Greifbar

GreifBar plus am 02.08.2009

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                                                      Lauter Namen


    Danach verließ Paulus Athen und kam nach Korinth 2 und fand einen Juden mit Namen Aquila, aus Pontus gebürtig; der war mit seiner Frau Priszilla kürzlich aus Italien gekommen, weil Kaiser Klaudius allen Juden geboten hatte, Rom zu verlassen. Zu denen ging Paulus. 3 Und weil er das gleiche Handwerk hatte, blieb er bei ihnen und arbeitete mit ihnen; sie waren nämlich von Beruf Zeltmacher. 4 Und er lehrte in der Synagoge an allen Sabbaten und überzeugte Juden und Griechen. 5 Als aber Silas und Timotheus aus Mazedonien kamen, richtete sich Paulus ganz auf die Verkündigung des Wortes und bezeugte den Juden, dass Jesus der Christus ist. 6 Als sie aber widerstrebten und lästerten, schüttelte er die Kleider aus und sprach zu ihnen: Euer Blut komme über euer Haupt; ohne Schuld gehe ich von nun an zu den Heiden. 7 Und er machte sich auf von dort und kam in das Haus eines Mannes mit Namen Titius Justus, eines Gottesfürchtigen; dessen Haus war neben der Synagoge. 8 Krispus aber, der Vorsteher der Synagoge, kam zum Glauben an den Herrn mit seinem ganzen Hause, und auch viele Korinther, die zuhörten, wurden gläubig und ließen sich taufen. 9 Es sprach aber der Herr durch eine Erscheinung in der Nacht zu Paulus: Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! 10 Denn ich bin mit dir, und niemand soll sich unterstehen, dir zu schaden; denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt. (Apg 18,1-11)

Es gibt Dinge die gelten ganz erstaunlicherweise Kultur- und Generationsübergreifend. Ganz erstaunlicherweise, genetisch lässt sich das jedenfalls nicht erklären. Da kommt die Großtante zu Besuch. Sie hat sich angekündigt schon vor Wochen, also wird die Wohnung auf Vordermann gebracht, werden die Balkonstühle noch mal geschrubbt und Muttern macht eine Sahnetorte. Es klingelt, Großtante kommt hoch, die Tür geht auf, die Sahnetorte steht auf dem Tisch, Großmutters Goldrandgeschirr steht fein drapiert auf dem Tisch und was sagt die Großtante? Was sagt jede Großtante, wenn sie die Großnichte sieht: „Mensch, bist du aber groß geworden!“

Generations- und Kulturübergreifend immer dieser eine Satz. Ich glaube, dass dieser Satz ausdrückt, dass hier etwas ganz unglaublich Unwahrscheinliches geschieht. Nicht, dass die Wohnung geputzt ist, nicht, dass die Balkonstühle geschrubbt sind, auch nicht, dass die Sahnetorte auf dem Tisch steht, sondern, dass Kinder größer werden. Wenn man so mit Kindern lebt, nimmt man das ja nicht so wahr, sondern eher im Rückblick mit etwas Abstand: Mensch, das kann die schon, Mensch, das kann der schon. Für die Großtante, die nur alle Jubeljahre mal vorbei kommt - sonst wären die Balkonstühle sicher sauberer - ist das ein großes Wunder, weil es so überraschend ist.

[Dreißig Jahre, die die Welt veränderten…]
Es gibt Dinge die sind kaum vorstellbar oder überraschend. Wer zum Beispiel 1997 die Saison, zumindest die Heimspiele der Saison von Borussia Dortmund erlebt hat, findet es extrem unwahrscheinlich, wie heute die Platzierung von Borussia Dortmund ist oder in der letzten Saison war - extrem unwahrscheinlich. Oder: wer den ersten GreifBar Gottesdienst miterlebt hat, findet es wahrscheinlich auch sehr unwahrscheinlich, was daraus geworden ist. Dass wir wöchentlich Gottesdienste feiern, uns in Hauskreisen treffen und dass unsere Vision ist, dass Gott ein großes Volk in dieser Stadt hat. Extrem unwahrscheinlich.

So fing übrigens die ganze Geschichte an: Dreißig Jahre. Dreißig Jahre hat es gedauert, bis aus Jerusalem die frohe Botschaft in Rom angekommen ist. Bis aus der Peripherie dieser Wanderprediger mit seinen Reden vom nahe gekommenen Reich Gottes und vom Vater im Himmel, den wir auch so anreden dürfen, in die Hauptstadt, in die Zentrale nach Rom gelangt ist. Dreißig Jahre, wie unwahrscheinlich war das. Die Juden, das war immer schon schwierig im römischen Reich, hatten immer einen Sonderstatus, als besonders aufmüpfiges Volk. Das war so zu sagen das Afghanistan der Antike. Da haben sich seit Jahrhunderten die Mächte die Schlüssel in die Hand gegeben und einander vertrieben. Da kamen von Nordosten erst die Assyrer, dann die Babylonier, später die Perser und wie sie alle hießen. Von Nordwesten kamen die Mazedonier, die Griechen, die Römer, vorher noch die Hethiter, und von Südwesten kamen die Ägypter und wieder die Ägypter und dann hießen die Ägypter Ptolemäer und wie die Ägypter immer hießen. Immer kamen sie und immer haben sie es erobert und nie konnten sie dieses Volk unterkriegen. Dieses Volk ließ sich nicht einbinden, auch nicht religiös einbinden in die Gottheiten der Mächte, die sie erobert haben, dieses Volk hielt halsstarrig an ihrem Gott fest. So war das auch bei den Römern und so gab es auch im römischen Reich Querelen mit diesem Afghanistan der Antike.

Extrem unwahrscheinlich, dass von dort der Messias kommen soll, der das ganze Weltreich, die ganze Welt auf den Kopf stellt mit seiner Botschaft. Wie es heute extrem unwahrscheinlich erscheint, dass gerade aus Afghanistan der Friedensbringer für die Welt kommt. Oder ist das vorstellbar? Ich kann mir das kaum vorstellen.

Dreißig Jahre hat es gedauert. Dreißig Jahre, die die Welt verändert haben. Am Anfang ist Jesus aufgetreten und zu den Juden gegangen und hat von sich gesprochen als der verheißene Messias. Am Ende dieser Zeit ist der Anspruch da, dass Jesus nicht nur zu den Juden kam, sondern zu allen Menschen, zu Griechen, Römern, zu Heiden bis in die heutige Zeit. Was muss das für eine Herausforderung gewesen sein für den Glauben, den dieses Volk Israel seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden tradiert hat und daran festgehalten hat, eine Herausforderung für Glauben und Lehre. Waren sie nicht das erwählte Volk? Und nun soll die Botschaft an alle Völker gehen? Wie kann das sein? Und dann weist dieser Jesus und weisen die, die von Jesus reden, darauf hin: Moment, die Erwählung ist nicht dazu da, dass ihr euch in Abrahams Schoß ausruhen könnt auf eurer Erwählung. Lest einmal nach in eurer Thora. Da könnt ihr begreifen, dass die Erwählung dazu da ist, dass die andren Völker auf dieser Welt sehen können, wie Gott sich Leben gedacht hat. Das sie sich angucken können, wie Gott an diesem Volk Israel festhält, über die Generationen, über die Jahrhunderte, über die Machtkonstellationen der Zeit und dabei bleibt und treu bleibt und leitet und führt durch die Zeiten hindurch. Nicht um zu sagen: dieses Volk ist ein großes heiliges Volk. Sondern um zu sagen: Guckt auf dieses Volk und guckt, wie ich damit umgehe, ich der Herr, und seht, wie ich es meine mit dem Leben auf dieser Welt, mit den Menschen auf dieser Welt; dass ich ein Gott bin, der treu ist.

Was für eine Herausforderung für die Menschen der damaligen Zeit, für Glauben und Lehre, für die Erwählung. Was für eine Herausforderung auch an die Bedeutung der Thora, der fünf Bücher Mose. Müssen nicht alle, die an Gott glauben, die wirklich ihm nachfolgen wollen, diese Gesetze halten? Und dann kommt Paulus daher und sagt: „Wenn jemand Christ wird, wenn jemand an den Messias glaubt, dann braucht er nicht erst zu halten, was in diesen fünf Büchern und bei den Propheten steht, sondern dann darf er sich an den halten, der gekommen ist, an Jesus, den Christus.“

Dreißig Jahre, die die Welt verändert haben. Ein Blick in den Text zeigt es, die Ortsnamen: Athen, Korinth, Pontus, Italien, Rom, Mazedonien. Davor war er in Athen, jetzt ist er in Korinth, danach ist er in Ephesus. Klingende Namen in der damaligen Zeit, die etwas zeigen von der Größe des Reiches und etwas zeigen von dem, wie Gott gewirkt hat in den Jahren zuvor. Klingende Namen im Text. Athen, das intellektuelle Zentrum der damaligen Zeit. Jede Philosophenschule, die etwas auf sich hielt, hatte zumindest eine Dependance in Athen. Aber die goldenen Zeiten waren eigentlich vorbei, es war eine kleine Stadt geworden, zehntausend Einwohner schätzt man zur Zeit des Neuen Testaments. Ephesus deutlich größer: eine halbe Million Einwohner, das können wir in Mecklenburg - Vorpommern nicht in einer Stadt vereinen. Es war das religiöse Zentrum der damaligen Zeit. Der Artemis-Tempel von Ephesus war viermal so groß wie das Pantheon in Athen, eines der Weltwunder. Da war die Botschaft von der freien Gnade Gottes, von dem Gott, der selbst Mensch wurde, damit wir wissen, wer er ist: der Vater im Himmel. Und Korinth, die größte der drei Städte: etwa eine dreiviertel Million Einwohner zur damaligen Zeit. Die Welthandelszentrale mit Handelsrouten in alle Richtungen in aller Herren Länder: dahin kam das Evangelium.

Als Jesus mit seinen Jüngern durch Galiläa unterwegs war, hat sich vermutlich keiner der Zwölf und des erweiterten Jüngerkreises jemals vorstellen können, dass das Evangelium über Galiläa oder vielleicht über Jerusalem hinauskommt. Nun, keine dreißig Jahre später, ist es in Athen, in Ephesus, in Korinth, später in Rom. Einflussreiche Orte. Von hieraus in die ganze Welt. Es gab sogar öffentliche Konflikte auf Reichsebene über das Evangelium, auch das finden wir in unserem Abschnitt: Kaiser Claudius schickt Aquila und Priscilla weg aus Rom, und mit ihnen alle Juden, die in Rom waren. 33 n.Chr. ist Jesus gestorben, 49 n.u.Z. erging dieses „Claudius-Edikt“, von dem ein namhafter römischer Geschichtsschreiber schreibt, dass es dauerhafte Unruhen unter den Juden gab, wegen eines Chrestus, und man vermutet, dass damit Christus gemeint ist. Dann gingen die Unruhen darüber, wie der Anspruch von Jesus zu verstehen ist, der Christus der Juden zu sein und der Messias der ganzen Welt. Sechszehn Jahre später - eine Pubertät also - ist das Evangelium in Rom angekommen. Kaiser Claudius schickt sie raus, Juden und die Christen unter ihnen gemeinsam. Und noch einmal ein paar Jahre später, 64 n. Chr., wird Kaiser Nero genau differenzieren zwischen Juden und Christen. Das war zur Zeit Kaiser Claudius noch nicht deutlich. Nero beschimpft die Christen als Unruhestifter und macht sie verantwortlich für den Brand Roms. 64 n. Chr., also dreißig Jahre nach Jesus Kreuzigung und Auferstehung. Dreißig Jahre hat es gedauert, das ist die Situation.

 

[Vom Widerstand und von offenen Türen…]
Wie leitet Gott eigentlich? Habt ihr euch das mal in eurem Leben gefragt, was so die Spur ist, die Gott in eurem Leben angewandt hat, damit ihr da seid wo ihr jetzt seid? Mit den Erfahrungen die ihr gemacht habt? Wie leitet Gott eigentlich sein Volk? Wie leitet Gott eigentlich die, die damals in der Urchristenheit unterwegs waren und von Jesus erzählt haben? Wie hat er Paulus geleitet? War das so ein gradliniger Weg? Hat er so eindeutig gesprochen: Geh dort hin. Mach das. Setz dich mit dem an einen Tisch. Und das ist eine Schlüsselfigur, die musst du auf jeden Fall überzeugen.

Die Bibel ist ja voll davon, dass Abraham loszog auf Geheiß Gottes in ein Land das Gott ihm zeigen wird - von dem Abraham noch keine Ahnung hatte. Oder, dass das Volk Israel aus Ägypten geführt wird in das verheißene Land. Immer so Fingerzeige, dass Gott handelt und spricht, so deutlich, dass offensichtlich alle es hören und verstehen konnten, die damals gemeint waren. Aber ist das wirklich immer Gottes Weg, dass ich nur hören muss und dann muss ich den Weg finden, den Gott für mich hat? Mit der Partnerwahl: gibt es auf dieser Welt den einen Partner, die eine Partnerin für mich? Und wenn ich ihn oder sie nicht finde, dann habe ich leider Pech gehabt und bin aus Gottes Weg und Weisung und Leitung heraus gefallen? Und mein Beruf: gibt es nur einen Beruf, indem ich glücklich werden kann, weil es der für mich von Gott vorgesehene Beruf ist?

Ich glaube nicht, denn so oft wie wir bei Jesus und in der Bibel - im Alten wie im Neuen Testament - die Rede davon finden, dass wir Kinder Gottes sind, so sehr können wir dieses Bild glaube ich auch ernst nehmen. Wie ist das mit Kindern? Ich möchte meinen Kindern jetzt nicht mehr und auch in Zukunft nicht vorschreiben was sie anzuziehen haben, welche Schule sie besuchen sollen -okay, das schreiben wir ihnen doch noch vor, das können sie noch nicht alleine entscheiden -, welches Studium oder welchen Beruf sie wählen sollen, welche Partner sie bitte schön anschleppen oder wir wieder wegschicken sollen und wo sie später leben sollen und wie das sein soll... Kind zu sein bedeutet, in die Selbstständigkeit geführt zu werden. Ich glaube, dass das Gleiche auch als Kinder Gottes gilt: dass wir uns nicht darauf zurück ziehen sollen und sagen sollen: Gott hat mir gesagt, dass; - meine Mama hat mir gesagt: Ich soll mal ein Date mit dir machen -, sondern, dass es darum geht, dass Gott uns einen Kopf geschenkt hat, dass Gott uns Gaben geschenkt hat und wir überlegen dürfen: was ist eigentlich das, wo ich glücklich werde?, wer ist der, mit dem ich glücklich werde?, was sind meine Gaben, wie kann ich sie einbringen, zu meinem Nutzen und zum Nutzen der Menschen mit denen ich lebe und zum Nutzen der Gemeinde. Kind Gottes zu sein heißt genau dies: Gottes Leitung in Anspruch zu nehmen und selbstständig, selbstverantwortlich zu handeln und dann darum zu bitten, dass Gott diesen Weg mitgeht, segnet, begleitet; und darauf zu vertrauen, dass er immer schon da ist.

Von Widerstand und offenen Türen. Ich glaube, genau das ist in Korinth passiert. Wenn ihr den Text eben mitgehört habt: wie war das für Paulus in Korinth? Hat er da gesessen und sich erst einmal ein Schlachtplan zurecht gelegt: „Also, zuerst wende ich mich am Sabbat zu den Juden, ich muss ja auch ein bisschen arbeiten, mein Geld verdienen, dann ist das mit dem Wochenende ganz passend. Und dann wende ich mich an sie und dann überzeuge sie und dann ist die Sache geritzt mit der messianischen Gemeinde in Korinth. Plan B ist, wenn das nicht klappt: dann schüttle ich meinen Staub von den Füßen und gehe zu denen, die von Gott keine Ahnung haben und erzähle ihnen von Jesus. Und dann gucken wir mal wie das geht.“ Und dann hat er sich hingesetzt und ein Organigramm gemacht, mit wem er was wie auf die Beine stellen will?

Im Text hört sich das anders an. Auch wenn wir im Nachhinein nachlesen können, was wie wann in welcher Reihenfolge kam, glaube ich, dass Paulus ganz schön geschwitzt hat zwischendurch, was denn nun der richtige Weg ist. Wenn an der einen Stelle die Türen verbaut sind und er in der Synagoge immer mehr auf Widerstand stößt. Wenn an der anderen Stelle seine engsten Mitarbeiter, Timotheus und Titus, aus Mazedonien nicht mehr nachkommen können, weil sie dort noch aufgehalten werden und er auf einmal alleine da steht ohne die, mit denen er doch zusammen arbeiten wollte. Und wenn er dann auf der anderen Seite sieht, dass er hier Gemeinschaft findet mit Aquila und Priscilla, die er vorher gar nicht kannte - bei denen man auch nicht weiß, ob sie vorher schon Christen waren, aber man das vermuten kann, weil sonst Paulus bei anderen, die durch ihn zum Glauben gekommen sind, gesagt hat: „Meine Kinder im Glauben“. Hier findet er Gemeinschaft und stellt mit ihnen etwas auf die Beine. Und so stelle ich mir vor, dass Paulus immer neu überlegt hat: was geht?, was geht nicht?, wo führt Gott mich?, wo finde ich offene Türen?, wo finde ich Widerstand vom Widersacher und muss also dagegen halten? und wo ist einfach eine Tür geschlossen und Gott möchte mich andere Weg leiten?

So war das, als er am öffentlichen Ort war und angefangen hat in der Synagoge und dann gemerkt hat, dass dieser Weg hier nicht funktioniert und er dann frei und offen war, den öffentlichen Ort zu verlassen und in das Privathaus von Titius Justus neben der Synagoge zu gehen. Leider verrät uns der Text nicht, wie dieser Kontakt zustande kam, ob sie sich beim Unterhalten auf dem Marktplatz getroffen haben, ob sie gemeinsame Bekannte hatten - ob der zum Beispiel ein Zelt bei Aquila und Priscilla gekauft hat für seine Outdoor Events - wir wissen es nicht. Aber deutlich wird: es gibt einen Wechsel im System, im Ort. Weg vom öffentlichem Ort, hin zum privatem Haus.

Und auf einmal kommt der Synagogenvorsteher Krispus zum Glauben. Eigentlich hatte sich doch Paulus längst abgewendet von der Synagoge und harte Worte gesagt mit dem Propheten Hesekiel: „Euer Blut komme auf euren Kopf, ich habe euch gesagt, was mein Verständnis der Wahrheit ist, wie Gott es mir gesagt hat. Jetzt ist es eure Verantwortung.“ So hart hat er gesprochen, hat sich abgewendet und hat sich Titius Justus und vielleicht einigen anderen zugewendet. Und auf einmal findet doch der Synagogenvorsteher zum Glauben.

Ich stelle mir - ich bin ja nicht im L-Team, aber ich stelle mir manche Sitzung im L-Team genauso vor, dass sie da sitzen und überlegen: Hier geht es weiter, hier haben wir offene Türen gefunden und da kommen wir irgendwie nicht weiter, wir müssen neue Strategien überlegen. So empfinde ich unsere Zinnowitz Wochenenden im Januar, dass wir gemeinsam überlegen: was ist denn unser Weg? zu welchen Menschen sind wir gesandt? Wo sollen wir der Verheißung folgen, der Verheißung nach dem großen Volk in dieser Stadt? Und dann wird von diesem Text her für mich deutlich, dass das Zentrale nicht hier in der Johanneskirche geschieht, das Zentrale nicht im Theater geschieht, in den großen GreifBar-Gottesdiensten, sondern, dass das Zentrale im Garten in Dersekow geschieht, bei „Bibel und Brötchen“, in der Ostsee- WG, in den Doko-Runden, die wir mit nichtchristlichen Freunden machen, und bei den anderen „Machste-mit“-Gelegenheiten. Dort, wo wir nicht den öffentlichen Ort suchen, sondern das Privathaus, den privaten Kontakt, und dort offen sind - mit einem offenen Ohr für die Menschen und einem offenen Ohr für das was Gott in der Situation zu uns sagen will.

Vom Widerstand und offenen Türen. Manchmal heißt das, zu vertrauen, was Gottes Verheißung ist: ein großes Volk in dieser Stadt, aber oft nur die kleine Herde vor Augen zu haben. Nicht der Erfolg als Bestätigung, sondern eine Zusage des Herrn. Und dann ist diese Vision da: „Fürchte dich nicht“, bekommt Paulus gesagt. „Fürchte dich nicht“. Das hat doch - erinnern wir uns - der Engel zu Maria gesagt. Das hat doch - erinnern wir uns - der Prophet zum Volk Israel in der Verbannung gesagt. „Fürchte dich nicht“, das ist oft der erste Satz, wenn Gott zu uns Menschen kommt: „Ich habe alles im Griff, du brauchst keine Angst zu haben.“ Und die zweite Zusage: „Ich bin mit dir“. Erinnern wir uns: das haben wir doch auch schon irgendwo gehört: „Ich bin der Herr“, der das Volk Israel aus der Wüste führt, hat der Herr gesagt. „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“, hat der Auferstandene gesagt zu den Jüngern. „… bis an das Ende der Welt“: im Zentrum der Welt waren sie schon angekommen.

Gottes großes Volk in der Stadt. Die Zusage: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir“ und die Verheißung, dass Gott tatsächlich ein großes Volk hat - jetzt schon hat. Dass Gott Dinge sehen kann, die wir noch nicht wahrnehmen können. Dass Gott weiter sehen kann. Wenn wir das glauben können für unsere Stadt, für die Menschen, mit denen wir im Gespräch sind und bei denen wir den Eindruck haben: da geht was, oder den Eindruck haben: da hat sich lange nichts bewegt. Gott sieht weiter. Ich denke an eine Frau in Hamburg, die mir erzählt hat, wie sie für ihren Bruder gebetet hat, über viele Jahre. Die Frau war ich glaube 76 Jahre, wenn ich mich recht erinnere, und der Bruder ist 2 Jahre vorher zum Glauben gekommen. Nach 50 Jahren Gebet. Gott sieht weiter. Ich denke an einen Mann, von dem ich gehört habe. Der gestorben ist und bei dem man im Nachlass drei Kladden gefunden hat, voll geschrieben mit Namen. Und bei jedem Namen zwei Daten dahinter: das erste Datum, wo er angefangen hat für diesen Menschen zu beten, dass er Gott kennen lernt. Und das zweite Datum, wo er mitbekommen hat, dass dieser Mensch Gott gefunden hat. Eine faszinierende Geschichte. Eine Treue, die sich festhält an Gottes Verheißung: „Ich habe ein großes Volk in dieser Stadt.“

 

[Lauter Namen…]
Wenn man sich diesen Text einmal durchliest, dann finde ich es faszinierend, welche Namen hier vorkommen. Und ich glaube, diese Namen haben eine Bedeutung. Nicht, um das ein bisschen zu illustrieren, sondern, dass hier ein Netz von Beziehungen da ist: Aquila und Priska, Silas und Timotheus, Titius Justus und Krispus und viele andere Namen, die denen, die diesen Text am Anfang gelesen haben, vielleicht in den Ohren klangen wenn es um Korinth ging. Lauter Namen.

Dann ist da auch das Problem in dieser Gemeinde: die Fluktuation. Ich denke an einen Freund von mir, zu dem erst eine Freundschaft vor anderthalb Jahren gewachsen ist. Wir sind über manches ins Gespräch gekommen und er, ein überzeugter Atheist, hat angefangen, zu zulassen, dass ich etwas anderes denke und dass das auch seine Berechtigung hat. Und er jetzt, vor einem halben Jahr, ist er umgezogen und ich habe mich geärgert und Gott in den Ohren gelegen und habe gesagt: „Mensch, wir waren doch so gut im Gespräch, das ist doch jetzt der denkbar ungünstigste Zeitpunkt.“ Ich musste ihn loslassen. So war das bei Aquila und Priscilla: sie kamen aus Rom. Ich stelle mir vor, dass es für die römische Gemeinde ein herber Verlust war, dass diese Judenchristen gehen müssten und die Heidenchristen alleine zurückblieben. Sie sind nun in Korinth, vielleicht noch gar nicht so aufgetaucht, aber sie waren da. Und dann, anderthalb Jahre später, gehen sie mit Paulus wieder weg. Sie waren doch Säulen der Gemeinde, wie können sie wieder gehen?

Wie sehr hängen wir an denen, die vorne stehen und etwas tun und sich einbringen. Und wenn wir dann an GreifBar denken und vor Augen haben, dass viele von denen, die hier sind, vielleicht in eins, zwei, drei Jahren auch nicht mehr da sind, weil sie an der Uni arbeiten und dann weiterziehen - die Studierenden wie die wissenschaftlichen Mitarbeiter - weil es beruflich weiter geht oder wie auch immer. Da kann man schon das kalte Grausen kriegen, wenn man auf die Gemeinde guckt. Hier in diesem Text, über die Mission in Korinth, lese ich etwas ganz anderes: dass Hoffnung da ist. Dass die Namen sich vernetzen und etwas Neues anfängt.

Da ist zum Beispiel einer, der ist für ein Jahr beruflich in die Gemeinde gekommen, in der ich groß geworden bin. Es war klar: er kommt nur für ein Jahr. Und im ersten Gottesdienst, in dem er da war, geht er nach dem Gottesdienst zum Pastor und sagt: „Ich bin heute zum ersten Mal hier und ich bin jetzt für ein Jahr da, wo kann ich mitarbeiten.“ Für ihn war klar, er möchte nicht viel Zeit verschwenden. Er möchte nicht erst ein halbes Jahr gucken: welche Gemeinde passt zu mir? wo ist mein Platz? und mit wem kann ich? und mit wem kann ich nicht? Sondern dieses eine Jahr wollte er voll nutzen. Ich denke an einen Freund von mir, der das Gegenteil erlebt hat und im Vikariat in eine Gemeinde kam, wo ihm in seinem ersten Gespräch von seinem Mentor gesagt wurde: „Sie können hier alles machen, aber machen sie bitte nichts, was dann hinterher an mir hängen bleibt.“ Das ist das Gegenteil.

Wofür hat Gott mich hierher gestellt? Wofür hat Gott dich hierher gestellt, diese Zeit, die du hier in Greifbar bist? Sei es ein Studiensemester, sei es der Rest deines Lebens. Wofür bist du hier? Für wen? Ein Text voller Namen. Welche Namen hat Gott dir aufs Herz gelegt? Welche Namen gehen dir durch den Kopf, wenn du daran denkst: bei dem wünsche mir/ bei der wünsche ich mir, dass er oder sie Gott kennen lernt, Jesus begegnet, nachdenkt darüber was der Sinn des Lebens ist, heil wird in seinen Beziehungen und in seinem ganzen Menschsein? Welche Namen gehen euch durch den Kopf? Wer ist auf dem Herzen Gottes? Wer, wenn ihr daran denkt, dass Gott weiter sieht, könnte zu dem großen Volk Gottes in dieser Stadt gehören? Und wo seht ihr schon kleine erste Schritte auf diesem Weg? Ihr findet kleine Zettel auf euren Plätzen und jetzt soll ein bisschen Zeit sein, dass ihr da Namen aufschreiben könnt. Zettel die ihr als Lesezeichen mitnehmen könnt, um für diese Menschen zu beten; festzuhalten die Namen, die euch Gott aufs Herz legt, aufs Herz gelegt hat oder das jetzt gerade tut.