht mehr erwarten. Und er nimmt sich ihrer an. Auch derer, die mit ganz schrägen Vorstellungen kommen und ihn hinterher nach dem Wunder zum Brotkönig machen wollen - was für eine absurde Vorstellung.
Jesus ist offen für diese Menschen. Vielleicht tut das gut für uns, auch einmal - wenn es etwas ruhiger ist - den Menschen in die Augen zu gucken, dann, wenn wir nicht gehetzt von Termin zu Termin eilen, sondern wenn etwas mehr Luft da ist und uns Zeit zu nehmen und zu sehen, was Menschen für Sorgen umtreibt, und es ins Gebet zu bringen. Zeit zu haben auch für Gespräche, für Menschen in unserer Umgebung von denen wir wissen, dass sie Sorgen haben. Ich bin ein Mensch der sehr auf seine Ruhe bedacht ist und wenn dann, wenn ich eigentlich Ruhe eingeplant habe, wieder so ein problematischer Anruf von einem Freund kommt, der mal wieder ein Problem hat, dann ist mein erster Impuls: „Also ich hatte ne volle Woche, ich hab grad nicht die Kraft mich zu melden oder, dass wir uns mal treffen und über deine Probleme reden.“ Das sage ich nicht so, das sage ich meistens etwas höflicher. Aber ich kenne diese Gedanken gut und stelle mir vor, dass die Jünger ähnlich gedacht haben.
Jesus ist anders und bei ihm kann ich lernen, dass Gott zum entscheidenden Zeitpunkt auch noch die Kraft schenkt, dass ich nicht ihm im Weg stehe, wo ich fixiert bin auf meine Ruhe und auf meinen Rhythmus von Ruhe und Arbeit, Zeit für Menschen und Zeit für mich.
Man kann das Ganze auch umdrehe und sagen: Gott hat keinen Urlaub, das heißt: ich darf mich zu Jesus aufmachen. Ich darf mit dem was mich umtreibt, was mir schlaflosen Nächte bereitet, mich einreihen in die fünftausend Männer plus Frauen und Kinder, die sich da auf den Weg machen zu Jesus. Ich darf mich ihnen einfach anschließen. Es war kurz vor dem Feiertag, vor dem Passahfest, steht da in einem Nebensatz. Vielleicht sind Feiertage, Sonntage, sind Urlaubstage der geeignete Zeitpunkt, wenn wir etwas runterkommen vom Stresspegel und manche Gedanken zulassen können, weil die Zeit, die Kraft, die Energie da ist. Und diese Gedanken dann auch vor Gott auszuschütten. Oder das wir uns jetzt in der Urlaubszeit mal Zeit nehmen können, um neu in der Bibel zu lesen. Ich empfehle für den Urlaub, nicht nur den neuen Krimi mitzunehmen, sondern auch die Bibel, vielleicht einmal in einer anderen Übersetzung als der gewohnten: Neue Genfer Übersetzung zum Beispiel. Irgend etwas, das uns den Text ganz neu lieb macht, wo wir Jesus neu begegnen, weil wir manches ganz neu und mit Abstand zu den Dingen lesen können.
Mir geht es so, dass der Alltag mich festhalten will: dort wo ich zuerst auf den Schreibtisch und auf meinen Terminkalender gucke, da hat oft Jesus schon gar keine Chance mehr, und auch die Menschen nicht. Was hält uns ab, was hält Sie, was hält dich ab davon heute dich aufzumachen: mit dem was dich bewegt zu Jesus. Wir brauchen nichts mitbringen, noch nicht mal das, was das Kind dabei hat: die Brote und die Fische.
[das Wenige Jesus geben…]
Da sitzen sie nun im Gras, haben die Augen gerade wieder aufgemacht, die Ruhe ist vorbei, die Pause ist zuende. Das sehen sie. Sie können die Leute nicht wegschicken. Was sollen sie machen? „Und wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann gründe ich ´nen Arbeitskreis.“ Und so fangen sie erst mal an zu diskutieren. Jesus fragt: „Was sollen wir machen?“ Jesus fragt. Das ist das erste, was passiert. Das finde ich etwas sehr Bedeutsames. Jesus fragt. Jesus sagt nicht: „Okay, ihr bleibt hier sitzen, ich kümmer mich drum.“ Jesus sagt nicht: „Ich mache das mal“, sondern Gott will uns dabei haben - mit unseren Vorstellungen, mit unseren Gedanken, mit dem was wir einbringen können und sei es noch so unfertig.
Er fragt zuerst Philiphus. Philiphus ist der Typ kühler Rechner: „Also Jesus, ich hab da mal in unsere Gemeindekasse geguckt, und beim besten Willen: fünftausend Männer plus Frauen und Kinder, die kriegen wir nicht satt. Das reicht vorne und hinten nicht. Wir können keine Suppenküche fürs Ostseeviertel machen. Das reicht nicht, brauchen wir gar nicht anfangen. Wir können uns schließlich nicht um alle Probleme dieser Welt kümmern.“ Philiphus, der kühle Rechner.
Ungefragt meldet sich Andreas - ungefragt ist klar, wir kennen ja seinen Bruder Petrus. Andreas ist so ganz anders als ich. Ich war früher viel auf Jugendfreizeiten, da waren wir dann sechzig Jugendliche und mehr und wenn es da ans Büffet ging, dann habe ich zugesehen, dass mein Teller nicht leer war. Das sieht man mir jetzt nicht so an, ich versteck das ganz gut. Aber mir war wichtig, dass ich nicht zu kurz komme. Andreas hätte ja auch hingehen können zu dem Kind mit seinem Korb mit den fünf Broten und zwei Fischen und sagen: „Heh, hör mal zu, hier ist es ziemlich voll und ich glaube die fallen gleich alle über deine Brote und Fische her, lass uns `nen Deal machen: Ich krieg zwei Fischbrötchen und du drei, okay?“ Das wäre jedenfalls mein erster Impuls gewesen, wenn ich den Jungen gesehen hätte an der Stelle. Andreas ist anders. Andreas ist auch anders als das was ich bei mir oft merke: dass ich nämlich gerne die dicken Fische zu Jesus bringe, das was ich kann. Nicht fünf Brote, fünf Brötchen und zwei kleine Fischchen, so Sprotten oder so was. Sondern wenn, dann soll am Ende auch drauf stehen: Ja, Jesus hat fünftausend Menschen satt gemacht, aber das konnte er nur, weil Markus wirklich dicke Fische mitgebracht hat. Dann stehe ich auch mit drauf. Nein Andreas ist anders: das was er hat bringt er zu Jesus. Das was er hat, das was er sieht. Er bringt das erst mal ganz vertrauensvoll zu Jesus. Er sagt: „Jesus, hier ist ein Kind, das hat fünf Brote und zwei Fische“, und dann merkt man so richtig beim lesen, wie es klick bei ihm macht: „Aber, was ist das schon für so viele Leute“. Beides gehört zusammen: das zu Jesus zu bringen, was wir haben - mit all unseren Zweifeln, die da sind, die auch berechtigt sind. Er hätte ja auch ein bisschen weiter denken können und sehen können: fünf Brote, fünftausend Menschen, das müssen schon große Brote sein. Nein: er bringt das Wenige zu Jesus und die Zweifel gehören dazu. Was können wir zu Jesus bringen, wo wir eigentlich denken: „Damit kann Jesus gar nichts anfangen, das ist so ne kleine Gabe, so ein kleiner Fisch, da kann Jesus auch nichts draus machen, also beim besten Willen nicht.“
Eine Gemeinde lebt davon, das alle ihr bisschen einbringen und dann wird die Summe der Teile auf einmal etwas Großes, etwas, das die ganze Stadt mitbekommt, wo Menschen aufmerksam werden. Nicht auf unsere dicken Fische, sondern auf das, was Jesus tut, der Menschen zusammen führt aus ganz unterschiedlichen Hintergründen, Menschen auch, die sich wahrscheinlich sonst nicht viel zu sagen hätten.
Andreas ist nicht derjenige der sagt: „Nein, das reicht sowieso nicht, also Junge, das bringt nichts mit deinen fünf Fischbrötchen hier.“ Andreas ist der Ermöglicher: er sieht den Jungen und führt ihn zu Jesus. Und ich stelle mir vor, was der Junge zu erzählen hätte. Wen könnten wir herausfordern, Jesus seine oder ihre Gabe zu bringen. Wen kennen wir, der etwas einbringt, genau das, was uns in der Gemeinde fehlt. Wo vielleicht der Weg zu Jesus erst mal noch weit ist, aber über das, was derjenige kann, auf einmal der kürzeste Weg zu Jesus wird. Und wo wir dann am Ende von demjenigen oder derjenigen hören würden: „ich bin nur deshalb in der Gemeinde, weil der oder die - Nachbar, Freund, Arbeitskollege, Kommilitone - den Mut hatte, mich anzusprechen. Und dann bin ich Jesus begegnet und das war toll.“
Jesus hat hier eine Reaktion, die mich auch ein wenig überrascht. Jesus hätte ja auch sagen können: „Also Andreas wir kennen uns schon ziemlich lange, guck mal bisschen hin, fünf Brote, zwei Fische und dann guck dich mal hier um, denk mal ein bisschen weiter, Andreas. Du bist jetzt schon seit Jahren bei mir in der Jüngerschaftsschule, also bitte, leg das mal beiseite, mach dir deine Fischbrötchen selber und ich mach hier mal mit den himmlischen Heerscharen ein kleines Wunder.“ So ist Jesus nicht. Sondern Jesus nimmt das bisschen, das wir bringen, und macht daraus etwas zu seiner Ehre und zur Veränderung der Menschen. So ist Jesus zu uns, zu den Jüngern, die etwas zu ihm bringen. Und so ist Jesus zu den Menschen.
Was mich hier überrascht: Jesus hat keine einzige Predigt gehalten. Die kommen zu ihm, wir wissen nicht genau was sie wollten, und Jesus hält ihnen keine Predigt, sondern er kümmert sich um das Alltägliche: um das leibliche Wohl, er kümmert sich um ihren Hunger. Und dann nimmt er die fünf Brote und zwei Fische und sagt: „Lagert euch in Gruppen“, so Familiengröße, und dann - stell ich mir vor - geht er rum, die Jünger im Schlepptau, die halten die Brote und Fische und er teilt aus und bricht das Brot. Und dann fragt er: „Willst du noch ein bisschen mehr? Noch ein bisschen Fisch dazu?“ Und ich stelle mir vor, wie die Jünger daneben stehen und sagen: „Jesus, da sind noch mehr Leute.“ Und Jesus: fragt nach - das steht ausdrücklich im Text. Da steht nicht: Er bricht alles in kleine Bröckchen und sagt: Muss reichen. Hier sind noch mehr Leute! Sondern: er gibt so viel wie die Leute wollen. Das ist anders, als das, was ich bei uns im Schulblasorchester gelernt habe. Auf unseren Blasorchesterreisen standen wir oft am Büffet und bevor es losging, hat unserer Blasorchesterleiter gesagt: „Der erste, der zum Büffet geht, nehme soviel, wie er wünschte das der erste nähme, wenn er der letzte wäre.“ Verstanden? Mir ist dieser Satz sehr haften geblieben, ich habe mich immer leidlich dran gehalten und war vor allem froh, wenn sich der erste tatsächlich dran gehalten hat.
Jesus ist anders. Das stelle ich immer wieder im Neue Testament fest: „Bittet so wird euch gegeben.“ Da ist keine Bedingung, da ist nichts, wo er sagt: „etwas Zurückhaltung bitte, dann gucken wir mal, was wir machen können“. Nein: er ist immer großzügig und schenkt aus dem Vollen. Das ist typisch Jesus. Da gibt es Fischbrötchen für alle. Fünftausend Männer, Frauen und Kinder werden satt. Und dann am Ende sammeln sie die übrigen Brocken. Ich habe in Bethel mein Studium angefangen. Da gibt es die so genannte Brockensammlung, die sich genau auf diesen Vers bezieht: „Sammelt die übrigen Brocken“. Das ist inzwischen eine große soziale Veranstaltung, wo viele Menschen ihren Hausrat hinbringen und viele - vor allen Dingen Studierende - dahin gehen, um sich umsonst das Tafelsilber abholen können von irgendjemandem, oder eine Lampe oder was auch immer. Der Umsonstladen hier in Greifswald ist dasselbe Prinzip. Oder wenn ich mir hier das Bücherregal der Johannesgemeinde angucke: Bücher werden abgegeben und man kann auch eins mitnehmen. „Sammelt die übrigen Brocken“: Was könnten wir zusammen sammeln, womit könnten wir jemandem noch eine Freude machen? Wo könnten wir jemandem Notwendiges geben, was derjenige wirklich braucht? Suche – Biete-Börse ist genau dieses Prinzip. Wir könnten einmal mehr darüber nachdenken, was wir denn zu bieten haben, was andere vielleicht suchen könnten.
[Der Rhythmus ist das Entscheidende: rhythm is it...]
Was ist eigentlich der Herzschlag deines Lebens? Ich finde es faszinierend, mit welcher Gelassenheit Jesus hier reagiert. Er gerät nicht in Panik, wie ich wahrscheinlich geraten würde, wenn fünftausend Menschen durch die Mittagshitze gelaufen kämen und ich wüsste: die haben jetzt irgendwann alle Hunger und dann werden sie mich fragen. Jesus beratschlagt sich erst einmal mit seinen Jüngern und fragt, was sie einbringen können. Gelassenheit in Jesu Nähe ist das was die Jünger daraus lernen.
Ich kenne das, dass Kleinigkeiten in meinem Leben oft viel mehr Macht bekommen, als ihnen zusteht. Das passiert immer genau dann, wenn ich nicht meinen Rhythmus finde. Wenn ich nicht die Zeit finde zu Jesus zu kommen, dann liege ich nachts schlaflos da und werde Gedanken nicht mehr los, die ich jetzt in der Nacht sowieso nicht klären kann. Aber sie sind da und halten mich gefangen. Und halten mich vom Schlaf ab, den ich so nötig hätte damit ich am nächsten Tag meine Probleme lösen angehen kann. Ich habe mir angewöhnt, meine Probleme zu Jesus zu bringen; und irgendwann, wenn ich lange genug wach liege, denke ich tatsächlich daran. Irgendwann finde ich dann wieder Ruhe und Schlaf.
Den eigenen Rhythmus finden. Dieser letzte Vers dieses Textes: „Jesus ging wieder auf den Berg“, ist für mich enorm wichtig, weil er das einlöst, wozu die ganze Versammlung ausgezogen ist: das es nämlich Ruhe gibt. Herbert Grönemeyer hat einmal gesungen, Ruhe gibt es genug nach dem Tod. Ich glaube, dass das bei Jesus nicht stimmt, sondern dass wir tatsächlich Ruhe finden werden, dass er uns die Ruhe gibt, die wir brauchen. Das gilt für meinen eigenen Tag auch. Unser, mein persönlicher geistlicher Rhythmus ging so lange gut, bis die Kinder kamen und dann auf einmal mein Tag nicht mehr dadurch anfing, das ich selbst bestimmen konnte: jetzt will ich Bibel lesen und beten, sondern dass da im Nebenzimmer oder in meiner unmittelbaren Nähe ein Kind anfing zu schreien. Und ich habe mir seitdem angewöhnt mit Luthers Morgensegen zu beginnen. Das dauert eine halbe Minute. In einer halben Minute hat noch kein Kind dauerhafte Schäden für sein Leben davon getragen, wenn es weiter geschrieen hat. Aber es hat mir geholfen, den ersten Satz des Tages an Gott zu richten und dann mich dem zuzuwenden, was der Tag so bringt.
Oder ich kenne einen Freund von mir, der nimmt sich - nicht immer, aber gelegentlich - Zeit in seiner Mittagspause, statt zum Dönermann oder ins „Lichtblick“ in die UB zu gehen, mit seiner Bibel dabei. Da gibt es nichts zu essen, aber er nimmt sich die Zeit zum Bibel lesen - bisher ist er noch nicht darüber verhungert. Er macht das immer wieder und sagt: Sonst findet er nicht die Ruhe am Tag dazu. Faszinierend. Meine Tage machen einen Unterschied, ob ich sie mit Jesus beginne, ob ich die Gelassenheit finde um mich den Dingen zuzuwenden, oder ob mein Terminplan meinen Tag bestimmt. Der Rhythmus ist das Entscheidende.
[mit den Augen eines Kindes…]
Da war dieser Junge, die Mutter hatte ihn vielleicht nur weggeschickt zum Markt um fünf Brote und zwei Fische zu kaufen fürs Wochenende, damit sie als Familie was zu beißen hat. Und dann sieht er die Menschen losströmen und er fragt vielleicht einen: „Wohin geht's denn?“ und sie sagen: „Jesus! Wir wollen ihn noch mal sehen.“ Und der kleine Junge - so stell ich mir vor - denkt nicht lange nach und geht einfach mit, mit seinem Korb mit den Broten und Fischen. Einfach hinter den Menschen her. Und er nutzt seine Größe geschickt aus: am Ende ist er ganz vorne, ziemlich nah bei Jesus und bei den Jüngern. Und dann steht er da und ist gespannt darauf, was jetzt passieren würde, ob Jesus predigen oder ob er heilen würde: was er tun würde. Dann kommt einer von diesen Jüngern auf ihn zu und der Junge überlegt sich: „werde ich jetzt weggeschickt?, bin ich zu klein?, habe ich hier noch nichts zu suchen?“. Und Andreas nimmt ihn und bringt ihn zu Jesus.
Und dann stell ich mir vor, wie der Junge nachher nach Hause kommt und seiner Mama erzählt: „Mama, Mama du musst entschuldigen, ich hab´ die Brote und Fische nicht mehr, aber ich muss dir erzählen, was ich erlebt habe, was Jesus getan hat mit unseren Broten und unseren Fischen…“ Ich stelle mir vor wie die Mama nicht dran denkt, dass die Familie jetzt nichts zu essen am Wochenende hat, sondern wie sie fasziniert ist und wie der Junge das sein Leben lang mit sich trägt, dass dieser Andreas den Mut gefunden hat, ihn anzusprechen und zu fragen, und das er nun mit seinen kleinen Fischbrötchen das Leben von vielen Menschen verändert hat.
Amen.
