GreifBar plus am 16.08.2009
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»Mein Haus soll ein Bethaus sein«;
ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht.
Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem, begleitet von seinen Anhängern. Wie ein König nährt er sich der Stadt. Zwar nicht hoch zu Ross, aber hoch zu Esel. Er reitet über einen Teppich aus Kleidern, begleitet vom Jubel seiner Anhänger. Voller Begeisterung loben sie Gott. Und Jesus rufen sie zu: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! So nährt sich Jesus Jerusalem.
- 41 Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie 42 und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen. 43 Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen, 44 und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist. 45 Und er ging in den Tempel und fing an, die Händler auszutreiben, 46 und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben: »Mein Haus soll ein Bethaus sein«; ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht. 47 Und er lehrte täglich im Tempel. Aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Angesehensten des Volkes trachteten danach, daß sie ihn umbrächten, 48 und fanden nicht, wie sie es machen sollten; denn das ganze Volk hing ihm an und hörte ihn. (Lukas 19,41-48)
Wir feiern Gottesdienst. Wir sitzen gemeinsam in der Johanneskirche, singen Lieder, beten und hören demjenigen zu, der gerade vorne steht.
Der eine ist voll bei der Sache. Ihm geht es gut. Er freut sich hier zu sein und er freut sich über Gott. Begeistert stimmt er mit ein, wenn wir singen „Ich kann nicht schweigen, von dem was du getan hast“. „Ich bin gewiss, dass du lebst, mich kennst und mich liebst“.
Einem anderen geht es nicht so gut. Seine Gedanken kreisen um ein Problem. Nach Singen ist ihm nicht zu Mute, schon gar nicht nach fröhlichen Jubelliedern. Von Gewissheit spürt er im Moment nichts. Heimlich fragt er sich, ob er sich die Sache mit Gott nicht doch nur eingebildet hat.
Ein dritter sitzt gelangweilt auf seinem Stuhl. Das Singen war ja noch ganz ok, aber warum muss ausgerechnet diese Person heute predigen? Und dann auch noch so lange und noch ist kein Ende in Sicht. Wenn der Gottesdienst doch bloß schon vorbei wäre.
Währenddessen steht Jesus mitten unter uns und weint. Jesus, warum weinst du? Freust du dich denn nicht, wenn wir hier sind und Gottesdienst feiern?
Jesus sieht uns traurig an. Dann streckt er den Arm aus und deutet in die Ferne. Unser Blick fällt auf Jerusalem. Al-Aksa-Moschee und Felsendom. Die Klagemauer und jede Menge Soldaten. Dazwischen Menschen, die beten: Juden, Moslems und Christen. Das ist Jerusalem. Die Stadt, die immer wieder Schlagzeilen macht, weil sie keinen Frieden hat. Um diese Stadt weint Jesus.
Diese Stadt hat eine lange, leidvolle Geschichte: von Feinden belagert, zur Kapitulation gezwungen, wieder belagert, erobert und völlig zerstört; wieder aufgebaut, von den Römern besetzt, schließlich wieder belagert und von den Römern bis auf die Grundmauern niedergebrannt.
Ein Teil dieser Ereignisse ist längst Vergangenheit, als Jesus nach Jerusalem reitet. Aber die römische Besatzungsmacht hat er täglich vor Augen. Die Menschen sehnen sich nach Freiheit. Unter der Oberfläche brodelt es. Von Zeit zu Zeit gibt es kleinere Aufstände.
40 Jahre später eskaliert die Situation. Der Widerstand gegen die Römer führt zum Krieg. Aber die Römer behalten die Oberhand. Jerusalem wird dem Erdboden gleich gemacht.
Jesus sieht all dieses Unheil und weint.
Jesu Tränen haben noch einen zweiten Grund. Jesus sieht tief in die Herzen der Menschen hinein. Er sieht, dass sich viele im tiefsten Inneren vor Gott verschlossen haben. Sie sind zwar noch religiös. Sie gehen zum Gottesdienst und tun, was man als frommer Mensch so tut. Aber dass der lebendige Gott mitten unter ihnen am Wirken ist, das bemerken sie nicht. Sie sind überzeugt, dass ihre Beziehung zu Gott in Ordnung ist, aber in Wahrheit sind sie blind.
Jesus weint darüber. Diese Menschen leben an Gott vorbei, aber das tut keinem Menschen gut. Gott hat uns Menschen so geschaffen, dass wir ihn brauchen. Ohne Gott leben wir an unserer Bestimmung vorbei. Darum weint Jesus.
Und so wie ich Jesus kenne, weint er nicht nur um die Menschen in Jerusalem. Er weint um alle, denen es ähnlich geht. Menschen, die von einem Unglück ins nächste stolpern. Menschen, die sich vielleicht sogar selbst ins Unglück gestürzt haben. Und Menschen, die an Gott vorbei leben.
Ich habe da z.B. einen alten Mann vor Augen. Er ist über 80 Jahre alt und wohnt in einer Ein-Raum-Wohnung. Mit seinen Angehörigen hat er sich irgendwie zerstritten. Der einzige, der täglich vorbeischaut, ist der Pflegedienst. Wenn ich mit diesem Mann rede, dann erzählt er vom Krieg, von seinem Kirchenaustritt und von seinem Beruf. Er redet und redet und redet, damit ich bloß nicht weggehe und er wieder alleine ist. Ich glaube, Jesus weint auch um diesen alten Mann.
Und dann sieht Jesus unseren Gottesdienst. Er sieht unsere Freude, er sieht unsere Sorge, er sieht unseren Zweifel und er sieht unsere Langeweile. Er sieht ganz tief in unser Herz und er sieht auch, wo wir uns vor Gott verschlossen haben.
Und jetzt wird Jesus aktiv. Er lässt sich nicht von seinem Kummer lähmen. Er macht sich auf, und ringt um uns. Er fängt an die Barrikaden aus dem Weg zu räumen, mit denen wir Gott ausgesperrt haben. Er kommt und er bittet neu um unsere Gastfreundschaft. Und mit ihm kommt Gott selbst zu uns.
Dasselbe hat Jesus vor 2000 Jahren in Jerusalem getan. Eben noch sieht Jesus weinend auf die Stadt, die vor ihm liegt. Dann setzt er sich in Bewegung und geht schnurstraks in den Tempel. Und dort, wo die Menschen sich zum Gottesdienst treffen, fängt er an um sie zu ringen: »Mein Haus soll ein Bethaus sein«; ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht.
Habt ihr schon mal den Film Ali Baba und die 40 Räuber gesehen? Ali Baba und seine Räuber haben eine Räuberhöhle. Diese Räuberhöhle ist ihr Rückzugsort. Hier fühlen sie sich sicher. Hier planen sie neue Raubzüge. Hier horten sie ihre Beute. Die Höhle ist gefüllt mit gestohlenen Schätzen. Kisten mit Gold und Silber; funkelnde Edelsteine und Perlen.
»Mein Haus soll ein Bethaus sein«; ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht. Jesus vergleicht den Tempel mit einer Räuberhöhle. Dem Ort, an dem Räuber sich sicher fühlen. Dem Ort, an dem Räuber neue Raubzüge planen. Und dem Ort, an dem Räuber ihre gestohlenen Schätze lagern. Wie kommt Jesus zu diesem Vergleich?
Jesus zieht diesen Vergleich, weil sich Unrecht eingeschlichen hat; Unrecht und falsche Sicherheit.
Manch einer der religiösen Führer ist längst mehr an Macht und persönlichem Vorteil interessiert als daran, Gott und den Menschen zu dienen.
Andere sind überzeugt: Solange der Tempel steht, solange die Kirche im Dorf bleibt ist alles in Ordnung. Gott ist da und wir sind sicher.
Noch wieder andere kommen regelmäßig zum Gottesdienst. Sie sprechen Gebete und lesen zusammen mit anderen die Bibel. Sie häufen Wissen an und sind stolz darauf. Aber, was Gott ihnen zu sagen hat, bemerken sie nicht.
Jesus rüttelt diese Menschen wach: „Ihr fühlt euch sicher. Ihr glaubt, alles wäre in Ordnung. Aber in Wahrheit habt ihr eine Räuberhöhle geschaffen. Dabei soll dieses Haus doch ein Bethaus sein. Ein Bethaus.“
Was ist das besondere an einem Bethaus?
Im Bethaus ist Gott die Hauptperson. Alle Blicke sind auf Gott gerichtet. Er hört zu und er redet.
Geduldig hört er sich unsere Sorgen an. Manchmal gibt er uns dann ganz plötzlich eine Idee, die uns weiterhilft. Ein anderes Mal ruft er uns zur Gedult: „Ich weiß, dein Leben fühlt sich an, als wärst du mitten im Sturm auf dem Meer und müsstest zu Fuß über die Wellen gehen. Aber weißt du, ich bin bei dir. Ich halte dich fest und im Gegensatz zu dir kann ich auf dem Wasser gehen. Hab Geduld! Es wird noch eine ganze Zeit so weiter gehen. Aber du wirst nicht ertrinken.“
So redet Gott. Er tröstet uns und macht uns Mut. Er lenkt unseren Blick auf sich. Und er zeigt uns die Welt aus seiner Perspektive.
Er freut sich mit uns über alles Gute. Er weint mit uns über alles Unheil. Er beschenkt uns mit Kraft uns Stärke und er überträgt uns Aufgaben.
Im Bethaus begegnen wir dem lebendigen Gott und unser Leben bleibt nicht das alte. Gott verändert uns. Er schafft Frieden in unseren Herzen. Er lässt in uns den Wunsch wachsen, andere Menschen mit Gott bekannt zu machen. Und er macht uns zu Friedensstiftern. All das geschieht, wenn wir dem lebendigen Gott begegnen.
Jesus ist immer noch hier in unserer Mitte. Er ist hier um neu in alle Räume unseres Lebens einzuziehen. Er bittet um unsere Gastfreundschaft.
Ich, Christine Wenk, weiß nicht, ob du einen Teil deines Lebens vor Gott verschlossen hältst. Ich weiß aber, dass es mir manchmal so geht. Von Zeit zu Zeit macht Jesus mich darauf aufmerksam. Er bittet mich die Tür wieder aufzumachen.
Du brauchst jetzt nicht groß suchen, ob du irgendwo einen Raum findest, den du vor Gott verschlossen hältst. Aber wenn Jesus dich auf deine Räuberhöhle aufmerksam macht, dann lass ihn herein, damit die Räuberhöhle wieder zum Bethaus wird.
Und wenn Gottes Volk zustimmt, dann ruft es: Amen.
